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Pharaos Wächter

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Roman

 
Vorwort
Hatschepsut
Volk im Zwiespalt
Eine ungewollte Ehre
Das Scharmützel
Die Rettung
Eine ebenfalls ungewoll..
Ein neuer Anfang
Theben
Das 1. Attentat
Die üblichen Verdächt..
Tunip in Gefahr
Wo Die Liebe hinfällt
Der 2. Anschlag
Die Tempelbesichtigung..
Der Geist
Die Verbannung
Mißtrauen
Das Ende der Macht?
Gefährliche Lauschaktion
Verzweifelt vermisst
Eingeschlossen
Die Wende und eine Befr..
Eine gefährliche Zeugin
Eine Zeit der Ruhe
Die Rückkehr der Gefahr
Der Pakt mit dem Priester
Kapitulation einer Kön..
Lebendig begraben?
Der richtige Instinkt
Ein anderes Leben
Der gebrochene Bann

Eine Geschichte über den Mut und die Treue eines ägyptischen Kriegers, der für seine Königin und die Liebe seines Herzens alles riskiert.

 
 

Pharaos Wächter


Ein Roman von E. Merz



Vorwort

Die untergehende Sonne ließ den breiten Strom in allen Regenbogenfarben schimmern, während die Wellen silberne Bänder darüber fließen ließen. Die fruchtbare Grünfläche entlang des Wassers schimmerte wie ein Smaragd in der goldenen Fassung der sie umgebenden Wüste. Die Abenddämmerung, welche die Konturen durch ihr sanftes Licht verschwimmen ließ, schien das Land am grünen Fluß in ein Paradies zu verwandeln. Ein Ibis landete flügelschlagend im raschelnden sattgrünen Papyrusschilf und stakste auf langen Beinen durchs flache Uferwasser, seinen spitzen Schnabel auf der Suche nach Fröschen und Libellen durch den nassen Schlamm ziehend.

                *

Sunu saß auf einem rötlich-gelben Felsbrocken, der in den schnellfließenden Fluß ragte und kaute nachdenklich auf einem Grashalm herum. Wer den hochgewachsenen Leutnant der Medjay kannte, hätte sich über den verlorenen Ausdruck in seinen schwarz glänzenden auf den Fluß gehefteten Augen gewundert. Gefühle verstand er normalerweise meisterhaft zu verbergen und die Vergangenheit, die seine momentane Traurigkeit verursachte, blieb meistens unter einem Haufen Pflichten und seiner meisterhaften Selbstbeherrschung verborgen. Hätte ihm jemand erzählt, dass in nächster Zukunft eben diese Selbstdisziplin einer harten Zerreißprobe ausgesetzt sein und einige Sprünge bekommen würde, dass die Zukunft ihn schlimmer erwischen könnte als das bereits Erlebte, er hätte denjenigen sicherlich ausgelacht. Der kampferprobte Krieger konnte sich nichts vorstellen, was ihn übermäßig aus der Ruhe bringen würde. Sunu war als äußerst hart, streng aber auch als sehr gerecht bei seiner Truppe bekannt. Er wurde deshalb von seinen Leuten zwar gefürchtet, aber auch bewundert und respektiert. Er war, wie alle Mitglieder der Medjay-Polizei, dunkelhäutig. Die kupferbraune Haut verriet die Mutter, eine Nubierin. Von ihr hatte er auch die sehr dunklen leicht schrägstehenden Augen und die hohen Wangenknochen. Vom ägyptischen Vater hatte er die hochgewachsene, drahtige Statur und den vollen, jedoch immer etwas zynisch wirkenden Mund. Auch die kantige Kinnpartie und die welligen schwarzen Haare kamen eindeutig von seinem äußerst gestrengen Vater. Dieser hatte, wie er heute, als hochrangiger Soldat in der Armee des Seth gedient. Dem Knaben Sunu war es immer erschienen, als ob der unnahbare Vater seinen Rang auch zuhause nicht abzulegen vermochte. Wärme oder Zuneigung hatte er von ihm selten erfahren, eher Stolz für erbrachte Leistungen. Ganz anders war Sunus schöne sanfte Mutter gewesen. Sie hatte ihren Sohn geliebt und, wenn der strenge Vater nicht hinsah, ihn auch einmal verwöhnt. Als Sunus Mutter dann vor Jahren von einer Seuche dahingerafft worden war, hatte es seinen Vater nicht mehr zuhause gehalten. Er hatte sich zu einer Schutztruppe versetzen lassen, die für das sichere Geleit der Schiffe zuständig war, welche dem Im- und Export dienten. Sunu, damals noch fast ein Kind, hatte er zur Ausbildung zu den Truppen geschickt und keinen Gedanken mehr an ihn verschwendet. Vielleicht war zum Teil aus diesem unterkühlten Verhältnis von Vater und Sohn Sunus zurückhaltender Charakter entstanden. Er dachte darüber nach und gestand sich ein, dass zu einem gewissen Teil seine Vorsicht und sein Mißtrauen auch von einem Schicksalsschlag in jüngerer Vergangenheit herrührte. Soweit er sich erinnern konnte, war auch sein Vater erst richtig still und kalt geworden, als die Seuche ihm die geliebte Frau genommen hatte. Da schien sein Herz zu Stein geworden zu sein. Sunu blickte zum Himmel empor, der inzwischen in dunklem Violett erstrahlte. War es ihm selbst nicht ähnlich ergangen? War sein Leben nicht so ziemlich in Ordnung gewesen, bis ihm die Geliebte genommen worden war? Der breite Strom hatte sich zu tiefem Purpur verfärbt, das dunkle Firmament war durchsetzt mit leuchtenden blutroten Streifen. Die Sonne war jetzt fast hinter dem Horizont versunken und der einsame Mann saß immer noch auf dem Felsen, die Schönheit seiner Umgebung nicht bemerkend und seine Gedanken hinter einer hohen glatten Stirn verborgen.


Hatschepsut

Im hellen Licht der Morgensonne, die alles mit einem goldenen Schmelz überglänzte, zog der riesige Troß von Schiffen nil-aufwärts, der Insel Elephantine entgegen. Allen voran glitt der fast völlig mit Gold überzogene Prunksegler des Pharao über den Fluß. Fellachen mit ihren Frauen und Kindern hatten sich am Ufer versammelt, um das einmalige Spektakel zu beobachten und winkten begeistert den Schiffen ihres Herrschers zu. Die Wellen ließen das sich spiegelnde Sonnenlicht in tausend kleine Scherben zerspringen, so dass die Menschen geblendet die Augen zusammenkneifen mussten, um an Bord der Schiffe etwas erkennen zu können. Das Wasser war hier schon bemerkenswert ungebärdig, da der erste Katarakt nicht mehr weit entfernt war und kleinere Stromschnellen diesen ankündigten. Der auf beiden Seiten mit riesigen leuchtend bunten Horusaugen bemalte Bug des schwimmenden Palastes durchschnitt die tieferen Fluten in der Mitte des Stroms, der wie geschmolzenes Elektrum zwischen den grünen Ufern glänzte. Aus dem mächtigen Leib des Schiffes hoben und senkten sich unermüdlich die Ruder, da der schwache Wind allein nicht genügte, um das schwere Fahrzeug über die Segel in Fahrt zu halten. Unter den, vor der auch morgens schon starken Sonne schützenden, buntbemalten aufwändigen Aufbauten erhob sich schon seit geraumer Zeit eine hektische Betriebsamkeit. Durchscheinende Vorhänge wehten in der sanften Brise, während die Dienerschaft hindurchschlüpfte. Man bereitete sich auf den Landgang der Königin vor. Dienerinnen und Sklaven huschten hin und her in dem Bestreben, alles zur Zufriedenheit ihrer Herrscherin herzurichten. Hatschepsut hatte bereits auf dem breiten goldenen Thronsessel Platz genommen. Er ruhte auf einem großen mit Elfenbeineinlagen in Form von Götterfiguren versehenen Ebenholz-Podest mit Tragestangen, welches von 20 reichgeschmückten Sklaven getragen werden würde. Hatschepsut trug die hohe blaue Doppelkrone von Ober– und Unterägypten. An deren Vorderseite erhob sich gebieterisch die Uräusschlange aus Gold mit Augen aus leuchtendroten Rubinen. Zu beiden Seiten des aparten Gesichtes senkten sich die silbernen Flügel der Geiergöttin Nechbet, besetzt mit bunten Perlen, und schienen es einzurahmen. In den schmalgliedrigen Händen hielt die Königin die beiden Insignien der Macht – Krummstab und Geißel. Mit keiner Miene verriet das perfekt geschminkte Gesicht der Königin ihre innere Unruhe. Die mandelförmigen hellbraunen Augen waren mit Kohle schwarz umrandet und bis zu den schmalen Augenbrauen mit Goldpuder bestäubt. Ruhig blickten sie auf die Anlegestelle des Grenzpostens Jebu, dem ihr Besuch galt. Sie hatte Bericht erhalten, dass es in den Wüstengebieten um die Stadt Unruhen gegeben hatte und dass mehrere Karawanen mit Gold und anderen wertvollen Gütern überfallen worden waren. Ihre vollen roten Lippen verzogen sich für einen Sekundenbruchteil unwillig und verrieten ihre Verärgerung. Die gestohlenen edlen Metalle und Steine waren zur Verschönerung von Thebens Tempeln und Palästen gedacht gewesen und Hatschepsut konnte äußerst ungehalten werden, wenn sich jemand an den Schätzen des Pharao vergriff. Schnell wurde ihre Miene wieder undurchdringlich und sie wandte hoheitsvoll den Kopf um zu sehen, ob die anderen Schiffe mit dem ihrem Hofstaat angehörenden ägyptischen Hochadel und die kleineren Boote mit Bediensteten, Sklaven und allen möglichen Gerätschaften und Utensilien bereits zum Prunkschiff aufgeschlossen hatten. Zufrieden richtete sie den Blick wieder nach vorn; alles schien in Ordnung zu sein. Interessiert betrachtete sie nun die hohen weißen Mauern, die den Grenzposten umgaben. In regelmäßigen Abständen wurden sie von Wachtürmen unterbrochen, was auf den verteidigenden Zweck dieses Ortes hinwies. Sie ließ ihre Augen nachdenklich über die Umgebung des Postens wandern. Von wenig fruchtbarem Grün umgeben wurde der Ort an den hinteren Grenzen schon von der heißen Wüste bedrängt. Es gab an den Katarakten mehrere dieser befestigten wehrhaften Städte, die für die Ein- und Ausfuhrzölle zuständig waren, welche Karawanen zu Land, oder Kapitäne für ihre Schiffsladungen zu Wasser zu entrichten hatten. Jebu allerdings war die größte ihrer Art. Für die Ordnung innerhalb der Stadt waren Medjay-Polizisten zuständig und sie hatten alle Hände voll zu tun. Hatte der Grenzposten anfangs hauptsächlich aus Militär bestanden, so hatten sich, wie überall wo der Handel blühte, ziemlich schnell Arbeiter, Händler, Handwerker und Tagelöhner angesiedelt und es herrschte eine bunte Vielfalt an Gesellschaftsschichten und Rassen in Jebu. Inzwischen hatte sich die Bevölkerungszahl verdoppelt und verdreifacht und auch die Verbrechensrate war dementsprechend angestiegen – sehr zum Unwillen der Medjay. Überdies hatte sich die Siedlung auch vor die Tore der Feste ausgedehnt und es hatte eine zusätzliche niederere Mauer um die äußersten Auswüchse der Stadt gebaut werden müssen, um wenigstens einen gewissen Schutz für die Außenbereiche zu bieten. Zu allem Überfluss schwankte die Bevölkerungszahl ständig, da unzählige Reisende, Händler und auch Diebe die Stadt als Aufenthaltsort wählten. Dies bedeutete anstrengendste Arbeit für Polizei und Militär. Nebenbei versuchte jeder windige Händler die Zollzahlungen zu umgehen und es fielen auch immer wieder Nomaden oder Räuber von jenseits der Grenzen Kemets ein, um zu plündern und sich an Pharaos Gütern zu vergreifen. Hatschepsuts Augen kehrten zur Anlegestelle zurück und sie sah die bereits wohlgeordnete Reihe der Medjay auf den steinernen Stufen des Kais stehen, um ihr die Ehre zu erweisen und ihr Schutz zu gewähren.

                *

Mit einer Unruhe, die sich nur in seinem Blick zeigte, beobachtete Leutnant Sunu die Ankunft der Königin. Natürlich hatte er über den beabsichtigten Besuch der Herrscherin beider Länder Bescheid gewusst, aber mit soviel Pomp, Prunk und solchen Menschenmassen hatte er nicht gerechnet. Trotzdem – als vorsichtiger Mann hatte er lieber zu viele als zu wenig Medjay und Soldaten für diesen Tag eingeteilt, so dass eigentlich nichts schief gehen konnte. Der Leutnant versuchte über die glänzenden Wellen des Flusses hinweg einen Blick auf den Thron an Bord des prachtvollen Schiffes zu erhaschen, aber es herrschte zuviel Kommen und Gehen. Sein Rang gestattete es ihm einen Platz direkt am Pier einzunehmen, da er für den Großteil der Organisation des Schutzes für Pharao und Gefolge an diesem Tag zuständig war. Sunu bezähmte seine Neugierde auf die „Thronräuberin“; er würde die Herrin beider Länder sicher noch früh genug zu Gesicht bekommen. Seit Hatschepsut die Macht an sich gebracht hatte, war das Volk geteilter Meinung über die Führung des Landes. Einige meinten, man hätte vorzeitig den noch sehr jungen Halbbruder Hatschepsuts „Thutmosis II“ auf den Thron setzten sollen; andere waren gegen den jungen Mann, da er von einer nichtköniglichen Nebenfrau des Thutmosis I, des Vaters der Königin, geboren worden und somit nur zur Hälfte göttlicher Abstammung war. Dieser Teil der Bevölkerung war es zufrieden, dass Hatschepsut herrschte. Schließlich hatte ihr Vater sie noch vor seinem Tod zur göttlichen Gemahlin erhoben, wohlwissend mit welchen Schwierigkeiten seine geliebte Tochter zu kämpfen haben würde, sobald er seine Reise mit der Sonnenbarke über den Horizont antreten würde. Die Priesterschaft strebte eher eine Heirat zwischen den Halbgeschwistern an, welche Thutmosis II legitimieren würde. Da diese, nur sporadisch ihren Tempeldienst ableisteten und hauptberuflich hohe Ämter bekleideten, hatten sie bald erkannt, dass man auf den jungen Thutmosis leichter Einfluß nehmen konnte als auf seine energische kämpferische Schwester. Solange Hatschepsut jedoch unter hohen Politikern, erfahrenen Kriegern und unzähligen anderen Personen eine treue und begeisterte Anhängerschaft besaß, saß sie sicher im Sattel der Macht. Viele Mitglieder des niederen Volkes waren sich nicht einmal sicher, ob sie von einer Königin oder einem König beherrscht wurden, da Hatschepsut sämtliche Insignien der Macht, so auch den künstlichen Pharaonenbart trug. Auch sah man sie mit Gespann und Kriegswagen die Truppen anführen, wenn es darum ging die Grenzen Kemets zu schützen, was ihr die Hochachtung der Armee sicherte. Sunu stand in strammer Haltung vor seiner Truppe und überlegte, ob er diese ehrgeizige Königin bewundern oder belächeln sollte. Er war kein Frauenverächter, wirklich nicht, aber eine Frau auf einem Kriegswagen konnte er sich fürwahr nicht vorstellen. Er war als Wagenlenker und Bogenschütze ausgebildet und schon für einen Mann war es manchmal schwierig, ein feuriges Gespann zu lenken oder einen starken Bogen zu spannen. Ein Grinsen unterdrückend stellte er sich vor, dass Wagen und Bogen von Soldaten bedient werden würden und die Königin als hübscher Zierrat im Hintergrund stand. Solche Gedanken durfte er natürlich niemals laut aussprechen oder auch nur andeuten. Die Herrscherin beider Länder verstand, wenn es um ihre Stellung ging, keinerlei Spaß und es könnte Sunu sehr schnell den Kopf kosten, wenn er diesbezüglich auch nur von anderen zitiert werden würde. Langsam und majestätisch glitt nun das riesige Palastschiff an den Kai heran. An Bord und auf den Stufen der Anlegestelle drängten sich Matrosen und Angestellte des Hafens, um es so nahe wie möglich ans Land zu bringen. Die verbleibenden kleinen Abstände wurden mit zahllosen vergoldeten Rampen überbrückt, damit die Königin und der Hofstaat angemessen an Land gebracht werden konnten. Kaum hatte der Fuß des ersten Trägersklaven des königlichen Thronsessels festes Land berührt, klatschte Sunu in die Hände und das riesige, doppelflüglige Tor zur Stadt wurde für den Troß geöffnet. Der Wust an Menschen ordnete sich unter der Anleitung des edel gekleideten Zeremonienmeisters. Ein prächtiger Anblick bot sich den Bewohnern von Jebu, als die riesigen Torflügel aufschwangen und sich der prunkvolle Zug in Bewegung setzte. Erst jetzt konnte auch Sunu seine Neugierde befriedigen. Angeführt wurde der Troß von etwa 50 Tänzerinnen verschiedener Hautfarben, welche nur mit Schmuck und Lendengürteln bekleidet sich in akrobatischen Kunststücken wanden. Danach folgten die Musiker, die mit Tamburinen, Lauten und Rasseln die Bewegungen der Mädchen untermalten. Die ernst blickenden, kahlköpfigen, weißgekleideten Priester umringten den Thron der Königin. Immer in nächster Nähe der Herrin beider Länder hielten sich zwei riesige Schwarze auf, ihre Leibwächter. Die Oberpriester, in teure Raubtierfelle gekleidet, schickten aus bronzenen Gefäßen Wolken edelsten Weihrauchs gen Himmel. Hinter dem Thron schlossen sich die komfortablen Sänften der unzähligen Angehörigen des Hofstaates an und denen wiederum folgte die Dienerschaft und die Sklaven mit Eselswagen voller Gebrauchsgegenstände ohne die Damen oder Herren von Stand nicht auf Reisen gingen. Sunu hatte links und rechts entlang der Straße Soldaten postiert, die bei solch spektakulären Anlässen auch unter seinem Befehl standen und zwischen ihnen immer wieder einen seiner Medjay stationiert. Wie eine wogende Mauer aus Leibern stand hinter den die Speere kreuzenden Soldaten die Bevölkerung der Stadt, die trotz aller Unkenrufe, ihrer Königin unter Verbeugungen laut zujubelte. Kinder mit Blumenkörben saßen auf allen Mauern und die Dächer der Häuser brachen fast unter der Last der Schaulustigen. Die ein und zweistöckigen einfacheren Gebäude, die gleich hinter der Hafeneinfahrt das Arbeitervolk beherbergten zeigten sich in frischem Weiß. Die ganze Stadt schien auf Hochglanz poliert zu sein, um das Staatsoberhaupt zu ehren. Girlanden mit bunten Wimpeln waren von Haus zu Haus gespannt und die Menschen hatten ihre Festtagsgewänder und den besten Schmuck angelegt. Der königliche Zug bewegte sich, eingerahmt von Sunus Männern, in Richtung des Tempelbezirks der Stadt.


Volk im Zwiespalt

Hatschepsut erfreute sich an der Begeisterung ihrer Untertanen und an den bunten Blumen, die wie ein duftender Teppich ihren Weg bedeckten. Bewiesen die blumenwerfenden Kinder und der Jubel der Menschen ihr doch, dass das Volk sie verehrte und die Ränke gegen sie vorwiegend von einigen höhergestellten Beamten und Priestern geschmiedet wurde. Ihr fiel auf, dass es zu keinerlei Verzögerungen gekommen war; dass die Prozession in ruhigem stetem Tempo vorankam. Das Volk hielt sich hinter den Soldaten und alles lief reibungslos. Der Königin fiel ein hochgewachsener Krieger auf, der immer und überall aufzutauchen schien, ein strenges Auge auf alles und jeden werfend. Verstohlen ließ sie einen durchdringenden Blick auf ihm verweilen, ehe sich die Maske der Gleichgültigkeit wieder über ihre Züge legte. Die Priester verlangsamten ihre Schritte und trennten sich vom restlichen Zug um die Tempel aufzusuchen. Auch die Träger mit dem Thron und die beiden Leibwächter schlossen sich ihnen an. Hatschepsut blickte auf die blumengeschmückten Pylonen, den Eingang zum heiligen Bezirk. Die Herrin beider Länder hätte eigentlich am liebsten zuerst der Fruchtbarkeitsgöttin, die eine ihrer Lieblingsgottheiten war, einen Besuch abgestattet. Von ihrem erhöhten Posten aus konnte sie durch die Eingangspylonen den sich dahinter erhebenden kleineren Säulentempel der Hathor erkennen. Er befand sich innerhalb der Mauern, die den um einiges größeren Amun-Tempel umgaben und die Königin wusste, dass sie diesen – der Vormachtstellung des Gottes gemäß – vor dem der Hathor besuchen musste. Auch hatten die Amun-Priester darauf bestanden, dass Hatschepsut das allmorgendliche göttliche Reinigungsritual übernahm, das in Abwesenheit des Pharao sonst stellvertretend der Oberpriester abhielt. In manchen Dingen hatte sich die willensstarke junge Königin schon der Priesterschaft widersetzt, doch an gewissen althergebrachten Traditionen musste sie um des lieben Friedens willen festhalten. Die Priester waren sowieso schon nicht besonders gut auf den weiblichen Pharao zu sprechen, da sie – festgefahren im altem Glauben – einen männlichen Pharao auf den Thron sehen wollten. Die Thronsänfte der Königin wurde vor den Toren des Amuntempels abgesetzt, während die Sänften des Hofstaates weitergetragen wurden ins höhergelegene Regierungsviertel der Stadt. Dort standen die größeren bequem und vornehm ausgestatteten Villen der hohen Beamten, wo komfortable Gemächer für die Gäste bereitstanden.

                *

Sunu musste nun seine Leute aufteilen. Ein Teil begleitete den Adel und ein Teil blieb, auf die Königin wartend, vor dem Tempel zurück. Das Betreten von gewissen Tempelbezirken war erlaubt, aber die innersten Räume und das Allerheiligste, welches das Abbild des Gottes enthielt, durfte nur der Pharao oder dessen Stellvertreter betreten. So warteten die Medjay geduldig in den äußeren Tempelbezirken, den Schatten der breiten Säulen und Mauern nutzend, da die frühe Sonne bereits heiß herniederbrannte.


Eine ungewollte Ehre

Inzwischen hing die gleißende Scheibe des Sonnengottes Re am strahlend blauen Himmel über der Stadt und in der glühenden Mittagshitze hatten sich die Menschen - ob vornehmer Adel oder schlichter Arbeiter - in den Schatten ihrer Häuser zurückgezogen. Sunu wartete auf einer in die Wand eingelassenen Marmorbank in der kühlen säulenbestandenen Vorhalle zum Arbeitszimmer des Stadthalters und Hauptmanns von Jebu. Erleichtert hatte er vor geraumer Zeit die Königin nebst tragbarem Thron, Trägersklaven und Wächtern dem vor seiner Villa schwitzend wartenden Stadtoberhaupt Nakht übergeben. Nun musste er, nachdem Hatschepsut samt Hofstaat und Dienerschaft zu aller Zufriedenheit untergebracht war, diesem seinem Vorgesetzten einen Bericht abgeben und dann auf weitere Order warten. Gelangweilt betrachtete Sunu die leuchtenbunten Wandgemälde, welche Nakht bei allen möglichen vorteilhaften Tätigkeiten zeigten: Da war ein Bild von Nakht bei der Jagd zu Wasser, auf dem er im Schilf am Rande des Flusses einem wild blickenden Nilpferd mutig vom Boot aus mit dem Speer den Todesstoß versetzte. Dann waren da bunte Kriegsszenen in denen der Hauptmann blutige Kämpfe ausfocht und die besiegten Feinde ihm um Gnade flehend zu Füßen lagen. Sunu hegte Bewunderung für den Kriegsveteranen Nakht, aber dessen Heldentage lagen schon länger zurück. Inzwischen war er dickbäuchig und kahlköpfig und hob meist lieber einen Becher Wein an, als einen Speer. Sunus Gedankengänge wurden unterbrochen, als ein älterer Diener die Tür zum Empfangsraum des Hauptmannes öffnete und ihm bedeutete einzutreten. Sofort erhob er sich und trat durch die Tür. Der Raum wurde beherrscht von einem großen massiven Schreibtisch aus teurem dunklen Holz. Er war mit Einlegearbeiten aus Elfenbein versehen und war unübersehbar kostbar. Übersät war das Möbel mit Schriftrollen und Schreibutensilien, die wohl alle zu einer großen vornehmen Schreibpalette gehörten, die vor dem Mann lag, der auf dem Lehnstuhl dahinter saß. Nakht war trotz seiner behäbig wirkenden Fülle noch ein imponierender Mann. Die bersteinfarbenen tiefliegenden Augen blickten scharf, der schmale Mund und das vorgeschobene Kinn drückten Willenskraft aus. Sunu wusste dass sein Vorgesetzter, wenn es sein musste, durchaus noch den Weinbecher gegen den Speer zu tauschen vermochte, um mit seinen Soldaten zur Verteidigung der Stadt aufzubrechen. Nakht erhob sich und stützte die massigen Arme auf seinen Schreibtisch. Sunu blieb ruhig davor stehen und betrachtete angelegentlich den in Blautönen gehaltenen Mosaikboden des Zimmers. Als Oberster Leutnant der Medjay-Polizei war er nur indirekt dem Hauptmann unterstellt. In vielen Sachen hatte er Handlungsfreiheit. Es war ein nicht ganz ernstgemeinter Rangkampf zwischen den beiden Männern, dass Nakht jedes Mal auf das stramme Salutieren des Leutnants in Form von Schlagen der rechten Faust gegen die linke Schulter wartete, welches aber niemals erfolgte. Ergeben setzte sich der Hauptmann nach wenigen Augenblicken wieder hin und grinste Sunu an. „Nimm Platz, Leutnant Sunu,“ brummte er, auf einen vor dem Schreibtisch stehenden Lederhocker weisend, „ich denke du hast alle deine Aufgaben heute zu meiner und deiner Königin Zufriedenheit ausgeführt.“ Sunu blickte, sich auf dem Polster niederlassend, in die hellen Augen des Mannes und nickte nur leicht mit dem Kopf. „Deine weitere Aufgabe wird sein“, das Grinsen verschwand und die Stimme Nakhts wurde eindringlich, „ – und ich bin befugt dir den Auftrag zu erteilen, da er direkt von Ihrer Hoheit der Tochter Amuns Hatschepsut kommt – dich weiterhin persönlich um ihre Sicherheit zu kümmern, bis die Hoheit beliebt wieder abzureisen.“ Noch ehe Sunu den Sinn des eben Geäußerten erfasste bemerkte er, dass sich Nakhts Grinsen in Schadenfreude wieder einstellte. Des Leutnants Züge wurde hart. Langsam begriff er, was die Worte des Hauptmannes bedeuteten: das Ende seiner Selbstständigkeit, einen Haufen Verpflichtungen, Verantwortung und womöglich – bei Nichtzufriedenstellung des Pharao – den Verlust seines Kopfes. Mochten andere es als Ehre ansehen so ein Amt zu bekleiden, nicht jedoch Sunu, der seine Freiheit liebte und sich ungern unterordnete. Er wollte schon in ablehnender Weise etwas entgegnen, da wurde Nakhts Gesicht ernst und kalt. Abrupt hob der Hauptmann die Hand, um ihn Schweigen zu heißen. Seine Stimme klang leise aber gefährlich: „Sunu, du bist ein guter Mann und ich lasse dir viel durchgehen, aber wage es nicht, dich einem Befehl deiner Königin zu widersetzen! Du darfst dich jetzt entfernen – ich werde dich benachrichtigen, wie es weitergeht.“ Das unwiderrufliche Ende des Gesprächs betonend beugte Nakht sich über eine Schriftrolle auf seinem Tisch. Sunu erhob sich und blieb kurz unschlüssig vor dem Schreibtisch stehen. Dann überlegte er es sich, nickte Nakht zu und verließ weiter schweigend dessen Haus. Auf dem Weg zu seiner Wohnstatt überdachte er wieder und wieder die Worte des Hauptmanns. Ihm war nicht einmal aufgefallen, dass die Königin ihn überhaupt bemerkt hätte – wie sollte sie also ausgerechnet seinen Schutz wünschen? Seine Gedanken liefen im Kreis und schließlich gab er es auf darüber nachzugrübeln. Er hatte inzwischen die breiteren Straßen des Villenviertels verlassen und stieg ein paar Stufen zu den schmaleren Gässchen hinab, in Richtung des Hafens und der Soldatenunterkünfte. Er überquerte einen Marktplatz umringt von den Häusern der Mittelklasse. Kaufleute und Handwerker hatten sich hier niedergelassen und die Häuser waren oft zweistöckig mit Dachterrasse und Innenhof. Dazwischen befanden sich immer wieder angebaute kleinere Räumlichkeiten, welche als Nebeneinnahme an Soldaten und Reisende vermietet wurden. Wenn Jebu zu ruhigen Zeiten nur 1000 Einwohner hatte, so konnte die Zahl schnell auf das vielfache ansteigen, wenn Karawanen oder Schiffe Einkehr hielten. Bis zu den Kasernen war es von hier nicht mehr weit; aber die waren überfüllt und oft nicht sehr sauber, so dass Sunu sich entschieden hatte, zur Miete zu wohnen. Er teilte sich sein Quartier mit seinem Schreiber, Tunip, der seinen ganzen Schreibkram übernahm. Nach dem Marktplatz stieg Sunu noch ein paar Stufen hinab zu einem schattigen Gässchen. Seine Wohnung schmiegte sich an das Haus eines Schmuckhändlers und war äußerst komfortabel für einen Polizisten. Es gab einen Aufenthalts –und einen dahinterliegenden Schlafraum. Nach hinten hinaus gab es einen kleinen ummauerten Hof mit Kochstelle und Palme. Eine schmale Treppe führte hinauf zum Dach. Auf dem Hof gab es sogar eine steinerne Wanne, die mit Wasser gefüllt zum Baden benutzt werden konnte. Sunu stieß die Holztüre auf – abschließen musste man hier im Viertel normalerweise nicht – und betrat den dämmrigen Raum. Die hochgelegenen kleinen Fenster ließen nur wenig Licht ein, was aber auch die Hitze abhielt. Die Wände waren etwas laienhaft mit Tieren bemalt und den Lehmfußboden bedeckten bunte Binsenmatten. Als sich seine Augen an das Dämmerlicht gewöhnt hatten erblickte er Tunip, der zusammengekauert auf dem Boden saß. Seinen Schurz hatte er stramm über die gekreuzten Beine gezogen und, ihn als Schreibunterlage benutzend, kritzelte er fleißig Berichte auf ein Papyrusblatt. Blinzelnd blickte der Schreiber auf die Gestalt seines Vorgesetzten, denn er wurde von dem eindringenden Sonnenlicht geblendet. Als Sunu dies bemerkte schloß er die Tür, trat ein paar Schritte ins Haus und setzte sich, einen im Weg stehenden Hocker greifend, neben Tunip. Dieser legte sein Schreibgerät auf die Palette, die neben ihm auf dem Boden stand und sah erwartungsvoll zu seinem Vorgesetzten auf. „Na, wie ist sie?“, fragte er mit leuchtenden Augen. Der Leutnant grinste. Er wusste natürlich, wen sein Schreiber meinte, aber um diesen auf die Folter zu spannen fragte er unschuldig: „Wen meinst du denn?“ Ungeduldig sprang Tunip auf, dabei seinen Papyrus zu Boden flattern lassend, und reckte kurz seine knabenhaften Glieder, die vom langen Sitzen und Schreiben ganz steif geworden waren. Sein mädchenhaft hübsches Gesicht mit den großen runden Augen verzog sich unwillig und er warf in einer gezierten Geste das lackschwarze lockige Haar zurück. Beleidigt rief er: „Du weißt genau, wen ich meine, Herr, nun erzähl schon endlich!!“ Sunu griff, sich auf seiner Sitzgelegenheit gefährlich weit zurücklehnend, zu einem niederen Regal in seinem Rücken und langte einen steinernen Krug und zwei Becher herunter. Er reichte einen davon dem unruhig mit dem Fuß auf den Boden tippenden Tunip weiter und schenkte ihnen beiden von dem guten Dattelwein ein. Tunip zog sich nun ebenfalls einen Hocker heran, der an dem grobbehauenen Tisch in der Mitte des Raumes stand und setzte sich. Sunu nahm einen Schluck aus dem Becher und verzog den Mund. Der Wein war nicht mehr kalt, aber er war noch zu genießen. Als er merkte, dass Tunip es kaum mehr erwarten konnte, begann er zu erzählen. Beginnend mit lauter uninteressanten Einzelheiten und Details beschrieb er die Ankunft der Königin. Tunip unterbrach ihn, am Ende seiner Geduld angelangt: „Sag mir endlich, wie sie aussieht, oder ich kann für nichts mehr garantieren!“ Theatralisch schwang er den inzwischen leeren Weinkrug über Sunus Kopf, der sich lachend mit den Händen schützte. Er hatte ein ausgesprochen gutes Verhältnis zu dem jungen Schreiber, den er vom Hafenviertel weg aus einem schlecht bezahlten, mit Prügeln und sexuellen Belästigungen seitens seines Chefs ausgeschmückten Job geholt und bei sich angestellt hatte. „Also gut,“ grinste er, „sie sieht atemberaubend gut aus. Ihre Augen sind wie dunkles Gold; ihr Mund ist eigenwillig und kirschrot und das Gesicht ist schmal, mit hohen Wangenknochen. Sie sieht aus wie ein Abbild der Göttin Isis. Bist du nun zufrieden, Tunip?“ Doch der Schreiber antwortete nicht. Mit verträumt aufgerissenen Augen starrte er zur Decke und ein weltabgewandtes Lächeln umspielte seinen Mund. „Nun gut,“ murmelte Sunu, sich mit einem hinterlistigen Seitenblick auf den Schreiber erhebend, „dann muß ich die Aufgabe den weiblichen Pharao zu schützen eben alleine übernehmen, wenn mein Untergebener zu nichts mehr zu gebrauchen ist.“ Wie von einem Skorpion gestochen fuhr der Junge von seinem Hocker hoch und stellte sich vor den Freund und Vorgesetzten hin: „Wehe, Leutnant, wenn du mich von dieser Aufgabe ausschließt... dann... dann...“ Es gingen ihm die Worte aus. Sunu klopfte ihm lachend auf die schmalen Schultern und sagte tröstend zu ihm: „Soweit ich dich einbeziehen kann und darf, werde ich es tun. Aber nun muß ich zur Villa von Nakht zurück und sehen, welche Aufgaben mich erwarten.“ Als der Leutnant das Haus verließ war der Nachmittag schon fortgeschritten und über den Straßen hing der Duft nach Zwiebeln, Bohnen, Fisch, gebackenem Brot und Fleisch. Auf dem Marktplatz wurden nun, da die flirrende Mittagshitze von den angenehmeren Abendtemperaturen abgelöst wurde, alle möglichen Waren feilgeboten. Sunu merkte bei all den Gerüchen nach Essen, Gewürzen und Sonstigem, wie sein Magen knurrte. Er drängte sich in die Menge, die einen Fleischstand umringte und holte sich etwas gebratenes Geflügel und Brot. Danach setzte er eilig seinen Weg zur Villa Nakhts fort. Irgendwie hatte er plötzlich ein ungutes Gefühl in sich.


Das Scharmützel

Als Sunu die Residenz des Hauptmannes erreichte war dort alles in Aufruhr. Diener, Soldaten und Sklaven rannten durcheinander und aus keinem war ein gescheites Wort herauszubringen, um was sich die ganze Aufregung drehte. Also eilte Sunu in böser Vorahnung durch die Säulenhalle zum Arbeitsraum von Nakht. Die Tür stand sperrangelweit offen und ein wild gestikulierender Nakht scheuchte, hinter seinem Schreibtisch stehend, etliche Diener und Soldaten durch die Gegend. Bei Sunus Anblick wies er die ganze aufgeregte Bande aus dem Raum und hieß ihn eilig Eintreten und die Türe schließen. Anscheinend war sogar der Hauptmann einigermaßen aus dem Häuschen, denn er vergaß, wie sonst üblich, darauf zu warten, ob der Leutnant salutierte oder nicht. Mit großen Schritten kam er hinter seinem Schreibtisch hervorgestürmt und durchmaß wie ein eingesperrter Löwe den Raum vom vorderen bis zum hinteren Ende. Dann blieb er abrupt vor Sunu stehen. Dieser hatte, seine Erregung verbergend, in scheinbarer Ruhe die Hände hinter dem Rücken verschränkt und wartete. „Amun sei Dank, dass du endlich da bist, Leutnant! Die ganze Residenz ist ein Irrenhaus und ich brauche jemand mit einem kühlen Kopf.“ Sunu hatte seine Aufregung unter Kontrolle und zu seinem üblichen zynischen Grinsen zurückfindend fragte er: „Hauptmann, ich frage dich als Chef des Irrenhauses - um was geht es denn eigentlich? Sind die Hethiter eingefallen?“ Diese unrealistische Frage einfach übergehend blickte der Hauptmann ihm in die Augen und sagte kurzangebunden: „Königin Hatschepsut will einen Rachefeldzug anführen.“ Sunu schnappte nach Luft und machte einen raschen Schritt rückwärts, als hätte sich eine giftige Kobra vor ihm aufgerichtet. „Wie bitte, was... “ Stotterte der sonst so beherrschte Mann und Nakht fuhr fort zu sprechen: „Die Königin hat gehört, dass vor kürzester Zeit eine Goldkarawane angegriffen und ausgeraubt worden ist und nun will sie eine Division Soldaten in die Wüste führen, um die Übeltäter aufzuspüren und ihnen die Beute wieder abzujagen. Sie will, so sagt sie, – ein Exempel statuieren –.“ Mit einer heftigen Drehung nahm der Hauptmann seine Durchquerung des Raumes wieder auf. Sunu fuhr sich mit den Fingern durch die von Tunip, der in solchen Dingen äußerst geschickt war, in viele schmale Zöpfe geflochtenen Haare und schüttelte den Kopf. Er hatte ja gewusst, dass die Königin äußerst abenteuerlustig war, aber diesmal war es etwas anderes, denn er würde die Verantwortung für ihr Wohlergehen tragen. Entschlossen stellte er sich dem hin und her eilenden Nakht in den Weg: „Gibt es denn keine Möglichkeit, sie davon abzuhalten?“ Fragte er verzweifelt. „Meinst du nicht, dass ich alles, wirklich alles versucht habe, um ihr das auszureden?“ Brüllte der Hauptmann händeringend. Dann begab er sich wieder hinter seinen Schreibtisch, ließ sich schwerfällig auf den Lederstuhl plumpsen und stützte ergeben den Kopf in die Hände. Er fügte sich ins Unvermeidliche, wohl merkend, dass Sunu ihm in der augenblicklichen Situation auch keine große Hilfe sein würde. Seine gelblichen Augen richteten sich auf den hilflos herumstehenden Leutnant und, nach kurzer Überlegung, gab er nun ruhig seine Anweisungen: „Du wirst deine Truppe zusammenrufen und die Königin in die Wüste begleiten. Stelle auch eine Division Soldaten zusammen. Nimm dir so viele Leute, Wagen und Pferde wie du brauchst. Ich verlasse mich auf dich.“ Kurz schwieg das Stadtoberhaupt, dann fuhr er fort: „Eigentlich bin ich zu alt für solche Sperenzien, aber ich werde euch begleiten. Offiziell werde ich den Oberbefehl haben, aber inoffiziell bist du der Befehlshaber. Mach dich an die Arbeit; sie will morgen früh bereits aufbrechen.“ Müde winkte er dem Leutnant zu, den Raum zu verlassen. Sunu ging wie ein Schlafwandler Richtung Ausgang. Er hatte die Tür schon fast hinter sich geschlossen, als der Hauptmann ihm noch laut hinterher rief: „Du haftest mir mit deinem Kopf für ihren!“ Mit einem Schlag hellwach schloß Sunu die Tür mit lautem Knall und eilte mit verkniffenem Gesicht in Richtung der Kasernen. Die Sonne neigte sich bereits dem Horizont entgegen und bald würde der Mondgott Chons sein silbernes Licht über die Garnison fluten lassen. Bis zum Morgen waren es nur noch wenige Stunden Zeit und Sunu hatte alle Hände voll zu tun.

                *

Noch vor Sonnenaufgang war Hatschepsut aufgestanden und hatte sich von ihren Dienerinnen baden, salben, schminken und anziehen lassen. Der Bewahrer der Insignien hatte ihr Krone, Krummstab und Wedel überreicht und sie hatte eine ihrer Sänften bestiegen. In Begleitung Ihrer von Sunu gestellten Wache und ihrer beiden schwarzen Beschützer war sie zum Tempel geeilt, ihre Trägersklaven zu schnellstem Tempo antreibend. Sie hatte in unangebrachter Hektik, was den Priestern sehr missfiel, das morgendliche Reinigungsritual an Amun vollzogen. Danach war sie, mit schwitzenden Sklaven und außer Atem geratender Medjay-Eskorte, zur Residenz zurückgerast. Dort begab sie sich erneut in ihre Gemächer und ließ sich ihr Kriegsgewand bringen. Wenig später verließ eine knabenhaft schlanke sehnige Gestalt, den Kopf bedeckt mit einem weißen Lederhelm, die Villa. Hohe Lederstiefel mit metallenen Beinschienen schützten die schlanken Beine und ein knielanger lederner Kriegsrock, mit Metallplättchen besetzt, klirrte bei jedem Schritt. Die einzigen Tribute an ihre hohe Stellung waren ein schmaler Goldreif, der ihre Lederkappe umschloß und an dessen Vorderseite sich die Uräusschlange aufbäumte und ein breites Pektoral aus Bronzegliedern. Es war besetzt mit bunten Edelsteinen, welche das Auge des Horus darstellten und es diente als Schmuck, aber auch zum Schutz gegen Verletzungen. Das Symbol des Gottesauges wurde allgemein gerne als Talisman benutzt; besagte doch der Mythos, dass der Gott des Chaos „Seth“ im Zorn seinem Neffen dem Falkengott „Horus“ die Augen ausgerissen habe. Die Fruchtbarkeitsgöttin Hathor jedoch fand und heilte den Schwerverletzten. Durch die Heilung der Göttin wurde das Auge des Horus, laut Glaubensgeschichte, perfektioniert und somit gerne auf Amuletten und anderem Schmuck als Schutzsymbol verwendet.

                *

Auf dem Hof der Residenz wartete die Medjaytruppe. Sunus Männer waren 50 an der Zahl und alle waren mit Pferd, Wagen und Bogen in Reih und Glied entlang der Hofmauer aufgestellt. Sunu hatte damit gerechnet, dass die Königin ihren eigenen Wagen und Leibwächter mitbringen würde. Zu seiner Überraschung, und auch zu seinem gelinden Entsetzen, erschien sie jedoch zu Fuß, nur von den zwei dunkelhäutigen Riesen begleitet. Sie stieg zielstrebig hinter dem Leutnant auf seinen Kriegswagen. Routiniert hielt sie sich mit einer Hand am Geländer des Gefährtes fest, während sie in der anderen einen wunderschönen vergoldeten Bogen hielt, dessen Pfeile sie in einem Köcher auf den Rücken geschnallt hatte. Etwas verdattert überlegte Sunu, ob er sich nun verneigen, oder gar vom Wagen springen und sich zu Boden werfen müsse, wie es normalerweise in so unmittelbarer Gegenwart eines Pharao vorgeschrieben war; noch ehe er jedoch zu Ende überlegen konnte spürte er einen kräftigen Knuff zwischen den Schulterblättern und eine leise Stimme zischte neben seinem Ohr: „Willst du hier Wurzeln schlagen, oder geht es endlich los?“ Im gleichen Moment griff ihm auch schon eine zarte aber kräftige Hand an der Hüfte vorbei in die Zügel und ließ diese auf den Rücken der Pferde klatschen. Zum sich wundern blieb dem Leutnant nun keine Zeit mehr, denn er hatte alle Hände voll zu tun, das erschrockene Gespann wieder in seine Gewalt zu bringen. Als er das erledigt hatte, wagte er einen strafenden Blick über die Schulter und blickte in ein unschuldig lächelndes ungeschminktes Frauenantlitz. Im Hintergrund verschwanden die verdatterten Gesichter der Leibwächter, welche unschlüssig von einem Fuß auf den anderen traten in einer Staubwolke. Sofort richtete Sunu seine Aufmerksamkeit wieder auf das Gespann und registrierte an dem Geräusch von donnernden Hufen, dass seine Männer ihm folgten. Sunu warf wieder einen kurzen verstohlenen Blick auf seine Herrscherin. Sie musste viel jünger sein, als er gedacht hatte. Ohne ihre Schminke und die steife höfische Etikette wirkte sie wie ein junges Mädchen. Vor den Toren der Stadt warteten 100 Soldaten unter der Führung von Hauptmann Nakht, die sich der Königin mit ihrer Medjaytruppe anschlossen. Nakhts Wagen schloß bald zu Sunus auf und fuhr neben ihm. Die Bewunderung für die junge Frau hinter ihm wuchs in Sunu, je länger sie suchend den Wüstensand durchpflügten und er kein Wort der Beschwerde hörte. Als die Sonne ihren Höchststand erreichte, machten sie Halt. Man hatte extra ein großes Zelt mitgeführt, zur Bequemlichkeit der Königin. Als Hatschepsut bemerkte, dass die Soldaten anfingen das riesige Gebilde aufzustellen, eilte sie zu ihnen und bat darum, dass man sich die Zeit und die Arbeit sparen solle. Sie wollte sich lieber ein schlichtes Sonnensegel mit den Soldaten teilen. In diesem Augenblick hatte sie sich auch die Herzen der übrigen Soldaten sowie des Hauptmanns Nakht erobert. Sobald es die nachlassende Hitze zuließ, drängte die Königin zum Aufbruch. Sie war es auch, die wenig später im diffusen orangegoldenen Licht des Spätnachmittages, die Spuren der Diebe entdeckte. Sie sprang von Sunus Wagen und lief ein paar Schritte über die goldenen Dünen. Dort fegte sie mit dem Fuß eine dünne Schicht Sand beiseite und wies triumphierend auf eine kaum erkaltete Feuerstelle. Die Diebe schienen sich sicher zu fühlen, denn sie hatten anscheinend keinerlei Eile gehabt, ihren Weg fortzusetzen. Mit neuem Eifer wurde die Jagd fortgeführt. Die glühende Scheibe des Re sank dem Horizont entgegen und das tiefe Rot des Himmels verblasste langsam zu einem hellen, mit goldenen Streifen durchsetzten Rosa. Sunu, der neben Hauptmann Nakht die Truppen anführte hob die Hand und die Streitwagen hielten hinter seinem Wagen in einer Staubwolke an. Wortlos deutete er mit ausgestreckter Hand nach vorne. Ein undeutlicher rötlicher Schein spiegelte sich in der Ferne auf einer sich aus dem Sand erhebenden Felswand und im dunkler werdenden Himmel darüber. Neugierig spähte die Königin über Sunus Schulter und murmelte: „Das muß ihr Lagerfeuer sein. Sie haben die Felswand zum Schutz im Rücken.“ Dann sagte sie lauter und mit Triumph in der Stimme: „Wir haben sie.“ Freudig zustimmendes Gemurmel erhob sich unter den Männern und man merkte ihnen ihre Ungeduld an, die Männer anzugreifen und sich vor ihrer Herrscherin mit Ehre zu bedecken. Sunu überreichte mit einer tiefen Verbeugung die Zügel der Königin und stieg vom Wagen, um den Eifer der Männer in die richtigen Bahnen zu lenken. Auch Nakht übergab die Zügel einem Soldaten und trat hinzu. Abwartend blickte Sunu den Älteren an, doch dieser überließ mit einer Geste ihm das Wort. Sunu hob den Finger in den Wind und sog die Luft durch die Nase, wie ein Raubtier, dass Witterung von seiner Beute aufnimmt. Dann begann er zu sprechen: „Männer! Ich weiß, dass ihr vor Ungeduld brennt, den Diebstahl an den Schätzen unserer Königin zu rächen; doch muß der Überfall gut durchdacht sein. Der Wind steht gegen uns – das ist gut, da sich der von uns aufgewirbelte Sand schneller wieder legt und von den Angegriffenen nicht so früh wahrgenommen werden kann. Trotzdem möchte ich einer Flucht dieser Diebe vorbeugen indem ich Bogenschützen auf dem Felsmassiv dahinter postiere. So werden wir sie in die Zange nehmen, falls sie über irgendwelche Wege in den Fels zu flüchten versuchen.“ Zustimmendes Gemurmel beantwortete seine Worte; dann meldete sich eine helle energische Stimme zu Wort: „Wenn du noch weiter viele Worte machst, Leutnant, hat Re mit seiner Sonnenbarke die Reise durch die Nacht angetreten und wir können die Räuber nicht mehr sehen!“ Ein belustigter Unterton in diesem Satz war unüberhörbar. Sunus Gesicht überzog sich mit leichter Röte, während er sich seiner Königin zuwandte. Er kniete vor dem Streitwagen mit der Königin nieder und berührte in ergebener Geste mit den ausgestreckten Händen den sandigen Wüstenboden; seine Worte straften die unterwürfige Haltung jedoch Lügen: „Hoheit, was sein muß muß sein.“ Sich erhebend teilte er danach die Leute in zwei Gruppen auf; die besten Schützen sollten in großem Bogen um die Felswand herumfahren, an deren Fuße die Streitwagen mit wenigen Wächtern zurücklassen und sich auf dem Grat verborgen postieren. Die andere Hälfte der Männer würde mit Sunu den Frontalangriff wagen. Noch bevor er seinen Wagen erklimmen konnte, wurde er jedoch von Hauptmann Nakht daran gehindert. „Leutnant Sunu, ich werde den Angriff leiten. Du bist der beste Bogenschütze weit und breit, leite du die andere Gruppe.“ Sein Ton duldete keinen Widerspruch und so salutierte Sunu ausnahmsweise ergeben, da er vor der Königin ein korrektes Betragen an den Tag legen wollte. Es war ihm klar, dass der alternde Hauptmann sich vor der Herrscherin zu profilieren gedachte. Er wollte nicht als abgehalfterter Kriegsheld dastehen und Sunu akzeptierte das. Der Leutnant wollte nun endlich seinen Streitwagen besteigen, als er wieder daran gehindert wurde. Die Königin, die immer noch die Zügel seines Gespannes hielt, übergab ihm diese, schob ihn mit schmaler aber starker Hand beiseite und sprang zu Boden. Ungerührt ging sie zu Nakhts Wagen und stieg hinter diesem auf. Nakht wandte beunruhigt den Kopf um zu sehen, was da vor sich ging, wagte aber nur ein vorsichtiges und fragendes: „Herrin?“ Mit einem kühlen Lächeln erklärte Hatschepsut: „Ich will nicht auf dem Fels lauern, wie eine Kakerlake. Ich will die Männer in den Kampf führen, schließlich bin ich ihre Königin.“ Ihre Stimme war immer lauter geworden und als die Männer den letzten Satz hörten brachen sie in begeisterte Jubelrufe aus, die von der Königin mit einer Geste unterbrochen wurden. Milde lächelnd blickte sie auf die sie umringenden Männer hinab und sprach: „Wenn ihr so laut schreit, können wir nicht einmal eine taubstumme Greisin überraschen, geschweige denn gerissene Diebe. Also los jetzt!“ Kaum war die letzte Silbe über ihre Lippen gekommen, hatte sie auch schon dem sprachlosen Nakht die Zügel aus der Hand genommen und ließ die Pferde mit einem Satz angaloppieren. Sunu konnte sich, trotz der ernsten Situation, angesichts der total ratlosen Miene des Hauptmannes, der sich krampfhaft am Rand des Streitwagens festklammerte, ein Grinsen nicht verkneifen. Die Männer schwangen sich auf ihre Wagen und folgten begeistert ihrer Königin in Richtung des im Abendlicht leuchtenden Horizonts. Sunu erklomm endlich ungehindert sein Kriegsgefährt und machte sich mit den anderen auf den Weg zum Felsmassiv.

                *

Wie Schatten hatten sich Sunus Männer auf den zerklüfteten gut fünf Mann hohen Felsrücken geschlichen und lagen jetzt hinter großen Steinbrocken und verdorrten Büschen auf der Lauer. Unter sich konnten sie die arglosen Männer sehen, die am Lagerfeuer stolz ihre Beutestücke ausgebreitet hatten: Gold von den Minen am zweiten Katarakt, Edelsteine aus dem Lande Kusch und bereits verarbeiteten Schmuck, der wohl auch von daher stammte. Die Schätze glitzerten und gleißten im Licht der roten Sonne. Es herrschte heitere Stimmung unter den Dieben. Es waren Nomaden in weiten langen Gewändern und mit gewickelten turbanähnlichen Kopfbedeckungen, die nur die Augen freiließen. Der Wein floß in Strömen aus den Lederschläuchen, die für den Transport von Flüssigkeit durch die Wüste verwendet wurden. Mit Sicherheit waren auch diese gestohlen. Sunu ließ seine Augen über die Gruppe der Nomaden gleiten. Es waren etwa 100 Leute. Sunu hatte seine fünfzig Männer und noch die Soldaten von Nakht bei sich. Er dachte, dass er allein mit seinen Männern diese Sache auch hätte erledigen können. Indem sich aber Pharao mit auf dem Feldzug befand, war es schon besser, wenn den Nomaden keine Chance gelassen wurde. Sunu wandte den Blick von den Räubern ab und suchte mit den Augen die sich hinter deren Lagerplatz ausdehnende Wüste ab. Seine Aufmerksamkeit richtete sich auf ein kaum sichtbares Flimmern, dass sich jedoch bald zu einer Sandwolke entwickelte, die vor dem inzwischen violettfarbenen Abendhimmel nicht verborgen blieb. Die ersten der Männer am Lagerfeuer begannen sich aufzurichten und wiesen aufgeregt in Richtung der sich nähernden Wolke. Andere erhoben sich und bald entwickelte sich ängstliche Betriebsamkeit im Lager. Kopflos rannten die Männer durcheinander und wussten nicht, ob sie lieber Nahrung und Wasser oder Edelsteine und Gold einpacken und auf ihre Kamele laden sollten. Sie hatten anscheinend überhaupt nicht mit einer Verfolgung gerechnet. Als die Nomaden bemerkten, wie nahe ihre Feinde schon gerückt waren, versuchten einige von ihnen mit Sack und Pack zu Fuß über den Fels zu fliehen, die Kamele einfach zurücklassend. Entsetzen machte sich breit, als sie von einem Pfeilhagel zurückgetrieben wurden. Die meisten von ihnen waren mit Schwertern für den Nahkampf ausgerüstet; nur wenige besaßen Pfeil und Bogen. Zum Überfallen einer Karawane, deren bewaffnete Eskorte ihnen zahlenmäßig unterlegen war, hatte dies wohl genügt. Nicht jedoch gegen eine gutausgebildete und geführte Gruppe von Soldaten und Medjay. Die Räuber hatten sofort erkannt, dass es sinnlos wäre, auf die Männer in den Felsen zu zielen. Zu gut war deren Deckung. Es wurde ihnen klar, dass sie in der Falle saßen. Die Flucht über den Felsrücken war ihnen versperrt und die Kriegswagen rückten unaufhaltsam näher. Nun wurde versucht, aus allem was greifbar war, Barrikaden zu bauen, um wenigstens Deckung zu haben. Sunu wies seine Männer an, nur zu schießen, wenn sie ein klares Ziel vor Augen hatten und wartete ab. Die Streitwagen der Truppe waren nur noch einen Steinwurf von den Nomaden entfernt und die Barrikaden wurden einfach überrannt. Dann begann der Kampf Mann gegen Mann. Einige Soldaten sprangen von den Gefährten, ließen Pfeil und Bogen zurück und zogen ihre kupfernen Schwerter, andere kämpften vom Wagen aus. Sunu sah, dass auch Königin Hatschepsut hinter Nakht auf dem Wagen stand und von dort aus wie ein Krieger das Schwert gleich gegen zwei Gegner führte. Gespannt behielt Sunu den Kampf im Auge, während er seine Männer anwies, nur noch die von unten herauf begehbaren Wege zu bewachen und ansonsten sich dem unten tobenden Kampf anzuschließen.


Die Rettung

Eben wollte auch er sich hinter seiner Deckung erheben, Pfeil und Bogen sinken lassen und den Männern folgen, als er erschrocken innehielt. Hatschepsut hatte einen ihrer Gegner niedergekämpft, den anderen hatte inzwischen Nakht vor seinem Schwert. Da tauchte im Rücken der Königin ein hochgewachsener Nomade auf, der ein langes gebogenes Messer gegen sie schwang. Nur einen Sekundenbruchteil zögerte Sunu, während Bilder einer anderen wunderschönen Frau durch seinen Sinn blitzten. Einmal war er nicht zur Stelle gewesen, als man ihn gebraucht hatte, dies durfte ihm nie wieder passieren. Die Strecke war für einen Pfeil fast zu weit, doch blitzschnell legte Sunu den Bogen an die Wange, spannte die Sehne und schoß. Er kniff ängstlich die Augen zusammen, konnte er die Herrscherin Kemets noch retten? Da griff der Angreifer der Königin mit beiden Händen nach dem vibrierenden Pfeilschaft, der aus seiner Brust ragte. Das Messer fiel in den Staub und mit einem gurgelnden Schrei brach er zusammen. Erleichtert ließ Sunu den Bogen sinken. Mit überraschter und erschrockener Miene fuhr die Königin herum und sah den Mann am Boden liegen. Präzise registrierte ihr wacher Verstand, was da eben passiert war. Dann schnellte ihr Blick hoch zur Klippe und sie entdecke Sunu, der dort stand, den Bogen noch in der Hand. Hauptmann Nakht, noch immer mit seinem Gegner beschäftigt, hatte von dem ganzen Vorfall gar nichts bemerkt. Mit seinem typischen leicht zynischen Lächeln wandte sich Sunu ab und begann, wieder ganz der immer beherrschte Krieger, den Abstieg. „Die Kakerlake hat also der Königin das Leben gerettet.“ Dachte er grinsend, während er sein inzwischen erreichtes Gefährt wieder bestieg und in Richtung des Kampfplatzes losfuhr

                *

Sunu saß entspannt auf einer Bank an einem groben Holztisch in einer Schänke am Hafen und erzählte, während er genüsslich an einem großen Steinkrug mit kühlem Bier nippte, vom gestrigen Abend. Ihm gegenüber saß Tunip, der Schreiber, und hörte mit leuchtenden Augen dem Bericht seines Vorgesetzten über das Gemetzel mit den Nomaden zu. Nachdem Sunu erst in den frühen Morgenstunden aus der Wüste zurückgekehrt war, hatte er noch eine Weile mit seinen Männern Patrouille geschoben, in sich abwechselnden Gruppen, um einem eventuellen Rachefeldzug der wenigen entkommenen Nomaden vorzubeugen. Danach hatte er sich, mit Genehmigung von Nakht, gegen Mittag in sein Quartier begeben und durfte endlich seiner Erschöpfung nachgeben und schlafen. Erst am frühen Abend war er aufgewacht und war, da er noch keine neue Order hatte und unter quälendem Hunger und Durst litt, mit dem schon ungeduldig auf Rapport wartenden Tunip zur Schänke aufgebrochen. Immer wieder unterbrach dieser Sunus Geschichte, um nach näheren Details zu fragen. „Und die Königin ist tatsächlich auf deinem Streitwagen mitgefahren?“ Geduldig antwortete Sunu mit einem gedehnten „Jaaa.“ „Und als die Schlacht besprochen war, stieg sie zu Nakht auf den Wagen, um selber aktiv die Kämpfenden anzuführen?“ Wieder ein gedehntes „Jaaaaa.“ Von Sunus Seite des Tisches aus. Der Wirt kam, um die Krüge nachzuschenken und Sunu hielt ihm seinen hin und beobachtete, wie die Flüssigkeit schäumend hinein floß. Das Bier hier war sehr gut, für eine Schänke der Hafengegend und die gebratenen Spezialitäten, welche auf der Kochstelle auf dem Hinterhof zubereitet wurden, konnten sich durchaus sehen lassen. Deswegen suchte Sunu dieses Lokal gerne auf. Auch war es verhältnismäßig sauber hier und die Preise hielten sich im Rahmen. Der Steinboden war immer gut gefegt und an den Wänden standen auf blanken Holzregalen aufgereiht Becher, Teller und Krüge aus Stein und einige edlere aus Kupfer. Sogar einige frivole Gemälde zierten die Lehmwände und gaben dem Raum eine fröhliche Atmosphäre. Sunu fühlte sich energisch am Arm gerüttelt; anscheinend hatte er in Gedanken eine Frage seines Schreibers verpasst, welche dieser jetzt ungeduldig wiederholte: „Mit wie vielen Männern hat Hatschepsut gekämpft? Du sagtest mit zweien auf einmal?“ Lächelnd schüttelte der Leutnant den Kopf und meinte: „Wie oft soll ich es dir denn noch erzählen, wenn du es eh schon auswendig weißt?“ Er setzte den Bierkrug an, um einen großen Schluck zu nehmen. In diesem Moment wurde die Binsenmatte, welche den Eingang gegen den Straßenstaub und die Geräusche von draußen zu schützen vorgab, beiseite geschoben und zwei Soldaten betraten den Raum. Sie blickten sich suchend um. Zielstrebig traten sie dann an Sunus Tisch und dieser stellte seinen Krug sofort ab, erhob sich und blickte die Männer fragend an. „Was liegt an, Kameraden?“ fragte er in schon leicht bierseliger Laune grinsend; „Möchtet ihr euch zu uns gesellen und einen Krug Bier mittrinken?“ Doch die Männer schüttelten mit ernster Miene den Kopf und der größere von beiden antwortete mit gewichtiger Stimme: „Leutnant Sunu, du wirst sofort vor den lebendigen Gott befohlen. Pharao Hatschepsut erwartet dich unverzüglich in ihrem Empfangsraum in der Residenz des Stadthalters.“ Völlig ernüchtert ließ Sunu klirrend ein paar Kupfer-Dheben auf den Schanktisch fallen und folgte, überrascht schweigend aber ohne zu zögern, den durch die Tür marschierenden Soldaten. Tunip hatte mit besorgten Augen die Szene beobachtet und sprang nun eilig auf, um seinem Vorgesetzten nachzueilen. Hatte dieser etwas angestellt? Tunip konnte es sich beim besten Willen nicht vorstellen. Trotzdem wollte er zur Stelle sein, um Sunu im Notfall zur Seite zu stehen. Die Straßen von Jebu waren von Fackeln erleuchtet. Eine Grenzstadt wie diese schlief nie. Aus den hell schimmernden Fenstern und Türen der vielen Schänken und Freudenhäuser tönte Gelächter und Gesang, während die vier dunklen Gestalten vorüber eilten. Auf dem Markplatz waren einige Verkaufsstände immer noch geöffnet und waren von Gestalten verschiedenster Rasse und Mentalität umringt. Bald erreichten sie die Stufen, die zu den vornehmeren Vierteln führten. Auf den breiteren alleeartigen Straßen angelangt begegneten sie einer Patrouille, welche stramm salutierend vorübermarschierte. Sie eilten an den die Straßen flankierenden Bäumen und Statuen vorbei und passierten die von Mauern geschützten Gärten der Reichen. Wenig später stiegen sie die säulenumstandenen breiten Eingangsstufen zur Residenz von Hauptmann Nakht empor.


Eine ebenfalls ungewollte Beförderung

Im Vorraum von Nakhts Arbeitszimmer, welcher nun von teuren Alabaster-Öllämpchen und wärmenden Kohlebecken – in unmittelbarer Nähe der Wüste konnten die Nächte empfindlich kalt werden – erhellt wurde, ließ sich Sunu auf eine Marmorbank sinken. Die zwei Soldaten pochten vorsichtig an die verzierte Holztür des Hauptmannes. Tunip stand etwas kleinlaut zwischen den Säulen des großen Hauses herum und beobachtet was vor sich ging. Er war ja noch nicht lange bei Sunu im Dienst und hatte noch nie eines der hochherrschaftlichen Häuser von innen gesehen. Die hier herrschende Pracht schien ihn förmlich zu erdrücken. Die Tür zum Arbeitsraum Nakhts sprang auf doch Sunu, der sich bereits erhoben hatte, wurde nicht wie erwartet hereingebeten. Der Hauptmann stürzte aus dem Zimmer, winkte im Vorübergehen dem verblüfften Leutnant heftig zu ihm zu folgen und eilte auf einen breiten Seitengang zu, der von der Halle abzweigte. Sunu blieb keine Zeit, die glänzenden Säulen und bunten Gemälde zu bewundern, denn er musste sich anstrengen, mit dem fülligen Hauptmann Schritt zu halten. Wie bereits erwähnt, wurde seine behäbige Gestalt öfters unterschätzt. Endlich gelang es Sunu, für kurze Zeit neben seinem Vorgesetzten herzurasen. Außer Atem flüsterte er ihm zu: „Was ist denn los; um was geht es denn?“ Ebenso leise zischte Nakht die Antwort in sein Ohr: „Keine Ahnung! Ich hoffe für dich, dass du nichts angestellt hast, um die Königin zu erzürnen.“ Sunu reihte sich wieder hinter dem Hauptmann ein, hob die Schultern und ließ sie wieder fallen. Er hatte nicht die geringste Vorstellung, was ihn erwartete. Abrupt blieb Nakht stehen und Sunu prallte prompt gegen dessen breiten Rücken. Verärgert sah der Hauptmann sich nach ihm um und zischte: „Verhalte dich um Amuns Willen in Gegenwart der Königin etwas angebrachter!“ Leicht abfällig ließ er seinen Blick über Sunus Aufzug schweifen. Er trug in seiner Freizeit nur einen weißen gefältelten Schurz mit einem bronzenen Gürtel. Seine breite dunkle Brust war nackt und die langen Zöpfe seines Haares waren nur durch ein aus Perlen geflochtenes Stirnband zusammengehalten. Sunu trat einen Schritt zurück und musterte kritisch seinen hellen Schurz. Aufatmend stellte er fest, dass dieser sauber war und keine Bierflecken oder ähnliches aus der Schänke davongetragen hatte. Nakht klopfte gegen die massive Holztüre, mit silbernen Beschlägen, vor der er angehalten hatte. Links und rechts des Eingangs standen Soldaten, zum Schutz der Herrin beider Länder. Im nächsten Augenblick wurden die beiden Türflügel nach innen gezogen und eine breite goldenen Lichtbahn fiel auf den Gang. Geblendet kniffen die beiden Männer die Augen zusammen, bis sie sich an die Helligkeit gewöhnt hatten. Zögern trat Nakht über die Schwelle und ebenso langsam folgte ihm Sunu. Staunend sahen sie sich um. Schimmernde, fast durchsichtig bunte Stoffbahnen verhängten die schmalen hochgelegenen Fenster. Goldene und mit Elektrum überzogene Statuen der Königin standen in Nischen und neben Säulen. Götterfiguren und Lampen aus Alabaster schmückten den Raum und alles wurde überstrahlt von der leuchtenden Gestalt von Hatschepsut. Hauptmann Nakht erkannte seine eigenen Räume nicht mehr und vor lauter Staunen vergaß er der prächtigen Königin auf ihrem riesigen goldenen Thronsessel die Ehre zu erweisen. Nicht viel anders erging es dem Leutnant. „Na, habt ihr euch genug umgesehen?“ Ertönte die helle Stimme von Hatschepsut, die ihre Belustigung nicht zu unterdrücken vermochte. Sich ihres ungebührlichen Verhaltens plötzlich bewusst werdend, ließen sich die beiden Männer wie vom Blitz gefällt zu Boden fallen und berührten in ergebener Geste mit ausgestreckten Händen den bunt schimmernden Mosaikboden. Während sie die Köpfe gesenkt hielten, konnten sie das leichte Grinsen nicht sehen, welches die vollen Lippen Hatschepsuts umspielte. Nur die links und rechts des Thrones postierten riesigen nubischen Krieger und die wenigen Hofdamen, welche auf Sitzkissen zu Füßen der Königin saßen, blickten sich amüsiert an. „Ihr dürft euch erheben.“ Ließ sich nun wieder die energische Stimme der Herrscherin vernehmen. Nakht und Sunu richteten sich aus ihrer kauernden Stellung auf und traten, auf einen Wink der beiden Nubier, vor die Stufen zum Thron. Sunu konnte sich nicht satt sehen an der rund um ihn bestehenden Pracht; darüber vergaß er beinahe seine Sorge über den Grund seines Hierseins. Schon die Kriegsgewänder der beiden Schwarzen, die den Thron bewachten... die bronzenen Brustpanzer waren übersäht mit unzähligen funkelnden Edelsteinen. Ihre Lederhelme schmückten exotische Federn und die Schurze waren mit goldenen Troddeln und Ketten behängt. Dann die Hofdamen – Sunu ärgerte sich, dass ihm die Röte in die Wangen stieg. Zu seinem Glück war dies bei seiner dunklen Hautfarbe ja kaum zu erkennen. Die Hofdamen trugen nämlich Kleider, die nur bis unterhalb des Busens reichten. Die Brustwarzen waren zu allem Überfluß auch noch mit Henna rot gefärbt. Der Rest der Gewänder war aus so hauchdünnen buntglitzernden Stoffen gearbeitet, dass mehr gezeigt, als verborgen wurde. Am schlimmsten war es für den Leutnant, dass er trotz aller Peinlichkeit die Blicke nicht von den Schönheiten abwenden konnte. Endlich gelang es ihm, als die Stimme der Königin, sich wieder zu Wort meldete. Diese Stimme vibrierte ein wenig und Sunu merkte, dass Hatschepsut sich über ihn lustig machte. „Nun, Leutnant Sunu, gefallen euch meine Hofdamen.“ Hauptmann Nakht puffte ihm den Ellbogen in die Rippen und warf ihm einen vernichtenden Blick zu, während die Damen tuschelnd und kichernd die Köpfe zusammensteckten. Sunu richtete sich zu seiner vollen Größe auf und fand, seine Unsicherheit unterdrückend, zurück zu seiner sonstigen ruhigen und direkten Art. Ehrlich antwortete er, der Königin fest in die Augen blickend: „Sie sind sehr schön, doch keine ist so schön wie ihre Göttin.“ Kurz schien die Königin geschmeichelt, doch dann fiel wieder die unnahbare Maske über ihr perfektes Gesicht. Steif, wie eine Statue, saß sie auf dem goldenen Sessel. Im Licht der unzähligen Lampen und Kohlebecken und im Widerschein der Bronzespiegel an den Wänden wirkte die Königin in ihrem schimmernden Geschmeide tatsächlich so unwirklich wie eine strahlende Göttin. „Trete zu mir, Leutnant Sunu!“ Befahl sie mit kalter Stimme. Sunu trat äußerlich ruhig, doch innerlich bangend, vor sie hin. Er wusste zwar nicht, was er angestellt haben konnte, doch die Herrscherin war äußerst empfindlich und hatte ihre Ohren und Augen überall. So konnte man nie wissen was ihr – ob wahr oder unwahr – zugetragen worden war. Er stand mit gesenktem Haupt vor seinem Pharao und wagte nicht, den Blick zu heben. Erst, als ein erstauntes Raunen unter den wenigen Zuschauern entstand, hob er vorsichtig den Kopf und sah plötzlich direkt in die Bernsteinaugen von Hatschepsut die, da sie auf der untersten Stufe zu ihrem Thron stand, sich direkt auf seiner Höhe befanden. Etwas Kaltes berührte seine Brust und unfähig zu begreifen bemerkte Sunu, dass die Königin den wundervollen Schmuckkragen mit dem Horusauge um seinen Hals gelegt hatte. Die Königin ließ die Arme an ihrer Seite herabfallen und trat steif einen Schritt zurück. Mit unpersönlich klingender Stimme sprach sie zu Sunu: „Leutnant, du hast in der Schlacht die Königin beschützt und somit Kemet einen großen Dienst erwiesen. Nimm zum Dank dies Geschmeide an und sei deinem Pharao weiterhin Auge und Ohr.“ Damit wandte sie ihm den Rücken zu und bestieg wieder ihren Thron. Mit einer eleganten Geste ihrer zierlichen Hand entließ sie die beiden hochrangigen Soldaten. Sunu war immer noch wie betäubt. Gemeinsam mit Nakht erreichte er rückwärtsgehend, wie es die Etikette verlangte, die Tür zum Audienzraum. Als sich diese hinter ihnen geschlossen hatte, sahen sich die Männer ratlos an. „Was war denn das?“ Brummte Nakht unwillig. Obwohl Sunu inzwischen klar war, für was er eben mehr oder weniger geehrt worden war, zuckte er nur schweigend die breiten Schultern.

                *

In der Eingangshalle wartete ein aufgeregter Tunip auf seinen Herrn. Man sah ihm an, dass er Neuigkeiten hatte und es kaum erwarten konnte, sie Sunu zu erzählen. Sobald sich dieser also von Nahkt, der ihn mit hintergründiger Miene für den nächsten Morgen zu sich beorderte, verabschiedet hatte, schob Tunip seinen Vorgesetzten durch das Eingangstor und begann atemlos zu erzählen: „Herr, ist es wahr, dass du den Pharao in der Schlacht vor einem Anschlag bewahrt hast?“ Ohne auf Antwort zu warten fuhr er fort: „Die Angestellten erzählen, dass du auf 4000 Fuß einem Attentäter einen Pfeil direkt ins Herz gejagt hättest.“ Grinsend wunderte sich Sunu wieder einmal, wie schnell und in welcher Form Tatsachen von Diener zu Herr und umgekehrt weitergegeben, übertrieben und ausgeschmückt wurden. Er wollte eben zu einer Antwort ansetzen, als Tunips Blick auf das blitzende Brustgeschmeide fiel. „Herr, jetzt glaube ich, dass du ihr das Leben gerettet hast.“ Stammelte er, ehrfürchtig mit dem Finger das Auge des Horus berührend. Entschlossen schob Sunu Tunips Hand beiseite und erklärte in trockenen Worten: „Junge, dem Pharao kann niemand das Leben retten, da er ein Gott und unsterblich ist. Allerdings hat sich Königin Hatschepsut für einen kleinen Gefallen bedankt und mir dieses Schmuckstück als Anerkennung geschenkt.“ Ob er selbst an seine Worte glaubte, sah niemand der undurchdringlichen Miene des Leutnants an. Zweifelnd sah Tunip zu seinem Herrn empor, zog es aber vor, zu schweigen.

                *

        

Früh am nächsten Morgen begab sich Sunu, diesmal in korrekter Montur, zu Hauptmann Nakhts Palast. Schnell wurde er diesmal vor den Stadtobersten geführt und mit diesem allein gelassen. Sunu stand aufrecht vor dem riesigen Schreibtisch und wartete gelassen ab, welche Order er für den heutigen Tag erhalten würde. Nakt ließ seine Blicke über ihn schweifen, während seine Finger nervös auf die Platte seines Tisches trommelten. Er wurde etwas ruhiger, als er bemerkte, dass Sunus Soldatenkluft vollkommen in Ordnung war. Die ledernen Sandalen waren sauber, die Beinschienen glänzten eingefettet. Der kupferne Brustharnisch war poliert und der Lederschurz war mit glänzenden Bronzeplättchen verziert. Seinen Helm trug der Leutnant unter dem Arm. Als Sunu merkte, dass der Hauptmann wieder einmal gelangweilt abwartend seine Blicke weiterschweifen ließ, deutete er einen saloppen Gruß an. Zu mehr ließ er sich nicht herab. Sich damit zufriedengebend lehnte sich Nakht in seinem Stuhl zurück und begann zu sprechen. Sein Blick war jetzt gespannt auf Sunu gerichtet. „Leutnant Sunu, ich habe dir heute deine neuen Order zu übermitteln. Es tut mir fast leid,“ ein etwas belustigtes Leuchten kam in seinen abwartenden Blick, „dass du in Zukunft deine Befehle nicht mehr von mir erhalten wirst.“ Nakht hielt inne, um auf Sunus Reaktion zu warten; als dieser jedoch mit seiner üblichen undurchdringlichen Miene ruhig vor dem Schreibtisch stehen blieb, fuhr der Hauptmann fort: „Dies soll jetzt wirklich keine Beleidigung meinerseits sein.“ Der Blick Nakhts war, nun ernst geworden, auf seinen Leutnant gerichtet. „Aber du wirst selber zugeben müssen, dass du mit der höfischen Etikette nicht besonders vertraut bist.“ Mit einem kurzen Nicken, aber ohne Scham, bestätigte Sunu diese Feststellung. „Ich habe mich bereits gestern über die Art und Weise gewundert, wie sich die Königin dir gegenüber ausdrückte, als sie zu dir sagte – sei weiterhin mein Auge und Ohr – oder so in etwa. Du allerdings hast überhaupt nicht darauf reagiert, Leutnant.“ Sunus feine Nackenhärchen begannen sich langsam aufzurichten, wie in Erwartung irgendeiner undefinierbaren Gefahr. Was sollte das Gerede vom Hauptmann? Was das Gefasel von „Auge und Ohr?“ Als Nakht merkte, dass Sunu tatsächlich ratlos war fuhr er erklärend fort: „Leutnant Sunu, wenn die Herrscherin beider Länder jemanden ihr – Auge und Ohr – nennt, so bedeutet es, dass dieser ab jetzt und für immer für ihre Sicherheit zuständig sein wird. Zumindest jedenfalls solange, wie sie es wünscht.“ Als er die ungläubig verzerrte Miene Sunus sah, fragte er laut und scharf nach: „Hast du das verstanden, Leutnant?“ Fassungslos trat Sunu einen Schritt vor und stützte schwer seine Hände auf die massiven Platte des Tisches. Er war sich bewusst, dass er es seinem Vorgesetzten gegenüber an Respekt fehlen ließ, was er ja allerdings öfters tat. Diesmal war es jedoch kein amüsantes kleines Kräftemessen zwischen zwei starken Männern, um das es ging, es ging um Sunus Zukunft und es war dem Leutnant todernst als er laut und deutlich sagte: „Nein!“ Nakht erhob sich ebenfalls aus seinem Stuhl, stützte seine Hände auf seiner Seite des Tisches auf die Platte und knurrte, Sunu fest in die Augen schauend: „Du hast keine Wahl, Leutnant Sunu, dies ist ein Befehl deines Pharao, der Tochter des Amun, und du wirst ihm nachkommen es sei denn, du willst deinen Kopf verlieren.“

                *

Diese Szene war jetzt über einen halben Tag her und Sunu zitterten immer noch leicht die Hände, wenn er daran zurückdachte. Als Tunip, der seinen Herrn seit dem Morgen nicht gesehen hatte, in das Quartier heimkehrte, fand er diesen mit hängenden Schultern auf der schmalen Liegestatt im hinteren Zimmer sitzend vor. Der Blick des Leutnants war starr auf den Boden gerichtet, seine Frisur zerzaust. Erschrocken ging der Schreiber vor Sunu in die Hocke und sah zu ihm auf. „Herr, was um Amuns Willen ist geschehen?“ Die Stimme bebte dem schlanken Jungen; er hatte seinen immer beherrschten Vorgesetzten noch nie in so einem desolaten Zustand gesehen. Sunu hob den Blick, der wie irr blitzte und mit einem undefinierbaren Grinsen sagte er: „Pack unsere Sachen, Tunip, wir werden in Zukunft der Herrscherin von Kemet dienen.“ Tunip kam vor lauter Überraschung in seiner hockenden Stellung ins Wanken und kippte auf seinen schmalen Hintern. Endlich schien die Vernunft wieder in Sunus Kopf zurückzukehren und mit einem leisen Anflug seines alten Zynismus sagte er lachend: „Nimms nicht so schwer, Tunip, wenn es einen von uns den Kopf kosten wird, so wird es der meinige sein.“ Tunips Gesicht jedoch verzog sich, als die Bedeutung des eben Gehörten langsam in sein Denken vordrang, erst zu einem dümmlichen Grinsen, dann zu einem begeisterten Lachen. „Wir werden der Göttlichen dienen!“ Rief er aufspringend ein ums andere mal und begann dazu herumzuhüpfen wie ein junger übermütiger Ziegenbock. Sunu beobachtete kopfschüttelnd seinen jungen Gehilfen und murmelte leise vor sich hin: „Oh Amun, wäre ich nur auch so jung und einfältig wie dieser Knabe.“ Sunu war sehr wohl bewusst, in welche Kreise er sich begeben musste, um seiner neuen Stellung gerecht zu werden. Und, auch wenn er vom höfischen Leben wirklich wenig Ahnung hatte, so wusste er doch, dass es dort oft schlimmer zuging als in der blutigsten Schlacht. Als Soldat lagen ihm nicht die durchtriebenen Intrigen der Hofschranzen und die hinterlistigen Schachzüge der Politiker. Auch mit den machtgierigen Priestern hatte er nicht viel im Sinn. Seine Devise lautete Angriff und Sieg, möglichst ohne Umweg, und komplizierte Strategien wandte er nur an, wenn es unbedingt nötig war. Er riß sich zusammen, schüttelte seine Lethargie ab und half Tunip, der inzwischen singend und tanzend zu packen begonnen hatte, die richtigen Utensilien für eine Reise zusammenzutragen deren Dauer im Ungewissen lag.


Ein neuer Anfang

Im gleißenden Licht des mittäglichen Re fuhr die Schiffskolonne zügig mit der Strömung nilabwärts, in Richtung des geheiligten Sitzes des Pharao „Theben“. Es war der Monat Thot, der Fluß war am Steigen und die feuchte Hitze war nahezu unerträglich. Sunu stand am Bug des Prunkschiffes der Königin und ließ beobachtend seine Blicke bald über das Ufer, bald über die übrigen Begleitschiffe und das eigene Deck schweifen. Die Kais der Orte, welche sie passierten, waren von neugierigen Menschen gesäumt die versuchten, einen Blick auf die Göttliche zu erhaschen. Selbst an den felsigen Stränden, an denen weit und breit keine menschlichen Behausung zu erkennen war, reihten sich einzelne Gruppen von Bauern, die winkten. Sie standen zum Teil knietief im Wasser, aber das war ihnen der prunkvolle Anblick der königlichen Schiffe wert. Auch umschwirrte ständig eine Flotte kleiner Feluken und Boote den Troß, wie die Motten das Licht. Es waren Händler, die von Nahrungsmitteln bis zu Gebrauchsgegenständen und Schminkzeug alles Mögliche feilboten. Hier, weit unterhalb des ersten Katarakts, wo das Wasser des breiten grünen Flusses ruhig dahinströmte, konnten sie sich gefahrlos den großen Schiffen nähern. Das emsige Kommen und Gehen machte Sunu unruhig, da er ständig alles im Auge behalten musste. Schließlich war er nun für die Sicherheit von Königin Hatschepsut verantwortlich. Er hatte sie seit der Abfahrt kaum zu Gesicht bekommen. Die meiste Zeit hielt sie sich im Schatten der bequem eingerichteten Aufbauten auf und ließ sich von ihren Hofdamen unterhalten. Kurz ließ Sunu seine Gedanken zurückschweifen zu den Mauern von Jebu, von denen er sich wahrscheinlich für immer verabschiedet hatte. Innerhalb von nur einem Tag hatte die Königin die Abreise beschlossen und diese, ihrem energischen Naturell gemäß, auch durchgeführt. Zum Glück hatten Sunu und Tunip, in weiser Voraussicht, bereits gepackt und so blieb ihnen noch die Zeit, sich von Freunden und Bekannten zu verabschieden. Sunu blickte mit leichtem Schaudern in seine unbestimmte Zukunft bei Hofe. Da er seine ganze Kindheit und Jugend in Jebu verbracht hatte, hatte er noch nicht viel vom Lande Kemet gesehen. Die einzigen Reisen, die er je unternommen hatte, hatten ihn flussaufwärts zu der am nächsten Katarakt gelegenen Grenzfeste Buhen geführt, wenn er mit seiner Truppe dort zur Unterstützung gegen feindliche Übergriffe angefordert worden war. So kam es, dass er aufgrund seiner mangelnden Erfahrungen außerhalb Jebus, trotz seiner Skepsis gegenüber dem Hofe, eine gesunde Neugier hegte. Er konnte auch nicht abstreiten, dass sich eine Portion Stolz auf seine neue Stellung im Dienste der Herrin beider Länder mit hineinmischte. Eine leichte Wehmut streifte sein Gemüt, als er den Blick noch einmal flussaufwärts schweifen ließ, wo die alte Heimat schon längst hinter den Flussbiegungen verschwunden war. Er musste an eine einsame Grabstätte vor den Toren der Stadt zurückdenken welche er, gegen ein gutes Entgelt, der Pflege einer alten Dienerin von Hauptmann Nakht überlassen hatte. Dort ruhte seine Frau Nitokris, die schon vor vier Jahren ihre Reise in die jenseitig Welt angetreten hatte. Sunu war damals, als sehr junger Krieger, tagelang mit seiner Truppe durch die Wüste gestreift, auf der Suche nach einer Karawane von Dieben, die immer wieder die Dörfer um die Stadt angegriffen hatte, um zu rauben und zu plündern. Während er und seine Männer mit unerledigtem Auftrag nach Jebu zurückkehrten erkannten sie, dass die Horde ihre Abwesenheit ausgenutzt und die militärisch unterbesetzte Feste angegriffen hatte. Zwar zogen sie, nachdem die zurückkehrenden Medjay sie stark dezimiert hatten, jammernd zurück in die Wüste, aber ihr Überfall hatte die Stadt stark in Mitleidenschaft gezogen und viele Kämpfer hatten durch den Übergriff Verwandte, Freunde oder Frauen verloren. Auch Sunu. Er konnte seine geliebte Nitokris nur noch tot in die Arme schließen. Man hatte sie brutal geschändet und ermordet. Mit den Jahren hatten sich seine Schuldgefühle Nitokris gegenüber gelegt, aber die Sehnsucht nach ihr übermannte ihn noch manches Mal, wenn er einsam auf seiner Schlafstatt lag und unruhige Gedanken ihn nicht einschlafen ließen.


Theben

Die Reise nach Theben ging zügig vonstatten. Man reiste mit der Strömung und durch die steigenden Fluten bedingt konnten die Kapitäne ihre Fahrt teilweise auch bei Nacht fortsetzen, da sie keine Untiefen zu befürchten hatten. So kam es, dass der königliche Troß bereits am frühen Abend des zweiten Tages die Ausläufer der Stadt der hundert Tore erreichte. Trotzdem er eigentlich auf andere Dinge achten hätte sollen, konnte Sunu seine Blicke nicht von dem faszinierenden Anblick abwenden. Wie mit Gold übergossen lag sie vor ihm im Abendlicht, die Stadt Theben. Die Tempel und Paläste, die sich über der Stadtmauer mit ihren unzähligen Toren erhoben, schienen nahezu unwirklich unter den diffus schimmernden neblig-rötlichen Sonnenstrahlen, die sich zwischen langgezogenen hellen Wolkenstreifen Bahn brachen. Dazwischen stachen immer wieder, wie silberne Blitze, die mit Elektrum überzogenen Obelisken in den Himmel. Endlich wandte Sunu, abgelenkt durch ein Steuermanöver des Schiffes, seine Aufmerksamkeit wieder seinen Pflichten zu. Sein erster suchender Blick galt den Unterkünften der Königin. In diesem Moment wurde der zarte bunte Vorhang am Eingang zur Seite gezogen und Hatschepsut erschien prächtig gekleidet in Begleitung ihrer beiden Nubier und etlicher Dienerinnen, um sich dem Volk von Theben zu zeigen, das inzwischen in drängelnden Massen die Ufermauern belagerte. Laute Jubelrufe begrüßten die Rückkehr der Herrin beider Länder. Sunu trat sich verneigend von seinem Platz am Bug des Schiffes zur Seite, um der Herrscherin den etwas erhöhten Standpunkt zu überlassen. Sie neigte leicht den Kopf in seine Richtung und stieg die eine Stufe hinauf um sich dann, wie Sunu beunruhigt feststellte, ihrem spontanen Naturell gemäß gefährlich weit über die Rehling zu lehnen und ihrem Volk majestätisch zuzunicken. Das Begeisterungsgeschrei der Menge schwoll zu einer schier unerträglichen Lautstärke an. Sunu war in Habacht-Stellung, damit er jederzeit hinzuspringen und die Königin vor einem Sturz bewahren konnte, aber es geschah nichts. Das Schiff bog in den befestigten Hafen des Palastes ein, der von einem riesigen Hof aus direkt zu den Gärten, Villen und dem exotischen Park des königlichen Palastgeländes überging. Das gesamte riesige Areal war von schützenden Mauern mit Wachtürmen umgeben, soweit Sunu das eben überblicken konnte. Um die Gesamtheit des Geländes zu erkunden würde er sicherlich Tage brauchen, schoß es ihm durch den Kopf. Er ließ seine Blicke wieder neugierig über Villen, Tempel und Unterkünfte schweifen die, wie in den Park hineingewürfelt, locker das große halbrunde Hafenbecken säumten. Er fragte sich, welches der größeren palastartigen Ziegel-Gebäude wohl das „Haus der Freude“ – also die Gemächer der Herrscherin beinhaltete. In den weit verschachtelten kleineren Gebäuden waren sicher die Wohnungen der Priester, Schatzmeister und allen möglichen Personals untergebracht. Hatschepsut hatte sich wieder in den Schatten der Aufbauten zurückgezogen, um ihre Ankunft vorzubereiten, so musste er nicht mehr ganz so aufmerksam sein. Auf dem Palastgelände wurde nicht jeder vorgelassen und so war es seiner Ansicht nach ungefährlicher als in Jebu oder in der Stadt Theben. Wie sehr er sich in dieser Annahme täuschte, sollte er noch früh genug erfahren.

                *

Wenig später legten die Schiffe an den Stufen zum Kai an und der gesamte Hofstaat samt Angestellter, Diener und Sklaven begann sich auf die steinerne Mole zu ergießen, verteilte sich dann in verschiedene Richtungen zu den im Park verteilten Gebäuden. Die Königin und ihre engsten Vertrauten warteten ab, bis sich das Gewühl etwas gelegt hatte, und verließen erst dann, bereits von Sänften am Ufer erwartet, den Schutz der Prunkunterkünfte. Sunu trabte missmutig und seiner Ansicht nach nicht sehr standesgemäß neben den beiden Nubiern durch den Park vor der Sänfte her. Immer wieder kreuzten Diener, Sklaven und Priester ihren Weg. Der Palast der Königin lag nicht allzu weit entfernt des Tempels von Karnak. Auf dem Palastgelände gab es auch einen eigenen großen Amun-Tempel. Sunu war sich noch nicht ganz sicher, wie seine Pflichten im Palast ganz genau aussehen würden. Würde er lediglich als Leibwächter dienen, wie die beiden großen Schwarzen; oder würde er sich eher wie ein Polizist, der er ja schließlich war, um das Umfeld der Königin zu kümmern haben, um nach Intrigen und hinterhältigen Schlichen oder Anschlägen zu forschen? In diesem Falle würde ihm Tunip, sein Schreiber, sicher von gutem Nutzen sein. Der Junge war sehr wortgewandt und konnte allen möglichen Leuten alles mögliche Wissenswerte aus der Nase ziehen. Wann würde er wohl wieder auf seinen Untergebenen treffen? Sunu war sich nicht klar darüber da Tunip, mit weiteren Angestellten, auf einem anderen Schiff untergebracht gewesen war. Während er noch seinen Gedanken nachhing, hatten sie ein eindrucksvolles bunt bemaltes Pylonen-Tor durchschritten, hinter dem zwei wundervolle schlanke mit Gold überzogene Obelisken dem Himmel zustrebten und erreichten nun eine mit silbernen und goldenen Ornamenten verzierte kupferne Doppeltür. Links und rechts wurde sie flankiert von doppelt mannshohen Abbildern des Thutmosis I, des Vaters Hatschepsuts, die den Eingang mit strengem, in die Ferne gerichteten Blick zu schützen schienen. Sunu wäre vor lauter Staunen beinahe auf den breiten Rücken des vor ihm gehenden Nubiers gelaufen, als dieser langsamer wurde, denn er hatte den Blick nach oben gerichtet, um die Höhe des prächtigen Baues zu erfassen. Die Ziegel des Gebäudes waren weiß gekalkt und die hochgelegenen schmalen Fenster waren pastellfarben umrandet. Die Höhe ließ sich, wie er bemerkte, nicht genau abschätzen, da der Palast sehr verschachtelt war und an manchen Stellen zwei, an anderen drei oder auch nur ein Stockwerk hatte. Es blieb Sunu keine Zeit mehr für weitere Beobachtungen denn, noch während sie darauf zugingen, öffnete sich das riesige Tor wie von Geisterhand um die Königin und ihr Gefolge einzulassen. Die Königin stieg aus der Sänfte und die zwei großen Nubier fanden sich wie immer links und rechts neben ihr ein. Sunu fand seinen Platz gleich hinter ihr und folgte dem Trio, sich interessiert umblickend. Er versuchte sich die Gänge und Türen wenigstens oberflächlich einzuprägen, um später seinen Weg alleine zu finden. Dies war kein einfaches Unterfangen, da es von beidem eine Unzahl gab und er immer wieder von der ihm umgebenden Pracht abgelenkt wurde. Sämtliche Böden bestanden aus bunten Mosaiken in allen möglichen Variationen. Da gab es Jagdszenen im Schilf des Nils, blaue Unterwasserwelten und Motive aus der Schöpfungsgeschichte der Götter. Die Wände waren mit Malereien verziert, welche zum Teil vergoldet und versilbert waren. Vielfach waren Papyrus– und andere Pflanzen in verschiedenen Farben dargestellt; aber auch Bildergeschichten, mit Hieroglyphen untertitelt, waren zu sehen. Dazwischen fanden sich unzählige Säulen und Statuen aller möglichen Pharaonen und Götter. Endlich schienen sie die Gemächer von Hatschepsut erreicht zu haben. Die anderen Gefolgsleute waren langsam aber sicher hinter den unzähligen Türen des Palastes verschwunden und es waren nur sie vier übrig geblieben. Vor der Tür standen, obwohl die Königin ja vorübergehend abwesend gewesen war, zwei Soldaten zur Wache. Als sich Hatschepsut näherte, ließen sie ihre Waffen, die sie zum Schutz vor der Tür überkreuzt hatten, zurückgleiten und gaben, sich tief verneigend, den Weg frei. Die Königin warf Sunu einen unwilligen Blick zu, als dieser sich vorbeidrängelte und als erster durch die Tür schritt. Erst nachdem er, wie ein Raubtier nach allen Richtungen sichernd, keine Gefahr feststellen hatte können, gab er den Weg für Hatschepsut frei. Die Königin schritt hoch erhobenen Hauptes an ihm vorbei und auf ein riesiges verziertes, von einen blaugoldenen Baldachin überdachtes Ebenholzbett zu. Dort ließ sie sich niedersinken und das erste mal vermeinte Sunu so etwas wie Erschöpfung in der Haltung der Herrscherin beider Länder zu erkennen. Er blickte sich nochmals genauer im Raum um. Er war sehr übersichtlich: groß, hoch, Decke und Boden mit Mosaiken voller Pflanzendarstellungen bedeckt, spärlich aber edel möbliert. Die Malereien an den Wänden waren vorwiegend in Gold und Silber gehalten. Es gab außer der wuchtigen Bettstatt nur noch einen Schreibtisch mit Ledersessel, aus dunklem Holz mit Elfenbeinintarsien, einen Waschtisch mit Alabasterschüsseln und Schminkzeug, mehrere hölzerne Kleidertruhen und einen großen polierten Bronzespiegel an der Wand. Natürlich fehlten nicht die üblichen Säulen, Statuen, Öllampen und einige Töpfe mit exotischen Blumen und Pflanzen, die Sunu auf Anhieb nicht bekannt waren. Auch ein vergoldetes Kohlebecken für kalte Nächte fehlte nicht. Ein kleinerer Raum, den man jedoch auch gut einsehen konnte, da die Vorhänge welche ihn vom Schlafgemach trennten zurückgezogen waren, enthielt eine Wanne aus Alabaster, die auf kurzen gebogenen Füßen mit Löwenpranken stand. Was Sunu nicht gefiel, war eine Treppe, die neben dem Eingang zum Bad nach oben führte – wahrscheinlich zu einer Dachterrasse –und die an ihrem oberen Ende nur von einer Art Falltür verschlossen war. Für ihn als erfahrenen Krieger war dies eine Gefahrenquelle, da sich Eindringlinge übers Dach nähern konnten. Während er sich noch umblickte und die beiden Nubier ihre übliche Aufstellung, in diesem Fall links und rechts des Bettes, einnahmen, eilte plötzlich eine großgewachsene weißgekleidete Gestalt ins Zimmer. Sunu reagierte blitzschnell in gewohnter Manier und warf sich dieser in den Weg. Der Aufprall war so stark, dass der anscheinend weniger kampferprobte Gegner rückwärts gegen eine halbhohe Säule mit Blumentopf prallte, die auch prompt mit viel Geschepper umkippte und den Inhalt des Blumengefäßes auf den Mosaikboden entließ. Mit ungläubigem Blick verlor der Mann das Gleichgewicht und fiel, mit den Überresten des Gefäßes, zu Boden. Hatschepsut war erschrocken aufgesprungen, während sich die beiden Schwarzen grinsend anblickten. Als Sunu wieder auf den großen Mann zugehen wollte, hob Hatschepsut beschwichtigend die Hand. Einen Moment sah es so aus, als ob sie wütend werden würde, doch dann überzog ein breites Grinsen ihr sonst so beherrschtes Gesicht und ein leises Lachen ließ ihre Schultern erbeben. Sunu blieb abwartend in gewissem Abstand stehen. Hatschepsut ging, nun laut lachend, auf den Besucher zu und hielt ihm helfend die Hand hin. Er erhob sich aus seiner unwürdigen Stellung und klopfte sich Reste von Erde und einige Blumen vom Gewand. Sunu hatten mit wachsendem Unbehagen den vertrauten Umgang der Königin mit dem malträtierten Gast beobachtet und fragte sich, ob er wohl schon wieder etwas falsch gemacht hatte. Hatschepsut war aber diesmal wohl gnädig gestimmt denn, immer noch lächelnd, kam sie auf ihren Untergebenen zu und zog den großen Mann hinter sich her. „Senmut, mein Lieber, dies hier ist Leutnant Sunu aus der Grenzstadt Jebu, den ich mir als Auge und Ohr ausersehen habe. Er ist ein Leutnant der Medjay-Polizei.“ Erklärte sie mit einer Geste in seine Richtung. Ein Blick aus scharfen schwarzen Augen streifte Sunu der, den Kopf leicht gesenkt haltend, vor dem Paar stand. „Anscheinend hast du dir einen guten Wächter auserkoren, meine Königin.“ Sein Blick weilte noch einmal intensiver auf Sunu, der inzwischen herausfordernd den Kopf hob. „Allerdings scheint er mir in seinem Handeln etwas übereilt.“ Ein leichtes Lächeln, auf den strengen Lippen strafte seine ernsten Worte jedoch Lügen. Das schmale, doch etwas grobknochige Gesicht wandte sich wieder der Königin zu und er fuhr fort: „Du wirst ihn sicher gut gebrauchen können. Er könnte sich hier unter den Medjay auf dem Palastgelände einige aussuchen, die er in Dienst nehmen kann. Bist du dir aber ganz sicher, dass du ihm vertrauen kannst?“ Diesmal war sein Blick noch schärfer und kein Lächeln milderte seine harten Züge, als er sich wieder Sunu zuwandte. Die Königin legte sanft und beruhigend die Hand auf seinen Arm und sagte lächelnd: „Das ist eine längere Geschichte und die würde ich dir gerne in Ruhe erzählen und unter vier Augen.“ Sie winkte den beiden Nubiern zu, die Gemächer zu verlassen, dann wandte sie sich an Sunu. „Leutnant, das gilt auch für dich.“ Noch bevor er den Mund auftun konnte fuhr sie fort: „Meine Sicherheit hier ist gewährleistet. Laß dir jetzt deine Gemächer zeigen und mach dich mit den Gebäudekomplexen und dem Park bekannt. Du wirst dich hier auskennen müssen, wenn du mir von Nutzen sein willst.“ Mit einer Verbeugung verließ Sunu also, wie vorgeschrieben rückwärts gehend, den Raum, einen letzten misstrauischen Blick auf die nach oben führende Treppe werfend konnte er sich nicht verkneifen zu bemerken: „Meine Königin, ganz so wohlbehütet bist du nicht. Laß diese Treppe sichern.“ Er nahm sich vor, die Falltür sobald als möglich mit einem Riegel zu versehen.

                *

Als sich die Türe hinter ihm schloß stieß er erst einmal erleichtert die Luft zwischen den Zähnen hindurch. Dieser schlaksige, streng wirkende Mann war also Senmut, über dessen Beziehung zu der Königin soviel gemunkelt wurde, dass es sogar bis ins entfernte Jebu und an Sunus Ohren gedrungen war? Sunu hatte ihn sich ganz anders vorgestellt. Aber zu seinem Glück schien Senmut kein schlechter Mensch zu sein, sonst hätte er ganz anders auf seinen Angriff reagiert. Auch schien er ernsthaft um die Sicherheit seiner Königin besorgt zu sein, das hatte Sunu an seinem Blick gesehen. Augen können nicht lügen und in Senmuts Blick hatte soviel Liebe und Bewunderung für die Herrscherin beider Länder gelegen, dass es nicht zu übersehen gewesen war. In Gedanken hatte Sunu gar nicht bemerkt, dass die beiden Wächter der Türe sowie auch die beiden Nubier ihn grinsend beobachteten. „Na, genug gelacht?“ fragte er zynisch. Die Nubier wurden ernst und, während sich einer von ihnen wartend auf eine in der Wand eingelassene Steinbank setzte, ging der andere auf ihn zu. „Folge mir; ich werde dich zu deinen Gemächern führen,“ stieß er mit gutturaler Stimme hervor, die zu seiner eindrucksvollen Größe und Statur passte. Sunu fiel auf, dass er zuvor noch keinen der beiden Leibwächter jemals sprechen gehört hatte. Er ging hinter dem Schwarzen her und passte seine Schritte dessen Geschwindigkeit an. „Wie ist dein Name, Nubier?“ fragte er seinen Führer. „Hui.“ Antwortete dieser kurz angebunden und eilte weiter über die tausend Flure des Palastes. Sunu versuchte sich so gut wie möglich die Abzweigungen die sie nahmen zu merken, doch es würde sicher noch eine Weile dauern, bis er sich hier zurechtfinden würde. Der Nubier hielt an und wies stumm auf eine Holztüre, neben der eine Topfpalme stand. Gegenüber lag ein schmales hohes Fenster, welches das rötliche Licht der untergehenden Sonne auf Palme und Wand fallen ließ. Immer noch wortlos wandte Hui sich ab und trabte durch den Gang zurück in Richtung der Gemächer von Hatschepsut. Sunu öffnete die Türe und trat zögernd in den Raum. Sich umsehend stellte er fest, dass er schlicht, aber elegant, eingerichtet war. Der Boden war mit rosafarbenen Kalkplatten belegt, die Wände mit Papyrus-Schilf bemalt. Zwei schmale Betten standen übers Eck, mit den Fußenden zueinander. An den Kopfenden gab es die obligatorischen hölzernen Kopfstützen, die Sunu grundsätzlich beiseite stellte und lieber flach schlief. Dann gab es noch einen dunklen Holzschreibtisch mit Stuhl, zwei Kleidertruhen, einen Spiegel und einen Waschtisch. Ein paar Waschutensilien sowie ein Kohlebecken und Alabaster-Öllampen durften natürlich nicht fehlen. Ein plätscherndes Geräusch riß Sunu prompt aus seinen Betrachtungen und mit einem raubtierhaft geschmeidigen Satz sprang er an die Wand neben einem bevorhangten Rundbogen, aus dem er den verdächtigen Ton gehört hatte. Noch im Sprung hatte er seinen im Gürtel steckenden Dolch gezückt und, den Vorhang mit einem Ruck zur Seite reißend, stand er geduckt im Raum. Erleichtert ließ er die Waffe wieder im Gürtel verschwinden, während ein erschrockener Tunip hustend und prustend wieder aus dem duftenden Wasser einer riesigen Bronzewanne auftauchte, in dem er sich vor dem vermeintlichen Feind versteckt hatte. Etwas peinlich berührt stammelte er: „Ich war so staubig und schmutzig, Herr, da dachte ich du wirst sicher nichts dagegen haben, dass ich deine Wanne benutze.“ Etwas sicherer geworden meinte er mit leichtem Lächeln. „Es gereicht ja auch dir nicht zur Ehre, wenn du einen dreckigen Diener hast.“ Sunu grinste ob dieser Erklärung, wusste er doch ganz genau um die Eitelkeit seines Schreibers Bescheid. „Schon recht, Tunip. Aber wenn du dann fertig bist sorge bitte dafür, dass für mich frisches Badewasser gebracht wird. Ich denke nämlich, dass du dich für einen schmutzigen Herrn wesentlich mehr schämen würdest, als ich mich für einen schmutzigen Untergebenen.“ Damit verließ er das Badezimmer und machte sich auf den Weg das Gelände zu erkunden, solange noch das Licht des abendlichen Re die Gänge des Palastes und die Pfade des Parks erleuchtete. Sein Orientierungssinn half ihm, den Palast relativ schnell zu durchqueren und ins Freie zu gelangen. Auf den plattenbelegten Wegen des Parks waren überall Diener unterwegs, die Fackeln und auf Säulen stehende Öllampen anzündeten, so dass der Park auch nach Sonnenuntergang relativ hell beleuchtet war. Sunu schlenderte durch die einbrechende Dunkelheit und bewunderte die gepflegte Anlage. Die Ziegelgebäude, Villen und Tempel, waren mit schimmernden Säulen versehen; selbst die Dienstbotenunterkünfte waren mit ihren Innenhöfen und Dachterrassen sehr ansprechend. Die Gartenlandschaft, die alles umgab, war sehr vielseitig und großzügig angelegt. Zwischen Hängeweiden lagen verträumte Teiche, die Ufer mit Schilf bewachsen und von exotischen goldenen Fischen und bunten Enten bewohnt. Auch die Vegetation war sehr ausgefallen. Unter die üblichen Oliven– Dattel und Feigenbäume mischten sich immer wieder hohe Palmen und importierte Pflanzen, die Sunu unbekannt waren und die mit seidig glänzenden Blüten in verschiedenen Farben geschmückt waren. Zurück zum Palast schlug er einen anderen Weg ein und sah das Dach eines hohen prächtigen Gebäudes, welches die Bäume des Parks überragte. Neugierig geworden durchschritt er auf der Suche danach ein bewachtes Pylonentor, dessen Wärter ihn jedoch nur neugierig musterten und stand plötzlich am Ufer eines großen befestigten Sees. Überwältigt blieb er stehen und starrte auf die Szenerie, die sich seinem bewundernden Blick darbot: Chons der Mondgott der Re ablöste, an den nur noch ein paar rote Schleierwolken am Horizont erinnerten, warf eine breite silbern glänzende Bahn auf das dunkle Wasser. Auf der vom leichten Abendwind gekräuselten Oberfläche schaukelte eine große leuchtend-goldene Barke, die aus der Götterwelt zu stammen schien. Verzierungen aus Silber und Edelsteinen blitzten auf im Lichte Chons. Sie war ein Abbild der Sonnenbarke des Re, auf welcher tagsüber der Gott den Horizont überquerte und dann jede Nacht seine Reise durch die Häuser der Unterwelt antrat um mit Hilfe des Gottes des Chaos „Seth“ den Sieg über die Apophisschlange zu erringen, die Kemet in die ewige Finsternis stürzen wollte. Im Hintergrund des Gewässers stieg der düstere Schatten des eindrucksvollen wuchtigen Amun-Tempels empor. Sunu riß sich von dem faszinierenden Anblick los und verließ zögernd die Ufer des heiligen Sees um zum Tor des Palastes zurückzukehren. Die Wachen, die den Eingang bewachten, ließen ihn unbehelligt passieren und Sunu betrat den langen von Fackeln beleuchteten Gang. Er durchquerte mehrere Trakte des Gebäudes, einfach um es besser kennenzulernen.


Das 1. Attentat

Irgendwann, nachdem er unzählige Wandgemälde, Mosaikböden und Wandreliefs bewundert und etliche riesige, enorm hohe, säulenumstandene Säle bestaunt hatte, blickte er wie erwachend auf und fand sich vor den Gemächern der Königin wieder. Anscheinend hatte ihn sein Unterbewusstsein hierher geführt. Während er noch überlegte, wieso er ausgerechnet hier gelandet war, beschlich ihn plötzlich eine böse Vorahnung und er ließ sich, wie immer, von seinem untrüglichen Instinkt leiten. Er trat auf die beiden Wachleute zu und bat, ihn bei der Königin zu melden. Einer der Soldaten schüttelte den Kopf und erklärte, dass Hatschepsut noch einen Spaziergang im Park mache, in Begleitung von Baumeister Senmut und ihrer Leibwache und dass nur ihre Dienerin in den Gemächern anwesend sei. Während Sunu noch mit dem Mann diskutierte, durchbrach plötzlich ein hoher spitzer Aufschrei die Nacht. Die beiden Wachen sahen sich erschrocken an und gaben dann unerwartet bereitwillig den Weg für Sunu frei. Dieser stieß die Türe auf und betrat mit gezückter Waffe den Raum. Geduckt blieb er in dessen Mitte stehen und blickte sich um. Alles schien in Ordnung zu sein; seit seinem letzten Besuch hatte sich nichts verändert – oder doch? Sein Blick zuckte hoch, zu der Falltür am Ende der Treppe zur Dachterrasse. „Bei Seth!“ Fluchte er und rannte die Stufen zur offenstehenden Luke empor. Vorsichtig schob er erst Kopf, dann Oberkörper durch die Öffnung und sah sich erneut um. Seine Augen weiteten sich und er sprang, einen Schrei unterdrückend, vollends auf das Dach und eilte zu der stillen Gestalt, die reglos neben einer Liege zwischen den Pflanzen lag. Das Licht Chons spiegelte sich in einer Blutlache, die sich unter dem reglosen Körper auszubreiten begann. Die Wachen, die ihm inzwischen vorsichtig gefolgt waren, blieben in angespannter Haltung am Einstieg zur Treppe stehen und spähten in alle Richtungen, ob noch Gefahr drohte. Sunu hatte seinen Dolch abgelegt, war neben der auf dem Bauch liegenden Gestalt hingekniet und begann vorsichtig, sie umzudrehen. Er legte seine Finger an die Halsschlagader und spürte – nichts – . Verzweifelt und angespannt versuchte er die Gesichtszüge zu erkennen, doch das blasse Mondlicht reichte nicht aus. „Beim Barte des Pharao, kann denn keiner von euch eine Fackel herbringen?!“ Brüllte er die Männer an welche, sich in der Hektik gegenseitig behindernd, beinahe die Treppe hinabstürzten. Wenig später kehrten sie zurück und einer von ihnen hielt eine Fackel über das Gesicht der Liegenden. Dass es eine Frau war, war schon an der feinen Statur zu erkennen gewesen. Die Angst, dass er die Herrscherin Ägyptens nun tot im Arm halten würde, schnürte Sunu fast die Luft ab. Er wagte lange nicht, den Blick auf die starren Züge zu senken, doch schließlich blieb ihm nichts anderes übrig. Die Erleichterung, die ihn durchflutete, spiegelte sich auch auf den Gesichtern der beiden Soldaten wieder. Obwohl ja, laut deren Aussage, die Königin nicht in ihren Gemächern gewesen war, war ihnen doch der Schreck in die Glieder gefahren, als sie die Gestalt gesehen hatten, die da in ihrem Blute lag. Sunu sah in das hübsche aber ihm unbekannte Gesicht einer jungen Frau. „Das ist eine Dienerin der Königin.“ Erklärte einer der Soldaten. „Nun, sie ist erstochen worden.“ Bemerkte Sunu und brachte sie wieder in ihre ursprüngliche Lage. Es war deutlich der Einstich in ihrem Rücken zu erkennen. Erst jetzt, als seine Anspannung allmählich von ihm abfiel und die Fackel ihr Licht verbreitete bemerkte Sunu, dass das Mädchen äußerst edel gekleidet war. Selbst die Perücke, die sie trug, war mit Edelsteinen und Gold durchwirkt. Fragend deutete er auf sie und schaute zu den Wachleuten auf. Einer zuckte die Schultern, doch der andere flüsterte entsetzt: „Sie trägt die Kleidung der Herrin, welch ein Frevel!“ Sunu wollte sich gerade erheben, als sein Fuß gegen etwas Leichtes stieß, was ein leises metallisches Geräusch auf dem Steinboden erzeugte. Sunu griff mit der Hand unauffällig nach dem kleinen Gegenstand und schob ihn heimlich in seinen Schurz. Warum er so handelte konnte er sich im Moment selbst nicht erklären. Mit einem letzten Blick auf die Tote richtete er sich auf, wandte sich ab und begann, gefolgt von den Soldaten, die Treppe hinabzusteigen. Unten angekommen befahl er ihnen: „Geht, sucht nach der Königin. Macht ihr Meldung über den Vorfall und sagt ihr, dass ich mit ihr sprechen muß, sobald es ihre Zeit erlaubt. Ihr findet mich in meinen Gemächern.“ Sunu wandte sich ab, rief aber noch über den Rücken zurück: „Schickt auch Patrouillen aus. Sie sollen das gesamte Gelände und alle Gebäude nach verdächtigen Gestalten absuchen.“ Obwohl es mit Sicherheit ein sinnloses Unterfangen war nach dem Mörder zu suchen, bei der Menge an Adligen, Dienern, Sklaven und Handwerkern, die den Palastbezirk bewohnten, ordnete der Leutnant diese Aktion an. Schließlich hatte man versucht, die Herrscherin von Kemet zu ermorden und, seiner klaren Ansicht nach, nur die falsche Person erwischt. Ohne zu zögern gehorchten die beiden Soldaten. Ob Hatschepsut bereits geklärt hatte, wie seine Position war, oder ob sie nur noch geschockt vom eben Erlebten waren, wusste Sunu nicht zu sagen. Er machte sich auf den Weg zu seinem Zimmer und ließ sich, dort angekommen, seufzend in das kühle Wasser seines Bades gleiten, nachdem ihm ein zuvorkommender Tunip beim Entkleiden geholfen hatte. Sunu schloß erschöpft die Augen und versuchte sich zu entspannen.

                *

Tunip blickte misstrauisch auf seinen Herrn hernieder, während er einen zierlichen glänzenden Gegenstand in der Hand hielt, welcher beim Zusammenlegen von Sunus Schurz zu Boden gefallen war. Er konnte seinem Herrn ansehen, dass etwas geschehen sein musste. Vorerst verkniff er sich aber noch seine Neugier, da er merkte, dass Sunu erst einmal Ruhe brauchte. Der Schreiber verließ leise den Raum.

                *

Der Leutnant öffnete erschocken die Augen; beinahe wäre er in der bequemen Wanne eingeschlafen – er hatte ja schließlich in den letzten paar Tagen auch genügend Streß und einen minimalen Schlafanteil gehabt. Selbst die kurzen Ruhephasen konnte er nicht wirklich genießen, da die plötzlich auf ihm lastende Verantwortung und die Umstellung seiner gesamten Lebensumstände ihn nicht zur Ruhe kommen ließen. Tunip hatte den Baderaum betreten und hielt ihm zwei Gewänder zur Auswahl hin. „Die Königin hat einen Soldaten geschickt, um dich zu sich zu bestellen.“ Sagte der Schreiber. „Ich habe ihn zurückgeschickt, mit der Nachricht, dass du sofort erscheinst.“ Sunu erhob sich aus der Wanne und wies auf einen goldgesäumten Schurz mit Gürtel und einen mit bunten Halbedelsteinen besetzten Schmuckkragen. Den ihm von Hatschepsut Geschenkten wollte er nur zu ganz besonderen Anlässen tragen, um nicht als prahlerisch dazustehen. Um die Königin nicht warten zu lassen, rubbelte er sich nur flüchtig das offene halblange Haar trocken und bändigte es mit einem ledernen Stirnband. Tunip half ihm beim Anlegen des Schurzes und des Kragens; dann schlüpfte er noch schnell in seine Sandalen, steckte seinen Dolch in den Gürtel und eilte zur Tür hinaus. Tunip rannte ihm nach und rief drängend: „Herr, vergiß nicht mir nachher alles, aber auch alles, zu berichten!“ Seine Worte unterstrich er mit der ausgestreckten Hand, auf welcher der glitzernde Gegenstand lag, den er in Sunus Gewand gefunden hatte. Sunu blickte über die Schulter zurück, blieb abrupt stehen und kehrte zu seinem Schreiber zurück. Intensiv betrachtete er den Inhalt von Tunips Hand. Es war ihm ohne zu fragen klar, woher der Schreiber das Ding hatte. Bei näherer Betrachtung handelte es sich um eine teure Schmuckspange, welche man zum Zusammenhalten von Kleidern benutzte. Sie war in Form eines Leoparden aus Silber gefertigt und mit leuchtend grünen Smaragden besetzt. Solchen Schmuck trug kein Diener und kein Sklave. Nur ein reicher Kaufmann oder ein Adliger konnte sich solches leisten. In diesem Fall handelte es sich wahrscheinlich um den Blutlohn für einen gedungenen Mörder. „Wir reden später.“ Teilte er Tunip kurzangebunden mit. „Ich weiß, die Herrscherin beider Länder erwartet dich.“ Entgegnete der Schreiber. Sunu hob nur zustimmend den Arm und eilte davon. Dank seiner inzwischen wachsenden Kenntnisse des Gebäudes hatte er innerhalb kürzester Zeit die Gemächer der Königin erreicht. Dort wurde er allerdings von den Türwächtern grinsend weitergeschickt mit den Worten: „Wenn die Herrscherin beider Länder jemanden offiziell empfängt, Leutnant Sunu, so geschieht das im Normalfall nicht in ihren Wohn– und Schlafräumen.“ Sunu bedankte sich kühl und schalt sich selber einen Narren, dass er nicht von selbst darauf gekommen war. Die beiden Soldaten, die ihn sicherlich für einen dummen Bauern vom Land hielten, wiesen ihm den Weg zur Audienzhalle. Wenig später hatte er die doppelflügelige Tür zum Saal erreicht und wurde vom Zeremonienmeister angekündigt. Er trat ein und fand sich in einem rechteckigen großen Raum, von dem drei Seiten von hohen goldenen Säulen bestanden waren. Den Boden zierte ein Mosaik, welches die Sonnenbarke in den verschiedenen Stadien ihrer Reise zeigte. Am Kopfende des Saales fehlten die Säulen, dafür führten fünf mit Elektrum überzogene Stufen, welche die ganze Breite des Raumes durchmaßen, zu einer Estrade mit zwei prächtigen Thronsesseln hinauf. Die ganze Szenerie war in das rötliche Licht von Fackeln und Alabasterlampen getaucht, da durch die schmalen hohen Fenster nur noch der blaue Nachthimmel zu sehen war. Sunu tat ein paar Schritte in den Saal hinein und warf sich dann zu Boden, bis er aus den Augenwinkeln bemerkte, dass Hatschepsut ihn mit einer Geste aufstehen hieß. Er trat bis an den Rand der Treppe, vor die beiden glitzernden Prunksessel, welche über und über mit Edelmetallen verziert waren. Auf den hochgezogenen Lehnen saßen zwei Horusfalken aus purem Gold, mit Smaragden, Rubinen und Lapislazuli verziert. Links und rechts wurde die amtierende Königin wieder einmal flankiert von den beiden riesigen Nubiern. Hatschepsut strahlte, wie fast immer, eine unnahbare Ruhe aus und ihre prachtvollen Gewänder wurden nur noch überstrahlt von ihrer außergewöhnlichen Schönheit. Da dieser Empfang wohl im öffentlichen Interesse lag, hatte sie die blaue Krone Ober– und Unterägyptens angelegt und trug die beiden Zeichen der Macht – Geißel und Krummstab. Bei dieser Audienz waren zahlreiche Personen anwesend. Einige waren Sunu bereits von der Reise bekannt, andere waren ihm noch nicht begegnet. Sein größtes Interesse galt dem jungen Mann, der auf dem Thron neben dem der Herrscherin saß. Es musste sich natürlich um Thutmosis II, den jüngeren Halbbruder Hatschepsuts handeln. Sunu versuchte ihn unauffällig zu mustern, während er darauf wartete, von der Königin entweder angesprochen, oder auf einen Platz verwiesen zu werden. Eine gewisse Ähnlichkeit konnte man den Halbgeschwistern nicht absprechen. Wie Hatschepsut hatte ihr Bruder hohe Wangenknochen und mandelförmige Augen. Allerdings war sein Gesicht etwas breiter, seine Nase größer und gebogen, die Augen hatten einen mutwilligen Schimmer und waren sehr dunkel. Seine Lippen waren etwas schmaler als die der Königin und zeigten ein andauerndes leichtes Lächeln, welches die Emotionen des künftigen Königs gut verbarg. Er trug, im Gegensatz zu Hatschepsut, die lederne Kopfbedeckung eines Kriegers, allerdings gehalten durch ein königliches Diadem, an dessen reichgeschmückter Stirnseite sich die Uräusschlange erhob. Auch seine Kleidung war kriegsgerecht, allerdings aus teurem Material und mit etlichem Zierrat versehen wie es sich für einen „Horus im Nest“, den Thronfolger, gehörte. Sunu bemerkte, dass der junge Mann seine Blicke herausfordernd erwiderte, während das überhebliche Lächeln nicht von seinem Gesicht wich. Er wandte den Blick leicht zur Seite, um den Thronfolger nicht zu provozieren und entdeckte, hinter dem Thron stehend, den hochgewachsenen heute festlich gekleideten Senmut. Daß er sich in so nächster Nähe zu seiner Königin aufhalten durfte, machte seine bevorzugte Stellung bei Hofe klar. Als königlicher Architekt und Schatzverwalter war seine Macht auch nicht zu unterschätzen. Auf einem bequemen, ledernen Klappstuhl an der Seite von Thutmosis II saß ein sehr dunkelhäutiger exotisch gewandeter Mann. Er trug ein über der Schulter von einer Edelsteinspange zusammengehaltenes Leopardenfell. Mit zusammengekniffenen Augen starrte Sunu auf die Schmuckspange. Ein ganz ähnliches Stück hatte sein Schreiber noch vor kurzem in den Händen gehalten und es gehörte aller Wahrscheinlichkeit nach einem Mörder. Allerdings waren solche Gemmen in Ägypten keine Seltenheit. Sunu würde später höchstens durch das spezielle Design des Stückes Zusammenhänge zum Besitzer herstellen können. Das krause schwarze Haar des Exoten war von metallisch schimmernden Sunu unbekannten Vogelfedern geschmückt und ein breiter goldener Gürtel mit zahlreichen Edelsteinen umspannte seine schmale Taille. In dem fast schwarzen Gesicht leuchteten gelbliche Augen, was dem schlanken sehnigen Mann ein raubtierhaftes Aussehen verlieh. Sunu nahm an, dass es sich hierbei um den Vizekönig von Kusch handelte, der eine sehr hochgestellte selbstständige Position am Hof einnahm. Er war gleichzeitig Vermittler zwischen den Ländern und auch Wesir von Mittelägypten. Seine Gedanken wurden unterbrochen, als sich die Stimme der Königin erhob. Auch das Gemurmel des restlichen Hofstaates, der sich zwischen den an den Längswänden befindlichen Säulen eingefunden hatte, verstummte. Während Sunu zu seiner Herrin aufblickte, kam ein dicker, kurzbeiniger, kahlköpfiger Mann hinter einem der Nubier zum Vorschein. Er trug einen glänzenden roten Umhang, über einem Gewand aus Raubtierfell. Seine dunklen Schweinsäuglein, die fast in den Speckfalten seines Gesichtes verschwanden, musterten Sunu neugierig. Sein Mund hatte eine etwas kindliche Form. Dessen freundlicher Ausdruck wurde aber von den beiden Unmutsfalten links und rechts davon sofort wieder aufgehoben. An den Gewändern war zu erkennen, dass es sich um den Hohepriester handelte. „Leutnant Sunu,“ erhob sich jetzt laut und klar die Stimme der Königin, „meine Männer haben mir über den Vorfall auf dem Dach meiner Gemächer Bericht erstattet. Allerdings fanden sie von dem Attentäter keine Spur.“ Mit ernstem Blick sah sie auf ihn nieder und fuhr fort: „Ab heute, Leutnant Sunu, bist du allen Soldaten hier auf dem Gelände, mit Ausnahme der Oberbefehlshaber, übergestellt und sie haben deinen Befehlen in Ausnahmesituationen sofort zu gehorchen.“ Die Herrscherin beider Länder winkte ihn zu sich. Bevor er den Thron erreichte, erhob sie sich und übergab ihm ein reich verziertes breites Armband. „Leg es an, Befehlshaber des Palastes.“ Überwältigt ließ Sunu das Schmuckstück über seinen Oberarm gleiten und warf sich dann dankbar auf die Stufen zu Hatschepsuts Füßen. Sie blickte sich im Saal um, wie um sicherzustellen, dass alle Anwesenden, auch die türstehenden Wachen, ihre Worte vernommen hätten. „Ich wünsche, dass diese Beförderung allen Soldaten des Palastgeländes bekanntgegeben wird.“ Sie wandte sich wieder an Sunu: „Ich weiß, dass du mich bereits vor dem Unglück auf die Gefahr hingewiesen hast, die von der Treppe zur Terrasse ausgeht.“ Mit einem leichten Kopfnicken wies sie auf den leeren Platz direkt hinter ihrem Thron, schräg neben Senmut. Sunu stand auf und stieg zögernd die Treppen hinauf, gefolgt von den überraschten Blicken der Höflinge und dem lauernden von Thutmosis. Er war sich der Ehre bewusst, die ihm vor dem gesamten Hof zuteil wurde. Allerdings war er ja schließlich Leibwächter der Königin und so musste er sich ja, wie die beiden Schwarzen, in ihrer Nähe aufhalten, zumindest bei öffentlichen Anlässen. Als das Getuschel, welches der Gunstbezeugung ihm gegenüber gefolgt war, wieder verstummt war, fuhr Hatschepsut mit dem üblichen Protokoll fort, welches Staatsgeschäfte betraf. Als sich wenig später die Versammlung auflöste und Sunu bereits ziemlich gelangweilt war, flüsterte ihm Senmut leise zu: „Die Königin will dich nach der Audienz noch im Garten sprechen. Warte beim heiligen See auf uns. Sunu nickte ihm zu, blieb aber an seinem Platz, bis die Königin mit ihrem Gefolge den Saal verlassen hatte. Erst danach begab er sich in die Gärten.


Die üblichen Verdächtigen

Er überquerte etliche Plattenwege und durchschritt schließlich das Tor zum Tempelgelände, wo er den heiligen See im Licht der Gestirne und der den Park erleuchtenden Feuer schimmernd vor sich liegen sah. Geheimnisvoll glänzte die goldene Götterbarke in der Nacht und Sunu ließ sich, den Anblick und die Ruhe genießend, auf einer Steinbank oberhalb der ins Wasser führenden hohen Steinstufen nieder. Die Nacht war klar und mild. Nur einige Nachtvögel und die weit entfernten Stimmen noch umhereilender Diener störten die Idylle. Schon wenig später hörte sein empfindliches Ohr die Schritte mehrerer Personen auf dem Pfad. Im Licht eines Kohlebeckens und mehrerer Fackeln, die in der Nähe der Bank standen, sah Sunu Hatschepsut gefolgt von Senmut und den beiden Nubiern näher kommen. Sie hatte sich umgekleidet und trug ein schlichtes weißes Gewand, das in Falten bis zu den Knöcheln fiel. Das glatte Haar fiel glänzend aber schmucklos bis auf die Schultern herab. Das einzige Geschmeide, das sie trug, war ein Kragen in Form des Horusauges in Silber und Türkis, ganz ähnlich dem, den sie Sunu als Dank für ihre Rettung geschenkt hatte. Sunu erhob sich mit einer Verbeugung und bot der Königin und Senmut seinen Platz an. Sie ließen sich auf dem Bänkchen nieder und sofort begann Hatschepsut zu sprechen: „Leutnant Sunu, du bist noch nicht lange genug am Hof, um dich in den Reihen der Höflinge und der hohen Beamten auszukennen, aber ich will dir einiges erzählen und erklären, damit du später die Zusammenhänge verstehst. Es ist wichtig für dich und für mich dass du weißt, von wem mir Gefahr drohen könnte, oder wer mir missgünstig gesonnen ist. Natürlich erwarte ich auch von dir, dass du eigene Nachforschungen anstellst, denn die meisten Menschen in meiner Umgebung hüten sich selbstverständlich davor, sich mir gegenüber anmerken zu lassen, wie sie wirklich für mich empfinden.“ Mit einem zärtlichen Blick streifte sie den neben sich sitzenden Senmut und fuhr fort: „Mit sehr wenigen Ausnahmen. Also, heute auf dem Empfang hast du meinen Halbbruder Thutmosis neben mir gesehen. Er ist nicht gut auf mich zu sprechen, da ich ihm seiner Ansicht nach den Thron vorenthalte. Wie weit seine Abneigung gegen mich jedoch wirklich geht, kann ich nicht beurteilen. Bis jetzt hielt ich ihn nicht für fähig, ernsthaft etwas gegen mich zu unternehmen... nach dem Vorfall von heute jedoch... “ Sie ließ den Satz unheilvoll in der Luft hängen und ließ nachdenklich den Blick über den Sternenhimmel schweifen. Bei Erwähnung des Anschlags streifte Senmut in einer kaum merklichen zärtlichen Berührung mit den Fingern Hatschepsuts Arm. Da sahen ihre Augen wieder Sunu an und sie fuhr fort: „Dann war da noch der Hohepriester Hapuseneb, zu erkennen an seiner Körperfülle und den aufwändigen Gewändern. Ob die Priesterschaft so drastische Maßnahmen ergreifen würde, um meinen labilen Bruder an die Macht und unter ihren Einfluß zu bringen...?“ wieder schwieg sie sinnend. „Ebensowenig zu verwechseln ist Gaza, der Vizekönig von Kusch: Kohlrabenschwarz mit gelben Augen und exotisch gekleidet. Er befindet sich häufig in Gesellschaft meines Bruders, dem er seine Macht verdankt – und dem zu Gefallen er sicher einiges tun würde. Wer sich noch in meiner Nähe aufhält ist mein lieber Senmut, den du ja bereits kennst, und meine beiden Wächter Hui und Geb. Allen dreien vertraue ich rückhaltlos.“ Die beiden großen Schwarzen nickten Sunu grinsend zu während Senmut in ernstem Schweigen verharrte. Die Königin fuhr fort: „Die Dienerin, die heute ermordet wurde, hat meine Gewänder getragen.“ Ein ärgerliches Funkeln trat kurz in ihre Augen, verschwand aber gleich wieder und machte einem mitleidigen Ausdruck Platz. „Das junge Mädchen stand noch nicht lange in meinem Dienst. Sie stammt aus armen Verhältnissen und ich kann verstehen, jedoch nicht akzeptieren, dass es sie reizte meine wertvollen Kleider anzulegen. Nun, es hat sie das Leben gekostet; bei mir hätte es ihr höchstens ein paar Stockhiebe eingebracht. Eindeutig ist auf jeden Fall, dass man sie mit mir verwechselt hat und sie deswegen sterben musste. Dein Auftrag, Leutnant Sunu, mich zu beschützen, wird nun dringlicher denn je. Du wirst dich mit deinen Nachforschungen beeilen müssen, bevor der nächste Anschlag von Erfolg gekrönt sein wird.“ Sunu neigte zustimmend den Kopf und, als die Königin schwieg, antwortete er: „Ich werde umgehend damit beginnen.“ Lächelnd erhob sich Hatschepsut und antwortete: „Zuerst wirst du ein paar Stunden schlafen, Leutnant. Es genügt, wenn du morgen früh mit deiner Arbeit beginnst. Für heute Nacht habe ich die Sicherheitsvorkehrungen verstärkt und die Wachen verdoppelt. Eine Wache steht sogar über der Tür zur Dachterrasse. Das wird für heute genügen. Gute Nacht, Leutnant.“ Soviel hatte die Königin nicht einmal auf ihrem Empfang gesprochen. Sie wandte sich zum Gehen und Sunu rief ihr nach: „Möge das Auge des Horus über dir wachen, Herrscherin beider Länder.“ Sie wandte mit leichtem Lächeln den Kopf und nickte ihm zu. Dann verschwand sie mit ihren Begleitern in der Dunkelheit.

                *

Sunu erlebte ein paar ereignislose Tage und Nächte. Er hatte wenig zu tun und musste sich als Auge und Ohr der Königin nicht ständig in ihrer Nähe aufhalten, wie zum Beispiel die beiden Nubier, ihre Leibwache. So fand er die Zeit, sich auf dem riesigen Areal umzusehen, sich einzugewöhnen und gleichzeitig umzuhören. Nun, da sein Status geklärt und seine Aufgaben fest umrissen waren, raubte ihm keine Unsicherheit mehr den Schlaf; er wusste, was er zu tun hatte. Obwohl ja normalerweise mehr der offene Kampf sein Gebiet war, war er auch ein guter Stratege und um einen Hinterhalt aufzudecken oder eine Intrige zu entkräften, war es am besten erst einmal eine Strategie auszuarbeiten. Sunu hatte sich vorgenommen, ein paar vertrauenswürdige Leute einzusetzen, die sich für ihn an verschiedenen Stellen des Palastes umhören sollten. Allerdings war er noch nicht lange genug vor Ort, um allzu viele davon zu haben. Grübelnd saß er also, nachdem Tunip ihm beim Ankleiden geholfen hatte, über einem üppigen Frühstück aus Datteln, Milch und in Honig gebackenen Äpfeln und dachte über die Leute nach, die er hier bereits kennengelernt hatte. Obwohl er sich den Kopf zermarterte, blieben immer nur zwei Personen übrig: Tunip und der Leibwächter Hui. Mit Hui hatte er sich in den Tagen seit seiner Ankunft in Theben schon viel unterhalten und er hatte den unwiderruflichen Ausdruck von Treue seiner Herrin gegenüber in seinen Augen gesehen. Sunu war sich sicher, dass seine Loyalität auch ihm als Auge und Ohr Hatschepsuts gelten würde. Tunip schwirrte sowieso schon in seiner freien Zeit, die er ja zu Genüge hatte, da bis jetzt noch kein Schreibkram anfiel, auf dem gesamten Palastgelände herum und schwatzte mit jedem, der ihm in die Quere kam. Sunu brauchte ihn nur anzuweisen, dies weiterhin zu betreiben und sein besonderes Interesse auf Thutmosis, Gaza und Hapuseneb zu richten. Er wies Tunip darauf hin, dass er seine Fragen gezielt aber unauffällig in diese Richtung lenken sollte, wenn er mit anderen Bediensteten sprach. Für Tunip wäre es allerdings so gut wie unmöglich, mit Adligen und hohen Beamten ins Gespräch zu kommen. Für diese Aufgabe musste er Hui gewinnen. Nicht dass dieser mit den hochgestellten Persönlichkeiten reden würde; aber er war durch seine Aufgabe als Leibwächter oft in der Nähe des nächsten Gefolges der Königin und konnte sicherlich in deren Abwesenheit hie und da ein paar wichtige Worte aufschnappen. So nahm sich Sunu also vor, bei nächster Gelegenheit mit dem Nubier zu sprechen. Zunächst jedoch machte er sich selbst auf den Weg zu den Gemächern der Königin, um sich an ihrer Seite einzufinden. Unterwegs dahin sprang er jedoch abrupt hinter eine Säule um sich zu verbergen, da er Gaza, den Vizekönig von Kusch, ganz unauffällig ohne Geleit und ohne pompöse Aufmachung, sich misstrauisch umblickend, hinter einer schweren Bronzetür verschwinden sah. Die Tür war ihm zwar bereits aufgefallen, aber bis jetzt wusste er noch nicht, wohin sie führte. Vorsichtig glitt Sunu an der Wand entlang und drückte widerwillig, da es sich seiner Meinung nach um eine weibische Angewohnheit handelte, sich vorher nach allen Seiten absichernd, sein Ohr gegen die Tür. Ärgerlich presste er die Lippen zusammen, da er nur ein gedämpftes Gemurmel zu hören bekam und kein Wort verstand. Unbefriedigt ging er weiter und erreichte kurz darauf die Tür zu den Privat-Gemächern Hatschepsuts. Ihre beiden Leibwächter standen ausnahmsweise vor der Tür. Sie hatten, solange die Königin von ihrer Dienerin eine Massage bekam, die Wachsoldaten abgelöst und standen nun gelangweilt herum. Sunu nahm Hui kurz zur Seite und flüsterte diesem dringlich zu: „Hui, ich möchte dich bitten, falls dir irgend etwas zu Ohren kommt, was für mich wichtig sein könnte, laß es mich wissen. Tu es für deine Königin.“ Hui blickte misstrauisch um sich und nickte dann stumm mit dem Kopf. Er ging zurück auf seinen Platz neben der Tür und schüttelte stoisch den Kopf, als Geb ihn etwas fragte. Bevor Sunu sich auf eine der obligatorisch in die Wände eingelassenen Bänkchen setzte und auf seine Herrin wartete, fragte er die beiden Nubier noch nach der Bronzetür, hinter welcher Gaza so heimlich verschwunden war. Wie er es sich gedacht hatte, führte sie zu den Gemächern von Thutmosis. Es dauerte nicht mehr lange und die Türe zu den Zimmern Hatschepsuts wurde geöffnet. Wie der junge Morgen strahlend trat Hatschepsut in einem golddurchwirkten Trägerkleid auf den Gang. Ein goldenes Band hielt ihr Haar zusammen und ihre goldenen Sandalen klickten auf dem Mosaikfußboden, als sie ein paar Schritte heraustrat. Die Leibwächter und Sunu warfen sich zu Boden, um ihrer Königin zu huldigen. Hatschepsut hieß sie ungeduldig aufstehen und sie begleiten. Hinter ihr schloß eine junge Dienerin die Tür. Wieder einmal trabte Sunu hinter Hui und Geb her durch die Flure des Palastes und dann ins Freie. Bald hatten sie einen der klaren von Weiden umstandenen Teiche erreicht und die Königin ließ, zu Sunus Entsetzen, ihr Kleid herabgleiten, schüttelte die Sandalen von den Füßen und stieg, wie sie die Götter geschaffen hatten, ins kühle grüne Naß. Während Sunu nicht wusste, wohin er seine Blicke wenden sollte, und sein dunkles Gesicht sich noch um eine Nuance dunkler färbte, grinsten sich die beiden Nubier wieder einmal schadenfroh an. Sie hatten Sunu extra nicht vorgewarnt, da sie auf sein Gesicht gespannt gewesen waren und sie wurden nicht enttäuscht. Geb und Hui kannten diese Prozedur schon in und auswendig, da Hatschepsut sie mehrmals in der Woche begann. Als die Königin nach wenigen Minuten wieder aus dem Wasser stieg, konnte auch sie sich ein Lächeln nicht verkneifen, als sie unversehens auf den breiten verkrampften Rücken des Leutnants blickte, welcher angestrengt in eine andere Richtung starrte. Sie glitt wieder in ihr Gewand und meinte mit vor verhaltenem Lachen leicht vibrierender Stimme: „Du kannst dich wieder umdrehen, Leutnant, die Gefahr ist gebannt!“ Die Nubier grinsten noch breiter, als sie Sunus vorsichtigen Blick über die Schulter wahrnahmen, bevor er wagte, sich ihnen wieder zuzuwenden. Um Sunu abzulenken, damit seine Gesichtsfarbe sich wieder auf eine normale Stufe einpendeln konnte, begann Hatschepsut nun ernst zu sprechen: „In ein paar Tagen wirst du Gelegenheit haben, dir die ganze Palastgesellschaft mal näher zu betrachten, Leutnant Sunu. Mein Halbbruder gibt ein Fest zu Ehren einer neuen Frau in seinem Harim. Ich möchte, dass du vor dem Fest ein wenig durch die Gänge schlenderst und versuchst, hier und da ein Wort aufzuschnappen, das über die neue Frau an der Seite von Thut gesagt wird. Es handelt sich bei ihr nämlich um die Schwester von Gaza und somit um eine Prinzessin. Es gehen Gerüchte, dass Thut sie zur Gemahlin machen will, was nicht unwahrscheinlich ist, wenn man ihren Status betrachtet. Außerdem würde er damit seine Macht erhöhen, da Gaza dann noch mehr hinter ihm stehen würde und mit ihm das Land Kusch. Gaza ist Thut sowieso schon sehr verbunden, da mein Halbbruder Gaza ohne mein Wissen in sein Amt eingesetzt hat und ich im Nachhinein nichts mehr dagegen unternehmen konnte ohne meinen Bruder blosszustellen. Da Thut der Horus im Nest ist, kann ich seine Wünsche nicht einfach missachten, auch wenn ich Regentin bin, wenigstens so lange bis ich dem gerechtfertigten Wunsch der Priesterschaft und des Volkes irgendwann nachgeben muß und meinen Bruder heirate. Dann wird er durch mein göttliches Blut legitimiert – und Pharao sein. Ich weiß noch nicht, wie die Dame Tuja, so heißt Gazas Schwester, zu mir steht. Wäre ich aus dem Wege, würde Thut, als einziger männlicher Nachkomme, auch ohne legitimierende Heirat Pharao werden und könnte Tuja zur göttlichen Gemahlin erheben. Dies ist weiß Gott eine recht erstrebenswerte Position und sicher einige Opfer wert. Ich habe Tuja erst ein paar mal aus der Distanz gesehen und wollte sie nicht zu mir laden, um nicht Thuts Misstrauen oder Spott zu erregen.“ Sie wandte ihren Blick Sunu zu. „Das Fest wird im großen Sonnensaal stattfinden, Ich werde dir rechtzeitig Bescheid geben.“ Mit einem Lächeln nickte Sunu. Inzwischen kannte er sich schon ziemlich gut im Palast aus und den großen Sonnensaal hatte er schon bewundert. Mit der üblichen lässigen Geste entließ Hatschepsut Sunu aus ihrer Nähe und ging mit ihren Wächtern in Richtung des Palastes zurück. Sunu streunte durch die Gänge und hielt die Ohren offen, doch er erfuhr nichts über Thuts neueste Dame. Auch Tunip, den er unterwegs traf, hatte nichts Interessantes in Erfahrung bringen können. Schließlich begab der Leutnant sich in seine Gemächer. Sein Magen knurrte inzwischen laut, da er vor lauter sich Umhören seit dem Frühstück nichts mehr gegessen hatte.


Tunip in Gefahr

Endlich war der Abend des Festes gekommen und Hui stand vor Sunus Gemächern, um ihn abzuholen. Als sie sich zum Gehen wandten stand ein äußerst enttäuschter Tunip in der Tür. Sein hübsches Gesicht hatte sich weinerlich verzogen und es standen tatsächlich Tränen in seinen Augen. Mit flehender Stimme flüsterte er: „Herr, wenn du mich mitnimmst erzähle ich dir, was ich von einer Dienerin aus dem Harim des Thut Interessantes erfahren habe.“ Sunu drehte sich halb um und sah seinen Schreiber streng an: „Heißt das, dass du etwas Wichtiges erfahren und es mir nicht mitgeteilt hast, um mich bei Gelegenheit damit zu erpressen?“ Ein listiges Lächeln verscheuchte Tunips Trauermiene. „Würdest du mich denn mitnehmen zu dem Fest?“ Sunu überlegte; er hatte sich darüber gar keine Gedanken gemacht, da das Fest natürlich nicht für Bedienstete gedacht war. Allerdings würde ihm Tunip, dort eingeschleust, sicher von Nutzen sein. Vier Ohren hörten mehr als zwei. „Tunip – Erstens: ich sollte dich mit dem Stock verprügeln, für deine Mauschelei. Zweitens: ich kann dich nicht mitnehmen...... außer...“ Sunu war ein Gedanke gekommen. Er warf einen Blick auf Tunips edle Garderobe und meinte dann mit einem verschmitzten Grinsen, da er die Eitelkeit seines Untergebenen kannte: „Geh ins Zimmer und zieh dir einen einfachen Schurz an. Leg deinen Schmuckkragen ab und geh als einfacher Diener. Wenn du hie und da ein Tablett herumträgst und so tust, als ob du arbeitest, wirst du kaum auffallen.“ Man konnte Tunip die widerstreitenden Gefühle ansehen. Auf der einen Seite widerstrebte es ihm total, nicht angemessen gekleidet zu sein; auf der anderen Seite konnte er seine Neugier auf das Fest nicht bezähmen. In Windeseile raste er also schließlich ins Zimmer und kam wenig später spartanisch gekleidet wieder heraus. Angeekelt betrachtete er den schlichten weißen Schurz und bemerkte zum Glück nicht das breite Grinsen der beiden anderen. „Warte noch ein Weilchen. Du kannst nicht mit uns gemeinsam im Saal erscheinen, sonst weiß gleich jeder Bescheid.“ Damit gingen Sunu und Hui den Gang entlang. Noch einmal wandte sich Sunu zu seinem Schreiber um und meinte mit strengem Blick: „Und, Tunip, sobald wie möglich wirst du mir deine Neuigkeiten mitteilen. Und wenn nächstes Mal nicht sofort Bericht erstattet wird.... “ Die Drohung ließ der Leutnant in der Luft hängen und setzte dann seinen Weg fort. Nachdem sie ein paar Flure überquert hatten, kamen die beiden Männer in einen hell erleuchteten Vorraum. Dieser hatte schon enorme Ausmaße, war aber noch klein im Vergleich mit dem Sonnensaal, den sie nun durch eine doppelflüglige Tür betraten. Geblendet kniff Sunu die Augen zusammen. Die Abendsonne warf noch ihre letzten rotgoldenen Strahlen durch die hohen Säulen auf der gegenüberliegenden Seite des Saales, welche freien Durchgang zum Garten gewährten, und ihr gedämpftes Licht wetteiferte mit Tausenden von Wachskerzen, Öllämpchen und Fackeln. Das ganze vielfache Lichtspektakel wurde wieder zurückgeworfen von unzähligen goldenen Sonnenscheiben, welche die Wände zierten. Der Sonnensaal trug seinen Namen zu Recht. Selbst der Boden und die Decke waren mit Mosaiken verziert, die goldene Sonnen, silberne Monde und Sterne auf blauem Hintergrund darstellten. Zwischen den Re-Scheiben an den Wänden waren die üblichen Götter– und Jagdszenen dargestellt, wobei das immer wiederkehrende Papyrusschilf versilbert war und ebenfalls die Strahlen des Lichtes spiegelte. Langsam betrat Sunu also den Raum, sich hinter Hui haltend, der ihm den Weg durch die Menschenmenge wies. Eine Dienerin hielt sie auf, um Sunu einen mit Parfüm gefüllten Wachskegel auf den Kopf zu setzen. Unwillig verzog dieser das Gesicht, ließ sich aber um der momentanen Mode willen das unbequeme Ding befestigen. Hui ließ dieselbe Prozedur über sich ergehen, ehe er weiterging. Sie erreichten das hintere Ende des Saales. Ähnlich wie im Audienzraum, gab es auch hier eine erhöhte Estrade, auf der niedere Tische aufgestellt waren, an denen die Königin, ihr Halbbruder und ihre nächsten Hofleute auf Sitzkissen Platz genommen hatten. Sunu ließ flüchtig seine Blicke darüber schweifen. Mit an der Tafel saßen natürlich auch Hapuseneb, Gaza, zwei ihm unbekannte Männer und ein paar Hofdamen. Hui bugsierte Sunu an einen Tisch, unterhalb der Estrade. Im ganzen Saal waren solch kleine Tische verteilt, neben denen man auf niederen Kissen auf dem Boden Platz nahm. Die Tafeln bogen sich unter den wunderbarsten Köstlichkeiten auf goldenen Tabletts. Da gab es gebratene Täubchen, Ente und Gans. Auch Nilpferdfleisch und sogar Rind, das nur den Adligen vorbehalten war, lag hier in Mengen herum. Natürlich fehlten auch nicht kandierte Früchte und allerlei Süßigkeiten. Diener eilten mit Alabaster-Amphoren voller Dattelwein und Bier zwischen den Tischen umher und schenkten leere Becher sofort wieder nach. Sunu nahm auf einem der bequemen Kissen Platz und sah am Tisch auch Geb sitzen. Er stellte überrascht fest, dass die beiden Nubier heute nicht ihren Platz hinter der Königin eingenommen hatten. Hui bemerkte seinen fragenden Blick und meinte grinsend: „Schau dich um, Leutnant, an jeder Saaltüre und an den Säulen zum Garten stehen Wachen und wenn du genau hinsiehst haben sich genügend der befehlshabenden höheren Soldaten unters Volk gemischt. Auch am Tisch der Königin sitzen zwei Hauptmänner der Palastgarde.“ Sunu überredete seinen immer lauter knurrenden Magen noch einen Augenblick zu warten und blickte noch einmal hoch zum Tisch der Herrscherin beider Länder. Die beiden ihm unbekannten Männer waren also hohe Beamte der Palastgarde. Plötzlich fiel Sunu eine Frau auf, deren Schönheit ihn sofort in ihren Bann zog. Sie saß zur linken Seite Thuts. Sunu musste sich zusammenreißen, um nicht mit dem Finger auf sie zu zeigen, während er Hui stupfte und wie ein dummer Junge stammelnd fragte: „W-w-wer ist das?“ Das übliche breite Grinsen überzog Huis Gesicht, während auch Geb sich ihnen zuwandte und lauschte. „Das ist die Dame Tuja, Gazas Schwester und womöglich zukünftige Gemahlin des Thut.“ „Sie ist schön, nicht?“ Fragte Geb den Leutnant. Doch dieser antwortete nicht. Er starrte wie hypnotisiert auf die Dame Tuja. Dies war also die Frau, die er für die Königin ausspionieren sollte. Für eine Kuschitin war ihre Hautfarbe relativ hell. Das Haar war schwarz und wild gelockt, aber nicht kraus. Es ließ sich kaum von dem goldenen Diadem mit den Rubinen bändigen, welches den schmalen Kopf umspannte. Die hohen Wangenknochen und das kleine Kinn gaben dem zierlichen Gesicht einen edlen Ausdruck. Die Lippen waren voll, aber nicht wulstig. Das faszinierendste an der Frau waren jedoch die Augen. Sie waren hell, von einem warmen Goldton, nicht so Löwengelb wie die ihres Bruders, und von dunklen Brauen überspannt, die an den Schläfen nach oben gezogen waren.. Die Figur konnte Sunu nicht richtig einschätzen, da sie in ein gefälteltes goldenes Gewand gehüllt und auf eines der niederen Kissen hingegossen war; aber dass sie sehr hochgewachsen und schlank war, konnte er trotzdem erahnen. Sunus Gedanken wurden unterbrochen, als ihm der verführerische Duft von Gebratenem in die Nase stieg. Hui hielt im grinsend einen knusprigen Gänseflügel vors Gesicht. „He, die ist nicht für dich. Die gehört Thut.“ Sunu schüttelte den Kopf, um wieder klare Gedanken fassen zu können und biß herzhaft in das zarte Fleisch.

                *

Tunip hatte sich unter die Festgesellschaft gemischt. Sunu hatte Recht behalten; keinem fiel der knabenhafte junge Diener auf. Tunip trug hier ein Tablett spazieren und trank dort heimlich selber einen Schluck Wein aus einem der goldenen Becher, wenn gerade keiner hinsah. Er sperrte die Ohren auf, um eventuell Interessantes aufzuschnappen, was er seinem Herrn später berichten konnte. Er drückte sich vorwiegend in der Nähe des Tisches der Königin herum, da sich dort ja sämtliche `Verdächtigen` herumtrieben, und beobachtete die Vorgänge dort. Als sich Gaza irgendwann erhob und im Gewühl verschwand beeilte er sich, ihm zu folgen. Gaza schien seinen Weg ganz gezielt zu gehen und Tunip wurde immer neugieriger. Zwischen den geschwungenen Säulen hindurch schritt der dunkle Prinz gelassen an den Wachen vorbei in die samtige Nacht des Parks hinaus. Tunip griff sich im Vorbeigehen ein Tablett mit Getränken und wurde von den Wachen kaum beachtet, als er dem Wesir ins Freie folgte. Es war nicht sehr dunkel, durch das Licht der unzähligen Fackeln und Lampen im Garten, trotzdem fiel es Tunip schwer, dem geschmeidig dahineilenden Mann auf den Fersen zu bleiben, zumal er noch das sperrige Tablett mitschleppen musste, bis er kurz Zeit fand es auf einer Ruhebank abzustellen. Gazas im Lichte Chons glitzernden bunten Federn auf dem Kopf und die nächtliche Beleuchtung wiesen ihm weiterhin den Weg. Endlich blieb die Gestalt vor ihm stehen und Tunip hechtete hinter einen Beerenstrauch, um sich zu verbergen. Gaza blickte sich wie suchend um und plötzlich trat aus der Dunkelheit hinter einem Weidenbaum eine zweite Gestalt. Leider konnte Tunip nicht viel erkenne, da die nächste Fackel ein gutes Stück von der Stelle entfernt war, an der die beiden Männer standen. Es fiel nur auf, dass Gazas Gesprächspartner ein wahrer Hüne war. Der Schreiber spitzte die Ohren, um so viel wie möglich vom Gespräch der Männer mitzubekommen. „....Schiefgegangen... ?“ Das war Gazas Stimme. „ ...die Dame Tuja.....wird schon noch erreichen.“ Antwortete die Stimme des Anderen. „...Nächstes Mal.... nichts falsch machen.“ Wieder Gazas Stimme und schon hatten sich die Männer getrennt. Der eine war wieder im Schatten der Bäume verschwunden und Gaza eilte an Tunips Versteck vorbei zurück zum Fest. Tunip wischte sich den Schweiß von der Stirn. Solch gefährliche Situationen war er nicht gewohnt. Schließlich ging er unauffällig vor sich hinpfeifend in Richtung Saal zurück und griff sich sein unterwegs abgesetztes Tablett. Er bemerkte nicht den misstrauischen Blick Gazas, der sich noch ganz in der Nähe des Durchgangs zum Garten aufhielt.

                *

Bei nächster Gelegenheit wollte Tunip seinen Herrn suchen, um mit ihm zu sprechen. Die Gelegenheit ergab sich bald, denn auch Sunu hatte sich inzwischen aufgemacht, den Saal zu durchforsten und sich umzuhören. Er wäre beinahe über Tunip gestolpert, der sich ihm in den Weg stellte. „Herr, ich muß unbedingt mit dir sprechen.“ „Wir treffen uns draußen im Garten, geh voraus und warte auf mich.“ Tunip verließ zum zweiten Mal das Fest und durchschritt ungehindert die Säulen zum Garten. Er entfernte sich nur ein paar Schritte vom erleuchteten Pfad und behielt den Ausgang im Auge, um seinen Herrn nicht zu verpassen. Bald darauf erschien dieser auch schon und blickte sich suchend um. „Pssst, Pssst!“ zischte Tunip, um auf sich aufmerksam zu machen. Mit wenigen Schritten hatte Sunu ihn erreicht und sie gingen auf einem spärlich beleuchteten Weg in die Dunkelheit hinein. Sunu fluchte leise, als sein Parfümkegel einen niederen Ast streifte und gefährlich ins Wanken kam. Während Tunip aufgeregt von seinem Abenteuer berichtete bemerkte er nicht, dass sie beobachtet wurden. Interessiert seinem Schreiber lauschend hatte nicht einmal der sonst so vorsichtige Sunu die Gestalt im Schatten eines Gebüschs bemerkt, welche mit aufmerksamem Blick jede Bewegung Tunips verfolgte. Dieser berichtete eifrig über die Begegnung im Park und fügte seinem Rapport noch hinzu, dass die hübsche junge Dienerin der Dame Tuja, die ihm vor dem Fest auf dem Flur begegnet war, sich mit ihm unterhalten hatte. Augenzwinkernd bemerkte er, dass er von ihr sicher noch öfter etwas hören würde, da er sich sehr freundlich um sie bemüht habe. Sie hatte ihm erzählt, dass Gaza seine Schwester nahezu nötigte, Thut in allem was dieser wünschte zu Gefallen zu sein, um baldmöglichst in dessen höchste Gunst aufzusteigen. Die Dienerin hatte auch erwähnt, dass Tuja sich nicht gegen den Wunsch des Bruders auflehnte. Wenig später gingen die beiden Männer auf getrennten Wegen zum Sonnensaal zurück. Sunu ließ sich auf seinem Platz nieder und blickte nachdenklich vor sich hin. War es Gaza, der die Königin aus dem Weg schaffen wollte? Wenn Hatschepsut starb, würde unweigerlich Thutmosis den von ihm heißersehnten Platz als Pharao des Landes einnehmen und mit ihm würde die Dame Tuja zur höchsten Frau des Landes aufsteigen, wenn sie zur königlichen Gemahlin wurde. Somit würde natürlich auch die Macht Gazas ins Unermessliche steigen, als Schwager und Günstling des neuen Pharao. Fragen über Fragen strichen durch Sunus Kopf: Wenn Gaza hinter dem Attentat steckte, wer war der Mann, mit dem er sich im Garten getroffen hatte? Der gedungene Mörder? Thutmosis war es nicht. Der hatte den Tisch der Königin die ganze Zeit nicht verlassen. Wußte der künftige Pharao überhaupt von den Plänen Gazas, wenn er wirklich der Bösewicht war? Sunu griff nach seinem leeren Weinbecher und hielt ihm einem vorübereilenden Diener hin. Prompt wurde er aufgefüllt und der Leutnant nahm einen tiefen Schluck. Er würde noch viel nachzuforschen und zu überdenken haben. Er musste hinter die Personen und Zusammenhänge der Ränke gegen Hatschepsut kommen, bevor ein erneuter Anschlag alles zunichte machen würde. Sunus bittere Gedanken wurden unterbrochen, als die Geräuschkulisse im Raum plötzlich um einiges leiser wurde und ein ins Blut gehender Trommel-Rhythmus einsetzte. Er hob den Blick, um festzustellen, was die seltsame Ruhe zu bedeuten hätte. Die Mitte des Saals war geräumt worden und auf einer kreisrunden Fläche hatten sich einige sehr dunkelhäutige Männer niedergelassen, die auf Buschtrommeln hämmerten. Der Kreis der umstehenden Menschen öffnete sich kurz und eine schmale hochgewachsene Gestalt durchquerte den entstandenen Gang um in die Mitte der freien Fläche zu treten. Wie in Trance erhob sich Sunu um, dank seiner Größe, eine bessere Sicht über die Köpfe der Anwesenden hinweg zu haben. Er konnte die Augen nicht mehr abwenden, sie hingen wie gebannt an der schlanken goldgewandeten Gestalt. Das Diadem hatte sie abgelegt und die schwarzen Locken fielen ihr bis zur Taille hinab. Sie drehte sich einmal langsam im Kreis und ließ dabei das goldgefältelte Gewand sanft zu Boden gleiten. Mit dem Fuß wischte sie es zur Seite und begann zu tanzen. Die Frau war noch viel schöner, als Sunu gedacht hatte. Sie trug jetzt nur noch einen fragilen Schmuckkragen aus weißen Perlen, der kaum die Brust verhüllte und einen äußerst kurzen goldenen Schurz. An den zarten Knöchelgelenken trug sie goldene Reife, mit winzigen klingenden Glöckchen versehen, die bei jeder Bewegung ein feines Geläut von sich gaben. Sunu war wie gebannt von der Schönheit der Dame Tuja und verfolgte jede der geschmeidigen, katzengleichen Bewegungen des wilden Tanzes mit sehnsüchtigem Blick. Der schlanke Leib bog sich, die lange Mähne wirbelte durch die Luft, die Beine schienen die Erde kaum zu berühren. Sunu wusste nicht mehr, wie lange die Vorführung gedauert hatte, fünf Minuten oder fünf Jahrtausende? Aber als Tuja zu einem letzten Trommelwirbel in einer Kaskade schwarzen Haares zu Boden sank, fiel auch er wie hypnotisiert in den donnernden Beifall des übrigen Publikums ein. Als er sich langsam wieder fasste und in die Realität zurückkehrte, warf er einen forschenden Blick hinauf zur Estrade, wo Thutmosis sich in Begeisterung erhoben hatte. Das Leuchten in seinem Blick zeugte von Besitzerstolz und Begehren. Sunus Blick, eben noch feurig begeistert, verschleierte sich und er nahm, sich wieder setzend, einen großen Schluck aus seinem Weinbecher. Er durfte sich nicht von seiner Aufgabe hier im Palast ablenken lassen. Schon gar nicht durfte er Gefühle entwickeln für eine Frau, die zu den Verdächtigen zählte und zudem einem künftigen Pharao angehörte. Den Rest des Festes konnte er nicht mehr richtig genießen, doch musste er warten, bis die Königin sich in ihre Gemächer zurückzog, wie es seine Aufgabe verlangte. Endlich war es soweit; Hatschepsut erhob sich von ihrem Platz. Geb und Hui beeilten sich, ihren Plätze einzunehmen, dann verließ die Königin unter den Gunstbezeugungen der Gäste, gefolgt von Gaza, Hapuseneb, Thutmosis, der Dame Tuja und den beiden hochrangigen Offizieren den Festsaal. Erst als die Gruppe das Tor durchschritten hatte, blickte Sunu sich im Raum um. Er konnte Tunip nirgends entdecken. Das Fest war noch immer in vollem Gange. Etliche der Besucher würden erst im Lichte des nächsten Tages, gestützt oder sogar getragen von ihren Dienern, in ihre Häuser oder Gemächer zurückkehren. Sunu ließ sich davon nicht beeinflussen. Er hatte für heute genug. Er bahnte sich einen Weg zwischen Essenden, Tanzenden und Betrunkenen hindurch in Richtung Ausgang. Wenig später bog er in den Gang ein, der zu seinen Räumen führte. Misstrauisch blieb er stehen und kniff die Augen zusammen als er die, selbst für diese Nachtzeit im Palast, ungewöhnliche Dunkelheit bemerkte und mit Blicken zu durchdringen versuchte. Die Fackeln und Lampen, die sonst die Gänge erhellten, waren in diesem Abschnitt des Ganges erloschen. Er legte den Kopf schief, um zu lauschen. Es war still – zu still. Egal um welche Tages– oder Nachtzeit, im Palast waren normalerweise ständig irgendwelche Geräusche zu hören, von umhereilenden Dienern, oder von wachhabenden Soldaten, von kichernden Sklavinnen oder sonst jemandem. Lautlos machte Sunu ein paar Schritte in Richtung der Tür zu seinen Gemächern und presste sich dann daneben gegen die Wand. Erneut lauschte er angestrengt in die Dunkelheit hinein und seine Vorsicht wurde belohnt: Hinter der geschlossenen Tür vernahm er gedämpfte Geräusche, wie von einem Kampf. Mit einem heftigen Tritt stieß er die Türe auf und stürmte mit gezücktem Dolch in das Zimmer dahinter. Seine Augen hatten sich inzwischen an die Dunkelheit gewöhnt und im Raum sah er sogar mehr als im Gang, da das Mondlicht durch die schmalen Fenster schien. In der Nähe der beiden Schlafstätten sah er zwei mit sich ringende Gestalten; in der Hand der einen blitzte im Lichte Chons eine Waffe auf. Ohne zu zögern sprang Sunu auf den Mann zu, steckte sich seinen Dolch zwischen die Zähne und umklammerte den Arm des Bewaffneten. Er wollte den Übeltäter lebend erwischen. Tot würde er ihm nichts nützen, falls es sich um einen Eingeweihten in die Intrige gegen die Herrin beider Länder handelte. Er war sich sicher, den Angreifer vor sich zu haben, denn Tunip war zwar eitel, neugierig und nicht wirklich feige, aber niemals bewaffnet. Der Gegner, mit dem der Leutnant nun um die Waffe rang, war sehr groß und Sunu geriet ins Schwitzen, während er mit ihm kämpfte. Sein Parfümkegel stürzte im Eifer des Gefechts zu Boden und zerbarst. Völlig unerwartet stieß sein Gegenüber nun aber einen Schrei aus und ließ die Waffe fallen. Sunu, immer noch überrascht von der plötzlichen Kapitulation, starrte der dunklen Gestalt hinterher, die sich hinkend und auf dem ausgelaufenen Parfümöl schlitternd – aber in äußerster Hast – entfernte. „Tunip, bist du in Ordnung!“ Schrie er in das Zwielicht des Zimmers hinein und erntete ein etwas atemloses „Ja, Herr.“ Sofort machte Sunu sich an die Verfolgung des Angreifers, geflissentlich der öligen Duftlache auf dem Boden ausweichend. Als er den Flur erreichte, sah er ihn nur noch schemenhaft um die nächste Ecke biegen und verschwinden. Als der Leutnant die Abbiegung erreicht hatte und vorsichtig um sie herumspähte, war von dem Mann nichts mehr zu sehen. Eine weitere Suche würde zwecklos sein, im Gewirr der tausend Gänge des Palastes. Sunu trabte zurück in Richtung seiner Gemächer, um nach seinem Schreiber zu sehen. Kurz bevor er die Tür durchschritt meinte er am anderen Ende des Ganges eine Feder wippen zu sehen. Er schüttelte den Kopf; wahrscheinlich hatte ihn die beinahe vollständige Dunkelheit genarrt. Er betrat den Raum und blinzelte in mindestens zwei Dutzend Lichter hinein. Tunip stand im Zimmer und hielt eine brennende Kerze in der Hand, mit der er alles anzündete, was zum Erleuchten der Räumlichkeiten geeignet war: Lämpchen, Kohlebecken, Fackeln und Kerzen. Geblendet hielt sich Sunu schützend die Hand vor Augen: „Ist ja gut, Tunip, willst du vielleicht auch noch die Bettdecke und die Binsenmatten anzünden?“ „Wäre es vorhin, als ich das Zimmer betrat auch so hell gewesen, hätte mich der unmögliche Kerl nicht so übertölpeln können.“ Murrte der junge Mann. Nachdem Sunu sich mit einem Blick überzeugt hatte, dass der Schreiber tatsächlich zwar leicht derangiert aber unverletzt war, konnte er sich ein Grinsen nicht verkneifen. Seiner Ansicht nach könnte eine Alte mit Krückstock den schönen Jüngling im hellsten Tageslicht angreifen, da er absolut kampfunerfahren war und nur auf seine Schönheit bedacht. Als hätte er die Gedanken seines Herrn erraten trat Tunip auf ihn zu und reichte ihm triumphierend einen Fetzen Stoff. Sunu drehte diesen ratlos von einer Seite zur anderen. Es war kein Leinen, es war ein Stück Leopardenfell; fragend sah er seinen Angestellten an: „Woher hast du das? Was soll ich damit.“ Mit beleidigter Miene, weil sein Herr schwer von Begriff schien und seine Heldentat nicht erriet, erklärte er: „Ich habe den Mistkerl in den Schenkel gebissen, als du mit ihm gerungen hast, und da ich nicht mehr lockerließ, habe ich dieses Beweisstück ergattert.“ Sunus Grinsen verstärkte sich wieder: „Deswegen also hat der Mann die Waffe so abrupt fallen gelassen und deswegen hat er auf seiner Flucht gehinkt!“ Gewissenhaft bedankte er sich bei Tunip, der ob dieses Lobes seines Herrn strahlte. Nachdem er, bei der bildlichen Vorstellung dieser Aktion, einen Lachanfall erlitten hatte, wurde der Leutnant wieder ernst. Nachdenklich bückte er sich dann und hob einen glänzenden Gegenstand vom Boden auf. Ein kurzer, leicht gebogener Kupferdolch. Solche Waffen gab es zu Hauff. Daraus konnte er keine Rückschlüsse auf den Besitzer schließen. Er betrachtete erneut das Beutestück Tunips. Leopardenfell. Der Hohepriester Hapuseneb trug oft Kleidung aus diesem, aber auch Gaza der Wesir. Der Angriff musste, unabhängig von diesem Stück Fell, tatsächlich von einer hochrangigen Persönlichkeit geplant worden sein, nur so ließ es sich erklären, dass der Gang so dunkel und menschenleer gewesen war. Hier waren sicherlich einige Wachsoldaten und Diener bestochen worden. Sunu konnte sich allerdings nicht vorstellen, dass einer der beiden hochrangigen Adligen sich selbst zu einem Angriff auf einen Bediensteten herablassen würde. Er musste sich also unter den treuen Untergebenen der beiden umsehen. Auch durfte er Thutmosis nicht von jedem Verdacht freisprechen. Auf jeden Fall war klar, dass der Anschlag auf Tunip mit dem auf Hatschepsuts Dienerin in Zusammenhang stand. Sunu wandte sich an den Schreiber der, trotz des Lobes über Sunus Lachanfall verstimmt, mit vor der Brust verschränkten Armen und verkniffenem Gesicht vor ihm stand. „Tunip, hat dich jemand beobachtet, als du Gaza in den Garten gefolgt bist, oder später bei deiner Lauschaktion?“ Tunip überlegte und schüttelte dann verneinend den Kopf. „Nein, nicht dass ich wüsste.“ „Es muß dich jemand bemerkt haben. Gaza ist nicht zu unterschätzen. Vielleicht hat er gemerkt, dass du nach ihm den Festsaal wieder betreten hast und seine eigenen Schlüsse gezogen. Nun, momentan werden wir das nicht herausfinden und ich habe meinen Schlaf bitter nötig. Legen wir uns hin und verschieben den Rest auf morgen.“ Gähnend begann Sunu sich auszukleiden.


Wo Die Liebe hinfällt

Früh am nächsten Morgen erwachte der Leutnant. Die Sonne warf vorsichtig die ersten Strahlen durch die Fenster und füllte den Raum mit einem verschwommenen blaßgoldenen Licht. Sunu erhob sich und schlich an Tunips Bett vorbei, der sich noch nicht rührte. Aus dem Fenster blickend sah er durch die Bäume ein Stück eines der vielen Teiche des Parks schimmern. Eine unbändige Lust sich in das kühle klare Wasser gleiten zu lassen überkam den Leutnant und er beeilte sich, sich kurz frisch zu machen. Er streifte lediglich einen weißen kurzen Schurz über, legte seinen Waffengürtel mit dem Dolch an und begab sich barfuß auf den Flur. Kaum jemand begegnete ihm zu dieser frühen Stunde. Nur ein paar wenige Diener waren schon unterwegs, um Frühstück oder Badewasser für ihre Herrschaft zu besorgen. Wenig später betrat Sunu durch eines der vielen Tore den Garten. Er schlenderte, die frische Morgenluft und die blühende Natur genießend, über die Pfade und hatte bald einen Teich erreicht, der überschattet von hängenden Weiden einen äußerst einladenden Eindruck machte. Ein schmales, gebogenes, hölzernes Brückchen überspannte ihn und Sunu setzte seinen Fuß auf die von der Morgensonne bereits angewärmten Bretter. In der Mitte setzte er sich hin und ließ die langen sehnigen Beine ins Wasser baumeln. Die Sonne schimmerte rotgolden zwischen den Blättern der Weiden hindurch und Sunu beschloß, sich zu beeilen, bevor die allgemeine Betriebsamkeit in Palast und Park begannen. Er legte seine spärliche Bekleidung ab und sprang ins kühle Naß. Geschmeidig durchschwamm er die Länge des Teiches, wendete und schwamm wieder auf die Brücke zu. Als er ein leises dunkles Lachen vernahm hob er spähend den Blick. Vor lauter Überraschung vergaß er Schwimmbewegungen zu machen, geriet kurz unter Wasser und tauchte wasserspuckend und hustend wieder auf. Hilfsbereit, aber mit einem belustigten Lächeln im Gesicht, kniete sich die Ursache seiner Ungeschicklichkeit auf der Brücke nieder und streckte ihm die Hand hin. Eine Weile konnte Sunu die Dame Tuja nur anstarren. In ihrem hellen Gewand, dass nur locker über einer Schulter von einer Spange gehalten wurde und mit ihrem wallenden schwarzen Haar sah sie aus wie eine Göttin. Dann konnte er nicht anders: er hob die Hand aus dem Wasser und berührte sie mit vorsichtigen Fingern. Als ein warmer Strom durch seine Adern floß verstärkte er die Berührung und umschloß ihre ganze Hand mit der seinen. Sein Blick versank in ihren goldgelben Augen. Ihr Lächeln machte bei seiner Berührung einem fragenden, ungläubigen Ausdruck Platz. Hatte sie ebenfalls dieses seltsame Prickeln gespürt, fragte sich Sunu? Dann schüttelte er den Kopf, dass die Tropfen nur so aus seinem langen Haar flogen, ließ die Hand von Tuja los, als ob er sich daran verbrannt hätte und zog sich mit kräftigen Armen auf die Brücke hinauf. Tuja erhob sich aus ihrer knienden Stellung. Erst als er aufrecht vor der jungen Frau stand und ihr Blick sich vielsagend senkte bemerkte er, dass sein Schurz ja samt Gürtel und Dolch zu ihren Füßen auf den Brettern des Brückchens lag. Sunus dunkle Hautfarbe färbte sich wieder einmal zu einer rötlichen Nuance; hastig griff er nach seinem Schurz und wandte Tuja den Rücken zu. Er hörte wieder das tiefe leise Lachen hinter seinem Rücken und erst da fiel ihm ein, dass seine Kehrseite ja ebenfalls nackt war. „Leutnant Sunu,“ hörte er diese betörende tiefe Stimme sagen, „ich werde mich dort drüben auf das Steinbänkchen setzen und die Augen schließen, bis du fertig bist. Sagst du mir dann Bescheid?“ Ihre Stimme vibrierte immer noch vor verhaltenem Lachen, als er sie sich entfernen hörte. Hastig zog er den Schurz über die Lenden, rückte Gürtel und Dolch zurecht und wandte sich dann um. Tuja saß mit züchtig gesenktem Blick auf einer nicht weit entfernten Bank; ihr leichtes Lächeln verriet allerdings, dass sie nicht im geringsten verlegen war. Sunu trat, zu seiner üblichen Gelassenheit zurückfindend, zu ihr und bemerkte mit seinem leicht zynischen Grinsen: „Dame Tuja, du kannst die Augen wieder öffnen und tu nicht so, als ob es dir wirklich etwas ausgemacht hätte, einen nackten Mann zu sehen.“ Tuja sah auf und ihr strahlender Blick versank in seinen dunklen Augen. Es kostete ihn Anstrengung, sich aus dem Bann zu lösen, den die fremde Frau auf ihn ausübte und woanders hinzuschauen als auf ihr faszinierend schönes Gesicht. Er verbeugte sich höflich und nahm neben ihr Platz. Betont sachlich sprach er dann zu ihr: „Dame Tuja, du wolltest mit mir sprechen? Oder was machst du sonst ohne Wächter zu dieser frühen Stunde im Park?“ Ihre Miene verriet leichte Enttäuschung ob seiner Sachlichkeit, als auch sie den Blick abwandte und ihn ruhelos über die exotisch grüne Parklandschaft wandern ließ. „Ich habe gehört, dass du eine Art Leibwächter der Königin bist?“ Sunu schüttelte leicht den Kopf mit dem immer noch tropfnassen Haar. Ein paar Tropfen verirrten sich auf Tujas weißes Gewand und schimmerten wie Perlen im Morgenlicht. Wieder musste Sunu sich zusammenreißen, um nicht auf die weiblichen Formen zu starren, die unter dem durchscheinenden Stoff zu erahnen waren. „Die Königin nennt mich ihr Auge und Ohr.“ Verbesserte er sie kurz angebunden. Die sanfte Stimme von Tuja fragte weiter: „Ich habe gehört, dass es einen Anschlag gab und du der Erste am Platz warst?“ Sunus Gesicht verschloß sich. „Ich möchte nicht darüber reden, Dame Tuja.“ Was wollte sie von ihm? Wollte sie für Gaza in Erfahrung bringen, wie viel er bereits herausgefunden hatte? In diesem Moment fiel ein goldener Strahl der inzwischen vollständig aufgegangenen Sonne auf Tujas Haupt und zwischen den lockigen Strähnen ihres Haares blitzte etwas auf. Sunu kniff die Augen zusammen und sein Blick zeigte plötzlich einen undefinierbaren Ausdruck – eine Mischung aus Enttäuschung und Wachsamkeit. Er hatte die glitzernden Ohrringe gesehen und blitzschnell deren Form erkannt und eingeordnet: Es handelte sich um springende Leoparden aus Gold mit Smaragdaugen. Die Spange, die Sunu neben der Leiche von Hatschepsuts Dienerin gefunden hatte, war nahezu identisch in Form und Verzierung, nur dass diese aus Silber gefertigt war. Sunus Blick verschleierte sich; er durfte sich seinen Verdacht nicht anmerken lassen und musste versuchen, soviel wie möglich über Tuja herauszufinden. Konnte es wirklich sein, dass die zwar große aber sehr zierliche Frau die Dienerin umgebracht hatte? Nun, dies erschien ihm noch im Rahmen des Möglichen. Von hinten mit einem Dolch zuzustechen war auch für eine Frau kein Problem. Aber der Angriff auf Tunip. Na ja, Tunip war nicht sehr groß und auch nicht kräftig. Wer ihn eine Weile beobachtete konnte sicher einschätzen, dass er kein wirklicher Gegner war, aber Sunu hatte ja schließlich mit dem Angreifer gerungen und für eine Frau wäre er doch sehr kräftig und sehnig gewesen. Seine Überlegung endete in der Feststellung, dass ja auch die Schwester Gazas, falls sie hinter den Anschlägen steckte, jemand dafür bezahlt haben und sich nicht der Gefahr der Entdeckung ausgesetzt haben würde. Als er das Wort nun wieder an die Dame Tuja richtete, war sein Blick mit höflichem Interesse auf sie gerichtet; nichts verriet sein Misstrauen. „Vielleicht solltest du deinen Bruder nach dem Attentat fragen? Eventuell weiß er mehr darüber als ich.“ Er ließ seine Stimme gleichmütig klingen, beobachtete Tujas Reaktion jedoch scharf. Entweder sie verstand die Anspielung wirklich nicht, oder sie war eine sehr gute Schauspielerin. Unschuldig lächelnd antwortete sie: „Gaza hab ich schon gefragt aber er sagte, dass er nichts darüber wisse.“ Sunu blickte sich übertrieben suchend um und fragte dann: „Dame Tuja wie kommt es, dass eine so hochgestellte Persönlichkeit wie du ohne Begleitung und Schutz unterwegs sein kann? Solltest du dich nicht im Harim von Thutmosis aufhalten?“ Tuja lächelte spitzbübisch und flüsterte ihm verschwörerisch zu: „Ich bin meinen Häschern entflohen.“ Sie hatte sich ihm zugeneigt und sah ihn fröhlich lächelnd an. Die weißen Zähne blitzten zwischen dunkelroten Lippen hervor. Sunu hatte wieder Mühe, sich ihrem Charme zu entziehen. Sie lehnte sich auf der Bank zurück und er konnte wieder ruhig durchatmen, da die Distanz zwischen ihnen wieder stimmte. „Nein, nein!“ lachte sie, „ich bin einfach so früh aufgestanden, dass mich niemand groß beachtet hat. Wenn du dich im Palast nicht kräftig herausputzt, kannst du glatt als Dienerin durchgehen, oder du lässt ein paar Dheben Bestechungsgeld springen und niemand hält dich auf. Außerdem bin ich noch nicht Thuts Gemahlin. Er hat mich nur in den Harim aufgenommen um mich kennen zu lernen. Ich bin ihm zwar versprochen, aber mehr noch lange nicht.“ Hatte da Enttäuschung und Ehrgeiz aus ihrer Stimme gesprochen? Sunu war sich nicht sicher, also fragte er weiter: „Für dich war es bestimmt keine so große Umstellung am Hof des Pharao zu sein, wie für mich. Als Prinzessin bist du sicher in deiner Heimat auch bei Hofe aufgewachsen.“ Verträumt blickte Tuja zum goldschimmernden Himmel empor, über den rosa Wolken glitten. „Ich bin wohl prächtig aufgewachsen, doch nicht in meiner Heimat. Schon als Kind wurde ich nach Kemet gegeben, um als Unterpfand der Verbindung unserer beider Länder als angehende eventuelle Gemahlin für den Pharao erzogen zu werden. Ich musste viel lernen und hatte wenig Freiheit. Doch wenn ich konnte, bin ich meinen Lehrern und Dienern entflohen, um mit meinem Bruder jagen zu gehen. Ich konnte fast so gut mit Pfeil und Bogen umgehen wie Gaza und auch im Kampf war ich nicht immer meinen Bruder unterlegen. Wir haben in der Wüste Löwen gejagt und abends unter dem dunklen Himmel mit seinen tausenden Sternen am Lagerfeuer unseren Sieg über den König der Wüste gefeiert. Ich war meist sehr traurig, wenn man mich zurück zu meinen strengen Lehrern in die Räume des Palastes befahl.“ Ihr Blick kehrte wie aus weiter Ferne zurück, die Vergangenheit verblasste. „Ich glaube nicht, dass ich heute noch solche Freude am Erlegen eines so edlen Tieres hätte. Und du, Leutnant Sunu, woher kommst du?“ Sunu war immer noch gefangen in der Vorstellung, wie die schöne junge Frau vom Streitwagen aus mit Pfeil und Bogen einen Löwen erlegte. Es musste ein herrliches Bild gewesen sein. Nur langsam drang ihre Frage in sein Bewusstsein und aus dem Bild der schönen Jägerin wurde das einer Mörderin. Er blickte sie mit verhärtetem Herzen an und antwortet abwesend: „Ich bin in Jebu aufgewachsen, einem kleine Grenzposten am ersten Katarakt.“ „Hast du nie Reisen gemacht? Nie etwas anderes gesehen?“ Waren Sunus Gefühle auch immer wieder ins Wanken gekommen, so wurde ihm nun wieder der himmelweite Unterschied zwischen seiner Welt und der Tujas bewusst. Auch wenn er jetzt, wie sie, am Hof lebte, war er doch nur ein Soldat, der durch die Gnade Hatschepsuts zu hohem Rang aufgestiegen war und sie war eine Prinzessin. Tuja erhob sich und schlenderte zum Teich zurück. Am Ufer saß eine falbfarbene Tempelkatze, welche interessiert die goldenen Fische im Wasser fixierte. Blitzschnell fuhr die zierliche Pfote hinein und zog einen zappelnden kleinen Fisch heraus. Nach Luft schnappend lag das arme Tier im Gras, von der Katze mit neugierigem Blick beobachtet und immer wieder mit der Pfote angestupst. Tuja beeilte sich und näherte sich den Tieren. „Gutes Kätzchen, liebe Katze.“ Murmelte sie sanft. Sunu betrachtete gespannt die Szene. Kannte Tuja kein Mitleid mit dem kleinen wehrlosen Opfer? Die Katze ließ von ihrer Beute ab und wandte die blau-grünen Augen der schönen Frau mit der sanften Stimme zu. Den Rücken krümmend schmiegte sie sich an Tujas Beine. Diese strich sanft über das weiche Fell, doch gleichzeitig ergriff sie langsam und ganz nebenbei den kleinen schillernden Fisch und warf ihn zurück in sein Element. Sunu atmete aus; er hatte gar nicht gemerkt, dass er die Luft angehalten hatte. Konnte eine so schöne sanfte Frau wirklich eine intrigante Mörderin sein? Ein Rascheln im Gebüsch hinter ihm ließ ihn aufspringen und, sich der vermeintlichen Gefahr zuwendend, die Hand an den Gürtel mit dem Dolch legen. Aus dem Gebüsch trat ein schlanker sehniger Kuschite der außergewöhnlich groß war. Die Größe wurde noch unterstrichen, durch seine seltsame Haartracht. Die schwarze Krause war an den Seiten des Kopfes geschoren und der Rest stand wie die Zacken eines Berggrates nach oben. Er machte keinerlei Anstalten, Sunu anzugreifen, sondern blieb ruhig und abwartend stehen, den Blick auf Tuja gerichtet. „Herrin, du wirst im Palast erwartet.“ Sprach er und schwieg dann wieder. Sunus Herz schien vollends zu versteinern, als er das Gewand des Mannes bemerkte: Er trug einen knielangen Schurz aus Leopardenfell. In seinem Gürtel baumelte ein kupfernes, langes, gebogenes Messer, ganz ähnlich dem etwas kürzeren, welches Sunu nach dem Anschlag auf Tunip gefunden hatte. An seine Pflichten erinnert wandte sich der Leutnant noch einmal an die Dame Tuja: „Mir sind deine schönen Ohrringe aufgefallen, Dame Tuja, sind sie aus deiner Heimat?“ Tuja spielte gedankenverloren an den glänzenden Leoparden herum und erwiderte: „Ja, mein Bruder hat sie von einer Reise mitgebracht und sie mir geschenkt. Er liebt Leoparden und besitzt selbst einen gezähmten.“ Sie blickte Sunu mit ihren goldenen Augen aufmerksam an und schien noch etwas sagen zu wollen, doch Sunu nahm die Hand von seinem Dolch, verbeugte sich wortlos vor der schönen Frau und verschwand in Richtung des Palastes. Seine Gedanken wirbelten durcheinander. Hatte die schöne freundliche Dame Tuja ihren Diener ausgeschickt um zu morden? War ihr der Status als königliche Gemahlin zwei oder mehr Menschenleben wert? Sunus Gefühle waren im Widerstreit; auf der einen Seite stand die Faszination, welche Tuja unbestreitbar auf ihn ausübte, auf der anderen Seite standen die gesammelten Indizien und Beobachtungen, welche nahezu nur einen Schluß zuließen: Sie war schuldig! Eigentlich sollte er seine Erkenntnisse sofort der Königin berichten und doch zögerte er. Tief in seinem Herzen erhob sich immer wieder die leise Stimme, welche die Dame Tuja verteidigte, obwohl einiges gegen sie sprach. Doch hatte nicht ihr Bruder ein Schmuckstück getragen, ganz ähnlich dem von ihm auf Hatschepsuts Dach gefundenen? Stammten nicht auch die Leopardenohrringe von Gaza? Sunu beschloß mit deutlich schlechtem Gewissen, nur die notwendigsten Tatsachen an Hatschepsut weiterzugeben, sollte sie sich vorerst ihre eigenen Gedanken machen und ihre Schlüsse daraus ziehen. Schließlich wollte Sunu ja auch keinen Verdacht aussprechen, solange er keine Beweise hatte; oder handelte er aus reinem Egoismus so? Er weigerte sich weiter darüber nachzudenken, an was es lag, dass er Tuja nicht verurteilen wollte und eilte hastig durch die Gänge des Palasts. Fast wütend fuhr er die beiden Wachen vor Hatschepsuts Gemächer an: „Wo ist die Herrin? Ist sie hier oder schon im Audienzraum?“ „Sie ist noch hier.“ Antwortete einer der Soldaten. „Was ist dir denn über die Leber gelaufen, Leutnant? Liebeskummer?“ Grinsend nickten die Wachen einander zu. Obwohl es bloß ein Witz war schoß Sunu die Röte ins Gesicht. Schweigend ging er zwischen den Wachen hindurch und klopfte ungeduldig an die Tür. Die junge Dienerin, die er auch schon gesehen hatte, als die Königin nach ihrer Massage zum Schwimmen gegangen war, öffnete die Tür und fragte ihn: „Was wünschst du, Leutnant Sunu?“ „Ich möchte die Herrin beider Länder sprechen; es ist wichtig.“ Die Dienerin schloß die Tür bis auf einen Spalt. Wenig später öffnete sie sie ganz und hieß ihn mit einer Geste eintreten. Hatschepsut saß auf einem Lederfaltstuhl vor ihrer Kommode und blickte in den großen polierten Spiegel. Sie war eben dabei ihre Augen mit Kohle zu umranden. Sunu verbeugte sich. Als er sich wieder aufrichtete trafen sich ihre Blicke in der glänzenden Fläche und fragend hob die Königin eine ihrer feinen Augenbrauen. „Nun, Leutnant Sunu, was gibt es, dass du deine Königin bei der Morgentoilette störst?“ Erst jetzt bemerkte Sunu, dass Hatschepsut ein fast durchsichtiges kurzes Nachtgewand trug und erst halb geschminkt war. Ihre Haare waren zu ein paar kleinen Zöpfchen geflochten, der Rest der glänzenden schwarzen Pracht hing noch offen über die Schultern. Die junge Dienerin stellte sich hinter ihre Herrin und fuhr fort, zu flechten und feine Perlenschnüre an den Flechten zu befestigen. Sunu atmete tief durch und verhinderte damit, dass ihm wieder einmal die Röte in die Wangen stieg. Hatschepsut blieb das nicht verborgen und ein leichtes Lächeln huschte über ihr schönes Gesicht. „Ich glaube langsam, dass ich für dich ein ständiger Quell der Belustigung bin.“ Murrte Sunu ärgerlich. „Aber Leutnant! Habe ich dir nicht meine Gunst bewiesen, indem ich dich zum Auge und Ohr des Pharao ernannt habe? Außerdem habe ich in meiner Position nicht viel zu lachen, also gönn mir das bisschen Spaß.“ Sunu musste nun selber grinsen, wurde aber gleich wieder ernst. „Herrin, ich habe einige Informationen gesammelt, die ich dir dringend mitteilen muß. Ich kann noch nichts beweisen, aber.....“ In diesem Moment wurde an die Tür des Gemachs geklopft und Hatschepsut nickte über den Spiegel der Dienerin zu, zu öffnen. Sunu wandte sich in gespannter Haltung ebenfalls um, drehte sich aber sofort wieder ruhig dem Rücken der Königin zu, als er in dem Besucher Senmut erkannte. Auch Hatschepsut hatte im Spiegel ihren Architekten erkannt und ein zärtliches Lächeln umspielte die vollen Lippen als sie sagte: „Mein lieber Senmut, du kommst gerade zur rechten Zeit. Leutnant Sunu will mich über wichtige Erkenntnisse seinerseits unterrichten. Ich möchte, dass du alles mit anhörst.“ Senmut trat neben Sunu und legte sanft die Hand auf die Schulter Hatschepsuts. Sie schmiegte kurz ihre Wange hinein. Die ganze Zärtlichkeit hatte nur Sekundenbruchteile gedauert und war von niemand außer Sunu bemerkt worden. Sunu wusste, dass die Priesterschaft und Thutmosis die Beziehung zwischen der Königin und ihrem vom Volk stammenden Bauherren sofort zum Anlaß für Anfeindungen genommen hätten, könnte man ihr diese nachweisen. Sunu tat also, als ob er nichts gesehen hätte und begann mit seinem Rapport, während Hatschepsut die Dienerin aus dem Raum winkte und gespannt zuhörte. „Herrin, ich habe neben der Leiche deiner Dienerin eine Schmuckspange gefunden. Außer meinem Diener Tunip und jetzt dir ist dies niemand bekannt. Ich habe es geheim gehalten, um den Besitzer des Schmuckstücks nicht zu warnen. Hätte der Mörder etwas über Form und Machart des außergewöhnlichen Stückes erfahren, hätte er sicherlich jedes ähnliche Geschmeide sofort aus seinem Besitz verschwinden lassen. Als ich also heute mit der Dame Tuja sprach...“ „Wann hast du denn die Dame Tuja getroffen?“ Unterbrach ihn Hatschepsut überrascht. Sunu erzählte kurz, wie er ihr im Garten begegnet war, unterschlug allerdings die peinliche Szene auf der Brücke. Die Königin nickte zwar zu seinem Bericht ihr nachdenklicher Blick zeigte aber, dass sie nicht verstand, was die künftige Gemahlin Thuts am Teich gesucht hatte und was sie von Leutnant Sunu wollte. Dieser bemerkte den skeptischen Ausdruck in den Augen der Königin und erklärte: „Ich denke, dass die Dame Tuja mich aushorchen wollte.“ Die Worte kamen ihm nur widerwillig über die Lippen und erst auf einen ungeduldigen Wink Hatschepsuts hin fuhr er fort: „Sie fragte mich nach dem Attentat auf dich. Allerdings bin ich ihr ausgewichen und habe nichts darüber erzählt. Was ich aber eigentlich sagen wollte: sie trug Ohrringe im gleichen Stil wie die Spange, die ich neben der Leiche auf der Dachterrasse gefunden habe. Allerdings waren diese anscheinend ein Geschenk ihres Bruders, der im Übrigen ein ähnliches Stück als Kleiderspange trägt.“ Sunu überlegte kurz und fuhr fort. „Außerdem muß ich dir noch berichten, dass mein Diener gestern nach dem Fest in meinen Gemächern angegriffen wurde. Ich denke man hat ihn gesehen, wie er Gaza verfolgte und beobachtete, wie dieser im Garten heimlich mit einer anderen Person sprach. Ich nehme an, dass vermutet wurde er hätte mehr gehört und gesehen, als er tatsächlich hat und man ihn deswegen beseitigen wollte. Jedenfalls kam ich noch zurecht um ihm zur Hilfe zu eilen und er hat ein Stück eines Gewandes im Kampf ergattert.“ Fragend zog Hatschepsut die Augenbrauen hoch und blickte wieder über den Spiegel auf den Leutnant. „Wie kommt er zu einem Teil des Gewandes seines Angreifers?“ Sunu wand sich ein wenig, antwortet dann aber doch mit verstecktem Grinsen: „Er hat ihn in den Schenkel gebissen und so ein Stück vom Schurz abgerissen. Auch hat der Angreifer vor Schreck seinen Dolch fallengelassen.“ Trotz der ernsten Situation musste Hatschepsut ebenfalls grinsen, als sie sich die Szene vorstellte. Sie wurde jedoch gleich wieder ernst und fragte Sunu nach den Zusammenhängen. „Nun, Herrin, die Ohrringe sind ein Hinweis, das Leopardenfell ein anderer. Am Teich erschien nämlich ein Diener Tujas, der einen Schurz aus eben diesem trug. Er besaß auch einen langen gekrümmten Dolch, ganz ähnlich dem, den ich in meinem Gemach gefunden habe.“ Sunu schwieg kurz und fuhr dann mit ruhiger dringlicher Stimme fort: „Herrin, es ist noch zu wenig, um Gaza, Tuja oder ihren Diener wirklich zu belasten, aber ich muß es dir ja sagen, damit du gewarnt bist. Laß mich weiter meine Arbeit tun und ich werden deine Feinde entlarven.“ Nachdenklich zog Hatschepsut ihr zweites Auge nach und murmelte vor sich hin: „Wenn ich nicht mehr wäre, könnte die Dame Tuja als königliche Gemahlin die höchste Frau im Lande Kemet werden und ihr Bruder würde zu noch mehr Macht und Gold kommen.“ Sie legte den Schminkstift beiseite und drehte sich zu Sunu und Senmut, der schweigend gelauscht hatte, um. „Laß mich eine Weile darüber nachdenken, Leutnant, und finde dich nach dem Mittagsmahl bei mir im Audienzsaal ein. Ich muß ein paar Abgesandte von verbündeten Ländern empfangen, über Steuerabgaben reden und hoffentlich ein paar nette Gastgeschenke in Empfang nehmen, bevor ich vor Langeweile sterbe.“ Sunu verbeugte sich amüsiert ob Hatschepsuts `Vorfreude` und strebte rückwärtsgehend der Türe zu. Bald jedoch wich die Erheiterung über die Äußerung der Königin einer undefinierbaren bösen Vorahnung. Er wusste nicht warum, aber bei Erwähnung der Gastgeschenke beschlich ihn ein warnendes Gefühl. Nachdenklich begab er sich in seine Gemächer und erstattete einem immens neugierigen Tunip erst einmal Bericht über den neuesten Stand der Dinge.


Der 2. Anschlag

Der Vormittag war schnell vergangen und Sunu begab sich, nachdem er mit Tunip im Garten ein üppiges Mahl zu sich genommen hatte, zum Audienzsaal. Das ungute Vorgefühl wollte nicht von ihm weichen, obwohl der prächtige Raum gut bewacht und auch die Königin von genügend Menschen umgeben war. Wie immer standen Geb und Hui an ihrer Seite; auch der übliche Hofstaat war auf der Estrade mit den elektrumüberzogenen Stufen anwesend. Prinz Thutmosis nahm auf seinem prunkvollen Thron mit dem Horusfalken ebenfalls am Empfang der Abgesandten teil. Sunu nahm, nachdem er vom Blick der Königin dirigiert worden war, vor den schimmernden Stufen zur Estrade mit den beiden Thronsesseln seinen Platz ein. Er stellte sich an der Seitenwand des Saales in den Schatten einer der vielen goldenen Säulen, um die Szenerie gut und unauffällig im Blick behalten zu können. Zustimmend nickte ihm Hatschepsut kaum merklich zu. Obwohl bis jetzt alles harmlos schien, stellten sich Sunus Nackenhärchen auf, ein sicheres Zeichen für Gefahr. Aufmerksam und angespannt beobachtete er sämtliche Personen, die sich der Königin über den schimmernden Mosaikboden näherten und ließ keine Bewegung unbeachtet. Prächtig gewandete exotische Gestalten wechselten sich ab, der Königin von Kemet, Tochter des Amun, die Ehre zu erweisen und ihr teure Gastgeschenke zu überreichen. Da waren dunkelhäutige spärlich bekleidete Nubier die, nachdem sie sich demutsvoll zu Boden geworfen hatten, Hatschepsut einen lebenden wunderschönen Geparden übergaben. Er wurde von einem jungen Pfleger begleitet, der ebenfalls zum Geschenk gehörte. Danach kam ein Abgesandter der Hethiter der, den Waffenstillstand und das Bündnis zwischen seinem Land und Kemet betonend die Königin bat, sein Geschenk im Freien zu bewundern, da es sich nicht durch die Gänge des Palastes transportieren ließe. Scharf beäugte Sunu die kräftige Gestalt des Abgesandten. Er trug einen langen dunklen Bart, welcher in zwei Spitzen endete. Schon das machte ihn für Sunu zum Objekt des Misstrauens. Im Lande Kemet trug man keine Bärte. Sie galten als schmutzig und unattraktiv. Die prächtigen schwarzgolden gestreiften Gewänder des Hethiters täuschten Sunu nicht über die kräftigen Muskeln darunter und den listigen Blick des Mannes hinweg. Als sich nun die ganze Kavalkade aus Höflingen, Soldaten und Abgesandten von Neugier getrieben in Bewegung setzte, drängte er sich ganz in die Nähe der Königin, um zur Stelle zu sein, falls irgend ein Angriff erfolgen würde. Es geschah nichts! Tatsächlich hatte der Hethiter vor den Toren des Palastes ein prächtiges Schimmelgespann, gehalten von zwei Palastsklaven, mit einem noch prächtigeren Kriegswagen abgestellt, welches er mit einer galanten Verbeugung einer begeisterten Hatschepsut zum Geschenk machte. Die Königin übergab Krummstab und Wedel dem Bewahrer der königlichen Insignien und ließ, das Gefährt umrundend, ihre bewundernden Blicke über die wundervollen Pferde und den komplett mit Gold überzogenen Wagen gleiten. Schließlich ließ sie es sich zum Entsetzen ihrer sämtlichen Beschützer nicht nehmen behände auf das Fahrzeug zu springen und in einer Staubwolke eine Ehrenrunde über die Wege des Parks zu drehen - in einer halsbrecherischen Geschwindigkeit. Sunu, der das Können Hatschepsuts im Umgang mit Pferd und Wagen ja in der Wüste erlebt hatte, versuchte sein Grinsen zu unterdrücken, als er die entrüsteten Mienen der Hofschranzen sah. Wie ein junges Mädchen, dass sie ja fast noch war, hatte die Freude an ihrem Geschenk Hatschepsut ihre steifen Hofsitten vergessen lassen und als sie den Wagen wieder vors Palasttor lenkte und abstieg, war ihr silbernes Gewand verstaubt und ihre hohe blaue Krone verrutscht. Die vorwurfsvollen Mienen der älteren Hofdamen ignorierend übergab sie die Zügel dankend dem Hethiter und ging mit hoheitsvoll erhobenen Haupt, aber abenteuerlustig blitzenden Augen, wieder zurück in den Sitzungssaal. Erleichtert und immer noch leicht grinsend folgte ihr Sunu, sich immer durch die Menge in ihre Nähe drängend. Vielleicht hatte ihn diesmal seine Ahnung getrogen und es würde rein gar nichts passieren. Sunu schüttelte leicht den Kopf; nein, er würde weiterhin wachsam bleiben und die Warnung seines Inneren in Acht nehmen. Nachdem sämtliche Personen wieder ihre Plätze eingenommen hatten, fuhr die Königin fort im Programm. Ein prächtiger Abgesandter jagte den anderen und Sunus Aufmerksamkeit drohte ob der Vielzahl von Menschen und Geschenken nachzulassen. Ein Gähnen unterdrückend wandte er den Blick dem nächsten Gast zu. Es war wieder ein dunkelhäutiger schlanker Mann. So wie Sunu es ansah war es ein Kuschite, denn er trug Gewänder aus Raubtierfellen und die obligatorischen bunten Federn auf dem Kopf. Auf den Armen hielt er einen großen geflochtenen Korb, der natürlich zuvor von den zwei Torwächtern untersucht worden war. Der Mann stellte sein Geschenk ab, warf sich zu Boden und öffnete dann, sich wieder erhebend den Deckel des Korbes. Er war gefüllt mit wunderbaren Edelsteinen, die im Licht der durch die Fenster dringenden Mittagssonne schillerten und gleißten. Sunu wollte eben den Blick abwenden um den nächsten Abgesandten zu fixieren, der schon in der Tür stand, da meinte er eine verstohlene Bewegung des Dunkelhäutigen zu bemerken. Nein, er hatte sich nicht getäuscht: Während er sich wiederholt verbeugte, war die Hand des Mannes mit einer geschmeidigen Bewegung in seinem Gewand verschwunden und hatte einen dünnen länglichen Gegenstand herausgezogen. Wie von der Sehne geschnellt sprang Sunu mit einem mächtigen Satz nach vorne, bemerkte, dass er zu weit entfernt war und schrie mit lauter Stimme Huis Namen. Der große Schwarze verstand sofort und stürzte vorwärts, gerade im richtigen Moment. Schon hatte der Kuschite ein zuckendes Reptil in Richtung des Thrones der Königin geworfen. Leicht irritiert wand sich das große Tier kaum drei Fuß von Hatschepsut entfernt auf dem Mosaikboden der Estrade. Hui landete zwischen dem Thron und der Schlange und hatte mit einer einzigen blitzschnellen Bewegung sein langes Krummschwert gezogen und der Schlange, die sich inzwischen drohend aufgerichtete hatte, den breiten Kopf abgeschlagen. Sich noch im Tode wild windend fielen Kopf und Körper des todbringenden Reptils getrennt voneinander vor Hatschepsuts Füßen zu Boden. Die Königin hatte nicht eine Bewegung gemacht, nur die entsetzt aufgerissenen Augen verrieten, dass sie die tödliche Attacke auf ihre Person bewußt wahrgenommen hatte. Panik brach im Umkreis des Thrones aus: die Hofdamen, welche in der Nähe der Schlange gestanden hatten, hasteten überstürzt und kreischend die Stufen der Estrade hinab, um Abstand zwischen sich und den Kadaver zu bringen. Die Soldaten drängten sich um den Thron, um die Königin und Thut vor eventuellen weiteren Anschlägen zu schützen. Inzwischen versuchte der Attentäter in der allgemeinen Verwirrung zu entkommen. Er hatte nicht mit Sunu gerechnet. Dieser hatte, nachdem er festgestellt hatte, dass Hui auf seine Warnung reagierte, seinen Blick sofort wieder auf den Kuschiten gerichtet. Der Leutnant warf noch einen flüchtigen Blick in Richtung Gaza und Thut, deren Mienen schienen jedoch unbewegt. Sie verrieten weder Enttäuschung noch Angst. Auch Hapuseneb verhielt sich unauffällig. Sunu stürzte sich ins Gewühl und drängte sich zwischen verwirrten Höflingen, kreischenden Damen und orientierungslosen Soldaten hindurch in Richtung des großen Tores, welches der Flüchtende offensichtlich zu erreichen versuchte. Die Torwächter hatten ihren Platz verlassen um herauszufinden, was auf und um die Thronestrade vor sich ging, so dass dem Flüchtling kein Hindernis im Wege stand, als er über die Schwelle lief und den Fuß auf den breiten Flur davor setzte. Bevor er jedoch triumphierend in den unendlichen Gängen des Palastes verschwinden konnte, wurde er von hinten umgerissen. Sunu hatte sich in einem mächtigen katzenhaften Satz vom Boden wegkatapultiert und sich auf den Rücken des Kuschiten geworfen. Mit seinem ganzen Gewicht drückte er diesen nun nieder, riß mit starker Hand dessen federgeschmückten Kopf an den krausen Haaren zurück und setzte seinen Dolch, den er bereits im Sprung gezückt hatte, an die Kehle des Kerls. Die Umstehenden machten Platz und Hui, der als erster die Lage erkannt hatte, erschien neben dem Leutnant. Zu zweit rissen sie nun den Attentäter auf die Füße und zerrten ihn, durch die zwischen den Gaffern entstehende Gasse, zurück in Richtung des Throns. Auch die Wachleute und Soldaten hatten inzwischen wieder zu ihrem Pflichtbewusstsein zurückgefunden und drängten, einen Weg zum Thron absteckend, die neugierigen Gäste noch weiter zurück. Nachdem der Kuschite von oben bis unten nach Waffen durchsucht worden war, warfen ihn Sunu und Hui der Königin zu Füßen. Hatschepsut hatte zu ihrer üblichen würdevollen Miene zurückgefunden. Nur das wütende Funkeln in den dunklen Augen verriet ihren Zorn. Sie ließ die Geißel durch die Luft zischen und augenblicklich herrschte Ruhe in dem zuvor von summendem Stimmengemurmel hunderter Menschen angefüllten Raum. Sie erhob sich steif, stieß den am Boden Liegenden mit dem Fuß unsanft an und fragte mit lauter herrischer Stimme: „Wer bist du und wer hat dich gedungen?“ Stumm blieb der Mann liegen, den Kopf auf die Mosaikplatten gedrückt. Hatschepsut deutete mit einer Geste auf den Attentäter und sofort eilten Geb und Hui zu ihm und zogen ihn auf die Knie. Der Mann hob nicht den Blick und sprach nicht. Sunu beobachtete wieder Gaza und Thutmosis. Thut hatte das übliche leichte Lächeln im Gesicht welches, wenn es auch ganz und gar nicht zu dieser spannungsgeladenen Situation passte, jedoch erfolgreich jede Emotion verdeckte. Gaza blickte aufmerksam auf den Gefangenen zwischen seinen Wächtern, ließ aber keine Furcht erkennen. Die Dame Tuja war heute nicht anwesend, was Sunu natürlich schon zu Beginn des Empfangs aufgefallen war. Jetzt überlegte er, ob sie mit Absicht fern geblieben war, weil sie wusste, was sich ereignen würde? Sunu schüttelte diesen Gedanken ab und wandte seine Aufmerksamkeit wieder auf den Gefangenen. Die Königin wies Geb mit einem Blick an, den Kuschiten zum Sprechen zu bewegen. Der große Nubier setzte sein mächtiges Krummschwert am Hals des Mannes an und drückte es so fest gegen die dunkle Haut, dass kleine Bäche von Blut über dessen Brust zu rinnen begannen. Trotz der sicher sehr schmerzhaften Behandlung drang nur ein gurgelnder Laut aus dem Mund des Mannes. War da nicht ein kaum erkennbares selbstherrliches Grinsen über Gazas Gesicht gehuscht? Sunu kam eine Idee und, sich mit einem Blick die Zustimmung der Königin sichernd, trat er vor den Dunkelhäutigen hin. Er beugte sich hinab und drückte nicht eben sanft mit den Fingern zu beiden Seiten des Mundes zu, bis der Mann ihn öffnete. Nun wurde ersichtlich, was Sunu bereits fest vermutet hatte: Dem Kuschiten war die Zunge entfernt worden. Er würde niemals seinen Auftraggeber bekannt geben können, außer er wäre der Schriftzeichen mächtig. Dies würde aber sicher nicht der Fall sein, da der Planer dieses versuchten Königsmordes sicher dafür gesorgt hatte, dass sein gedungener Mörder ihn auch auf diese Weise nicht verraten konnte. Mit einer wütenden Bewegung wandte die Königin dem Attentäter den Rücken zu und setzte sich wieder auf den Thron. Ihre äußere Ruhe wurde nur widerlegt von einem zierlichen goldbeschuhten Fuß, der ungeduldig und wütend den Mosaikboden zu Füßen des Throns klopfte. „Bringt in weg; ich werde mir noch überlegen, was mit ihm zu geschehen hat.“ Geb und Hui übergaben den Mann zwei Soldaten, die ihn durch die gaffende Menge zum Ausgang des Saales führten. Sunu war sich sicher, dass der Übeltäter keinen gnädigen Tod erleiden würde....

                *

Hatschepsut hatte den Empfang abgebrochen und hatte sich mit ihren engsten Beratern in ihre Privatgemächer zurückgezogen. Sie saß nun wieder auf dem Stuhl vor dem großen blitzenden Spiegel und zupfte ungeduldig die steife Krone von ihrem Haar. Ihre junge Dienerin eilte sofort herbei, um ihr zur Hand zu gehen und der Bewahrer der königlichen Insignien huschte wie ein Schatten herbei und räumte das Schmuckstück weg. Abwartend umstanden Senmut, Sunu, Geb und Hui ihre Herrin. Auch der Hohepriester Hapuseneb war anwesend. Hatschepsut wusste zwar, dass die Priesterschaft lieber heute als morgen ihren Halbbruder auf dem Thron sehen würde; sie wusste aber auch, dass die Gottesmänner niemals mit brutaler Gewalt versuchen würden sie zu beseitigen. Ihnen lag es mehr, mit Intrigen und Ränke zu arbeiten, oder – im höchsten Notfall – auch mit Gift. Sie würden einfach weiterhin auf eine Heirat Hatschepsuts mit ihrem Bruder drängen um damit ihre politische Macht zu schmälern und auf den jungen Pharao Einfluß nehmen zu können. Mit Sicherheit vergaß die Herrin beider Länder nicht, dass der Vorteil dieser Verbindung auf der Hand läge. Zumindest vorübergehend würde sie nicht mehr mit irgendwelchen Anschlägen rechnen müssen, denn: die begehrte Position der göttlichen Gemahlin würde von ihr besetzt sein und somit für Gazas Schwester unerreichbar. Ihr junger Bruder würde zufriedengestellt sein, wenigstens für eine Weile. Natürlich wären vor allem die Priester befriedigt, denn ihr Anliegen war dann nur noch eine Frage der Zeit. Anfangs würde Thut sich bestimmt mit seiner neuen Macht, seinen Frauen und seinen Festivitäten zufrieden geben und seiner Schwester weiterhin das Regieren überlassen. Allerdings würde er mit hinterlistiger Unterstützung der Priesterschaft sehr bald darauf kommen, dass zur Ergreifung der Macht Kemets auch die Politik gehörte. Mit energischen Bewegungen bearbeitete Hatschepsut nun das unter der Krone hervorgeglittene glänzende schwarze Haar mit einer Bürste. Sunu merkte, dass sie so ihre innere Unruhe bekämpfte. Ihr Blick im Spiegel ruhte auf dem Gesicht Senmuts, als ob sie in dessen ruhigen Augen ihr inneres Gleichgewicht wieder finden könnte. Es schien, als ob sie wirklich ruhiger würde und sie begann zu sprechen: „Leutnant Sunu, ich muß mich schon wieder bei dir bedanken.“ Sunu senkte bescheiden den Kopf: „Ich tue nur meine Pflicht, meine Königin.“ „Tu nicht so kleinlaut,“ knurrte die Königin gereizt und sah ihn kurz über die Schulter an, „Es ist schon das zweite Mal, dass du zur Stelle warst. Nur schade, dass wir wohl nicht herausfinden werden, für wen der Kerl gearbeitet hat. Daß er Kuschite ist, ist keinerlei Beweis. Jeder kann ihn angeheuert haben.“ Sunu sprach kein Wort über seine vermeintliche Beobachtung des selbstgefälligen Grinsens des Vizekönigs von Kusch. Was hätte es auch gebracht? Es bewies gar nichts. Hatschepsut fuhr, sich an alle wendend, fort zu sprechen. „Ich kann euch nicht um mehr bitten, als weiterhin die Augen offen zu halten und mir über alles Ungewöhnliche Bericht zu erstatten.“ Sie schloß kurz wie in tiefster Erschöpfung die Augen und wies dann mit einer Geste alle außer ihrer Dienerin und Senmut an zu gehen. Hui und Geb nahmen ihre Plätze heute vor der Tür der Gemächer ein, als verstärkte Wache zusätzlich zu den beiden üblichen Wächtern. Sunu schlenderte nachdenklich durch die prachtvollen Gänge des Gebäudes. Dieser Kuschite passte nicht in das Bild, das er sich gemacht hatte. Wenn tatsächlich Gaza oder Tuja hinter den Anschlägen steckten, so Sunus Ansicht, wich das heutige Attentat total von der üblichen Vorgehensweise ab. Außerdem wäre der Wesir nie so dumm, einen Mann der eigenen Rasse so offensichtlich einzusetzen. Die beiden vorherigen Anschläge waren eher heimlich und aus dem Hinterhalt ausgeführt worden. Nicht wie dieser in aller Öffentlichkeit. Das alles passte irgendwie nicht zusammen. Sunu kam letztendlich zu dem Ergebnis: auch wenn seine widerstreitenden Gefühle ihm das Gegenteil aufzuzwingen versuchten, er musste die Dame Tuja wiedersehen. Er würde in seinen Ermittlungen schließlich nur weiterkommen, wenn er sich den Verdächtigen näherte. Da er zu Gaza nicht einfach so vordringen konnte, war seine beste Chance auf Information zweifellos die Dame Tuja. Sunu begab sich in seine Gemächer um zu baden und sich umzukleiden. Seine Montur hatte unter der Verfolgung und Niederringung des Attentäters sichtlich gelitten.


Die Tempelbesichtigung und ein weiteres Attentat

Der Nachmittag war noch nicht allzu weit fortgeschritten, als an Sunus Tür geklopft wurde. Draußen stand Hui und grüßte Sunu ehrerbietig. „Leutnant Sunu, du hast heute brillant reagiert. Mir scheint deine Ausbildung als Krieger und dein Instinkt sind mehr als gut.“ Sunu bat den Nubier herein und bot ihm Platz und einen Becher Bier an. Tunip eilte sofort in den Baderaum wo, im kühlen Schatten einer extra für diese Zwecke angelegten abgedeckten Vertiefung, ein Krug guten Bieres lagerte. Dankend nahm der Nubier an und setzte sich auf einen zierlichen Hocker an Sunus Schreibtisch, der einzigen Sitzgelegenheit außer des Lederklappstuhles auf der anderen Schreibtischseite und den Bettstätten. Der zierliche Sitzplatz schien unter dem schwarzen Riesen fast zu verschwinden und Sunu spähte heimlich, ob sich die feinen hölzernen Beine nicht unter dem Gewicht Huis verbogen und zu zerbrechen drohten. Als Tunip zwei Becher mit Bier auf den Schreibtisch stellte, nahm Sunu gegenüber des Nubiers Platz und meinte zu ihm, während er ihm zuprostete: „Hättest du nicht so schnell auf meinen Zuruf reagiert, hätte meine ganze Beobachtungsgabe nichts genutzt.“ Er nahm einen tiefen Schluck aus dem Alabasterbecher und fuhr dann fort: „Was gibt es, Hui? Du suchst mich garantiert nicht nur auf, um mir Komplimente zu machen.“ Der Nubier stellte seinen Becher ab und schüttelte grinsend den Kopf. „Natürlich nicht. Ich wollte dich auch etwas fragen.“ „Tu dir keinen Zwang an. Um was geht es denn?“ Abwägend wiegte Hui den massigen Kopf. „Ist dir auch die Miene von Gaza aufgefallen, als wir den Attentäter geschnappt hatten und ihm das Messer an die Kehle setzten?“ Sunu nickte wortlos und Hui fuhr fort: „Man sollte den Vizekönig von Kusch scharf im Auge behalten, auch wenn man ihm nichts nachweisen kann.“ Sunu nickte wieder und fragte dann: „Der Attentäter selbst war aber niemand am Hof bekannt?“ Hui schüttelte abermals den Kopf. „Ich bin schon lange Jahre hier und habe mich gründlich umgehört, aber keiner scheint ihn zuvor gesehen zu haben. Er muß sich unter das Gewimmel von Abgesandten gemischt und sich so eingeschlichen haben. Gaza sowie seine Schwester und sämtliche der Abgesandten streiten jegliche Bekanntschaft ab. Natürlich wird eine Anfrage an den König von Kusch gesandt und um Auskunft gebeten; aber ich bin mir sicher, dass der Mann nicht als Abgesandter hierher kam. Er hatte auch keinerlei Schreiben für die Königin oder sonstige für Abgesandte übliche Begleitpapiere bei sich.“ „Hm.“ War Sunus einziger Kommentar. Er fragte sich, wie er in nächster Zeit wieder in die Nähe seiner Verdächtigen kommen sollte. Als Nichtadliger war ihm dies nur möglich im Rahmen irgendwelcher palastinterner Veranstaltungen, solange kein konkreter Verdacht eine polizeiliche Befragung seinerseits rechtfertigte. Ansonsten konnte er sich lediglich auf die Auskünfte von Hui und Tunip verlassen. Letzterer trat soeben an den Schreibtisch und schenkte die beiden leeren Becher nach. Hui nahm einen Schluck von seinem Getränk und sagte dann: „Leutnant Sunu, eigentlich bin ich aber hier, um dir etwas von deiner Königin zu bestellen.“ Fragend zog Sunu eine Augenbraue hoch. „Das Hochwasser hat seinen höchsten Stand erreicht. Deswegen will die Herrin beider Länder den Fortschritt am Bau ihres Tempels am Westufer und vor allem die angelegten Kanäle und die Pflanzensaat begutachten. Zu diesem Zweck wird natürlich der halbe Hofstaat mitsamt etlicher Soldaten und Diener parat stehen. In einigen Tagen, wenn die Pflanzen gesetzt und die Samen eingepflanzt werden können, will die Königin den Nil überqueren. Du, Leutnant, wirst gebeten ihr als Auge und Ohr deinen Schutz zu gewähren, der sich bis jetzt ja als äußerst wertvoll erwiesen hat.“ Sunu lächelte; so löste sich von allein das Problem seiner Nachforschungen. Hui erhob sich und meinte noch im Hinausgehen zwinkernd: „Übrigens – ich habe die Dame Tuja in die Gärten gehen sehen.“ Auf Sunus überraschten Blick reagierte er mit einem tiefen leisen Lachen: „Du wirst ja wohl nicht glauben, dass mir die Blicke entgangen sind, die du der Dame auf dem Fest neulich zugeworfen hast?“ Immer noch lachend warf der Riese die Tür hinter sich zu und Sunu hörte ihn fröhlich pfeifend den Gang hinunter gehen. Waren seine Gefühle so offensichtlich? Sunu war sich sicher gewesen, dass er alle seine Emotionen fest im Griff hatte und sie auch nach außen hin nicht ersichtlich wären. Nun ja, Hui war auf dem Fest an seinem Tisch gesessen und, als er die Dame Tuja das erste Mal gesehen hatte, hatte er wohl die Bewunderung in seinem Blick nicht verbergen können. Unruhig erhob er sich von seinem Klappstuhl und ging im Zimmer auf und ab. Tunip lehnte grinsend mit verschränkten Armen an der Wand und schaute ihm hinterher, wie er seine Bahnen zog. „Nun, Herr, willst du den Boden durchwetzen oder gehst du in den Park?“ Streng blickte Sunu seinen Schreiber an und antwortete gespielt scharf mit einer Gegenfrage: „Hast du nichts zu tun? Geh und horche die Dienerschaft aus. Konzentriere dich wenn’s geht auf diejenigen, die der Dame Tuja und ihrem Bruder unterstehen.“ Herablassend grinsend hängte er noch an: „Ich dachte die hübsche Dienerin Tujas könne nicht genug von dir kriegen?!“ Mit hochmütigem Blick stieß sich Tunip von der Wand ab, öffnete die Türe und schritt mit gestrafften Schultern auf den Gang hinaus, gefolgt von einem immer noch breit grinsenden Sunu. Während der Schreiber sich in Richtung des Palastinneren begab, schritt Sunu den Gang entlang, der zu den Gärten führte. Instinktiv begab er sich zu dem kleinen See, wo er Tuja das erste Mal getroffen hatte und – tatsächlich – da war sie. Sie stand, mit dem Rücken zu ihm, ganz allein im Licht der späten Nachmittagssonne auf der zierlichen Brücke und eine leichte Brise spielte mit dem lockigen Haar, dass ihr offen über den Rücken hing. Sie trug nur ein schlichtes weißes Kleid, dass über einer Schulter mit einer Spange gehalten wurde und in feinen Falten bis zu den Knöcheln ihrer schmalen Füße fiel. Als sie seine Schritte auf dem Kiesweg vernahm, wandte sie lächelnd den Kopf und sah ihn über die Schulter an. Ihr Blick war intensiv auf ihn gerichtet so, als ob sie ihn erwartet hätte. Sunu blieb stehen, wie gebannt in ihre Augen starrend. Plötzlich wusste er nicht mehr, was er mit ihr reden, was er überhaupt tun sollte. Hier stand eine Frau vor ihm, die er des versuchten Königsmordes verdächtigte und was tat sein verrücktes Herz? Ihm schienen Flügel zu wachsen und ohne sein Zutun und gegen seine Willen flog es ihr einfach zu, wie eine Motte ins Licht. Wortlos ging Tuja auf ihn zu, nahm ihn bei der Hand und zog ihn mit sich zu der steinernen Bank, auf der sie auch beim letzten Mal gesessen hatten. Sunu ließ sich widerstandslos führen. Erst als er den von der Sonne erwärmten Stein der Bank an seinen Schenkeln spürte, schien der Bann von ihm zu weichen. Er schüttelte wie erwachend den Kopf, ließ Tujas Hand los und rückte eine Stück von ihr ab. Die Dame Tuja faltete ihre Hände im Schoß, in ihrem Blick konnte er wieder leichte Enttäuschung sehen, bevor sie ihn senkte und in ihrer üblichen leicht belustigten Art fragte: „Was ist los, Leutnant Sunu, hast du Angst vor mir?“ Sunu antwortete nicht. Er sah auf die hängenden Zweige der Weiden, die den See umstanden und fragte sich, ob ihn sein Instinkt bei dieser Frau so im Stich lassen konnte, oder ob sie tatsächlich unschuldig war? Ob ihr Bruder im Alleingang handelte? Oder ob gar Thut derjenige war, der im Hintergrund die Fäden zog, ohne das Gaza oder Tuja etwas damit zu tun hatten? Jagte er das falsche Wild? Wenn ja, konnte das für die Herrin beider Länder sehr gefährlich sein, da der tatsächliche Übeltäter freie Hand hatte, solange Sunu sich mit Tuja und ihrem Bruder beschäftigte. Er fühlte eine sanfte Hand auf seinem nackten Knie und eine heiße Welle schien seinen ganzen Körper zu durchlaufen. Er wandte den Blick der schönen Frau zu und wieder schien er wie gebannt. Das rote Licht der untergehenden Sonne umfloß ihr Gesicht und ließ ihre Haare wie Kupfer leuchten. Ihre großen Augen waren so rein und klar wie ein Edelstein. Ihr voller Mund näherte sich langsam dem seinen und plötzlich lag sie in seinen Armen. Sunu hätte später nicht mehr sagen können, wer auf wen zugekommen war, aber sie versanken in einem unendlich sehnsüchtigen und süßen Kuss. Nach einer ihm endlos scheinenden Zeit löste sie ihre Lippen von den seinen und sah ihn schweigend an. Sunu wusste, dass er den Zauber brechen müsste, aber er brachte es nicht übers Herz. Er hob ihre Hand an seine Wange und daran entlang, bis sie seinen Mund erreichte, um einen Kuss darauf zu hauchen. Sie lächelte ihm sanft zu und flüsterte: „Ich wusste schon als ich dich das erste Mal sah, dass dies passieren musste.“ Erregt erwiderte Sunu: „Aber du bist die Braut des künftigen Pharao von Ägypten. Das kann unser beider Tod bedeuten!“ Er war über sich selbst und Tuja entsetzt und doch konnte er nicht gegen seine Gefühle ankämpfen. „Die Liebe fragt nicht nach, wen sie erwischt,“ meinte sie, während ihr Lächeln wehmütig wurde, „sie schlägt einfach zu.“ Plötzlich raschelte es kaum hörbar im Gebüsch. Sunu wurde sofort wieder zum erfahrenen Krieger und sprang geschmeidig auf die Beine, auf jeden Angriff gefasst. Zwischen den Büschen glitt fast lautlos die lange Gestalt von Tujas unheimlichem Diener hervor und blieb still stehen, wie eine Statue, Sunu jedoch ohne Worte an den hohen Stand seiner Herrin erinnernd. Die Magie des Augenblickes war dahin und Sunu nahm steif wieder neben der Dame Tuja Platz. Wie um Verzeihung bittend sah sie ihn an. „Das ist Mudja mein Diener und Leibwächter. Es ist seine Aufgabe mich zu beschützen.“ Ein spitzbübisches Lächeln umspielte ihren schönen Mund, als sie weitersprach: „Allerdings gelingt es mir manchmal, meinem Wachhund für kurze Zeit zu entwischen.“ Verschwörerisch zwinkerte sie Sunu zu. Sunu versuchte kühl zu bleiben. Die tiefe Kluft, die schon rein standesgemäß zwischen ihm und der hohen Frau klaffte, war ihm wieder zu Bewusstsein gekommen. Sein rationelles Denken gewann wieder die Oberhand über seine aufgebrandeten Gefühle. Er wusste, dass er trotz aller widerstreitenden Gedanken die Gunst der Stunde nutzen musste, um über die Dame Tuja an möglichst viele Informationen zu kommen. Vielleicht war sie ja wirklich unschuldig, kannte aber unbewusst irgendwelche Details über ihren Bruder oder Thut, die für Sunu von Nutzen waren. Schließlich war der eine ihr nächster Verwandter und der andere ihr Bräutigam. Sunu versuchte in freundlich harmlosem Ton das Gespräch auf das für ihn interessante Thema zu bringen. Allerdings war er eben ein Krieger und kein Wortstratege, so dass er ohne Umschweife das Nächstliegende ansprach: „Dame Tuja, am Abend des großen Festes, war Mudja da auch anwesend?“ Tuja runzelte nachdenklich die hohe glatte Stirn. „Ja,“ antwortete sie zögernd, ihn abwägend anblickend, „er saß an den Tischen der Bediensteten, unterhalb der königlichen Estrade. Ich habe ihn allerdings nicht den ganzen Abend im Auge behalten, falls du das meinst, Leutnant. Auf solchen Festivitäten werden die Pflichten der Bediensteten nicht so ernst genommen und sie können ihre kleine Freiheit genießen.“ Enttäuscht blickte Sunu auf den abendlichen Horizont. Das Farbenspektrum war wundervoll. Es reichte von zartem Rosa über dunkles Violett bis zu leuchtendem Orange-Rot. Das alles spiegelte sich in den türkisfarbenen Fluten des Sees und wie leuchtende Speere fielen goldene Streifen von Licht durch die Blätter der Bäume und zeichneten helle Kreise auf den dunkelgrünen Rasen zu ihren Füßen. Sunu nahm die Pracht um sich herum kaum wahr. Seine Gedanken waren wieder bei dem gemeinen Mörder, der bereits einen Menschen auf dem Gewissen hatte und der seine Pläne sicher nicht aufgeben würde, bis er sein Ziel erreicht hatte – den Tod der Königin! Seine Gedanken wurden von Tujas sanfter Stimme unterbrochen. Sie blickte ihn fragend an: „Warum ist es so wichtig für dich, wo sich mein Diener an diesem Abend aufhielt?“ In plötzlichem Erkennen änderte sich ihr Gesichtsausdruck und die fröhliche Neugierde von vorher wandelte sich in tiefste Traurigkeit. Sie erhob sich abrupt und blickte mit vor Tränen funkelnden Augen auf Sunu herab. „Du denkst, dass ich etwas mit den Attentaten auf die Herrin beider Länder zu tun habe!“ Flüsterte sie entsetzt. „Du denkst, dass ich danach strebe große königliche Gemahlin zu werden und dass sie mir im Wege steht!“ Ein Lachen, dass mehr einem Schluchzen glich, stieg aus ihrer Kehle, als sie Sunu den Rücken zukehrte und fluchtartig dem Palast zurannte. Eilig folgte ihr der lange dunkle Mann. Sunu streckte hilflos eine Hand aus, wie um sie aufzuhalten, doch das sah sie nicht mehr. Sunu ließ die Hand sinken, erhob sich mit gesenktem Haupt von der Bank und ging mit hängenden Schultern langsam über die Pfade des abendlichen Parks. Die Diener waren unterwegs, um überall die Beleuchtungen anzuzünden, da sich die Dunkelheit bereits über die Bäume senkte. Seine ziellose Wanderung endete am Ufer des heiligen Sees. Sunu hob den Blick, zögerte und setzte er sich dann ins Gras. Er starrte blicklos auf die riesige goldene Sonnenbarke die im Abendlicht glitzerte und gleißte. Warum nur hatte er das Gefühl, etwas sehr Wertvolles verloren zu haben? Er hatte die Dame Tuja ja gar nicht besessen und es war vermessen zu glauben, dass dazu jemals eine noch so geringe Chance bestanden hätte. Trotzdem konnte er nicht gegen das Gefühl der Leere an, das sein Herz auszufüllen schien. Erst als Re vollends hinterm Horizont verschwunden war und nur noch ein hellblauer Streifen davon kündete, wo er sich befunden hatte, begab er sich zu seinen Gemächern.

                *

Der Tag der Tempelbesichtigung brach mit der palastüblichen Betriebsamkeit an, nur war sie heute verhundertfacht, da sich alles und jeder für die kleine Reise ans Westufer bereitmachte. Niemand wollte es sich entgehen lassen, den bereits vor seiner Fertigstellung zur Legende gewordenen Palast der Königin zu betrachten. Es gingen Gerüchte, dass Vergleichbares selbst unter den phantastischsten Bauwerken in ganz Kemet nicht zu finden wäre. Sunu hatte schlecht geschlafen und ließ sich mürrisch von Tunip seine Kriegsgewänder anlegen. Er trug seine kniehohen Stiefel, da er heute zu Pferd unterwegs sein würde und seinen Lederrock mit Bronzeplättchen, die Tunip auf Hochglanz poliert hatte. Allerdings trug er statt des bronzenen Brustpanzers den wertvollen Halskragen mit dem Horusauge, der ihm von Hatschepsut verliehen worden war. Bei einer so großangelegten höfischen Angelegenheit wollte er nicht hinter anderen Würdenträgern zurückstehen. Er legte noch den Armreif seines Standes an, ließ sich die Lederkappe von Tunip aufsetzen und verzierte diese mit einem goldenen Stirnreif. Schließlich kramte er in der großen Holztruhe nach einem kleinen leichten Bogen, den er sich über die Schulter hängte. Den Großen ließ er liegen; er war lediglich zum Gebrauch im Kriegswagen geschaffen, für den Gebrauch zu Pferde war er zu schwer. Endlich war er fertig angezogen und ein aufgeregter Tunip öffnete ihm die Tür und schob ihn regelrecht hindurch. Auch der Schreiber hatte sich feingemacht: Er trug seinen schönsten weißgefältelten Schurz, der eine goldene Borte besaß und einen perlenbesetzten Brustschmuck. Seine Sandalen waren aus Leder – Sunu hatte sie ihm geschenkt – und sein ganzer Stolz. Seltenst konnte sich das normale Fußvolk solch einen Luxus leisten. Die meisten Diener, Bauern und Handwerker gingen entweder barfuß oder trugen aus Pflanzenfasern geflochtene Sandalen. Sunu hatte Mühe, seinem regelrecht durch die Gänge und Flure des Palastes rennenden Diener zu folgen. Endlich hatten sie das große Tor erreicht, welches heute weit offen stand. Sie betraten den weiten gekiesten Vorplatz und sahen sich staunend um. Von hier bis weit auf die baum- und statuengesäumte Prachtstraße stauten sich im Dämmerlicht des frühesten Morgen Menschen und Fahrzeuge aller Art. Nur ein schwacher rosaroter Streifen kündigte die Scheibe des Re hinter den Gebäuden des Palastes an. Trotzdem fuhren und ritten bereits Soldaten auf Kriegswagen und Pferden umher und riefen sich gegenseitig Befehle und Ratschläge zu. Ihre Versuche wurden allerdings nicht von Erfolg gekrönt, sie konnten keine richtige Ordnung in das frühmorgendliche Chaos bringen – da drängten sich Sänften mit zeternden Höflingen und schimpfenden Edeldamen zwischen den Eingangspylonen und, sobald sich dazwischen eine schmale Gasse auftat, drängelten sich Sklaven und Diener mit hochbeladenen Eseln hindurch. Dienerinnen mit ausgebreiteten Fächern hasteten umher, sie waren im Gewimmel von Mensch und Tier von ihren Herrinnen abgedrängt worden. Das ganze Durcheinander wurde umringt von neugierigem Volk und Händlern, die bei diesem Auflauf von Reichen und Schönen ein Geschäft witterten. Laute Fanfarenstöße unterbrachen für kurze Zeit das allgemeine Geschrei und Gezeter, als aus Richtung der Stallungen Hatschepsuts neuer goldener Streitwagen mit den edlen weißen Rössern angeschossen kam. Er wurde begleitet von einer Division von Medjay-Kriegern, die eine breite Gasse in das Gewoge von lebenden Hindernissen brachen. Hinter der Königin, heute in ihr schimmerndes Kriegsgewand gekleidet den Wagen selbst lenkend, stand in edelsten Gewändern und reich geschmückt Senmut. Diesen Ausflug durfte er ganz offiziell als Begünstigter der Königin bestreiten, da er ja schließlich der Architekt und Erbauer des königlichen Tempels war. Für Sunu wurde es höchste Zeit, sich den Kriegern um Hatschepsut anzuschließen, um seine Aufgabe als Spion und Beschützer der Königin wahrzunehmen. Als der Leutnant sich nach seinem Schreiber umsah bemerkte er, dass dieser verschwunden war. Noch ehe er sich jedoch Gedanken über dessen Verbleib machen konnte, tauchte Tunip vor den Palasttoren wieder auf. Er hatte es irgendwie geschafft, in diesem unbeschreiblichen Gedränge ein Pferd für seinen Herrn aufzutreiben und überreichte diesem mit triumphierender Miene die Zügel des schwarzen Tieres. Sunu dankte ihm mit einem flüchtigen Lächeln. Zu mehr blieb ihm keine Zeit mehr, denn die Kavalkade um die Herrin beider Länder entfernte sich mit steter Geschwindigkeit über die Schneise, welche die Medjay in das Meer von Menschen bahnten. Sunu schwang sich auf den Rücken des unruhig tänzelnden Rosses und folgte den Reitern. Hastig schloß er zum goldenen Streitwagen auf und drängte sich zwischen die Pferde von Geb und Hui. Sie grinsten ihm zu und wandten dann ihre Aufmerksamkeit wieder nach vorne. Sunu blickte sich suchend um und entdeckte zu seinem Verdruß sämtliche seiner Verdächtigen in nächster Nähe der Königin. Dies würde ein anstrengender Tag werden, da er kein Auge von seiner Herrin lassen durfte, solange sie in unmittelbarer Gefahr schwebte. Thut ließ sich in einer Sänfte direkt hinter seiner Halbschwester hertragen. Er hatte die Vorhänge zur Seite geschoben, um sich in seiner Pracht dem Volk zu zeigen und um zu demonstrieren, dass die Königin nichts ohne ihn unternahm. Die sechs buntgekleideten federgeschmückten dunkelhäutigen Sklaven, welche die goldverkleidete mit prunkvollen Edelsteinen geschmückte Sänfte trugen, hatten alle Mühe, im Eilschritt mit den Pferden der Medjay mitzuhalten und ihre dunkle Haut glänzte vor Schweiß. Gleich hinter Thut schlossen sich zwei weitere prachtvolle Sänften an. Deren ebenhölzerner Schimmer konnte trotz der elfenbeinernen und goldenen Verzierungen nicht mit dem überwältigenden Glanz von Thuts Transportmittel mithalten. In einer von ihnen entdeckte Sunu zwischen den halbgeöffneten Vorhängen das schöne Gesicht der Dame Tuja, was ihm einen schmerzhaften Stich in der Herzgegend verpasste, und die andere teilten sich Gaza und der Hohepriester Hapuseneb. Von Tujas unheimlichem Diener konnte er keine Spur entdecken. Dies war allerdings kein Wunder, da die Sklaven und Bediensteten weiter hinten im Pulk zu Fuß gehen mussten. Sunu wandte seine Aufmerksamkeit wieder dem Wagen Hatschepsuts zu. Erst als sie sich langsam immer mehr dem großen Amun-Tempel näherten, wandte sich Sunu an den neben ihm reitenden Hui: „Wo reiten wir eigentlich hin? Hätten wir nicht schneller und bequemer über den palasteigenen Kai und den Nil ans Westufer reisen können?“ Hui schenkte ihm sein übliches breites Grinsen und erklärte: „Die Herrin beider Länder muß heute zuerst noch ihrer ersten Königspflicht nachkommen und sich dem Volk mal wieder zeigen, deswegen suchen wir den Tempel über die große Straße auf.“ Sunu fiel ein, dass der Tag ja noch nicht angebrochen war und es Hatschepsuts morgendliche Aufgabe war, mit dem Gott Amun das Reinigungsriutal zu absolvieren. Diese Pflicht bekamen nur die wenigsten Palastmitglieder mit, da sie sehr früh am Morgen abgehalten wurde. Zielstrebig schob sich der ganze Pulk von Menschen, Soldaten und Hofstaat die lange breite Straße zum Amun-Tempel entlang. Die den Weg säumenden Stauen und Bäume lagen noch im Schatten. Noch bevor Re über den Horizont lugte, hatten sie den pylonengesäumten ersten Eingang und den dahinterliegenden ersten Hof erreicht. Hier blieb der Hauptteil des königlichen Zuges zurück, mit Ausnahme des Hohenpriesters Hapuseneb und der Königin nebst ihren engsten Vertrauten und ihren Leibwächtern. Die Fahrzeuge und Sänften wurden abgestellt und zu Fuß folgten Sunu und die anderen ihrer Herrin. Sie durchschritten die mächtigen Pylonen, die mit bunten Bildern von erfolgreichen Kriegen vergangener und heutiger Herrscher und deren vielseitiger Beute verziert waren. Sie durchquerten den zweiten Vorhof, gesäumt von zwei Reihen in die hohen Säulen gemeißelter Statuen des Gottes Osiris, welche in königlicher Ruhe auf sie herabsahen. Auch den nächsten Innenhof durften sie noch betreten und die schlanken mit Elektrum überzogenen Obelisken bestaunen, die Hatschepsut selbst hatte aufstellen lassen und die jetzt von den ersten rötlichen Strahlen des morgendlichen Re in ein strahlendes goldenes Licht getaucht wurden. Erst an der Tür zum Allerheiligsten (dem Innersten des Tempels) wurden sie zurückgelassen. Ein äußerst verärgerter Thutmosis II wandte sich mit einem Ruck ab und stürmte, von den kritischen Blicken der bereits anwesenden und hinzutretenden Priestern gefolgt, zurück zum ersten Hof. Der Zutritt zum Schrein des Gottes war nur dem amtierenden Pharao gestatten und es versetzte Thuts Stolz jedes Mal einen gewaltigen Dämpfer, wenn er vor den Toren zum Allerheiligsten zurückgelassen wurde und an die Grenzen seiner Macht stieß. Sunu war sich nicht ganz im Klaren, was sich bei diesem göttlichen Ritual abspielte und ließ es sich im Flüsterton von Geb erklären, um sich die Wartezeit zu verkürzen. „Der Pharao muß sich dem Schrein im Haus des Morgens mit Weichrauch gefülltem Gefäß nähern. Im Schrein befindet sich die Kultstatue des Amun. Der versiegelte Schrein wird geöffnet und der Pharao zeigt dem Gott eine Statue der Göttin Maat zum Zeichen für die göttliche bestehende Ordnung im Lande Kemet. Danach wird der Gott entkleidet, gereinigt und frisch angezogen. Vor dem Schrein wurde inzwischen vom Priester ein rituelles Festmahl auf einem Opfertisch vorbereitet. Die einzelnen Gänge werden geweiht und dem Gott zusammen mit weiteren Opfergaben angeboten. Danach begibt sich Amun wieder in seinen Schrein, die Türen werden verschlossen und versiegelt, die Räumlichkeiten werden gereinigt und alle Fußspuren beseitigt. Dann wird alles so belassen, bis am nächsten Morgen sich die ganze Prozedur wiederholt.“ Ebenso leise, wie Geb geraunt hatte, flüsterte Sunu zurück: „Woher weißt du denn über all das so genau Bescheid? Ich denke doch, dass dieses Ritual so ziemlich geheim ist?“ Geb grinste Sunu an und meinte kaum hörbar: „Du musst nur die Ohren offen und dicht an der Türe halten, wenn die Herrin und der Hohepriester am Abend das morgendliche Tun besprechen; aber sags niemand weiter....“ Gebs Grinsen verstärkte sich noch und seine weißen Zähne leuchteten in dem dunklen Gesicht. Sunu hob zum Zeichen seines Schweigens den Finger an die Lippen und konnte sich ebenfalls ein kleines Grinsen nicht verkneifen. Es dauerte noch eine geraume Weile bis Hapuseneb und Hatschepsut aus der Tür des Heiligtums traten und man sich zurück zur Reisegesellschaft begeben konnte. Die Statuen, welche die breite Straße zum Nilufer säumten, lagen immer noch im Schatten, als sich die Prozession wieder in Bewegung setzte. Allerdings waren die Wipfel der Bäume bereits in das Licht des frühen Morgens getaucht als, allen voran, der Wagen der Königin ihre Reihen passierte. Bald hatte man die breiten Stufen des Kais erreicht, an welchen schon die Prunkboote vertäut lagen, die auf ihre Fahrgäste warteten. Es handelte sich allerdings um kleinere Exemplare, da zur Überquerung des Flusses die großen Schiffe unpraktisch gewesen wären. Wie immer, wenn die Königin unterwegs war, hatte sich das Volk am Hafen versammelt. Die Soldaten bildeten einen großen Kreis, damit niemand zu nahe an die Adligen herankam. Sunu hielt sein Pferd neben der breiten Rampe an, welche auf Hatschepsuts schwimmendes Edelschiff führte und beobachtete alles ringsum. Schneller, als er gedacht hatte hatten sich Wagen und Sänften geleert und sämtliche Menschen ergossen sich über die ausgelegten beweglichen Stege an Bord der Schiffe. Einige Sklaven und Diener blieben jedoch am Ufer zurück. Sie mussten dafür Sorge tragen, dass die zurückgelassenen Fahrzeuge, Tiere und Sänften auf die großen Transportfähren geladen wurden und am anderen Ufer für ihre Herrschaft wieder bereitstanden. Die Schiffe setzten über und es dauerte eine geraume Weile, bis sich der Zug am Ufer der Nekropole wieder zusammengesetzt hatte. Endlich, die Sonne stieg bereits dem Zenit entgegen, konnte man die Reise fortsetzen. Die Hitze war nahezu unerträglich und ein Tribut an den Monat Choriak, der das Nilhochwasser und feuchtheißes Klima mit sich brachte. Allerdings hatte diese Jahreszeit auch ihr Gutes: man konnte wesentlich mehr Arbeiter zum Tempelbau berufen, da die Bauern abwarten mussten, bis sich im folgenden Monat Mechir der fruchtbare Nilschlamm auf den Feldern abgesetzt und das Wasser zurückgegangen war. Erst dann konnte man auf dem nun optimalen Untergrund wieder die Saat ausbringen. Dienerinnen mit Fächern und Diener mit halbwegs kühlen Getränken eilten nun zwischen den Sänften hin und her, um ihrer Herrschaft mit Luftzufächern oder einem Schluck kühlen Nasses Linderung zu verschaffen. Die Pferde und Wagen kamen relativ gut voran, da der breite Pfad zum Tempel von Tausenden von Arbeiterfüßen Tag für Tag festgetrampelt wurde. Es dauerte zum Glück nicht mehr allzu lange. „Deir El Medina“ war schon in Sicht. Von dort waren es nur noch wenige Steinwürfe bis zur Baustelle. Aus dem ehemals kleinen Ort, der die Arbeiter beherbergte, war im Laufe der Zeit eine richtige Stadt entstanden. Eine abweisende Mauer umgab sie und die Tore wurden, zum Schutz gegen Dämonen und weltliche Gefahren, von großen Statuen des Pharao Ahmose und dessen Gemahlin Nefertari flankiert. Dieses göttliche Paar hatte einst die Stadt gegründet und wurde deswegen dort hochverehrt. Vor der Stadtmauer befanden sich etliche Kasernen, deren Soldaten Tag und Nacht Patrouille liefen, um Plünderungen von Gräbern oder Tempeln zu verhindern. Der Oberste Nekropolensöldner war das Oberhaupt des Militärwesens. Der höchste Beamte aber, der unumstrittene Herrscher über die Totenstadt mit ihren Erd– und Bauarbeitern, ihren Steinmetzen, Malern, Künstlern, Balsamierern und Mumifizierern war der Wesir des Westens. Als sich nun die königliche Prozession den hohen Toren von „Deir el Medinah“ näherte, schwangen diese zur Seite und der Wesir des Westens wurde, in einer Sänfte die fast so prunkvoll war wie die Thuts, vor die Mauern getragen, begleitet von einer Division Soldaten. Wenige Fuß vor Hatschepsuts Wagen, der inzwischen gestoppt hatte, was einen großen Stau hinter ihr verursachte, wurde die Sänfte zu Boden gelassen und der Wesir entstieg ihr. Einer der Sänftenträger fegte, zum Amüsement sämtlicher Anwesender, mit einem Binsenbesen den sandigen Boden und legte einen kleinen Teppich aus, bevor sich der reich gewandete rundliche Herr zu Füßen der Königin auf die Erde warf. Die Herrin beider Länder schlenkerte ungeduldig mit den Zügeln der Pferde, während sie dem hohen Beamten das Wort erteilte. Schwitzend erhob sich der korpulente Mann und ordnete seinen silbernen Schurz mit der goldenen Borte. Seine weiße Kappe mit dem goldenen Reif hatte einen sandigen Rand bekommen, aber das bemerkte er nicht. Aufgeregt begann er zu sprechen, während er nervös mit seinem aufwändigen Brustschmuck spielte: „Hohe Herrin Hatschepsut, möge Amun dir immer wohlgesonnen sein und möge die Göttin Isis dich in ihre schützende Umarmung nehmen. Ich habe in meinem bescheidenen Haus ein Mahl bereiten lassen und kühle Getränke bereitgestellt. Mögest du und deine hohen Herren und Damen bei mir einkehren. Für die Bediensteten und Sklaven sind in den Straßen der Stadt Tische und Bänke mit Speisen und Getränken aufgestellt. Wenn ihr mir bitten folgen würdet?!“ Sunu sah es Hatschepsut an, dass sie äußerst ungehalten über diese Verzögerung war, doch sie kaschierte ihren Ärger so gut es ging. Sie wollte den Wesir nicht brüskieren und so folgte ihm der ganze lange Zug durch die Tore der Stadt. In den Straßen verliefen sich nach und nach sämtliche Untergebenen bis auf die Sänftenträger und ließen sich an den gedeckten Tischen zwischen den weißgetünchten Häusern nieder. Soldaten und Stadteinwohner gesellten sich dazu und man begann den vom Wüstenwind und der Hitze arg gewachsenen Durst und den Hunger zu stillen. Der Wagen der Königin gefolgt vom Hofstaat begab sich beinahe bis ans andere Ende der Stadt, vorbei an Straßen und Gässchen mit ein- bis zweistöckigen Häusern. In den kleinen Innenhöfen und auf den Dachterrassen drängte sich, wie immer bei höfischen Anlässen, das Volk und jubelte seiner Königin und ihrem Hofstaat zu. In der Nähe der hinteren Stadtmauer befanden sich ein paar größere Häuser, auch das des Wesirs, welches eine beachtliche Größe und Vornehmheit besaß. Selbst die Straße war hier breit und bequem mit Kalkplatten belegt und von Bäumen gesäumt. Zwischen den größeren Häusern und der Villa des Wesirs gab es sogar kleine parkartig angelegte Gärten mit Teichen und Bächen. Vor den Toren der Villa verließen die Königin und ihr Anhang ihre Transportmittel und ließen sich vom Wesir und seinen Soldaten durch den Garten zum Haus geleiten. Sunu nahm seinen Platz in der Nähe seiner Herrin ein und ließ seine Blicke misstrauisch und unermüdlich über die Umgebung wandern. In einem relativ großen Saal waren Tische und Kissen zurechtgerückt und die Dienerschaft war schon dabei vielseitige Speisen und Getränke aufzutragen. Nachdem die Reisegesellschaft Platz genommen hatte und Sunu zufrieden feststellte, dass die Königin von ihren Leibwächtern sowie zwei hochrangigen Militärs umgeben war beschloß er, sich im Haus umzusehen. Er verließ den Saal und schritt selbstbewusst durch die Gänge, schaute durch offene Türen in gediegen ausgestattete Räume. Die skeptischen Blicke der umhereilenden Diener und Sklaven beachtete er nicht. Schließlich, nachdem er sich auch im zweiten Stockwerk der Villa umgesehen hatte und nichts entdecken konnte, das sein Misstrauen hätte wecken müssen, stieg er noch die Treppe zur Dachterrasse hinauf. Aufatmend sog er die Wüstenluft ein. Hier oben im Schatten einiger großer Topfpalmen war es recht angenehm. Sunu lehnte sich an die das Dach umgebende niedere Mauer und wandte den Blick in die Richtung in der er von hier aus den Tempel Hatschepsuts vermutete. Das Dach der Villa war hoch genug, so dass er die Stadtmauer überblickten konnte. Tatsächlich, gar nicht mehr weit von der Stadt entfernt sah er den prächtigen Bau in der Sonne schimmern. Es war ihm nicht möglich, die Augen abzuwenden, obwohl die in der Sonne weiß leuchtenden Säulen und Dächer ihn blendeten. Sunu hatte viel gehört und wenig geglaubt, aber die Realität war schöner als jede Erzählung, die er als übertrieben abgetan hatte. Eine lange breite Rampe führte zur ersten Terrasse des Tempels. Die ganze breite Front war von unzähligen Säulen bestanden. Die nächste Terrasse, etwas schmäler als die erste, verlief über den Spitzen der unteren Säulen und die übernächste ebenso. Die Unmenge von eleganten luftigen Säulen verlieh dem Tempel ein unirdisches schwebendes Aussehen. Tausende von Arbeitern umschwirrten die Anlage, aus Sunus Blickwinkel wie eine Schar Ameisen wirkend. Der Leutnant nahm sich vor, auf dem Gelände des Tempels doppelte und dreifache Vorsicht walten zu lassen, da ein Angriff inmitten so vieler Menschen leicht vorzubereiten und durchzuführen wäre. Er ließ seinen Blick weiter schweifen und entdeckte in nicht allzu weiter Entfernung vom königlichen Tempel einen kleineren verfallenen, von dem nur noch ein paar Säulen zum Himmel zeigten. Zu seinen besseren Zeiten musste dieses Gebäude recht schön anzusehen gewesen sein und Sunu konnte nun auch sehen, dass der Architekt Senmut zumindest einen Anstoß zu seiner Idee zu Hatschepsuts einmaligem Tempel von den luftig frei stehenden Ruinensäulen erhalten hatte. Sunu wurde vom Geräusch seines laut knurrenden Magens in seinen Gedanken unterbrochen und beschloß sich den Speisenden anzuschließen um sich vor der Weiterreise zu stärken. Die Gruppe hatte ihr Mahl schon beinahe beendet und Sunu beeilte sich, schnell noch seinen Hunger zu stillen und den Durst zu löschen. Wenig später brach die höfische Gesellschaft auf und Hatschepsut bedankte sich beim Wesir des Westens, der sich fast überschlug vor Freude über das Lob seiner Königin. Er schickte noch eine Gruppe seiner Soldaten mit, um die Sicherheit der Herrin beider Länder zu garantieren. Sunu war´s zufrieden; je mehr Soldaten, je besser. Es dauerte nicht mehr lange und sie hatten die mächtig breite, stetig leicht bergauf führende Trasse erreicht, die zum Tempel führte. Links und rechts davon wimmelte es von Arbeitern, die Gräben zogen, Kanäle bewässerten und Pflanzen setzten. Der Tempel wurde rundum begrünt. Sunu stellte fasziniert fest, dass Hatschepsut sogar Sandelholz und Weihrauchpflanzen importiert hatte und hier ansiedeln ließ. Die Gesellschaft ließ Tiere und Sänften zurück und begab sich zu Fuß auf den Weg zur ersten Terrasse. Sunu erblickte viele staunende und fast ungläubige Blicke. Anscheinend hatten einige der Höflinge den Tempel zuvor noch gar nicht oder nur aus der Distanz erblickt. Sunu hielt sich dicht bei Geb und Hui und seine Achtsamkeit ließ keine Augenblick nach. Selten nur gestattete er sich einen bewundernden Blick auf die wundervollen noch unvollständigen Malereien und Fresken. Hatschepsut und Senmut unterhielten sich immer wieder mit Baumeistern und Künstlern, um Anregungen zu geben oder Lob auszusprechen. Schließlich sprach die Königin kurz mit Sunu und einigen Soldaten und gab Anweisung, den Gros des Hofstaates in eine andere Richtung zu führen. Sie wollte die unterirdischen geheimen Räume des Tempels besichtigen. Man munkelte dass die Königin plante, sich nicht in den üblichen Gräbern im Tal der Könige beisetzten zu lassen, sondern ihre letzte Ruhestätte unter ihrem prächtigen Tempel zu finden, der sie schon zu Lebzeiten zur Legende machte. Logischerweise wollte sie nur ihre vertrautesten Leute um sich haben, wenn sie diese Räumlichkeiten betrat. Sie ließ Soldaten, Diener, Gaza, Tuja, Hapuseneb und einen beleidigten Thut zwischen den Säulen zurück und begab sich, nur in Begleitung Gebs, Huis, Senmuts und Sunus zu einem kleinen in den großen Bau integrierten Hathortempel. Hinter Säulen in einer Mauer, die von Malereien der Göttin Hathor bedeckt war, öffnete die Königin eine kleine Tür. Sunu hatte die Hand an seinem Dolch, als sie sich einer Treppe zuwandten, welche in eine dämmrige dumpfbrütende Dunkelheit führte. Links und rechts befanden sich brennende Fackeln in Halterungen an den Wänden und tauchten den immer dunkler werdenden Treppenflur in schwankendes rötliches Licht. Hier unten waren nur wenige äußerst vertrauenswürdige und qualifizierte Kräfte am Werk. An den Stellen, wo gearbeitet wurde, herrschte relative Helligkeit. Man hatte große Lampen und Spiegel zu deren Verstärkung aufgestellt, um den Künstlern das Zeichnen zu ermöglichen. Viele von ihnen waren Priester, die natürlich des Schreibens und Zeichnens kundig waren und den Wänden der Räume mit Szenen aus dem Dasein der Königin in leuchtenden Farben Leben verliehen. Sunu hatte sich an die Spitze der Fünf Personen gesetzt. Hinter ihm folgte Hatschepsut und danach kamen Hui und Geb mit Senmut, welcher immer wieder aufgehalten wurde um Fragen zu beantworten oder Ratschläge zu erteilen. Die Königin wäre beinahe auf Sunus Rücken geprallt, als dieser ungläubig auf eine Szene an der Wand starrte und dabei immer zögernder vorankam. Das Bild zeigte Hatschepsut mit Senmut. Das Skandalöse daran aber war, dass der Architekt in der gleichen Größe abgebildet war, wie seine Herrin. Dies bedeutete, dass Hatschepsut ihm die gleiche göttliche Stellung zuerkannte, wie sich selbst. Sunu spürte den Atem der Königin im Nacken und beeilte sich weiterzugehen. Als er einen Blick über die Schulter warf, sah er in die amüsiert funkelnden Augen seiner Herrin. Der weiterführende Gang schien sich noch fast im Rohbau zu befinden. Mauerstücke lagen herum und es gab noch keine Zeichnungen. Die Fackeln flackerten, da die Luft hier unten nicht mehr die beste war. Sie durchschritten einen Durchbruch im Gestein, der in einen weiteren roh ausbehauenen Raum führte. Sunu blickte sich nach Hatschepsut um, die sich an einem Balken im Durchgang abstützte, um über den unebenen Boden zu schreiten und stellte dabei fest, dass Geb und Hui zurückgeblieben waren und ebenfalls fasziniert auf das Skandalgemälde starrten, während Senmut heimlich in sich hineinlächelnd hinter ihnen stand. Sunus Mund verzog sich zu einem Grinsen, welches jedoch schnell wieder erstarb, als er ein dumpfes Grollen über sich wahrnahm. Er kannte dieses Geräusch: Als er einmal mit seinen Medjay die Goldbergwerke in einem Wadi der Wüste besuchte, hatte es in den Stollen, welche sie im Auftrag des Statthalters kontrolliert hatten, einen kleineren Einsturz gegeben. Daher kannte der Leutnant das tiefe Grummeln. Instinktiv warf der Leutnant sich herum und riß die Königin mit sich ein paar Fuß weit in den Raum hinein. Mit einem überraschten Laut stürzte sie mit ihm zu Boden. Das Grollen verstärkte sich und Sunu kam über Hatschepsut zu liegen, als das Chaos über sie hereinbrach. Große und kleinere Felsbrocken lösten sich von der rohen Decke und stürzten um sie zu Boden. Die Luft war voller Staub und die beiden im Schmutz liegenden Menschen husteten und rangen nach Atem. Ein paar größere Geröllbrocken trafen Sunu am Rücken und er unterdrückte ein schmerzvolles Stöhnen. Sein Kopf lag Wange an Wange mit der Königin und er spürte ein leichtes ängstliches Zittern, das sie nicht verbergen konnte. Nach wenigen Augenblicken ließ das Rumpeln nach und der Staub begann sich langsam zu senken. Jetzt hörte Sunu auch die angstvollen, jedoch nur gedämpft zu ihm durchdringenden Rufe der beiden Leibwächter. Er hob langsam den Kopf und bemerkte, dass der höhlenartige Raum nicht in völliger Finsternis lag. Eine Fackel hatte den Einsturz überstanden und flackerte müde vor sich hin. Vorsichtig rappelte der Leutnant sich auf und reichte seiner staubbedeckten Königin die Hand. Sie sahen sich gegenseitig an, der überstandene Schrecken lag noch in ihren Augen. Sunu ließ seinen Blick forschend über Gesicht und Glieder seiner Herrin gleiten und stellte beruhigt fest, dass sie außer Schmutz und ein paar Schrammen nichts abbekommen hatte. Sein Rücken schmerzte allerdings, als ob sich ein wütender Löwe daran zu schaffen gemacht hätte. Sunu schob den Schmerz beiseite; es gab jetzt Wichtigeres zu tun. Er nahm die rußende Fackel aus ihrer Halterung und leuchtete damit die Stelle ab, wo er den Durchgang vermutete. – Nichts – . Der Zugang war komplett von Geröll verschüttet. Sunu leuchtete ringsum Boden, Wände und Decke ab und seinen Miene wurde immer grimmiger. Hatschepsut beobachtete seine Tätigkeit und fragte schließlich ungeduldig: „Was ist los, Leutnant Sunu, hast du etwas Ungewöhnliches entdeckt?“ Sunu nickte böse blickend mit dem Kopf und deutete auf drei auf dem Boden liegende Balken. Dicht daneben lagen auch Hammer und Meißel an der Wand. „Das hier ist kein Unfall, Herrin, da hat jemand ganz deutlich nachgeholfen. Man hat das Gestein an der Decke mit Balken abgestützt, damit es nicht gleich herunterkommt, und es dann mit Hammer und Meißel gelockert. Die Täter mussten nur noch die Balken relativ instabil miteinander verbinden und als du dich an dem senkrechten Verbindungsteil festgehalten hast, hat das Ganze nachgegeben und ist zusammengebrochen.“ Im flackernden Feuerschein meinte Sunu ein kurzes Erschauern Hatschepsuts festzustellen, doch im Bruchteil eines Augenblicks hatte sie sich wieder unter Kontrolle. „Ich glaube, ich muß mich schon wieder bei dir bedanken. Hoffentlich wird das nicht zur Gewohnheit.“ Sunu musste trotz der schwierigen Situation grinsen. Seine Herrin hatte zu ihrer üblichen leicht trotzigen Überheblichkeit zurückgefunden. „Was tun wir denn jetzt? Dumm herumstehen und Amun einen guten Gott sein lassen?“ Sunus Grinsen wurde breiter und er antwortete: „Nein, meine ungeduldige Herrin. Ich habe auf der anderen Seite des Durchgangs Gebs und Huis Stimmen vernommen, sie werden sicher bald für Hilfe sorgen.“ Sunu sollte Recht behalten. Wenig später hörten sie auf der anderen Seite die Geräusche kullernder Steine und Stimmengewirr. Man hatte begonnen, den Gang freizuräumen. Sunu stellte die Fackel beiseite und begann nun ebenfalls Steine und Brocken beiseite zu schaffen. Nach kurzer Zeit bemerkte er überrascht, dass seine Königin neben ihm mithalf und in Steinen und Staub wühlte. Er verkniff sich einen Kommentar; wusste er doch, dass sie sowieso tat was sie wollte. Amüsiert bemerkte er allerdings, wie sie zwischendurch immer wieder einen Fluch zwischen den Lippen zerdrückte, wenn einer ihrer langen, gepflegten, hennagefärbten Fingernägel abbrach. Es dauerte nicht mehr lange und sie waren befreit. Aufatmend kletterten sie über die restlichen herabgestürzten Felsbrocken auf die andere Seite des Durchganges, wo sie von Geb, Hui und einigen äußerst erleichterten Soldaten in Empfang genommen wurden. Senmut drängte sich nach vorn und Sunu sah, wie er sich zusammenreißen musste, um seine Königin nicht erleichtert in die Arme zu schließen. Vor Zeugen jedoch, musste er es sich verkneifen.

                *

Eilig schritt die Königin, gefolgt von ihren Befreiern, durch die Gänge und die Treppe hinauf ans Licht. Sunu bemerkte die unterdrückte Wut an ihren äußerst energischen Schritten. Nicht einmal der schreckensbleich an ihrer Seite marschierende Senmut schien sie diesmal beruhigen zu können. Sie ließ sich weiterhin von den Soldaten vom Rest des Hofstaates abschirmen und begab sich erst einmal zu einem gemauerten Seerosenteich neben den Räumen der Hathor. Dort reinigte sie sich und brachte ihr Äußeres so gut es ging in Ordnung. Als sie weniger zerzaust aussah stand sie, die Hände in die Hüften gestemmt und ungeduldig mit den Zehen auf den Boden tippend, neben der Teichumrandung und schoß wütende Blicke auf ihre Soldaten ab. „Wer von euch war verantwortlich für die Überprüfung der Reiseroute und des Tempels auf Sicherheit und Schwachstellen?“ Ein Unteroffizier der Medjay trat vor und warf sich schuldbewusst in den Staub. „Ich war zuständig, meine Königin.“ Murmelte er in den heißen Sand. „Ich gebe zu, dass ich es versäumt habe, die unterirdischen Räume zu überprüfen.“ Hatschepsut ließ ihre Blicke über die Soldaten und ihre Leibwache gleiten. Abwartend schauten alle sie an. Die Königin senkte ihre Augen mit hartem Ausdruck wieder auf den Liegenden. „Ich enthebe dich hiermit deines Amtes. Du sollst zehn Peitschenhiebe erhalten und ich will dich in Theben nie wieder sehen.“ Abrupt drehte sie sich um und rauschte, gefolgt von ihren Getreuen, zurück zu ihrem Hofstaat. Erst als sich der von ihren eiligen Schritten aufgewirbelte Staub wieder gelegt hatte, wagte der liegende Soldat erleichtert den Blick zu heben. Die Strafe dafür, dass er das Leben der Tochter Amuns gefährdet hatte, hätte um Welten schlimmer ausfallen können.

                *

Hatschepsut hatte inzwischen wortlos den Fuß der Tempelrampe erreicht und ihren goldenen Streitwagen erklommen. Geb, Hui, Sunu und Senmut hatten alle Mühe hinter ihrer Königin herzueilen. Ohne Rücksicht auf den Pulk von Höflingen und Dienern, der sich nur langsam in Bewegung setzen konnte, schwang sich Hatschepsut auf ihr Fahrzeug und trieb die Pferde an. Senmut schaffte es gerade noch mit einem gewagten Sprung hinter ihr zu landen, schon verschwand der goldene Streitwagen der Königin in halsbrecherischem Tempo in Richtung Theben. Nur mit Mühe konnten ihre berittenen Beschützer mit ihr mithalten und verschwanden mit ihrer Königin in einer Staubwolke.

                *

Lange bevor die Reisegesellschaft das Ostufer wieder erreichte keuchten die Getreuen hinter ihrer immer noch wütenden Herrin durch die Gänge des Palastes. Sie stieß grob die Wachen vor ihren Privatgemächern zur Seite, raste in ihre Räume und ließ sich in den Stuhl vor ihrem Spiegel fallen. Dort riß sie zornig den blauen Helm samt Uräusschlange vom Kopf, warf ihn zu Boden und begann ungeduldig ihre hervorgequollenen Haare zu kämmen. Senmut, Geb, Hui und Sunu umstanden sie, unschlüssig was sie sagen oder tun sollten. Die Tür zum Zimmer öffnete sich und leise huschte der Bewahrer der Insignien herein. Mit einem vorwurfsvollen Blick auf Hatschepsut absolvierte er seine Verbeugung und sammelte die unachtsam hingeworfenen Kopfbedeckungen ein. Danach verließ er ebenso leise wieder den Raum. „Wie konnte das geschehen? Bin ich denn nur von Idioten umgeben?“ Wütend blitzten ihre Augen im Spiegel die Umstehenden an, welche betreten den Blick senkten. Sunu wand sich verlegen und murmelte dann leise: „Majestät, wenn du mir einen Passierschein für die Totenstadt und das Tempelgelände erstellst, werde ich sofort Nachforschungen einleiten.“ Sunu spielte darauf an, dass seine Zuständigkeit an den Toren zur Totenstadt endete. Die Menschen am jenseitigen Ufer legten höchsten Wert auf ihre Selbstständigkeit, schon deswegen, weil sie von den Leuten am „lebendigen“ Ufer des Flusses gemieden wurden. Es war deshalb schwierig dort drüben den gebührenden Respekt zu erhalten oder irgendwelche Auskünfte. „Das werde ich, Leutnant, das werde ich.“ Zischte Hatschepsut. Sie atmete deutlich sichtbar ein paar Mal tief ein und aus, dann schien sie ruhiger zu werden. „Verzeiht meine Wut.“ Sie wandte halb den Kopf und blickte von einem zum anderen. „Ich weiß, ich hätte klarere Anweisungen erteilten sollen und mich nicht mit den Vorkehrungen der mir nicht persönlich bekannten Soldaten zufrieden geben. Es sollte bei solchen Vorbereitungen immer mindestens einer von euch zugegen sein, um alles abzusichern und abzusegnen.“ Sie schwieg eine Weile dann fuhr sie fort indem sie Sunu anblickte: „Leutnant Sunu, ich stelle dir ein Schreiben aus, das dir freien Zugang zu allem in der Nekropole erlaubt, was du zu sehen wünschst und das dir den Respekt der dortigen Soldaten und ihrer Vorgesetzten sichern wird.“ Seufzend fügte sie hinzu: „Hoffentlich.“ Auch die Königin wusste über die Eigenheit des Völkchens über dem Fluß Bescheid. „Hui,“ sie wandte den Blick von Sunu zu ihrem Leibwächter, „du wirst ihn begleiten. Vier Augen sehen mehr und vier Ohren hören mehr als zwei.“ Zögernd sprach Sunu die Herrin beider Länder nochmals an: „Herrin, es wäre wichtig, dass ich das Schreiben bald erhalte. Ich möchte noch vor Einbruch der Dunkelheit ans Ostufer zurückkehren um meine Beobachtungen anzustellen solange die Spur noch heiß ist.“ Nachdenklich glitt Hatschepsuts Blick über ihre Schulter zu ihrem Leutnant. „Du hast Recht. Es wäre interessant zu wissen, wie genau die Leute es mit der Nachtwache um den Tempel nehmen. Meiner Ansicht nach kann diese Sabotage nur nächtens durchgeführt worden sein.“ Sie wandte sich wieder ihrem Spiegelbild zu und fuhr fort ihr Haar zu kämmen. „Ihr könnt euch zurückziehen, alle bis auf Senmut.“ Erleichtert aufatmend zogen sich die restlichen Getreuen rückwärtsgehend zurück. Kurz bevor Sunu die Tür erreicht hatte, hörte er noch die inzwischen wieder ruhige Stimme seiner Herrin: „Leutnant Sunu, ich schicke dir gleich meinen Arzt. Er soll sich deinen Rücken ansehen bevor du die Totenstadt aufsuchst.“ Überrascht zog Sunu sich zurück: Die Herrin hatte tatsächlich seine Verletzung bemerkt.


Der Geist

Die Re-Scheibe senkte sich dem Horizont entgegen, als Hui und Sunu auf einem kleinen Nachen unauffällig den Fluß überquerten. Die Königin hatte dafür gesorgt, dass am anderen Ufer zwei Esel für sie bereitstanden. Ein stiller Diener übergab sie ihnen und entfernte sich dann rasch. Sunu und der Leibwächter hatten sich für äußerste Unauffälligkeit entschieden. Je weniger sie beachtet würden, desto besser. Sie trugen beiden nur einen kurzen Leinenschurz mit Gürtel und Waffe sowie einen Lederbrustharnisch. Sunu hatte es sich allerdings nicht nehmen lassen, das Geschmeide mit dem Horusauge anzulegen. Es sollte ihm bei diesem gefährlichen Unterfangen Glück bringen. Allerdings war es unsichtbar, da es zwischen dem Verband, den der Leibarzt Hatschepsuts über seine Rückenverletzung gelegt hatte, und dem Brustharnisch lag. Einen gewissen Aberglauben gegenüber der Nekropole konnte Sunu nicht abstreiten, selbst als Krieger nicht, und mit dem schützenden Gottesauge fühlte er sich irgendwie sicherer. Die beiden Männer setzten ihre Reittiere in Bewegung und ließen bald die in Ufernähe stehenden Totentempel hinter sich. Diese mit Säulen verzierten prächtigen Gedenkstätten waren Mahnmale für hohe Beamte und Adlige. Sie wurden von Priestern gepflegt und vom Volk und von Nachkommen der verstorbenen Edlen genutzt, um Opfer darzubringen und Andacht zu halten. Als wenig später die Stadt Deir El Medina vor ihnen auftauchte, schlugen sie einen leichten Bogen. Trotzdem wurden sie von einer Patrouille aufgehalten, welche sie aber nach Vorzeigen ihres Passierscheines sofort weiterziehen ließ. Re senkte sich auf die mächtigen Felsen, die das Tal begrenzten und aus denen der Tempel der Königin herausgearbeitet worden war. Die Wüstenlandschaft wurde in ein diffuses Licht getaucht. Die Zacken der Bergkämme leuchteten blutrot, während sich in die nach unten laufenden Schluchten und Spalten ein dunkelvioletter Schatten ergoß. Die Säulen des Tempels schimmerten hell in der aufkommenden Dunkelheit und, obwohl er noch ein gutes Stück entfernt lag, war er deutlich zu erkennen in der sinkenden Nacht. Wieder konnte Sunu den Blick nicht von dem faszinierenden Bauwerk abwenden. „Sind wir nahe genug?“ Unterbrach die Stimme Hui`s die Betrachtung des Leutnants. Sunu zügelte den Esel und blickte sich um. Deir El Medina lag ein Stück hinter ihnen; vor ihnen lag ein Stück Wüste mit wenig Gebüsch und ein paar verkrüppelten Dattelpalmen. Sunu kniff die Augen zusammen und erkannte im Schatten eines Tamariskenhains ein kleines Gebäude. „Das da drüben,“ er zeigte mit dem Finger auf das Häuschen, „muß das Wachhaus sein. Dort halten sich die Soldaten der Tempelwache zwischen ihren Kontrollgängen auf.“ Hui nickte zustimmend und Sunu fuhr fort: „Ich denke wir binden die Esel hier an den Palmen fest und nähern uns zu Fuß. Dann legen wir uns in einigem Abstand auf die Lauer und beobachten, ob die Kontrollgänge tatsächlich eingehalten werden und ob die Soldaten sie mit gebührender Aufmerksamkeit durchführen.“ „Ich sehe eine alte Mauer links vom Wachhaus.“ Raunte Hui. „Dort werde ich mich verstecken.“ Sunu nickte und wies auf einen Sandhügel auf dem ein paar größere Felsbrocken thronten: „Da werde ich sein.“ Die beiden Männer blickten sich kurz an. „Hui, es kann eine lange kühle Nacht werden.“ Der große Schwarze nickte dem Leutnant zu und sie trennten sich und gingen in verschiedene Richtungen davon.

                *

Sunu hatte sich noch nicht lange hinter den Felsen verschanzt, als er die erste Patrouille beobachtete. Sie bestand aus acht Soldaten von denen je vier in eine andere Richtung gingen. Sie absolvierten den vorgeschriebenen Kontrollgang um den Tempel und kehrten nach geraumer Zeit zurück. Sunu blickte zum Firmament und stellte fest dass Chons, der Mondgott, bereits sein blasses Licht verströmte. Von der Sonnenscheibe war nur noch ein dunkelblauer Streifen über den Bergen zu sehen. Die Sterne blinkten hell und trotz der Dunkelheit waren die Soldaten, sowie die Felsen, Bäume und Gebäude in Sichtweite gut zu erkennen. Die Wächter zogen sich in das Wachgebäude zurück und Sunu sah, wie hinter dem kleinen Fenster ein Licht entzündet wurde. Der blaue Streifen hinter den Bergen verschwand und das geisterhafte Mondlicht überzog den Sand wie mit einem bleichen Teppich. Es war sehr still geworden, nachdem die Soldaten sich zurückgezogen hatten. Lediglich das entfernte Geheul eines einsamen Schakals durchdrang hin und wieder die Nacht. Es mussten Stunden vergangen sein und vergeblich hatte Sunu auf den nächsten Kontrollgang gewartet. Die Kälte der Wüstennacht kroch in seine Glieder und machte sie steif. Vorsichtig und leise reckte er nacheinander Arme und Beine um beweglich zu bleiben. Es musste nach dem Stande Chons schon weit nach Mitternacht sein, als der Leutnant wieder eine Bewegung beim Wachhaus wahrnahm. Die Soldaten löschten das Licht und traten mit Fackeln heraus. Zuerst nahm Sunu an, sie würden den Kontrollgang mit Verspätung nachholen, wurde aber bald eines Besseren belehrt: sich heiter unterhaltend brachen die Männer in Richtung Deir El Medina auf. Es war offensichtlich, das sie sich in die Kasernen zurückzuziehen gedachten. Sunu ließ ihnen noch einen Vorsprung; musste er ihnen doch nachweisen, dass sie sich tatsächlich in Richtung Stadt davonmachen wollten. Als er sich eben erheben und an die Verfolgung machen wollte, schnellte völlig überraschend eine furchterregende Gestalt hinter dem Felsen hervor, welcher ihm als Deckung gedient hatte. Sie musste sich, während Sunu durch die Beobachtung der Soldaten abgelenkt gewesen war, von der anderen Seite angeschlichen haben. Einen Augenblick war der Leutnant vor Schreck wie gelähmt und starrte nur stumm auf das unglaubliche Wesen, welches im nächsten Moment auf ihn prallen musste. Das Gesicht war eine weiße Maske; der zu einem Knurren verzerrte Mund zeigte spitze Zähne und die Augen lagen im tiefen Schatten der vorspringenden Stirn. Ein Fell mit runden Ohren bedeckte das Haupt... mehr konnte Sunu nicht mehr feststellen, denn ein stechender Schmerz in seiner linken Brust ließ ihn in kampferprobter Reaktion, allerdings durch den Schreck leicht verspätet, den Arm hochreißen. Die unheimliche Gestalt wurde zurückgedrängt und Sunu riß, seine kurze Wehrlosigkeit abschüttelnd, das Knie hoch und rammte es dem Gegner in den Magen. Taumelnd ging die Spukgestalt rückwärts und Sunu bemerkte nun, dass der ganze Körper von einem hellen Weiß war, welches im Lichte Chons schimmerte wie ausgebleichte Knochen. Sunu fasste sich mit der rechten Hand an die verletzte Schulter und spürte warmes Blut durch seine Finger rinnen. Als sein Gegner merkte, dass der Leutnant nicht zu Boden ging wandte er sich zur Flucht. Noch ehe sich Sunu jedoch an die Verfolgung machen konnte, hörte er ein flirrendes Zischen und einen erstickten Schrei aus der Kehle des Flüchtenden und sah den weißen Schatten zu Boden sinken. Hinter einer flachen Düne tauchte der riesenhafte Schatten des Leibwächters der Königin auf und selbst in der nur vom Mond erleuchteten Dunkelheit konnte Sunu die strahlendweißen Zähne in einem breiten Grinsen aufblitzen sehen. „Mein Messer trifft auch im Flug.“ Rief der Hüne ihm zu während beide sich dem Liegenden näherten. Als die zwei Männer die leblose Gestalt erreicht hatten zog Hui sein Messer aus deren Körper und drehte sie mit dem Fuß vom Bauch auf den Rücken. Sunu sog überrascht den Atem ein. Zuvor hatte er die Spukgestalt ja nur kurz gesehen, da der Angriff aus heiterem Himmel und sehr schnell vonstatten gegangen war. Jetzt nahm er die Details des unheimlichen Aussehens des Angreifers wahr. Auch Hui betrachtete das „Ding“ mit äußerster Skepsis. So etwas war ihm in seiner langen Laufbahn als Leibwächter noch nicht untergekommen. Zum Glück hielt sich der Aberglaube der zwei Männer in Grenzen und vor allem musste es sich hierbei ja wohl doch um etwas menschliches handeln, da es reglos und blutend vor ihnen lag. Sunu ging in die Hocke und betrachtete sein „Nachtgespenst“ näher. Die Brust des Mannes hob und senkte sich in flachem Atem – er lebte noch. Der Leutnant wischte mit der Hand über den Arm des Verletzten und hob einen Finger – weiß verfärbt – an seine Nase. „Mehl!“ Vielsagend blickte er Hui an. Dann griff er nach den runden Ohren auf dem Kopf des Kerls und zog daran. Das Fell samt Ohren glitt herab und darunter kam die Sunu bekannte zackige Frisur des Dieners der Dame Tuja hervor. Die zwei Männer sahen sich schweigend an; auch Hui kannte den Mann und wusste, wem er diente. In diesem Augenblick schlug der Diener Mudja die Augen auf. Sein Blick war verschleiert; Blut floß aus seinem Mundwinkel und verschmierte das weiße Mehl auf seiner Haut. Sunu kniete nieder und sah dem Mann mitleidlos in die Augen. Sie alle drei wussten, dass Mudja nicht mehr lange zu leben hatte. „Wer hat dich geschickt?“ Mit Nachdruck in der Stimme stellte der Leutnant die wichtige Frage. Die müden Augen wandten sich ihm in Unverständnis zu. Wütend rüttelte Sunu an der Schulter des Mannes. Ein Stöhnen entrang sich seiner Brust, doch sein bereits vom nahenden Tode gezeichneter Blick wurde etwas klarer. Sunu setzte noch einmal an: „Hat dich deine Herrin, die Dame Tuja zum Mord angestiftet? Dieses mal und die anderen Male zuvor?“ Ein geisterhaftes Lächeln glitt über die schmerzverzerrten Züge und mit kaum noch vernehmbarer Stimme flüsterte der Todgeweihte: „Die Dame Tuja weiß von nichts. Jetzt im Angesicht des Todes will ich keine Unschuldigen unter Verdacht belassen. Mein Herr, Gaza, hat die zwei Anschläge auf die Königin geplant und angeordnet. Mir als seinem treuen Diener war kein Zweifel erlaubt. Auch werdet ihr ihm nichts nachweisen können, denn ich werde nicht mehr da sein um seine Verbrechen zu bestätigen.“ Der Atem des Schwerverletzten wurde noch flacher, seine Lider flatterten. Sunu hatte den Kopf tief über das Gesicht Mudjas gebeugt, um jedes der leise geraunten Worte zu verstehen. Nachdenklich sah er auf den Sterbenden nieder. Zwei Anschläge? Wieso bloß zwei? Hatte er Recht und ging der Mordanschlag im Audienzsaal auf das Konto eines ganz anderen Verschwörers als Gaza? „Wer plante den Anschlag beim Empfang der Abgeordneten?“ Nur ein Stöhnen antwortete dem Leutnant. „Antworte mir!“ Rief Sunu zornig und rüttelte wieder an der Schulter des Mannes. Sein Kopf rollte hin und her. Mudja würde nichts mehr ausplaudern können; er war tot. „Möge Ammit die Verschlingerin sein Herz zerreißen.“ Fluchte Sunu, während er sich erhob. Grinsend antwortete der schwarze Hui: „Anubis wird sein Herz sicher von der Waagschale und der Langschnäuzigen zum Fraß vorwerfen, bei den üblen Taten, die er auf dem Gewissen hat.“ Da Sunu trotz allem keine Antwort mehr auf seine Fragen erhalten würde, war ihm das alles ein schwacher Trost. Die ägyptische Mythologie besagte, das dass Herz eines Sterblichen beim Eingang in die Unterwelt von Anubis dem schakalköpfigen Totenrichter auf der Waagschale der Maat – der irdischen Gerechtigkeit – gewogen wurde. War das Herz schwerer als die Feder der Maat, die das Gegengewicht bildete, so wurde es der grauenerregenden Bestie Ammit vorgeworfen, die es vernichtete. So konnte der Verstorbene nicht vom Gott des Überganges „Osiris“ ins jenseitige Reich begleitet werden und das ewige Leben erlangen. Lautes Getrampel ließ die beiden Männer zu ihren Waffen greifen und herumfahren. Im Laufschritt näherten sich die acht Soldaten der Tempelwache. Der Tumult um den „Geist“ musste sie von ihrem Rückzug in die Stadt abgehalten haben. Erst als sie im Licht ihrer Fackeln, die sie hochhoben, die Armspange des Befehlshabers am Oberarm Sunus aufblitzen sahen, ließen sie ihre Waffen sinken. „Was bei Seth treibt ihr hier mitten in der Nacht?“ Fragte der Anführer der Wache ungehalten, wurde jedoch sehr kleinlaut, als der Leutnant ihm das Papyrus der Königin unter die Nase hielt und ihn leise aber eindringlich fragte: „Wo sind denn heute eure Nachtpatrouillen geblieben? ... Sobald die ersten Strahlen Chons die Wüste erreichten, seid ihr in Richtung Deir El Medina losmarschiert...oder täusche ich mich da... ?“ Lauernd beobachtete er die Reaktionen der Männer. Auch Hui stand abwartend hinter ihm, mit einer Hand das blutige Messer an seinem Schurz abwischend. Erst jetzt bemerkten die vier Wachmänner die seltsam helle Leiche auf dem Boden hinter den zwei Kriegern und wichen einen Schritt zurück, ein Zeichen gegen das Böse machend. „Wir,... äh,... wir hatten früher Dienstschluß, heute.“ Meinte der Leiter der Truppe. „Und gestern auch und vorgestern auch und morgen und übermorgen auch wieder..?“ Ein verächtliches Lächeln unterstrich die höhnischen Worte von Hui. Sunu war es satt in der Dunkelheit herumzudebattieren und befahl, mit dem Daumen über seinen Rücken auf den Toten weisend: „Nehmt den da mit und dann gehen wir alle gemeinsam zu eurem Wachhaus. Dort werden wir uns eingehend über eure Dienstpläne und Pflichten unterhalten.“ Mit ängstlichen Mienen und spitzen Fingern begannen die Soldaten die unheimliche Gestalt anzuheben.

                *

In grimmigem Schweigen kehrten Sunu und Hui frühmorgens in den Palast zurück. Kaum hatten sie das Gebäude betreten, wurden sie auch schon von Senmut abgefangen und zur Königin beordert. Nicht einmal die Zeit zum sich Frischmachen und Rasieren wurde ihnen gegönnt; so traten sie wenig später mit stoppeligem Kinn, Augenrändern, zerzausten Haaren und schmutzigen Kleidern in die privaten Räume Hatschepsuts. Sunu fühlte sich etwas wackelig auf den Beinen. Er konnte Schulter und Arm bewegen, wenn auch unter Schmerzen. Zum Glück war der Stich von Mudjas gebogenem Dolch an Sunus „Horusauge“ abgerutscht, hatte allerdings über die Rippen einen langen Schnitt verursacht, der ihn einiges Blut gekostete hatte. Der Leutnant war sich sicher, dass das Geschenk der Königin sein Leben gerettet hatte. Der Feldarzt der Soldaten der Kaserne der Totenstadt hatte den alten Verband, der die Verletzung seines Rückens bedeckt hatte entfernt und einen neuen dickeren angelegt, der auch die Wunde auf seiner Brust bedeckte. Der Brustharnisch passte nun nicht mehr über den Verband und bedeckte diesen nur ungenügend. Hatschepsut hatte wie so oft an ihrem Frisiertisch gesessen. Als sie jedoch die beiden Männer im Gefolge von Senmut eintreten sah, schickte sie sofort ihre Dienerin hinaus und wandte sich ihnen zu. Als sie den neuen Verband an Sunu bemerkte erhob sie sich und trat rasch auf ihn zu. Besorgt sah sie in die übernächtigten Augen ihres Beschützers und fragte sanft mit den Fingerspitzen seine Schulter berührend: „Leutnant Sunu, bist du schwer verletzt? Mir scheint, dass während ich durch deinen Schutz den Attentaten entgehe du immer mehr Anschlägen zum Oper fällst.“ Sunu bemühte sich nicht zusammenzuzucken, schließlich berührten die Finger einer lebenden Göttin seine Schulter. Hatschepsut schien sein Zögern zu bemerken und zog hastig die Hand zurück. „Es ist nichts, meine Königin.“ Bemerkte der Leutnant gleichmütig. „Nur ein kleiner Schnitt.“ Hatschepsut schien zu zweifeln, ging aber schließlich zu ihrem Stuhl zurück und setzte sich, mit dem Rücken zum Spiegel, das Gesicht neugierig den Männern zugewandt nieder. „Nun erzählt schon! Es muß ja schließlich etwas passiert sein, wenn ihr in so einem Zustand in den Palast zurückkehrt.“ Sunu gab Hui mit den Augen ein Zeichen. Dieser verstand und begann zu berichten, was sie in der Nekropole erlebt und erfahren hatten. Er begann mit der Entdeckung, dass die Wächter ihren Platz vorzeitig verließen und fuhr fort mit dem Angriff auf Sunu. „Wer war der Verbrecher?“ Erregt hatte sich Hatschepsut wieder erhoben. „Habt ihr ihn erwischt?“ Mit leichtem Stolz in der Stimme antwortete Hui: „Ja, Herrin Hatschepsut, ich hab mein Messer geworfen und ihn erledigt.“ Ein selbstbewusstes Grinsen überzog das dunkle Gesicht: „Mein Messer trifft immer.“ Ungeduldig ging die Herrin beider Länder vor ihrem Spiegel auf und ab. Vor Hui blieb sie schließlich stehen und schubste ihn herausfordernd: „Und, sagst du mir jetzt endlich, wer es war?!“ Hui senkte verlegen ob seines Versäumnisses den Kopf. „Ich wollte dich nicht verärgern, Herrin. Es war Mudja, der Diener der Dame Tuja.“ Hatschepsuts Augen weiteten sich vor Erstaunen und ihr Blick zuckte zu Sunu hinüber. „Also doch? Das hätte ich trotz deiner Warnung, Leutnant Sunu, nicht wirklich gedacht.“ „Triff keine vorschnelle Entscheidung.“ Bremste der Leutnant ihre Gedanken. „Der Diener war nicht gleich tot und wir konnten ihn, Amun sei Dank, noch nach seinem Auftraggeber fragen. Tatsächlich war es gar nicht die Dame Tuja. Laut Mudjas Aussage wusste sie von nichts. Gaza war es. Allerdings werden wir ihm nichts nachweisen können: der einzige Zeuge der Bestechung zum Mord ist tot und kann nicht mehr aussagen.“ Hatschepsut nahm ihre ruhelose Wanderung durch den Raum wieder auf. Einen fast amüsierten Blick warf sie Sunu noch zu: „Dir, Befehlshaber Sunu, kommt es ja sicher nicht ungelegen, dass die Dame Tuja unschuldig ist.....“ Amüsiert zog sie eine Augenbraue hoch, als sie Sunus starre Miene bemerkte. Der Leutnant war verärgert - wußte denn jeder im Palast über seine wohlgehüteten Geheimnisse Bescheid? Hatschepsut spann ihre eigenen Gedanken laut fort: „Ich muß Gaza loswerden bevor er wieder zuschlägt. Ich werde ihn des Landes verweisen und durch jemand anderen ersetzen. Ich weiß, dass er noch etliche Brüder hat, die sich um den Posten reißen werden. Ich bin Pharao von Kemet – noch – . Ich muß meine Entscheidungen nicht begründen. Mein Wille ist Gesetz.“ Hochaufgerichtet blieb sie kurz stehen und ließ ihren Blick herrisch blitzend über ihre Untergebenen wandern. Niemand widersprach ihr. Ihre Wanderung wieder aufnehmend fragte sie in Hui und Sunus Richtung: „Ihr sagt, dass die Wachsoldaten ihre Nachtpatrouillen nicht einhalten? Aber reicht denn die kurze Zeitspanne von Sonnenunter- bis Sonnenaufgang für einen solchen Arbeitsaufwand aus, wie er betrieben wurde für den Anschlag in meinem Tempel?“ Sunu ergriff wieder das Wort: „Hoheit, wir haben die Soldaten hart rangenommen und herausgefunden, dass sie am besagten Abend noch wesentlich früher in die Kasernen zurückgekehrt sind. Man hatte ihnen nämlich Tänzerinnen mit Wein geschickt, die sie von ihrem Posten weglocken sollten. Auf ihre Fragen nach den Grund für die Geschenke wurden sie mit einem anonymen Wohltäter abgespeißt. Der Dienst in der Nekropole ist hart, unheimlich und eintönig; kein Wunder, dass die Wachen für jede Ablenkung empfänglich sind. Die Leute haben Angst vor Geistern und Dämonen in der Dunkelheit; deswegen drücken sie sich wenn möglich um die Nachtpatrouillen.“ Sunu versuchte die Wachen wenigstens ein wenig in Schutz zu nehmen und fügte hinzu: „Ich würde ein paar Söldner aus Keftiu und Kusch unter die Wachleute mischen; die haben einen anderen Glauben und fürchten die Dunkelheit nicht.“ Sunu unterbrach sich und fuhr dann zögernd fort: „Ich habe die Soldaten, welche an besagtem Abend Dienst hatten, einkerkern lassen. Entscheide du, Herrin Hatschepsut, was mit ihnen geschehen soll.“ Ruhig wandte er ihr den Blick zu. Sie hielt nicht in ihrem Auf- und Abgehen inne, schaute dem Leutnant nur kurz in die Augen. Sunu senkte den Blick. Er hatte erkannt, dass das Schicksal der Wachsoldaten besiegelt war.


Die Verbannung

In den nächsten Tagen schwirrte der Palast vor Gerüchten wie ein Bienenstock. Die Königin hielt sich, vor sich hinbrütend, die meiste Zeit in ihren Gemächern auf. Selbst Sunu bekam sie selten zu Gesicht. Dafür wurde Thut mit und ohne Gefolge sehr oft in Richtung von Gazas Räumen eilend erblickt. Anscheinend hielten die beiden Männer Kriegsrat ab, ob man den Befehl der Herrin beider Länder irgendwie umgehen könnte. Bald wurde jedoch klar, dass sie nichts gegen einen Befehl des Pharao ausrichten konnten. Thuts Wut und Haß auf seine Schwester steigerten sich noch – falls das überhaupt möglich war – in seiner Ohnmacht, seinem Verbündeten nicht helfen zu können. Die Priesterschaft stärkte ihm auch nicht den Rücken, da den Gottesmännern wenig daran lag, ob Gaza oder einer seiner Brüder das Amt des Wesirs bekleidete. So sah sich der zurückgesetzte Thronerbe außerstande zu agieren und bald sah man immer öfter Diener und Lakaien mit verschiedensten Gepäckstücken aus den Gemächern des Wesirs eilen und sie im Hof bereitstellen für den Abtransport.

                *

Für Sunu waren diese Tage die reinste Erholung. Sein Dienst bei der Königin beschränkte sich auf ein Minimum da sie zur Zeit, außer der nicht aufschiebbaren Rechtsprechung im Audienzsaal, kaum Pflichten wahrnahm, welche seine Anwesenheit erforderlich machten. Das hieß nicht, dass er seine Aufgabe vernachlässigte. Er durchstreifte oft den Palast und hatte die Augen überall. Auch Hui, Geb und Tunip hielten für ihn die Ohren offen. Man durfte in der Aufmerksamkeit nie nachlassen; trotzdem blieben ihm jetzt mehr freie Stunden. Seit Gaza abgesetzt war und ein Anschlag seinerseits nutzlos sein würde, musste man ihn nicht mehr gar so streng im Auge behalten. So kam es, das Sunu an einem warmen Abend des fortgeschrittenen Monats Mechir in den Gärten spazieren ging. Er dehnte seinen Ausflug bis zu den Mauern aus, die das Palastgelände umgaben. Dort bestieg er einen Wachturm und blickte nachdenklich auf die Stadt der hundert Tore und ihre fruchtbare Umgebung hinab. Die untergehende Scheibe des Re tauchte die Türme und Obelisken von Theben in goldenes Licht und überall in und um die Stadt sproß das frisch gepflanzte Grün. Alles was nicht, wie die Gärten der begüterteren Bevölkerungsschicht, regelmäßig bewässert wurde, färbte sich während des Niedrigwassers nach dem Monat Mesore, wenn der heiße Kamsinwind darüber hinwegfegte, in tristes Wüstengelb. Jetzt aber, am Ende des Monats Mechir, war die ganze Landschaft ein blühendes Paradies. Die Menschen strömten durch die Gassen auf die Märkte oder saßen im Abendlicht auf den Dachterrassen ihrer Häuser. Selbst die Fellachen konnten, sofern sie nicht zum Bau irgendwelcher Tempel und Gräber eingezogen worden waren, sich ein wenig dem Müßiggang hingeben, solange die Saat am Aufgehen und die Erntezeit noch fern war. Sunu ließ die Augen weiter über die Stadt schweifen und schließlich zurück zum Palastgarten. Er kniff die Augen zusammen. Saß dort nicht an einem Teich... nein, er wandte den Blick zurück auf die Stadt. Wohl hatte er die schlanke Gestalt auch von weitem erkannt, doch was sollte es ihm nutzen, sich ihr zu nähern? Er musste sich solche Träume aus dem Kopf schlagen und seinen Pflichten im Palast nachgehen. Bald würde die, die immer noch zu oft durch seine Gedanken spukte, Thutmosis Frau werden und für ihn von „unantastbar“ zu „unerreichbar“ aufsteigen. Mit verschlossenem Gesicht blieb der Befehlshaber noch eine Weile auf dem Wachturm stehen. Der schöne Mechir-Abend war ihm verleidet. Später ging er durch den Park zurück in Richtung des Palastes. Um den Teich machte er einen großen Bogen.


Mißtrauen

Die Dame Tuja sah die sehnige Gestalt des neuen Befehlshabers von weitem vorbeigehen. Es entging ihr nicht, dass er einen besonders großen Umweg um sie machte. Traurig senkte sie den Kopf. Sie zupfte einen Grashalm vom Rasen auf dem sie kniete und zerknüllte ihn unbewusst, als sie die Hände auf ihr Herz presste. Er misstraute ihr immer noch. Hatte nicht die baldige Verbannung ihres Bruders zu bedeuten, dass er mit den Attentaten zu tun hatte? Wenn es auch niemand offen aussprach, so hatten doch auch sie, als seine Schwester, die Gerüchte erreicht, die dies behaupteten. Sie hob den Blick und sah nachdenklich in die Richtung, in der Sunu verschwunden war. Die Säulen des Palastes schimmerten elfenbeinfarben in der herabsinkenden Dunkelheit und die ersten Diener eilten umher, um die Nachtbeleuchtung zu entzünden. Sicher war es für einen Außenstehenden schwer zu glauben, dass sie als nächste Verwandte keine Ahnung von den Plänen ihres Bruders gehabt hatte, vor allem, da ihr eigener Diener für die Attentate verantwortlich gewesen sein sollte. Würde sie jemals die Gelegenheit haben, sich von den falschen Verdächtigungen die sie umspannen reinzuwaschen? Langsam erhob sie sich und ging durch die sich in der Dämmerung schließenden Blüten der Blumen und die Schatten der den Weg säumenden Bäume zurück zu ihren Gemächern im Harim. Still folgte ihr die Gestalt ihres neuen Dieners.


Das Ende der Macht?

Der Mechir war vorübergegangen, das helle Grün der frischen Saat hatte sich in ein sattes, dunkles verwandelt. Gazas Abreise stand kurz bevor, als der Palast wieder vor Gerüchten überzukochen begann. Der Morgen war noch kaum angebrochen, als Tunip mit dem Frühstück auf einem Tablett in Sunus Gemächer gestürzt kam. Er hatte es so eilig das Mahl hastig auf dem Tisch abzustellen, dass sich die Hälfte der Milch auf den Boden ergoß, aufspritzend von hineinplumpsenden Äpfeln. Sunu saß erst halb bekleidet auf seiner Schlafstatt und verfolgte mit strafend gerunzelter Stirn die Aktivitäten seines Schreibers. Dieser bemerkte den Unwillen seines Vorgesetzten und klaubte die Äpfel vom Boden zurück auf den Tisch, wo sie eine milchige Spur hinterließen. Anschließend kniete er nieder und wischte mit einem Zipfel seines Schurzes die Milch auf. Erst dies brachte Sunu wirklich zum Staunen, da der sonst so eitle Tunip ohne nachzudenken seine hochgeheiligte Kleidung beschmutzte. „Was ist denn los?!“ Fragte der Befehlshaber seinen Diener. „Ist Krieg?“ Beleidigt zog Tunip einen Schmollmund, konnte seine Neuigkeiten jedoch nicht lange zurückhalten und setzte sich schwungvoll auf die Liege neben seinem Vorgesetzten. „Sie wird ihn heiraten!“ Rief er, heftig mit den milchverschmierten Händen gestikulierend. Der Schreck fuhr Sunu für einen Moment in die Glieder doch gleich erkannte er dass die Heirat, die sein Herz zu Unrecht kurz zum Stillstand gebacht hatte, nicht gemeint sein konnte. Würde Thut die Dame Tuja ehelichen, wäre dies im Palast nicht wirklich der Rede wert. Es musste sich also um etwas weit Sensationelleres handeln als dies. Sunu packte Tunip grob an der Schulter: „Nun sprich schon, Mann!“ Rief er, obwohl er die Botschaft schon kannte, die der Schreiber ihm mitteilen würde. „Aua!“ Schrie Tunip und wischte Sunus Hand von seiner Schulter, beleidigt den Abdruck seiner Finger betrachtend, die sich unabsichtlich fest in das makellose Fleisch gegraben hatten. „Ich sag`s ja schon.... Die Königin, Hatschepsut, sie heiratet den blöden Thut....“ er unterbrach sich hastig und fuhr leiser fort: „Ich meine, die Herrin beider Länder heiratet den hochedlen Horus im Nest Thutmosis II.“ Sunu ließ den Kopf sinken. Eine mit Hilflosigkeit vermischte trostlose Traurigkeit überkam ihn. Also war es soweit: die Tochter des Amun würde einen Teil ihrer so hart erkämpften Freiheit opfern, um weiteren Intrigen und Anschlägen zu entgehen und die Priesterschaft sowie das Volk zufriedenzustellen. Sie würde einen Teil ihrer gottgegebenen Macht abgeben, um ihren machthungrigen Bruder für eine Weile zu besänftigen; wenigstens so lange, bis ihm ein wenig Macht nicht mehr genügen würde. Gewiß würde die Herrin beider Länder weiterhin versuchen die Fäden in der Hand zu behalten und den Großteil der Politik selbst abzuwickeln. Am Anfang würde Thut auch zufrieden sein, mit seinem doch relativ unerwarteten Aufstieg zu höchster Position und würde feiern, seine Frauen beglücken und ein paar Feldzüge absolvieren um vor dem Volk als Held zu glänzen. Früh genug würden aber wohl die gierigen Priester ihm den Floh ins Ohr setzen, daß er „ganz“ Kemet beherrschen musste um Pharao – und nicht nur das Spielzeug seiner klugen Halbschwester zu sein. Daß nur ein anderer Spieler das Spielzeug manipulieren würde, soweit würde der junge Thutmosis II nicht denken. Eine Aera schien zu Ende zu gehen. Sunu erhob sich schweigend, zog sich vollends an und verließ mit schweren Schritten das Gemach. Er wandelte eine Weile wie in Trance durch die Gänge des Palastes, durchquerte irgendwann den Sonnensaal, in dem er das erst Mal ein richtiges Fest erlebt hatte mit seiner Herrin als glänzendem Mittelpunkt. Durch die Säulen trat er hinaus in den Garten. Die Wachen sahen dem stillen Mann verwundert hinterher. Wie von einer fremden Macht gelenkt wandten sich seine Schritte unbewusst dem einen Teich zu. Er nahm nicht die zwitschernden Vögel um sich wahr, nicht die Pracht der in voller Blüte stehenden Pflanzen. Er blieb erst stehen, als die Zweige der Weiden des Teiches sein Gesicht streiften. Wie erwachend sah er sich um. Die Sonnenscheibe erhob sich eben erst über den Horizont und schickte kupferfarbenen Glanz über die Wasserfläche. Leichter Morgennebel stieg vom Teich auf und ringelte sich um die Stämme der Bäume. Sunu ließ sich auf das feuchte Gras sinken und stützte die Ellbogen auf die angewinkelten Knie. Er hob seine Hände vors Gesicht und überlegte, wem diese Hände, dieser Körper mit seinen kampferprobten Muskeln, dieser kämpferische Geist wohl in Zukunft dienen würden? Würde es seine Herrin von ihm verlangen, so würde er auch ihren Bruder akzeptieren. Zu stark war seine Treue und Bewunderung für die Herrin beider Länder in den letzten Monaten gewachsen. Er würde sie weiterhin schützen, ihr zu Diensten sein und zumindest seine Loyalität wenn auch nicht seine Sympathie gezwungenermaßen auf Thutmosis II ausweiten. Erschrocken zuckte Sunu zusammen, etwas hatte sanft seinen Handrücken berührt. Er nahm langsam die Hände zur Seite und sah in das von ihm so heiß begehrte und doch zurückgewiesene Gesicht. In seinen Träumen hatte sie ihn verfolgt, doch jetzt kniete sie wahrhaftig vor ihm und sah ihn fragend mit ihren goldenen Augen an. Wie eine überirdische Aura umfloß sie das Morgenlicht. Ihre Haare umwogten wie eine weiche dunkle Wolke die Schultern, das gelbe Gewand lag in zerfließenden Falten um ihre schlanken Glieder. Plötzlich bedurfte es keiner Frage mehr und – im sich hebenden Morgennebel und, von den hängenden Zweigen der Weiden nahezu unsichtbar gemacht, lagen sich die zwei einsamen Menschen in den Armen und küssten sich in sehnsüchtiger Verzweiflung.


Gefährliche Lauschaktion

Lange konnte die Dame Tuja ihrem neuesten Wachhund nicht entkommen. Als sie ein Knirschen auf dem nahen Kiesweg wahrnahm, löste sie sich sanft aus den Armen des Befehlshaberst, stand auf und verschwand zwischen den dunstumflossenen Bäumen. Gerade rechtzeitig erreichte sie den Weg. Ihr „Schatten“ kam bereits suchend um sich blickend näher. Sich ihrer mangelnden Freiheit einmal mehr bewusst, entfernte sie sich vom Teich und ging zurück in Richtung des Palastes und des angrenzenden Harims. Trotz aller Widrigkeiten stahl sich ein seliges Lächeln um ihre Lippen, dass nicht mehr weichen wollte. Es wurde erst vertrieben, als sie ganz unabsichtlich ein Gespräch belauschte, dass leicht über ihr künftiges Schicksal entscheiden konnte: sie hatte soeben durch eine kleine Seitenpforte ihren privaten Garten betreten, um durch diesen ihre Harimsgemächer zu erreichen, als sie plötzlich innehielt. Leise Stimmen drangen an ihr Ohr und diese Stimmen kannte sie. Sie schaute sich nach ihrem Diener um, doch dieser war verschwunden. Der Harim war normalerweise von Eunuchen gut bewacht, so dass ihn die „normalen“ Diener nicht zu betreten brauchten. Vorsichtig ging Tuja ein paar Schritte zurück, bis zu der kleinen Tür. Sie öffnete diese einen winzigen Spalt und spähte hinaus. Tatsächlich erblickte sie zwei bekannte Gestalten, die sich überaus heimlich im Schatten der Mauer nur ein paar Fuß entfernt unterhielten. Tuja wollte schon die Pforte wieder schließen als ein Name fiel, der sie aufhorchen ließ. Ihr Bruder und Thutmosis II unterhielten sich über die Herrin Hatschepsut. Hin– und hergerissen zwischen Neugier und Angst vor Entdeckung zögerte Tuja die Türe wieder zu schließen. Und wenn ein neues Mordkomplott geschmiedet wurde? War es nicht ihre Pflicht, es herauszufinden und die Herrin beider Länder zu warnen, auch wenn es sich bei den vermeintlichen Verschwörern um ihren künftigen Gemahl und ihren Bruder handelte? Trotzdem Tuja beim Adel aufgewachsen war und ihr Hofintrigen nicht fremd waren, hatte sie selbst es immer mit der Ehrlichkeit gehalten. Lug– und Trug lagen ihr nicht. Entschlossen legte sie ihr Ohr an den Spalt zwischen Tür und Mauer. „Wenn ich das Land schon verlassen muß, werde ich das gewiß nicht mit leeren Händen tun.“ Hörte sie die gepreßte Stimme ihres Bruders. Thutmosis II antwortete abbittend: „Ich konnte deine Verbannung nicht verhindern. Hätte sie dir etwas nachweisen können, wäre es dir wesentlich schlimmer ergangen – immerhin hast du drei Anschläge.....“ „Pssst, nicht so laut; oder willst du, dass man uns doch noch auf die Schliche kommt?“ Wieder die Stimme Gazas. „Jedenfalls muß ich dich anscheinend aufklären.“ Zischte er. „Lediglich zwei Anschläge auf die Königin gehen auf mein Konto. Die auf den Diener und den Leutnant zählen nicht wirklich und der im Audienzsaal.....“ seine Stimme hatte sich höhnisch gesenkt, „auf wessen Rechnung dieser stümperhafte Versuch geht, wissen wir beide gut genug. Nur weil du deine Ungeduld den Thron zu besteigen nicht bezähmen konntest.“ Tuja hielt die Luft an vor Entsetzen, also stimmten die Gerüchte; schlimmer noch, der eigene Halbbruder Hatschepsuts war in die Mordanschläge verwickelt und ihr Bruder, Gaza, versuchte den künftigen Pharao von Ägypten zu erpressen! Die leise drängende Stimme des Wesirs drang wieder an ihr Ohr: „Horus im Nest wirst du nicht mehr lange sein, bald bist du Pharao und die Angst der Königin vor weiteren „Unannehmlichkeiten“ hat ihre Entscheidung dich zu heiraten deutlich beschleunigt. Ohne meine Hilfe würde sie dich womöglich noch Jahre lang hinhalten....also habe ich mir doch eine Belohnung verdient!“ Thut stieß eine Art Knurren aus, flüsterte dann jedoch: „Also gut, du sollst deinen Lohn erhalten. Zum Glück wirst du mir ja hinterher nicht mehr unter die Augen kommen. Sei froh, dass ich noch nicht alle Hebel in Bewegung setzten kann, sonst würdest du dieses Land in einem Sarkophag verlassen, nachdem du deinen eigentlichen Auftrag gründlich versaut hast.“ Die Dame Tuja war wie gelähmt von dem Schrecklichen, was sie mit angehört hatte. Die Gedanken überschlugen sich in ihrem Kopf. Sie musste unbedingt dafür sorgen dass die Königin erfuhr, wer ihre Gegner waren, und dass ihr künftiger Ehemann und Pharao mit dem Missetäter unter einer Decke steckte. Am besten würde sie eine Dienerin zu Sunu schicken und um ein geheimes Treffen bitten. Er würde wissen, was zu tun war. Plötzlich wurde ihr die Stille bewusst. Kein Flüstern mehr, keine Stimmen. Sie hatte ohnehin mehr als genug gehört. Sanft drückte sie gegen die Tür, um sie zu schließen. Doch ehe sie sie ins Schloß drücken konnte flog diese auf, die Dame Tuja zu Boden schleudernd, und mit wütend verzerrtem Gesicht stürzte Gaza in den Garten. „Mein eigen Fleisch und Blut fällt mir in den Rücken!“ Zischte er gefährlich leise. Er blickte sich um, konnte zu seiner Zufriedenheit jedoch keine unerwünschten Zeugen entdecken. Grob riß er seine Schwester auf die Beine. Hinter seinem Rücken kam vorsichtig mit fragendem Blick das Gesicht von Thutmosis zum Vorschein. „Was jetzt? Sie hat bestimmt alles gehört.“ Eine gewisse Unsicherheit schwang in der Stimme des künftige Pharao mit. „Sie muß verschwinden, für immer.“ Mit fester Stimme besiegelte Gaza das Schicksal von Tuja. „Ich weiß,“ flüsterte Thut, den Wesir abwartend beobachtend, „aber sie ist deine Schwester...“ „Na und, Hatschepsut ist die deine...“ Vielsagend auf den Horus im Nest blickend ließ Gaza den Satz in der Luft hängen. Beide Männer sahen auf die Dame Tuja. Eine rasche Bewegung nahm sie noch wahr, dann wurde ihr schwarz vor Augen. Ihr eigener Bruder hatte sie niedergeschlagen. Zu Tujas Glück hatte keiner der beiden Übeltäter die sich ängstlich hinter einer Säule der Gemächer zusammenkauernde Gestalt ihrer Dienerin bemerkt.

                *

Kein einziger der wenigen Menschen, die so früh schon im Park unterwegs waren, wagte es die beiden hochrangigen Adligen nach der schwach zwischen ihren stützenden Schultern taumelnden Frau zu fragen. War es ja auch kein allzu seltenes Bild, dass die Angehörigen des Hofstaates nach ihren heftigen Festivitäten morgens äußerst geschwächt in ihre Gemächer zurückgebracht wurden. „Wo bringen wir sie hin?“ Fragte Gaza seinen Helfer, als ob es sich um ein Objekt und nicht einen ihm nahestehenden Menschen handele. „Wir müssen sie erst einmal irgendwo sicher unterbringen, bis wir uns überlegt haben, wie wir sie unauffällig loswerden.“ Der nicht ganz so kaltblütige Thut blickte sich immer wieder nervös um, ehe er antwortete: „Es ist mir schon klar, daß wir sie nicht einfach hier im Garten töten und verscharren können. Ich weiß nicht weit weg von hier einen alten Wachturm, der nicht mehr benutzt wird. Er ist unterkellert und der Raum ist fensterlos und mit einer dicken Holztür verschlossen. Als Kind habe ich oft dort in der Nähe gespielt. Wir sperren sie dort ein und lassen uns dann etwas einfallen.“ Zielstrebig schlug Thutmosis II die Richtung ein, in der er den „Kerker“ für ihr Opfer wusste. Es lag dem jungen Prinzen nicht, selbst Hand anzulegen. Sobald seine unliebsame Lauscherin eingesperrt war, würde er sich nicht mehr selber die Hände schmutzig machen. Nein, er würde sein Gold und seine Macht nutzen und jemanden finden, der das für ihn unauffällig erledigte, falls es nicht ihr Bruder selbst übernahm. Kaltblütig genug war Gaza auf jeden Fall. Kurz blitzte der Gedanke in Thut auf, dass es eigentlich schade um die schöne Frau war, aber für ihn war sie ein Nichts, jederzeit durch eine andere ersetzbar.

                *

Die folgenden Tage und Nächte entfiel sie nahezu seinem Gedächtnis; vielleicht würde sich das Problem ja von ganz alleine lösen und Tuja würde verhungern, verdursten oder an den Folgen des Hiebes ihres Bruders sterben. Er war viel zu abgelenkt um darüber nachzudenken. Schließlich war er damit beschäftigt seinen Triumph zu feiern, Gazas Abreise zu beobachten und mit besitzergreifenden Augen die Herrin beider Länder zu betrachten. Hatte er sie bisher auch aus verständlichen Gründen abgelehnt, so konnte er doch nicht abstreiten, dass sie eine sehr begehrenswerte Frau und eine faszinierende Persönlichkeit war. Sie zu besitzen – in jeglichem Sinne – würde eine Herausforderung sein. Als seine Gemahlin würde sie ihm nichts was er ernsthaft forderte verweigern können.

                *

Hatschepsut hatte ihre selbstauferlegte Zurückgezogenheit aufgegeben und begann nun eine hektische Betriebsamkeit zu entwickeln. Die Krönungszeremonie, einhergehend mit der Trauung, musste vorbereitet werden. Sie traf sich öfters mit Thut, um sich mit ihm über den Ablauf der Feierlichkeiten zu unterhalten. Das Ganze sollte in althergebrachter Tradition im Amuntempel von Karnak stattfinden. Es würde ein riesiger Festakt werden und es gab viel zu planen. Ganz nebenbei beobachtete sie mit wachsamem Blick ihren Bruder und versuchte hinter sein ewiges Lächeln zu blicken. Irgendetwas schien ihn zu beunruhigen. Die Herrin beider Länder bemerkte des öfteren ein leichtes nervöses Zucken um seine Augen. Jedenfalls, so dachte sie, würde es nicht schaden ihren künftigen Ehemann weiterhin im Auge zu behalten. Natürlich kannte sie ihn schon seit er auf der Welt war. Allerdings trennte sich nach der schulischen Grundausbildung der Weg der Mädchen und Buben und sie hatte ihn, obwohl sie Halbgeschwister waren, nie richtig kennengelernt. Für sie war er ein etwas zurückhaltender schlaksiger Junge gewesen, keiner näheren Betrachtung wert. Wie hätte sie auch damit rechnen sollen, dass sie von ihrem Vater zur göttlichen Gemahlin und Regentin erhoben werden würde, nachdem er ihren Bruder für unfähig erachtet hatte? Wie hätte sie erahnen können, dass sie nach ihres Vaters Tod einer Ehe mit ihrem an allem außer Festen und Frauen desinteressierten Bruder ins Auge würde fassen müssen? Nun gab es jedenfalls kein Zurück mehr und sie versuchte, ihm so freundlich wie möglich zu begegnen. An die Zeit nach der Eheschließung versuchte sie so wenig Gedanken wie möglich zu verschwenden. Sie wollte nicht daran denken, dass es auch sehr private Dinge gab, die sie als königliche Gemahlin ihrem Mann, dem Pharao, nicht verweigern durfte. Oft mied sie den fragenden Blick Senmuts, was diesen kränkte und ihn sich zurückziehen ließ, aber sie konnte und wollte momentan nicht über die Folgen ihrer Hochzeit nachgrübeln oder reden. Weitaus öfter als mit ihrem Bruder traf sie sich jedoch zu dieser Zeit mit ihren Vertrauten. Fast jeden Tag wurden Senmut, Sunu, Geb und Hui in einen kleinen privaten Audienzraum zitiert. Die Königin musste sich ihrer Loyalität sicher sein um, auch nach ihrer Eheschließung mit Thut, die wichtigsten Regierungsgeschäfte in der Hand behalten zu können. Ihre Getreuen und sie tüftelten Pläne aus, wie sie den künftigen Pharao vom Hof und der Politik fernhalten konnten. Man würde ihn drängen, ein paar harmlose Feldzüge zu leiten, ihn mit Festen und Frauen beschäftigen. Sicher wussten sie alle, dass das nur die Frist verlängern würde bis die Priester und Thutmosis II Hatschepsut in den Hintergrund drängten. Sie waren mit der friedlichen Politik der Herrin beider Länder nicht zufrieden und lechzten danach, gewisse Landstriche zurückzuerobern um mehr Gold und Steuern zu erhalten. Sunu hielt sich meist als stiller Beobachter im Hintergrund. Dabei fiel ihm der leidvolle Blick des Architekten und Schatzmeisters des öfteren auf. Was mochte es für ihn bedeuten, die Herrin beider Länder bald in den Händen des wankelmütigen Thutmosis zu wissen? War sie für ihn, trotz der Sunu aufgefallenen verborgenen Zärtlichkeit, immer die Göttin geblieben? Oder..... Sunu schüttelte den Kopf, diese Gedanken waren nahezu ketzerisch gegenüber seiner Herrin, der göttlichen Hatschepsut. Trotzdem fühlte er mit Senmut. Erging es dem Mann doch ähnlich wie ihm. Es waren Tage vergangen, seitdem er die Dame Tuja am Teich getroffen hatte und doch brannte ihr Kuß noch immer auf seinen Lippen. Auch er wusste, dass sie für ihn unerreichbar war und sehnte sich trotz alledem nach ihrem Anblick, nach einer winzigen Berührung. Immer öfter war er in seiner momentan spärlichen Freizeit durch den Park geeilt und hatte sie doch nie angetroffen. Gaza war inzwischen abgereist und Sunu befürchtete schon, dass Thutmosis II in Aussicht auf seinen göttlichen Posten, das Interesse an der Prinzessin verloren und sie mit ihrem Bruder weggeschickt hatte. Er hatte Tunip angetrieben und durch Palast und Umgebung gehetzt, auf der Suche nach Tuja oder ihrer Dienerin, bisher ohne Erfolg. Es herrschte zuviel Hektik, als dass das Fehlen einer einzelnen Person wirklich auffallen würde. Und wenn es in Tujas Fall so wäre, würde wohl jeder annehmen, dass sie mit ihrem Bruder verschwunden sei. Der Trubel der Vorbereitungen für die Krönung rissen den gesamten Hofstaat in einen festlichen Taumel. Hatten doch insgeheim auch die meisten Adligen auf einen männlichen Pharao spekuliert der durch Eroberungsfeldzüge den Reichtum Kemets wieder erhöhte und nun würde ihr heimlicher Wunsch in Erfüllung gehen. Es würde noch eine Weile dauern, ehe die aufwändigen Zeremonien und Prozessionen in die Wege geleitet werden konnten, aber im Palast begann ein Fest das andere abzulösen. Sunu interessierte sich nicht für den Umtrieb um ihn herum, er machte sich immer größere Sorgen um Tuja. Es war jetzt schon fünf Tage her, seit er sie zuletzt gesehen hatte. Über Hui hatte er inzwischen erfahren, dass sie nicht mit ihrem Bruder abgereist war. Hui musste es wissen, hatte er doch die Karawane des Wesirs mit einer Eskorte weit in die Wüste hinter Theben hineinbegleitet. Die Königin wollte sichergehen, dass ihr Gegner nicht einfach kehrtmachte und irgendwo in der Stadt der hundert Tore untertauchte.


Verzweifelt vermisst

Sunu saß im Licht der sinkenden Sonnenscheibe im Palastgarten auf einer Bank. Im leichten Abendwind bewegten sich die Zweige der Tamariskenbäume die ihn umstanden und er fühlte eine größer werdende Leere im Inneren. Immer mehr hegte er den Verdacht, dass Tuja nicht mehr lebte. Vielleicht hatte sie doch mehr über die Attentate gewusst, als ihr guttat und man hatte sie für immer zum Schweigen gebracht? Sie nie wiederzusehen schien ein Loch in sein Herz zu brennen. Er hatte sich noch nie seinen Gefühlen so ausgeliefert gefühlt, hatte immer gedacht alles unter Kontrolle zu haben; aber nun schien sich sein Leben in ein Chaos zu verwandeln: seine verehrte Herrin begann ihre Macht zu verlieren, ein wankelmütiger Junge würde sein geliebtes Kemet regieren und die lange bekämpfte neue Liebe seines Lebens war verschwunden. Mit leerem Blick starrte der Befehlshaber auf die roten und lilafarbenen Streifen, welche die untergehende Sonne am Horizont hinterließ. Da, ein Rascheln im Gebüsch. Seine Reaktion ließ ihn auch in seinem desolaten Seelenzustand nicht im Stich. Blitzschnell war er auf den Beinen, den Dolch in der Hand. „Nicht, Herr, ich bin`s nur, Tunip.“ Mit abwehrend erhobenen Händen erhob sich der junge Mann hinter einem Orchideenstrauch. Als er das Erkennen in Sunus Augen sah, kam er auf ihn zugehastet und begann, ihn wild an der Schulter rüttelnd, zu flüstern: „Ich habe etwas erfahren...ich habe etwas erfahren! Etwas Schreckliches und schrecklich wichtig ist es auch... “ Sunu machte sich von Tunips Hand frei und umklammerte seinerseits die Schultern des Schreibers. Er versuchte ruhig zu bleiben und sprach sanft auf ihn ein: „Beruhige dich, ich bitte dich...und dann sag mir um Himmels Willen, um was es geht, Mann!“ Als Sunu Tunips Schultern losließ, ließ dieser sich mit einem Seufzer auf die Bank plumpsen. „Herr, es geht um die Dame Tuja...“ Sunu riß ihn grob wieder auf die Beine. „Was ist mit ihr? Ist sie tot? Ist sie gefangen? Lebt sie noch?“ Die Worte des Befehlshabers überschlugen sich fast, seine obligatorische Beherrschung war dahin. Tunip schlug ihm auf die Hände und rief wütend: „So laß mich doch los, ich erzähl`s dir ja.“ Peinlich berührt ließ Sunu seinen Untergebenen los. Wie oft er im Leben die Beherrschung verloren hatte konnte man an einer Hand abzählen. Er versuchte seine innere Ruhe wiederzuerlangen und zwang sich, sich ruhig auf die Bank zu setzen. Tunip ließ sich ebenfalls wieder nieder und sagte leise: „Hörst du jetzt auf, dich wie einer von Seths Dämonen zu benehmen? Ich denke nicht dass es gut wäre, wenn jemand uns belauscht. Was denkst du, warum ich wie ein Wurm durchs Gebüsch gekrochen bin? Nur damit wir in Ruhe reden können. Im Palast weiß man ja nie... selbst in den eigenen Gemächern.“ Tunip blickte sich noch einmal forschend um und schien mit der Umgebung zufrieden zu sein. „Also. Ich habe dir doch einmal von der hübschen Dienerin der Dame Tuja erzählt, sie heißt übrigens Nefer?“ Sunu nickte ungeduldig und machte seinem Schreiber eine Geste fortzufahren. „Nun ich habe mich schon gewundert, dass ich sie tagelang nicht gesehen habe. Jetzt weiß ich den Grund. Sie hat sich bei einer Verwandten hier auf dem Palastgelände versteckt, weil sie etwas Unglaubliches und für sie sehr Gefährliches beobachtet hat. Aus lauter Angst traute sie sich seither nicht aus dem Gemach ihrer Tante, die in der Küche des Tempels arbeitet. Als ich heute aber zum wiederholten Male das ganze Palastareal durchstreifte, hatte sie sich hinter einer Mauer verborgen und mich abgepasst. Sie konnte und wollte nicht mehr schweigen. Sie hat mir in äußerster Hast erzählt dass sie gesehen hat, wie Thutmosis II und Gaza ihre Herrin niedergeschlagen und weggeschleppt haben. Leider konnte sie mir nur dich Richtung angeben, in der sie verschwunden sind, da sie ihnen aus Angst nicht folgen wollte.“ Sunu war bei den letzten Worten Tunips aufgesprungen und eilte in langen Schritten dem Palast zu. Tunip stolperte in der Hast sich zu erheben und seinem Herrn hinterherzujagen. Der zierliche Schreiber hatte alle Mühe den langbeinigen sehnigen Befehlshaber einzuholen. Er hängte sich an dessen Arm und redete drängend auf ihn ein, im verzweifelten Versuch ihn zu bremsen: „Herr, wo willst du hin?“ Sunu knurrte: „In den Palast, diesem Hurensohn von Thut den Hals umdrehen, was ich schon längst hätte tun sollen.“ Tunip stemmte die Füße in den Boden und zog an Sunus Schulter. „Herr,“ er redete wie zu einem unvernünftigen Kind, während seine Füße über den Boden geschleift wurden, „Herr, du kannst nicht den künftigen Pharao töten – und wenn du es tust, dann weißt du doch immer noch nicht, was mit der Dame Tuja ist, oder?“ Sein Reden schien zu wirken, die Schritte Sunus verlangsamten sich und schließlich blieb er nachdenklich stehen. Seine Schultern fielen nach vorn und zum ersten Male erschien er seinem Schreiber hilflos. „Herr, komm mit in deine Gemächer. Wir müssen beratschlagen, was zu tun ist.“ Willenlos ließ sich der große Mann von seinem jungenhaften Untergebenen wegführen.

                *

Es hatte nicht lange gedauert und Sunu hatte wieder zu seiner alten Selbstsicherheit zurückgefunden. Sobald er seine Gemächer erreicht hatte, begann er zu planen, was zu geschehen hatte. Er beschloß die Königin aus seiner Suche herauszuhalten, bis er wusste um was es sich bei der ganzen Aktion handelte. Er ließ sich von Nefer die Richtung beschreiben, in der die Missetäter ihr Opfer geschleppt hatten. Danach suchte er nacheinander Hui, Geb und auch den Architekten Senmut auf. Er informierte sie über das Verschwinden der Dame Tuja, über die Beobachtungen der Dienerin und bat sie vorübergehend um Stillschweigen. Danach ließ er ein paar ihm untergebene Medjay in seine Gemächer kommen, denen er vertraute. Diese schickte er aus, um herauszufinden, wo man im Palastgarten in der vermuteten Richtung eine Person unbemerkt verschwinden lassen konnte. Ach er selbst beteiligte sich an der Suche, war wahrscheinlich der eifrigste Beteiligte.


Eingeschlossen

Es herrschte völlige Finsternis um sie herum. Sie wusste nicht mehr, wie lange sie sich schon in ihrem Verließ befand, konnte sie doch hier in der feuchten Dunkelheit Tag und Nacht nicht unterscheiden. Ihr Magen hatte schon lang aufgehört zu knurren, nur ein dumpfer Schmerz erinnerte sie an den nagenden Hunger. Sie hatte in ihrer Verzweiflung die Wände ein ums andere Mal abgetastet, sich dabei die Nägel abgerissen und die Finger blutig gekratzt. Sie hatte wohl die Bohlen einer Tür gegen die Mauersteine unterschieden, doch alles Rütteln und dagegen Anrennen hatte die massive Pforte nicht bewegt. Wenigstens musste sie nicht verdursten; die feuchten Mauern bildeten immer wieder Tropfen und kleine Rinnsale, die sie angewidert aber ums Überleben kämpfend ableckte. Ihr Kopf schmerzte aber die Wunde, die ihr Bruder ihr zugefügt hatte, begann zu verheilen. Die erste Zeit in ihrem Gefängnis hatte sie in einem Dämmerzustand zwischen Ohnmacht und kurzen Wachphasen verbracht, doch langsam klärte sich trotz Hunger und Durst ihr Verstand. Vielleicht auch, da sie mit steigender Klarheit die Nähe des Todes erkannte? In unregelmäßigen Abständen suchte sie die Tür und begann mit wunden Händen dagegen zu hämmern und um Hilfe zu rufen, doch langsam wurden ihre Arme schwach und ihre Stimme heiser. Verzweifelt ließ sich die Dame Tuja an den hölzernen Bohlen zu Boden gleiten und bedeckte ihr Gesicht mit den zerschundenen Händen.


Die Wende und eine Befreiung

Die Nacht vor der Wende war angebrochen. Morgen in aller Frühe würden die Zeremonien beginnen. Zum ersten Male würde Thutmosis II seine Schwester bei dem heiligen Reinigungsritual im Tempel Amuns im Allerheiligste ablösen dürfen, da er am selben Tag noch Pharao werden würde. Sunu hatte seine Gemächer aufgesucht und sich einen Krug Wein bringen lassen. Zehn Tage schon waren vergangen, seit die Dame Tuja verschwunden war. Die kurz aufgeflackerte Hoffnung sie doch noch zu finden war nahezu verblasst. Der Befehlshaber war allein, seine Pflichten für diesen Tag erledigt. Schließlich war nun, da seine Herrin sich mit einem Feind vermählte und den anderen des Landes verbannt hatte, für ihn auch nicht mehr so viel zu tun. Eben schenkte er sich den dritten Becher Wein voll – die ersten beiden hatte er, ganz gegen seine Gewohnheit, in einen Zug geleert – da klopfte es nachdrücklich an seine Tür. Sunu knurrte eine Zustimmung, seine Laune war unbeschreiblich. Vorsichtig streckte Hui seinen schwarzen Kopf durch die halbgeöffnete Tür und flüsterte: „Leutnant, leg deine weibischen Launen ab und komm.“ Abrupt setzte der Befehlshaber seinen Becher ab und erhob sich. Am Blick des Leibwächters hatte er sofort erkannt, dass es sich um etwas Wichtiges handeln musste. Er schlüpfte durch die Tür auf den Gang und schloß sie leise hinter sich. Stumm bedeutete der große Schwarze ihm zu folgen. Sie schlichen durch die Gänge und schlüpften durch eine Seitenpforte hinaus in den Park. Erst dort erklärte Hui, sich vorher gründlich umsehend, sein Erscheinen: „Sunu, ich habe etwas erfahren.“ Flüsterte er. „Wie du weißt, habe auch ich meine Leute angewiesen, die Augen und Ohren aufzuhalten und mir alles Ungewöhnliche mitzuteilen. Also kam heute einer der Palastgärtner zu mir und teilte mir Folgendes mit: Er hatte in der Nähe der äußeren Palastmauer zu tun. Wie du sicher weißt, ist diese in der östlichen Ecke des Gartens noch recht neu, da man das Palastareal vor nicht allzu langer Zeit erweitert hat. Es steht noch ein Teil der alten Mauer. Dort gibt es anscheinend einen Wachturm, der nicht mehr benutzt wird. Nun meinte dieser Gärtner dort irgendwelche unerklärlichen Geräusche, wie Scharren und Wimmern, wahrgenommen zu haben. Natürlich hat er sich nicht näher herangetraut; wie du weißt, meint das einfache Volk bei jedem Windhauch sofort, es handele sich um Dämonen oder Ähnliches.“ Leichte Verachtung für diese armen Leichtgläubigen schwang in der Stimme des Schwarzen mit. Eine steigende Erregung hatte sich Sunus bemächtigt, während er den Worten Huis gelauscht hatte. „Worauf warten wir noch, mein Freund? Mit Sicherheit hast du bereits herausgefunden, wo genau sich der Turm befindet?! Laß uns aufbrechen und nachsehen!“ In seiner Aufregung hatte Sunu laut gesprochen und blitzschnell legte sich die große Hand des Nubiers auf seinen Mund. Sich umblickend legte er den Finger der anderen auf seinen Mund: „Pssssst! Oder willst du, dass Thut von irgendeinem der tausend Lauscher im Palast erfährt, was wir tun und uns womöglich zuvorkommt?“ Sunu nickte und der große Neger nahm seine Hand fort. Der Befehlshaber sah das Grinsen Huis im Dunklen aufblitzen: „Laß uns gehen.“ Er wandte sich vom Palast ab und verschwand im Garten. Sunu beeilte sich, ihm zu folgen. Bald wich die große Gestalt vor ihm von den beleuchteten Wegen ab und folgte verschlungenen Pfaden in Richtung des östlichen Endes des Parks. Sie begegneten wenigen Menschen; die meisten vergnügten sich auf Festen innerhalb des Palastes in Vorfreude auf das morgige Spektakel. Eine leichte Brise trug den Klang von Lauten und Rasseln zu ihnen und ein Käuzchen schien im Takt dazu zu rufen. Je näher sie ihrem Ziel rückten, desto stiller wurde es. Auf den letzten vierzig– fünfzig Fuß begegnete ihnen niemand mehr. Das Käuzchen rief in weiterer Entfernung und die dunklen Bäume raschelten leise in einer leichten Brise. Die Reste der alten Mauer tauchten vor ihnen im schwachen Mondlicht auf. Außer dem Turm und ein paar Bruchstücken der Wand war nichts mehr vorhanden. Man hatte das Meiste abgetragen und für die neue, erweiterte Mauer verwendet. Vorsichtig umrundeten die beiden Männer das Bauwerk, immer wieder Sträuchern und Mauerstücken ausweichend. Nichts war zu hören außer den üblichen nächtlichen Geräuschen. Sunu versuchte in der Dunkelheit, die in diesem Abschnitt des Parks nur von der silbernen Scheibe Chons und den Sternen erhellt wurde irgendeinen Zugang zum Turm zu entdecken. Sich nach Hui umblickend sah er mal wieder dessen weiße Zähne im Finstern aufblitzen. Leise lachend zog er einen länglichen Gegenstand aus seinem breiten Gürtel und wenig später flammte eine Fackel auf. Kopfschüttelnd kam der Hüne auf Sunu zu und fragte immer noch grinsend: „Na, großer Befehlshaber, nicht an Licht gedacht?“ Sunu knuffte ihn in die Seite und murrte: „Nun komm schon, laß uns den Eingang suchen.“ Huis Fackel ließ sie wenig später einen Zugang zum Gemäuer entdecken. Sie mussten sich bücken, um durch das niedere Loch zu schlüpfen. Ein paar unregelmäßige Stufen führten nach unten zu einer massiven Holztür. Suchend ließen die beiden Männer das flackernde Licht der Fackel über die dicken Bohlen gleiten. Wo war der Riegel? Sunu klopfte ungeduldig gegen das Holz... Stille. Er blickte kurz zu Hui, der immer noch nach einer Möglichkeit suchte, die Tür zu öffnen. Wütend hämmerte der Befehlshaber gegen das Hindernis, die Hoffnung auf eine Reaktion schon fast aufgebend. Da, war da nicht ein Kratzen auf der anderen Seite? Mahnend legte er den Finger an die Lippen, auch den Freund zu vollständiger Ruhe anhaltend. Da, tatsächlich, ein kaum wahrnehmbares Geräusch. Fieberhaft suchten sie nun weiter und entdeckten einen schweren Metallriegel ziemlich weit oben an der Tür. Mit vereinten Kräften schoben sie ihn zur Seite und steckten ihre Dolche in die Ritze, um die schwere Holzpforte nach außen zu ziehen. Als sie endlich ächzend über den unebenen Boden glitt, taumelte ihnen eine schmale Gestalt entgegen. Sunu konnte eben noch die Arme ausbreiten um sie aufzufangen bevor sie zusammensank. Hui hob die Fackel und Mitleid malte sich auf seinen Zügen ab, als er die abgezehrte Frau näher betrachtete. Ihre Gewänder waren schmutzig und zerrissen, ihre fleckigen Wangen eingefallen. Das einst prächtige Haar hing in feuchten Strähnen um das blasse Gesicht. Die Glieder waren mager und die Hände blutig. Mitfühlend schaute er auf Sunu, der keinen Blick von der auf seinen Armen Ruhenden nehmend, vorsichtig die Stufen nach oben erklomm. Hoffentlich würde die adlige Dame die ihr angetane Tortur überleben. Hui war sich dessen durchaus nicht sicher. Er beleuchtete den Boden für Sunu, damit er mit seiner leichten Last nicht stolperte; als dieser jedoch ohne zu überlegen den Weg zum Palast einschlagen wollte, hielt er ihn sanft an der Schulter zurück. „Wohin willst du mit ihr gehen?“ Fragend wandte der Befehlshaber den Blick, der bisher unverwandt auf dem bleichen Gesicht Tujas geruht hatte, dem Leibwächter zu. „Überlege doch, willst du sie wirklich in den Palast bringen?“ Endlich schien Sunu sich seiner Umgebung wieder bewusst zu werden. Und mit fester Stimme antwortete er: „Natürlich nicht. Du hast recht, Hui, dort wäre sie in unmittelbarer Gefahr. Würde Thut herausfinden dass sie noch lebt, würde er sofort etwas in die Wege leiten, um sie endgültig beiseite zu schaffen, ist sie doch die einzige Zeugin für sein unheiliges Bündnis mit Gaza. Aber wohin sollen wir sie bringen? Außer im Palast kenne ich in Theben keinen Menschen.“ Wie so oft sah der Befehlshaber die Zähne des Negers aufblitzen: „Ich hab da so eine Idee.“

                *

Nicht einmal die ersten Strahlen Res hatten den Weg zum noch dunklen Himmel gefunden, als Hui und Sunu sich auf den Weg zu ihrer Herrin machten. Von Angst und Fieber geschüttelt hatte die Dame Tuja auf Sunus Armen von ihrem Erlebnis berichtet. Auch wenn sie sich immer wieder unterbrochen und einiges wiederholt gestammelt hatte, so konnten Sunu und Hui sich doch ein ziemlich genaues Bild von den Umständen machen, die zu ihrer Entführung geführt hatten. Nachdem sie also die Dame Tuja in Sicherheit gebracht hatten, musste ihr nächsten Weg zur Herrin beider Länder führen, um ihr Bericht zu erstatten. Die Wachen vor der Tür ihrer Gemächer waren mehr als überrascht, zu dieser unüblichen Stunde den Befehlshaber nebst Leibwächter um Zutritt bitten zu hören. Es dauerte eine geraume Weile, bis eine Dienerin auf wiederholtes Anklopfen öffnete und verschlafen nach dem Grund der unverschämten Störung fragte. Der Wachsoldat flüsterte ihr etwas zu und sie verschwand im Zimmer. Es verging noch eine ganze Weile, ehe sich die Tür wieder öffnete und die Dienerin sie hereinwinkte. Hatschepsut saß an ihrem üblichen Platz vor dem Spiegel und zupfte ungeduldig einen durchscheinenden Überwurf zurecht, den sie eilig angezogen hatte. Ihr Haar war zerzaust und ihr Gesicht von mangelndem Schlaf gezeichnet. Sich den beiden Männern zuwendend murrte sie: „Ich hoffe, ihr habt einen guten Grund mich am Morgen meines Unterganges noch früher aus dem Bett zu werfen, als es eh schon sein muß?“ Hui und Sunu hatten sich zu Boden geworfen und hoben nun die Köpfe. „Herrin, wenn es nicht dringend wäre, hätten wir es nie gewagt...“ Ungeduldig winkte sie ihnen aufzustehen. „Also gut, was ist so Weltbewegendes geschehen, dass ihr es wagt, meinen Zorn auf euch zu ziehen?“ Ungeduldig tippte sie mit dem nackten Fuß auf den Boden. „Herrin, vielleicht solltest du auch Geb und Senmut hinzubitten; ich denke es geht um eine Sache, die wirklich – wie du es so schön gesagt hast – weltbewegend ist.“ Sunu sah sie ernst an und Hui nickte dazu. Überrascht sah die Königin von einem zum anderen, schickte dann aber ohne weitere Fragen ihre Dienerin, um die beiden anderen zu holen. Wenig später, inzwischen ging die Herrin beider Länder unruhig im Zimmer auf und ab, betraten die Gesuchten den Raum. Senmut sowie Geb sah man die Hast an, in der sie dem Befehl Hatschepsuts nachgekommen waren, sie waren nicht frisiert und trugen nur einen kurzen Schurz. Die Herrin beider Länder winkte sie stumm herein und deutete auf Hui und Sunu: „Diese beiden haben uns etwas mitzuteilen.“ Auf einen weiteren Wink von ihr begann Sunu zu berichten: „Herrin, wir haben einen deutlichen Hinweis erhalten, dass die Attentate auf dich nicht nur von einer Person ausgegangen sind.“ Er unterbrach sich und holte tief Luft, um ruhig fortfahren zu können. „Vermutet hatte ich es schon vorher, jedoch nicht gewagt, ohne Beweise einen Verdacht auszusprechen. Es tut mir sehr leid dir mitteilen zu müssen dass dein Bruder, der Horus im Nest an dem Komplott beteiligt war.“ Fassungslos hielt Hatschepsut in ihrem Rundgang inne und sah von Hui zu Sunu und wieder zurück. „Seid ihr sicher?“ Man sah der Herrscherin an dass sie, auch wenn sie insgeheim damit gerechnet hatte, doch von der Beteiligung Thutmosis an den Anschlägen schockiert war. „Wenn wir nicht sicher wären, würden wir kein Wort darüber verlieren Herrin.“ Fügte Hui Sunus Worten hinzu. Die Herrin beider Länder setzte ihre ruhelose Wanderung durch den Raum fort. „Wie kommt ihr darauf, es muß euch doch jemand darüber informiert haben, der unmittelbar daran beteiligt war, oder?“ Sunu senkte den Kopf. Er hatte sich vorgenommen – zumindest vorerst – Tuja aus der Sache herauszuhalten. Sie war zu krank und schwach, um als Zeugin hier aufzutreten. „Herrin,“ fuhr er deshalb eindringlich fort, „Vertrau mir noch einmal. Hui und ich bürgen dir mit unserem Leben für die Wahrheit unserer Worte.“ Fragend sah er zu dem großen Schwarzen hinüber; dieser nickte nur stumm. „Es gibt einen Zeugen, Herrin, aber der ist zu dieser Zeit nicht vernehmungsfähig und ich garantiere dir, dass derjenige nur durch Zufall zum Mitwisser geworden ist und dies beinahe mit dem Leben bezahlt hätte.“ Hatschepsut hielt wieder in ihrer Wanderung inne und sah beiden Männern abwechselnd intensiv in die Augen, dann nickte sie. „Also gut, ich will euch noch mal vertrauen. Bisher habt ihr mich nicht enttäuscht. Aber stellt meine Geduld nicht auf eine allzuharte Probe.“ Mit einer ungeduldigen Geste winkte sie alle außer Senmut aus dem Raum. In ihrem erregten Zustand wandte sie sich doch wieder ganz instinktiv demjenigen zu, dem ihr grenzenloses Vertrauen und mehr gehörte. Sie entließ ihre Getreuen mit den Worten: „Geht jetzt. Ich muß mir die ganze Sache durch den Kopf gehen lassen. Morgen heirate ich also meinen potentiellen Mörder.“

                    *

Der nächste Tag brach an und mit ihm begann ganz Theben zu brodeln. Überall in den Straßen in den Villen der Reichen und natürlich auf dem Palastgelände fieberte man der Feier entgegen. Es wimmelte von in– und ausländischen Gästen, Würdenträgern und Abgesandten. Der ganze Hofstaat hatte heute in Sänften oder zu Fuß die Königin und den Horus im Nest zum Tempel von Karnak begleitet, um zu warten, bis sie vom Reinigungsritual im Allerheiligsten zurückkehrten. Das Volk stand entlang der von Sphingen bestandenen Allee um das Spektakel zu beobachten und dem künftigen Pharao und seiner göttlichen Gemahlin zuzujubeln. Der Nil quoll fast über vor lauter großen und kleinen Schiffen besetzt mit Edlen, Neugierigen und einfachem Volk. Schmuckhändler, Straßenkünstler, Imbissstände und fremdländische Besucher mischten sich unter die Menge, einige um Geschäfte zu machen, andere um ihre Neugierde zu befriedigen und einmal öfter die Pracht und die Prächtigen Kemets zu sehen. Endlich, die Re-Scheibe stieg bereits dem Zenit entgegen, wurde der Durchgang zum Amun-Tempel von den Priestern freigegeben und die Menschen strömten durch den ersten Hof und in den riesigen Krönungssaal. Bald war er gefüllt mit Hofstaat und Adligen, die aus den Provinzen angereist waren, um die Feierlichkeiten mitzuerleben. Alle anderen mussten sich mit Blicken durch die Säulen und Tore des Tempels begnügen. Das Volk drängte sich, um einen Blick auf die unermessliche Pracht zu erhaschen: die buntbemalten Säulen, den in Gold und Silber ausgeschmückten Saal, die einander in Pracht und Glamour übertrumpfenden Adligen und alles überstrahlend das königliche Geschwisterpaar. Hinter der Mauer erhoben sich die beiden mit Elektrum überzogenen Obelisken Hatschepsuts, an ihre noch bestehende Macht gemahnend. Die Getreuen hatten sich um die beiden erhöhten Throne eingefunden und erwarteten die als Götter gewandeten Priester, welche die Krönungszeremonie vornehmen würden: Thot, den ibisköpfigen Gott des Wissens, Horus den Falken, Gott des Himmels, Sachmet, die Kriegerische mit dem Löwenhaupt und Seth, den hundeköpfigen Gott des Chaos. Als die dumpfen, eintönigen Phrasen begannen, die die Götter für die Zeremonie herunterbeteten, senkte Sunu den Kopf. Wie ein unverständliches lautes Gewoge von Worten und Sätzen rauschten die Stimmen der Götter in seinen Ohren. Er stand zwischen den anderen Anhängern der Königin und merkte, dass auch diese äußerst bedrückt wirkten. Die Endgültigkeit der Stunde wurde ihm mehr und mehr bewusst...das Ende einer friedlichen, von einer wundervollen Göttin geprägten Ära.

                *

Die göttliche Handlung ging ziemlich verschwommen an Sunu vorüber, da seine Gedanken ganz woanders waren. Nur einmal, als er kurz aus seinen Gedanken aufschreckte, blickte er zu den erhöht stehenden Thronen empor und stellte fest, dass die Augen Hatschepsuts matt schimmerten, wie erloschene Sterne.


Eine gefährliche Zeugin

Noch tagelang nach der Krönung jagte ein Fest im Palast das andere. Thutmosis konnte nicht genug prahlen mit seinem Triumph. Hatschepsut war es zufrieden. Solange er sich bis in die Frühe betrank, kam er nicht auf andere, sie in Abscheu versetzende Gedanken. Natürlich war ihr klar, dass sie nicht auf ewig ihrem Schicksal entkommen konnte, aber jeder gewonnene Tag war ihr ein Trost. Nahezu unbewusst hatte sie die Distanz zwischen sich und Senmut wieder vergrößert, sich vorgaukelnd, dass es auf diese Weise beide nicht so sehr schmerzen würde, wenn sie sich endgültig ihrem Bruder würde ergeben müssen. Vorerst lief für sie der Alltag noch wie immer ab. Sie hielt die morgendliche Reinigungszeremonie ab, da zu dieser Zeit ihr Bruder entweder noch feierte, oder betrunken zu Bett lag. Sie fällte im Haus des Rechts ihre Urteile über größere und kleinere Vergehen und behielt auch die Außenpolitik noch in der Hand. Ihre nächsten Vertrauten und viele der Generäle und hochdekorierten Krieger, die mit ihr schon auf dem Truppenübungsplatz ihre Kämpfe absolviert hatten, hielten ihr die Treue. Dann kam ihr noch ein gütiges Schicksal zupaß, die Hethiter machten einen kleineren Einfall an der Grenze zu Mitanni. Wahrscheinlich glaubten sie, dass Kemet zu beschäftigt sei mit innerpolitischen Neuordnungen, als dass man sich groß mit ihrem Scharmützel befassen würde. Für Hatschepsut jedoch war dies ein Geschenk ihres Göttervaters Amun: konnte sie doch ihr unabänderliches Schicksal wieder eine Weile hinauszögern, indem sie den Bruder mit einem Teil der Armee hinausschickte, um den Angreifer zurückzuschlagen. Thutmosis II konnte nicht ablehnen, ohne seine Anhänger zu enttäuschen und er wusste natürlich auch, dass es ihm nur nutzen konnte, wenn er ruhmbedeckt aus dem Kampf zurückkehren würde. Allerdings musste er zuvor noch etwas Dringendes erledigen.

                *

Es war dunkel, nur die Scheibe Chons und die Sterne erhellten die Nacht. Eine geduckte Gestalt schlich leise durch den von Fackeln erleuchteten Garten. Bald hatte er das östliche Ende erreicht. Hier ließ die Beleuchtung nach und der Garten wurde verwildert und einsam. Thutmosis zog eine der letzten einsamen Fackeln aus dem Boden und betrat mit ihr den verlassenen Gartenabschnitt. Schnell erreichte er den unbenutzten Turm. Er kannte den Park wie seinen Schurz; schließlich hatte er ihn von Kindheit an durchstreift. Thutmosis schlüpfte durch den niederen Durchlass, stieg die Stufen hinab und blieb abrupt stehen. Die dicke Bohlentür stand weit offen. Hastig trat er einen Schritt vor und hielt die Fackel in das enge finstere Gelass. Er atmete hastig und erregt. Tausend Gedanken rasten durch seinen Kopf – das Gefängnis, welches den Schlüssel zu seinem eventuellen Untergang beherbergt hatte, war leer! – .


Eine Zeit der Ruhe

Am nächsten Tag reiste Thutmosis mit ein paar der königlichen Truppen ab. Stolz stand er auf seinem Kampfgefährt und winkte, in prachtvollem Kriegsgewand, dem wartenden Volk zu. Nur wer ganz genau hinschaute, sah einen sorgenvollen Ausdruck in seinen Augen und bemerkte, dass sein ewiges Lächeln verkrampft war. Er hatte die ganze Nacht nachgedacht, doch es war ihm kein Ausweg eingefallen. Er musste unerledigter Dinge in das Scharmützel ziehen. Über die unliebsame Zeugin wussten nur Gaza und er selbst Bescheid. Würde er nun Leute ausschicken, um Tuja zu finden, würden sich unweigerlich Fragen nach dem Warum und Wieso erheben. Auch war er nicht sicher, selbst wenn er vertrauenswürdige Untergebene beauftragen würde, ob die Dame Tuja nicht seine Straftat ausplaudern würde und er dann in die Hand des Häschers geriete. Oft ging die Treue zum Herrn bei genügend Gold schnell verloren und derjenige, der Hatschepsut diese Nachricht überbringen würde, hätte sicher mit einer großzügigen Belohnung zu rechnen. Würde er doch, sollte die Königin nachweislich über seine Tat Bescheid wissen, erpressbar sein und die angestrebte Alleinherrschaft würde für ihn unerreichbar werden. Übernächtigt hatte er sich am Morgen erhoben und sich entschlossen, sobald er vom Kriegszug zurückkehren würde, sich persönlich um diese Angelegenheit zu kümmern.

                *

Als also der junge Pharao den Hof verlassen hatte, kehrte eine trügerische Ruhe ein und es war fast, als ob die alten Zeiten zurückgekehrt wären. In dieser Ruhephase hatte die göttliche Gemahlin wieder mehr Zeit für sich selbst. Daraus resultierte dass auch ihre, in der verzweifelten Zeit bis zur Krönung hinter ihren verwirrten Gefühlen zurückstehende, Neugier auf ihr Umfeld wieder geschärft wurde. So kam es, dass ihr bald auffiel, dass der Befehlshaber Sunu auffällig oft nicht anwesend war. Am Anfang sah sie darüber hinweg, da er ihr immer treu gedient hatte und sie ihm mehrfach ihr Leben schuldete. Sie hatte seit dem verhängnisvollen Bericht über ihren Bruder weder Hui noch Sunu zu weiteren Details gedrängt. Doch irgendwann siegte ihre weibliche Neugierde; auch hatte sie das Gefühl, dass Sunus Unruhe mit seiner Aussage am Krönungsmorgen zusammenhing und sie ließ ihn abends zu sich in ihre privaten Gemächer rufen. Nur Senmut, Hui und Geb waren anwesend. Zögernd betrat der Befehlshaber den Raum. Er konnte sich denken, dass seine häufige Abwesenheit der Königin nicht verborgen geblieben war und dass sie die Zusammenhänge erahnte; nun wartete er ergeben auf ihre Fragen. Sie erhob sich von ihrem Platz vor dem Spiegel und stellte sich vor ihn hin: „Nun, Befehlshaber Sunu, beehrst du deine Königin ausnahmsweise mal mit der Pracht deiner Anwesenheit?“ Hatschepsut schmunzelte, als sie die Vorsicht des Befehlshabers bemerkte. Sunu verbeugte sich steif mit ausgestreckten Händen. „Wenn ich meine Herrin verärgert haben sollte, so bitte ich um Verzeihung.“ „Du darfst dich wieder aufrichten, aber ich verzeihe dir erst, wenn ich weiß, weshalb du mich vernachlässigst. Also sprich!“ Innerlich sich windend blickte Sunu zu ihr hin „Herrin Hatschepsut, ich möchte nicht darüber reden. Es kann ein Leben davon abhängen, dass ich mein Geheimnis bewahre.“ Er warf Hui einen verzweifelten Blick zu. „Dies ist keine Bitte, Befehlshaber Sunu, dies ist ein Befehl deiner Königin.“ Hatschepsuts Stimme war hart geworden. „Keine Ausreden mehr! Was hier im Raum gesprochen wird, bleibt unter den Personen, die hier im Raum sind. Nicht wahr?“ Streng blickte sie von Hui zu Geb und weiter zu Senmut. Alle nickten zu ihren Worten und so blieb Sunu nichts anderes übrig als dem Bericht, den er Hatschepsut am Krönungsmorgen in aller Herrgottsfrühe erstattet hatte, auch noch den Rest hinzuzufügen. Nachdenklich blickte die göttliche Gemahlin noch eine Weile vor sich hin, so als ob sie die eben erfahrenen Details erst ordnen müsste. Dann blitzte Zorn in ihren goldenen Augen auf und sie begann, wie so oft, ihre Erregung in Bewegung umzusetzen. Die verhaltene Wut erkannte man in ihren Schritten, als sie zügig das Zimmer durchmaß. „Die Dame Tuja war also Zeugin dieses für sie äußerst verhängnisvollen Gesprächs zwischen dem Wesir und meinem Bruder. Ich wundere mich immer noch über Thutmosis. Genug Verstand für die Planung eines Anschlages hätte ich ihm schwerlich zugetraut... obwohl...schließlich musste nur ein passender Mörder gedungen werden und man musste darauf achten, dass dieser seinen Auftraggeber nicht verraten konnte. Und, im Endeffekt, war es doch ein plump und überstürzt ausgeführter Akt.“ Hatschepsut schien einfach nur laut ihre Gedanken auszusprechen und niemand unterbrach sie. „Ich frage mich nur, was ihn dazu veranlasst hat, die Dame Tuja einfach in diesem Verließ verschwinden zu lassen, ohne sich um ihre Beseitigung zu kümmern. Nun, wahrscheinlich hat mein bequemer Bruder einfach gehofft, dass sie still und heimlich dort unten sterben würde und ihn weiterer Mühen entheben.“ Sie blieb kurz stehen und wandte sich an Sunu: „Was ist mit der Dame Tuja geschehen; wo ist sie jetzt und wie geht es ihr?“ Sunu blickte sich wieder im Raum um, antwortete dann doch seiner Herrin: „Ich habe die Dame Tuja bei einer Wirtstochter, einer guten Bekannten von Hui, untergebracht.“ Verlegen ließ der große Neger bei den Worten Sunus den Blick über die kunstvoll bemalte Decke des Raumes streifen. Sunu tat so, als ob er dies nicht bemerke, während die anderen mitsamt der Königin ein leichtes Lächeln nicht verkneifen konnten. Der Befehlshaber fuhr fort zu sprechen: „Es geht der Dame Tuja bereits viel besser, Majestät, sie war einfach nur geschwächt vor Hunger und Durst. Die Verletzung, die ihr Bruder ihr zugefügt hatte, erwies sich zum Glück als nicht gravierend.“ Er sah seine Herrin an, die immer noch vor ihm stand und sagte: „Ich denke, dass sie in wenigen Tagen so erholt sein wird, dass sie mit dir persönlich reden kann, Herrin. Dann kannst du sie selbst nach ihren Erlebnissen fragen.“ Hatschepsut warf noch einen Blick auf den Befehlshaber und nahm mit einem leichten Lächeln und etwas ruhiger ihren Gang wieder auf. „Also hast du wohl in letzter Zeit häufiger eine gewissen Wirtschaft aufgesucht?“ Ohne den Blick zu senken nickte Sunu. „Hm,“ machte die Königin, „du hattest Recht, sie anderweitig unterzubringen. Hier am Hof hätte sie in ständiger Gefahr geschwebt. Allerdings kann dieser Zustand nicht so bleiben. Eine Prinzessin von Kusch kann nicht fern vom Palast in einer Kaschemme hausen.“ Ihre Schritte wurden wieder länger und energischer. „Ich werde die Dame Tuja zu meiner Hofdame machen. So wird sie die meiste Zeit in meiner Nähe verbringen. Auch werde ich sie zusätzlich unter deinen Schutz,“ sie blickte im Vorbeigehen dem Befehlshaber in die Augen, „stellen. Ich denke nicht, dass du etwas dagegen hast?“ Grinste sie. „Seit ich Thutmosis zu meinem Gemahl gemacht habe, ist die Gefahr für mich so gut wie gebannt und du hast sowieso zu wenig zu tun! Auch nehme ich an, dass mein hochedler Bruder soviel Verstand haben wird zu erkennen dass, wenn die Dame Tuja zum Hof zurückgekehrt ist, sein Geheimnis mir bereits bekannt ist und eine Beseitigung der Zeugin seiner Schandtat nicht mehr sinnvoll wäre.“ Sie hielt wieder inne und blickte von einem Ihrer Anhänger zum anderen: „Ich werde dafür sorgen, dass alles für den Empfang der Dame Tuja bereitgemacht wird und ihre Gemächer vom Harim direkt neben meine verlegt werden. Für den Rest, also ihre Sicherheit und ihre Überführung zum Palast überlasse ich euch die Verantwortung. Ich werde auch ein Fest für ihren Wiedereinzug vorbereiten und zwar bis in fünf Tagen.“ Sie blickte noch einmal von einem zum anderen und entließ sie dann mit einer energischen Geste.

                *

Sunu ging durch die Straßen der Stadt der hundert Tore. Er wusste nicht recht, ob er sich für die Dame Tuja freuen, oder sich um ihre Sicherheit bei einer Rückkehr in den Palast sorgen sollte. Er schaute um sich. Die Stadt war noch immer schön anzusehen. Der Mechir war vorübergegangen und die Blumen, die Bäume und die Saat auf den Feldern um die Stadt, alles stand in voller Blüte. Die Mauern der Gärten waren von wildem Wein und von Efeu überrankt; die Dachterrassen der Häuser wurden von den Blättern der Bäume beschattet und waren mit Topfpalmen verschönert. Sunu setzte seinen Weg fort und erreichte bald darauf einen kleinen Platz, auf dem tagtäglich ein Markt abgehalten wurde. Es wimmelte vor Menschen, die Mittagszeit war angebrochen und viele Hungrige und Kauflustige hatten sich versammelt. Hier war immer etwas los. Unzählige Stände mit Schmuck, Duftölen, Geschirr, Gewürzen und Gewändern wechselten sich ab mit Imbissständen, Viehhändlern und Ständen mit Grabbeigaben. Ein undefinierbarer Geruch hing über dem Ganzen, ein Gemisch von Tierdung, Essens– und Parfümduft. Am Rande des Platzes befand sich die Wirtschaft, deren Besitzer sich stolz wähnte, dass seine hübsche Tochter die Aufmerksamkeit des Leibwächters der Königin, Hui, auf sich gezogen hatte. Sunu war dort bereits wohl bekannt und als er die Schänke betrat, winkte ihn der Wirt wohlwollend grinsend weiter zur Treppe zum Oberstock. Sunu stieg die schmalen Stufen empor und klopfte an eine unauffällige Tür auf dem engen Gang. Auf eine leise Antwort hin öffnete er sie und trat, den Kopf ob des niederen Türbalkens einziehend, ein. Die Dame Tuja erhob sich von einer schmalen aber sauberen Liegestatt und kam ihm einen Schritt entgegen. Zurückhaltend nahm er ihre beiden Hände und küsste sie auf die Wange. Seit sie hier allein untergebracht war, hatte Sunu es nie an Abstand und Respekt mangeln lassen. Am Anfang hatte sie sowieso noch in Fieberträumen gelegen und ihn gar nicht erkannt. So oft er konnte, hatte er trotzdem an ihrem Bett gesessen und versucht, sie während ihrer angstvollen Träume zu beruhigen. Erst seit ein paar Tagen ging es ihr besser. Solange er aber nicht wusste, was die Zukunft bringen würde, wagte er nicht ihr von seinen Gefühlen zu reden. Stumm zeigte die Dame Tuja auf einen zierlichen Stuhl vor einer Kommode und nahm selbst wieder auf dem Bett Platz. Sunu sah sich um. Er musste es der Wirtstochter lassen, die Kammer war immer sauber und für eine Schänkenstube fast komfortabel eingerichtet. Das schmale Fenster war mit einem fließenden Stoff verhängt, der Boden mit bunten Teppichen belegt und die Kommode besaß einen kleinen Kupferspiegel. Sein Blick wanderte zurück zu Tuja. Selbst in dem unauffälligen beigen Leinengewand, dass ihr die Wirtstochter besorgt hatte, sah sie umwerfend aus. Ihr altes war nach ihrem gefährlichen Abenteuer nicht mehr zu gebrauchen gewesen. Die wilde Haarmähne trug sie zu einem einfachen Pferdeschwanz zurückgebunden, was ihre bernsteinfarbenen Katzenaugen, die hohen Wangenknochen und den vollen Mund noch betonte. Sunu konnte wieder einmal nicht die Augen von ihr lassen. „Nun,“ ein leichtes Lächeln umspielte ihre Lippen, „Befehlshaber Sunu, mein Retter, was bringst du mir für Neuigkeiten?“ Fragend sah sie ihn an. „Dame Tuja, ich habe Nachrichten direkt von meiner Herrin Hatschepsut für dich.“ Erstaunt hob sie die Augenbrauen. „Fahr fort, Befehlshaber.“ Der warme Glanz in ihren Augen strafte ihre Förmlichkeit Lügen. „Die Königin will dich zum Hof zurückberufen und dich, zu deiner eigenen Sicherheit, zu ihrer Hofdame machen. Du wirst dann, ebenso wie sie, meinem Schutz unterstellt sein.“ Gespannt beobachtete er das Mienenspiel der schönen Frau. Ihr Gesicht verriet zuerst Überraschung, dann Angst und schließlich Freude. Sie erhob sich, ging zum Fenster, nahm den leichten Vorhang zur Seite und sah hinaus über die blühende Stadt. Dann wandte sie ihr strahlendes Lächeln Sunu zu und sprach: „Es wird mich mit Freude erfüllen, wieder im Palast zu wohnen – in deiner Nähe, Sunu.“ Ein warmer Strahl durchzuckte Sunus Herz. Sie hatte ihn mit seinem Namen, ohne den förmlichen Titel, angesprochen. „Ich werde mich unter deinem Schutz und dem der göttlichen Gemahlin sicher fühlen.“ Sie trat auf ihn zu und berührte sanft seinen Arm: „Wann soll ich zum Palast zurückkehren?“ Sunu genoß einen Augenblick die Wärme ihrer Hand auf seinem Arm, dann trat er einen Schritt zurück. Er durfte die Vernunft nicht von seinen Gefühlen trüben lassen – noch nicht. „In fünf Tagen ist es soweit, Dame Tuja. Ich werde dich mit einer Eskorte meiner Wahl abholen kommen.“ Er nickte ihr noch einmal zu und duckte sich wieder durch die niedere Tür. Dann war er verschwunden. Die Dame Tuja wandte sich wieder dem kleinen Fenster zu, nahm den zarten Stoff beiseite und sah blicklos auf den blauen Mittagshimmel hinaus. Warum nur war der Befehlshaber so distanziert? Sein Verdacht ihr gegenüber war doch inzwischen nachweislich entkräftet. Hatte er sie nicht aus höchster Not gerettet? Hatte er sie nicht auf starken Armen getragen, bis sie in Sicherheit war? Auch hatte sie die Wirtstochter ausgehorcht und wusste, dass er viele Stunden an ihrem Krankenbett verbracht hatte. Hatte er sie nicht im Palastgarten heiß und innig geküsst? Die Dame Tuja schüttelte unbewusst den Kopf. Das konnte doch nicht alles nur die unstet aufflackernde Lust des typischen Mannes gewesen sein. Nein, sein Blick hatte ihr doch mehr versprochen, oder war sie nur naiv, weil sie etwas sehen wollte, wo nichts war? Hinderte ihn der Standesdünkel und seine Anständigkeit daran, ihr zu nahe zu treten? Ihre Gedanken drehten sich hilflos im Kreis und verzweifelt das Gesicht in den Händen bergend ließ sie sich auf den zierlichen Stuhl sinken, den er gerade verlassen hatte.

                *

Wochen vergingen. Parmuti, der Monat der Ernte brach an. Die Arbeiten am Terrassentempel gingen langsamer voran, da man die Fellachen zur Arbeit auf ihren Feldern nach Hause schicken musste. Das Palastleben war seither ruhig vonstatten gegangen. Tuja hatte sich schnell in ihren neuen Gemächern eingelebt und man sah sie ab und an mit der göttlichen Gemahlin durch die Gärten schlendern, gefolgt von Geb, Hui, Sunu und manchmal Senmut. Hatschepsut, die sich sonst mehr mit Männern als mit Frauen vertrug, fand Gefallen an der mutigen Prinzessin, welche mit Pfeil und Bogen umzugehen verstand wie die Königin selbst. Um ihr Geschick auszuprobieren plante Hatschepsut ihre Hofdame zur Wildentenjagd auf dem Nil einzuladen. Man wollte auf einen nicht allzu heißen Tag warten, an dem die Jagd für alle angenehm werden würde.


Die Rückkehr der Gefahr

Der Parmuti neigte sich seinem Ende zu und einige Felder waren bereits abgeerntet, als sich ein angenehm kühler Morgen direkt zu diesem Zweck anbot. Freudig plappernd hatten sich einige Teilnehmer der Jagd schon am Nilufer eingefunden und warteten ungeduldig auf die Königin. Sunu, der Hatschepsut und Tuja zum Kai begleitete, konnte sich ein Grinsen über die jeweiligen Reaktionen nicht verkneifen, als die beiden hochedlen Damen im kurzen Schurz, ungeschminkt und nur mit Pektoral und Lederkappe an der Anlegestelle erschienen. Es war nicht zu übersehen, dass ihr Auftritt einige Verwunderung bei den anderen jungen Adligen, die an diesem Vergnügen teilzunehmen gedachten, hervorrief. Nach kurzer Zeit beruhigten sich die Gemüter, man war ja von der Königin einiges gewohnt und durfte sich sowieso seine Überraschung nicht wirklich anmerken lassen. An die häufigere Anwesenheit der schönen Tuja an der Seite der göttlichen Gemahlin hatte sich der Hof bereits gewöhnt und das anfängliche Getuschel hinter vorgehaltener Hand über die Umstände, die Tuja zur Hofdame gemacht hatten, war verstummt. Es geschah nicht oft, dass eine Haremsdame den Harim wieder verlassen durfte. Normalerweise verbrachten die Frauen, auch wenn dass Interesse ihres jeweiligen Herrn nachließ, den Rest ihres Lebens im Luxus ihres angenehmen Aufenthaltsortes. Das Verlassen musste von höchster Stelle genehmigt werden. Da Thutmosis aber noch nicht von seinem Feldzug zurückgekehrt war und somit Hatschepsut das alleinige Sagen hatte, stellte man ihre Entscheidung nicht in Frage; war doch auch die Launenhaftigkeit des neuen Pharao bekannt – vielleicht war er seines schönen Spielzeuges einfach überdrüssig geworden? Zur heutigen Jagd waren nur etwa zehn Personen anwesend, da der Nil im Sinken war und man nur ein flacheres Boot einsetzen konnte. Allen voran betrat Hatschepsut die Planken des Schiffs. Trotzdem es nicht riesig war, bot es den zehn Menschen bequem Platz. Seine Planken waren vergoldet und den Bug zierten zwei große bunte Horusaugen. In der Mitte des Decks erhob sich ein Zelt aus fließenden bunten Stoffen, welches später Schutz vor der Mittagshitze bieten sollte. Es war mit Sitzkissen und niederen Tischchen ausgestatten und ließ es an Bequemlichkeit nicht mangeln. Natürlich fehlten auch nicht ein paar Dienerinnen, die für die Erfrischungen zuständig waren. Schwatzend betraten die jungen Leute nach ihrer Königin das leicht schwankende Schiff. Man hatte zu dieser Jagd Wurfhölzer bevorzugt. Diese waren nicht so sperrig wie Pfeil und Bogen und leichter zu handhaben, wenn man durch das dichte Schilf des Nilufers glitt, um die Wildenten aufzuscheuchen. Hatschepsut stellte sich an den Bug des Jagdskiffs und winkte Tuja zu sich. „Lange wird es nicht mehr dauern, und die Trockenzeit bricht an.“ Die Königin wies auf die Ufer wo an den Markierungsstrichen der Priester, welche den Wasserpegel anzeigten, bereits deutlich ersichtlich war, dass das Wasser gesunken war. Zu diesem Jagdausflug war zum Schutz der Königin nur Sunu anwesend. Geb und Hui durften aus Platzmangel den heutigen Tag freinehmen. Natürlich begleitete auch Senmut die Jagdgesellschaft, was Sunu sehr recht war. Die alleinige Verantwortung für die göttliche Gemahlin und die Dame Tuja lastete doch schwer auf seinen Schultern; vor allem, seit er jeden Tag mit der Rückkunft von Thutmosis rechnen musste, da vorausgeschickte Boten seine siegreiche Rückkehr angekündigt hatten. Das Schiff legte ab und glitt in die Mitte des im Morgenlicht golden schimmernden Flusses. Sich hebende Nebel ließen die Ufer und das Papyrusschilf im leichten Dunst verschwimmen. Eben hatten sie die Mitte des Stroms erreicht, als sich aus dem diffusen Morgenlicht ein mächtiger Schatten auf sie zu bewegte. Der Steuermann des Jagdskiffs riß das Ruder herum und wich zur Seite aus. Langsam und majestätisch glitt ein großes Prunkschiff auf sie zu. Hatschepsut beschattete die Augen mit der Hand, um nicht von der aufgehenden Sonne geblendet zu werden und stieß einen überraschten Laut aus. Sie griff unbewusst nach der Hand der Dame Tuja und ihre Stimme klang nicht eben erfreut, als sie ihr leise zuraunte: „Da kommt mein Bruder und Gemahl, der beinahe auch mal der eurige geworden wäre.“ Tujas Hand verkrampfte sich ängstlich in der der Königin und tröstend blickte Hatschepsut sie an: „Es wird dir nichts geschehen, Tuja. Ich werde dafür sorgen, dass du immer beschützt wirst.“ Inzwischen hatten auch die anderen Mitglieder der Jagdgesellschaft erkannt, um wessen schwimmenden Palast es sich handelte und es erhob sich vielstimmiger Jubel auf dem kleinen Schiff: der Pharao war von seinem Feldzug zurück! Als der Jubel sich immer lauter erhob, erschien der Siegreiche hoch erhobenen Hauptes an der Reling und blickte huldvoll auf das Jagdgefährt hinab. Keine zwanzig Fuß trennten die zwei Personen, die sich nun über das grüne Wasser des Nils hinweg fixierten. Hatschepsuts Blick war kühl, wie der Fluß auf dem sie segelten, der ihres Bruders eine Mischung aus Ärger und Verlangen. Plötzlich zogen sich seine Augenbrauen zusammen und seine Mundwinkel fielen herab, was sein ewiges zynisches Lächeln in eine Grimasse verwandelte. Seine Augen waren von seiner göttlichen Gemahlin auf die hochaufgerichtete schlanke Gestalt neben ihr geglitten. Wie ein Pfeil schoß ein Name durch seinen Kopf: – Tuja –. Sofort hatte sich der Pharao wieder in der Gewalt und sein Lächeln kehrte zurück. Aber drei Menschen entging nicht der eiskalte Blick, der weiterhin auf der schönen Frau ruhte: Hatschepsut, Sunu und der Betroffenen selbst. Das riesige buntbemalte und mit viel Gold und Elektrum geschmückte Prunkschiff glitt an dem kleineren vorüber, in seinem Schlepptau noch eine Flottille von anderen Booten. Hatschepsut blickte ihnen nach, während sie im dunstigen Morgenlicht auf die Anlegestelle zusteuerten. Ihr Bruder musste sich nach Beendigung seines Scharmützels in Memphis eingeschifft haben, die natürlich bequemere Lösung gegen eine unbequeme Heimreise per Karawane durch die Wüste. In nahezu jeder Stadt mit einem Hafen lagen Schiffe vor Anker, jederzeit bereit nur dem Herrscher Kemets zu Diensten zu sein. Noch lange blickten drei Personen vom Jagdskiff aus in dieselbe Richtung. Sunu näherte sich den beiden Frauen am Bug und legte kurz tröstend seine Hand auf Tujas Arm. Als die schönen goldgelben Augen sich auf ihn richteten, erblickte er pure Panik darin.

                *

Trotzdem ihnen die ungetrübte Freude an der Jagd durch das vorangegangene Ereignis getrübt worden war, versuchten die Königin, Sunu und die Dame Tuja den Ausflug so gut es ging zu genießen. Die Sonne schickte bereits ihre wärmenden Strahlen durch das Schilf. Es versprach ein wundervoll milder Tag zu werden und als sie dann die ersten Enten aufflattern sahen, war der Schock über die Rückkehr Thuts vorübergehend vergessen, während die jungen Adligen mit ihrer Königin wetteiferten, wer die meiste Beute erlegen konnte. Diener wurden geschickt, die erlegten Enten aus dem Schilf zu holen. Geschickt eilten diese durchs flache Wasser, immer darauf bedacht, den baumstammähnlichen Gebilden auszuweichen, bei denen nur die böse glitzernden Augen verrieten, dass es sich um die Kinder Sobeks, des Krokodilgottes, handelte. Erst als die Sonne sich dem Horizont entgegenneigte gab die Königin den Befehl zur Heimkehr. Der Nil war in das flammende Licht der untergehenden Sonne getaucht und glänzte wie flüssiges Feuer. Eine leichte Brise brachte Erfrischung und keiner der Menschen an Bord hatte es eilig in den Palast zurückzukehren, am allerwenigsten die göttliche Gemahlin selbst. Immer wieder drängte sie den Kapitän zum Verweilen. Einmal sah sie einen hübschen alten Tempel am Ufer, dann wieder eine Nilpferdgruppe im Schilf. Es war nicht zu übersehen, dass sie Zeit zu schinden versuchte. Sunu beobachtete seine Herrin. Inzwischen hatte man sich unter den Baldachin des Zeltes zurückgezogen und es wurde Wein und Bier ausgeschenkt. Hatschepsut hielt ihren Becher immer wieder der Dienerin zum Nachfüllen hin und Sunu sah es besorgt. Auch wenn es Blasphemie war über so etwas nachzudenken, so konnte er den Gedanken doch nicht verdrängen, wie die schöne selbstbewusste Königin sich ihrem wankelmütigen bösartigen Bruder ergeben musste, zumindest körperlich. Ihren Geist würde er nicht bezwingen können, niemals. Sunu selbst hielt sich mit Trinken zurück – zu viel stand auf dem Spiel, wenn seine Aufmerksamkeit nachließ jetzt, da Thutmosis II wieder am Hof weilte. Sein Blick fiel auf Senmut, der sich von der Gruppe gelöst hatte und einsam am Bug stand. Immer wieder warf er einen bedrückten Blick zum Zelt und der Befehlshaber überlegte, ob er wohl ähnliche Gedanken hegte wie er eben. Sicher war es für den Architekten und Schatzmeister die reinste Hölle, über die Pflichten einer göttlichen Gemahlin gegenüber ihrem Pharao nachzudenken. Sunu ging zu ihm hin und stellte sich eine Weile lang still neben ihn. Dann sagte er: „Der Pharao ist zurückgekehrt. Die ruhige Zeit ist vorbei.“ Ohne ihn anzusehen nickte der Baumeister langsam, während sie auf den Hafen zusteuerten.


Der Pakt mit dem Priester

Thutmosis hatte keinen Blick mehr an die Menschenmenge verschwendet, die sich am Ufer versammelt hatte, um ihm zuzujubeln. Kaum hatte das Schiff angelegt, hatte er eiligst seine Sänfte bestiegen und die Trägersklaven unerbittlich angebrüllt, dass sie ihn so schnell wie möglich zum Palast zu befördern hätten. Dort angekommen war er sofort in seine Gemächer geeilt und hatte den Hohepriester Hapuseneb zu sich rufen lassen. Während er auf ihn wartete, ging er hastig in dem großen prächtigen Raum auf und ab. Die wunderbar bemalten und mit Statuen gezierten Wände ließen ihn kalt, auch die silberne mit goldenen Gestirnen geschmückte Decke und der blaugrüne Mosaikboden. Nur vor dem riesigen mit einem blauen Baldachin überdachten Doppelbett blieb er immer wieder stehen und blickte es unergründlich an. Er war kurz nach der Krönung hierher in die Gemächer seines Vaters gezogen. Dieses Bett hatte Thutmosis I mit seiner göttlichen Gemahlin geteilt und eigentlich sollte er, als sein Nachfolger, es mit Hatschepsut teilen. Sein Schritt beschleunigte sich, während die Gedanken sich hinter seiner glatten Stirn überschlugen. Hier, allein in seinen Gemächern, war das ständige Lächeln von seinen Zügen gewichen und eine Unmutsfalte auf der Stirn ließ ihn trotz seiner Jugend unzufrieden und mürrisch aussehen. Er mußte unbedingt die Dame Tuja loswerden. Solange sie lebte, existierte eine Zeugin seines unseligen Planes und Hatschepsut hatte ihn in der Hand. Er musste sie beseitigen. Nur so konnte er zum unumstrittenen Herrscher über Kemet – und vor allem über seine Gemahlin werden. Ein Wächter öffnete die Tür und meldete Hapuseneb, der diensteifrig den Raum betrat. Der Pharao blieb vor dem Hohepriester stehen und blickte ihm in die Augen. Der dicke glatzköpfige Mann verneigte sich leicht und starrte dann unerschrocken zurück. Er wusste, dass der neue Pharao sich darüber im Klaren war, wer mit ständigen Engagement seine Thronbesteigung vorangetrieben hatte. Thutmosis war im Zweifel – konnte man dem Hohepriester trauen? Es war schon so, dass die Priesterschaft und vor allem Hapuseneb ihn in seinem Bestreben Pharao zu werden stets unterstützt hatten. Doch war Thutmosis zwar etwas lasch, aber nicht dumm. Er wusste, dass die Priester sich von ihm eine Festigung ihrer Macht erwarteten, die unter der friedfertigen Regierung seiner Schwester gelitten hatte. Allerdings hatte er vorerst nicht vor ständig irgendwelche Kriege zu führen, um Schätze und Abgaben zu erhalten, oder sich den Kopf über Politik zu zerbrechen. Sicher wollte er mitreden und auch vor dem Volk als Pharao glänzen, doch momentan war es ihm nicht unrecht zumindest die unangenehmen Pflichten auf seine göttliche Gemahlin abzuwälzen und sich noch eine Weile auf Feiern und vor schönen Frauen in seinem neuen Ruhm zu sonnen. „Sei`s denn!“ Dachte Thutmosis: „Ich muß ihm trauen. Schließlich kann ich nicht persönlich hingehen und der kleinen Schlange von Tuja den Hals umdrehen.“ An seine Zukunft denkend begann er das Gespräch. Thut beschönigte natürlich seine Rolle in dem vorangegangenen Ränkespiel und wälzte die Schuld auf Gaza ab, der sich ja durch seine Abwesenheit nicht mehr verteidigen konnte. Thutmosis stellte es dar, als ob er die Anschläge nur geduldet, aber selbst nichts dazu beigetragen hätte und sich nur durch sein Schweigen schuldig gemacht hätte. Aufmerksam hörte Hapuseneb dem neuen Pharao Kemets zu. Nur sein unter gesenkten Lidern verborgener zweifelnder Blick verriet seine wahren Gedanken. Er unterbrach Thutmosis nicht und fragte nicht, bis dieser seinen Bericht beendet hatte. Hapuseneb schürzte die kindlichen Lippen und runzelte nachdenklich die Stirn. „Ich werde mir etwas einfallen lassen, Majestät.“ Das war alles was er sagte, ehe er sich verbeugte und zurückzog. Thutmosis war sich bewusst, dass er sich von einer Hand in die andere begab, doch hatte ihn keine Frau bisher so sehr gereizt wie Hatschepsut und es war ihm ungleich wichtiger, seine Halbschwester endlich besitzen zu können, als ohne die Einmischung der Priester zu leben. Hapuseneb würde so oder so versuchen ihn zu beeinflussen, tat er dies nicht schon die ganze Zeit? Also war es egal, ob ihm noch ein zusätzliches Druckmittel zur Verfügung stand oder nicht. Außerdem war es immer noch so: war Tuja endgültig verschwunden, musste man ihm, Thutmosis, sein versuchtes Verbrechen erst einmal nachweisen. Ohne Zeugin konnte er als Pharao es darauf ankommen lassen, sich mit dem Hohepriester anzulegen. Er als Gott und Herrscher hatte Mittel und Wege Hapuseneb zum Schweigen zu zwingen. Konnte er doch jederzeit den hohen Beamten ab– und einen anderen seiner Wahl an seine Stelle setzten. Zufrieden lächelnd legte sich Thut auf das große Bett und hob eine goldene Glocke, um eine Dienerin herbeizuholen, die ihm Wein bringen sollte.

                *

Parmuti war zu Ende gegangen die zum großen Teil schon eingebrachte Ernte versprach reich zu werden. Das jährliche große Fest zur Erscheinung des Min, des Gottes der männlichen Zeugungskraft und der Fruchtbarkeit, würde mit gebührender Dankbarkeit und entsprechender Pracht gefeiert werden. Die Säle des Palastes wurden mit Blumen und Girlanden geschmückt, in den Küchen bereitete man die köstlichsten Leckerbissen zu und die Priester richteten Opfergaben für das Ritual zu Ehren des Min her. Der Morgen des Festes brach an. Es war noch sehr früh als Geb, Hui und Sunu ihre Herrin in den Garten begleiteten. Hier draußen war es noch relativ ruhig; der Umtrieb beschränkte sich vorwiegend auf das Innere des Palastes. Bald erreichten sie einen der klaren baumumstandenen Teiche. Hatschepsut ließ ihr Kleid zu Boden gleiten und tauchte in den kühlen Fluten unter. Sunu hatte sich an das häufige morgendliche Bad seiner Königin gewöhnt und schaute nur noch dezent zur Seite, bis sie ins Wasser eingetaucht war. Die drei Männer ließen sich auf dem Rasen nieder und holten ein Würfelspiel hervor. Während sie spielten, warfen sie sich verstohlene Blicke zu. Eine bedrückende abwartende Stille war eingekehrt, seit der Pharao zurückgekehrt war. In den zurückliegenden Tagen war die göttliche Gemahlin immer blasser und schweigsamer geworden. Selbst ihre Pflichten nahm sie fahrig und unkonzentriert wahr. Sunu wusste von Geb und Hui, dass sie weiterhin in ihren eigenen Gemächern schlief. Die beiden Schwarzen hatten ihm aber auch erzählt, dass jede Nacht der Pharao bei ihr erschien und sie so lautstark an ihre privaten Pflichten ihm gegenüber gemahnte, dass sie es bis vor die dicken Türen des Gemachs hören konnten. Niemand wusste, wie lange sich Hatschepsut noch gegen ihren Gemahl sperren konnte. War auch das Wissen der Dame Tuja ein gewisses Druckmittel in den Händen der Herrscherin, so wurde letztendlich doch von ihr erwartet, sein Bett zu teilen und für einen göttlichen Nachfolger zu sorgen. Konnte sie ihn auch in politischer Hinsicht noch hinhalten, so wurde es in privater doch immer schwerer. Auch der Architekt und Schatzmeister schien sehr still und in seinen Augen lag eine stumme Qual. In diesem Fall konnte er seiner Herrin genauso wenig beistehen wie Geb, Hui oder Sunu. Sie beendeten ihr Würfelspiel, als die Königin aus dem Wasser stieg und sich wieder ankleidete. Immer noch schweigend begleiteten sie sie zurück zum Palast, wo sie für die nächsten Stunden in ihren Räumen verschwinden würde um von ihren Dienerinnen und dem Verwahrer der Insignien angekleidet, geschminkt und geschmückt zu werden.

                *

Am späten Vormittag erschien die göttliche Gemahlin an der Seite des Pharao. Beide waren prächtig anzusehen. Hatschepsut trug ein silbernes, langes, gefälteltes Gewand, einen Brustschmuck aus Elektrum, der aus hunderten kleiner Henkelkreuzen gefügt war und mit Türkisen besetzt. Auf dem Kopf trug sie die gehörnte silberne Mondscheibe der göttlichen Gemahlin. Der schwarze langgezogene Lidstrich und der goldene Lidschatten verbargen den traurigen Ausdruck in den hellbraunen Augen nur unvollkommen. Das Gold ihrer Lider fand sich wieder in dem schweren goldenen Pharaonenmantel, der die sowieso schon nicht gar zu starken Schultern ihres Gemahls durch sein Gewicht leicht nach vorn beugte. Trotzdem sah auch Thutmosis eindrucksvoll aus. Der Umhang ließ ihn wuchtiger erscheinen und die blaue Krone Ober– und Unterägyptens betonte seine nicht geringe Größe. Auch er war stark geschminkt und unzählige Ketten und Armreife zierten Hals und Arme. Sein bleibendes Lächeln ließ ihn jung und hübsch erscheinen. Vor den Palasttoren bestiegen sie die goldene Sänfte und wurden zum Opferritual in den ersten Vorhof des Tempels von Karnak getragen, wie immer gefolgt von unzähligen Höflingen, Soldaten und Beamten. In den Straßen drängte sich bereits das Volk, um seine Götter zu sehen. Wimpel hingen über den Straßen, an Schnüren von Haus zu Haus gespannt, und laute Jubelrufe ertönten allseits. Das Fest der Ernte war auch für die Menschen in den Straßen etwas besonderes, denn zu Ehren des Min wurde Fleisch verteilt und zwar nicht Geflügel, was das normale Volk ja öfters verzehrte, sondern Rindfleisch und das von erlegten Nilpferden oder Antilopen. Die Adligen gaben von ihrer Jagdbeute einen großen Teil ab und in den vielen Brätereien auf den Märkten wurde es zubereitet und kostenlos ausgegeben. Den ganzen langen Tag wurde gegessen, getrunken und gefeiert. Deshalb warteten alle, ob Edler oder Fellache, ungeduldig auf das Ende der rituellen Opferung für Min, damit man mit dem unkonventionellen Teil des Festes beginnen konnte. Sobald also das königliche Paar das Getreide, die Früchte und die Blumen zu Füßen der in den Hof getragenen goldenen Statue des Gottes abgelegt und die Priester ihre frommen Sprüche heruntergeleiert hatten, der Weihrauch gegen Himmel verraucht war, hatten es alle plötzlich sehr eilig. Nur die göttliche Gemahlin warf der Götterstatue einen missvergnügten Blick zu, den sie jedoch schnell verbarg, indem sie die Lider senkte. Der Gott Min war als aufrecht stehender Mann mit zwei Federn auf dem Haupt dargestellt. Das war es aber nicht, was Hatschepsut innerlich zusammenzucken ließ, sondern der riesige hoch aufgerichtete Phallus, Symbol der Fruchtbarkeit. Erinnerte sie dieses Zeichen männlicher Erregung doch daran, dass auch ihre Frist ablief. Bald würde sie sich ihrem Halbbruder hingeben müssen. Konnte sie ihn auch durch Anspielungen auf das Wissen der Dame Tuja in manchen politischen Entscheidungen zur Zurückhaltung drängen, so war ihr doch bewußt geworden, mit welcher Dringlichkeit er auf die Erfüllung ihrer ehelichen Pflichten ihm gegenüber bestand. Natürlich waren ihr auch die begehrlichen Blicke nicht entgangen, die Thutmosis ihr immer öfter zuwarf. Und schließlich und endlich konnte sie sich ihrer Pflicht, Kemet einen Thronfolger zu schenken, nicht ewig verschließen.

                *

Die Mittagszeit war angebrochen und etlichen der Menschen in der Menge knurrte bereits der Magen in Vorfreude auf die außergewöhnlichen Köstlichkeiten, die einem heute geboten werden würden. Der Pharao und die göttliche Gemahlin bestiegen wieder ihre Sänfte, Hatschepsut mit einem letzten heimlichen Blick auf die Götterstatue und ihr erigiertes Mahnmal. Mit ihnen brach alles Volk, ob hochgestellter Adliger oder Bauer, zum Fest des Min auf. Der Unterschied bestand nur darin, dass die einen im noblen Palast, die anderen auf den Straßen feiern würden.

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Hatschepsut erschien erst gegen Nachmittag im großen Sonnensaal, gefolgt von ihren Anhängern. Sie hatte sich umgekleidet und trug ein schlichtes, dennoch elegantes Kleid aus gelbem leichten Leinen, gehalten von einem goldenen Gürtel. Ihr Haar wurde nur geschmückt von einem Diadem mit der aufgerichteten Uräusschlange. Der Zeremonienmeister kündigte sie an und alle Anwesenden verbeugten sich. Hochaufgerichtet bestieg sie die Estrade und nahm, gefolgt von Senmut und zwei Generälen, auf einem Sitzkissen am niederen Tisch neben ihrem Bruder und den hohen Beamten und Adligen Platz. Auch Thutmosis hatte sich umgezogen, war aber bedeutend früher auf das Fest zurückgekehrt, welches sofort nach der Rückkehr des königlichen Paares zum Palast begonnen hatte. Er trug einen goldgefassten Schurz mit breitem Gürtel und seine Brust wurde nur bekleidet von dem in Gold und Blau gehaltenen Schmuck in Form des oft verwandten Horusauges. Das Haupt wurde heute ebenfalls etwas unauffälliger nur von einer goldenen Krone in Form der Geiergöttin Nechbet geschmückt. Die meisten Gäste waren bereits angeheitert und die Laune bestens, schließlich hatte das Fest ja recht früh begonnen. Auch Thutmosis schien äußerst fröhlich, sein Lächeln entspannt. Als Hatschepsut neben ihm Platz genommen hatte, legte er seine Hand auf die ihre. Während sie sie um einen der seltenen Glasbecher mit Wein legte, warf ihr einen begehrlichen Blick zu und hob mit ihr gemeinsam das Glas an ihre Lippen. Als er jedoch merkte, wie ihre Hand steif wurde und sie zurückwich, festigte er seinen Griff um ihre Finger und seine Augen zeigten wieder den üblichen unergründlichen Ausdruck. Sie nahm gezwungenermaßen einen Schluck Wein und stellte das Glas zurück auf den Tisch. Thutmosis umschloß noch immer beinahe grob ihre Hand. Erst als eine Dienerin einen silbernen Teller mit Gebratenem vor Hatschepsut abstellte und sie mit der freien Hand nach dem Besteck griff, ließ er sie los. Das Fest nahm seinen üblichen Verlauf und die Gäste genossen die Vielfalt der Gerichte und Getränke. Geb, Hui und Sunu hatten, nachdem sie hinter ihrer Königin den Saal betreten hatten, wie meist unterhalb der Estrade Platz genommen. Es wollte keine richtige Stimmung aufkommen obwohl sie versuchten, sich mit Anekdoten und lustigen Geschichten aufzuheitern und das ganze mit Wein abzurunden. Das Einzige, was Geb und Hui für kurze Zeit zum Grinsen brachte war Sunus Gefluche, als ihm von einer Dienerin wieder der obligatorische Parfümkegel auf den Kopf gesetzt wurde. Doch bald hatte sich ihre Heiterkeit gelegt und sie prosteten sich wieder ernst geworden zu. Irgendwie schien es den dreien heute eine schicksalhafte Nacht zu werden und das sollte es wirklich – gleich in zweifacher Hinsicht.

                *

Die Dame Tuja befand sich in ihren Gemächern. Die Königin hatte sie wohl auf das Fest eingeladen, doch sie hatte ängstlich abgelehnt. In Hinsicht auf ihr Erlebnis mit dem Pharao hatte Hatschepsut Verständnis gezeigt und ihr erlaubt, in ihren Räumen zu bleiben. Irgendwann würde Gras über die Sache wachsen, dann würde sich Tuja auch wieder ohne Angst im Palast bewegen können – so dachte zumindest die göttliche Gemahlin. Sie traute ihrem leichtlebigen Gemahl nicht zu, über längere Zeit nachtragend zu sein – oder so übervorsichtig und klug, im Nachhinein für das Verschwinden lästiger Zeugen zu sorgen. Das er eventuell ihr gegenüber völlig freie Bahn in jeder Hinsicht haben wollte, daran dachte sie nicht. Sie ließ also Tuja mit gutem Gewissen in ihren Räumen zurück.

                *

Tuja saß vor dem Spiegel, als es an ihre Tür klopfte. Sie antwortete und der Wachsoldat öffnete um einen Diener einzulassen. „Ich bringe neue Lampen,“ murmelte er, stellte eine hübsche Alabasterlampe auf Tujas Frisiertisch ab, nahm die alte mit und war verschwunden. Weder Tuja noch der Soldat waren misstrauisch geworden. Es kam öfters vor, dass rußige Lampen gegen saubere ausgetauscht wurden. So hatte auch niemand darauf geachtet, dass der junge Diener kahlköpfig war und einem Priester glich. Tuja kämmte ihre wilde Haarmähne und betrachtete nachdenklich den leichten Rauch, der sich von der Lampe zur Zimmerdecke emporkräuselte. Ob wohl Sunu auf dem Fest war? Sicher war er dort. Energisch fuhr sie weiter mit dem Kamm durch die dichten Wellen ihres Haares. Sie war ja selber schuld, dass sie nicht in den Sonnensaal gegangen war. Schließlich, wenn Thut sie umbringen lassen wollte, konnte er es überall tun – warum sollte sie sich also verstecken? Sie hätte so gerne den Befehlshaber wiedergesehen. Vielleicht sollte sie doch noch auf die Feier gehen? Der Rauch aus der Lampe ringelte sich weiter in die Luft. Warum war der Rauch so gelb? Tuja hielt schnuppernd ihre Nase über den Alabaster und rümpfte sie dann unwillig. Dieser Rauch roch seltsam. Noch während sie darüber nachdachte warum, schoß ihr ein Gedanke durch den Kopf doch noch ehe er sich verfestigen konnte, war er wieder verschwunden. Ihr Kopf war so seltsam leicht und was sie dachte ließ sich nicht festhalten sondern schien bevor es sich greifen ließ wieder zu zerfließen. Tuja wollte aufstehen, doch ihre Beine wollten sie nicht tragen. Sie wusste plötzlich, dass sie diesen Raum verlassen mußte, doch irgendwie schwanden ihre Sinne immer mehr und als sie sich am Stuhl abstützend aufzurichten versuchte, wurde ihr schwarz vor Augen und sie sank lautlos zu Boden.


Kapitulation einer Königin

Das Fest war noch in vollem Gange, Mitternacht noch lange nicht erreicht, als sich Hapuseneb dem Pharao näherte. Der korpulente Priester beugte sich herab und näherte seinen Mund dem Ohr des sitzenden Königs. „Euer Problem ist erledigt.“ War alles, was seine heißere Stimme flüsterte. Thuts Miene hellte sich auf. Sich seiner göttlichen Gemahlin zuwendend leerte er sein Glas auf einen Zug und erhob sich. Hatschepsut zögerte. Man sah ihr die zwiespältigen Gefühle an, die sie beherrschten. Verlangend streckte Thutmosis die Hand nach ihr aus und widerstrebend ergriff sie sie und stand auf. Sie schlug die Lider nieder, um die Verzweiflung zu verbergen, die in ihren Augen stand. Nun musste sie ihm ins königliche Gemach folgen. Es war unmöglich vor den Augen aller Anwesenden den Pharao zurückzuweisen. Mit festen Schritten aber zitterndem Herzen folgte sie ihrem Gemahl durch die sich verbeugenden Menschen und durch die Tore des Saales hinaus auf die endlosen Flure des Palastes. In dieser Nacht wünschte sich sie Königin, dass sie wirklich endlos wären, sie die Gemächer mit dem riesigen Bett für das Königspaar nie erreichen würden. Noch lange blickte ein paar verzweifelter dunkler Augen auf die inzwischen wieder geschlossene Saaltüre. Senmut hob seinen Becher und eine Dienerin füllte Wein nach. Auch Sunus Blick folgte dem königlichen Paar. Hatschepsut hatte ihm im Vorbeigehen ein Zeichen gegeben, dass er für heute entlassen sei. Geb und Hui gingen mit dem Paar aus dem Sonnensaal, doch wurden sie bald durch einen Wink des Pharao gestoppt: „Ihr werdet heute nicht mehr benötigt. Mein Gemach ist gut bewacht und eure Königin bei mir in bester Obhut.“ Als Geb und Hui fragend ihre Herrin absahen, zog Thutmosis hochmütig eine Augenbraue hoch und fragte: „Ist euch nicht klar, dass dies ein Befehl eures Pharao ist?“ Hatschepsut wandte sich an ihre Leibwächter und schickte sie mit einer unauffälligen Geste weg. Sie sollten nicht auch noch Ärger mit Thutmosis bekommen. Es reichte, wenn sie sich ständig mit ihm auseinandersetzen musste. Das königliche Paar setzte seinen Weg fort und erreichte bald den Eingang zu den Gemächern des Pharao. Thutmosis winkte herrisch die beiden Wachen zur Seite und drängte Hatschepsut ungeduldig durch die geöffnete breite Bronzetür. Langsam schlossen sie die Wachen von außen. Thutmosis riß seine Halbschwester in die Arme und küsste sie wild. Sie wehrte sich nicht, zeigte aber auch keinerlei Regung. Kurz unterbrach der Pharao seine wilden Liebkosungen und schob die Frau auf Armeslänge von sich. Ihr Blick war eine Warnung an ihn, doch in seinen Augen erkannte sie eine Siegessicherheit, die sie bis ins Innerste traf. Plötzlich war sie sicher, dass ihr letzter Trumpf verloren war. Sie senkte den Blick, ihre innere Ohnmacht verbergend, wollte ihm gegenüber keine Schwäche eingestehen. Sie hatte sich fest vorgenommen, egal wie diese Nacht verlaufen würde, sie würde weder klagen noch Gefühl zeigen. Kurz schien Thutmosis zu zögern und eine abwegige Hoffnung regte sich in Hatschepsut dass er, als Frauenkenner, sich nicht nehmen würde, was ihm nicht willig dargeboten wurde. Sie hatte sich getäuscht. Nachdem er sie intensiv betrachtet hatte, riß er sie zurück in seine Umarmung und drängte sie in Richtung des riesigen Ungetüms von Bett. Thutmosis hatte tatsächlich kurz mit dem Gedanken gespielt, ihr noch Zeit zu lassen, schließlich hatte er bis jetzt noch immer von Frauen alles freiwillig bekommen, was er von ihnen hatte haben wollen. Während er sie betrachtete wurde ihm jedoch klar, dass er keinen Augenblick länger darauf warten konnte sie zu besitzen und sei es mit Gewalt. Auch hatte Hatschepsut den Ausdruck des Sieges in seinen Augen richtig gedeutet. Nach den geflüsterten Worten Hapusenebs im Festsaal konnte ihn nichts mehr aufhalten. Als sie die Liegestatt erreichten, hatte er ihr das Gewand bis zur Taille heruntergeschoben und küsste die festen Brüste, während er mit suchenden Händen ihren restlichen Körper erkundete. Die Königin hatte die Augen geschlossen und den Kopf in den Nacken geworfen. Das Diadem fiel mit metallischem Klirren zu Boden. Ihre Haltung drückte Stolz aus und verbarg ihre Angst. Noch einmal hob der Pharao den Blick und sah ihr kurz in die Augen. „Ich werde dir nicht wehtun, wenn du dich mir ergibst. Ich will dich nicht quälen, dich zu besitzen ist alles was ich will.“ Als er sie auf`s Bett drängte ließ sie sich ergeben darauf nieder sinken und während er mit keuchendem Atem auf sie glitt, erschien vor ihrem inneren Auge ein anderes Gesicht, eines das ihr lieb und teuer war.

                *

Senmut hatte sich zum wiederholten Male Wein nachschenken lassen. Sunu beobachtete ihn versonnen. Es passte nicht zu dem sonst so vernünftigen Mann, sich zu betrinken. Auf der anderen Seite, was würde er an seiner Stelle tun, wenn er wüsste, dass die Frau seines Herzens in diesem Augenblick unfreiwillig in den Armen eines anderen läge. Auch Sunu ließ es nicht kalt, dass seine von ihm innigst bewunderte Herrin über ihren Schatten springen und sich ihrem schwachen Bruder ergeben musste. Allerdings war sie für ihn doch mehr Herrin und göttliche Königin, als für den Baumeister. Auch wenn dieser es sich nicht anmerken ließ, so hatte Sunu durch die ständige Nähe zu Hatschepsut und ihren Anhängern, zu denen ja auch Senmut zählte, doch öfters den Ausdruck in des Architekten Augen mitbekommen. Dieser Ausdruck galt der Frau und nicht der Königin. Sunu wusste: auch wenn es Blasphemie war, als normaler Sterblicher eine Göttin zu begehren, die Liebe ließ sich nicht befehlen. Er konnte da aus eigener Erfahrung mitreden. Bei diesem Gedanken angelangt sah er sich suchend im Saal um. Nein, die Dame Tuja war immer noch nicht anwesend. Er hatte schon mehrmals die Menge überblickt, sie aber nicht entdecken können. Vielleicht war sie ferngeblieben, um Thutmosis nicht zu begegnen, verständlich wäre es, wenn sie ihm noch eine Weile aus dem Weg gehen würde. Senmut ging es ähnlich wie dem Befehlshaber; keiner von beiden wollte seine Räume aufsuchen und sich den schweren Gedanken über die Zukunft hingeben.


Lebendig begraben?

Die Nacht begann bereits der Morgendämmerung zu weichen. Sunu hob eben seinen Becher, um sich noch einmal Wein nachgießen zu lassen, als am Eingang zum Saal ein leichter Tumult entstand. Neugierig erhob er sich und entdeckte die junge Dienerin der Dame Tuja, Nefer, im Schlepptau von Tunip, seinem Schreiber. Anscheinend versuchten sie den Saal zu betreten, wurden aber von der Wache und einem herumfuchtelnden Zeremonienmeister aufgehalten. Sunu wurde sofort misstrauisch – etwas Ernstes musste passiert sein, wenn Tunip hier unangemeldet erschien und sicherlich hatte es mit der Dame Tuja zu tun, wenn Nefer bei ihm war. Er erhob sich sofort und bahnte sich einen Weg durch Essende, Trinkende und bereits Betrunkene zum Tor. Er schob den aufgeregten Meister des Anmeldens zur Seite und beschwichtigte die Wachen: „Ich kenne die beiden, sie wollen zu mir. Lasst mich mit ihnen reden.“ Sanft schob er die junge Frau vor sich her in den Flur, gefolgt von Tunip. Sie zogen sich an die Wand zurück, um den umherhastenden Dienern mit Speisen und Getränken und den ersten zu ihren Gemächern torkelnden Adligen auszuweichen. „Was ist passiert?“ Er blickte fragend von Nefer zu Tunip. Als er die geröteten Augen der Dienerin sah und die Tränenflut, die immer noch über ihre Wangen floß, ahnte er Schlimmes. Da das Mädchen vor Schreck sprachlos zu sein schien, schaute er streng seinen Schreiber an: „Nun redet schon endlich, was ist denn los?“ Tunip schluckte und sagte dann zögernd: „Herr, sie ist tot.“ Sunus Mine schien zu versteinern. Ohne zu fragen wusste er, wen der Schreiber meinte. Mit starrem Blick sah Sunu zu Boden, dann begann er zu laufen. Tunip winkte Nefer zu sich und flüsterte mit ihr. Als sie nicht sofort reagierte rüttelte er sie grob, dann folgte er eilig seinem Herrn. Die junge Dienerin hastete wie erwachend davon in Richtung der Gemächer des Pharao. Sie wusste noch nicht, wie sie es anstellen sollte, aber irgendwie musste sie der göttlichen Gemahlin Bescheid geben. Zu ihrem Glück lief sie kurz vor Erreichen ihres Ziels Geb und Hui in die Arme die, ihrer Aufgabe für heute enthoben, gelangweilt auf dem Boden des Ganges zu den königlichen Gemächern saßen und würfelten. Als sie die aufgelöste Dienerin auf sich zustürzen sahen, sprangen sie auf und Hui hielt sie sanft an den Schultern fest, als sie niederzusinken drohte. Wenig später wussten die Leibwächter der Königin Bescheid und versprachen der jungen Nefer, dass sie für alles Weitere Sorge tragen würden.

                *

Sunu erreichte die Gemächer der Dame Tuja, welche nicht weit entfernt der momentan verwaisten Räume der Königin lagen, gleichzeitig mit Hapuseneb und zwei seiner jungen Priester. Die Flügeltüre stand weit offen. Eine verwirrte Wache stand daneben, welche auf die Frage Sunus, was denn genau geschehen sei, nur hilflos mit den Schultern zuckte und antwortete: „Es ging niemand hinein und es kam niemand heraus. Sie muß einfach so gestorben sein.“ Sunu schob ihn grob zur Seite und betrat das Zimmer, die Priester im Schlepptau. Im ersten Moment nahm er nichts Ungewöhnliches wahr. Dann sah er einen nackten Fuß hinter dem Bett hervorragen. Sofort durchquerte er den Raum und entdeckte eine Gestalt zwischen dem Frisiertisch und dem Bett liegen, einen umgestürzten Stuhl neben sich. Für einen winzigen Augenblick lähmte ihn das Entsetzen, als er mit Sicherheit erkannte, um wen es sich bei der Niedergesunkenen handelte. Schnell schüttelte er die Beklemmung ab. Behutsam ließ er sich auf dem Boden neben Tuja nieder. Sie lag auf dem Rücken und er konnte im Licht zweier Lampen und der ersten durch die schmalen Fenster fallenden Sonnenstrahlen gut erkennen, dass sie geisterhaft blaß war. Ihre Augen standen einen Spalt offen und schienen angstvoll um Hilfe zu flehen. Mit ängstlicher Zärtlichkeit beugte er sich nieder und legte seinen Kopf dicht an ihren Hals, um auf ihren Atem zu lauschen – Nichts. Auch als er an ihrem Brustkorb lauschte, ob ihr Herz noch schlug, hörte er keinen Ton. Er durfte nicht die Nerven verlieren, nicht hier, nicht jetzt. Inzwischen hatten sich auf dem Gang mehrere Stimmen erhoben und es waren Schritte zu vernehmen. Plötzlich füllte sich der Raum mit Menschen. Eine nur flüchtig bekleidete Hatschepsut eilte ins Zimmer gefolgt von ihrem nicht minder zerzausten Gemahl. Entsetzt blieb die Königin beim Anblick ihrer am Boden liegenden Hofdame stehen. Thut drängte sich an ihr vorbei und blieb knapp einen Fuß von Tuja und Sunu entfernt stehen, dem Hohepriester Hapuseneb einen seltsamen Blick zuwerfend. Dieser drängte sich nun nahe an Sunu heran und ließ sich, gleich ihm, neben der liegenden Tuja nieder. Die beiden jungen Sem-Priester wichen zur Seite als nun auch Senmut eintrat und ließen ihn durch. Sunu erhob sich und zog sich an die Wand zurück, als sich auch noch der Leibarzt der Königin zu der reglosen Gestalt durchschlängelte. Der Hohepriester und der Arzt knieten nebeneinander und begannen die Dame Tuja zu untersuchen. Sunu versuchte den Überblick zu behalten und sich nichts entgehen zu lassen. Irgendetwas stimmte hier nicht. Warum nur sah er alles so verschwommen. Unwillig wischte er sich kurz und unauffällig über die Augen. Sein Herz schien aus dem Leib springen zu wollen, so hart schlug es in seiner Brust. „Reiß dich zusammen!“ Schalt er sich selber im Stillen und beobachtete weiterhin mit wieder klaren Augen, was um ihn herum vorging. Der Arzt schien seine Untersuchung beendet zu haben. Er blickte zu Hatschepsut empor und schüttelte deprimiert den Kopf. „Da ist nichts mehr zu machen. Sie ist tot.“ Er fuhr mit den Fingern über die Augen der Liegenden, um die Lider zu schließen. Auch der Hohepriester richtete seinen Blick auf das königliche Paar und nickte, den Worten des Arztes zustimmend. Sunu kniff die Augen zusammen. War da nicht ein leichtes Blinzeln in den Augen des Priesters, als er von Hatschepsut zu Thutmosis blickte? Sunu schüttelte den Kopf, „Laß dich von deinen Gefühlen nicht irre machen.“ Sagte er in Gedanken zu sich selbst. Hatschepsuts Augen waren voller Trauer. In der kurzen Zeit ihres Kennens war ihr die temperamentvolle Tuja richtig ans Herz gewachsen und es war ihr klar, dass sie in gewisser Weise Schuld an deren Schicksal trug. Sie straffte ihre Schultern und fragte streng: „Wie ist sie gestorben?“ Ihr Blick wanderte prüfend zwischen Hapuseneb, dem Arzt und Thut, welcher wieder seine unergründliche Miene zur Schau trug, hin und her. „Ich kann keine Anzeichen für Gift erkennen.“ Der Arzt zuckte mit den Schultern. „Sie hat nicht erbrochen und hätte sie Schmerzen und Krämpfe gehabt, hätte sie sicher nach Hilfe gerufen. Vielleicht ist sie eines natürlichen Todes gestorben? Auch in jungen Jahren kann so etwas passieren.“ Eifrig nickte der Hohepriester zu diesen Worten des Arztes. Sunu kniff wieder die Augen zusammen, hatte da nicht wieder ein Blickkontakt zwischen Hapuseneb und Thut stattgefunden? Zweifelnd schaute auch Hatschepsut vom Priester zu Thut. Dann fiel ihr Blick auf Sunu, dessen kräftige Hautfarbe hatte sich nahezu in Grau verwandelt. Sie winkte Senmut zu, der als stiller Beobachter dazwischen stand und deutete auf den Befehlshaber. Sunu hielt sich an dem Gedanken aufrecht, alles genauestens in seinem Kopf speichern zu müssen. Tief in sich drinnen spürte er, dass er dieses Wissen noch brauchen würde. Er beobachtete weiterhin die Personen im Raum. Etwas fiel ihm auf: Wo war der zweite Sem-Priester abgeblieben? Sunu sah sich suchend um. Er konnte den jungen Mann nirgends entdecken. War das wichtig? Er konnte nicht mehr darüber nachdenken, denn Senmut kam durch den Raum auf ihn zu, nahm ihn sacht aber bestimmt an der Schulter und schob ihn durch das Gemach an den anderen Menschen vorbei zur Tür hinaus. Draußen angelangt dirigierte er den Befehlshaber in Richtung von dessen Räumen. Im Gehen erhaschte Sunu doch noch einen Blick auf den vermissten Sem-Priester. Dieser huschte um eine Biegung des Ganges, in einer Hand eine Lampe. Vage erinnerte sich Sunu, dass dieses Alabasterlämpchen auf dem Frisiertisch von Tuja gestanden hatte. Wie hing das alles zusammen? Er konnte einfach nicht mehr klar denken. Ohne es zu merken hatte er von Senmut mehr oder weniger geschoben, seine Räume erreicht. Der Architekt begleitete ihn noch ins Schlafgemach. Dort wartete schon ein bedrückter Tunip auf seinen Herrn. „Herr, es tut mir so leid.“ Sunu setzte sich auf seine Liegestatt und winkte matt ab. „Laß mich, Tunip.“ Er sah von seinem Schreiber zu Senmut und entschuldigte sich: „Es tut mir leid, aber ich will jetzt allein sein. Geht.“ Senmut winkte auf dem Gang noch einem Diener zu: „Bring Wein in die Räume des Befehlshabers und nicht zu knapp.“ Dann gingen der Diener und der Architekt in verschiedene Richtungen davon. Tunip kehrte jedoch nach wenigen Schritten um und blieb unschlüssig vor der geschlossenen Türe stehen. Schließlich setzte er sich auf den Boden. Irgendwann würde ihn sein Herr brauchen, dann würde er da sein.

                *

Wie aus einem dichten wabernden Nebel auftauchend nahm Tuja eine Berührung wahr. Sie versuchte die Augen zu öffnen, doch die Lider waren zu schwer. Lediglich einen winzigen Schlitz konnte sie mit aller Anstrengung aufzwingen und so sah sie verschwommen durch ihre Wimpern einen Bruchteil ihrer Umgebung. Es war schwierig für sie, etwas zu erkennen, da auch ihr Verstand dumpf und schwer schien und die Ausschnitte verschwommener Bilder, die sie wahrnahm nicht einzuordnen vermochte. Da waren mehrere Gestalten im Zimmer, welche sich um sie herumbewegten. War da nicht Sunu? Sie versuchte verzweifelt ihn durch eine Bewegung, einen Laut auf sich aufmerksam zu machen, doch es ging nicht. Sie konnte weder die Glieder noch die Lippen bewegen. Nein, schrie es in ihr – er war gegangen. Sie lauschte auf ihren Herzschlag, er schien kaum wahrnehmbar und sehr, sehr langsam. Wieder holte sie die Dunkelheit ein. Als sie das nächste Mal etwas erkannte waren es Priester, die seltsame Gesänge und Gebetsformeln vorbrachten und Gefäße mit Weihrauch schwangen. Sie wurde hochgehoben und hatte das unsinnige Gefühl zu schweben. Die Gänge des Palastes glitten wie im Nebel an ihr vorüber. Der Park, die Fackeln, ein schwankendes Boot? Dann, nachdem sie wieder eine Weile nichts gefühlt hatte, nahm sie eine unheimliche Kälte an ihrem Rücken wahr. Wieder öffnete sie mit größter Anstrengung die Augen einen winzigen Spalt. Ängstlich rollten die kaum sichtbaren Pupillen hinter dem Vorhang der Wimpern hin und her. Eine hohe seltsam leicht wirkende Decke über ihr, bemalt mit Szenen aus dem Totenreich. Immer wieder nahm sie das unheimliche Antlitz des hundsköpfigen Seths wahr. Ihr Blick irrte zur Seite. „Nein“, schrie es stumm in ihrem Inneren, „lasst mich nicht sterben!“ Sie hatte erkannt, um was es sich bei den großen Steintischen links und rechts von ihr handelte: Sie befand sich im Haus des Todes, zur Vorbereitung auf das jenseitige Leben. Sie war umgeben von Toten, zum Teil bereits aufgeschnitten und von Totenpriestern, die ihrer unheimlichen Arbeit nachgingen. Als sich einer von ihnen mit einem Arm voller glänzender Instrumente näherte, schien Tujas Herzschlag vollends auszusetzen und sie sank zurück in die Dunkelheit des Vergessens.

                *

Sunu saß immer noch auf seinem Bett. Er hatte einen Alabasterkrug mit Wein geleert, ohne die Flüssigkeit in Becher zu schenken, doch nichts konnte seine aufgewühlten Gedanken beruhigen. Immer wieder geisterten Bilder von der stummen starren Gestalt Tujas durch seinen Sinn und immer wieder sah er ihre Augen. Wie konnten die Augen einer Toten noch nach ihrem Ableben so lebendig aussehen und um Hilfe flehen? Er konnte einfach nicht glauben, dass sie tot sein sollte. Auch andere Bilder zuckten durch seinen Kopf: Der Arzt, wie er den Kopf schüttelte. Hapuseneb, der dem Pharao ein verschwörerisches Zwinkern schickte. Der junge Priester, der mit der Lampe verschwand. Der zufriedenen Blick des Thutmosis. Wo war der Zusammenhang? Was war passiert? Immer und immer wieder ließ Sunu die Bilder Revue passieren. Er musste den Schlüssel finden. Er wusste nicht warum, er wusste nur, dass etwas nicht stimmte. Sunu hatte keine Ahnung, wie lange er nachgedacht hatte. Irgendwann musste er doch eingenickt sein. Mit einem Stöhnen auf den Lippen fuhr er vom Bett hoch. Das war es – die Lampe, man hatte vergiftetes Öl in die Lampe getan. Im Halbschlaf hatten sich die Gedanken immer noch in Sunus Kopf im Kreis gedreht und ihm war eingefallen, dass die Priester bei ihren Zeremonien alle möglichen Sorten von Rauch entstehen lassen konnten: Farbigen Rauch, Rauch, der die Gestalt von Mensch oder Tier vorgaukelte, aber auch Rauch, der einen benommen machte. Was, wenn Tuja gar nicht mit einem Getränk oder etwas zu Essen vergiftet worden war? Was, wenn es der Rauch aus der Lampe war? Warum sonst hätte Hapuseneb dafür sorgen sollen, dass die Lampe verschwand? Es musste so sein! Der Hohepriester, der schon immer hinter dem Pharao gestanden hatte, hatte für Thutmosis die Drecksarbeit übernommen. Sunu sprang von seinem Lager und stürzte beinahe über seinen vor dem Bett sitzenden Schreiber. „Aua, aua!“ Rief dieser entrüstet, als Sunus Fuß auf seinem Schenkel landete. Der Befehlshaber sprang zur Seite und entlastete den armen Tunip. Entnervt fragte er: „Was machst du denn hier? Habe ich dich nicht fortgeschickt?“ „Ja, Herr,“ antwortete der Diener kleinlaut sich vom Boden erhebend. „Aber als ich durch die Tür lugte, schienst du zu schlafen und ich setzte mich vor deine Liegestatt, falls du mich beim Erwachen brauchen würdest.“ Im Licht, dass durch das schmale Fenster fiel, sah Sunu in die treuherzigen Augen des jungen Mannes. „Es ist gut, Tunip, und du hast recht, ich werde deine Hilfe brauchen.“ Immer noch im Festgewand ging Sunu aus dem Zimmer und hastete durch die Gänge, gefolgt von einem verwirrten Tunip. Wenn Hapuseneb und Thut Tuja getötet hatten, musste er es nachweisen. Sie durften nicht ungeschoren davon kommen. „Wo willst du hin, Herr?“ Rief der Schreiber atemlos dem Befehlshaber zu. „In die Räume der Dame Tuja. Ich muss sie noch einmal ansehen.“ Tunip langte nach Sunus Arm und hängte sich daran, um ihn zu bremsen. „Das ist nicht gut.“ Er bremste noch mehr. „Was nützt es dir, wenn du die Tote nochmal ansiehst. Es wird dir nur weh tun.“ Unwirsch schüttelte Sunu seinen Schreiber ab. „Es geht doch gar nicht um meine Gefühle.“ Kühl blickte er auf den jungen Mann herab und fuhr fort: „Von denen du ja sowieso gar nichts wissen kannst.“ Tunip senkte den Kopf. Natürlich ging es ihn nichts an, aber verborgen geblieben war es ihm natürlich nicht, dass zwischen der Dame Tuja und seinem Herrn etwas Besonderes vorging. Sunu beendete seinen angefangenen Satz: „Es geht darum dass ich glaube, dass die Dame Tuja doch vergiftet worden ist. Nur nicht mit Speise oder Trank sondern mit Rauch.“ Tunip riß überrascht die Augen auf. „Ja geht denn so etwas?“ Fragte er zweifelnd. Sunu eilte schweigend weiter. Tunip beschleunigte seine Schritte und hängte sich wieder an seinen Herrn, um ihn zu bremsen. „Und selbst wenn es so etwas gibt,“ keuchte er atemlos, „wirst du jetzt nichts nachweisen können. Zumindest nicht in den Gemächern der Dame.“ Sunu bremste abrupt seinen Lauf und wandte sich so heftig zu seinem Schreiber um, dass dieser unsanft auf ihn prallte. „Wieso nicht.“ Bellte er kurz. „Weil die Dame Tuja bereits ins Haus des Todes verbracht wurde.“ Antwortete Tunip fest. „Die Priester haben ihre Gesänge und Gebete schon lange beendet und sie ist fort.“ Ein eiskalter Schauder lief über den Rücken des Befehlshabers. Er schaute durch die schmalen Fenster des Palastes und erst jetzt fiel ihm auf, dass die Dämmerung bereits hereingebrochen war, die Re-Scheibe sich schon dem Horizont entgegen neigte. Ein halber Tag war bereits vergangen, seit man die Tote gefunden hatte. Er stellte sich die wunderschöne Frau auf der kalten Steinplatte der Einbalsamierer vor. Er musste sich zusammenreißen, damit es ihn nicht schüttelte. Langsamen Schrittes ging er wieder seinen Räumen zu, gefolgt von einem stillen Tunip. In seinen Gemächern angelangt, setzte sich Sunu wieder auf seine Liegestatt. In seinem Kopf hämmerten die Worte: „Zu spät!“ und schienen jeden anderen Gedanken zu tilgen. Schon einmal war er zu spät gekommen und auch da hatte es einer jungen schönen Frau das Leben gekostet. Warum nur hatte er nicht mehr auf Tuja geachtet? Schließlich war sie, wie die göttliche Gemahlin, seinem Schutz unterstellt. Sicher hatte niemand ahnen können, dass sie selbst in ihren Gemächern – mit einem Wachposten vor der Tür – in Gefahr schwebte. Sunu vergrub den Kopf in den Händen und zerwühlte sich das dunkle Haar. Tunip, der mit seinem Herrn in die Räume zurückgekehrt war, verließ diese leise und kehrte wenig später mit einem Alabastergefäß voller Dattelwein zurück, welches er einem vorüberhastenden Diener vor der Türe wortlos aus den Händen gerissen hatte. Aus einer der Truhen nahm er zwei Kupferbecher und schenkte sie wortlos voll; dann reichte er einen davon seinem Herrn. Sunu ließ die Hände von seinem Gesicht gleiten und griff nach dem Getränk. Er schüttelte den Kopf, um wieder klare Gedanken fassen zu können. Nach einem guten Schluck Wein gelang ihn dies schon besser. Normalerweise trank er eher selten und nie zuviel. Doch zurzeit konnte man wohl nichts, was sich in seiner Umgebung ereignete, als normal bezeichnen. Sunu erhob sich mit dem Becher in der Hand und stellte ihn auf den Schreibtisch. Wenn Tuja bereits im Haus des Todes lag, würde er kaum noch nachweisen können, dass sie keines natürlichen Todes gestorben war, was wahrscheinlich sowieso schon äußerst schwierig sein würde und mindestens des Leibarztes der Königin bedurfte. Wer erst einmal am jenseitigen Ufer auf dem kalten Stein lag, war von den Ärzten bereits abgesegnet und nur noch Sache der Totenpriester. Sunus Innerstes sträubte sich gegen die Vorstellung, dass die Vorbereitungen zur Mumifizierung nun an der wunderschönen Dame Tuja vorgenommen werden würden. Man würde sie aufschneiden, die Eingeweide entfernen... Sunu weigerte sich seine Gedanken weiterzuspinnen. Unruhig ging er auf und ab, beobachtet von einem abwartenden Tunip. Der Schreiber ahnte, dass demnächst irgendetwas passieren würde und erhob sich. Er kannte seinen Herrn und diese Unrast hatte meist zu bedeuten, dass er etwas plante. Abrupt blieb Sunu vor ihm stehen. Es war nur ein innerer Zwang und er wusste nicht, wofür es nachher gut sein würde, aber plötzlich war ihm klar: Er musste Tuja noch einmal sehen. Er würde keine Ruhe haben, bevor er sie nicht noch einmal in „vollständigem Zustand“ – allein bei diesen Worten stellten sich ihm die Nackenhärchen auf – gesehen hatte. Dieser Drang entsprang nur seinem Instinkt; aber war er bisher jemals schlecht gefahren, wenn er ihm gefolgt war? Seine kurzfristige Unsicherheit, basierend auf dem Tod von Tuja, war wie weggeblasen. Natürlich spürte er in seinem Inneren immer noch einen dumpfen Schmerz, doch war seine ihm eigene tatkräftige Vernunft wieder zurückgekehrt. „Tunip,“ er schaute seinen treuen Schreiber an, „wir werden ins Haus des Todes gehen und du wirst mir helfen.“ Tunip ließ sich auf den Schreibtischstuhl plumpsen und zog schaudernd die Schultern hoch. „Ins Haus des Todes?“ Flüsterte er. „Herr, ich hab schon viel für dich getan und würde noch mehr tun, aber das Haus des Todes... ?“ Ein kühles Lächeln huschte über das Gesicht des Befehlshabers, als er sagte: „Ich werde es allein betreten, aber du wirst für meine Sicherheit sorgen.“ Bei Tunip wollte keine rechte Erleichterung aufkommen. Selbst vor der Tür des „Hauses“ zu stehen war für ihn ein Gräuel. Das Haus des Todes war eigentlich kein richtiges Haus. Es waren große ausladende Zelte, welche die Toten beherbergten. Die Totenpriester gingen dort aus und ein und kamen ihren schaurigen Pflichten nach. Das Gebiet gehörte zum Tempelareal von Karnak, war aber aus Gründen der Pietät am Ostufer des Nils errichtet worden. An das Leben nach dem Tode glaubend, war das ägyptische Volk von Aberglauben durchdrungen. Man fürchtete die Geister von ermordeten oder geschundenen Toten könnten als Dämonen wiederkehren, oder die, die nie als Mumie eine letzte Ruhestätte gefunden hatten. Wo würden sie wohl eher umgehen, als in der Nähe des Hauses des Todes, im Tal der Toten oder auch um Deir el Medina, der Stadt der Grabarbeiter? Obwohl die Priester im Haus der Toten einen ehrenwerten und gutbezahlten Beruf ausübten, wurde meist um sie ein Bogen gemacht und viele der einfachen Menschen machten dämonenabwehrende Zeichen, wenn sie ihnen begegneten. Bei der unheimlichen Aura, die das Gelände umgab, war es also nicht verwunderlich, dass Tunip lieber bei Sobeks Kindern im Nil gebadet hätte, als in dessen Nähe zu geraten. Trotzdem straffte er tapfer die Schultern und antwortete: „Ich werde dir folgen, Herr,“ leiser fügte er hinzu: „wenn auch ungern.“ Sunu warf ihm einen fragenden Blick zu. „Wie war der letzte Satz?“ Unschuldig riß der junge Mann die Augen auf. „Welcher letzte Satz? Ich habe nichts gesagt.“ Ein leichtes Lächeln umspielte die Lippen des Befehlshabers trotz der mehr als ernsten Situation. Sunu nahm sein Auf– und Abgehen wieder auf; er musste überlegen, wie er es am besten anstellte ohne Aufsehen das „Haus“ zu betreten. Er würde nach einer der Seitenpforten in der umgebenden Mauer suchen und es von dort aus versuchen. Die Wächter dürften für ihn als Befehlshaber kein Problem sein. Nur von den Priestern sollte er nicht erwischt werden. Sie konnten ihm den Zutritt jederzeit verwehren und mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit hatte Hapuseneb dafür Sorge getragen, dass sich der Leiche Tujas niemand außer seinen Priestern näherte. Er würde bei Dunkelheit handeln müssen, denn da hielten sich selbst die Priester ungern an ihrem unheimlichen Arbeitsplatz auf und die Chance unbemerkt zu bleiben, war groß. Sunu überlegte, ob er nicht einfach eine Genehmigung von Hatschepsut einholen sollte. Niemand würde sich einer solchen widersetzen. Aber dann würde wahrscheinlich Thutmosis Wind von der Sache bekommen und die Leiche über Hapusenebs Helfer ganz verschwinden lassen. Nein, er musste das allein durchziehen.


Der richtige Instinkt

Als die Nacht hereingebrochen war, machte sich Sunu mit Tunip auf den Weg. Außer Hui wusste niemand über diese Unternehmung Bescheid. Sunu hatte den schwarzen Hünen angewiesen, falls irgendetwas schief gehen sollte, der göttlichen Gemahlin alles zu erzählen. Hui hatte wie immer wenig Worte gemacht, Sunu aber seiner Zuverlässigkeit versichert. Sunu hatte die Kriegsgewänder angelegt, sich das lange kupferne Schwert und den Armreif des Befehlshabers angelegt. So konnte er davon ausgehen, dass er zumindest von den Wachen nicht aufgehalten werden würde. Selbst Tunip war heute ausnahmsweise bewaffnet. Sunu hatte ihn gedrängt seinen Dolch zu tragen. Doch erst als der Befehlshaber einen sehr eleganten goldenen Gürtel als Halter für die Waffe dazulegte, hatte der Jüngling zugestimmt, einen bewundernden Blick auf das Schmuckstück werfend. Sie verließen den Hof des Palastes und erreichten den Kai. Unten an den Stufen nahmen sie sich einfach eine kleine Feluke und segelten los. Am Ufer angekommen sahen sie die Lichter des Tempelareals. Sie vertäuten das Boot und näherten sich den Außenmauern. Vorsichtig schlichen sie in einigem Abstand daran entlang, bis sie eine kleine Pforte bemerkten, an der nur eine Wache stand. Links und rechts der Tür beleuchteten Fackeln, in Halterungen an der Mauer befestigt, die nächste Umgebung. Als die zwei Männer sich näherten, streckte der Soldat seinen Speer vor und rief: „Halt, wer da?“ Sunu trat auf ihn zu und rückte sein Befehlshaberarmband ins Licht. Der Soldat salutierte und fragte: „Was willst du so spät hier, im Haus der Toten.“ Eine gewisse Neugierde zeigte sich in seinem Blick, aber auch Vorsicht. Sunu hatte sich etwas einfallen lassen und ließ sich von Tunip eine kleine Schatulle überreichen. „Heute wurde hier eine adlige Dame eingeliefert. Ich habe hier ihren Schmuck. Er ist sehr wertvoll und man hat mir angetragen, ihn sicher hier abzugeben.“ Der Soldat wollte nach dem Kästchen greifen, doch Sunu zog es zurück. „Ich will es ins Haus bringen und einem Priester übergeben.“ Sagte er fest. Resigniert zuckte der Soldat die Schultern: „Gut, wenn du es so willst; ich bin nicht scharf darauf, diese Räume nachts zu betreten. Allerdings sind um diese Zeit kaum noch Priester unterwegs. Du wirst nach einem suchen müssen. Willst du nicht lieber bis morgen warten?“ Sunu schüttelte den Kopf. „Ich bin das Auge und Ohr der göttlichen Gemahlin und habe einen Haufen Pflichten zu erfüllen. Es geht nicht an, dass ich den Weg umsonst gemacht habe. Denkst du ich würde mich nächtens hier herumtreiben, wenn ich anders Zeit gefunden hätte?“ Das schien dem Wächter einzuleuchten. Er nahm seinen Speer zur Seite und gab den Weg frei. Sunu machte Tunip ein Zeichen, auf ihn zu warten. Vorsichtig öffnete der Befehlshaber die Tür und trat zögernd hindurch. Vor ihm lag ein schwach mit Fackeln beleuchteter Vorhof. Er überquerte diesen und schlüpfte durch einen schmalen Einlaß ins Innere des großen Zeltes. Hier standen keine Wachen. Anscheinend wurde nur die äußere Mauer bewacht. Sunu sah sich um. Er befand sich auf einem breiten durch hölzerne Paravents abgetrennten Gang, ebenfalls nur spärlich beleuchtet. Sich immer wieder seiner Sicherheit vergewissernd schlich er vorwärts, mit einer Hand das kleine Kästchen fest umklammernd, in der anderen hielt er das inzwischen gezogene Schwert. Als er sich einer Abzeigung näherte, erkannte er gerade noch rechtzeitig einen Schatten. Sunu huschte drei Schritte zurück und verbarg sich in einem Zwischenraum zwischen den Abtrennungen. Ein älterer weißgewandeter Priester mit irgendwelchen Instrumenten in den Händen, deren näheren Zweck sich der Befehlshaber gar nicht vorstellen mochte, ging an ihm vorüber, ohne ihn im Schatten seines Versteckes zu bemerken. Vorsichtig lugte Sunu aus der Nische und näherte sich dann der Abzweigung des Gangs. Die Richtung, aus welcher der Priester gekommen war, schien ihm am vielversprechendsten, also bog er ab und erreichte wenig später einen riesigen Saal. Sunu schmiegte sich an den breiten, einem Pyloneneingang nachempfundenen, Seitenpfeiler des Zuganges, welcher wuchtig und fehl am Platz wirkte unter der leichten Plane des großen Zeltes. Er warf einen Blick in den riesigen Raum und ein kühler Luftzug schien ihn zu streifen. Da standen sie, die berüchtigten Steintische, auf dem sie alle wohl einmal landen würden. Einige davon waren leer, aber für Sunus Begriffe zu viele waren besetzt. Weiter hinten konnte er riesige eckige Steinbehälter erkennen. Er nahm an, dass diese Salz oder Natronlauge enthielten, in was die Leichen nach der Entnahme der Eingeweide eingelegt wurden. Sunu hatte in Jebu einige Kämpfe ausgefochten, viele Leichen gesehen, trotzdem kostete es den Krieger Überwindung den Raum zu betreten. Langsam ging er die Reihen von steinernen „Totenbetten“ ab. Nackt und kalt lagen sie da, nicht bedeckt, nicht geschützt. Manche sahen aus, als ob sie schliefen, manche waren verstümmelt oder schon im fortgeschrittenen Verwesungszustand. Einige von ihnen waren bereits aufgeschnitten, die offenen Leiber mit großen Stichen wieder zusammengenäht. Nicht immer fand man einen friedlichen Tod oder wurde rechtzeitig gefunden um noch „frisch“ zu sein. Zu mancher Jahreszeit reichten ein paar Stunden aus, um eine Leiche in einen unansehnlichen Zustand des Zerfalls zu versetzen, dann war Eile geboten bei den Vorbereitungen zur Einbalsamierung. Die Schritte des Befehlshabers wurden immer langsamer als er sich einer bestimmten Tischplatte näherte. Er kniff die Augen zu Schlitzen zusammen, ja sie war es. Er wagte kaum, genauer hinzusehen. Hatte man sie schon aufgeschnitten? Trug sie auch schon die lange grob vernähte Narbe auf dem Leib? Nein, er öffnete die Augen wieder und ließ sie über den perfekten Körper gleiten. Tujas sterbliche Hülle war noch unberührt. Die glatte dunkle Haut spannte sich ohne Makel über den flachen Leib. Die Haarmähne hing über den Rand der Steinplatte hinab, das Gesicht war blaß aber selbst im Tode noch schön. Sunu legte die Schatulle auf den Boden, das Schwert neben die Leiche auf den Stein des Tischs und stützte sich mit beiden Armen auf der Platte ab. Er musste dieses Antlitz ansehen, dachte an ihre Augen, die um Hilfe gefleht zu haben schienen, während Tuja tot in ihren Räumen auf dem Boden gelegen hatte. Sunu wusste nicht, was ihn dazu zwang, aber er musste es tun: er legte seine Finger an ihren Hals um zu fühlen, ob noch Leben in ihr war. Er wusste vom Schlachtfeld dass man manchmal, wenn man Herz oder Atem nicht mehr wahrnahm, das Blut pochen fühlte, wenn man eine bestimmte Stelle am Hals berührte. Fast hätte er die Finger zurückgezogen, als er spürte, wie kühl ihre Haut war. Und doch war sie nicht kalt und steif wie die der Toten, die er nach manchem Kampf schon angefasst hatte. Er zwang sich, die Hand an ihrem Hals zu lassen. „Was tust du da?“ Schalt er sich selber. „Kannst du dich nicht damit abfinden, dass sie nicht mehr lebt?“ Als er eben die Berührung beenden wollte, glaubte er seinen Sinneswahrnehmungen nicht mehr trauen zu dürfen. Hatte er da nicht eine Bewegung gespürt? Leicht, wie ein gefangener kleiner Schmetterling in der Hand? Oder wollte er nur etwas fühlen, wo es nichts mehr zu fühlen gab? Nein, da war es wieder. Sunu nahm seine Hand von Tujas Hals und hob ganz vorsichtig ein Augenlid an. Ihr Blick war glänzend und angstvoll, nicht stumpf und blind, wie bei einem seelenlosen Toten. Eine Mischung aus Triumph und Panik überkam den Befehlshaber. Sein Instinkt hatte ihn nicht getrogen; es war richtig gewesen, hierherzukommen und Tuja noch einmal anzusehen. Doch – was sollte er jetzt tun. Seine These, dass Tuja vergiftet worden war, hatte sich nun so gut wie erwiesen. Dieser Zustand, in dem sie sich befand, war ganz sicher nicht natürlichen Ursprungs. Allerdings würde wahrscheinlich niemand nachweisen können ob, wie und von wem der Anschlag getätigt worden war. Es wäre also sinnlos Tuja weiteren Gefahren auszusetzen, indem er sie in den Palast zurückbrachte, um sie untersuchen zu lassen. Sunu musste sie auf jeden Fall von hier wegbringen. Inzwischen war ja klar, dass nicht einmal der Schutz der Königin und der seine genügten, sie vor weiteren Anschlägen zu schützen. Am besten wäre es, wenn man annähme, irgendein Frevler hätte aus unerfindlichen Gründen die Leiche gestohlen. Hastig sah sich Sunu um und entdeckte einen Stapel Leinentücher, wahrscheinlich dazu bestimmt, in lange Streifen geschnitten zu werden, um die Mumien darin einzuwickeln. Ohne zu zögern schnappte er sich eines davon und hüllte die Dame Tuja darin ein. Plötzlich vernahm er ein leichtes Geräusch hinter sich. Er wirbelte herum und riß in der Bewegung sein Schwert an sich. Zwei kräftige Priester hatten sich angeschlichen und in ihren Augen erkannte er, dass sie Eingeweihte sein mussten. Sicher treue Diener von Hapuseneb, die nicht vorhatten, ihn lebend von hier entkommen zu lassen. Beide trugen, ganz untypisch für Priester, Waffen in der Hand. Der eine einen Dolch, der andere ein Schwert, ähnlich dem des Befehlshabers. Auch das deutete darauf hin, dass sie Befehl hatten, die angeblich Tote mit ihrem Leben zu schützen. Sunu duckte sich und behielt die beiden Männer im Auge. Sie begannen ihn zu umkreisen und er musste aufpassen, dass keiner ihm in den Rücken fiel. Da, aus dem Augenwinkel nahm er die Bewegung des Priesters mit dem Dolch wahr. Dieser stürzte vorwärts, um ihn von hinten zu treffen. Sunu drehte sich nicht einmal ganz um. Er schwang lediglich sein Schwert in einem großen Bogen und schlitzte ihm die Seite auf. Stöhnend ließ der schwer Verletzte die Waffe fallen und ging zu Boden. Noch ehe sich Sunu wieder ganz seinem anderen Gegner zuwenden konnte, hatte dieser das Schwert gegen ihn gestoßen und Sunu am Arm verletzt. Gerade noch rechtzeitig riß Sunu seine Waffe hoch und lenkte die Klinge des Gegners ab, bevor sie tiefer in seine Linke dringen konnte. Der Priester wich kurz zurück, ging aber gleich wieder auf den Feind los. Die Schwerter schlugen klirrend gegeneinander. Sunu war gehandicapt, sein linker Arm schien mehr abbekommen zu haben, als er gedacht hatte. Er konnte ihn nur schwer bewegen und das Blut floß ungehindert daran hinab und benetzte den glatten Steinboden. Der Befehlshaber musste sich beeilen den Kampf zu beenden, denn er fühlte seine Kräfte schwinden. Hier half nur noch eine Finte. Sunu krümmte sich zusammen, als ob die Schwäche ihn zu Boden drücken würde und schon blitzte Triumph in den Augen des kahlköpfigen Priesters auf. Er hob seine Waffe, um sie auf den in die Knie gegangenen niedersausen zu lassen, als dieser die seine plötzlich von unten gegen ihn hochriß. Im eigenen Schwung stürzte sich der Mann in Sunus Schwert und kam mit einem Röcheln auf dem Befehlshaber zu liegen, der von dessen Gewicht niedergedrückt wurde. Energisch schob Sunu den Toten von sich, zog seine Waffe aus dessen Bauch und erhob sich so schnell es ihm seine Verletzung erlaubte. Sein blutiges Schwert schob er zurück in den Gürtel des Waffenrocks. Er wandte sich der in Leinen gehüllten Tuja zu und hob sie auf. Mit einem Stöhnen winkelte er die Arme an, damit sie nicht heruntergleiten konnte. Vor Anstrengung und Schmerz traten seine Kiefermuskeln hervor und die Muskeln um seine Verletzung herum zitterten. So schnell er konnte verließ der Befehlshaber mit seiner leichten Last die Halle, das Zelt und überquerte den Hof. Ohne Störung erreichte er die Pforte in der Mauer und klopfte mit dem Fuß dagegen. Die Tür öffnete sich und mit mehr Neugier als Vorsicht wurde er von dem Soldaten gemustert. Als er die Last auf Sunus Armen bemerkte, wich er entsetzt zurück und machte ein das Böse abwehrendes Zeichen. „Was tust du, Mann?“ Rief er. Sunu huschte durch die Tür und schloß sie hastig hinter sich. Er wollte keine langen Erklärungen abgeben und außerdem war es besser, je weniger Menschen überhaupt über die heutige Nacht Bescheid wussten. Sollte der Soldat ihn für verrückt oder für einen Perversen halten, das war ihm egal. Er wollte nur möglichst schnell und ohne viele Worte von hier wegkommen. Sunu winkte Tunip, der vorsichtig im Hintergrund gewartet hatte, zu sich. Der junge Mann trat vor und Sunu wies mit den Augen auf den wertvollen Gürtel, den er dem Schreiber geliehen hatte. „Mach ihn ab!“ Entrüstet schaute dieser seinen Herrn an. „Aber...aber, Herr!“ Sunu wurde ungeduldig. „Nun mach schon!“ Zischte er gefährlich leise. Mit hängenden Mundwinkeln öffnete Tunip das Schmuckstück und hielt es in der einen Hand, während er mit der anderen den Dolch und seinen Rock festhielt, da beides ohne den Halt des Gürtels dem Sand zu seinen Füßen zustrebte. „Gib ihn der Wache!“ Wies Sunu an. Der Soldat streckte die Hand aus und ein gieriges Glitzern trat in seine Augen. „Das Ding ist mehr wert, als du in ein paar Jahren verdienst.“ Murmelte der Befehlshaber beschwörend. „Nimm es und vergiß, was du in dieser Nacht gesehen hast.“ Der Mann nickte nur und das goldene Schmuckstück verschwand unter seinem Lederwams. Sollte der verrückte Krieger doch mit seiner Leiche machen was er wollte. Was ging es ihn an? Dachte er sich und drehte den beiden Männern demonstrativ den Rücken zu. „Ich habe nichts gesehen.“ Tunip und Sunu mit seiner Last hatten erst wenige Fuß zurückgelegt, als sie hinter sich laute Stimmen vernahmen. Beide wandten sich um und hielten den Atem an als sie erkannten, was sich hinter ihnen begab: Der verletzte Priester hatte es geschafft, die Pforte zu erreichen und redete nun auf den Soldaten ein. Sunu war klar, dass dem Wachposten nichts anderes übrig bleiben würde, als dem Priester zur Seite zu stehen und sie anzugreifen. Wenn er Glück hatte, würde nie jemand hinter sein wertvolles Bestechungsgeschenk kommen, welches er ja gut verborgen am Leibe trug. Wenigstens hatte der Totenpriester nicht den gesamten Tempel geweckt. Während er dies dachte, wurde dem Befehlshaber aber schon klar warum: Je mehr Wind um die Vorfälle um den Tod der Dame Tuja gemacht würde, desto mehr Fragen würden sich erheben. Darum durften so wenig Menschen wie möglich irgendetwas mitbekommen. Gehetzt sah sich Sunu um. Seine Kraft hatte bereits bedenklich nachgelassen durch den Blutverlust an seinem Arm und nun würde er nochmals gegen zwei Gegner antreten müssen. Vorsichtig ließ er Tuja zu Boden gleiten und wollte, sich wieder aufrichtend, eben nach seinem Schwert greifen, als ein seltsames Zischen zu hören war. Sunu kannte das Geräusch und ließ seinen Blick schnell zur Pforte gleiten. Mitten in seinem Lauf wurde der auf sie zurennende Soldat zu Boden gestreckt. Einen blitzenden Dolch in seiner Brust. Der hinter ihm heranhastende Priester kam ins Straucheln und völlig überrumpelt wich Sunu zur Seite, als Tunip einen Kampfschrei ausstieß und an ihm vorbeidrängte. Noch ehe der Befehlshaber eingreifen konnte oder wollte, hatte der Schreiber dem Priester seine Waffe ins Herz gestoßen, so dass dieser tot zu Boden sank. Als der junge Mann sich triumphierend zu seinem Herrn umwandte, konnte sich dieser trotz Gefahr und Schwäche, ein Lächeln nicht verkneifen: das sonst so gepflegte Haar des Jünglings war zerzaust, seine Haut voller Wüstenstaub und der Schurz hing auf einer Seite bis zum Knie herab, des Haltes des Gürtels beraubt. Ein mächtiger Schatten tauchte neben Sunu auf und dieser wandte sich nicht einmal nach ihm um. Nur aus dem Augenwinkel sah er weiße Zähne aufblitzen, als er sich bedankte. Gerade noch rechtzeitig konnte Hui den Befehlshaber unterhaken, als dessen Knie nachgaben. Vorsichtig führte der große Schwarze den Verletzten bis zu einem Felsbrocken und setzte ihn, mit dem Stein als Rückenlehne, auf den Sandboden. Hui kniete neben ihm nieder, während ein äußerst besorgter Tunip angehastet kam, den blutigen Dolch mit angewidertem Gesicht von sich weghaltend. Wortlos deutete der Nubier auf Tunips hängenden Schurz. Der Schreiber verstand, was der Leibwächter wollte und riß, verzweifelt die Augen verdrehend, einen breiten Streifen Stoff von dem sowieso schon verschandelten Kleidungsstück ab. Während Hui einen provisorischen aber festen Verband an Sunus linkem Arm anlegte, betrachtete Tunip mit entrüsteter Miene seine unzulängliche Bekleidung und murmelte: „Wenn mich so jemand sieht!“ Hui schaute kurz von seiner Verbandstätigkeit auf und antwortete leise grinsend: „Deine hübsche Nefer wäre sicher entzückt!“ Beleidigt wandte der Schreiber ihm den Rücken zu. Sunu erholte sich etwas, nachdem der feste Verband die Blutung weitgehend stoppte. Mit Huis Hilfe erhob er sich und stand kurz wankend wieder auf den Beinen. Ein paar Mal atmete er tief durch, dann hatte sich das leichte Schwindelgefühl gelegt, welches ihn beim Aufstehen ergriffen hatte. Tunip vergaß, eingeschnappt zu sein und eilte an die Seite seines Herrn. „Geht es wieder, Herr?“ Fragte er eifrig. Sunu nickte nur und ging zurück zu der auf dem Boden liegenden Dame Tuja. Ihr Zustand war unverändert. Hui war ihm gefolgt und sah fragend von einem zum anderen. „Ich werde dir alles Nähere später erklären.“ Murmelte Sunu. „Wir müssen sie in Sicherheit bringen.“ Hui zuckte die breiten Schultern und antwortete: „Das schon, Befehlshaber, aber zuerst müssen wir die Sauerei aufräumen.“ Ungerührt deutete er mit einem Daumen über seinen Rücken auf die beiden Leichen. Sunu überlegte kurz und stimmte dann zu. Während seiner ganzen Befreiungsaktion hatte er sich noch keine Gedanken über die Spuren gemacht, die er hinterlassen hatte. Theoretisch würde Hapuseneb dafür sorgen, dass über all dies der Mantel des Schweigens gebreitet werden würde. Diente die Verdunkelung dieser Angelegenheit ja zu seiner eigenen und der Sicherheit des Pharao. Niemand durfte schließlich Misstrauen schöpfen, wegen der Todesumstände von Tuja. Wenn aber nun gar keine Spuren vorhanden wären, würde es nicht selbst den überheblichen Hohepriester verwirren? Die drei Männer sahen sich wortlos an und gingen wieder auf das Tempelareal zu. Diesmal ohne Zwischenfälle vergruben sie alle drei Leichen. Auch diejenige des Priesters im Aufbahrungssaal holten sie eilig und begruben sie mit den anderen beiden etwas abseits im Wüstensand. Schweißgebadet beendeten sie ihre schaurige Tätigkeit und machten sich auf den Heimweg. Grinsend zog Hui einen glänzenden Gegenstand aus seinem Wams und ließ ihn vor Tunips Gesicht hin- und herbaumeln. „Das konnten wir doch nicht mitverscharren, nicht wahr?!“ Amüsiert bemerkte der Nubier die Mischung zwischen Ekel vor dem auf das Schmuckstück getropften Blut und Gier nach dem glänzenden Metall. „Außerdem verlierst du bald deine Wäsche.“ Das Grinsen wurde breiter, als er auf Tunips sich verflüchtigenden Schurz wies. Beleidigt griff Tunip nach dem Gürtel und befestigte ihn, nicht ohne vorher das Blut einem entrüsteten Hui an den Schurz geschmiert zu haben, an seiner Hüfte. Das Graben im Wüstensand hatte Sunu wieder gefährlich geschwächt und Tunip stützte seinen Herrn indem er dessen gesunden Arm um seine Schultern legte und ihm Halt gab. Hui bückte sich und hob kurzerhand die Dame Tuja auf seine Arme, als ob sie eine Feder wäre. Von Tunip, der in besserer Verfassung war, ließ der Leibwächter sich erzählen, was sich in dieser Nacht ereignet hatte. Bald darauf hatten sie das Nilufer und die vertäute Feluke erreicht.

                *

Als Sunu mit seinen Begleitern die Mole vor dem Palast erreichte spielten die ersten Strahlen der Sonnenscheibe über den Nil und sprenkelten das grüne Wasser mit rotgoldenen Punkten. Die Mauern und Gebäude schimmerten an den oberen Rändern bereits in dunklem Gold. Der Befehlshaber zuckte zusammen, als plötzlich die Lichter von Fackeln das Dämmerlicht erleuchteten und mehrere Personen auf die Feluke zueilten. War sein Vorhaben von Thutmosis entdeckt und vereitelt worden? Hatte Hapuseneb doch besser vorgesorgt, als er gedacht hatte? Er konnte kaum noch die Augen offen halten. Der provisorische Verband war von frischem Blut durchtränkt. Taumelnd erhob er sich auf dem schwankenden Boot und zückte sein Schwert. Tunip erhob sich gleichfalls mit dem Dolch in der Hand und der schwarze Hui ließ vorsichtig die schlanke Gestalt Tujas auf die Planken gleiten und duckte sich, wie ein Raubtier zum Sprung. Erst als sie eine gebieterische Stimme rufen hörten: „Wollt ihr denn eure Königin niedermetzeln, ihr Hohlköpfe?“ ließen Sunu und Tunip die Waffen sinken und Hui entspannte sich. Durch die Fackeln und die ersten Sonnenstrahlen beleuchtet erkannten die Männer jetzt die ans Ufer getretenen Personen. Es handelte sich um die Königin, Senmut und Geb. Eifrig halfen sie, die Feluke festzumachen und Hatschepsut fragte ungeduldig und mit einem ungläubigen Blick auf die liegende, eingewickelte Gestalt: „Was ist denn geschehen, und warum betreibt ihr seit neuestem Leichenfledderei?“ Sie zog pikiert die schmalen Augenbrauen hoch. Hui hatte die Königin informiert, sobald er von Sunus Vorhaben erfahren hatte und hatte gebeten, dem Befehlshaber zu dessen Sicherheit folgen zu dürfen. Hatschepsut hatte es ihm erlaubt, hatte aber von dem Augenblick an keine Ruhe mehr gefunden. Sobald ihr Gemahl in dieser Nacht weinselig eingeschlafen war, hatte sie sich ein Gewand übergeworfen, ihre Dienerin nach Senmut ausgeschickt und sich mit ihm und Geb in die Gärten begeben. Ungeduldig hatte sie Geb immer wieder zur Mole geschickt, um Ausschau zu halten. Kaum hatte dieser gemeldet, dass er die Feluke gesichtet hatte, war sie mit ihren zwei Begleitern ans Ufer geeilt und harrte jetzt ungeduldig einer Antwort auf ihre Frage. Sunu, der als erster an Land gegangen war, setzte zu einem Bericht an, doch dann versagte ihm die Stimme. Bunte Lichter begannen vor seinen Augen zu tanzen und Senmut und Geb konnten gerade noch rechtzeitig vorstürzen, um den Befehlshaber aufzufangen, bevor er zu Boden sinken konnte. Erschrocken war die Königin hinzugetreten und bemerkte erst jetzt den blutdurchtränkten Stoffstreifen um Sunus Arm. Fragend sah sie von Senmut zu Geb, welche den Stoff entfernten und sich die Wunde besahen. „Ist es sehr schlimm? Wird er sich erholen?“ Die beiden Männer zuckten einmütig die Schultern: „Hätte man sich sofort um die Verletzung gekümmert, wäre es keine Affäre . Da sie allerdings schon ein paar Stunden alt ist hat sie sich, so wie es aussieht, entzündet.“ Senmut deutete auf die rot angeschwollenen Wundränder. Als er diese Worte hörte drängte sich auch Tunip, sich immer hinter dem großen Hui haltend, der die Dame Tuja wieder auf die Arme genommen hatte, an Land. Sein Teint hatte eine hochrote Farbe angenommen. Mußte denn ausgerechnet die Herrin beider Länder ihn in dieser derangierten Montur erblicken? Nach kurzer Zeit überwog jedoch die Sorge um seinen Herrn die Eitelkeit und er trat zu Senmut und Geb, besorgt die Stirn runzelnd. „Bringt ihn in seine Gemächer, ich werden sofort meinen Arzt schicken.“ Die Königin hatte zu ihrer üblichen Übersicht zurückgefunden. Während Senmut, Geb und Tunip mit dem verletzten Sunu entschwanden, winkte die Königin Hui mit seiner Last auf den Armen zu sich und die beiden stecken ein Weile die Köpfe zusammen, ehe der Hüne die Feluke wieder betrat und sie auf den Fluß hinaus steuerte.

                *

Hatschepsut betrat die königlichen Gemächer, die sie seit dem Erntefest ja mit Thutmosis teilte. Zum Glück war ihr Gemahl nicht anwesend. Sie musste sich erst einmal entspannen und ihre Gedanken wieder in geordnete Bahnen bringen, also ließ sie sich auf dem Bett nieder und schickte ihre Dienerin nach Wein. Nachdem diese zurückgekehrt und ihr das Getränk in einen goldenen Becher eingeschenkt hatte, ließ sie sich in ein loses durchscheinendes Nachtgewand kleiden, welches für die heutige heiße Nacht geeignet schien und schickte die Dienerin vor die Tür. Sie strich sich eine feuchte Haarsträhne aus der Stirn. Mesore war angebrochen, der Fluß sank schnell und ein frühzeitiger heißer Kamsinwind aus der Wüste erhitzte den Morgen. Sie lehnte sich an den breiten Pfosten des Betthimmels zurück. Hui hatte ihr in kurzen Zügen erklärt, was im und um den Totentempel vorgefallen war. Mit Entsetzen malte sich Hatschepsut aus, was die Dame Tuja durchgemacht haben mochte, sofern sie in ihrem Zustand etwas von den Vorgängen um sie herum mitbekommen hatte. Was wäre gewesen, hätte nicht des Befehlshabers untrüglicher Instinkt ihn gedrängt, Tuja noch einmal zu betrachten? Hätte man sie tatsächlich bei lebendigem Leibe aufgeschnitten, ihr mit der langen gebogenen Nadel das Gehirn durch die Nase gezogen? Ein Schauder schüttelte die sonst so beherrschte göttliche Gemahlin. Sie musste dafür sorgen, dass die junge Frau in Sicherheit gebracht wurde und zwar weit weg von Theben und weit weg vor allem von Thutmosis. Am besten wäre es, wenn gar nicht bekannt würde, dass sie noch am Leben war. Hatschepsut zog die Augenbrauen zusammen, als sie den Gedanken weiterspann. Bei allem Mitgefühl war sie sich nicht sicher, ob man Tujas Zustand Leben nennen konnte. Vielleicht würde sie ja tatsächlich noch sterben? Oder sie würde in diesem Zustand bleiben? Auf jeden Fall konnte niemand wissen, ob sie jemals wieder aufwachen und sie selbst sein würde. Trotzdem würde sie dafür sorgen, dass Tuja weggebracht und das Gerücht in Umlauf gebracht wurde, ihre Leiche wäre von Frevlern gestohlen worden. Thutmosis war ein leichtlebiger junger Mann und Hatschepsut war sich sicher, dass bei ihm der Spruch gelten würde: – Aus den Augen, aus dem Sinn – . Nur bei Hapuseneb würde sie sich vorsehen müssen. Er würde mit Sicherheit eine Weile mit Argusaugen alles um sich herum beobachten.

                *

Die Tür des Gemachs öffnete sich, und der Wachsoldat ließ Thutmosis ein, gefolgt vom Bewahrer der königlichen Insignien. In ihren Gedanken unterbrochen ließ Hatschepsut ihre Blicke über ihren Gemahl gleiten. Wie immer in letzter Zeit war er prächtig herausgeputzt. Zu jeder Gelegenheit, und sei es nur ein privates Fest unter Edelleuten, stellte er seinen neuen Rang und seinen Reichtum zur Schau. Der Bewahrer nahm ihm die wertvolle Krone ab und verstaute sie nebst einem wertvollen Pektoral mit dem Abbild des silbernen Chons in der dafür vorgesehenen Truhe. Dann verließ er unter Verbeugungen rückwärts den Raum. Hatschepsut versuchte so gut es ging den Widerwillen und das Mißtrauen in ihrem Blick zu unterdrücken. Anscheinend war er schon wieder betrunken, seine Schritte unsicher, hatte er ja auch wieder bis in den Morgen hinein gefeiert. Die göttliche Gemahlin musste wieder an Tuja denken, und was diese alles um Thutmosis` Willen erleiden musste. Sie selbst hatte schließlich erlebt was es bedeutete, ihm im Weg zu stehen. Die kriminelle Energie, die ihr Halbbruder aufbrachte um seine Interessen zu wahren, hatte sie ihm nicht zugetraut, wobei er ja die unangenehme Arbeit anderen überließ. Thutmosis Augen zeigten einen argwöhnischen vorsichtigen Ausdruck, als er auf sie zuschritt. Die göttliche Gemahlin war sich plötzlich sicher, dass ihr Gemahl bereits über das Verschwinden der angeblichen Leiche unterrichtet war. Sie machte ein gleichmütiges Gesicht und fragte ihn nebenbei nach den Regierungsgeschäften. „Müßte ich nicht eher dich danach fragen?“ Mit einem vagen Grinsen sah er auf sie herab. Als er seine Augen über sie gleiten ließ, nahm er das dünne Gewand wahr, welches in der feuchten Hitze des Raumes an ihrem perfekten Körper klebte wie eine zweite Haut. Der harte Ausdruck verschwand und heftige Begierde verschleierte seinen Blick. Ein unwiderstehliches Verlangen überkam ihn und er ließ sich neben ihr auf die Ruhestatt sinken. Obwohl er ihre Abwehr spüren konnte, oder gerade deswegen, reizte sie ihn wie keine Andere. Er berührte ihre Wange mit seiner weichen Hand und ließ diese dann über ihre Schulter auf ihre Brust gleiten, wo er sie träge ruhen ließ. Fast wäre Hatschepsut zurückgewichen. Im letzten Moment wurde sie sich wieder ihrer Position bewußt und mit einem stolzen Schulterstraffen ließ sie seine Zärtlichkeiten über sich ergehen. Thutmosis neigte den Kopf um sie zu küssen und zog sie dann heftig an sich.

                *

Fast zwei Tage lag der Befehlshaber auf dem Krankenbett. Der Arzt der Königin sah alle paar Stunden nach ihm und Tunip verließ seinen Platz neben Sunus Bett nur wenn es unbedingt sein musste. Immer wieder kühlte er seinen Herrn mit feuchten Tüchern. Der heiße Kamsinwind machte allen zu schaffen. Trotzdem alles in erschöpfter Trägheit nahezu erstarrte betrat sogar die göttliche Gemahlin selbst einmal kurz die Gemächer, um nach Sunu zu sehen. Meistens schlief der Krieger, da ihn der Blutverlust und die Medizin des Arztes sehr müde machten. Fieber hatte er zum Glück nicht bekommen aber sein Körper wollte sich einfach nicht erholen. Endlich, am Abend des zweiten Tages, schlug er die Augen auf und fühlte sich etwas besser. „Tunip, hilf mir mich aufzusetzen!“ Waren die ersten klaren Worte, leise und heißer, aber im üblichen Befehlston gesprochen. Erleichtert grinsend half der junge Mann seinem Herrn. Seine Schwäche energisch bekämpfend blieb Sunu am Bettrand sitzen, bis die wabernden Schleier vor seinen Augen sich lichteten und er wieder klar sah. Tunip wandte sich dem Tisch zu und schenkte einen Becher voll mit Milch. „Du musst essen und trinken, damit du wieder zu Kräften kommst, Herr!“ Drängte er. Mit einem ergebenen Nicken nahm Sunu den Becher entgegen und trank in kleinen Schlucken, was dem trockenen Gefühl in seinem Hals guttat. Er räusperte sich ein paar Mal, ehe er wieder ein Wort herausbrachte. Mit schon klarerer Stimme fragte er: „Wo ist die Dame Tuja? Was ist überhaupt geschehen, nachdem wir in dieser Nacht das Ufer erreicht hatten? Wie lange war ich krank... ?“ Tunip hob abwehrend die Hände: „Eins nach dem anderen Herr. Trink erst einmal deine Milch, dann....“ Ungeduldig verzog Sunu das Gesicht und murrte: „Ich bin doch kein brabbelnder Säugling, dass man mich zur Milch drängen muß.“ Trank aber gehorsam weiter, den Schreiber allerdings mit den Augen zum Erzählen auffordernd. Ergeben erzählte Tunip Sunu dass er, kaum am Ufer angekommen, das Bewusstsein verloren hatte. Sunus Gesichtsausdruck wurde noch finsterer. „Äußerst blamabel.“ Schnaubte er. „Wenn man deine Verletzung bedenkt, den Blutverlust....“ verteidigte Tunip die Ehre seines Herrn. „Egal, erzähl weiter.“ Winkte der Befehlshaber ab. „Nun, Senmut und Geb haben dich in deine Gemächer gebracht und die göttliche Gemahlin blieb mit Hui und der Dame Tuja am Ufer zurück.“ Nachdem Tunip nicht fortfuhr zu erzählen fuhr ihn Sunu ungeduldig an: „Und dann, was passierte mit Tuja?“ Tunip zuckte die Schultern und antwortete: „Ich weiß nicht, Herr, ich bin Senmut und Geb gefolgt, um bei dir zu sein. Hui oder die Dame Tuja hab ich seitdem nicht gesehen.“ Sunu erhob sich mit einem Ruck, sank dann jedoch stöhnend auf die Liegestatt zurück. „Du musst Hui für mich finden und zu mir bringen.“ Hastig war Tunip zu seinem Herrn getreten und half ihm, sich wieder auf das Bett zu legen. Beruhigend sprach er auf ihn ein: „Ich werde mich sofort auf den Weg machen, Herr, und werde den Leibwächter zu dir bringen. Ruhe du dich aus, damit du gesund wirst.“ Müde schloß Sunu die Augen und der Schreiber verließ leise den Raum. Es war gar nicht so leicht den Leibwächter der Herrin beider Länder zu finden, seit Hatschepsut die Gemächer mit ihrem Gemahl teilte. Thutmosis wollte Geb und Hui nicht um sich haben und so hatten sie mehr Freizeit als sie gewohnt waren. Tunip durchstreifte den ganzen Palast ohne Ergebnis. Schließlich fand er den Gesuchten in den Gärten, wo er mit Geb ein Sennef-Spiel austrug. Den kleinen künstlichen Flußlauf, an dem die beiden Männer saßen und die blühende Pracht der Pflanzen nicht beachtend, schritt der Jüngling auf sie zu. Grinsend sah der Hüne auf, als der junge Mann auf ihn zutrat. Seinen Blick über den goldgesäumten Schurz und das glänzende Pektoral, welches auf seiner Brust hing, gleiten lassend bemerkte er anzüglich: „Nun, Schreiber, ich sehe dass sich dein Äußeres zum Positiven verändert hat seit unserer letzten Begegnung. Sicher gefällst du jetzt der Damenwelt wieder besser.“ Eine leichte Röte strich über Tunips Gesicht, doch tapfer ignorierte er die Anspielung auf seinen desolaten Zustand bei seiner Begegnung mit der Königin. Wieder ernst geworden fragte Hui: „Wie geht es deinem Herrn, kommt er wieder auf die Beine?“ Tunip antwortete: „Der Befehlshaber beginnt wieder zu Kräften zu kommen und seine erste Frage galt der Dame Tuja. Ich habe ihm versprochen, dass ich dich zu ihm bringe, damit er dich nach ihr fragen kann.“ Hui nickte sich erhebend. „Wir spielen später weiter.“ Damit wandte er sich von Geb ab und folgte dem Schreiber, der ihm vorauseilte in Richtung des Palastes. Als sie die Gemächer Sunus erreichten und die Türe öffneten, saß dieser bleich aber aufrecht an seinem Schreibtisch und bot Hui mit einem leicht verzerrten Grinsen den Stuhl gegenüber an. Hui ließ sich so auf das Sitzmöbel fallen, dass Sunu wieder einmal besorgt die dünnen Holzbeine des Stuhls betrachtete. „Tunip bring uns Bier.“ Trotzig blickte der Schreiber seinen Herrn an: „Meinst du, dass dir das gut tut, wäre nicht ein Becher Milch.....“ „Noch einen Ton darüber und ich ersäufe dich in deiner blöden Milch.“ Fuhr der Befehlshaber auf und erschrocken eilte Tunip zur Tür, um für Bier zu sorgen. Grinsend hatte Hui den Disput verfolgt: „Anscheinend geht es dir ja schon besser dank der Pflege deiner Mama.“ Amüsierte er sich mit dem Daumen dem flüchtenden Tunip nachdeutend. Sunu nickte ihm zu und erwähnte nicht, dass er extra auf Bier und nicht auf Wein gedrängt hatte, weil er sich nicht sicher war, ob er das stärkere Gebräu auch vertragen hätte. „Tunip hat mir erzählt, dass du mit der Dame Tuja und der göttlichen Gemahlin am Ufer zurückgeblieben bist?“ Kam er unumwunden zur Sache. „Was ist aus Tuja geworden?“ Ernstgeworden antwortete der Leibwächter: „Die Königin war um die Sicherheit der Dame zu Recht besorgt und hat mich gefragt, wo wir sie versteckt gehalten hätten, nachdem der erste Anschlag auf sie stattgefunden hatte.“ Die Antwort bereits kennend unterbrach Sunu den Nubier: „Sie ist wieder in der Bierstube?“ Der Schwarze nickte. Sie wurden kurz unterbrochen, als Tunip mit einem Krug Bier zurückkehrte. Er nahm zwei Kupferbecher aus einer Truhe und füllte diese um sie den beiden Männern hinzustellen. Danach nahm er auf seiner Liegestatt Platz; niemand schickte ihn hinaus – hatte er doch die meisten Abenteuer seines Herrn selbst miterlebt. Hui fuhr fort zu erzählen: „Die Königin dachte zumindest vorübergehend sei dies die beste Lösung. Zustimmend murmelte der Befehlshaber: „Ja, da mag sie Recht haben.“ Zustimmend nickte auch Hui. „Die göttliche Gemahlin hat ihr Nefer hingeschickt, damit sie gut versorgt wird.“ Tunip hob interessiert lauschend den Kopf. Wieder stimmte Sunu zu und Hui erzählte weiter: „Die Königin hat gesagt, dass sie sich eine endgültige Lösung des Problems einfallen lassen wird. Sie wird uns dann zu sich rufen lassen.“ „Wie ist ihr Zustand?“ Aufmerksam blickte Sunu auf den Schwarzen. Dieser zögerte einen Moment und antwortete dann ehrlich: „Unverändert.“ Einen letzten Schluck von seinem Bier nehmend erhob er sich: „Ich lasse dich jetzt allein, Befehlshaber, erhol dich gut.“ Kurz bevor der schwarze Riese die Tür erreichte, hörte er noch die Stimme Sunus: „Ich danke dir, Hui, nicht nur für diese Auskunft.“ Grinsend schloß Hui die Türe hinter sich und ging pfeifend den Gang hinunter. Er hatte verstanden, was der stolze Mann meinte.


Ein anderes Leben

Der Monat Mesore schritt fort und Sunu erholte sich jetzt schneller. Er nahm seinen Dienst wieder auf und niemand erwähnte je ein Wort über die Nacht seiner Verletzung. Nur die göttliche Gemahlin erkundigte sich einmal, als sie durch den Garten wanderten und die anderen gerade nicht zuhörten, nach dem Befinden von Tuja. Sunu sprach traurig über den Zustand der schönen Frau. Sie war immer noch nicht aus ihrer Ohnmacht erwacht. Ihre Dienerin Nefer schaffte es zwar, sie mit Honigmilch und zu Mus gedrückten Früchten am Leben zu erhalten, es gab aber kein Zeichen, dass Tuja irgendetwas um sich herum bewusst wahrnahm. Hatschepsut nickte nur zu den Worten des Befehlshabers. Sie war blasser als sonst und es gingen Gerüchte, dass sie schwanger sei. Sie vernachlässigte die Regierungsgeschäfte und immer öfter kümmerten sich Thutmosis und sein „Schatten“ Hapuseneb darum. Senmut war still und in sich gekehrt, man sah ihn und die Königin nur noch selten zusammen. Sunu machte sich alle paar Tage mit stillem Einverständnis seiner Herrin auf den Weg in die Stadt. Manchmal dachte er, während er sich immer wieder nach Verfolgern umblickend durch die Gassen Thebens ging, Hatschepsut hätte vergessen sich um das Schicksal Tujas zu kümmern. Traurig kehrte er jedes Mal von seinen Besuchen in der Schenke zurück. Es gab keine Veränderung. An einem ausnahmsweis milden Tag, der Kamsin verschonte Theben mit seiner sandigen Trockenheit, stürmte Tunip ins Badezimmer. Sunu wusch sich eben den Sand vom Körper. Er hatte in aller Frühe einen Ausflug mit Pferd und Kampfwagen in die Wüste unternommen, um sich von seinen düsteren Gedanken abzulenken. „Herr! Du sollst in die Gemächer der Königin kommen – in ihre.“ Betonte der Jüngling. „Nicht in die königlichen.“ Sunu stieg aus der Wanne und beeilte sich, seine Gewänder anzulegen. Sein Gefühl sagte ihm, dass sein Leben heute wieder eine Wendung nehmen würde und er legte sorgfältig seine Amts-Armspange und den Brustschmuck mit dem Horusauge an. Wenig später eilte er durch die prächtigen Gänge des Palastes zu den Räumen seiner Herrin. Die Wachposten vor der Doppeltüre ließen ihn sofort durch und schlossen die dicken Türflügel leise hinter ihm. Ein warmes Gefühl durchströmte kurz Sunus Brust, als er die göttliche Gemahlin vor ihrem Spiegel sitzen und sich die glänzenden Haare kämmen sah. So hatte er sie oft gesehen, in Tagen als die Welt noch in Ordnung war. Geb und Hui standen links und rechts der Türe, um ungebetene Eindringlinge abzuwehren, die es wagten den Raum zu betreten. Senmut stand neben dem Frisiertisch und seine Augen ruhten ruhig auf dem Gesicht seiner Herrin. „Ah, Befehlshaber!“ Mit einem Lächeln, das nicht ihre Augen erreichte drehte sie sich zu ihm um, den goldenen Kamm sinken lassend. Sunu verneigte sich tief, mit ausgestreckten Armen. „Richte dich auf und hör mich an.“ Sunu tat, wie geheißen und ihr fester Blick richtete sich auf ihn. „Sicher hast du schon gedacht, ich hätte dich und unseren Schützling vergessen, aber dem ist nicht so. Ich habe lange überlegt und bin zu einem Entschluß gelangt. Ich habe es hinausgezögert, aber es gibt wohl keine andere Lösung.“ Ihre Augen verdunkelten sich kurz in einer Andeutung von Bedauern, dann senkten sich ihre Lider halb, um jede Regung zu verbergen. Sunus Rücken versteifte sich in einer Ahnung dass die Veränderung, welche ihm bevorstand, nicht unbedingt positiv für ihn ausfallen würde. Mit beherrschter Miene fuhr die Königin fort: „Ich lasse dich ungern ziehen,“ sie hielt kurz im Satz inne wie um sich zu sammeln und sprach dann weiter: „Aber ich habe beschlossen, dass es für dich und Tuja das Beste ist. Du wirst nach Memphis reisen. Ich stelle dir ein Reiseboot zur Verfügung, welches auch für Fahrten bei Niedrigwasser geeignet ist. In Memphis ist bereits eine Depesche von mir eingetroffen, die dich ankündigt. Du wirst dich beim Statthalter melden, dieser ist informiert, und er wird dich mit sofortiger Wirkung als Oberbefehlshaber über die Medjay-Polizei von Memphis einsetzen. Du wirst ein üppiges Gehalt empfangen und eine Villa am Fluß.“ Sunus Schultern waren nach vorne gesunken, sein Blick verschleiert. Plötzlich warf er sich vor seiner Königin zu Boden. „Laß mich hier bleiben, Herrin, wenn ich gehe, wer wird dann auf dich aufpassen?“ Obwohl er wusste, dass die Lösung der göttlichen Gemahlin die einzig Richtige war, sträubte sich alles in ihm dagegen, sie im Stich zu lassen. Mit ihrem zierlichen Fuß, der in einer goldenen Sandale steckte, stupfte sie ihn an der Schulter. „Erhebe dich, Sunu,“ als sie seinen Namen nannte, stand er langsam auf. Mit einem warmen Lächeln erhob sich seine Herrin und legte ihm die Hand auf die Schulter. „Ich werden nicht allein sein, auch wenn ich deinen Schutz missen werde.“ Sie wies auf Geb, Hui und Senmut. „Ich habe noch mehr Vertraute, die sich um mich sorgen. Außerdem trage ich den Erben des lebendigen Gottes in mir und glaube mir,“ ihr Lächeln bekam etwas von seinem früheren Mutwillen zurück, „niemand wird mir etwas antun, solange ich für die Nachfolge auf dem Horusthron sorge. Außerdem werde ich bei meinen Aufenthalten in Memphis schließlich auch einen Vertrauten brauchen!“

                *

Dies war das letzte Mal, dass Sunu die Herrin beider Länder sah. Bereits am nächsten Tag fand sich Hui in seinen Gemächern ein, um ihm genaue Instruktionen für die Reise nach Memphis zu erteilen. Auch ein zusammengerollter Papyrus für den Stadthalter wurde dem Befehlshaber übergeben. Sunu würde die Reise nachts antreten, damit niemand auf sie aufmerksam würde. Tuja würde bereits an Bord des Schiffes sein, dafür hatte Hui Sorge zu tragen.


Der gebrochene Bann

Die ersten Strahlen des Re strichen sanft über die rötlichen Felsen und den Papyrusschilf am Ufer des Nils. Sie schafften es noch nicht die Nacht völlig zu vertreiben, nur einen goldenen Rand zeichneten sie um alles, was den Fluß säumte und eine rotgoldene schimmernde Spur auf dem Wasser schien von Theben wegzuführen. Sunu stand am Heck des prächtigen kleinen Schiffes, dessen goldene Reling den Schimmer des ersten Morgenlichts zurückwarf. Das rote, mit einem bunten Horusauge bemalte Segel blähte sich in einer leichten Brise. Mit brennenden Augen sah der Befehlshaber die Stadt der hundert Tore hinter der Flussbiegung verschwinden. An der Anlegestelle hatten sich alle von ihm verabschiedet, außer der Königin, die dies ja schon vorher getan hatte. Eine unterschwellige Trauer hatte unter den Männern geherrscht und Geb, Hui und Senmut waren noch lange am Pier gestanden und hatten dem verschwindenden Schiff nachgesehen. Wie an seine Pflicht gemahnende Finger stachen die mit Elektrum überzogenen Spitzen der Obelisken in den sich violett färbenden Himmel und Sunu versuchte die besorgten Gedanken zu unterdrücken, die ihn überkamen, wenn er an seine Herrin dachte. Auch wenn sie Kemet einen Thronerben schenken würde, was ja nicht sicher war, es konnte ja ebenso gut ein Mädchen werden, würde sie sicher nie mehr so mächtig und glücklich sein, wie in den Tagen, als er sie zum ersten Mal sah. Er nahm den Blick von den im Dämmerlicht verschwindenden Toren und Türmen Thebens und ließ ihn auf die Gestalt neben sich sinken. Auf eine bequeme Liege gebettet lag die durchscheinend blasse stark abgemagerte Dame Tuja. Sanft nahm Sunu die schmale kühle Hand, die auf der Decke aus Leopardenfell ruhte, welche sie vor der kühlen Morgenbrise schützte, in die seine. Unter einem Baldachin in der Mitte des Schiffes saßen Tunip und Nefer. Mitfühlend beobachteten sie den Befehlshaber, der einem ungewissen Schicksal entgegenfuhr, mit seiner wie in ewigem Schlaf versunkenen Geliebten. Der Kapitän und die wenigen Schiffsleute waren nahezu unsichtbar, spürten doch auch sie die schwermütige Atmosphäre dieser Reise. Sunu wollte eben die Hand Tujas loslassen um sich wieder an die Reling zu lehnen, als er zögerte. Ungläubig schaute er auf das blasse Antlitz der Frau, die trotz allem noch schön war. Die Augen waren offen und sahen ihn an. Sunu fiel neben ihrem Lager auf die Knie und näherte sein Gesicht dem ihren. Klar und bewusst schauten ihn ihre Bernsteinaugen an. Ihre Lippen bewegten sich, wie um etwas zu sagen. Sunu wandte sich abrupt seinem Schreiber zu, der von Sunus Verhalten irritiert herangekommen war. „Bring etwas zu trinken!“ Die Stimme des Befehlshabers vibrierte vor Erregung. Er legte einen Arm und die Schultern der Liegenden und richtete sie ein wenig auf. Immer noch hing ihr Blick an ihm. Hastig stürzte der Schreiber herbei, gefolgt von einer aufgeregten Nefer. Sunu griff nach dem Becher mit gewürztem Wein und hielt ihn Tuja an die Lippen. Vorsichtig ließ er ein paar Tropfen darüber rinnen. Leicht, wie die Berührung eines Schmetterlings, legte sich ihre Hand auf seinen Arm und kaum hörbar flüsterte sie seinen Namen. Fast hätte er sie stürmisch in die Arme gerissen, im letzten Augenblick bedachte er ihren Zustand und zog sie nur vorsichtig und mit äußerster Zärtlichkeit an sich. „Alles wird gut.“ Flüsterte er in ihre Haarmähne und legte, die Augen schließend, seine Wange an die ihre. Wie unter Zwang öffnete er sie noch einmal und warf einen letzten Blick zurück. Von der Stadt war nichts mehr zu sehen, im goldenen Dunst des Morgens war sie verschwunden. Fast schien es ihm, als ob mit Theben auch ein Fluch von Tuja gewichen sei. Entspannt ließ er den Blick zurück gleiten und er fiel auf Tujas Mund, der direkt vor seinem war. Ihre Augen versanken ineinander und er küsste sie vorsichtig auf die weichen Lippen.

                *

Auf einer Dachterrasse des Palastes stand eine stille Gestalt und sah zu, wie das glänzende Schiff auf der von Re golden auf den Nil gezeichneten Straße verschwand. Schweigend wandte sich die Herrin beider Länder um und nahm einen Schluck von dem Wein, der in einem Becher auf der Brüstung stand. Sie fühlte sich verloren. Ihre Macht würde sie nicht mehr lange halten können und jetzt hatte sie auch noch einen wichtigen Beschützer und Vertrauten verloren. „Nun ja.“ Dachte sie, die Schultern straffend. „Schließlich ist er ja nur in Memphis und nicht aus der Welt.“ Sie überquerte langsam das Dach, um zurück in ihre Gemächer zu gehen. Den einsamen Mann, der im Garten stand und mit brennenden verzweifelten Augen zu ihr hinaufstarrte, bemerkte sie nicht. Still wandte sich der Baumeister ab und verschwand mit leisen Schritten im dunklen Park.




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©Elena Merz
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