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Kurzromane

 
Vorwort:
Wichtige Fremdworte vom..
Die Party
Schwer verliebt
Ein Stern, ein Kuss
In der Waldhütte
Eine unruhige Nacht
Gesundes Misstrauen
Die Badezimmerkatastrophe
Hundeintelligenz
Ausgenutztes Mitleid
Liebesleid
Eifersucht
Außergewöhnliches Menu
Das „Aaraweih“
Die Schlägerei
Das Müllmonster
Geschichten?
Neue Freunde
Nacktbad mit frivolen F..
Capri-Katastrophe
Ein seltsamer Anruf
Verhängnisvolle Party
Die Rettung der Trotzigen

Diese Geschichte haben wir meinem Kumpel ?Motte? zu verdanken. Als ich nämlich in einer feuchtfröhlichen Nacht in der Disco darüber jammerte, daß niemand meine Liebes- Schlunz und Geheimnisromane veröffentlichen wolle, wurde ich von ihm mit der Feststellung beglückt: ?Du bisch ja au blöd.? Damit er-hielt er meine zwar gekränkte, aber ungeteilte Aufmerksamkeit.
?Warom bin i denn jetzt scho wiedr blöd?? Verlangte ich zu wissen und Motte erklärte mir den Grund: ?Woisch, jedr Hianobl (Depp) schreibt über Liebe, Romantik ond bla bla. Des will koi Sau mehr lesa. Schreib doch maul dia Gschichda auf, dia wo deine ?Kinder und Kekse? (mein Bekanntenkreis) emmer so verboggad (anstellen) ond dia wo d mir emmer erzählsch. Dia sind wenigschdens witzig.?
Und ? wie man sieht ? hab ich mir Mottes Worte zu Herzen genommen und es versucht.
Hier ist das Resultat:

 
 

Dorf-Dallas


Ein Roman von E. Merz


Vorwort:

Diese Geschichte haben wir meinem Kumpel „Motte“ zu verdanken. Als ich nämlich in einer feuchtfröhlichen Nacht in der Disco darüber jammerte, daß niemand meine Liebes- Schlunz und Geheimnisromane veröffentlichen wolle, wurde ich von ihm mit der Feststellung beglückt: „Du bisch ja au blöd.“ Damit erhielt er meine zwar gekränkte, aber ungeteil-te Aufmerksamkeit. „Warom bin i denn jetzt scho wiedr blöd?“ Verlangte ich zu wissen und Motte erklärte mir den Grund: „Woisch, jedr Hianobl (Depp) schreibt über Liebe, Romantik ond bla bla. Des will koi Sau mehr lesa. Schreib doch maul dia Gschichda auf, dia wo deine „Kinder und Kekse“ (mein Bekanntenkreis) emmer so verboggad (anstel-len) ond dia wo d mir emmer erzählsch. Dia sind wenigsch-dens witzig.“ Und – wie man sieht – hab ich mir Mottes Worte zu Herzen genommen und es versucht. Hier ist das Resultat:


Wichtige Fremdworte vom Land:

Korea – Getränk aus Cola und Rotwein gemixt

flippen – tanzen auf Heavy Metal Musik, indem man die

„Mähne wild schüttelt“

Schnoida – schwäbisch für Schnaitheim

The emerald eye – Das Smaragdauge (Liedertitel)


Die Party

Es war Freitagabend – endlich. Karena saß vor dem Spiegel und bürstete ihre langen blonden Haare. Ihre grünen Augen blitzten unternehmungslustig und sie zwinkerte ihrem Spie-gelbild verschwörerisch zu. Sie hatte es geschafft eine Be-kannte zu überreden, sie und Gitta, ihre Freundin, mit auf eine Party zu nehmen. Es ging dabei nicht um irgendeine Party; nein, es war die „Griper“-Party. Griper war eine Hardrock-Band aus der Ulmer Gegend und bestand aus lau-ter hübschen, langhaarigen Jungs. Karena hatte gerade noch Zeit ihre knackige Figur in Jeans und Lederjacke zu ver-frachten, als es auch schon klingelte. Sie eilte die Treppe hinunter und öffnete die Tür. Draußen stand Melinda und erwartete sie bereits ungeduldig. Melinda war für ihre „Kon-taktfreudigkeit“ berühmt und nur über sie hatten Karena und Gitta von dieser speziellen Party überhaupt erfahren. Melinda stieg in ihren klapprigen BMW und öffnete Karena von innen die Beifahrertüre, da diese sich von außen gar nicht öffnen ließ. Im Heck des Wagens wartete bereits eine aufgeregte und aufgestylte Gitta auf Karena. Sie hatte etwas Platzmangel nach oben hin, denn sie war über einsfünfund-siezig groß und hatte dazu noch ihre fast taillenlangen schwarzen Haare hochtoupiert. Dies hatte zur Folge, daß sie ständig mit ihrer Frisur das Wagendach polierte. Ihre etwas barocke Figur war in schwarzes Leder gekleidet und sie trug eine altgoldfarbene Jacke, die zu ihren bernsteinfarbenen Augen sehr gut paßte. „Wie seh i aus?“ Fragte sie aufgeregt. Karena musterte sie von oben bis unten und stieß einen an-erkennenden Pfiff aus. Damit schien Gitta zufrieden zu sein. Mit quietschenden Reifen und aufgedrehter Musik fuhr Me-linda los, denn alle drei konnten es kaum erwarten, auf der Party einzutreffen.

                *

In Senden (Ort bei Ulm) angekommen, erwartete sie der Schock des Jahrhunderts: die paar Jugendlichen, die sie nach der Griper-Party fragten, antworteten lapidar: „War die nicht schon gestern?“ Drei ungläubige Gesichter starrten sich gegenseitig an. „Frauga mr liaber no jemand andersch!“ rief Gitta verzweifelt und deutete auf die nächste Ansamm-lung von jungen Leuten. Diesmal hatten sie Glück und der Weg zu der, tatsächlich an diesem Tag stattfindenden Fete, wurde ihnen beschrieben. Der zweite Schreck stand ihnen bevor, als sie besagten Ort der Festivität erreichten. Dieser war nämlich eine ruinös aussehende Lagerhalle und der Weg zum Eingang führte über einen Berg aus Müll. Über diesem Abfallberg war allerdings sehr eindrucksvoll ein di-cker roter Teppich drapiert. Aufgeregt erstiegen Karena, Gitta und Melinda den Müllhaufen und erfuhren zu ihrer Freude, daß die Veranstaltung nur 5 Mark Eintritt kostete und man damit alle Getränke und sogar ein Büfett frei hatte. Als sie die Halle betraten waren sie überrascht über die Di-mensionen dieser Einrichtung. Sie war einfach riesig und es wimmelte vor Leuten. Überall waren alle möglichen und unmöglichen Sitzgelegenheiten vorhanden und die drei Mädchen ergatterten einen Platz auf einer überdimensiona-len Stufe, der gerade noch frei war. Nachdem Melinda für alle drei Korea geholt hatte und dann im Gewühl ver-schwunden war, hatten Karena und Gitta erst einmal Zeit sich in Ruhe umzusehen. Da sie schon zwei Konzerte von Griper besucht hatten, erkannten sie ganz in der Nähe den Gitarristen der Band. In das Bild des dunkelblond gelockten, großen Typen versunken murmelte Gitta in Karenas Ohr „Wow, der sieht abr guad aus.“ „Ja, der sieht echt ed übl aus.“ antwortete Karena, nach einer kurzen Begutachtung des Objekts, mit dem ihr eigen gewordenen Argwohn gegen die männliche Bevölkerung dieser Welt. Einige schlechte Erfahrungen mit dem anderen Geschlecht hatten sie die Vorsicht gelehrt, während Gitta, trotz ihrer 24 Jahre, immer noch häufig in teenagermäßigen Träumen schwelgte. Plötz-lich wurde Gittas Blick ganz verschleiert und auf Karenas Frage, was denn los sei, schaute sie nur starr in eine Rich-tung. Noch bevor Karena klar wurde, um was es ging, stand auch schon besagter Gitarrist vor ihnen und stellte sich mit einem breiten Grinsen vor: „Hi, i bin dr Micki ond wer seid ihr beide Hübsche?“ Da Gitta vor lauter Staunen erst einmal keine Worte fand, übernahm Karena die Vorstellung. „Salve! Wir sind Gitta und Karena aus „Schnoida“.“ „So, so, aus „Schnoida“.“ Sagte Micki grinsend. Da er aber nicht nach-fragte, ging Karena davon aus, daß ihm der schwäbische Name ihres Heimatdorfes bekannt war. Nach ein paar Mi-nuten hatte sich auch Gitta erholt und bald waren alle drei in ein angeregtes Gespräch über Musik vertieft. Erst als ein anderer Gast Mickis Aufmerksamkeit beanspruchte, ent-fernte er sich mit einer Entschuldigung von den beiden Mädchen. Während Gitta noch schwärmte, hatte Karena ein neues Objekt des Interesses erspäht. Es war der Lead-Gitarrist von Griper. Dieser entsprach mehr ihrem Typ. Er hatte langes dunkles Haar und war von etwas indianischem Aussehen. Allerdings entschwand er bald wieder ihren Bli-cken. Inzwischen hatte sich Melinda wieder eingefunden und erkundigte sich, wie es den beiden so gefiele. Als sie erzählten, daß sie sich so gut mit Micki, dem Gitarristen un-terhalten hatten, brach Melinda unvermittelt in Gelächter aus. Fragend sahen Gitta und Karena sich an und warteten, bis Melinda sich wieder eingekriegt hatte. „Was isch denn dau so komisch?“ fragten Karena und Gitta wie aus einem Mund und Melinda versuchte zusammenhängend und ohne Lachen die Sache aufzuklären. „Bei Micki werdat r koi Chan-ce haba.“ Als sie Gittas und Karenas fragende Mienen sah, fuhr sie fort: „Na für deam sein Gschmack dürfdad ihr an gewisse Stella z schlecht bestückt sei.“ Konsterniert starrten die beiden so Aufgeklärten auf ihre Oberweiten. Melinda grinste süffisant und erläuterte näher: „Net an deane Stella,“ sie deutete zwischen die Beine der beiden Mädchen, „an deaner dau!“ Langsam dämmerte Gitta und Karena, was die Freundin meinte, als diese fortfuhr: „Dr schöne Micki hegt koi Intresse fürs weibliche Gschlecht, klaro?“ Ungläubig starrten Karena und Gitta auf Melinda, doch diese entfernte sich ohne weiter darauf einzugehen und begab sich zum Tanzen. Immer noch geschockt nahmen beide Mädchen einen tiefen Schluck von ihrem Korea und Karena machte sich dann auf den Weg um auf diesen Schreck Nachschub an Getränken für sich selbst und die äußerst enttäuschte Gitta zu besorgen. Als sie zurückkam stand das eben besprochene anscheinend unerreichbare Objekt der Begierde neben Gitta. Karena stellte sich dazu, reichte Gitta ihr Getränk und lauschte neugierig der Unterhaltung. Da Gitta ja, wie bereits erwähnt, sehr träumerisch und sensibel war, versuchte sie auf verschlungenen Pfaden herauszufinden, ob Melindas Aussage der Wahrheit entsprach und ihre Chancen bei Micki gleich Null waren. „Micki,“ Gittas Wangen hatten die Farbe eines Feuermelders, „magsch du eigentlich Männer?“ Leicht irritiert sah Micki auf sie herab. „Natürlich mag i Männer,“ antwortete dieser ungerührt. „I mag mein Vater, ich mag mein Bruder....“ Verlegen wand sich Gitta innerlich. „I mein, ob du au andre Männer magsch?“ Micki wußte anscheinend immer noch nicht auf was diese Fragerei abzielte. Karena aber wurde es indessen zu bunt. Sie verdrehte die Augen wegs Gittas Drumherumgerede; schließlich war es ja reine Zeitverschwendung mit einem Homo zu flirten, erst recht wenn auf der Party massenhaft Heteros herumhüpften. So zwängte sie sich also kurzerhand energisch zwischen die beiden und sagte unumwunden: „Gitta will wissa, ob du schwul bisch!“ Nun war es an Micki, die Farbe zu wechseln; er nickte Gitta noch flüchtig zu, rannte fast einen großen Verstärker über den Haufen und hatte es plötzlich sehr eilig einen neuen Gast zu begrüßen. Sich noch einmal kurz um-wendend winkte er den Mädchen sparsam zu und eine Ant-wort auf die lebenswichtige Frage schuldig bleibend ent-schwand er in der Menge und ward den restlichen Abend nicht mehr gesehen; besser gesagt: wenn Gitta oder Karena in sein Sichtfeld gerieten tauchte er sehr eilig im nächsten Gewimmel unter. Ungerührt hatte Karena nach seinem Ab-gang wieder auf der Stufe Platz genommen und meinte nur: „Jetzt wissa mr s ersch net.“ Den vorwurfsvollen Blick der Freundin beachtete sie nicht. Da der Saal immer voller wur-de, beschlossen Gitta und Karena abwechselnd flippen zu gehen, um den Platz nicht zu verlieren und dumm rumste-hen zu müssen. Als Gitta beim Tanzen war, fiel ihr auf, daß ein junger Mann, der ganz passabel aussah, Karena die gan-ze Zeit beobachtete. Kaum war Gitta zurückgekehrt und Ka-rena zum Tanzen gegangen, setzte sich eben dieser Typ auch promt ohne zu fragen auf Karenas Stufe. Gitta fand auch näher betrachtet, daß er gar nicht schlecht aussah und wäh-rend sie noch überlegte, ob sie ihn darauf hinweisen sollte, daß die Stelle neben ihr bereits besetzt sei, tauchte Karena schon wieder auf. Gitta kannte Karena schon lange und de-ren Blick verhieß nichts Gutes, als sie den fremden „Ein-dringling“ wahrnahm. Krampfhaft versuchte Gitta die Freundin mit Gesten und Zuzwinkern zur Zurückhaltung zu gemahnen; alles vergebens. Dem Fan von Karena fiel zu sei-nem Pech ihre Miene nicht auf. Ihm schienen die Hormone total die Sicht vernebelt zu haben denn: er schüttelte mit einer obercoolen Geste eine Strähne seines brauen langen Haares aus der Stirn und meinte mit einem frechen Grinsen und einem noch frecheren Blick auf Karenas Dekollete: „Hallo, möchtesch vielleicht auf meim Schoß sitza?“ Karenas Blick verbreitete eine Aura von der Temperatur der Antark-tis während sie zischte: „Mach an Abflug, du Depp, du sitsch auf meim Platz.“ Die braune Strähne rutschte traurig wieder zurück über seine dunklen Augen und sämtliche Hormone des Typs fielen anscheinend augenblicklich in sich zusam-men, ebenso sein Mut, denn er räumte kommentarlos das Feld. Gitta war sich sicher, dass er eine so rüde Abfuhr nicht verdient hatte, verkniff sich jedoch jeglichen Kommentar. Als allerdings nach einer Weile Karena sich beschwerte, weil niemand mehr sie beide ansprach, konnte Gitta sich einer ironischen Bemerkung nicht enthalten. „Karena, da oina fraugsch ob r schwul sei, dan andra hoisch an Depp; wenn d weidr so kratzbürschdig bisch, brauchad mr ons net wondra, wenn mr alloi romsitzat.“ Schon auf einen bissigen Beitrag Karenas wartend wandte sich Gitta ihr zu. Karenas Blick war jedoch überraschender Weise mit einem ganz seltsamen Ausdruck in einer ganz anderen Richtung gefangen. Als Git-ta diesem Blick folgte, wurde auch ihrer stier, denn dort stand er, der ultimative Typ: er hatte lange, wellige schwarze Haare, leuchtend grüne Augen und eine super Figur. Wäh-rend beide Mädchen immer noch ungläubig auf diese Vision eines Mannes starrten geschah das Unglaubliche und er schlenderte auf sie zu. Gitta konnte es nicht fassen, trat Ka-rena gegen das Schienbein dass diese vor Schmerz stöhnte und zischte mit warnendem Blick: „Wehe, wenn d den au no vergraulsch....wenn der sich wega dir vom Acker macht, dann gargel i di a (agargeln = erwürgen)!“ Inzwischen stand der Traumkerl schon lächelnd vor ihnen und offenen Mun-des sahen zwei Gesichter zu ihm auf. Dann begann die Visi-on zu sprechen: „I bin dr Klaus ond bin leider koi Hiesiger. Wenn nämlich so hübsche Mädls hier wohnat....“ Er ließ den Satz unvollendet in der Luft hängen, fuhr dann aber fort: „wo wohnt ihr denn?“ Karenas Blick war immer noch verne-belt und mit einem ziemlich unintelligenten Grinsen sagte sie total unzusammenhängend: „Äh, net in Senden, äh, wo-andersch, in der Brenzlestr. 39.“ Mit halb fragendem, halb amüsierten Blick sah Klaus sie an. „Also lautet die Adresse: Deutschland, Brenzlestr. 39?!“ Griente er. Ausnahmsweise fing sich Gitta als erste wieder und versetzte Karena einen Rippenstoß, der sie ebenfalls in die Wirklichkeit zurückholte und sie der deutschen Sprache wieder mächtig werden ließ, sogar der hochdeutschen: „Wir heißen Gitta und Karena und kommen aus Schnaitheim. Das liegt bei Heidenheim, ich weiß nicht ob du dich da auskennst?“ Klaus schien sich von Karenas vorheriger undefinierbarer Antwort erholt zu haben und begann abwechselnd Gitta und Karena anzugrinsen. „Schnoida, kenn i sehr wohl, i komm nämlich aus Gerstet-ten.“ Karena und Gitta bemühten sich ihre Begeisterung zu dämpfen, denn Gerstetten war kaum 10 km von ihrer Hei-mat entfernt. Klaus fragte, ob er sich zwischen die beiden Mädchen quetschen dürfe und diesmal war sogar Karena damit einverstanden, ihren Platz zu teilen.

                *

Wie es immer so ist, kam natürlich als man sich am besten amüsierte eine ziemlich betüdelte Melinda an mit einem relativ hübschen Jungen im Schlepptau, was ihre „Kontakt-freudigkeit“ mal wieder bewies, und drängte zu einem baldi-gen Aufbruch. Klaus blieb gerade noch Zeit Karena mit ei-nem tiefen Blick seiner grünen Augen zuzuraunen: „Man sieht sich.“ Wäre sie nicht vom Eifer des Aufbruchs mitge-rissen worden, wäre Karena Klaus wahrscheinlich an die Gurgel gegangen und hätte ihn „genottlt“ (geschüttelt), denn diesen Man-sieht-sich-Spruch hat wohl schon jede Frau tau-sendmal gehört und verflucht, weil er sich äußerst selten bewahrheitet. Gitta allerdings grinste etwas schadenfroh, denn es war ihr nicht entgangen, wem das Interesse Klaus` gegolten hatte und sie war doch ein klein wenig eifersüchtig.


Schwer verliebt

Karena verbrachte eine äußerst unzufriedene Woche und mußte sich schließlich ärgerlich eingestehen, daß dieser Klaus ihr nicht mehr aus dem Sinn gehen wollte. Immer wieder starrte sie das unschuldige Telefon vorwurfsvoll an, als ob es was dafür könnte dass „Klaus aus Gerstetten“ oder „Traumtyp von der Griper-Party“ wohl kaum unter diesem Titel im Telefonbuch stehen würde. Endlich ging es wieder aufs Wochenende zu und am Freitagabend rief Gitta an, ob Karena bei ihr vorbeikommen und man anschließend ins „Dreary night“, eine Hardrockdisko in der Nähe, gehen kön-ne. Mit zwiespältigen Gefühlen sagte Karena zu. Da Gitta kein Auto besaß, fuhr Karena mit ihrem alten Ford Capri los und bald saßen sie Bei Gitta vor dem Fernseher und schau-ten sich noch ein Video an, bevor sie ausgehen wollten. Vor 10 oder 11 nachts brauchte man im Dreary nicht aufzutau-chen, da bis dahin meist tote Hose herrschte. Sie hatten sich mit Candi, einer Freundin, nach 10 in der Disco verabredet und hatten somit noch genügend Zeit um vor der Glotze zu hängen. Nach dem Film zeigte die Uhr der Tagesschau gera-de mal 20 Uhr 15 an und Karena meinte: „Mensch, mir hand ja no massenhaft Zeit.“ „Ja genau, d Zeit vergat heut äu-ßerscht langsam.“ Antwortet Gitta leicht überrascht. In die-sem Moment lugte Gittas jüngere Schwester ins Zimmer und fragte lapidar: „Euch isch scho klar, daß d Tagesschau auf Video isch ond s in Wirklichkeit scho 21.45 Uhr isch?“ Kare-na und Gitta sahen sich ungläubig an und grienten über ihre eigene nicht vorhandene Intelligenz. Dann sprang Gitta auf und drängte plötzlich eiligst zum Aufbruch. Auf Karenas Kommentar, daß doch Candi schließlich ein paar Minuten warten könne, warf Gitta ihr nur einen geheimnisvollen Blick zu und drängte sie zur Tür hinaus.

                *

Mit einer Viertelstunde Verspätung erreichten sie schließlich die Disco und wurden schon ungeduldig von Candi erwartet. Man hörte den Felsbrocken von ihrem Herz fallen, als sie endlich eine Ausrede hatte den an der Bar neben ihr sitzen-den Rolli zu verlassen. „Äh, meine Freundinna sind komma. I setz mi mit dene an da Tisch.“ Wäre der Boden im Dreary Night nicht ziemlich unsauber und klebrig gewesen, hätte Candies Eile Rolli zu entfliehen sicherlich eine Staubwolke hinterlassen. Rolli war Candies ständiger Verehrer und es war schon ziemlich lästig, daß er überall auftauchte, wo auch sie war. Er war eigentlich gar nicht ohne. Was sich aber als sehr störend erwies war, daß er nicht zwei Hände sondern mindestens zehn hatte deren Anzahl sich nach Alkoholge-nuß noch steigerte und daß diese ständig irgendwo auf Wanderschaft waren, wo sie wirklich nicht hingehörten. Rolli liebte nämlich barock geformte Mädchen, und damit konnte Candi nun wirklich dienen. Mit traurigem Dackel-blick sah der blonde schlaksige Junge Candies entschwin-dendem Pagenkopf nach. Während sie Platz nahmen infor-mierte Karena Candi über den neuesten Stand der Dinge; vor allem über die von ihr verpasste Griper-Party. Gitta schaute sich währenddessen auffällig oft suchend um, was Karena natürlich nicht entging und mißtrauisch fragte sie nach einer Weile: „Sag maul, auf wean wardesch denn so dringend?“ Fast zu schnell stritt Gitta ab, nach jemand Be-stimmten Ausschau zu halten und da Candi noch mehr über die Griper-Party wissen wollte beachtete Karena die Sache nicht weiter. Als sie nach einer Weile eine Hand auf ihrer Schulter spürte meinte sie nur gelangweilt: „Rolli, das Be-rühren der Figüren mit den Pfoten ist verboten, also ver-schwind!“ Als die Hand aber hartnäckig auf ihrer Schulter liegen blieb wandte sie ärgerlich den Kopf, um Rolli noch deutlicher in seine Schranken zu weisen. Als sie jedoch den Blick hob, blieben ihr die Worte im Halse stecken und sie merkte selbst, daß sie keinen sehr intelligenten Gesichtsaus-druck zeigte. Sie sah nämlich völlig unvorbereitet in Klaus` leuchtend grüne Augen. „Soll i wirklich abhaua?“ Meinte der smilend. Endlich hatte sie die Sprache wiedergefunden und brachte ein zum Glück relativ normal klingendes „Hallo“ heraus, dem sie hinzufügte: „D Abfuhr war net auf di ge-münzt; natürlich därfsch bleiba.“ Nachdem sie ihren Blick von Klaus losgeeist hatte, ließ sie ihn zu Gitta wandern und das triumphierende Grinsen in deren Gesicht ließ den Entschluß in Karena reifen, sie umzubringen; allerdings erst, wenn sie herausgefunden hatte, wie sie dieses Zusam-mentreffen gemanaged hatte. Freundlich erkundigte sich Klaus, ob er sich jetzt zu den drei Damen setzen dürfe und wurde natürlich freundlichst darum gebeten dies zu tun. Auf Candies neugierigen Blick hin wurde ihr der neue Bekannte ihrer beiden Freundinnen vorgestellt und wie auch schon auf der Party verstand es Klaus die Mädchen in eine interes-sante Unterhaltung zu verwickeln. Karenas Begeisterung wuchs, als er auf fast dieselben Lieder zum „Flippen“ rannte wie sie. Als dann zu vorgerückter Stunde noch etwas Foxtrottmäßiges lief und Klaus sie ganz gentlemanlike zum Tanzen aufforderte, hatte er ihr Herz trotz Männerhaß so gut wie im Sack. Viel zu früh erklang das Schlußlied der Dis-co was bedeutete, daß man nur noch die Gläser leeren durfte und dann wohl oder übel das Lokal verlassen mußte. Karena sah auf die Uhr; drei Uhr! wo waren nur die letzten Stunden geblieben. Sie hatte überhaupt keine Lust sich jetzt schon von Klaus zu verabschieden und ihn womöglich tage- oder wochenlang nicht mehr zu sehen. Da kam ihr unvermittelt Candi zur Hilfe indem sie sagte: „Heut isch so a schöna laua Nacht, wolla mr no a bißle zu mir in Garta sitza?“ Candi war, obwohl erst 19 Jahre alt, bereits verheiratet und lebte mit ihrem Mann Paul in einem kleinen Haus mit großem Gar-ten, der sich zum Partymachen und Grillen natürlich anbot. Wie bestellt stand plötzlich auch Rolli auf der Matte, der Ohren wie ein Luchs haben musste, und wollte sich den Vie-ren anschließen. Da Paul aber Rolli sowieso schon auf dem Kieker hatte, sagte ihm Candi wo der Maurer das Loch ge-lassen hatte und mit einem sehr traurigen Dackelblick auf Candis Gesicht mit der frechen Stupsnase trollte er sich Richtung Ausgang. Karena, Gitta, Candi und Klaus über-querten den Parkplatz und als Klaus vor seinem Wagen ste-hen blieb sahen sich die drei Mädchen ungläubig an denn – es war ein Ford Capri. Karena grinste in sich hinein; an-scheinend hatten sie und Klaus noch mehr Gemeinsamkei-ten als sie gedacht hatte.


Ein Stern, ein Kuss

In Candies Garten stand unter einem großen Tannenbaum eine Biertischgarnitur und in einer kleinen Hütte standen für eben solche Zwecke wie in dieser Nacht ein paar Öllämp-chen bereit. Innerhalb kürzester Zeit saßen die Vier gemüt-lich im Schummerlicht um den Tisch, während Candi ins Haus gegangen war um eine Flasche Lambrusco zu holen. Candi kam zurück, stellte Gläser auf den Tisch und reichte Karena den Wein. Eben wollte diese denselben aufschrau-ben, als plötzlich und vollkommen unerwartet mit sektkor-kenmäßigem Knall der Schraubverschluß in die Luft schoß und der Wein in einer riesigen Fontäne nach oben in den Tannenbaum explodierte. Die Reaktionen auf dieses uner-klärbare Naturschauspiel waren äußerst gemischt. Während Gitta und Klaus die Katastrophe in Sekundenschnelle er-kannten und sich mit einem großen Satz auf den Rasen ret-teten, starrten Candi und Karena fassungs- und regungslos nach oben in den Tannenbaum, in dem der gute Lambrusco verschwunden war. Was vorhersehbar war, aber irgendwie noch nicht durch der beiden Leitungen gedrungen, geschah - der Wein erlag der Schwerkraft und kehrte aus dem Geäst der Tanne zum Boden zurück – unterbrochen von zwei im-mer noch ungläubig nach oben starrenden Gestalten. Als sich die ganze Bescherung dann über Candi und Karena er-gossen hatte, schauten sie sich gegenseitig ziemlich beläm-mert an und brachen in schallendes Gelächter aus, in wel-ches auch Gitta und Klaus in Anbetracht der zwei „begosse-nen Pudel“ prustend einfielen. Als Karena und Candi das Haus betraten um kurz zu duschen, kam ihnen ein verschla-fener Paul entgegen. Er zögerte kurz, rümpfte angewidert die Nase und fragte: „Seid ihr bsoffa?“ Die beiden Mädchen sahen sich an und begannen erneut zu kichern. Candi ant-wortete unter ständigem Grinsen: „Nur äußerlich, Paul, nur äußerlich.“ Zum Glück war der Schaden bald behoben und mit Nachschub an Wein und einem inzwischen auch durstig gewordenen Paul kehrte man in den Garten zurück. Gegen halb fünf begann Candi zu gähnen und auch Gitta wagte zu erwähnen, daß sie sehr müde sei. Candi bot Gitta an, bei ihr im Gästezimmer zu übernachten; nicht ohne einen vielsa-genden Blick auf Klaus und Karena, die sich immer noch unterhielten. Irgendwann saßen die zwei alleine im Garten und schauten sich wie erwachend um. Sie hatten gar nicht gemerkt, daß alle anderen verschwunden waren und sahen sich überrascht an. Für eine lange Weile versanken ihre Bli-cke ineinander und irgendwie lag Karena plötzlich in Klaus` Armen und selbstvergessen küßten sie sich in dieser lauen Juli-Nacht. Nach einer Karena endlos scheinenden Zeit lös-ten sich ihre Lippen voneinander und ihr Blick wanderte zum Himmel. „Da sind abr nemme viel Stern,“ meinte Ka-rena und ihrem Blick folgend sagte Klaus grinsend: „Koi Wonder, s ich ja au bald sechse.“ Jetzt bemerkten sie auch den breiten rosa Streifen, der schon den beginnenden Tag ankündigte. Schweren Herzens erhoben sich die beiden und gingen zu ihren Autos. „Wag ja net zu saga – man sieht sich – .“ Drohte Karena scherzhaft. „I ruf di morga an.“ Flüsterte Klaus in ihr Haar. Als er schon am Einsteigen war rief Kare-na erschrocken: „Du hasch doch gar net mei Nummer!“ Mit einem Lausbubengrinsen wedelte er ihr mit einem Zettel vor der Nase herum: „Von Gitta,“ damit schloß er die Autotür und fuhr davon. Karena beschloß sobald sie ausgeschlafen hatte bei Gitta anzurufen und ein Wörtchen mit ihr zu re-den.


In der Waldhütte

Der Samstagnachmittag war schon reichlich fortgeschritten als Karena zu einem spät geratenen Mittagessen bei ihren Eltern auftauchte. Sie bewohnte eine kleine Wohnung im Dachgeschoß des Hauses und wenn sie zu faul zum Kochen war, brauchte sie nur ein Stockwerk tiefer nachzuforschen, was es im Gasthaus Mama zu essen gab. Während sie sich die Reste warm machte, rief sie bei Gitta an und erfuhr end-lich, welche Kuppelversuche diese gestartet hatte. Gitta war am Donnerstagnacht auch schon im Dreary Night gewesen und hatte dort - wirklich nur per Zufall - Klaus getroffen. Nachdem sie sich eine Weile mit ihm unterhalten hatte, hat-te er tatsächlich angefangen sie über Karena auszufragen. Als sie sein ehrliches Interesse bemerkte, hatte sie ihm – ganz unverfänglich und nebenbei – erzählt, daß sie und Ka-rena am Freitag im Dreary Night sein würden und ihm mit verschwörerischem Zwinkern auch Karenas Telefonnummer zugesteckt. Eigentlich hatte Karena ja vorgehabt Gitta ab-zumurksen, aber in diesem Fall sah sie noch einmal davon ab, da sie ja im Endeffekt etwas Gutes mit ihrer Aktion be-wirkt hatte. Mit der Abmachung, später noch mal zu telefo-nieren, um übers Ausgehen zu reden, verabschiedeten sie sich schließlich. Kaum hatte Karena den Hörer aufgelegt, als das Telefon auch schon wieder läutete. Während sie im Kochtopf rührte, nahm sie den Hörer wieder von der Gabel und ließ diesen vor freudigem Schrecken beinahe in den Pott fallen, als sie die Stimme erkannte, die sie freundlich be-grüßte: „Hallo, scho ausgschlaufa?“ Ihr Herz begann schnel-ler zu schlagen als Klaus schon weiterredete: „Karena, i geh heut abend auf a Fete in ra Hütte im Wald, willsch net au komma? Du kannsch ruhig deine Freundinna mitbringa wenn d willsch.“ Etwas atemlos antwortete Karena: „Ja, klar.“ Sie ließ sich noch den Weg zur Hütte beschreiben und mit einem: „I freu mi.“ Verabschiedete sich ihr Traumtyp.

                *

Karena hatte den Abend kaum erwarten können und, ob-wohl 20 Uhr ausgemacht war, stand sie schon um halb acht bei Gitta auf der Matte. Bei jedem Handgriff den Gitta tat, um sich zurechtzumachen, wurde die Arme von Karena ge-hektikt. Endlich war es soweit; sie mußten nur noch kurz Candi zuhaus auflesen und dann konnte es losgehen. Kare-nas alter Capri schien ihr heute viel zu langsam zu sein und es war ein schieres Wunder, dass das Bodenblech unter dem Gaspedal bei dem ständigen Druck nicht nachgab. Selbst auf einer schmalen Landstraße über Wald und Feld überholte sie das Auto vor sich. Es war etwas arg eng, aber Karena konnte es einfach nicht erwarten Klaus wiederzusehen. Als das Überholmanöver beendet war, sah Gitta Karena vor-wurfsvoll an und meinte: „Hätt i s Autofenster runterkur-belt, hätt mir der Typ aus`m andra Auto problemlos Feuer geba könna.“ Karena war jedoch viel zu gut gelaunt, um auf den Vorwurf einzugehen und außerdem mußte sie auf den Waldweg einbiegen, der zur Hütte führte. Zur Überraschung der Mädchen standen auf dem Parkplatz und rund um die Hütte mindestens 30 Fahrzeuge und es wuselte nur so von Menschen. Sie stiegen aus und blickten sich erst einmal et-was ratlos um. Da hatte Klaus sie auch schon erspäht und kam eilig auf sie zu um sie zu begrüßen. Karenas Begrüßung viel natürlich besonders intensiv aus und verlegen grinsend schauten Gitta und Candi durch die Gegend. „I hab schon nach euch Ausschau ghalta.“ erklärte Klaus und führte die Mädchen zu einer von Bänkchen umgebenen Feuerstelle. „In dr Hütte isch s viel z voll; macht s euch doch vorerschd hier bequem.“ Nachdem sie sich gesetzt hatten fragte er sie, was sie zu Essen und zu Trinken haben wollten und machte sich, zur Verwunderung der Mädchen gänzlich un-matcho-mäßig auf, um ihnen das Gewünschte zu besorgen. Gitta stupste Candi an und deutete mit dem Kopf auf zwei eben ankom-mende Gestalten. Mit einem vieldeutigen Lächeln meinte sie: „Anscheinend muß der hellseherische Kräfte haba.“ Da kam Rolli auch schon mit einem breiten Lächeln auf Candi zugestürzt und quetschte sich so unverschämt zwischen Ka-rena und Candi hinein, daß er mehr auf als neben ihnen lan-dete. Bei der zweiten Gestalt, die gleichzeitig mit Rolli aufge-taucht war, handelte es sich um Melinda. Deren Auftauchen verwunderte jedoch niemanden, da sie wirklich überall zu finden war, wo irgend etwas los war. Auch Melinda gesellte sich vorerst zu den Mädchen. Sie mußte sich erst einmal orientieren, wo es die besten Getränke und die hübschesten Jungs gab. Inzwischen war Klaus zurückgekehrt und brachte den Dreien die gewünschte Verköstigung. Melindas Blick blieb ganz verklärt an Klaus` Gesicht und anderen Körper-stellen hängen und als Karena dies bemerkte, stellte sie ihn gezwungen höflich vor. Sie hatte Melinda zwar ganz gern, traute aber der etwas Älteren nicht ganz über den Weg, was bei deren Verschleiß an hübschen Männern ja auch kein Wunder war. Melinda war ja auch ein Hingucker; ziemlich klein und zierlich wußte sie bei aller Naivität genau, wie sie ihre braunen Rehaugen und ihre schutzbedürftige Zierlich-keit einsetzen mußte. Auch jetzt schaute sie mit ihrem gro-ßen kindlichen Blick unter ihren braunen Locken hervor anhimmelnd zum neuen Objekt ihres Interesses auf und, obwohl Klaus nicht näher darauf einging, blieb sein Blick einen winzigen Augenblick zu lang in ihrem hängen. Da er sich aber danach nur noch mit Karena beschäftigte, beruhig-te sich deren erwachtes Mißtrauen wieder und sie begann den wunderbaren Sommerabend in vollen Zügen zu genie-ßen.

                *

Die Sonne war in einem wunderbar pastellfarbenen Farben-spiel von Rosa bis Violett vollends hinter den Tannen ver-schwunden und alle drei Mädchen waren zufrieden und lus-tig aufgelegt. Melinda hatte sich irgendwann auf die Jagd nach Jungs begeben und Klaus war eben Korea holen ge-gangen. Karena unterhielt sich mit Gitta. Als sie sich ir-gendwann eine Zigarette anzündete, hörte sie in der kurzen Gesprächspause neben sich Rollies schmachtende Stimme. Sie war drauf und dran sich wieder Gitta zuzuwenden, als sie ungläubig Augen und Ohren aufsperrte – denn Rollies Stimme säuselte in süßestem Tone: „Candi, i träum scho seit i di kenn dervo, di auf dr Motorhaub von deim Auto zu ver-nascha. I möcht so gera wissa wie s isch, in deine weiche Forma zu versinka.“ Karena verbrannte sich vor lauter Lau-schen die Finger an ihrem Feuerzeug und brach in schallen-des Gelächter aus, als Candi seelenruhig antwortete: „Rolli, des isch schlecht. VW-Bus hat null Motorhaube. Da würdat mr gnadenlos abrutscha.“ Inzwischen war Gitta in das Ge-lächter eingefallen und Candi prustete auch schon los. Rolli ließ sich dadurch überhaupt nicht stören und meinte gelas-sen man könne ja als Ersatz sein Auto benützen, was das Kichern der Mädchen nicht gerade weniger werden ließ, da sie sich vorstellten, wie diese Rostlaube unter der unge-wohnten Aktion zusammenbrechen würde. Allerdings war es Gitta, die als erste schwieg, denn neben ihr war unvermittelt eine große Gestalt aufgetaucht und als sie hochsah, blieb ihr das Gelächter im Halse stecken. Vor ihr stand niemand an-derer als Micki, der Gitarrist von Griper. Auch Karena und Candi hatten ihn nun erblickt und das Lachen verebbte langsam. Als Gitta jedoch bemerkte, daß Karena den Mund öffnete, um etwas zu sagen trat sie, in Erinnerung von Kare-nas Kommentar in Senden auf der Party, dermaßen stark gegen deren Schienbein, daß sie außer einem Schmerzens-laut keinen Ton herausbrachte. Mit einem zuckersüßen Lä-cheln sagte sie zu Micki: „Hi, mir hand di no gar net gseha. Schön, das d dau bisch.“ Mit einem zwingenden Seitenblick auf Karena fügte sie hinzu: „Karena wollt di au grad begrü-ßa. Net wahr!“ Unter dem drohenden Blick ihrer Freundin zog diese es ausnahmsweise vor, nur unschuldig lächelnd zu nicken, sich das zum wiederholten Male lädierte Schienbein zu reiben und sich jeglicher Bemerkung zu enthalten. Gitta schaffte es tatsächlich Micki in ein Gespräch zu verwickeln, so daß der Gitarrist sich bald neben sie setzte, was unter anderem ihrem fortgeschrittenen Alkoholpegel zuzuschrei-ben war. Die sonst relativ schüchterne Gitta mutierte näm-lich nach dem dritten Korea zu einer Art Mutter Theresa, die jeden und alles liebte, sich mit jedem und allem unterhielt und jedem und allem helfen wollte. Jedenfalls schien Micki recht problembeladen zu sein, denn er ließ sich häuslich nieder und machte keine Anstalten den Platz irgendwann wieder zu räumen. Während Gitta sich lebhaft unterhielt, beschlossen Karena und Candi mal die Toilette aufzusuchen. Diese Hütte besaß tatsächlich eine relativ komfortable Ein-richtung, die – sogar mit Wasserspülung und Waschbecken versehen – keine Ähnlichkeit mit anderen Vorrichtungen dieser Art in Party-Hütten hatte. Allerdings hatte sich vor diesem Häuschen schon eine beträchtliche Menge von Ges-talten beiderlei Geschlechts angesammelt, die nervös von einem Fuß auf den anderen traten und anscheinend schon länger warteten. Nachdem noch mal einige Minuten vergan-gen waren, faßte sich Candi ein Herz (sie war meistens die, die sich nicht ins Hemd machte) und klopfte laut und deut-lich mehrfach gegen die Häuschentüre. „He, hier wollat au maul andre Leut d Pipi-Box benutza! Was geht denn dau ab?“ Es herrschte kurzes, gespanntes Schweigen sowohl in wie auch vor dem „Häusle“, dann ertönte von innen laut und deutlich Melindas Stimme: „I brauch abr no a Weile,“ und im Hintergrund hörte man eine leisere, männliche Stimme: „I au.“ Sämtliche Wartenden sahen sich vieldeutig grinsend an und beschlossen, ihren Geschäften irgendwo im großen Wald nachzugehen. Auch Karena und Gitta suchten ge-zwungenermaßen eine nahegelegene Tannenschonung auf.

                *

Später am Abend hatten sich dann schon die meisten der Gäste verzogen und es wurde empfindlich kühl. Der Rest der Gesellschaft zog sich in die Hütte zurück und man entzünde-te in dem alten Bollerofen ein gemütliches Feuer. Gitta un-terhielt sich immer noch mit Micki, Karena hatte sich eng an Klaus gekuschelt und Candi hatte alle Hände voll zu tun um Rolli von seinem Motorhaubentrip abzubringen. Es wäre sehr schön gewesen, wenn nicht noch zwei lästige Trunken-bolde von der Party übriggeblieben wären, welche ständig die Mädchen nervten und allen auf den Geist gingen. Karena warf Candi einen vielsagenden Blick zu und meinte mit ei-nem Grinsen zu Klaus: „Des hammr glei.“ Sie verschwand kurz vor die Hütte und kehrte mit zwei riesigen, groben Rei-sigbesen zurück, die draußen für die Endreinigung bereit-standen und die sie vorher schon entdeckt hatte. Einen be-hielt sie und einen drückte sie Candi in die Hände. Mit die-sen Mordinstrumenten bewaffnet begannen die beiden Mädchen nun, nachdem sie Micki, Klaus, Rolli und Gitta kurz zu ihrer eigenen Sicherheit hinausgeschickt hatten, so gewalttätig zu fegen, daß innerhalb kürzester Zeit die beiden Säufergestalten dermaßen in eine Staub- und Dreckwolke gehüllt waren, daß sie hustend und würgend fluchtartig die Hütte verließen – und sie „kehrten“ nie wieder. Lachend kamen die drei Jungs mit Gitta zurück in die Hütte und ge-nossen die wiederhergestellte Idylle. „Hoffentlich gangat mr euch nie auf n Keks.“ Sagte Micki mit einem vieldeutigen Blick auf die zwei Besen. „Ihr könnad ja recht rabiat werda.“ „Ihr därfad uns halt net ärgra, dann bleibat mr au ganz lieb.“ Sagte Candi mit unschuldigem Augenaufschlag. Alle lachten und die Nacht dauerte noch lange, weil niemand sie ernst-haft beenden wollte. Schließlich, als das Feuer erlosch und es in der Hütte kalt wurde, schlug Karena vor: „Wenn mr net z laut send, könna mr no zu mir ganga. I kann z Sofa auf-klappa, dann kann wer bei mir übernachda.“ Candi wehrte entschlossen ab, denn ihr Paul wäre nicht sehr begeistert wenn sie über Nacht auch noch weg bleiben würde. Klaus und Micki allerdings waren sofort dabei. Gitta nickte mit hochroter „Rübe“ und meinte: „Ja, des wär ne Idee!“ Man setzte sich also in die Autos und los gings Richtung Schnoi-da.


Eine unruhige Nacht

Vor dem Haus angekommen musste Karena ihre Gäste noch aufklären: „Gangat bitte ganz sanft mit meim Kater om. Der hat geschdern a giftiga Pflanz gmampft und dann hat m der Tierarzt unter Narkose da Maga auspumpa müssa. Auf jedn Fall isch r heut immer no angschlaga ond läpprig (schwach) beinand.“ Alle versprachen hoch und heilig das arme Tier mit Samthandschuhen anzufassen und so betrat man leise das Haus. Der Morgen begann bereits zu dämmern, als Ka-rena für Gitta und Micki das Sofa aufzog, was Gitta eine ne-onrote Färbung des Teints bescherte. Karena zog Gitta kurz näher und flüsterte: „ I glaub net, dass du dir irgendwelche schamhafte Gedanka wegs m Micki macha musch. Der hat sich dermaßa Mut antüdelt, dass r – selbscht wenn er Gia-como Casanova persönlich wär – heut nix derartigs mehr zstand bringa tät.“ Gittas Farbe begann sich zu neutralisie-ren und sie nickte mit einem grinsenden Seitenblick auf den soeben stolpernden und der Länge nach aufs Sofa plump-senden Micki. Klaus hatte die Szene abwartend beobachtet und sah Karena nun fragend an. Auf einen stillen Wink von ihr folgte er ihr ins Schlafzimmer, wo es sich der angeschla-gene Kater am Fußende des französischen Bettes bequem gemacht hatte. Die zwei Verliebten legten sich in voller Montur und mit äußerster Vorsicht aufs Bett, Klaus mit an-gezogenen Knien, um ja das arme Tier nicht zu stören. Bald verirrte sich seine Hand auf Karenas Taille und sein Mund sich auf den ihren. Karena fühlte sich wie im 7. Himmel, doch plötzlich schien sich der Himmel zu bewölken, denn es donnerte? Karena horchte auf. Nein, das Geräusch war zu leise für Donner, es war......“Oh jemineh!“ rief sie, sich von Klaus loseisend und hektisch aufspringend: es war der Ka-ter, der wie wild gorgste und würgte, während er aus dem Bett kroch um sich zu übergeben. Wahrscheinlich waren dies die Nachwehen seines ausgepumpten Magens vom Vor-tag. Karena hechtete sich auf das Tier, schnappte es und rannte los, wie ein Footballer sich einen Weg durch die Mö-bel bahnend, den armen Angeschlagenen unterm Arm. Sie erreichte in Rekordzeit die Dusche, wo sie den Kater absetz-te, weil die jetzt sicherlich passierende Sauerei sich von dort nachher leichter entfernen lassen würde. Nach getaner Ar-beit kehrte sie zum Bett zurück, setzte das Tier mit trösten-den Worten ab und kuschelte sich wieder an Klaus. Mitleidig strich ihr dieser übers Haar und meinte: „Armer Kater, arme Karena.“ Als er sie dann als Trostpflaster küsste, ging es ihr schon viel besser. Da, gerade als es wieder anfing interessant zu werden, begann es wieder zu `donnern`. Karena seufzte enttäuscht und erhob sich gottergeben. In dieser Nacht meinte es das Schicksal anscheinend nicht gut mit Klaus und Karena, denn als sich der Kater drei mal übergeben hatte und Karena dachte, dass endlich Ruhe sei, ertönte das ge-fürchtete Geräusch schon wieder. Als sie sich jedoch, inzwi-schen total erschöpft, wieder erheben wollte, drückte sie Klaus in die Kissen zurück und meinte milde grinsend: „Bleib liega, desmaul kotzt blos dr Micki ond der wird s Klo scho gfunda han.“ Klaus behielt recht und endlich konnten die zwei eng aneinandergeschmiegt doch noch ein paar Stunden schlafen.


Gesundes Misstrauen

Karena verbrachte traumhafte Wochen. Sie und Klaus trafen sich so oft sie konnten und manchmal übernachtete er auch bei ihr, weil sie sich gar nicht trennen wollten. Sie hatte nicht geglaubt, daß man so glücklich sein konnte. Wohl ge-rade deshalb konnte sie aber nicht verhindern, daß sich ab und zu das altbewährte Mißtrauen einschlich, obwohl sie geflissentlich versuchte, die gelegentlichen Anfälle von Angst zu ignorieren. Auch Gitta schien auf dem Weg zum Glück zu sein. Sie und Micki, der übrigens überhaupt keinen schwulen Eindruck machte, trafen sich immer häufiger. Es dauerte allerdings einige Zeit Gittas Schüchternheit und Zurückhaltung zu überwinden. Meistens waren Karena, Git-ta, Klaus und Micki zusammen unterwegs. Des öfteren schlossen sich ihnen Candi und ihr Mann Paul an oder Can-di alleine, da Paul nicht gerade ein großer Ausgehmensch war. Sporadisch hing ihnen auch Melinda im Schlepptau, was seltsamerweise eher Gitta als Karena mit wachsendem Mißtrauen beobachtete. Vielleicht fiel es Karena in ihrem Glück und mit ihrer rosaroten Romantik-Brille einfach gar nicht auf, aber für Gitta waren die Blicke, die Melinda Klaus zuwarf, eine eindeutige Einladung. Da es in Gittas Natur lag, Intrigen zu verabscheuen und sie für ihre echten Freunde alles tat, hielt sie immer ein Auge auf Melinda, wenn diese anwesend war.

                *

Wie sich bald herausstellte, hatte sie auch allen Grund ge-habt, Vorsicht walten zu lassen denn: als Karena sich im Dreary Night einmal eine Weile mit Bekannten unterhielt, hörte Gitta durch Zufall eine Unterhaltung zwischen Melin-da und Klaus mit. Melinda war an den Tisch geschlendert und hatte Klaus mit scheinheiligem Lächeln nach Karena gefragt. Gitta lächelte böse, denn sie hatte genau gesehen, daß Melinda auf ihrem Weg hierher an Karena vorbeigegan-gen war und diese sogar gegrüßt hatte. Gitta nahm einen Schluck aus ihrem Glas und tat, als ob sie angestrengt die Tanzfläche beobachten würde, so bekam sie das Gespräch mit. „So, bisch jetzt mit Karena fescht zsamma?“ auf ein Ni-cken von Klaus hin redete Melinda weiter. „Ach, des freut mi abr für se. Sie hat oft Pech ghabt. Isch se net a bißle schwie-rig?“ Klaus sah sie leicht irritiert an zuckte aber nur die Schultern da er dachte, daß es Melinda nichts anginge, was Karena tat oder ließ. Melinda ließ sich durch sein Schweigen nicht irritieren und sprudelte weiter: „Woisch, se hängt halt emmer no an ihrem Ex-Typ. Der hat damauls net maul mit ihr Schluß gmacht ond sich oifach nemme gmeldat. Des hat se nia vergessa. Na ja, isch ja egal. Wie wär s denn, wenn i oifach morga abend gega sechse maul bei dir vorbeikomm? Dann könndat mr a bißle über Karena ond andre Bekannte plaudra. Hier isch s viel z laut drzu.“ Wohlweislich ohne eine Antwort abzuwarten machte sich Melinda aus dem Staub, einen baffen Klaus und eine mit vor Staunen über so viel Frechheit offenstehendem Mund dastehende Gitta zurück-lassend. Gitta überlegte lange, ob sie Karena von diesem Gespräch erzählen sollte, kam aber dann zu dem Schluß, daß sie erst herausfinden müsse, wie sich Klaus in der ganzen Sache verhalten würde.


Die Badezimmerkatastrophe

So kam es, daß am nächsten Tag, einem Sonntag, ein Anruf bei Candi einging und deren Chauffeurdienste dringend an-gefordert wurden. Nachdem Gitta ihr mitgeteilt hatte, um was es ging, ließ sie sich nicht zweimal bitten. Neugierde ist schließlich der zweite Name der Frau und dazu hörte sich die von Gitta geplante Aktion stark nach Abenteuer an. Schon um 17.30 Uhr stand also ein blauer VW-Bus in Gers-tetten in einer Nebenstraße von der aus die beiden Mädchen Klaus` Haus beobachten konnten. Allerdings war das für Gitta zu wenig. Sie überlegte hin und her, hatte eine Idee, besprach sich mit Candi und schlenderte dann ganz gelassen hinüber zu Klaus` Haustüre. Melindas alter BMW stand noch nicht da und das war gut so. Gitta nahm all ihren Mut zusammen und klingelte bei Klaus. Ihr Plan war etwas ver-worren und unausgegoren. Sie wusste nur, dass sie unbe-dingt vor Melinda in Klaus` Wohnung sein wollte. Sie muss-te irgendwie mitkriegen, was diese genau vorhatte und wie weit sie gehen würde um ihr Vorhaben zu verwirklichen. Das Warum und Wieso von Gittas Plan musste sich erst noch herauskristallisieren; nur in einem war sie sicher: Die Hauptrolle in Melindas Story, wie auch immer diese ausse-hen mochte, spielte niemand anderer als Klaus. Der Tür-summer des Mehrfamilienhauses ertönte und sie öffnete die Tür. Klaus Wohnung lag gleich im Erdgeschoß und er stand schon da. Überraschung malte sich auf seinem Gesicht ab, als er Gitta erkannte. „Hi,“ preßte sie mit roten Wangen her-aus, „i war grad zufällig in dr Gegend ond hab mr denkt, i schau vorbei. I hab gmeint Karena sei bei dir, wo i nämlich bei ihr angrufa hab, war se net dahoim.“ Klaus stand immer noch sprachlos im Türrahmen deshalb fuhr Gitta stockend fort. „Äh, mei Zug ... äh ... der nach Heidenheim, der fährt ersch in ra halba Stond.“ Endlich erwachte Klaus aus seiner Starre und sagte höflich: „Komm rei; du kannsch gern bei mir a Weile warta. Allerdings isch Karena net bei mir. Se will mi aber heut abend no anrufa.“ Gitta zwang sich forsch an Klaus vorbeizugehen. Er wies ihr den Weg in ein modern eingerichtetes Wohnzimmer und sie ließ sich in einen tiefen Sessel fallen, sprang aber gleich wieder auf. „Wo isch denn hier s Badezimmer?“ fragte sie und ihre Farbe auf den Wan-gen wurde, wenn möglich, noch intensiver. Klaus zeigte es ihr und als sie wieder erschien, hatte er ihr ein Gläschen mit Kirschlikör auf den Tisch gestellt. „Soweit i weiß, trinksch du des ganz gern.“ Noch während er sich auch ein Glas ein-schenkte klingelte es an der Haustüre. Klaus stellte Glas und Flasche ab und betätigte diesmal erst einmal die Sprechan-lage. „Hi, hier isch Melinda. Mr warad doch verabredet; weisch nimmer?“ In Klaus Gesicht wechselten die Emotio-nen. Zuerst Überraschung, die Gitta als echt und nicht ge-spielt ansah, dann ziemliche Ratlosigkeit und schließlich stand ihm das Fragezeichen regelrecht auf die Stirn ge-schrieben als er seinen Blick zu Gitta wandern ließ. Diese sprang auf, legte verschwörerisch den Finger auf die Lippen und verschwand im Badezimmer. Klaus schüttelte verwun-dert den Kopf, ging aber auf das ihm unverständliche Spiel ein. Bald darauf ertönte der Türsummer und wenig später hörte Gitta von ihrem Versteck aus Melindas muntere Stimme drauflosplappern: „Hey, des isch ja toll, du hasch sogar scho an Drink eigschenkt.“ Gitta bekam nicht alles von dem Gespräch mit, nur soviel, daß Melinda Karena zwar nicht als schlecht, aber doch als leichtsinnig und in der Liebe wenig zuverlässig hinstellte. Melinda übertrieb es aber nicht, so dumm war sie nicht. Sie erzählte auch von anderen Be-kannten und es schien ihr gar nicht aufzufallen, daß Klaus ziemlich einsilbig antwortete. Gitta schickte ein Stoßgebet nach dem anderen zum Himmel daß dies hier bald ein Ende finden würde, aber sie wurde nicht sogleich erhört, im Ge-genteil: entsetzt mußte sie hören, wie Melinda sich nach der Toilette erkundigte. Wie gehetzt sah sie sich um und ent-deckte Klaus` Dusche. Diese hatte zum Glück einen eini-germaßen blickdichten Vorhang und Gitta hechtete dahin-ter, hängte sich zur Vorsicht noch ein großes weißes Hand-tuch über und stand still in der Ecke. Keine Sekunde zu früh, denn schon betrat Melinda den Raum. Gitta stellte unange-nehm berührt fest, daß die Dusche tropfte und zwar genau auf ihren mit Handtuch behängten Kopf. Plopp – Plopp – Plopp! Wie lange brauchte denn diese Melinda? Was tat die denn? – Plopp – Plopp! Gitta versuchte, ohne ein Geräusch zu machen, den Wasserhahn weiter zuzudrehen – in die falsche Richtung. Mit einem Strahl ergoß sich eiskaltes Was-ser über sie und sie konnte einen schrillen Schrei nicht un-terdrücken. Melinda schoß vor Schreck von der Toilette hoch, stolperte über ihre heruntergelassene Jeans und stürz-te nach vorne. Sie versuchte, sich am Duschvorhang festzu-halten und fiel, ihn mit sich reißend, genau in Gittas be-handtuchte Arme. Das Handtuch verrutschte, der Dusch-vorhang riß ab und stumm vor Staunen starrten sich die beiden Mädchen an während sie beide in einem Kuddel-muddel von Handtuch, Duschvorhang und Melindas Hän-den, die mit fliegenden Fingern die Jeans hochwurstelten zu Boden gingen. Klaus hatte den Lärm natürlich nicht überhö-ren können und eilte - um was auch immer zu verhindern - ins Bad. Als er allerdings die Bescherung erblickte konnte er sich nicht zurückhalten und brach in schallendes Gelächter aus. Er sank auf den Badewannenrand und hielt sich den Bauch vor Lachen. Gitta und Melinda, die sich inzwischen entwirrt hatten, stolzierten mit majestätisch erhobenen Häuptern an ihm vorbei und beide verließen die Wohnung, jede in eine andere Richtung und ohne ein Wort miteinan-der zu wechseln. Als Klaus sich endlich beruhigt hatte, rief er zuallererst Karena an, die inzwischen zum Glück auch zuhause war und erzähle ihr die ganze verworrene Geschich-te, obwohl er deren Sinn immer noch nicht verstand. Auch Karena lachte herzlich über die Schilderung der Badezim-mersituation , wurde dann aber sehr schnell wieder ernst. Im Gegensatz zu Klaus konnte sie sich nämlich die Zusam-menhänge der verwirrenden Episode vage zusammenrei-men, wenn ihr auch noch nicht ganz klar war, um was genau es sich drehte. Sie versprach Klaus den Badezimmerskandal baldmöglichst aufzuklären und sie verabredeten sich für den nächsten Tag. Noch bevor sie jedoch Gitta anrufen konnte, standen Candi und sie auf der Matte und erzählten unter Gelächter, aber auch mit Widerwillen gegen Melindas Me-thoden, die ganze Geschichte.

                *

Für eine Weile ließ sich Melinda nicht bei der Clique blicken. Dann tauchte sie wieder auf, als ob nichts gewesen wäre. Nur von Klaus hielt sie sich unseltsamerweise meist fern. Weder Gitta noch Karena oder Candi sprachen sie auf ihren mißglückten Aufreißversuch an und bald geriet die Affäre in Vergessenheit.


Hundeintelligenz

Die angehende Beziehung zwischen Gitta und Micki machte große Fortschritte und entzückt erzählte Gitta Karena, daß er sie sogar schon geküßt hätte. Karena lächelte versonnen; übers Küssen waren sie und Klaus schon lange hinaus. Als dieses Gespräch stattfand, saßen sie bei Gitta zuhause und warteten auf Klaus und Micki. Gitta hatte sie nämlich zum Essen eingeladen und die Jungs wurden demnächst erwar-tet. Als es klingelte wuselte Gittas kleiner Hund Sonja, eine Mischung zwischen Dackel und Pudel, unter aufgeregtem Bellen zur Tür. Sonja sah äußerst lustig aus. Die Figur hatte sie vom Dackel und die Lockenpracht vom Pudel. Sie war ein sehr liebes Tier; nur vor Männern hatte sie eine völlig unbe-gründete Angst. Keiner wußte warum das so war. Als jetzt also Klaus und Micki die Wohnung betraten verschwand Sonja mit herzerweichendem Gewinsel unter dem Sofa und lugte nur ganz vorsichtig mit ihren schwarzen Knopfaugen darunter hervor. Micki und Klaus sahen sich ratlos an, denn beide waren eigentlich große Tierfreunde und verstanden Sonjas Angst nicht. „Was hat se denn?“ fragte Klaus und Gitta erklärte, daß Sonja eine undefinierbare Panik vor dem männlichen Geschlecht hegte. Grinsend meinte Karena zu Klaus: „Des isch ja wohl au koi Wonder, bei dene viele Ma-chos, die wo heutztag rumhüpfat. Vielleicht solltesch d ihr beweisa, daß du a „Softy“ bisch?!“ Klaus überlegte eine Wei-le und fragte dann Gitta: „Wenn i mi also absolut unmänn-lich aufführ, dann kommt se zu mr her?“ Gitta wiegte den Kopf hin und her und sagte: „I weiß ja net, was d vorhasch, aber dumm sind Hunde fei net.“ Sie hatte kaum ausgeredet, als Klaus sich auf die Knie niederließ und mit hoher Fistel-stimme in Sonjas Richtung rief: „Ei, dutsi, wutsi, eieieieiei-ei!“ Gitta, Karena und Micki sahen befremdet grinsend auf den in Babysprache brabbelnden Klaus hinab, der ein Bild für Götter bot; aber noch ehe sie ihren Zweifeln Ausdruck verleihen konnten, kam Sonja mit gespitzten Ohren und wedelndem Schwanz unterm Sofa hervorgeschossen und warf sich vor Klaus auf den Rücken, um sich kraulen zu las-sen. Triumphierend sah Klaus zu den Zweiflern auf und kommentierte: „Soviel zum Thema Hunde-Intelligenz.“ Die anderen konnte es nicht fassen, aber von diesem Tag an stürzte sich Sonja jedesmal wenn sie ihn sah mit Freude auf Klaus. Anscheinend hielt sie ihn für eine Frau, einen Zwitter, oder sonstiges. Jedenfalls nicht mehr für einen furchterre-genden Mann.


Ausgenutztes Mitleid

Nach dem köstlichen chinesischen Essen bei Gitta beschlos-sen die zwei Paare in eine Pilsbar im Ort zu gehen, denn es war Samstag und die Nacht war noch jung. Sie waren noch keine halbe Stunde im Lokal, als Melinda sich zu ihnen setz-te. Unvermittelt fiel sie Karena um den Hals und begann einen wahren Wasserfall an Tränen über diese zu ergießen. Da Karena kein Wort der unter Schluchzen hervorgestoße-nen Tirade verstand, setzte sie sich mit Melinda für eine Weile an einen anderen Tisch, um in Ruhe mit ihr reden zu können. Karena war, wenn auch mißtrauisch, so doch ein gutmütiger und mitleidiger Mensch und es tat ihr leid, ihre Bekannte so leiden zu sehen. Nach einem – von Karena be-sorgten – Korea und viel gutem Zureden war Melinda in der Lage, Karena zu erklären, um was es ging. Melindas Freund – der, den sie die letzten 10 Tage gehabt hatte – nicht derje-nige von vorher, (das mußte sie Karena erst klar machen, denn den letzten Wechsel hatte diese anscheinend verpaßt) hatte sie verlassen. Eine neue Tränenflut unterbracht kurz die Berichterstattung, dann hatte sich Melinda wieder ge-faßt. „Obwohl i schwanger bin, issch r eifach ganga.“ Gitta, die sich inzwischen zu ihnen gesetzt und tröstend eine Hand auf Melindas Schulter gelegt hatte, warf Karena einen ent-setzten Blick zu und war noch entsetzter, als sie deren relativ gleichmütige Miene wahrnahm. Zum – mehr oder weniger – Glück kam gerade in diesem Moment auch Micki kurz an den Tisch um nachzusehen, wo die Mädchen blieben, und Melinda fiel ihm prompt um den Hals, um sich an seiner Schulter auszuweinen. Anscheinend funktioniert letzteres, zumindest bei Melinda, mit Männern um einiges besser als mit Frauen (liegt es an den breiteren Schultern?). Jedenfalls hatte so Karena die Gelegenheit, Gitta ihr etwas mangelndes Mitgefühl zu erklären: „Gitta, natürlich tut mr d Melinda leid. Liebeskummer isch immer was Args. Abr des mit dr Schwangerschaft kannsch abhaka.“ Auf Gittas erstaunte Frage nach dem Warum, erklärte Karena: „Melinda isch d einzig Frau die i kenn, die in 4 Wocha 5 maul schwanger werda kann. Jedesmaul wenn a Typ, den sie no a Weile bhal-ta will, Anstalta macht mit ihr Schluß z macha, isch Melinda plötzlich schwanger. D meischde Männer sind dann ersch maul aus m Konzept bracht ond bleibat ihr no a Weile erhal-ta. Komischerweise isch Melinda, sobald se den Typ nemme will, oder er trotz „Scheinschwangerschaft“ den Abflug macht, von eim Tag auf da andra entschwängert ond das Thema isch gegessa.“ Gitta war vor lauter Verwunderung über soviel Raffinesse sprachlos, während sich Karena wie-der Melinda zuwandte, die sich – nachdem sich Micki ihrer Umklammerung entwunden hatte und auf den Schreck ein Bier holen gegangen war – nun doch mit Karenas Schulter begnügte. Mit immer noch vibrierender, weinerlicher Stim-me jammerte sie: „Ihr könnt mi heut net allein lassa. I bin ja so traurig. Ihr müßt no mit zu mir komma. Wir könnat ja an dr Tankstell Gesöffe eikaufa ond so – Hauptsach i muß net allein heim.“ Gitta und Karena sahen sich zweifelnd an, aber selbst einem gleichgeschlechtlichen Wesen fiel es schwer, Melindas flehenden Rehaugen zu widerstehen. So kam es, daß Gitta, Karena, Micki , Klaus und auch noch Candi und Paul, die später aufgetaucht waren, bei Melinda in der Woh-nung landeten. Man mußte es Melinda zugestehen, sie konn-te tolle Drinks mixen und hatte sehr gute Musik auf Lager. Allerdings lief sie ständig mit Trauerblick herum und heischte nach Mitleid. Karena und Gitta hatten natürlich Klaus und Micki, sowie auch Candi und Paul über die Sach-lage aufgeklärt. Micki und Klaus waren weniger begeistert von diesem Aufenthalt, denn sie hatten eigentlich noch ins Dreary Night gewollt. Karena wußte nachher selber nicht mehr, wie es zum Eklat gekommen war, jedenfalls waren sie und Klaus in eine kleinere Auseinandersetzung geraten, weil er noch in die Disco gehen und sie bei Melinda bleiben woll-te. „Ma kann die arm Melinda doch net allein lassa, die bleert (weint) doch d ganz Zeit.“ sagte Karena vorwurfsvoll und Klaus meinte daraufhin: „Irgendwo seh i s ja ei, aber helfa kannsch ra ja doch net.“ „Nee, aber ma kann se trösta. Wenn se also mit dr schwätzt, sei bitte freundlich zu ihra, ja?“ Klaus lenkte ein, aber eine kleine Verstimmung blieb zurück. Karena war traurig denn dies war ihr erster Streit gewesen. Melinda schien dies bemerkt zu haben und, um die Atmosphäre zu lockern und ihre Gäste zu behalten, setzte sie sich erst mal zu Karena hin. Melinda verstand es gut, die verschiedenen Charaktere zu unterhalten, indem sie deren Hobbies und Interessen aus ihnen herauskitzelte. Dann tat sie so, als interessiere sie sich sehr dafür, obwohl sie meist recht herzlich wenig Ahnung vom jeweiligen Metier hatte. Das Gespräch, welches sie nun mit Karena führte, war ein gutes Beispiel dafür. Melinda hatte ihr einen Drink hinge-stellt, da fragte sie auch schon: „Du, i hab doch zwoi Katza.“ Karena nickte, sie hatte die beiden Stubentiger vorher schon gesehen. „Also, s send a Weible ond a Männle ond boide scho über a Jahr alt. Sag amaul, warom kriagat dia denn koine Junge?! I hätt so gern Katzababies.“ Karena erhob sich, schnappte sich die beiden Tiere und besah sie sich un-ter Streicheleinheiten genauer; dann erklärte sie grinsend der stolzen Besitzerin: „Melinda, d Kätzin hat eindeutig zwei Eier z viel. Die wird gwiß keine Junge kriega!“ Da die ande-ren Gäste auch gelauscht hatten, entstand ein allgemeines Gegrinse und Gelächter und die Laune begann sich merklich zu heben. Melinda setzte ihre Unterhaltungskünste jetzt bei Micki ein, mit dem sie sich über Musik unterhielt, wovon sie zum Glück etwas mehr Ahnung hatte, als von der Katzen-zucht. Als sie allerdings Micki fragte: „Oh, wie heißt denn nomaul des neue Lied von eurer befreundeten Band?“ stand das nächste Fettnäpfchen schon bereit. Karena wusste von Melindas `tollem`Englisch und wartete mit spitzbübischem Grinsen auf ihren Einsatz. Micki erklärte: „Des Lied, wo du meinsch, heißt `the emerald eye`“ Karena grinste immer noch und Melinda fragte erwartungsgemäß: „Du Micki, was heißt denn des auf Deutsch?“ Da konnte sich’s Karena nicht mehr verkneifen, sie klinkte sich dazwischen und erklärte mit tiefem Ernst: „Melinda, des heißt übersetzt `das Spie-gelei`.“ Melinda schaute verdutzt, überlegte kurz und mein-te dann unter den inzwischen wieder gespannt auf sie ge-richteten Blicken der anderen: „Des isch abr a blöder Titel für a Lied!“ Die Gruppe amüsierte sich königlich und, ob-wohl es ihr ja gefiel im Mittelpunkt zu stehen, schickte Me-linda einen giftigen Blick in Karenas Richtung. Sie hatte wohl bemerkt, dass die Spässe momentan immer auf ihre Rechnung gingen. Wenig später schon klärte die Gastgebe-rin jedoch schon wieder ganz entspannt Candi über den Männerfang auf, wohl gemerkt war Candi schon lang unter der Haube und Melinda die mit dem ständigen Liebeskum-mer. Danach wurde Klaus genauestens über Autos infor-miert und Karena unterhielt sich eine Weile mit Candi und Paul. Nach einiger Zeit stupfte Gitta sie in die Seite und frag-te: „Wo isch eigentlich Melinda abblieba? Mer hand koin Wei mea.“ Suchend sah sich Karena um und es fiel ihr auf, daß auch Klaus verschwunden war. Fragend sah sie zu Gitta und diese warf ihr einen vielsagenden Blick zu. Karena verstand, was diese damit sagen wollte und schüttelte ver-neinend den Kopf. Nein, das mußte ein Zufall sein. Die bei-den Mädchen machten sich auf die Suche nach der Gastge-berin und fanden sie in der Küche – engumschlungen mit Klaus. Dieser schob Melinda, die wie eine Klette an ihm hing, erschrocken von sich, fand aber keine Worte zu seiner Entschuldigung. „Soooo freundlich solltesch au wiedr et zu ra sei.“ Stieß Karena giftig hervor, ihre Betroffenheit und Verletztheit mit Ironie kaschierend. Sie machte auf dem Ab-satz kehrt, stürmte aus der Küche und, im Vorbeigehen ihre Jacke greifend, aus der Wohnung. Gitta flüsterte im Vorbei-rennen Micki kurz eine Erklärung zu und folgte eilig ihrer Freundin. Sie schaffte es gerade noch in den bereits mit quietschenden Reifen anfahrenden Capri zu hechten und die Tür zu schließen. Karena raste durch die sternklare Nacht. Erst als Gitta, nachdem alles Zureden umsonst gewesen war, einfach ein paarmal die Handbremse zog und es im Capri verdächtig nach verbranntem Gummi zu stinken begann, sah Karena es ein und fuhr langsamer. Nachdem sie eine Weile ziellos durch die Gegend gekreuzt war, landeten die 2 Mädchen irgendwann vor Karenas Haus. Kaum hatten sie die kleine Wohnung erreicht, brach Karenas mit Mühe auf-rechterhaltene Fassade in sich zusammen und nachdem sie wütend gezischt hatte: „Männer hand halt s Hirn doch alle unterhalb dr Gürtellinie!“ Sank sie weinend aufs Bett. Gitta setzte sich zu ihr, fand aber im Moment keine Worte, um sie zu trösten. Irgendwann ging Gitta in den Keller – sie kannte sich ja hier im Haus aus – und holte eine Flasche Wein her-auf. Bis in die frühen Morgenstunden blieb sie bei der total enttäuschten und in ihren alten Widerwillen gegen die Männerwelt zurückfallenden Karena. Erst als diese vor Er-schöpfung einschlief, verließ sie das Haus und fuhr mit dem Bus nach haus.


Liebesleid

Tage vergingen. Gitta hatte von Micki erfahren, daß Klaus etliche Male versucht hatte Karena telefonisch zu erreichen, diese aber jedesmal sofort aufgelegt hatte. Sie weigerte sich strikt, seinen Erklärungen zu lauschen und hatte auf stur geschaltet. Klaus hatte Micki erzählt, daß Melinda sich ihm einfach an den Hals geworfen hatte, gab aber auch zu, daß er in einem Moment der Schwäche einfach dem Verlangen nachgegeben hatte, die kleine schutzbedürftige Gestalt fest-zuhalten. Und eben diesen Moment hatten Karena und Gitta mitbekommen. Gitta hatte Karena natürlich erzählt, was Micki erfahren hatte, aber Karena konnte und wollte nicht über ihren Schatten springen.

                *

Klaus war ähnlich verzweifelt wie Karena. Die Unruhe trieb ihn aus dem Haus und er trank öfters mehr als im guttat. Er wollte die Hoffnung nicht aufgeben, aber je mehr Zeit ver-strich, desto weniger konnte er an eine Versöhnung mit Ka-rena glauben. Diese Verzweiflung nutzte Melinda natürlich weidlich aus. Wo Klaus ging und stand, tauchte sie auf und tröstete, umgarnte und hätschelte ihn. Irgendwann ließ sich Klaus dann auch von ihr einlullen und sie wurden ein Paar. Karena nahm die Nachricht mit verbissenem Schweigen zur Kenntnis und Gitta konnte nur ahnen, wie es in ihr drin aus-sah. Karena begann krampfhaft sich abzulenken. War sie vorher meist nur Freitag und Samstag ausgegangen, so tat sie es nun fast jeden Tag. Es kam jetzt auch oft vor, daß sie zu Fuß unterwegs waren, da Karena ihren Frust immer öfter in Korea ertränkte und dann nicht mehr Auto fuhr. Wenn Gitta keine Zeit hatte, ging Candi mit und wenn beide keine Zeit hatten, ging Karena auch alleine. Karenas Oma, die gleich nebenan wohnte, nahm diese Entwicklung mit Sorge wahr. Eines Donnerstagabends, als Karena schon wieder mit Candi aufbrach, um die Gegend unsicher zu machen, sprach die Oma Karenas Mama darauf an. „Mensch, d Mädla send ohne Auto underwegs! Wenn dia jetzt ebber (jemand) ver-folgt ond vergewaltigt!“ Karenas Mama, die Candies und Karenas große Klappe zu Genüge kannte, entgegnete unge-rührt: „Mama, wer dia verfolgt, verfolgt se höchschdens bis se zum ersta maul d Gosch aufmachad, dann sprengt (rennt) r so weit r sieht.“ Karenas Oma war zwar nicht gerade ge-tröstet, gab sich aber mit der Antwort wohl oder übel zufrie-den. Da die Mädchen ja alt genug waren, konnte man sie eh nicht bremsen. Candi und Karena fuhren per Autostop ins Dreary Night. Normalerweise wäre heute Candi gefahren, aber Paul hatte den VW-Bus gebraucht und so blieb ihnen nichts anderes übrig, als den Daumen rauszuhalten. Wenn sie ansonsten per Pedes unterwegs waren, gingen sie nur in Schnoida weg, wo sie alle Lokale zu Fuß erreichen konnten. Heute aber wollte Karena mal wieder in die Disco, die sie seit dem Klaus-Inferno geflissentlich gemieden hatte. Zum Glück – oder Unglück? – hielt ausgerechnet Rolli an und las die beiden auf. Nachdem er auf der Hüttenparty einige kalte Abfuhren von Candi erlitten und nun von Karenas „Pech“ erfahren hatte, konzentrierte er heute seinen geballten Charme auf sie. Dieser kam er natürlich bei ihrer momenta-nen „Liebe“ zu Männern gerade geschliffen. Rolli versuchte, sich über Karenas allseits bekannte Tierliebe bei ihr einzu-schmeicheln. Er wußte, daß Karena ein Pferd, einen Kater und einen Katze besaß, also spekulierte er auf ihr Interesse an Tiergeschichten jeglicher Art. Nachdem er gemerkt hatte, daß sie sich auch höflich am Gespräch beteiligte, freute er sich schon über den errungenen Erfolg. Candi beobachtete mit stillem Grinsen die Vorgänge und wartete schon auf den Clou, der unweigerlich irgendwann kommen mußte. Irgend-einen Hammer würde Karena Rolli gewiß verpassen, denn ihre Miene wurde immer angespannter und gelangweilter. Als Rolli schließlich mit schmachtendem Blick zur Seite meinte: „Ach Karena, i wär so gern eins von deine Tiere.“ Antwortete Karena mit süßestem Lächeln: „Des glaub i we-niger. Meine Tiere send nämlich alle kastriert.“ Rolli ver-schluckte sich an seinem Kaugummi und verbrachte den Rest der Fahrt in gekränktem Schweigen. Als sie das Dreary Night erreicht hatten, stiegen die beiden Mädchen aus und bedankten sch überhöflich bei Rolli der, inzwischen schon wieder der Alte, mit einer seiner tausend Hände auf Candis runde Rückseite klopfte. Während Candi halb warnend, halb amüsiert meinte: „Du gehsch mir auf d Eier, Rolli!“ betraten sie grinsend die Disco. Nachdem Rolli, der sich nicht ab-wimmeln ließ, darauf hinwies daß Candi eine solche Einrich-tung ja gar nicht besaß, setzten sie sich an einen Tisch. We-nig später zuckte Candi, mitten im Gespräch mit Karena, plötzlich zusammen und schaute erschrocken auf ihre Arm-banduhr. „Was, sho halb elfe! Oh je, oh je, oh je!“ Karena schaute sie fragend an, da fiel ihr aber auch schon der Grund für den Aufstand ein: Candi schluckte immer pünktlich um 21 Uhr ihre Anti-Baby-Pille und das hatte sie scheints heute verschwitzt. Hektisch begann sie also jetzt ihren Geldbeutel rauszukramen und entnahm ihm ein winziges Pillendö-schen. Beim Öffnen von diesem entglitt ihr allerdings in der Eile die Mini-Tablette und fiel zu Boden. „Karena, oh jemi-neh!! Hilf mir!!“ rief Candi verzweifelt und nach kürzester Zeit kreuchten die zwei Mädels mit Feuerzeugen bewaffnet auf dem klebrigen Boden der Disco herum und suchten an-gestrengt die Pille. Rolli hatte die ganze Aktion gespannt, jedoch vollkommen ahnungslos verfolgt. Als dann Candi endlich mit einem Jubelschrei aus der Versenkung auftauch-te, sich die Pille einwarf und mit dem auf dem Tisch stehen-den Korea runterspülte, fragte er mit großen Augen und we-nig intelligenter Miene die inzwischen auch wieder aufrecht stehende Karena: „Wo kriegt man denn so was her?“ Als ihn Karena und Candi nur in absolutem Nichtverstehen anstarr-ten, fuhr er fort: „Wird se jetzt high?!“ Die plötzliche Er-kenntnis, für was Rolli diese Tablette hielt, ließ die beiden Mädchen in brüllendes Gelächter ausbrechen. Sie mussten sich an der Tischkante festhalten, um nicht vor Lachen zu-sammenzubrechen. Als Rolli merkte, dass er irgendwas sehr Unintelligentes geäußert haben musste und Karena und Git-ta nicht mehr aufhören wollten zu lachen, zog er beleidigt von dannen, von den beiden nahezu unbemerkt.

                *

Wie an den meisten hier verbrachten Abenden saßen sie nicht lange alleine, denn manche alten Bekannten und man-che hartnäckigen Verehren ließen sich von Karenas momen-taner Bärbeißigkeit nicht abschrecken. Die alten Bekannten wußten, warum sie zur Zeit so war und die Verehrer vermu-teten irgendein vergrabenes Geheimnis um die unnahbare Schöne. Wenn Gitta oder Candi, die natürlich von den Ty-pen irgendwann nach Karenas Geheimnis ausgefragt wur-den, es dieser erzählten, vermutete Karena immer: „Da müßdat dia abr tief graba, bis se irgend a Geheimnis fendat. I bin nämlich schlicht ond ergreifend stinkig (wütend)."


Eifersucht

An diesem Abend jedoch, änderte sich – zumindest ober-flächlich gesehen – Karenas Laune schlagartig. Sie waren noch gar nicht lange im Dreary, Gitta und Micki hatten sich auch schon zu ihnen gesellt, als sich die Tür des Dreary Nights öffnete und Melinda eintrat, einen mehr oder weni-ger widerwilligen Klaus hinter sich herziehend. Gitta und Candi warfen einen schnellen Blick auf Karena. Diese hatte sich jedoch gut unter Kontrolle. Nur kurz kniff sie die Augen zusammen und murmelte in sich hinein: „ muß denn dieser Ekelgnom ausgerechnet hier auftauchen?“, dann sprudelte sie plötzlich über vor guter Laune und Charme. Die zwei Verehrer, die heute mit am Tisch saßen, waren völlig geplät-tet. So hatten sie das sonst so desinteressiert wirkende Ob-jekt der Begierde noch nicht erlebt. Karena bekam natürlich mit, daß Melinda und Klaus gar nicht weit entfernt an der Bar lehnten und sie verpaßte auch nicht, daß Klaus sie stän-dig heimlich über den Barspiegel beobachtete. Mit Wonne ließ sie sich von einem Verehrer die Hand knutschen und vom anderen ein Korea nach dem anderen bezahlen. Mit vielsagenden Blicken sahen sich Gitta und Candi an, wäh-rend Micki überhaupt nicht blickte, um was es ging. Den beiden Mädchen war natürlich auch aufgefallen, daß Klaus kaum einen Blick von ihrem Tisch ließ. Ihnen war klar, daß die Gute-Laune-und-Klaus-ist-mir-scheißegal-Show, die Karena hier abzog, nur dazu dienen sollte, ihm zu zeigen, wie gut sie sich ohne ihn amüsieren konnte. Anscheinend wirkte diese Methode auch nicht schlecht denn, kurz nach-dem sich Karena vom hübscheren der beiden hatte nach Hause fahren lassen, verschwand auch Klaus aus der Disco. Diesmal schleifte er eine ziemlich widerwillige Melinda hin-ter sich her. Gitta und Candi riefen wenig später mit Candies Handy bei Karena an. Erstens, um sich zu vergewissern, daß sie gut nach Hause gekommen war. Zweitens, um ihr zu er-zählen, wie sich Klaus benommen hatte. Sie erfuhren, daß Karena einige Probleme gehabt hatte, den hübschen Vereh-rer abzuwimmeln. Wolter, so hieß er, hatte Karena ausführ-lich und sehr überzeugend aufgeklärt, daß sie unbedingt mit ihm ins Bett gehen müsse. Auf ihre erstaunte Frage, warum denn das so unbedingt nötig wäre, antwortete er total über-zeugt: „Weisch, mit dr Liebe isch s, wia mit de Autos.“ Nachdem Karena nur fragend und zweifelnd die Augenbrau-en hochzog erklärte er weiter: „Na isch doch klar! Ehe d a Auto kaufsch machsch doch au a Probefahrt.“ Karena war sich nach dieser Aussage nicht sicher ob sie lachen, oder aber das weiße Wägelchen mit den blauen Lichtern oben drauf anrufen sollte. Na ja, immerhin war dies mal eine An-mache der ganz absonderlichen Art. Schließlich beschloß sie, genauso blöd aus dem Wald herauszurufen, wie man hi-neingerufen hatte und antwortete klar und deutlich: „Ja, bei manche Autos mag des so sei, abr bei mir gilt `gekauft wie gesehen`.“ Zum Glück kam, noch bevor Wolter näher auf das Thema einsteigen konnte, Karenas Oma unbewußt zur Hilfe. Diese hatte nämlich die Motorengeräusche gehört, obwohl sie sonst sehr schlecht hörte, deswegen besorgt die Rolläden geöffnet und sich neugierig die Nase am Fenster platt gedrückt. Sonst war Karena immer recht genervt von dieser Eigenschaft ihrer Omi, aber in dieser Nacht war sie ihr direkt dankbar, denn so konnte sie Wolters abgelenkte Aufmerksamkeit nutzen und mit einem kurzen Gruß aus dem Auto witschen. Amüsiert hatten Candi und Gitta diese Story am Phone vernommen. Trotz ihrer an diesem Abend mit schauspielerischem Talent abgezogenen Show war Ka-rena ziemlich deprimiert. Es war das erste Mal gewesen, daß sie Klaus und Melinda zusammen gesehen hatte. Candi und Gitta merkten es, als sie am Telefon immer stiller wurde. Als auch der Bericht von Klaus` eiligem Entschwinden aus der Disco sie nicht aufzumuntern vermochte, beschlossen die Freundinnen sie zusammen mit Micki noch zu besuchen und von der Tankstelle etwas zum Trinken mitzubringen. Als sie es Karena mitteilten, war diese sofort einverstanden und froh, die Nacht nicht alleine zu sein. Es wurde dann tatsächlich eine sehr, sehr lange Nacht und als es schon fast hell zu werden begann, richtete Karena das Sofa und eine Matratze her, damit ihre Gäste nicht mehr fahren mußten. Sie hatten im Laufe der feuchtfröhlichen Nacht nämlich alle recht tief ins Glas geguckt. Eine Nachtlampe konnten sie sich sparen, denn als Gitta feststellte, daß sie zusammen mit Micki auf der Matratze nächtigen mußte, da Candi schon das Sofa beschlagnahmt hatte, nahm ihr Gesicht rote Leuchtfar-be an. Es dauerte noch eine Weile bis alle Gespräche ver-stummten und die Gäste nacheinander einschliefen. Karena hatte eine unruhige „Nacht“ (kann man nicht so sagen, die Nacht war ja so gut wie vorbei) und wälzte sich schlaflos von einer Seite auf die andere. Das einzige Mal, als sie dem Ein-schlafen nahe war, wurde sie durch ein lautes Rumpeln auf-geschreckt. Sie schaltete die Nachttischlampe ein und sah in deren gedämpften Licht – Micki, der eine halb umgestürzte Stehlampe umarmte. Anscheinend hatte der Gute etwas mehr Alk erwischt, als ihm guttat, denn er stellte mit ziemli-cher Eile die Lampe wieder hin und riß das nächstliegende Fenster auf. Zuerst rülpste er wie ein Hirsch, dann kam an-scheinend das vorher genossene Material wieder heraus, denn Karena hörte mitleiderregendes Würgen. Nach einer Weile wagte sie zu fragen: „Wär s Klo net bequemer gwesa?“ Eine etwas heißere Stimme antwortete: „Noe! hier draußa isch s viel romantischer. Dia viele Stern, d gut Luft .....“ Ka-rena verbiß sich einen Kommentar, musste trotz aller Wid-rigkeiten grinsen und dachte sich: „Jedem das seine.“ Ihr kam es jedenfalls beim sich Übergeben weniger auf die idyl-lische Umgebung an. Sie drehte sich um, löschte das Licht und versuchte, doch noch ein wenig Schlaf zu ergattern.


Außergewöhnliches Menu

Schließlich erhob sie sich schon gegen 11 Uhr früh wieder und beschloß, für die anderen etwas zu essen zu kochen. Sie warf einen Blick in den Kühlschrank und richtete alles her, um Spaghetti mit Hackfleischsoße zu machen. Als die Soße schon brodelte und das Spaghettiwasser kochte, fanden sich Gitta und Candi in der winzigen Küche ein. Micki schnarchte noch in sein Kissen. Karena war noch recht übermüdet und an diesem Morgen einfach noch zu faul gewesen ihre obliga-torischen Kontaktlinsen einzubauen, so griff sie halb blind in den Küchenschrank. Candi und Gitta saßen an dem klei-nen Klapptisch und unterhielten sich. Karena zog, wie sie vermutete, die Spaghetti aus dem Schrank und schüttete sie aus der Packung in das kochende Wasser. Nach ein paar Minuten rührte sie um und – oh Wunder – die Spaghetti standen immer noch aufrecht wie die Stacheln eines Igels. Etwas entnervt klopfte Karena mit der Handfläche von oben auf die Dinger um sie unter Wasser zu kriegen und stieß umgehend einen erschrockenen Schrei gefolgt von einem Fluch aus: „Aua! Miste auf der Piste! Gitta, komm schnell! Meine Spaghetti stechat mi!“ Gitta erhob sich eilig und neu-gierig um Karenas widerspenstige Spaghetti zu begutachten, während Candi ihr sensationslüstern über die Schulter späh-te. Karena wartete auf eine Erklärung des Spaghetti Phäno-mens, während sich ihre Freundinnen schon vor Lachen auf dem Boden kugelten. „Karena,“ Gitta wurde immer wieder von Lachen geschüttelt, „die Spaghetti kannsch lang kocha bis se woich send!“ Candi brüllte vor Lachen und vervoll-ständigte die Erklärung: „Des sind nämlich Schaschlikstäbla!!“ Nachdem sie noch einen ungläubigen Blick auf die Stäbchen geworfen hatte, meinte Karena lako-nisch: „Heidenei (schwäb. Fluch)! Blond, blöd ond jetzt au no blind!“ und fiel auch in das Lachen der anderen mit ein. Für einen kurzen Augenblick war ihr Kummer vergessen.


Das „Aaraweih“

Karena mußte aufpassen, damit sich das viele Ausgehen nicht auf die Arbeit auswirkte. Bis jetzt hatte sie es aller-dings im Griff. Unter der Woche ging sie dann eben nicht bis Sendeschluß weg sondern schaute, daß sie vor 1 Uhr daheim war. Zuhause sitzen konnte sie einfach nicht; das hätte un-weigerlich zur Folge gehabt, daß sie nachzudenken begann. Eben dies wollte sie aber um jeden Preis vermeiden. Sie wollte nicht in sich hinein horchen, wo nur noch ein halbes Herz schlug. Die andere Hälfte schien hartnäckig, trotz allen Widerstandes ihrerseits, an Klaus zu kleben. Ihre Arbeits-kollegen auf dem Büro hatten wohl bemerkt, daß Karena stiller war als sonst, wollten sie aber nicht mit indiskreten Fragen löchern. Sie waren auch alle einiges älter als Karena und man hatte untereinander zwar ein gutes, aber eben rein aufs Geschäft beschränktes Verhältnis. Eines morgens, Ka-rena stand gerade im Aufenthaltsraum und machte den Kaf-fee für den Chef, Herrn Müller, fiel ihr auf, daß sie den fal-schen Pullover angezogen hatte. Das konnte ihr auch nur passieren, weil sich zur Zeit doch manchmal ihre Gedanken, gegen ihren Willen, am falschen Ort befanden – z.B. Gers-tetten?...Dieser Pullover war ganz neu und er war aus roter Angora-Wolle. Karena hatte ihn vor dem Tragen in einem speziellen Mittel waschen wollen, damit er nicht so fusselte, hatte aber heute morgen einfach nach dem nächstbesten Oberteil gegriffen und es ohne nachzudenken angezogen. Na ja, so schlimm war es ja nun auch wieder nicht – dachte Ka-rena. Sie saß schon lange wieder auf ihrem Platz und tippte auf der Schreibmaschine, als ihr auffiel, daß der Chef ab-wechselnd sie und seine Kaffeetasse ganz seltsam musterte. Während er mit gerunzelter Stirn umrührte fragte er Kare-na: „Fräulein Ebert, haben sie einen neuen Pullover an?“ Karena hatte das unbestimmte Gefühl einer auf sie zusteu-ernden Katastrophe. „Ja, Herr Müller, wieso?“ fragte sie vorsichtig. Er rührte weiter in seiner Tasse und antwortete: „Weil lauter rote Fusseln in meinem Kaffee schwimmen.“ Karena wechselte die Farbe Richtung Feuermelder und wäh-rend ihre Kollegen heimlich, der eine hinter seinem Bild-schirm, der andere hinter vorgehaltenen Unterlagen, sich Einen abgrinsten, suchte Karena krampfhaft nach einer gu-ten Erklärung oder Entschuldigung. In ihrer argen Not fiel ihr plötzlich die Geschichte ein, die ihr am Vortag ihre Mut-ter, die natürlich Mitglied beim Tierschutzverein war, er-zählt hatte und die ihr in der Hektik ihrer krampfhaft nach einem Ausweg suchenden Gedanken als etwas suspekter, aber hoffentlich rettender Anker erschien. Etwas atemlos und vor lauter Hektik vom Hochdeutschen ins Schwäbische abrutschend sprudelte sie also hervor: „Wissat se, Herr Mül-ler, des isch ed so schlimm. Mei Mutter hat erzählt, daß im Tierheim a Aaraweih (Mäusebussard) sitzt ond dem muß ma d Mäus mit m Fell serviera, weil des nämlich da Maga rei-nigt.“ Während die Kollegen prustend fast unter den Schreibtisch rutschten, entgegnete Herr Müller mit mühsam aufrechterhaltener Ernsthaftigkeit: „Fräulein Ebert, das mit dem Bussard ist ja schön und gut; aber ich möchte meinen Kaffee doch lieber ohne Fussel, auch wenns den Magen rei-nigt.“ Äußerst froh, sich dem Gelächter der Kollegen und dem Grinsen des Chefs entziehen zu können verschwand Karena mit Höchstgeschwindigkeit und dem Kaffee im Auf-enthaltsraum, um eine neue Kanne – ohne „Mäusefell“ - aufzubrühen.

                *

Dies war aber noch nicht das letzte unangenehme Erlebnis an diesem Tag. Irgendwie schienen sich die Mäuse heute gegen Karena verschworen zu haben und zwar in äußerst unangenehmer Hinsicht. Sie hatte zum Glück den Mittag frei und kam also zum Essen nach Hause. Ihre Mutter hatte extra etwas gekocht, von dem sie wußte, daß Karena es mochte. Das Mädchen hatte nämlich seit der Geschichte mit Klaus und Melinda fast nichts mehr gegessen und natürlich machte sich Karenas Mutter Sorgen. Der Vater ließ sich normalerweise nichts anmerken, denn mit Liebeskummer heranwachsender Töchter hatte er nicht viel am Hut, wenn er auch sonst ganz in Ordnung war. Karena war selbst über-rascht, aber anscheinend begann es ihr seelisch doch wieder besser zu gehen, denn sie hatte tatsächlich einen Mordshun-ger und freute sich richtig auf das Schnitzel, das vor ihr auf dem Teller lag. Ihre Mutter war in die Küche gegangen und in diesem Moment kam ihre Oma zu Tür herein. Karenas Oma wahr ziemlich schwerhörig, wie bereits erwähnt, und man mußte sehr laut reden, damit sie einen verstand. „Hallo Mädle!“ sagte sie und Karena grüßte zurück, während sie schon die Gabel hob. Die Oma ließ sich auf`m Küchenho-cker nieder und fragte leicht grinsend: „Woisch scho, was dei Kater heut agestellt hat?“ In banger Vorausahnung ließ Karena die Gabel sinken und rief laut: „Omi, i will´s gar net wissa!“ Die Oma verstand es nicht und sprach ohne Zögern weiter: „Er hat a Maus gfanga. Ond woisch, was r dann tan hat?“ „I wills wirklich net wissa!!!“ schrie Karena verzweifelt. „Noe, net auf`s Kissa,“ antwortete die Oma ungerührt, „er hat d Maus auf dei Bettdecke kotzt ond`s Kuddelwerk (Inne-reien) glei derzu“ Mit resigniertem Gesichtsausdruck schob Karena den Teller zurück und legte die Gabel hin. Mit dem Bild der halbverdauten Maus auf ihrem Bett vor Augen bot das saftigste Schnitzel nicht mehr den gewünschten Anreiz.


Die Schlägerei

Als sie an diesem Abend – gottseidank war`s Freitag – bei Gitta auftauchte, wurde sie erpresst: Mama und Oma hatten bereits bei der Freundin angerufen und vom nahen Hunger-tod Karenas berichtet. Daraufhin hatte Gitta ein Schinken-brot gerichtet und weigerte sich standhaft, mit Karena auch nur einen Schritt aus dem Haus zu gehen, bevor sie dies nicht gegessen hatte. So kam es, daß Karena an diesem Tag doch noch etwas aß. Gitta wollte ins Dreary Night, da sie sich dort mit Micki verabredet hatte, was Karena weniger begeisterte, da sie befürchtete dort wieder auf Melinda und Klaus zu treffen. Gitta beruhigte sie jedoch, indem sie sagte: „Überleg doch maul! Wir sind in letschdr Zeit so oft im Dreary gwesa ond bloß a einzigs maul sind uns dia begegnet. I denk wirklich net, daß se ausgrechnat heut scho wiedr da sind.“ Gittas Voraussage sollte sich nur zur Hälfte bewahr-heiten. Karena hatte es zuerst nicht bereut, daß sie sich doch noch hatte überreden lassen, in die Disco zu gehen. Es war viel los, die Musik war gut und an ihrem Tisch saßen eine Menge Leute. Anfangs amüsierte sie sich recht gut, bis ihr auffiel, daß sie einer der Typen am Tisch die ganze Zeit an-starrte. Es war der Kumpel von Wolter, dem Mann mit der Probefahrt. Irgendwann wurde es Karena zu bunt und sie fragte leicht genervt, ob er ein Paßbild wolle oder was sonst nicht mit ihr stimme. Mit beleidigtem Gesicht fragte dieser: „Was hat denn Wolter, was i nett hab.“ Und als Karena nur fragend die Augenbrauen hochzog, fuhr er mit gehässiger Stimme fort: „Wie war s letzschs Wochenende mit meim Kumpl im Bett?!“ Obwohl leicht geschockt ob des Gerüchtes, war Karena doch nicht ernsthaft überrascht. Kannte sie doch die Männer und ihre Sprüche untereinander zu Genüge. So kam es, dass sie ernst und fast ohne zu zögern entgegnete: „Bsonders gut kann r net gwesa sei, dei Kumpl, sonscht müßt i mi dran erinnra!“ Die anderen am Tisch, die sich neugierig diesem Disput zugewandt hatten begannen zu kichern und der eifersüchtige Kumpel von Wolter verzog sich gekränkt. Nach dieser Geschichte hatte sich Karenas zuvor ausnahmsweise gute Laune natürlich wieder ver-schlechtert. Logischerweise konnte das Schicksal es nicht damit bewenden lassen und durch die Tür kam ..... Klaus. Karena starrte auf ihn und erwartete unbewußt, daß ihm gleich Melinda folgen würde. Doch er war alleine. Karena zwang sich, den Blick wieder Gitta zuzuwenden, die gerade etwas zu ihr gesagt hatte. „Was hasch gsagt?“ Gitta hatte inzwischen Klaus ebenfalls entdeckt, wiederholte aber, was sie soeben erzählt hatte: „Karena, nimm di in acht vor dem Kumpl vom Wolter, der steht drüba an dr Bar ond starrt di d ganz Zeit finster an.“ „Ach der, der gat mir doch Lichtjahre am Hintra vorbei.“ winkte Karena ab und wandte sich wie-der der Runde am Tisch zu. Sie hätte besser auf Gitta hören sollen, denn in solchen Sachen hatte diese einen untrügli-chen Instinkt. Sie spürte förmlich, wenn sich Ärger anbahn-te. Und – tatsächlich – als Karena wenig später an die Bar ging, rempelte sie eben dieser gekränkte Eitle an. „Na, wie wärs? Des Wochenende könntescht d ja dann mit zu mir ganga. Wolter isch ja schließlich net da ond bei mir wird’s dir gwiß net langweilig.“ Mit angewidertem Gesicht wandte sich Karena ab und wollte sich entfernen, als sie grob am Arm gepackt wurde. Der Typ zog sie an sich und versuchte die sich Windende auf dem Mund zu küssen. Plötzlich wur-de sie so abrupt losgelassen, daß sie gegen die Bar taumelte und sich festhalten mußte. Noch ehe sie sich wieder völlig aufgerappelt hatte, sah sie Wolters Kumpel zu Boden gehen, über ihm einen wutentbrannten Klaus. Karenas Herz schien bis in ihren Hals zu klopfen. Er hatte sie verteidigt! Sie ver-bot es sich jedoch, den Gedanken weiterzuspinnen. Viel-leicht hatte er es ja nur aus Ehrenhaftigkeit getan. Sie durfte nicht zuviel in diese Aktion hineininterpretieren. Wolters Kumpel hatte sich inzwischen wieder erhoben und ging mit gesenktem Kopf auf Klaus los. Innerhalb kürzester Zeit wa-ren die beiden ein unentwirrbares Knäuel von Armen und Beinen. Karena fürchtete, daß Klaus verletzt werden könnte, aber sie hatte keine Ahnung, wie sie in dieses Getümmel eingreifen sollte. Da nahte der rettende Engel in Form von Micki. Micki ließ sich absolut nicht von dem Gewurstel be-eindrucken. Er griff sich mit jeder Hand einen der beiden Kampfhähne und drückte sie auseinander. Inzwischen wa-ren auch ein paar der anderen vom Tisch eingetroffen und sie bugsierten den Bösewicht hinaus. Karena sah mit Schre-cken, das Klaus von der Schläfe her Blut übers Gesicht lief, doch noch ehe sie sich überwinden konnte etwas zu tun oder zu sagen, hatte er sich ohne einen Blick auf sie abgewandt und war verschwunden. Mit zitternden Beinen ließ sie sich auf einen Barhocker sinken und Gitta kam angeeilt um zu fragen, was denn um Himmels Willen genau losgewesen wäre. Bevor Karena zu erzählen begann, bestellte sie sich einen doppelten Wodka-Johannisbeer und kippte ihn in einem Zug hinunter. Dies war nicht der letzte, den sie in dieser Nacht trank. Allerdings wurde sie fast von ihrer inne-ren Unruhe aufgefressen und schließlich überredete sie Gitta und Micki, mit ihr nach Gerstetten zu fahren. Sie wußte ü-berhaupt nicht, was sie dort wollte oder sollte, aber irgend etwas trieb sie dazu herauszufinden, wie es Klaus ging.


Das Müllmonster

Als sie vor Klaus Haus parkten, stand sein Capri schon da und im Haus war kein einziges Licht mehr an. Es war ja auch schon 3 Uhr morgens. Karena stieg leicht unsicher, einer der Wodkas war wohl schlecht gewesen, aus Mickis Wagen und überlegte erst einmal, was sie jetzt tun sollte. Ihr vom Alkohol benebeltes Hirn arbeitete nicht mehr ganz so schnell, wie es sollte. Schließlich kam ihr eine Idee. Klaus` Schlafzimmer lag nach hinten zum Garten hinaus und da er im Erdgeschoß wohnte, konnte sie eventuell durchs Fenster lugen, ob er gesund zuhaus angekommen war. Prompt setzte sie ihren Entschluß in die Tat um. Hinter dem Haus ange-kommen, ergab sich allerdings ein rein technisches Prob-lem: das Schlafzimmerfenster lag genau so hoch, daß Karena auf Zehenspitzen ihre Nase gegen den Rahmen drücken konnte, allerdings hoch genug, so dass sie absolut null Aus-sicht ins Innere des Raums hatte. Sie lehnte sich resigniert gegen die kalte Hauswand und trat wütend mit dem Fuß gegen einen dunklen Umriß, der sich ganz unvermittelt als ihre Rettung erwieß: die große schwarze Mülltonne! Karena wurstelte und schaffte, bis das Riesending direkt unter Klaus` Fenster stand. Geräuschlos war dies natürlich nicht vonstatten gegangen, aber sie hatte sich bemüht, so leise wie möglich zu sein. Als der Gewaltakt vollführt war, stand sie allerdings wieder ziemlich ratlos vor der Tonne, denn es war ihr unklar, wie sie hinaufkommen sollte. Da! Der rettende Anker bzw. Eimer ... ein leerer Eimer! Kurzerhand stellte sie diesen wie eine Stufe vor die Tonne und schaffte es, was nach ihren ca. 5 Wodkas gar nicht leicht war, tatsächlich ein Knie auf den Deckel der Tonne zu bekommen. Endlich knie-te sie auf ihrem Aussichtsturm und versuchte verzweifelt in das dunkle Schlafzimmer zu spähen. Irgendwie spiegelte sich der Mond in der Scheibe und Karena mußte, um etwas sehen zu können, die Arme heben und die Augen mit den Händen beschatten. Das hätte sie besser gelassen. Durch die Bewegung kam sie ins Wackeln und ihr Untersatz begann sich wie der schiefe Turm von Pisa zu neigen – nur dass der Turm im Gegensatz zur Tonne standhaft geblieben war. Durch die Schwerkraft, das Gewicht und irgendwelche für Blondinen zu komplizierte physikalische Bedingungen, stürzte Karena schneller als die Tonne. Beim Versuch, auf den Füßen zu landen, trat sie in den inzwischen umgekipp-ten Eimer und fiel auf den Rücken wie ein Maikäfer. Das Müllbehältnis landete mit lautem Krach auf ihr und zum Abschluß ging der Deckel auf, schlug auf Karenas Nase und der appetitliche Inhalt ergoß sich über ihre Schultern. Zu allem Überfluß wurde sie auch noch in plötzliches Flutlicht gehüllt und eine sich überschlagende Männerstimme brüll-te: „Halt, wer da?!!!“ Der ganze Radau hatte zwar nicht Klaus, aber den Nachbarn auf den Plan gerufen, welcher nun, mit einer enormen Taschenlampe fuchtelnd, über dem Zaun lehnte. Karena war mit einem Schlag wieder nüchtern. Was für eine Blamage wäre das, wenn Klaus sie so sehen würde. In Windeseile sprang sie auf, was erneutes Gepolter zur Folge hatte, und rannte um die Ecke des Hauses, mit dem Eimer hartnäckig am Fuß klemmend. Hoffentlich hatte sie der Nachbar nicht erkannt. Die Sorge hätte sie sich spa-ren können, da dies ziemlich unwahrscheinlich war: in ih-rem Haar hingen Salatblätter, ihre Schultern waren von geisterhaftem Weiß, da eine halbleere Mehltüte sich darauf verewigt hatte und ihr Gesicht war von Staub so ver-schmiert, daß sie eher einem Sumpfmonster als einem Men-schen glich. Immer noch laufend, so schnell es eben mit ih-rem beeimerten Fuß ging, erreichte sie Mickis Auto und klopfte hektisch gegen die Scheibe. Sie sah in zwei völlig entsetzte Gesichter. Erst als Gitta und Micki erkannten, daß es sich hier nicht um Freddi Krüger oder ähnliches, sondern nur um Karena handelte, wandelte sich ihr Erschrecken in Amüsement. Gitta bedauerte, daß sie keinen Photoapparat dabei hatten um den Anblick zu verewigen. Karena aller-dings konnte der ganzen Sache nicht so viel Spaß abgewin-nen. Wenigstens konnte sie einen Erfolg verbuchen: Bevor ihr Mülltonnenmaraton begann, hatte sie einen kurzen Blick auf einen offensichtlich selig schlafenden Klaus erhascht. Somit war ihre Mission erfüllt.


Geschichten?

Am nächsten Abend wollten die „Unverwüstlichen“ schon wieder auf Tour. Diesmal hatte sich Karena allerdings strikt geweigert schon wieder ins Dreary Night zu gehen. Die Er-fahrungen der letzten Nacht reichten ihr für eine Weile. Man traf sich, wie meist, bei Gitta. Heute war auch Candi mal wieder mit von der Partie. Als Karena und Candi bei Gitta eintrafen, steckte diese noch mitten in ihrem Styling. Ihr langes Haar war von seltsamen lockenwicklerartigen Din-gern in allen möglichen Farben durchsetzt und sie trug ei-nen langen, rosa Bademantel. Alles in allem sah sie wie ein pink Marsmensch aus. Bevor sie ins Bad huschte öffnete sie ihren Kleiderschrank und rief den beiden Mädchen zu: „Guckt maul nei, was i heut abend anzieha soll!“ Candi und Karena warfen einen Blick in den Schrank und sahen sich danach ratlos an. Der Schrank enthielt eine äußerst ausge-dehnte Kollektion: Schwarze Stretchjeans, schwarze Stretch-jeans und noch einmal schwarze Stretchjeans. Schwarzes T-Shirt, schwarzes Sweatshirt und noch einmal schwazes T-Shirt und das alles in Serie. Als Gitta aus dem Bad zurück-kehrte fand sie zwei grinsende Gestalten vor, die sich ent-schuldigten, daß sie bei dieser Fülle an Farben und Formen sich nicht hatten für ein Gewand entscheiden können. Gitta schnitt eine Grimasse, klaubte ein Kissen von ihrem Bett und warf es nach den beiden. Als die Lockenwickler ver-schwunden waren und der rosa Bademantel gegen schwar-zes Outfit getauscht, erstrahlte Gitta wieder in gewohnter Schönheit und die drei konnten sich endlich auf den Weg machen. Man hatte beschlossen, heute in Schnaitheim in den „Schuppen“ zu gehen, eine früher von den Mädchen öfters aufgesuchte Disco, die aber in letzer Zeit etwas in Ver-gessenheit geraten war über dem ganzen Trubel um Micki, Klaus etc.. Als sie das Lokal betraten, konnten sie sich kaum retten vor Begrüßungen und Umarmungen. Hier kannte jeder jeden. Als sie an einem Tisch Platz genommen hatten, haute es sie fast aus den Socken über soviel Courage, denn tatsächlich und ohne die geringste Scham kam Melinda auf sie zu stolziert und setzte sich völlig unaufgefordert an den Tisch. Karena sprang auf und überlegte hektisch, ob sie sich woanders hinsetzen oder einfach abhauen sollte aber da begann Melinda schon zu sprechen: „Oh Karena, jetzt stell di halt net so an!“ Vor lauter Überraschung über so viel Un-verfrorenheit plumpste sie zurück auf die Bank. „I glaub, du willsch wirklich mit mir Ärger han?!“ Preßte Karena zwi-schen zusammengebissenen Zähnen hervor; doch Melinda blieb völlig cool. „Mensch, des hab i doch alles nur dir zlieb tan.“ Karena war einen Moment sprachlos, dann fragte sie total überrumpelt: „Mir zliebe??!!“ und gleichzeitig fragten auch Gitta und Candi: „Ihr zliebe??!!“ während sie auf Kare-na deuteten. „Na klar,“ kam die ungerührte Antwort, „Über-legat doch maul - wenn dr Klaus sich net mit mir eiglassa hätt, hätt er sich irgend a andre anglacht. Bloß hätt des dann d Karena gar net mitgekriegt ond er hätt se recht furchtbar verarscht. Also hab i ihra doch an Gfalla tan indem i ihra bewiesa hab, dass der Typ viel z schlecht für se isch.“ Alle drei Freundinnen sahen sich mit Fragezeichen in den Augen an. Mußte man diese Logik verstehen? Als Melinda ihre Fel-le davonschwimmen sah, änderte sie ihre Methode und brach wieder mal unvermittelt in Tränen aus. „Außerdem hat er sich bei mir oifach nemme gmeldet. Jetzt bin i wieder so alloi ond – “ zögernd mit einem mißtrauischen Blick auf Karena setzte sie hinzu: „ond schwanger!“ Erschrocken war-fen Gitta und Candi Karena einen Blick zu, diese hatte sich wie meist im Griff; nur ihr Gesicht war um eine kleine Nu-ance blasser geworden, was man aber bei der diffusen Be-leuchtung im Schuppen kaum wahrnehmen konnte. Natür-lich war ihr klar, daß es höchstwahrscheinlich wieder eine von Melindas hundert erfundenen Schwangerschaften war; aber wußte man s? Jedenfalls hatte Karena für heute genug von Melindas Geschichten und so stand sie wortlos auf und begab sich an die Bar. Sie hatte sich eben ein Korea bestellt und wollte ihr Geld herauskramen, als sich eine Hand auf ihre Schulter legte und eine tiefe Stimme sagte: „Des zahl i.“ Karenas ganzer Körper versteifte sich und auf ihrem Gesicht spiegelten sich die widersprüchlichsten Gefühle wieder. Langsam wandte sie sich um und sah zu dem Typ auf, des-sen Hand immer noch auf ihrer Schulter ruhte. Es war Timo, ihr Ex-Freund. Eben so einer, bei dem sich der „Man-sieht-sich-Spruch“ voll und ganz im negativen Sinne erfüllt hatte und der sich einfach von einem Tag auf den anderen nicht mehr gemeldet hatte. Bis heute war sich Karena sicher ge-wesen, daß sie ihn bei einem Wiedersehen sofort vom Acker jagen würde. Als sie aber nun in diese tiefblauen Augen blickte, kamen ihr leise Zweifel. Trotzdem stellte sie sofort die Stacheln und meinte giftig: „So, au maul wiedr im Land.“ „I ergeb mi, net schießa!“ Mit bezwingendem Lächeln und erhobenen Händen stand Timo vor ihr und irgendwie konn-te sie sich das Grinsen nicht verkneifen. Karena war klar, daß er seine übliche Anmache abzog, schließlich war sie sei-nem Mega-Charme schon einmal erlegen. Ein zweites Mal würde es nicht geben. Aber warum sollte sie sich nicht ein wenig amüsieren und ihn sich winden sehen. Anscheinend wollte er wirklich alle Register ziehen, denn er entschuldigte sich sogar bei ihr und kam ihr mit 1000 – sicherlich an den Haaren herbeigezogenen – Ausreden daher, warum er sich nicht mehr bei ihr gemeldet hätte. „Ja, ja, i woiß!“ entgegne-te Karena ungerührt. „Du wurdesch auf n Mars entführt ond genau wie bei E.T. hatt s Telefon net gnügend Reichweite ghabt um mi zu informiera ond s Raumschiff hatt an platta Reifa ghet.“ „I geb`s auf. Muß i vor dir auf d Knie sinka ond dr d Hand küssa?“ „Natürlich.“ Sagte Karena und streckte gebieterisch ihre Hand aus. Mit was sie aber nicht gerechnet hatte – er tat es tatsächlich, zum Amüsement des halben Lokals. Jedenfalls hatte er es geschafft, Karena zum Lachen und auf andere Gedanken zu bringen und bald standen sie Arm in Arm und munter plaudernd an der Theke. Was Ka-rena entging, war Melindas Blick, der durchdringend auf ihren Rücken gerichtet war. Gitta allerdings hatte ihn wohl bemerkt und konnte Melinda auch ansehen, daß sich die Gedanken hinter ihrer Stirn überschlugen. Was brütete die-se Frau denn jetzt schon wieder aus? Als Melinda sich nach einer Weile ganz unauffällig entfernte, machte Gitta Candi ein Zeichen und folgte ihr ebenso unauffällig. Melinda ging schnurstracks zum an der Wand befestigten Telefon und wählte eilig eine Nummer. Da Gitta sich ja nicht einfach hin-ter sie stellen konnte ging sie, so langsam es möglich war ohne aufzufallen, an Melindas Rücken vorüber und versuch-te, so viel wie es ging von ihren Worten aufzuschnappen. Dies war bei der lauten Musik und der Geräuschkulisse na-türlich so gut wie unmöglich. Das einzige, was sie im Endef-fekt mitbekam war, daß sie mit Klaus telefonierte. Gitta ü-berlegte, ob sie Karena Bescheid geben sollte, ließ es aber mit einem Blick auf die beiden entspannten Gestalten an der Bar wohlweislich bleiben. Vorerst konnte sie sowieso nichts unternehmen. Sie mußte erst einmal abwarten, was Melinda wieder eingefädelt hatte. Solange konnte sie nur eines tun: in ihrer Nähe bleiben und aufpassen. Also drückte sie sich möglichst unauffällig in Melindas Umkreis herum und un-terhielt sich mit allen möglichen Leuten. Keine halbe Stunde später schien Punkt 1 von Melindas Plan im Schuppen ein-zutreffen: Klaus. Als Melinda ihn erblickte, raste sie auch gleich auf ihn zu und fiel ihm um den Hals. Danach zog sie ihn an die Bar und zwar an eine Stelle, von wo aus er Karena und Timo beim besten Willen nicht übersehen konnte, diese aber ihn nicht im Blick hatten. Dabei handelte es sich an-scheinend um Punkt 2 des Plans, denn Klaus` Gesicht spie-gelte Wut und Enttäuschung wieder, als er das Paar erblick-te, welches so scheinbar harmonisch und sehr eng aneinan-dergeschmiegt an der Theke lehnte. Gitta schlich sich wieder ganz in der Nähe ein und hörte Melindas Stimme sagen: „Siehsch, i hab dir ja gsagt, daß se no an ihrem Ex hängt. Für die warsch doch blos a Notnagel. Bei ihr hasch sowieso nie ernsthaft a Chance ghabt ond unsre Umarmung in dr Küche war ihr bloß a willkommener Vorwand um di abzschiaßa. Wenn se dir des mit mir je verzieha hätt, wärsch doch em-mer blos d zweite Wahl gwesa.“ Gitta sah, wie sich Klaus` Gesicht verkrampfte. Doch Melinda bemerkte nur, daß er trotzig den Arm um ihre Schultern legte. Anscheinend war Melindas Plan insoweit aufgegangen. Indem sie Klaus eine scheinbar glücklich liierte Karena vor Augen geführt hatte, konnte sie nun seine Enttäuschung und Trostbedürftigkeit nutzen und ihn wieder für sich gewinnen. Demonstrativ gin-gen die beiden, als sie dem Ausgang zustrebten, an Karena und ihrem Verehrer vorüber und Melinda ließ es sich nicht nehmen, sich übertrieben freundlich zu verabschieden, wäh-rend sie sich noch enger an Klaus drängte. Karena hatte die beiden zuerst gar nicht bemerkt, erst als Melinda sie an-sprach wandte sie sich immer noch über einen Scherz Timos lächelnd um und das Lächeln erstarrte auf ihren Lippen, als Melinda extrem eng an Klaus gekuschelt das Lokal verließ. Timo hatte ihren plötzlich sonderbar abwesenden Blick be-merkt und fragte sie zum wiederholten Male, was denn los sei. Doch Karena sah ihn nur blicklos an und bestellte das nächste Getränk.

                *

Gitta blieb noch eine Weile in der Nähe stehen. Als sie aber sah, daß Karena sich wieder im Griff hatte und, wenn auch etwas verkrampft, sich wieder lächelnd mit Timo unterhielt, setzte sie sich wieder an den Tisch zu Candi. Candi erwartete schon gespannt Gittas Bericht und nachdem sie ihn beendet hatte, hegten beide einen regelrechten Hass gegen Melindas Lügen und Intrigen. Wenig später wurde Timo für Karenas Begriffe zu anhänglich – oder lag es nur daran, daß sich ihr Herz nach Klaus Schachzug in einen Eisklumpen verwandelt hatte? Jedenfalls flüchtete sie zurück zu ihrem Tisch. Ob-wohl Gitta und Candi ständig versuchten sie mit lustigen Geschichten und coolen Sprüchen aufzumuntern, wurde Karena immer stiller und zum Schluß redete sie kaum noch ein Wort. Als es im Schuppen dem Feierabend zuging, merk-ten Candi und Gitta, daß Karena mal wieder keine Lust hatte nachhause zu gehen. Die beiden sahen sich fragend an und Candi nickte Gitta dann zu. „Karena, wie siehts aus? Solla mr an dr Tankstell no was zum Trinka kaufa ond ons in mein Garta setzta?“ „Tankstell isch gut,“ meinte Karena lei-se, „aber net in da Garta, fahrat mr auf n Steinbruch.“ Der Steinbruch war natürlich schon ewige Zeiten außer Betrieb. Heutzutage war er einfach ein landschaftlich einmaliger Platz mit seinen Schluchten, seinen Felsen und seinem üp-pigen Grün. Karena war schon als Kind oft stundenlang durch den Steinbruch getigert und auch heute noch liebte sie diesen Ort. „Gut, meinte Candi und erhob sich, um ihre Ja-cke anzuziehen. Gitta wollte es ihr eben gleichtun, als sie zögerte und mit leuchtenden Augen eine sich nähernde Ges-talt anblickte. Karena und Candi erkannten den auf sie Zu-kommenden; es war Micki. Gitta ging einen Schritt auf ihn zu und er umarmte und küßte sie. Candi und Karena mus-terten die beiden verhohlen und wunderten sich, daß Gitta gar nicht die Farbe wechselte, als sie geküßt wurde. Aber sie gewöhnte sich wohl doch langsam daran. „I hatt heut gar net mit dir grechnat!“ rief sie erfreut, sah dann aber schuldbe-wußt auf Karena. „Aber i kann gar net bleiba. I hab Karena ond Candi versprocha, daß i no mit wohin geh.“ Candi und Karena tauschten einen verständnisinnigen Blick und Candi sagte zu Gittas großer Erleichterung: „Geh Knutscha, Gitta, dann könnat mr wenigschtens über di au no herzieha, ohne daß d ons störsch.“ Gitta wußte, wie`s gemeint war und zwinkerte ihnen dankbar zu. Karena hatte inzwischen auch ihre Jacke angezogen und die beiden verabschiedeten sich mit einem Winken, welches Gitta und Micki allerdings aus umarmungstechnischen Gründen nicht mehr mitbekamen. Als der Schuppen, mit einer Stunde Verspätung, tatsächlich schloß und Micki Gitta vor ihrer Wohnung abgesetzt hatte, fragte sie sich, noch in Erinnerung an Mickies langen Kuß versunken, was wohl Candi und Karena gerade taten. Bei aller Fantasie hätte sich die Gute wahrscheinlich doch nicht die tatsächlichen Ereignisse auf dem Steinbruch ausmalen können.


Neue Freunde

Die eben Erwähnten hatten, nach ihrem Tankstelleneinkauf und einem Anruf bei Candies Paul, daß es eher früh als spät werden könne, gerade den Parkplatz des Steinbruchs er-reicht. Karena parkte den Wagen. Anscheinend ging es ihr wieder etwas besser, denn unter Gelächter ließ sie den Sekt-korken gegen die Autodecke knallen und meinte zu Candi: „Fascht wie bei dir im Garta, gell?“ „Ja, zum Glück abr ohne Dusche!“ entgegnete Candi grinsend. Nachdem sie ein paar Schluck genommen hatten, fiel Karena auf, daß ja die Wiese, auf welcher sie Platz zu nehmen gedachten, noch ziemlich weit weg war. Dies war ein Problem, denn weit laufen konn-te und wollte sie nicht mehr, wobei ihr Candi voll und ganz zustimmte. Also mußte man mit Bedacht und Abenteuerlust die Schranke umfahren, welche den Kiesweg zum Stein-bruch vom Parkplatz trennte. Unter Gekicher und in Moto-cross-Laune fuhren die beiden mit durchdrehenden Reifen über die unbefestigten Wege und erreichten schließlich die große „Topfebene“; so genannt, weil sie oh Wunder, „topf-eben“ und ziemlich groß war. Karena hielt an, ließ aber den Motor noch laufen. Erwartungsvoll sah sie Candi an. „Sollat mr no a bißle Rallye fahra?“ Mit der Flasche Sekt in der Hand grinste Candi: „Von mir aus.“ Karena ließ den Motor ein paarmal aufheulen und fuhr los. Die Geschwindigkeit kam ihr weitaus höher vor, als sie tatsächlich war, denn:

Es war Nacht, sie war betüdelt und es gab hier jede Menge Gebüsch, welches an einem vorbeihuschte und damit eine noch schnellere Fahrt vortäuschte.

Plötzlich begann Karena zu bremsen; ihr war siedendheiß eingefallen, daß am Ende der Ebene eine tiefe Schlucht lag, in welche zu stürzen nicht gerade wünschenswert war. „Spring naus!!! Spring naus!!“ Rief sie hysterisch, während sie sich über Candi rüberbeugte und deren Tür auf-stieß...“Wir stürzat ab!!“ Als sie sah, daß Candi aus dem Auto verschwunden war, riß auch Karena ihre Tür auf und sprang hinaus – direkt in einen Dornenbusch. Während Karena noch verzweifelt kämpfte, um sich aus den bestachelten Zweigen zu befreien, kam Candi in aller Seelenruhe ums Gebüsch herum geschlendert und half ihr, zu ihrer Überra-schung immer noch grinsend und lachend, sich aus dem pieksenden Ding zu befreien. Karena rief wütend: „Des isch gar net witzig! Was isch passiert, wo isch dr Capri?!“ Candi ließ sich nicht aus der Ruhe bringen und meinte gelassen: „Reg di ab,

1.    bisch du höchstens 20 Sacha schnell gfahra.

2.    isch d Schlucht no mindeschtens 50 Meter weit weg

3.    hat s Auto scho lang gschtanda, als du gmeint hasch, du musch rausspringa.

4.    der Capri steht genau vor deiner Nas.“

Karena schob Candi ein Stück zu Seite und – oh Wunder – da stand tatsächlich ihr heiß geliebtes Gefährt heil und ganz direkt vor ihren Augen. Candi meinte immer noch erheitert: „Was hat dir denn der arme Dornenbusch tan? Der sieht ja ganz lädiert aus!“ Erleichtert begann nun auch Karena zu kichern.

                *

Später saßen sie endlich auf der Wiese unter einer großen alten Eiche und tranken Sekt. Sie kauerten auf einer flau-schigen Decke, die aus Karenas Capri stammte und hatten sich ihre Jacken eng um die Schultern gezogen. Es war emp-findlich kühl geworden, denn der September hatte schon begonnen und wenn auch die Tage noch sommerlich warm waren, konnten die Nächte doch schon ganz schön kalt wer-den. Nachdem sie bestimmt schon anderthalb Stunden gela-bert hatten, bot Karena Candi an: „Sollat mr net doch lieber ins Auto sitza? S wird doch ganz schea eisig.“ Erfreut und erleichtert stimmte Candi zu und meinte: „I muß blos no gschwind vorher Pipi.“ Damit verschwand sie hinter einem noch heilen Busch. Karena ging ungeduldig ein paar Schrit-te, als sie plötzlich über irgend etwas stolperte. Sie raffte sich wieder auf. Der Mond war hinter Wolken verschwunden und sie stand orientierungslos im Dunklen. Sie fühlte eine leichte Berührung am Arm und meinte erleichtert: „Ah, Candi, dau bisch ja endlich!“ Allerdings ertönte nicht, wie erwartet, die Stimme der Freundin, sondern ein lautes gedehntes: „Muu-uuuh!!“ Karena machte einen erschrockenen Satz zur Seite und der inzwischen wieder aufgetauchte Mond enthüllte einige sie sanft und fragend anblickenden Kühe und eine grinsende Candi, die ein paar Meter weiter hinter einem etwas lädierten Zaun stand und meinte: „So, hat ma neue Bekannte gfunda?“ Eilig rannte Karena auf sie zu und schlüpfte aufatmend durch den Zaun. Sie gingen die paar Meter zurück zum Capri und Candi meinte kichernd: „Willsch mir deine neue Freundinna net vorstella?“ Kom-mentarlos stapfte Karena hinter ihr her, obwohl sie sich selbst ein Grinsen nicht verkneifen konnte. Bald hatten sie das Auto erreicht. Als ihr Karena jedoch anbot, Candy noch nach Hause zu fahren, lehnte diese entsetzt ab mit den Wor-ten: „Noe, du hasch deine Fahrkünschd scho vorhin zu Ge-nüge unter Beweis gschdellt. Muß net sei, dass d auf`m Heimweg sämtliche Büsch massakrierschd ond d Pappe (Führerschein) nachher au no futsch isch.“ Karena sah es ein und so redeten sie noch eine Weile und schliefen irgend-wann erschöpft unter vorher erwähnter Kuscheldecke ein.

                *

Karena öffnete verschlafen ein Auge. Was war denn das für ein seltsames Geräusch? Dong, klack-klack-klack-klack, dong, klack-klack-klack. Karena öffnete mißmutig auch noch das andere Auge und spähte vorsichtig aus dem von der A-temluft angelaufenen Autofenster. Sie konnte nichts erken-nen. Dong, klack-klack. Sie kurbelte das Fenster herunter und hielt den Kopf hinaus um mehr zu sehen. Die Sonne stand schon hoch am Himmel, es mußte schon um die Mit-tagszeit sein. Klong – „Aua!“ Ein Tannenzapfen war auf Ka-renas bekatertem Kopf gelandet und hatte sich in ihrem lan-gen Haar verfangen. Ärgerlich begann sie das lästige Ding herauszuwinden während ihr Blick die vermeintliche Schuß-richtung zurückverfolgte. Schließlich blieben ihre Augen in den Wipfeln eines Tannenbaumes hängen und sie sah in die wütend glänzenden Knopfaugen eines Eichhörnchens, das mit lautem Gezeter den nächsten Tannenzapfen warf. Dies-mal traf er wieder das Auto. Das ergab dann das Geräusch, welches Karena geweckt hatte: Dong – der Aufprall und klack-klack-klack – das Abrollen über das Heck des Wagens. Karena mußte – trotz Kopfweh – grinsen und meinte: „Ja, ja! Mr verschwindat ja glei.“ Die Unruhe im Schlafgemach hatte endlich auch Candi geweckt und sich reckend und streckend fragte sie etwas unwirsch: „Was gat denn hier ab?“ Als Karena jedoch stumm lächelnd aus dem Fenster zum „Bombenattentäter“ deutete, besserte sich auch Candies Laune schlagartig. „So, was macha mr denn jetzt mit m anbrochena Tag?“ Gähnte sie Karena an. „Null Ahnung, wie wär`s mit Frühschdück?“ „Gute Idee, aber gangad mr zu mir. Paul wird sich scho Sorga gmacht han, obwohl i gestern ja no angrufa hab.“ Wenig später saßen sie bei einem äu-ßerst verspäteten Frühstück – es war schon 12.30 Uhr. Ka-rena spürte immer noch diese verdammte Unruhe in sich. Sie konnte einfach daß Bild von Melinda und Klaus nicht vergessen, die engumschlungen den Schuppen verließen. Sie konnte auch nicht vergessen, was Melinda über ihren „Zu-stand“ gesagt hatte. Auch wenn sie sich 100 mal einredete, daß dies wieder mal nur eine von Melindas Erfindungen war, ein Rest an Zweifel blieb doch immer in ihrem Kopf. Paul war gar nicht zuhause gewesen. Candi hatte einen Zet-tel vorgefunden, daß er heute ausnahmsweise eine Probe mit seiner Band hätte und erst später am Abend zurückkommen würde. Paul spielte nämlich Klavier in einer Jazzband. Auf gewisse Art war Candi ein wenig erleichtert, denn so konnte sie sich um ihre Freundin kümmern die, wenn sie sich un-beobachtet fühlte wie gerade jetzt, einen so verzweifelten Ausdruck in den Augen hatte. Sie tat Candi sehr leid, denn auch sie wußte, was Herzschmerz bedeutete.


Nacktbad mit frivolen Folgen

Plötzlich kam ihr eine Idee. „Karena, wie wärs denn, wenn mr nach Roth ins Rockcafe fahra tätat?“ Karena überlegte kurz. Im Rockcafe waren sie erst einmal gewesen; Micki hat-te sie dorthin mitgenommen und erzählt, daß seine Band die „Gripers“ dort auch öfters verkehrten. Es hatte allen drei Mädchen damals sehr gut dort gefallen. Es lief gute Rock-musik und es war einiges los. Karena stimmte schließlich zu. Es war zwar ein gutes Stück zu fahren bis Roth bei Neu-Ulm, aber sie wollte unbedingt raus aus Schnaitheim und – we-nigstens für kurze Zeit – mal was anderes sehen. „Rufat mr blos vorher no d Gitta an, die möcht beschdimmt au mit ond kann sich dau mit Micki treffa, der wohnt ja ganz in der Nä-he.“ Nachdem sie bei Gitta allerdings niemand erreichten, brachen sie zu zweit auf, nachdem sie für Paul einen Zettel hinterlassen hatten. „Wenn des so weitergat verkehr i blos no schriftlich mit meim Mann.“ Stöhnte Candi mit einer halb verzweifelten, halb belustigten Grimasse zu Karena, nachdem sie im Auto saßen. Es war ein ausnahmsweis war-mer Spätsommertag und im Capri herrschte eine Glutshitze. Karena stellte die Lüftung auf „volle Pulle“ und starrte wenig später sehnsüchtig auf die 2 Baggerseen, an denen sie auf halben Weg nach Roth vorüberfuhren. Kurzentschlossen setzte sie den Blinker und bog in einem sehr verspäteten und äußerst gewagten Manöver auf den zum See führenden Feldweg ab. Candi klammerte sich am Sitz fest und blickte vorwurfsvoll auf die Pilotin. „Abkühlung!“ war das einzige Wort der Erklärung, welches sie zu dieser Aktion zu hören bekam, von einem verlangenden Blick auf die glänzende Wasserfläche begleitet. Wenig später stand der Capri einsam am Ufer, übersäht von den achtlos durcheinandergeworfe-nen Klamotten der Mädchen. Kichernd und sich gegenseitig naß spritzend standen diese im See, so wie sie Gott erschaf-fen hatte. Da sie keine Badesachen dabei hatten und sich trotz Sonne, Wonne und Hitze – oh Wunder – keine ande-ren Badegäste an den See verirrt hatten, bot sich das Nackt-baden ja regelrecht an. Entspannt und abgekühlt saßen sie wenig später wieder „angehäst“ (bekleidet) im Auto und setzten die Reise fort. Am Anfang wunderten sie sich nicht, als ihnen 2 junge Männer vom Wagen auf der Gegenfahr-bahn aus heftig zuwinkten, hupten und grinsten. So was kam bei jungen Frauen im Auto ja immer mal vor. Als aber der Familienpapa mit Frau und 3 Kids, wenig später der Opa mit Oma und Gebiß und noch etliches andere auch hupte, smilte (grinsen) und wedelte, kam`s den Mädels doch lang-sam spanisch vor. Karena beugte sich etwas vor, da ihr auf-gefallen war, dass die Blicke der interessierten Leute schein-bar immer erst auf der Motorhaube des Capri landeten, be-vor sie in Begeisterung ausbrachen. Ein breites Grinsen ü-berzog langsam ihr Gesicht, als sie den Grund der allgemei-nen Ekstase erblickte: fröhlich flatternd hing der knallrote Push-up-BH von Candi, nach der Badeunterbrechung schlicht und ergreifend vergessen, an der Capri-Antenne! In lautes Gelächter ausbrechend deutete Karena auf das „Reiz-wäsche-Fähnele“ und Candi bekam eine Farbe, als ob sie in den Rouge-Topf gefallen wäre. Mit allem Nachdruck bestand sie dann darauf, am nächsten Parkplatz herauszufahren und das zweideutige Übel schnellstens von seinem Platz zu ent-fernen.


Capri-Katastrophe

Es war erst gegen 15 Uhr an diesem Sonntagnachmittag als sie, nach dem BH-Intermezzo immer noch erheitert, die Kneipe in Roth erreichten und doch war schon einiges los. Die beiden Mädchen suchten sich einen Platz an der Theke und bestellten sich zuerst einmal einen Kaffee. Karena trank sonst sehr selten das heiße Gebräu, aber heute litt sie noch unter den Nachwehen des letzten Abends und der kurzen Nacht im Auto. Gegen 16 Uhr betrat Micki, gefolgt vom Sän-ger der Band, das Lokal und steuerte mit einem erfreuten Lächeln auf Karena und Candi zu. „Hallo!“ Er sah sich su-chend um. „Wo habt r denn d Gitta glassa?“ Candi antworte-te: „Wir hand se leider dahoim net erreicht, sonsch hättad mr se scho mitbracht.“ Enttäuscht ließ Micki sich auf einen leeren Hocker neben den beiden Mädchen sinken. Nicht-destotrotz ließ er nicht den Kopf hängen sondern unterhielt sich lebhaft mit den beiden. Er stellte ihnen auch den hüb-schen Sänger, den sie auf der Griper-Party noch gar nicht kennengelernt hatten, vor. Die Zeit verging wie im Flug und als Karena auf die Uhr sah, war es schon fast 19 Uhr. Das Wochenende war wirklich verdammt lang gewesen und, indem sie ihr die Uhr unter die Nase hielt, meinte sie zu Candi: „I denk, s wird Zeit für ons.“ Auch Candi wirkte er-schrocken. Sie hatte nicht damit gerechnet, das die Zeit so verfliegen würde und auch Paul hatte nicht unendlich Ge-duld. Sie verabschiedeten sich hastig von den beiden Män-nern und verließen eilig das Cafe. Sie waren ziemlich genau 50 Meter gefahren, da lief ihnen eine schwarze Katze über den Weg. Obwohl das Tier schon lange im Gebüsch ver-schwunden war, schrie Candi mit Handgefuchtel und durch den Brummschädel verspäteter Reaktion: „Gang von dr Straß!“ Sie meinte natürlich die Katze, aber Karena, in ihrem nervlich total überreizten Zustand, nahm sie beim Wort und setzte den Capri umgehend in den Graben; besser gesagt die Böschung hinunter und in den Garten des Rother Bürger-meisters. Mit 2 Holzpfosten geschmückt und mit dem Ma-schendrahtzaun behängt stand der Capri ziemlich traurig inmitten des Rosenbeetes. Karena sah zu Candi hinüber und fragte besorgt: „Was passiert?“ „Noe, ond dir?“ „Au net.“ Die Mädchen stiegen aus und sahen sich die Bescherung an. Der Kotflügel war verbeult und das Licht baumelte wie ein Lam-pion an seinem Kabel herunter. „Sag nomaul oiner, dass schwarze Katza Pech brengat, dann glaub i s!“ Meinte Candi mit Galgenhumor, was Karena nicht wirklich aufmuntern konnte. Inzwischen hatte es zu allem Überfluß zu regnen begonnen und die ganze Misere war einfach zuviel für sie. Ihre verzweifelt aufrechterhaltene Selbstbeherrschung fiel in sich zusammen: Sie setzte sich mitten auf die schmutzige Böschung, vergrub das Gesicht in den Händen und begann verzweifelt zu schluchzen. Roth war ein kleines Nest und innerhalb kürzester Zeit hatten sich, nebst dem Bürgermeis-ter, sämtliche Bauern und auch die Insassen des Rockcafes um das Elend versammelt. Plötzlich konnte sich Karena kaum noch vor Fürsorge retten. Candi hatte tröstend den Arm um sie gelegt, der kurzfristig gartenzaunlose Bürger-meister reichte ihr ein riesiges Stofftaschentuch und einer der Bauern zog währenddessen, mit Hilfe seines Treckers und Micki am Steuer des Capris, im wahrsten Sinne des Wortes den „Karren aus dem Dreck“. Micki war es dann auch, der dem Bürgermeister erklärte, daß er für den Scha-den aufkommen würde und der die beiden Mädchen in den Wagen verfrachtete. Nachdem er das baumelnde Licht ir-gendwie zurückgewurstelt hatte, fuhr er das lädierte Auto zu seinem Haus, das keine 30 Meter entfernt lag. Micki schleif-te die Mädchen vom Auto in sein Wohnzimmer und nötigte ihnen erst einmal einen Cognac auf, der ihre flatternden Nerven etwas beruhigen sollte. Danach fragte er sie, ob sie jemanden anrufen wollten. Karena hatte inzwischen vor lauter Weinen und wahrscheinlich auch von der Nässe und dem Cognac einen Schluckauf und meinte – ständig von diesem unterbrochen – zu Candi, ob sie nicht bei Gitta anru-fen könne, um ihr von dem Unfall zu erzählen. Candi ließ sich von Micki das Telefon reichen und wählte Gittas Num-mer. Nach längerer Zeit nahm diese den Hörer ab und Kare-na wunderte sich, daß das Gespräch nach kürzester Zeit schon wieder beendet war. Fragend sah sie zu Candi hin. Diese zuckte verwirrt die Schultern und erklärte: „Gitta isch scheints sauer. Nachdem i ihr erklärt han, daß mr s Auto in Graba gsetzt hand, wollt se nadürlich wissa, wo denn des passiert sei. Als i erklärt han, wo mr vorher warad ond wo mr jetzt send, hat se blos gmoint: Wenn r euch ohne mi in Mickies Stammkneipe amüsiera konntat, dann könnad ihr d Supp, die wo r euch eibrockt hand, au selber wiedr aus-löffla.“ Karena senkte den Kopf. Irgendwie konnte sie Gitta ja verstehen. Sie wußte ja schließlich nicht, daß sie versucht hatten sie vor dem Ausflug anzurufen; aber auf eine Art war sie trotzdem von der Freundin enttäuscht. Schließlich han-delte es sich hier ja um einen, wenn auch nicht arg folgen-schweren, Unfall und nicht um irgendwelche Kinkerlitzchen. Als Micki die verzweifelten Gesichter der Mädchen sah und erfuhr, um was es ging, meinte er grimmig: „Als Erschts werd i mi drum kümmra, da Waga wieder fahrtüchtig z kria-ga ond später werd i mi mit dr Gitta in Verbindung setza ond ihr d Levita lesa.“ Etwas getröstet ließ er die beiden Mäd-chen zurück. Bis der Wagen soweit wiederhergestellt war, daß man gefahrlos nachhause fahren konnte, war es 21 Uhr geworden. Man hatte beschlossen, daß Candi die Heimfahrt übernehmen sollte, da Karenas Hände immer noch zittrig waren und sie ständig dem Weinen nahe war. Sie bedankten sich vielmals bei Micki, brachten dem Bürgermeister eine – von Micki gestiftete – gute Flasche Wein vorbei mitsamt Karenas Adresse, da diese nicht zulassen wollte, daß Micki den Schaden am Zaun übernahm und machten sich auf den Heimweg. Zuhause angekommen lieferte Candi Auto samt Karena ab und ging dann die paar hundert Meter bis zu ih-rem Haus zu Fuß.

                *

Tagelang herrschte zwischen Gitta und Karena das Schwei-gen im Walde. Am Donnerstag, nach dem Unfall dann klin-gelte allerdings das Telefon. Zögernd ging Karena an den Apparat. Sie hatte es im Gefühl, daß es Gitta war. Nachdem sie sich kühl gemeldet hatte, hörte sie am andern Ende Gitta tief einatmen; anscheinend mußte sie ihren Mut zusam-mennehmen. „Karena, i hab di müssa anruafa. I wollt dr saga, daß s mir loid tut wega Sonntag. Kannsch mr verzeia?“ Karena zögerte, da fuhr Gitta fort: „I hab von Micki erfahra, daß ihr mi gar net absichtlich drhoem (zuhaus) glassa hand, sondern mi net erreicht hand ond ....“ Karena unterbrach ihren Redefluß und sagte beruhigend: „Isch scho recht. Ver-geba ond vergessa. S isch ja zum Glück net viel passiert. Au-ßerdem hättad mr ja vor m Ausflug au bei dir vorbeigucka könna ond no maul schaua, ob d inzwischa dahoim gwesa wärsch.“ Schon wieder in ihre gewohnte Redensarten zu-rückfallend fragte Gitta frech: „Warom hasch da Capri über-haupt gschrottet? Dr Aschabecher war doch no gar net voll.“ Karena meinte flapsig zurück: „Hasch no net mitkriagd, daß ma dean em Notfall zum Ausleera au rausnemma kann?“ Bald darauf waren sie in alter Manier in ein langes Gespräch vertieft. Schon für den nächsten Abend verabredeten sie sich für`s Erste bei Gitta zuhaus. Candi hatte sich für dieses Wo-chenende frei genommen von den „Kindern und Keksen“, wie Karena sie drei gern selbst betitelte, und wollte eine ge-ruhsame Zeit mit ihrem Paul verbringen.


Ein seltsamer Anruf

Der Freitagabend brach an und halbwegs gutgelaunt machte Karena sich auf den Weg zu Gitta. Sie war eben dort einge-troffen, als deren Telefon klingelte. Gitta meldete sich nach dem zweiten Läuten, machte ein langes Gesicht und legte gleich wieder auf. „Was war denn des?“ fragte Karena mit einem fragenden Blick auf das Telefon. Gitta erzählte relativ gelassen, während sie sich ihre Klamotten zusammensuchte, daß sie schon über längere Zeit immer wieder anonyme An-rufe bekäme. „Des hasch mr ja gar net erzählt.“ Sagte Kare-na überrascht. „Weil s mr ziemlich wurschd war,“ meinte Gitta, „weil, wer emmer des au isch, der ruft emmer zu hu-mane Zeita an ond bis jetzt hat r no nia was gsagt.“ Kaum ausgeredet, schrillte das Telefon schon wieder. Gitta legte den Finger an den Mund, um Karena Schweigen zu heißen und erklärte, bevor sie den Hörer abnahm: „Manchmal hört ma n schnaufa (atmen).“ Gitta hob ab und stellte den Laut-sprecher ihres Apparates an, damit Karena mithören konn-te. Tatsächlich hörte man nichts außer leichtem Atmen am anderen Ende der Leitung. Plötzlich zuckten beide Mädchen erschrocken zusammen, als sie eine laute und deutliche Stimme hörten, die fordernd sagte: „Zieh di aus ond stell di ans Fenschdr.“ Karena sah, schockiert von dieser unver-schämten Forderung, Gitta an, doch diese war so perplex, daß sie ohne zu zögern und ohne nachzudenken antwortete: „An welches?!“ Karena ließ sich rückwärts vom Bett, auf dem sie gesessen hatte, fallen und wargelte (kugelte) vor Lachen am Boden herum, während Gitta inzwischen selbst erkannte, was sie da eben gesagt hatte und zu grinsen be-gann. Der Typ am anderen Ende sagte gar nichts mehr. Er legte auf und Gitta bekam nie wieder einen anonymen An-ruf. Wahrscheinlich war er so überrumpelt von Gittas prompten und unerwarteten Entgegenkommen, daß er sich ein anderes Opfer suchte. Wenig später an diesem Abend klingelte das Telefon zum dritten Mal. Diesmal war es aller-dings Micki, der mit einiger Enttäuschung erfuhr, daß er Gitta heute abend nicht sehen könnte.


Verhängnisvolle Party

Erst während dieses Telefonates wurde auch Karena aufge-klärt, was Gitta für diesen Abend geplant hatte, um sie mal aus`m üblichen Trott herauszureißen und andere Leute zu treffen: sie hatte mit einem Bekannten namens „Schrulli“ ausgemacht, daß er sie und Karena gegen 21 Uhr abholen sollte und sie dann mit auf eine Party der „Dark Freckles“ nehmen würde. Die „Freckles“ waren eine Motorradclique aus der Umgebung, bei der Schrulli Mitglied war. Die Fete würde in deren Clubhaus stattfinden und es würden auch Mitglieder anderer Cliquen dabeisein. Karena war zwar nicht ganz so begeistert, was sie Gitta aber geflissentlich verschwieg. Schließlich hatte diese sich diesen Trip ja extra ihr zuliebe einfallen lassen. Auf die „Freckles“ angesprochen pflegte Karena normalerweise zu erklären, dass sie den Club für einen Kindergarten für Große hielt und dass bei den Mit-gliedern (durften natürlich nur Männer werden) die Frau, falls denn bedauerlicherweise vorhanden, erst nach`m Mo-torrad, der Clique, 25 Misthäufen und sonst noch was ran-gierte. Trotz ihrer nicht besonders tollen Meinung über die-se Herren der Schöpfung war Karena gespannt, denn sie hatte das Clubhaus der Freckles noch nie von innen gesehen. Micki war eher entsetzt, denn seiner Ansicht nach war dies kein Ort und kein Umgang für zwei Mädchen, die alleine unterwegs waren. Da Gitta ihn aber beruhigte und er wußte, daß sie ein paar der Mitglieder kannte, ließ er sie schließlich gottergeben ziehen. Wenig später ertönte Gittas Türklingel und Schrulli stand unten, um sie abzuholen. Der große, kor-pulente Kerl mit den kurzen Igelhaaren grinste und verlud die beiden Mädchen in seinen alten VW-Käfer; das Motor-rad hatte er wohlweislich zuhause gelassen. Es war nur eine kurze Fahrt, dann war das Clubhaus erreicht. Neugierig starrte Karena aus dem Autofenster, während Schrulli noch einparkte. Es handelte sich um ein schmalbrüstiges, altes Haus mit einem angebauten Stall. Praktisch für die Inhaber und ihre etwas lauteren Feten war, daß das Objekt am Orts-rand lag und alle anderen bewohnten Häuser mindestens 500 Meter entfernt waren. Inzwischen war das Trio ausge-stiegen und hatten das Haus betreten. Karena war über-rascht, wie gemütlich und sauber das Innere war, nachdem die äußere Fassade doch gezeigt hatte, daß das Haus um die letzte Jahrhundertwende herum erbaut worden war. Es gab mehrere Räume wie zum Beispiel eine kleine Küche, einen Schlafraum und dann natürlich den großen Partyraum und sogar ein Damen- und ein Männerklo. Gitta und Karena wurden mit großen Hallo begrüßt. Der Partyraum war zum Bersten voll und einige der Leute waren vorwiegend Gitta bekannt. Allerdings kannte auch Karena ein paar der „Freckles“. Eine weniger erfreuliche Überraschung erlebte Karena, als sie plötzlich im Getümmel den lästigen Kumpel von Wolter erblickte, der sie im Dreary Night so übel beläs-tigt und dafür mit Klaus Ärger bekommen hatte. Bei ihrem „Glück“ kam der Übeltäter natürlich auch noch geradewegs auf sie zugesteuert und grüßte sie mit einem frechen Grin-sen. Allerdings erwähnte er den Zwischenfall im „Dreary“ mit keinem Wort und war zu Karenas Verwunderung und Erleichterung von ausgesuchter Höflich- und Freundlich-keit. Sie beschloß also keinen Negeraufstand um das Ver-gangene zu machen und sich ebenfalls friedlich ihm gegen-über zu verhalten. Sie hätte besser ihr sonst der Männerwelt gegenüber gezeigtes Misstrauen aufrechterhalten, was sich im Verlauf der Geschichte noch zeigen sollte. Vorüberge-hend jedoch war der Abend gerettet und Karena und Gitta kosteten ihn beinahe bis zum Ende aus. Dieses Ende sollte sich allerdings ziemlich anders als erwartet gestalten. Vor-erst unterhielten sie sich also mit allem und jedem wunder-bar. Als sie mal eine Weile allein an der Bar lehnten meinte Gitta leise: „Du, Karena, i muß dir no was erzähla.“ Sie hatte so leise genuschelt, daß Karena sie fragte: „Was? Was hasch gsagt? Schwätz doch a bißle lauder.“ Gitta fuhr etwas lauter fort: „I muß dir was erzähla, was Micki mir scho an dem A-bend em Schuppa erzählt hat, wo mr da Klaus ond d Melin-da gseha hand und Melinda d Story von ihrer Schwanger-schaft herausposaunt hat.“ Karena wandte sich Gitta zu und sah sie mit gespannter Aufmerksamkeit an. „Um was gat’s? Rück scho raus drmit!“ Gitta sprach mit gesenktem Blick weiter: „Hättat mr net den Streß wegs euerm Unfall bei Mi-cki vorm Haus ghabt, hätt i s dir scho viel früher erzählt.“ „Jetzt schwätz scho endlich!!“ rief Karena ungeduldig. „O.K. Also, Micki hat mr erzählt, daß dr Klaus des Öfteren bei ihm anruft ond sich nach dir erkundigt. Se schwätzat dann im-mer über alles Mögliche; manchmaul treffat se sich au ond daher woiß Micki, daß Melinda gar net schwanger sei kann, außer s handelt sich om Flugsamen.“ Mit nicht gerade geist-reichem Blick sah Karena Gitta an und meinte: „Häh?!!“ Gitta verdrehte die Augen und erklärte: „Nix Sex! Nix schwanger! Außer Küßle ond Gelaber isch zwischa Klaus ond Melinda nix glaufa!“ Karenas Blick nahm einen beinahe ver-klärten Ausdruck an, als sie fragte: „Woisch des sicher?“ „Warom sollt Klaus Micki belüga? Du woisch doch, wia d Männer unteranand send; dia erzählad liaber oi Bettge-schicht zviel, wia zwenig.“ Bedächtig nickte Karena. „Des schdemmt. Ja .... dann könnt des ja hoißa, daß er mi no mag?!“ Gitta verdrehte abermals die Augen und sagte mit Nachdruck: „Hättesch nur oimaul dein blöda Dickkopf ü-berwunda ond mit Klaus gschwätzt, statt d beleidigta Le-berwurscht rauszhänga, hätt sich d ganza Sach scho längscht klärt.“ Nach diesen schicksalsschwangeren Worten saßen die beiden Mädchen eine lange Weile schweigend da, bis sie wieder vom Jubel und Trubel der Fete mitgerissen wurden.

                *

Während also die beiden Mädchen, vor allem Karena mit einem hoffnungsvollen Glanz im Blick, sich wieder prächtig amüsierten, lief ein besorgter Micki in Schnaitheim im Schuppen auf und ab, wie ein Löwe im Käfig. Er hatte es zuhause nicht ausgehalten und war in Gittas Heimatdorf gefahren in der Hoffnung, daß die beiden Mädchen doch noch irgendwann hier in der Disco auftauchen würden. In-zwischen war es 3 Uhr und somit beinahe Feierabend. Zum hundertsten Male nahm Micki sein Handy aus der Jackenta-sche, doch diesmal wählte er die Nummer wirklich. Nach wenigen Sekunden meldete sich sein Gesprächspartner und wiederum nach wenigen gesprochenen Sätzen legte Micki wieder auf.


Die Rettung der Trotzigen

Es war beinahe 4 Uhr. Karena und Gitta lehnten an der The-ke und unterhielten sich mit Schrulli. Irgendwann verließ er den Raum und den beiden Mädchen fiel auf, daß sie fast alleine im Partyzimmer waren. Zuerst dachten sie sich nichts dabei. Als jedoch Karena mit dem Kopf in eine be-stimmte Richtung wies und Gitta den berühmt-berüchtigten Kumpel von Wolter erkannte, wurde es den beiden doch ein wenig mulmig. Außer dieser Gestalt befanden sich nur noch 2 Typen im Raum, die keines der beiden Mädchen kannte. Grinsend gesellte sich Wolters Kumpel zu ihnen und meinte mit ziemlich zynischen Ton: „Na, so ganz alloi?“ Karena und Gitta blickten auf die beiden anderen Gestalten, die sie mit lüsternen Blicken maßen. Karena sah Gitta eindringlich in die Augen, was heißen sollte, gute Miene zum bösen Spiel zu machen. Lächelnd begannen sie sich also mit ihrem schein-heiligen Erzfeind zu unterhalten um ihn hinzuhalten. Bald gesellten sich auch die beiden anderen dazu und die Atmo-sphäre wurde immer aufgeladener. Gitta hatte die rettende Idee. „Mir müssat maul kurz auf d Pipi-box (WC); könndat ihr Jungs ons net solang an Cocktail mixa?“ Karena stieg sofort auf das Thema ein, als sie merkte, daß die Typen we-nig Ambitionen zeigten, sich in cocktailmixende Aktivitäten zu stürzen. „Au ja, das wär echt toll! I hab gehört, daß s hier im Clubhaus echt gute Drinks gibt.“ Etwas mürrisch ließen sich die drei Jungs überreden und die beiden Mädchen zo-gen sich in den Flur zurück. Sobald sie den Partyraum hinter sich gelassen hatten, begannen sie Richtung Haustüre zu rennen, doch ... diese war verschlossen und weit und breit kein Schlüssel zu entdecken. Verzweifelt blickten sie sich an. Was nun? „Ds Klo.“ flüsterte Karena. Diesmal war es an Git-ta wenig vernünftig aus der Wäsche zu schauen: „Was isch mit m Klo?“ Leise aber deutlich erklärte Karena: „Klo haben Fenster, du verstehen?“ Gittas Blick klärte sich auf und bei-de eilten sie der rettenden Institution zu. Sobald sie das Ört-chen erreicht hatten, schlossen sie aufatmend die Türe von innen ab und sahen sich um. Ja, das Fenster müßte groß genug sein, um sie durchzulassen; allerdings befand es sich ziemlich hoch an der Wand. Logischerweise, damit nicht jeder von außen hereinlugen konnte. Da Gitta die größere und schwerere war, sagte Karena: „Fang du an. I helf dr aufs Klo ond zum Fenster nauf. I schaffs au alloi.“ Zum Glück ließ sich das Fenster auch tatsächlich nach außen öffnen, so daß der geplanten Flucht eigentlich nichts mehr im Wege stand. Gitta erklomm den Toilettenrand und Karena stützte sie so gut es ging von hinten ab. Meistens sehen die Dinge aber einfacher aus, als sie sind und so kam es, daß Gitta mit dem Oberkörper aus dem Klofenster hing und bemerkte, daß der Boden mindestens 2 Meter tiefer lag. Zu Gittas Pech war das Clubhaus anscheinend in Hanglage gebaut. Rückwärts aus dem Fenster steigen ging rein klo-technisch nicht und ein Kopfsprung über 2 Meter wäre äußerst ungesund. „Was isch denn los?“ Flüsterte Karena ungeduldig von unten herauf. „Keine Sonne (Chance),“ flüsterte Gitta zurück, „wenn i mi hier runterlass, verteilat sich meine Gehirnzella auf m As-phalt. I hab zwar eh net viele, aber dia möcht i scho gern bhalta.“ Gitta kam nicht dazu, dies näher zu erläutern, den plötzlich wurden Motorengeräusche laut und mit abgeblen-detem Licht fuhr ein Auto auf sie zu. Der Schreck fuhr ihr in alle Glieder, doch für einen Rückzug ins Innere des Klos war es eindeutig zu spät. Seltsamerweise parkte der Wagen di-rekt unter der hängenden Gitta und es stiegen zwei dunkle Gestalten aus. Karena hatte mit Entsetzen gelauscht, um mitzubekommen, was da draußen vor sich ging. Von einer Sekunde auf die andere wurde Gittas restlicher Körper durch das Fenster gezogen und verschwand in der Nacht. Von ängstlicher Hektik gepackt stieg Karena auf die Klobril-le und krabbelte ebenfalls halb aus dem Fenster. Sie wurde von 4 starken Händen gepackt und vollends in die Dunkel-heit gezogen. Unvermittelt kniete sie auf einem Autodach und sah in Klaus` besorgte grüne Augen. Mit einen Seufzer, der halb schon ein Schluchzen war, sank sie an seine Brust und er umfing sie schützend mit seinen Armen. Gitta und Micki, die schon vom Wagendach gestiegen waren, sahen sich die Szene mit Begeisterung an und Micki seufzte voller Enthusiasmus: „Endlich!!!“ Gitta schmiegte sich an ihn und sagte: „Des war d bescht Idee, die wo d jemauls ghabt hasch. S war oifach süß von dir, di so um mi z sorga. Am allerbesta gfällt mr abr, daß dr Klaus nach deim Anruf sofort an da Tatort geeilt isch, um uns – net ganz unschuldig – in Not gratene „Hianobl“ (Deppen) mit dir zamma z retta.“ Micki grinste nur still in sich hinein. Er war selber froh, daß die ganze Sache so glimpflich abgegangen war; hatte er ja selber nicht sicher gewußt, ob er Klaus überhaupt erreichen – und wenn, ob er tatsächlich zur Unterstützung anrücken würde. Allerdings war er dieser Sorge sehr schnell enthoben wor-den, denn Klaus war, nach Mickies Anruf, mit Lichtge-schwindigkeit im Schuppen eingerumpelt und hatte ihn so-fort zum Clubhaus der „Freckles“ mitgeschleift. Auf dem Weg dorthin hatte Klaus ungehalten vor sich hingemurmelt: „Des isch ja schlimmer wia Denver ond Dallas auf oimal! Des überleb i nemme lang, dann kriag i an Herzkaschper (Infarkt)!“ Vor dem Clubhaus angekommen hatten sie aller-dings mit Entsetzen feststellen müssen, daß die Haustüre verschlossen und sonst keine Möglichkeit war, ins Innere zu gelangen. Unruhig waren sie um das Gebäude geschlichen, als sie unvermittelt aus der Dunkelheit eine flüsternde Stimme wahrnahmen. Neugierig hatten sie sich genähert und die „Hängende Gitta“ entdeckt. Als sie bemerkt hatten, wie weit sie über dem Boden hing, hatten sie sofort Klaus Capri geholt um von seinem Dach aus Gitta und die andere „Schönheit in Gefahr“ befreien zu können.

                *

Wenig später saßen sie alle gemeinsam um ein Lagerfeuer auf dem Steinbruch. Nach diesem Schrecken hatte es noch niemanden nachhaus gezogen und man hatte beschlossen, mit einer Flasche Wein und einem wärmenden Feuer den Sonnenaufgang zu erwarten. Das Feuer allerdings wäre kaum mehr nötig gewesen, so eng wie die beiden Paare an-einandergekuschelt waren. „Ende gut, alles gut,“ dachte sich Karena, während sie sich noch ein wenig enger an Klaus schneckelte.

                *

Nachwort: Diejenigen, die glauben, daß man mit den Jahren erwachsener, vernünftiger und weiser wird, muß ich am En-de dieser Lektüre enttäuschen. Meine Kinder und Kekse sind weder das Erste, noch das Zweite und schon gar nicht das Dritte geworden. Sie sind jetzt alle über 30 Jahre alt, aber immer noch so kindisch wie als Teens und Twens. Ich persönlich finde das allerdings gar nicht schlimm, denn meiner Ansicht nach sollte man keine Rücksicht auf Kon-ventionen und Vorurteile nehmen und sich immer so jung aufführen, wie man sich fühlt – egal ob 18 oder 80!






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©Elena Merz
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