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ELSA

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Roman

 
Elsa
Auf den letzten Seiten steht:
Epilog:

Als Sonntagskind geboren, mit aller Härte streng erzogen, oft im Keller eingesperrt, war Elsa nicht auf die bizarren Felsenklippen ihres Lebens vorbereitet und oft fassungslos, wenn sie sich an den spitzen Dornen am Wegesrand stach. Verzweiflung, Angst, gepaart mit Lebensmut und Hoffnung führten Regie in ihrem Dasein. Mal zum Weinen, mal zum Lachen wurde es ein eben für ein Sonntagskind.
Ein Leben wie ein bunter Blumenstrauß, mit vielen scharfen Dornen und auch Disteln. Es schmerzte entsetzlich, wenn sich Elsa stach und sie stach sich oft.
Nach Tiefen folgten Tiefen, wie es tiefer nicht mehr ging. Fest glaubte sie daran, dass an irgendeinem Tag die dunklen Wolken auseinander fließen und Sonnenschein die Welt erwärmt.

 
 

E L S A

Linde Steiner




Elsa


Ein Sonntagskind, notgetauft aber dennoch sehr wahrscheinlich ungewollt, ungeliebt, mager, eckig und unfertig, das ist Elsa.

Heute ist endlich der zweite Advent. Mit zwiespältiger Erwartung habe ich diesen Tag herbeigesehnt, denn an meinem achten Geburtstag kam Papa mit der Nachricht, dass ich auf der Weihnachtsfeier des Schützenvereins, die immer am zweiten Advent stattfindet, das obligatorische Gedicht vortragen darf. Papa ist in diesem Jahr Schützenkönig und diese Aufgabe wird traditionell von einem Kind des Schützenkönigs übernommen. Ich bin total glücklich und wünsche mir nichts sehnlicher, als dass meine Eltern stolz auf mich sind. Deshalb nutzte ich jetzt die Tage und Wochen zum Proben, probiere jeden Satz mit anderer Betonung und übe, wie ich am vorteilhaftesten wirken kann. Vielleicht das rechte Bein angewinkelt oder lieber das linke schräg nach vorne gestellt, beide Beine geschlossen und die Arme eng am Körper, oder besser sitzend, die Beine gerade oder übereinander geschlagen, wie es die erwachsenen Frauen machen? Den großen Wandspiegel im Flur finde ich hierfür geradezu ideal und die sanfte Beleuchtung zu beiden Seiten schmeichelt meiner Erscheinung. Meine kleine Schwester ist mein Publikum und die klatscht nach jeder Darbietung eifrig in ihre kleinen Händchen. Meine Eltern und meinen jüngeren Bruder interessiert das wenig.

Wie bei Ausflügen oder wenn Besuch kommt und ganz besonders sonntags, lässt man es in unserer Familie gemütlich angehen, und deshalb ist das Frühstück sonntags immer auch gleichzeitig das Mittagessen. Dann müssen wir uns morgens lange alleine beschäftigen, und das ist bei aufdiktierter Ruhe meistens mehr frust- als lustvoll, denn vor neun Uhr wollen Mama und Papa nicht geweckt werden. Meistens zieht Mama schon beim Aufwachen ihr spitzes Mündchen und hat vorsorglich gegen ihre Migräne schon am Abend zuvor ihre Tablette und etwas Wasser zum Aufweichen auf den Suppenlöffel in die Küchenspüle gelegt. Ein Alarmzeichen für alle, auch für Papa. Wir drei haben Schuld an ihrem Kopfschmerz, denn wie sie es uns schon unendliche Male glaubhaft zu verstehen gab, hätte ihr ein Kind völlig gereicht. Drei sind für sie zwei zu viel. Immer droht sie uns dann, in die weite Welt zu gehen. Dabei klemmt sie sich bei ihren Schimpftiraden jedes Mal demonstrativ den Regenschirm unter den Arm, aber weiter als bis zur Tür kommt sie nie. Wir Kinder versprechen ihr dann meistens in Tränen aufgelöst, ab sofort alles besser zu machen, wenn sie uns nur nicht verlässt. Dabei würde sich nicht viel ändern, wenn sie ihre Drohung eines Tages wirklich wahr macht, denn Gott sei Dank haben wir Annegret. Annegret gehört eigentlich nicht zur Familie aber sie gehört uns. Manchmal wechseln die Annegrets, aber immer sind sie jung, warmherzig, liebevoll und zärtlich und das Beste: Niemals haben sie Kopfschmerzen. Vom Frühstück bis zum Abendbrot waren schon viele Annegrets bei uns - nur nie am Sonntag. Sonntags haben wir Mama mit ihren Kopfschmerzen. Wie freuen wir uns immer, wenn endlich wieder Montag ist.

Oma wohnt eine Etage tiefer, nie müssen wir klingeln. Wie in vielen alten Bürgerhäusern, hat auch ihre Haustür eine Klappe mit einem kleinen Fensterchen, die von innen zu öffnen ist, damit nicht jeder gleich in die Wohnung gelassen werden muss. Diese Klappe ist bei Oma niemals verschlossen, wir können einfach durchgreifen und die Tür von innen öffnen. Manchmal klappern wir auch mit dem Briefkastendeckel, um uns bemerkbar zu machen. Mama bekommt es nie mit, wenn wir nicht raus zum Spielen gehen sondern uns bei Oma einquartieren. Oma hat immer eine Gertrud und auch, wenn diese nicht da ist, hat Oma für uns Zeit, sie ist wirklich eine Seele.

Früh bin ich heute aufgewacht. Die Aufregung wegen meines Auftritts lässt mich nicht zur Ruhe kommen. Mein neues Kleid, weinroter Samt mit einem weiß bestickten Kragen, hängt auf dem Bügel, die schwarzen Lackschuhe, noch ungetragen, stehen darunter.
Eifrig helfe ich, den Frühstücks-Mittagstisch vor der großen Eckbank zu decken. Zum Frühstück-Mittag dürfen wir alle im Schlafanzug kommen. Nur Papa hat heute schon seinen Sonntagsanzug an und beäugt missbilligend seine Brut, bevor er aus der Tür geht. Kaum, dass er weg ist, fängt Mama damit an, ihren Schopf auf blechartige Lockenwickler zu drehen, denn diesen Anblick will sie Papa ersparen. Danach kommen mein Bruder, meine kleine Schwester und ich an die Reihe oder besser gesagt, in die Wanne. Mama ist stolz, dass wir drei die saubersten im ganzen Viertel sind und badet uns immer zusammen. Ich muss immer auf die Seite mit dem Stöpsel und deshalb holt Mama mich auch immer zuerst wieder heraus. Mein Bruder und meine kleine Schwester dürfen dann noch weiter plantschen.
Papa kommt zurück und Mama und ich streiten über meine Frisur: ?Bitte flechte mir nicht schon wieder diese doofen Zöpfe, Papa ärgert mich dann wieder und sagt, dass ich Rattenschwänze habe. Auch die große Haarschleife kannst Du heute vergessen!? ?Ich habe Dir extra für heute ein neues Taftband besorgt, damit die Schleife schön duftig absteht, aber Dir kann man es ja nie recht machen.? ?Dann steck mir die Rattenschwänze doch als Vogelnest auf!? ?Quatsch, das kannst Du im Sommer tragen! Dein ewiges Genöle bringt mich noch mal um den Verstand!? Während sie dabei ist, sich hartnäckig in unserer Frisurenfrage durchzusetzen, fällt mir ein, dass ihr Göttergatte meinen Schwanenhals bewundert und dieser bei meiner Wunschfrisur viel besser zur Geltung kommt. Papa hat kein Verständnis für diesen Streit und mit seinem üblichen ?Macht doch, was Ihr wollt? verzieht er sich vor unseren gerade neu angeschafften Fernseher. An diesem, für mich bedeutungsvollen Tag werden mir also Rattenschwänze und die übliche übergroße Haarschleife verpasst. Meine Beine stecken in der neuen, weißen Strumpfhose die im Zwickel kneift und Papas Kommentar, ?Du mit Deinen Storchenbeinen?, kneift in meiner Seele. Kann ich darauf stolz sein? Schwanenhals, Storchenbeine und Rattenschwänze? Niemand macht mir Mut, dass sich all das noch ändern kann, aber das neue Kleid ist wirklich so schön, dass mir die Streitereien eigentlich ziemlich egal sind. Das einzige, was mich an dem Kleid stört, ist der Gürtel. Aber das haben wir gleich. Ich brauche jetzt nur noch den Öffner für die Dosenmilch und dann werde ich das Teil schon figurgerecht hinkriegen, aber damit nicht gleich wieder Stress aufkommt, warte ich vorsichtshalber, bis die Luft rein ist und Mama meinen Bruder und meine Schwester aus der Wanne holt. Endlich, Stimmengewirr und Geplantsche im Bad. Jetzt aber ruckzuck, geht ganz schön schwer. Geschafft! Super, jetzt kommt meine Taille wenigstens richtig zur Geltung! Traumhaft, ich werde mit Abstand die Schönste sein! Eigentlich könnte ich jetzt alles noch mit Omas Creme aus dem roten Töpfchen aufpeppen. Früher haben zwar immer alle gelacht, wenn ich sie benutzt habe, aber inzwischen kenne ich die richtige Dosierung, um hinterher frisch und rosig auszusehen. ?Hallo Oma, eigentlich will ich Dir mein neues Kleid zeigen, aber ich muss leider erst mal ganz dringend aufs Klo.? Gott sei Dank keine Fragen und so kann ich mich wenigstens in Ruhe mit der Wunderemulsion einschmieren. Fertig! Jetzt stören mich auch meine Rattenschwänze nicht mehr so sehr. Mama fällt weder mein enger Gürtel auf, noch wundert sie sich über meinen frischen Teint. Sie ist mit meinem Bruder beschäftigt. Er trägt einen affigen Anzug mit Weste und Fliege und probiert vor dem Spiegel seinen ersten Hut. Gut, dass er so große Ohren hat, dann kann das Monstrum wenigstens nicht bis auf den Hemdkragen rutschen. Am liebsten ist mein kleines Schwesterchen. Sie freut sich, dass sie mich hat und findet mich wunderschön. Sie merkt auch als Einzige, wenn ich an Omas Töpfchen war, weil ich danach immer so gut rieche.

Endlich ist auch Mama fertig. Sie hat ihr graues Kostüm angezogen, dazu trägt sie eine weiße, bis an den Hals zugeknöpfte Spitzenbluse. Kleine, eng am Kopf anliegende Löckchen machen sie nicht unbedingt schöner aber sie findet, dass es sich so gehört. Papa war schon zum Tanken und holt gerade unser neues Auto aus der Einfahrt.

Ich mache Atemübungen. Dieses Mal werde ich es schaffen! Beim Autofahren passiert es fast jedes Mal, dass mir an der nächsten Ecke schon schlecht wird. Nie vergesse ich, als ich Papa mal in den Rücken gekotzt habe, das war wirklich mehr als unappetitlich und deshalb fährt er seitdem schon Stunden vorher zur Tankstelle, denn er denkt, dass vielleicht der Benzingeruch Grund für meine ständige Übelkeit ist.

Wir hätten auch zu Fuß gehen können, denn das Schützenhaus liegt ganz in der Nähe, aber Papa muss unser neues Auto vorführen. Direkt vor dem Eingang des Schützenhauses findet er einen freien Parkplatz und hier kann niemand seinen Nobelschlitten übersehen. Papa wäre vorher gerne noch einen Trinken gegangen, denn schließlich gehören Bier und Korn für ihn auch zu einer Weihnachtsfeier.
Mama, Papa, mein Bruder und meine kleine Schwester gehen gleich in den Saal. Die ersten Schützenbrüder mit ihren Familien sind schon da. Die Männer trinken Bier und Korn, die Frauen rote Likörchen. Die Kinder warten auf dem Fußboden vor der Bühne auf den Weihnachtsmann. Ich werde am Hintereingang abgeliefert. Kein ?Toi, toi, toi?, einfach nur: ?Da musst Du rein? aber ich werde es ihnen schon zeigen.

Das kleine Fräulein Hermann wieselt herum. Mit ihren adretten Schnürschuhen, ihren Sauerkraut ähnlichen Löckchen, durch die man die Kopfhaut schimmern sieht und nach Kernseife duftend, liefert sie das Musterbeispiel einer alten Jungfer. Die anderen Kinder sind schon alle versammelt und Fräulein Hermann, sie ist außerdem die beste Schützin im weiblichen Frauencorps, singt sie ein. Am Hintereingang stoße ich mit dem Weihnachtsmann zusammen. Obwohl ich ihn mir eigentlich noch viel größer vorgestellt hatte, ist er mir trotzdem nicht ganz geheuer. Dann geht er zu Fräulein Hermann. Von der Seite kann ich sehen, dass er die gleichen Ohrringe wie meine geliebte Tante Ilse trägt. Ich stehe gerade im Flur und sehe, dass er noch einmal auf den Parkplatz geht und auf ein Auto zusteuert, das genauso aussieht, wie das von Tante Ilse, und dann holt er einen großen Sack heraus. Seltsam, Tante Ilse ist nirgendwo zu sehen. Wo ist sie und was mag mit ihr sein?
Ich sehe Mama und Papa hinten rechts am Tisch sitzen. Der Onkel, der Mann von Tante Ilse, sitzt bei ihnen und trinkt fröhlich sein Bier, also denke ich mir, dass Tante Ilse auch nicht weit weg sein kann.
Bevor Fräulein Hermann noch einmal mit allen probt, muss ich schnell noch einmal zur Toilette. Durch den geöffneten Türspalt zur Küche kann ich den Weihnachtsmann sehen. Er sitzt am Tisch und trinkt Kakao. Dazu hat er seinen großen, weißen Bart abgenommen und auf den Tisch gelegt. Genau wie Oma, die kann abends auch ihren prächtigen, schwarzen Haarknoten abnehmen und auf die Konsole legen. Wenn ich groß bin, möchte ich das auch machen.
Fräulein Hermann treibt uns auf die Bühne. Alle haben sich positioniert und ich stehe in der ersten Reihe. Die Deckenbeleuchtung geht aus und die Kerzen am Weihnachtsbaum tauchen den großen Raum in ein schummriges Licht. Mit dem angestimmten Weihnachtslied verstummen die letzten Gespräche. Meine Stunde ist gekommen: ?Ich bin Elsa?, hole ich tief Luft, ?Elsa von Bösebohm, mein Vater ist Kartoffelhändler?. Aus der hinteren Tischreihe höre ich ?Junge, Junge?. Es ist Papas Bass und ich fühle, dass Mama ihren spitzen Mund macht und später sicher wieder ein Donnerwetter folgen wird. Was soll's, später ist eben erst später.

Neulich hat mir jemand erzählt, dass alle großen Künstler im Alltag einen anderen Namen tragen als auf der Bühne und den Namen ?von Bösebohm? finde ich total gut. Wenn Papa jetzt auch noch Kartoffelhändler wäre, so wie der Vater von Sina, das würde ich schon toll finden. Aber na ja, Papa ist ja auch nicht so sympathisch wie Sinas Vater. Wenn Sinas Vater nicht gerade auf dem Markt Kartoffeln verkauft, trägt er elegante Anzüge mit Weste und eine goldene Taschenuhr an einer schweren Kette. Sinas Mutter trägt große Hüte, die sie mit einer goldenen Nadel an ihrem Haar befestigt. Am tollsten aber ist Sinas Tante Mielchen. Die kocht leckeren Aprikosen-Milchpudding, den wir noch warm essen dürfen und sie hat immer ganz feine, seidene, schwarze Kleider an.
Ich weiß nicht, ob es richtig war, dass ich mich mit Künstlernamen vorgestellt habe aber ich denke, dass ich nicht zur Strafe im Keller eingesperrt werde oder ins Bett muss. Mama und Papa werden bestimmt stolz auf mich sein. Viel lieber würde ich Mami oder Papi sagen, aber das wollen meine Eltern nicht.

Eigentlich bin ich gerne im Keller eingesperrt. Irgendwann in dieser Woche werde ich bestimmt noch mal dazu verdonnert. Das geöffnete Glas Kirschen ist noch halb voll und irgendwie freue ich mich darauf, den Rest zu essen.
Im Keller finde ich es immer richtig gemütlich. Es stehen dort viele leckere Sachen und auch das alte Schaukelpferd. Schlimm ist immer nur der Moment, wenn der Schlüssel im Schloss quietscht und Mama das Licht anknipst und fragt, ob ich denn auch weiß, weshalb ich in den Keller musste. Meistens weiß ich es nicht und traue mich auch nicht zu fragen. Wie ich Mama kenne, würde sie mit Sicherheit alle verfügbaren Kochlöffel zur Betonung ihrer Worte auf dem Küchentisch zerdeppern, aber immer noch besser so, als auf mir. Deshalb halte ich lieber jedes Mal meinen Mund und nehme in Kauf, dass ich dann zur Strafe ins Bett geschickt werde.

Jeder Satz meines Gedichtes hat gesessen, und auch meine Körperhaltung und die Stellung meiner Beine fand ich perfekt. Von einem ?Ho, ho, ho? und lautem Gepolter wurden die letzten Worte meines Auftrittes übertönt. Mühsam konnte ich meine Tränen zurückhalten. Hätte der Weihnachtsmann nur noch wenige Sekunden gewartet, wären, wie bei einem großen Konzert, bestimmt alle aufgestanden und hätten so lange applaudiert, bis ich sie mit einem weiteren Gedicht belohnt hätte.

Ich bin überwältigt und stehe unbeholfen am Rand der Bühne. Der Weihnachtsmann kommt auf mich zu, und das erste Geschenk, bunt eingepackt, mit einer großen Schleife, überreicht er mir. Weil Geschenke meistens für mich enttäuschend sind, habe ich nicht den Mut, es gleich zu öffnen. Nie war es das Richtige und trotzdem musste ich mich immer freuen und zum Dank alle küssen. Mama hat meinen Bruder an der Hand und meine kleine Schwester auf dem Arm. Es passt ihr schon wieder nicht, dass ich als Erste mein Geschenk bekommen habe.
Mein Bruder bekommt ein Paket, fast größer als er selbst. Aufgeregt reißt er es auf und zum Vorschein kommt eine Autorennbahn. Noch immer trägt er den albernen Hut, seine Fliege ist mit Kakao vollgekleckert und außerdem muss er dringend auf die Toilette. Während Mama mit ihm ?Für Damen? geht, weil er ?Für Herren? noch nicht kann, bleibe ich bei meiner kleinen Schwester, deren Kopf jetzt als Hutständer herhalten muss. Als er zurückkommt, schnappt er sein Paket, reißt ihr den Hut vom Kopf und will mit seiner Autorennbahn vor allen angeben. Kein Kind interessiert sich dafür, denn sie kann weder Mama sagen, noch krähen und weil das Ding nicht so funktioniert, wie er es sich vorstellt, fängt er fürchterlich an zu flennen. Mama sucht Papas Aufmerksamkeit indem sie ihm Zeichen macht und sogar nach ihm pfeift, aber er reagiert nicht und will vielleicht auch gar nichts hören. Sein Männergespräch mit Bier und Korn ist ihm wichtiger. Mein Onkel, der Mann von Tante Ilse, erbarmt sich der Autorennbahn und spielt den restlichen Nachmittag mit den Kindern. In meinem Paket ist eine Puppe mit dicken, schwarzen Haaren, die zu zwei Zöpfen geflochten sind. Sie trägt ein albernes Dirndlkleid und hat einen Zettel in der Hand auf dem steht ?ich heiße Monika?. Blöder geht es wirklich nicht. Ich bin keine Puppenmutti und möchte auch keine sein. Das ist ja noch schlimmer, als der Webrahmen vom letzten Jahr. Selbst meine kleine Schwester will nicht mit dieser Monika spielen. Sie hat einen weichen, knuffigen Teddy in ihrem Päckchen. Aber meine Schwester und ich brauchen keine Puppen, wir haben uns. Wir spielen, dass ich ihre Mutti bin und außerdem finde ich meine kleine Schwester viel schöner, als jede Puppe.

Die Weihnachtsfeier ist zu Ende und zu Hause kommt das befürchtete Donnerwetter. Mama sagt, ich hätte ihr Schande gemacht, weil alle gelacht haben und sie sich meinetwegen jetzt kaum noch unter die Leute trauen kann. Zur Strafe hat sie mir die blöde Puppe weggenommen aber ich bin froh, dass ich Monika auf diese Weise losgeworden bin. Mir macht es nichts aus, dass ich ohne Abendbrot ins Bett geschickt werde, es ist ohnehin schon spät. Mein Bruder darf noch fernsehen.
Meine kleine Schwester schläft schon tief und fest, als ich ins Zimmer komme und bald schlafe auch ich ein. Wir teilen uns ein Zimmer.

Morgen ist Montag und Annegret wird wieder da sein. Mama wird dann wie immer übertrieben süß lächeln, denn anderen Leuten lässt sie sich nie anmerken, wenn es Stress in der Familie gibt. Auch Annegret und Oma sind ?andere Leute?. Mama und Papa haben mit ihnen nicht über die Weihnachtsfeier gesprochen. Ich habe es den beiden selbst erzählt. Oma hat lange gelacht und mir über das Haar gestreichelt. Annegret bekam Schluckauf und wurde ganz rot im Gesicht.
Feuchtgrau schwabbeln die nassen Nebelschwaden durch die Luft. Der Wind hat aufgefrischt. In der Nacht hat es gefroren und geschneit, aber trotzdem hat sich die Sonne am Morgen kurz gezeigt. Die mutigsten Vögel singen ihr Lied aber die Kälte lässt sie schnell wieder verstummen. Ein Luxus, an solchen Tagen ausschlafen zu können. Der frisch gefallene Schnee treibt mit dem aufkommenden Sturm an die Fenster. Das kann doch nicht sein, heute ist der zweiundzwanzigste Dezember, mein persönlicher Frühlingsanfang. Der kürzeste und dunkelste Tag ist vorüber. Jeden Tag wird es früher hell, die Abende werden länger und es wird nicht mehr lange dauern, bis es nach Frühling zu duften beginnt. Aber noch ist es kalt, frostig, schneebedeckt und stürmisch. Über dem Kirchturm sehe ich die Wolkendecke einreißen, die Flugzeuge hinterlassen ihre Kondensstreifen und setzen zur Landung auf dem nur wenige Kilometer entfernten Flughafen an.

Wie Elsa, bin ich ein Novemberkind und wie Elsa, mag auch ich diese grauen Monate nicht. Ich wusele im Haus herum, beschäftige mich mit diesem und jenem, krame alte Erinnerungsstücke hervor, die ich über Jahre gehegt und gepflegt habe.

Lange habe ich nichts von Elsa gehört und lange habe ich auch nicht an sie gedacht. Ich räume im großen Schrank in der Diele, den ich als Garderobe nutze. In der hintersten Ecke steht ein mit Klebeband verschlossener Karton. Ich öffne ihn, und ein rotes Fotoalbum und viele beschriebene Hefte und kleine Bücher kommen zum Vorschein: Elsas Fotoalben und ihre Tage­bücher: Viele Jahre stehen sie schon hier und genau wie Elsa, habe ich sie schon fast vergessen. Der Einband des Fotoalbums hat sich gelöst, schade, ich werde ihn reparieren. Mit Kleber und Wäscheklammern setze ich mich an den Tisch, und schnell ist der Schaden behoben. Die Klammern lasse ich über Nacht dran, damit alles gut trocknen kann. Wie alt mag dieses Album sein? Ich kann es kaum fassen, es müssen über fünfzig Jahre sein, so alt wie Elsa und ich. Der Inhalt des Kartons ruft Erinnerungen in mir wach und plötzlich wird mir bewusst, dass Elsa schon immer irgendwie neben mir war. Es dauert lange, bis ich es mir eingestehe und als ich mir dann ganz sicher bin, mag ich sie überhaupt nicht. Sie steht mir im Weg, weiß alles besser und will immer Recht haben. Elsa ist zögerlich, misstrauisch, zweifelnd und muss alles hinterfragen. Ich bin frei, offen und auf alles Neue neugierig. Ich freue mich auf jeden neuen Tag und im Gegensatz zu mir sieht Elsa ihm ängstlich entgegen. Wir sind so verschieden und doch so gleich. Elsa könnte mein zweites Ich sein, mit den Jahren habe ich sie richtig lieb gewonnen.
Nie hat sie mir geschrieben, geschweige denn, dass wir telefonierten. Ich spüre, wie es Elsa geht und sie ist bei mir, wenn ich sie brauche. Nicht eine Weihnachtsfeier und auch keinen Geburtstag haben wir zusammen verbracht, trotzdem weiß ich, sie ist da. Meine letzten Jahre waren schön und ich fühle, dass es auch Elsa gut geht. Wenn ich sie brauche, steht sie plötzlich neben mir und genauso spüre ich, wenn sie auf meine Hilfe wartet. Ist es Zufall, wenn sie plötzlich neben mir steht, wenn ich allein bin? Manchmal weiß ich nicht, ob es Traum oder Wirklichkeit ist.

Ich habe keine Lust, heute in ihren Heften zu lesen. Die meisten kenne ich und im Laufe der Jahre ist ihre Schrift immer unleserlicher geworden. In manchen Zeiten schrieb sie regelmäßig, fast jeden Tag und dann kamen wieder große Pausen. Sie entdeckte, dass Mama einen Zweitschlüssel zu ihrem Tagebuch hatte und schrieb unleserlich und liederlich in Schulheften weiter. Schularbeiten interessierten Mama nie und so schnüffelte sie auch nicht. Ich will mir jetzt nicht die Zeit nehmen, in Elsas Leben zu lesen. Mein eigenes Leben war aufregend genug. Im Frühjahr, wenn draußen die Sonne scheint, vielleicht auf der Gartenbank, ist es noch früh genug, jetzt, in den grauen Wintermonaten ist Elsa mir zu anstrengend.

Die Deckblätter des roten Fotoalbums sind total verklebt und der große Karton wartet darauf, wieder geschlossen zu werden. Vorher blättere ich in dem roten Fotoalbum. Auf den ersten Kinderfotos ist sie hübsch, blond gelockt und niedlich. Von oben bis unten bestrickt und bestickt lächelt sie in die Kamera, Schwarz-Weiß-Fotos mit dem damals üblichen Mausezähn­chenrand. Sie ist wirklich eine kleine Süße und voller ungebändigter Lebensfreude. Schon kurze Zeit später strahlt sie mir, den Kinderwagen schiebend, entgegen, als der kleine Bruder gerade geboren war und Elsa für ihn die Verantwortung übernehmen musste. Sie hat sich so schnell verändert. Gerade drei Jahre ist sie alt und ihr Lächeln ist viel zu ernst. Mama trägt große Hüte und Papa posiert auf den Fotos stolz vor seinen Autos. Bilder mit Mama, Papa, Elsa und dem Bruder und alle lächeln fröhlich in die Kamera, obwohl es wirkliche Fröhlichkeit selten gab. Elsa zusammen mit dem Bruder, posierend und adrett gekämmt, manchmal auch zusammen mit Oma. Ich lege das Fotoalbum in den Karton und klebe ihn wieder zu.
In den Wintermonaten hat sich Elsa nicht bei mir gemeldet. Nichts Ungewöhnliches, sie ist ein Sonnenmensch. An den großen Karton im Schrank hatte ich schon lange nicht mehr gedacht. Die wärmende Sonne weckt die Natur, die Erde duftet nach Frühling und die ersten Knospen der Sträucher brechen auf. Rosa, blaue und weiße Blüten, der wildsüße Duft der Mirabelle, eine Zeit, die mich an Elsa denken lässt. Noch nie hat sie sich angekündigt oder gar plötzlich geklingelt. Sie weiß, wo sie mich findet und steht dann einfach neben mir. Sie ist ungehalten, wenn ich dann für sie nicht alles stehen und liegen lasse.
Ein herrlicher Frühlingstag, alle Arbeiten sind getan, die Rosen entholzt und geschnitten. Kein Unkraut in der feucht glänzenden Erde und die ersten Sonnenstrahlen wärmen die Luft. In der letzten Zeit denke ich wieder oft an sie. Sollte ich vielleicht die Gelegenheit nutzen, jetzt den großen Karton zu öffnen und in den Büchern lesen? Der Karton ist schwer und ausladend, die Gartenbank ist für ihn und mich fast zu schmal. Die duftenden Sträucher versöhnen mich mit der schweren Last. Versunken beginne ich, mich seinemInhalthinzugeben.Ein?Hallo?lässtmichaufblicken. Da ist sie wieder! Wie immer ohne Vorankündigung, sie ist ganz einfach durch den Seiteneingang in den Garten gekommen. Sie kennt mein Leben. Entgegen ihren Gewohnheiten ist ihr ?Hallo? matt und dumpf. Ich vermisse ihr langge­zogenes ?O? am Ende, es ist doch Frühling.

Elsa ist müde, ihr prächtiges Haar hängt herab, Augen, Haut und Lippen sind farblos und bleich. Ich spüre, dass es ihr nicht gut geht. Mit letzter Kraft schubst sie den Karton von der Bank und setzt sich neben mich. In der untergehenden Abendsonne ist sie ein Schatten ihrer selbst, sie wirft mir meine gute Laune vor. Elsa braucht meine Hilfe. Bemüht, immer alles gut und richtig zu machen, war bei ihr doch so viel daneben gegangen.

Der Sonnenuntergang und der aufkommende Wind lassen mich frieren. Elsas Andeutungen sind unkonkret. Der Blütenduft und die Freude, Elsa bei mir zu haben, macht mich unsensibel, und der Karton mit ihren Heften und dem Fotoalbum macht sie ärgerlich. ?Das ist Vergangenheit, was zählt ist die Gegenwart.? Nur noch schweigsames Nebeneinander, Desinteresse und Ignoranz wechseln mit Zynismus und Spott. Sie fragt mich, was sie falsch gemacht hat. ?Meine liebe Elsa, was soll ich dazu sagen? Soll ich Dich trösten und Dir Mut machen oder möchtest Du die Wahrheit wissen?? Ich beginne mit Trös ten.?LassDirZeit,nimmDireineAuszeitundgibihm eine Auszeit. Es wird vorübergehen, zu sehr seid ihr miteinander verbunden. Niemand kann immer und ewig nur funktionieren ohne auszubrechen.? Vom Trösten verfalle ich übergangslos in Kritik, was aber von Elsa nicht wahrgenommen wird und von mir in dieser Härte nicht gewollt ist. Perfektionismus nach Elsas Art ist mörderisch und lässt jede Liebe erkalten. ?Wann warst Du für ihn da, wann hast Du ihm zugehört, wann hattest Du Zeit für ihn? Glattgekämmte Teppichfransen, eine polierte Nirostaspüle, glänzende Fensterscheiben und frisch gewaschene Gardinen, dazu immer chic gestylt und duftend, das war das Maß Deiner Dinge. Hast Du Dir außerdem immer noch nicht verziehen, dass Du nicht als Junge auf die Welt gekommen bist??
Ohne ein Wort ist Elsa gegangen. Aber ich weiß, spätestens morgen, wenn die Sonne scheint, wird sie wieder bei mir sein.

Der späte Sonnenschein wird getrübt. Wieder sitze ich auf dem kleinen Bänkchen. Ich wusste, dass Elsa kommen wird. Sie steht vor mir im Sonnenlicht und der Schatteneinfall lässt mich aufsehen. Wie gestern, ist ihr der Karton im Wege und sie stellt ihn vor die kleine Bank. ?Weshalb interessierst Du Dich für die alten Geschichten, das Heute ist doch viel wichtiger.? Sie nölt herum und ich habe den Eindruck, dass sie mit mir streiten möchte. Ich drücke ihr das Fotoalbum in die Hand und warte vergeblich auf einen Kommentar.

Als Kleinkind war sie zuckersüß. Hellblonde Kringellöckchen, bestrickt und bestickt, mit prallen Beinchen und Lachgrübchen strahlte sie in den Tag. Mama mit großen Hüten und feinen Kleidern suchte mit ihr Ostereier, und Papa teilte vor dem großen Motorrad sein Brot mir ihr. Auf den nächsten Fotos schiebt Elsa einen Kinderwagen. Beflissen und ernst, kein Lachen, keine Grübchen und auch von den Löckchen ist nichts mehr zu sehen. Der Bruder war geboren und Elsa trug jetzt als große Schwester Verantwortung für ihn. Er schrie, brüllte und brauchte ihre Aufmerksamkeit. Er war mager und spirrelig und seine Krankheiten ließen Elsa still und leise werden. Mama war nur mit ihm beschäftigt und Papa versuchte, dieses auszugleichen. Elsa wurde sein Kind, zu ernst, zu mager, unsicher und immer pflichtbewusst.

Früh begriff sie, dass ein Junge mehr bedeutetet, als ein Mädchen. Sie hatte sich so auf ein Geschwisterchen gefreut und zusammen mit Papa Salz und Zucker in die Fensterbank gestreut. Sie konnte sich weder für einen Bruder noch für eine Schwester entscheiden und deshalb hatte Papa die beiden Häufchen miteinander vermischt. Am frühen Morgen entdeckte sie Spuren auf der Fensterbank und wusste, dass der Storch da war und das Baby jetzt bald kommen würde.
Elsa stellte sich Babys niedlich und sanft vor, wohlriechend und meistens schlafend. Man kann sie baden, ihnen das Fläschchen geben, sie knuddeln und lieb haben. Den brüllenden Bruder hätte sie am liebsten jeden Abend auf die Fensterbank gelegt, vielleicht hätte der Storch ihn zurückgenommen oder in eine andere Familie gebracht. Solange er noch nicht laufen konnte, ging es ja noch, aber als er dann anfing zu sprechen, hätte sie ihn am liebsten ins Meer geworfen. Alles drehte sich nur noch um ihn. Sie verlor ihre Lachgrübchen und ihre Fröhlichkeit. Der Bruder wurde mit süßer Sahne bevorzugt und blieb trotzdem mager. Seine straßenköterfarbenen strähnigen Haare ließen ihn dürr und fast unterernährt wirken. Niemals hatte er blonde Löckchen, kein strahlendes Lachen, dafür aber riesige Segelohren. Nur das strahlende Blau der Augen und die frisch gewaschenen Ohren hatten sie gemeinsam.

Elsa konnte nicht verhindern, dass er Laufen lernte und ihr auf Schritt und Tritt folgte. Er lernte Sprechen und Singen. Er sang für sie ?Zuckerlilly, Du bist süß, komm mit mir ins Paradies?, Mama hatte es ihm beigebracht. Elsa weinte, als sie merkte, wie lieb der kleine Bruder sie hatte und verzieh ihm, dass er ein Junge war.

Elsa war schon groß und verständig, fast sechs Jahre alt, als Papa wieder mit ihr Zucker oder Salz in die Fensterbank streuen wollte. Salz kam für Elsa nicht in Frage, sie wollte Zucker. Der Storch akzeptierte das Zuckerhäuflein und brachte wirklich ein Schwesterchen. Klein und rundlich, mit rosig zarten Füßchen und kleinen Perlenzehen. Sie war so weich und schnubbelig und deshalb hieß sie ihr Leben lang ?Schnubb?. Für Elsa wie ein Püppchen, das von ihr bemuttert, behütet und beschützt wurde.

Elsa blättert in dem Fotoalbum. Ich merke, wie gut ihr die Erinnerungen tun. Sie auf dem Roller mit ihrer Freundin Marlies, mit Rattenschwänzchen, großer Haarschleife und, wie fast immer, mit einem großen Pflaster auf dem Knie. Auch ihr Hund Teddy ist neben ihr. Die nächsten Fotos zeigen Elsas ersten Schultag. Mit grauem Mantel, Haarschleife, weißen Kniestrümpfen, Rattenschwänzen und einer großen Schultüte. Mama mit Hut, ernst aussehend und daneben Oma, mit weißem Haarknoten und ganz in Schwarz, den kleinen Bruder an einer Hand und mit der anderen schiebt sie den Kinderwagen mit dem Schwesterchen. Es ist die Uroma, ihre geliebte Oma Tik-Tak. Wenn sie kam, gab es grünen Salat mit Zuckersoße und jeder Tag war ein Sonntag, auch wenn es ein Dienstag war. Papa konnte bei ihrer Einschulung nicht dabei sein. Zum einen war so etwas für ihn Frauensache und zum anderen musste er arbeiten, um das Geld für seine Familie zu verdienen.

Elsa wurde mitten in der Stadt groß, und es gab trotzdem einen wunderschönen Garten. Das Haus gehörte Oma. Wo andere einen gepflasterten Hof hatten, gab es bei Elsas Oma einen Hof mit Wiese auf dem die Wäsche getrocknet wurde, einen Steingarten mit seltenen Gewächsen, reihenweise Apfelbäume und davor einen Zierrasen, der von prächtigen Blumenbeeten gesäumt war sowie unzählige Obstbäume, Walnüsse, Flieder, gefüllten weißen Jasmin, eine Schaukel, einen Sandkasten und eine Hundehütte, die so groß wie ein kleines Haus war. Als Teddy nicht mehr lebte, gab es andere Hunde, aber mit keinem von Teddys Nachfolgern mochte Elsa ihren Lutscher teilen.

Die ehemaligen Kaninchenställe standen unbenutzt. In dem Schuppen, in dem Fahrräder und Gartengeräte überwinterten, feierten Elsa und ihr kleiner Bruder mit den Nachbarkindern in den Mittagsstunden Silvester. Axel, Lehrling im dritten Lehrjahr, hatte mit uns zusammen die Gartenbank neu lackiert. Wie in jedem Jahr, war es unser Geschenk für Mama zum Muttertag. Die Bank wollte einfach nicht trocknen, vielleicht waren es inzwischen zu viele Lackschichten und als wir sie gerade in die Sonne stellen wollten, kam Onkel Henri, Handwerksmeister von altem Schrot und Korn, mit einer lebenden Ratte in der Hand. Er hatte weder vor Tod noch Teufel Angst und nagelte sie lebend an das Gartentor. Zwei Tage schrie sie wie ein kleines Kind und dann war sie tot und die anderen Ratten weg. Als wir uns endlich wieder in den Garten trauten, war die Ratte nicht mehr zu sehen und die Bank trocken.

Elsa lacht beim Umblättern. ?Sieh Dir an, was man hier aus mir gemacht hat.? Elsas Zöpfe waren ab. Gestutzt und kurz geschnitten ist ihr Haar, sie hatte es selbst so gewollt, denn ein Pagenkopf war damals ihr größter Wunsch. Niemand hatte ihr gesagt, dass sie es lassen sollte und kurze Haare sie bestimmt nicht schöner machen würden. Wie lange hatte sie gebettelt, bis ihr Papa endlich die Zweimarksiebzig für diese Verwandlung gab. Nass gekämmt wurde sie unter die Trockenhaube gesetzt und genau so aalglatt sah sie danach aus. So wie die schöne Frau auf dem Film-Plakat beim Frisör, im Charlestonkleid und mit modernem Bubikopf, wollte sie aussehen, aber Elsa sah ihrem Schönheitsidol nicht annähernd ähnlich. Lag es vielleicht daran, dass die Plakatschönheit ein glitzerndes Stirnband trug und eine lange, schwarzglänzende Zigarettenspitze zwischen ihren Fingern hielt? Schwarze Seidenstrümpfe und elegante Spangenschuhe mit hohen Absätzen gaben ihr ein frivoles Aussehen, aber Elsa sah jetzt eher aus wie ein gerupftes Huhn.

Ich blätterte in ihren Tagebüchern. Für jedes Jahr ein neues Heft. Fehlten einige Seiten und Hefte oder hatte Elsa nicht immer geschrieben? Sie will nicht antworten, viel zu sehr ist sie mit den Fotos beschäftigt.

Nieselregen und Wind kommen auf, es wird ungemütlich. ?Elsa, komm, lass uns reingehen, mir ist kalt.? Das Fotoalbum nimmt sie mit, an den über Jahre geschriebenen Heften ist sie nicht interessiert. Ich stelle den großen Karton auf das Tischchen in der windgeschützten Ecke, um ihn später hereinzuholen. Elsa und ich reden uns in den langen Abend hinein. Es ist für sie zu spät, um nach Hause zu fahren und weil heute sowieso niemand auf sie wartet, schlage ich ihr vor, bei mir zu übernachten. Im Badezimmer steht, was Elsa vor dem Schlafengehen benötigt und so nimmt sie meine Einladung gerne an.

Mit der aufgehenden Sonne singen die Vögel ihr Lied. Gezwitscher in allen Bäumen, die herrliche Morgendämmerung wäre zu schade, um sie zu verschlafen. Um Elsa nicht zu wecken, stehe ich auf und vermeide Geräusche. Mit heißem Kaffee, der Zeitung von heute und einer Zigarette starte ich in den Tag. Inzwischen habe ich das Radio angestellt, es wird Elsa in ihrem Schlaf nicht stören. Die Post ist gekommen, wiederholt klingelt das Telefon, und die Kirchenglocken läuten zur Mittagszeit. Von Elsa höre ich nichts. Kann es sein, dass sie noch immer schläft? Besorgt öffne ich leise die Tür. Keine Elsa, die Tagesdecke ist glatt gezogen, ich sehe eine Ordnung, wie es nur meine eigene sein kann. Ein leichter Lufthauch weht durch das aufgestellte Fenster. Auch im Bad keine Spur. Das Waschbecken ist trocken, und alles steht unberührt und ordentlich. Elsa ist im Laufe der Jahre so geworden wie ich. Träume ich etwa nur oder habe ich mir so fest gewünscht, dass Elsa kommt, dass ich jetzt glaube, dass sie wirklich bei mir war? Nein, Elsa war gestern und heute Nacht hier. Das Fotoalbum liegt aufgeschlagen auf dem Nachttisch. Vor dem Einschlafen muss sie noch darin geblättert haben.

Es regnet nicht mehr, auch der stürmische Wind hat nachgelassen. Die Sonne kommt durch und es treibt mich in den Garten. Ein Chaos, der Sturm hat gewütet und sich des Kartons angenommen. Überall verstreute Zettel und kleine Heftchen. Die Strauchgruppe an den Sommerliegen bot einen Schutzwall für den drehenden Wind. Nicht ein beschriebenes Blatt ist in den Nachbargarten geweht. Ich krieche umher und sammle die Fetzen eines bewegten Lebens zusammen.

Unversehrtes aber eingeweichtes Beschriebenes, ein ganzer Waschkorb voll. Ich werde es trocknen und sortieren und während ich meinen Gedanken nachgehe, spüre ich, dass sie wieder neben mir steht. Sie fragt, was ich mache und auf meine Erklärung antwortet sie: ?Schmeiß es weg, das ist doch sowieso alles hin.? Sie hatte schon immer wenig Geduld. ?Elsa, diese Seiten, das ist Dein Leben, das schmeiße ich doch nicht weg, das bekomme ich wieder hin, vielleicht hilfst Du mir und Du wirst sehen, es wird wieder wie neu.? Ungläubig schüttelt sie den Kopf und lässt mich weiter sortieren.

Wie konnte ich nur so nachlässig sein und den Karton über Nacht draußen stehen lassen. Elsa hatte mit Tinte geschrieben und der Regen hat in die Seiten hineingeweint. Ich sortiere alles nach Jahren und Jahrzehnten. Vom elften Lebensjahr an lose Seiten und Zettel, mit vierzehn Jahren wieder ein Buch und dann bis zu ihrem Neunzehnten Schulhefte mit schwarzem Einband, danach für jedes Jahr ein gebundenes Kartonheft. Auf meine Frage nach den Heften vor dem elften Lebensjahr lacht Elsa und antwortet mit einer Gegenfrage: ?Glaubst Du wirklich, dass ich da schon ein Tagebuch geschrieben habe, ich hatte damals wie alle meine Freundinnen ein Poesiealbum und das habe ich heute noch. Mein Leben war wie das aller kleiner Mädchen, das musst Du doch am besten wissen, denn Du hast doch alles mit mir gemeinsam erlebt.? Ich bin schockiert, denn ganz bestimmt war ihre Kindheit nicht leicht und unbeschwert. Hätte sie sonst so viel aufgeschrieben?
Die Seiten müssten trocknen. In feuchtem Zustand würde ich noch mehr Schaden anrichten. Elsa ist in Aufbruchstimmung, sie hat es eilig. Ich verspreche ihr, dass ich mir die Zeit nehmen werde, ihre verregneten Erinnerungen neu zu schreiben. ?Elsa ein Jahr lang, jeden Tag eine Stunde. Ich schenke Dir meinen Mittagsschlaf und niemand wird etwas davon mitbekommen.? ?Mit der Hand zu schreiben, das ist unmöglich?, redet sie auf mich ein. ?Das habe ich auch gar nicht vor?, wobei ich an den Computer in meinem Büro denke. Elsa ist entsetzt, weil sie befürchtet, dass es dann jeder lesen kann und so muss ich ihr versprechen, niemandem Einblick in ihr Leben zu gewähren. Trotzdem bleibt sie voller Zweifel, und die verregneten Seiten machen auch mir jetzt nicht mehr nicht viel Mut. Ich kenne Elsas Leben so gut, als ob ich es selber gelebt hätte aber ich bin mir sicher, dass sie auch mein Leben ohne Mühe aufschreiben könnte. Zwölf Monate, jeden Tag, das müsste ausreichen. Jeden Tag werde ich mit meinen Gedanken bei Elsa sein und mit ihr hoffen, dass ihr Leben wieder so neu wird wie ihre Tagebuchaufzeichnungen.

Kurz bevor ich das vertraute Motorengeräusch meines Mannes in der Hofeinfahrt höre, habe ich den Elsa-Karton weggestellt. Ich bin nicht mehr allein. Scherzhaft kommt die Frage, was mir Elsa denn dieses Mal erzählt hat. Elsa ist nur aus meinen Erzählungen bekannt, nie gab es ein Zusammentreffen. Manchmal habe ich das Gefühl, Elsa wird mir nicht so recht geglaubt.

Ich halte mein Versprechen. Ab sofort gibt es keinen Mittagsschlaf mehr. Die Bücher sind getrocknet, einen Anfang zu finden, ist nicht leicht. Die Jahre vor dem elften Geburtstag kenne ich aus Elsas Erzählungen, es ist, als ob ich sie miterlebt hätte. Es gibt aus dieser Zeit keine Tagebücher aber so gerne würde ich ganz vorne beginnen. Es ist fast wie beim Springseil springen. Ich traue mich nicht, in das schwingende Seil hinein zu hüpfen, dabei ist es so leicht.

Ich quäle mich mit den Worten und spüre Elsas Nähe. Ich zeige ihr das Geschriebene und sie ist entsetzt. ?Was machst Du da? Du hast mir versprochen, meine Tagebücher neu zu schreiben und ich lese immer nur: Elsa machte, Elsa dachte, Elsa wollte. Warum schreibst Du nicht wie ich ?ich mache, ich denke, ich will?? Sie hat Recht. Das, was ich machte und dachte war blechern, kantig und einfach nur Mist.
Nickend lösche ich die wenigen Seiten, morgen werde ich es besser machen, und dann werde ich mit Elsas Kindheit beginnen, ganz am Anfang und ohne ihre Aufzeichnungen. Ich bin mir sicher, es ist ihr recht.
Elsas Tagebücher

Papa wollte mit mir wieder einmal Salz oder Zucker in die Fensterbank streuen. Er sagt, dass heute Abend der Storch vorbeifliegen wird. Kleine Kinder bringt er nur, wenn auf der Fensterbank gestreut ist. Zucker für ein Mädchen und Salz für einen Jungen. Weil ich schon einen Bruder habe, weigere ich mich, Salz zu streuen, denn meinen kleinen Bruder würde ich am liebsten wieder umtauschen. Über ein Schwesterchen wäre ich glücklich. Ich habe Papa also überredet, Zucker zu streuen. Im Schlafzimmer von Mama und Papa steht eine Kinderwiege. Ein großer Weidenkorb auf einem Gestell mit vier Rädern, rundherum mit wunderschönem Stoff bespannt und mit einem halbrunden Himmel. Vorne ein Griff zum Schieben und schaukeln kann man den Korb auch. Er sieht aus wie ein wunderschöner Puppenwagen, nur eben größer. Kissen und Zudecke liegen für mein kleines Schwesterchen bereit.

Viele Tage wartete ich schon vergeblich. Die Aufregung, als der Storch meinen kleinen Bruder brachte, habe ich nicht so richtig mitbekommen, vielleicht war ich ja noch zu klein. Irgendwann war er einfach da. Ich war enttäuscht, dass er so klein war und weder sprechen noch laufen konnte. Neugeborene Hunde und Kätzchen habe ich schon erlebt und die waren gleich nach der Geburt richtig fertig, und so hatte ich mir auch mein kleines Brüderchen vorgestellt.

Der Storch kam unpassend. Mama war gar nicht da. Spät in der Nacht musste Papa sie ins Krankenhaus bringen. Weil Papa im Krankenhaus war, machte Oma morgens das Frühstück für meinen Bruder und mich. Gott sei Dank hat Papa in der Nacht den Storch getroffen und der konnte ihm zeigen, wo Mama lag. Was wäre nur passiert, wenn er das Schwesterchen einfach zu Hause abgegeben hätte? Bestimmt hätte ich alles verkehrt gemacht. Jetzt bin ich die Große. Als Papa zurückkam, war er stolz und strahlte. Nachmittags durfte ich mit ihm zu Mama und meinem neuen Schwesterchen.

Mama geht es gar nicht gut und jetzt auch noch ein Baby. Ich versuche, ganz brav zu sein. Über gebohnerte Gänge, vorbei an vielen geschlossenen Türen hinter denen Babygeschrei zu hören ist, stand ich endlich an Mamas Bett. In einem Zweibettzimmer lag sie blass und abgespannt in den weißen Laken und lächelte trotzdem fröhlich. Sie wirkte kein bisschen krank, war schön gekämmt und hatte ein neues Nachthemd an. Ich traute mich, ihre zarte Hand zu streicheln. Sie nahm mich liebevoll in den Arm und wischte mir meine Tränen aus den Augenwinkeln. Eine große Frau, in einem steifen langen, weißen Kleid mit einem Häubchen auf dem Kopf kam herein und brachte ein Püppchen in einem Steckkissen, es war mein neues Schwesterchen. Mama strahlte und wickelte sie aus. Nackt, rosig und knubbelig lag sie auf der Bettdecke. Ich durfte sie anfassen, ihre kleinen Füßchen bewundern, und dabei umfasste sie mit ihrer winzig kleinen Hand ganz fest meinen Zeigefinger. Sie hat blonde Löckchen, Grübchen im Gesicht und ich hatte das Gefühl, dass sie mich mit großen blauen Augen angeschaut hat, so, als ob sie sagen wollte: ?So, so, Du bist also meine große Schwester.? Ich freue mich darauf, wenn sie endlich zu Hause ist. Jetzt musste sie aber erst einmal wieder eingepackt werden, und Mama verwandelte das kleine Bündel routiniert und geübt wieder in das Steckkissen-Püppchen. Die Frau in dem langen weißen Kleid sagte, dass es Zeit für das Fläschchen war. Wie ich und mein Bruder, ist meine kleine Schwester ein Flaschenkind.
Nur wenige Tage sind vergangen, und Mama ist mit dem Baby wieder zu Hause. Der Tagesablauf ändert sich nur wenig. Probleme macht mein kleiner Bruder. Er fühlt sich vernachlässigt, obwohl es wirklich nicht so ist.

Bald ist mein erster Schultag. Ich freue mich und mache mir Gedanken, ob Mama Zeit hat, die Vorbereitungen dafür zu treffen. Zur Einschulung habe ich einen Tornister aus hellem Leder, gefüllt mit den wichtigsten Dingen für mein neues Leben und eine Zuckertüte, fast größer als ich, bekommen. Dann auch noch ein neues Kleid, Mantel und Schuhe und für mein Haar eine neue Taftschleife. Ich habe mich unglaublich gefreut, dass meine geliebte Oma Tik-Tak mit dem Zug gekommen ist. Auf dem Weg zur Schule schob ich stolz den Kinderwagen mit meiner kleinen Schwester, es war ihre erste Ausfahrt. Mein kleiner Bruder zickte, Uroma, Mama, die Kleine und ich, vier Frauen und er, dieser Zwerg, noch kein Mann, erst ein Männchen, das war zuviel für ihn. Er ging vorweg, als ob er uns nicht kannte.
Mittags machte Papa mit uns Fotos im Garten. Mein kleiner Bruder wollte vorne stehen und die Schultüte tragen und weil das nicht in Frage kam, haute ich ihm auf den Kopf und er begann, wie am Spieß zu schreien. Wieder einmal hatte ich Schuld.

Viel lieber, als in die Schule zu gehen, wäre ich bei meiner kleinen Schwester. An den meisten Tagen ist die Schule schon um elf Uhr zu Ende und ich laufe nach Hause, um endlich mit ihr spielen zu können. Erst muss ich aber noch zum Kindergarten, er ist nur um die Ecke, um meinen Bruder abzuholen.
Ich bin nie in einen Kindergarten gegangen, deshalb stellte ich mir darunter immer einen Garten wie zu Hause vor, in dem die Kinder wie junge Bäume, an großen Stöcken angebunden, auf der Wiese stehen. Jetzt bin ich erstaunt über das Haus mit den Spielzimmern, den unzähligen Bauklötzen und den Tanten, die nicht, wie ein Gärtner, Gummischürzen und Handschuhe tragen. Am tollsten finde ich die vielen Waschbecken und die kleinen Toiletten an der Wand. Oft komme ich zum Abholen zu früh und ich darf, meinen Bruder schon an der Hand, das Abschiedslied mitsingen. Auf der Straße lässt er dann meine Hand los und rennt vor. Er will nicht der kleine Knirps sein. Auf dem Rückweg ist er neulich er mit dem Kopf gegen einen Briefkasten geknallt. Sein Unterkiefer war ausgerenkt und am Kopf hatte er eine dicke fette Beule. Papa raste mit ihm ins Krankenhaus und Mama schleppte mich in den Keller. Zur Strafe wurde ich eingesperrt und vor Wut auf meinen blöden Bruder öffnete ich ein Glas der eingemachten Kirschen. Sie schmeckten herrlich und ich spuckte die Kerne in den Deckel. Annegret hat mir geholfen, sie später verschwinden zu lassen. Ich denke an mein Schwesterchen, hoffentlich bekommt sie rechtzeitig ihr Fläschchen. Ich will nicht, dass sie weinen muss.

Mein kleiner Bruder hatte gar nichts. Vor Wut hatte er sich wieder einmal ein rotes Gesicht geschrieen. Kein Wunder, er ist eine Zangengeburt und wird deshalb heute noch zimperlich behandelt. Mama hat blass und müde die Kellertür geöffnet und mich nach oben in die Wohnung gescheucht. Mein Brüderchen weinte und küsste mich, er wusste, dass er Mist gebaut hatte, war aber zu feige, sich bei mir zu entschuldigen. Morgen soll ich ihn trotzdem wieder vom Kindergarten abholen.

Die Schule macht mir Spaß. Ich kann schon die ersten Wörter schreiben. Nur die Schulbrote mag ich nicht essen. Sie sind so trocken und die Leberwurst, mit denen sie meistens beschmiert sind, mag ich schon gar nicht. Kurz hineingebissen, stecke ich sie meistens wieder in die Tüte und esse dann nur den Apfel. Geschenkt haben oder tauschen will keiner meiner Schulkame­raden das Brot mit mir und ich muss es leider immer wieder mit nach Hause nehmen. Nirgendwo kann ich es verschwinden lassen. Neulich hatte ich die geniale Idee, sie in meinem kleinen Puppenbett unter der Matratze zu verstecken. Jetzt baue ich deshalb auf Annegrets Hilfe aber ich traue mich nicht so recht, sie anzusprechen.

Mit dem Herbstzeugnis bin ich Klassenbeste und ich habe mich immer noch nicht getraut, Annegret von den Leberwurstbroten zu erzählen. Manchmal hoffe ich, dass sie mein Geheimnis schon irgendwann riechen wird. Mama hat bislang auch noch nichts gemerkt, aber sie kommt auch selten in das Zimmer.
Zu Weihnachten muss ich wieder ein Gedicht aufsagen, und deshalb hält sich meine Freude auf das Fest in Grenzen. Außerdem bekomme ich sowieso nicht die Geschenke, die ich mir wirklich wünsche. Das wird auch in diesem Jahr wieder so sein und deshalb bin ich jetzt schon froh, wenn endlich alles wieder vorbei ist.

Im Frühjahr sind wir in die Wohnung ein Stockwerk über uns gezogen. Wir haben jetzt ein Zimmer mehr. Bislang mussten wir drei Kinder uns ein Zimmer teilen. Mama und Papa meinten, ein Junge und zwei Mädchen, dass würde auf Dauer nicht gut gehen. Mein Bruder hat jetzt ein Zimmer für sich und Gott sei Dank haben meine kleine Schwester und ich jetzt auch ein Reich für uns alleine. Wir haben beide ein Bett für uns, das heißt, eigentlich eine Schlafcouch mit einem großen Bettkasten, in dem das Bettzeug tagsüber deponiert wird und für die Nacht dann herausgeholt werden muss. Wir benutzen aber nur ein Bett. Mein kleines Schnubbchen strahlt mehr Wärme aus, als der große Kachelofen im Wohnzimmer. Sie geht vor mir schlafen und wenn ich ins Bett gehe, ist es wunderschön warm und ich finde es herrlich, weil ich ständig friere. Zur Belohnung bekommt sie an jedem Wochenende meinen Nachtisch, meist ist es Schokoladenpudding, den ich sowieso nicht mag. Sie ist dahinter gekommen, dass mir ihre Wärme viel wert ist und jetzt bekommt sie von mir zusätzlich zum Schokoladenpudding auch noch jede Woche einen großen Lutscher. Sie freut sich aber ich weiß, dass sie mich auch ohne den Lutscher wärmen würde.

Es ist kurz vor Ostern und mein erstes Versetzungszeugnis macht mir Sorgen. Ich habe schreckliche Angst, sitzen zu bleiben. Der Unterricht fällt mir leicht, Schreiben, Lesen und Rechnen sind kein Problem, da bin ich bestimmt die Beste, aber im Turnen eine Sechs, das ist wirklich Mist und ich mache mir ernsthaft Sorgen, nicht in die zweite Klasse versetzt zu werden. Ich kann den Pindopp aus der Schnur schlagen, einen albernen, aufzieh­baren, wie ihn schon einige andere Kinder haben, brauche ich nicht, ich bin die Straßenbeste beim Hinkelkasten und drehe mit meinem Fahrrad die engsten Kurven auf furchigen Sandwegen. Wäre Hula-Hoop ein Sportfach, könnte ich mindestens mit einer Eins plus angeben, aber Handstand, die Seile hochklettern oder mit gespreizten Beinen über den Bock springen, das kann ich nicht.

Mein Zeugnis ist jetzt doch überraschend gut ausgefallen. Überall nur Einsen, auch in den Kopfnoten wie Betragen im Unterricht und Verhalten in der Schule. Im Turnen habe ich entgegen meinen Befürchtungen doch eine Drei und werde Gott sei Dank in die zweite Klasse versetzt.
Oma hat mich königlich belohnt. Fünf Mark für mein Zeugnis, ein Vermögen. Mama und Papa habe ich nichts davon erzählt, aber ich habe den Lohn meiner Angst mit meinem Bruder besprochen. Ich möchte Mama von dem Geld ein Ostergeschenk kaufen. Ich habe einen total süßen und samtigen Osterhasen, den man von unten mit Ostereiern befüllen kann, bei unserem Kaufmann gesehen. Dazu pflücke ich dann noch einen Strauß blühender Kätzchenzweige. Mein Bruder fand es in Ordnung, aber trotzdem blieb immer noch Geld übrig. Wir schlenderten also über den Wochenmarkt und sahen Pampelmusen. Sie sehen aus wie Apfelsinen, nur sonnengelber. Wir hatten sie noch nie gegessen, und eine kostete fünfzig Pfennig, gerade soviel Geld, wie ich noch hatte. Wir suchten uns die festeste und sonnengelbste von allen aus.
Zusammen mit unserer kleinen Schwester aßen wir die Pampelmuse mit Schale und Haut auf. Wir hinterließen keine Spuren und Mama und Papa ahnten nicht, was wir gegessen hatten. Ostern waren wir krank, so krank, dass unsere Hausärztin kommen musste. Durchfall, Übergeben, Schüttelfrost und eine andauernde Übelkeit. Am gemeinsten ging es meiner kleinen Schwester, sie hatte am meisten von der Pampelmusenschale gegessen. Unsere Hausärztin wusste nicht weiter. Es gab zur Zeit keine Grippe und keiner von uns sprach auf die üblichen Mittel an. Sie griff auf bewährte Hausmittel wie Muskat und Haferflocken zurück und die taten endlich ihre wohltuende Wirkung. Mein erstes Schulzeugnis hatte also fast mich, meinen Bruder und mein geliebtes Schwesterchen umgebracht. Ich weiß jetzt schon, dass wir niemals wieder Pampelmusen essen werden.

Es ist Frühling geworden und wir warten sehnsüchtig auf den Sommer. Zur Zeit der Kirsch- und Apfelblüten hat mein Bruder Geburtstag. Schade, dass ich zu meinem Geburtstag nie andere Kinder einladen darf. Immer kommen nur Oma und die Tante, und die ist nur fünf Jahre älter als ich, dann kommen natürlich noch Mamas und Papas Freunde. Nachmittags gibt es immer Sahnetorte und wenn wir im Bett sind, feiern die Erwachsenen mit rotem Heringssalat und Bommi mit Pflaume weiter. Mein Bruder hat immer einen Geburtstag mit vielen Kindern und genau so viel Kloppe und Tränen. Ich weiß nicht mehr, ob es bei seinem letzten Geburtstag war, jedenfalls mussten wir mit ihm Indianer spielen und zum Schluss hat er uns alle tot geschossen. Wir haben uns bewegungslos unter die blühenden Apfelbäume gelegt und er ging dann einfach weg und meinte, wir wären zu blöde, weil wir gelacht haben. Mit uns wollte er nicht mehr spielen. Aber die Geschenke, die hat er natürlich alle mitgenommen. Nie muss er für sein dämliches Benehmen in den Keller und wird auch nachmittags nicht ins Bett gesteckt. Aber dieser Geburtstag hatte doch Folgen: Einem Nachbarjungen hatte er auch noch zur Krönung die Brille vom Kopf geschlagen und sein Vater war am nächsten Tag gekommen, um Ersatz für das teure Stück und eine Entschuldigung von meinem Bruder einzufordern. Ersatz vielleicht, aber eine Entschuldigung gab es nicht. Papa sagte, dass er ja gar nicht eingeladen war und aus diesem Grunde in unserem Garten nichts zu suchen hatte. Beide Väter redeten sich in Rage, jeder von ihnen glaubte, dass er einen größeren Betrieb hatte und außerdem waren sie auch noch in unterschiedlichen Schützenvereinen. Den beiden Müttern gelang es dann, Frieden zwischen den Streithähnen zu stiften und trotz intensiver feindlicher Beschimpfungen wurde die Angelegenheit dann doch noch einvernehmlich geregelt.

Mein Bruder ist doof. Das habe ich auf viele Zettelchen geschrieben. Ich habe einen Schreibtisch, das heißt einen Sekretär mit vielen kleinen Schubladen, in denen ich diese Zettelchen verstecke, bekommen. Die Schreibtischplatte kann ich hochklappen und mit einem Schlüssel verschließen. Er ist wirklich doof, er ist jetzt im letzten Kindergartenjahr und hat mit seiner Gruppe eine Vorführung eingeübt. ?Schneewittchen und die sieben Zwerge?. Er ist einer der Zwerge und macht sich schrecklich wichtig mit seiner Verkleidung und dem mächtigen Bart. Für die Aufführung habe ich ein neues Kleid bekommen, schwarz-weiß, klein kariert, Pepita heißt das, mit einem weißen Kragen und weißen Manschetten. Der Gürtel ist so eng, dass ich nicht nachhelfen muss. Ich freue mich darauf, wenn ich es anziehen kann. Heute ist Theatertag im Kindergarten. Nach dem Mittagessen habe ich mich umgezogen aber bevor wir dann zur Vorstellung wollten, machte mein Bruder in seinem Zwergenkostüm auf unserem langen Flur seine letzten Sprechübungen. Meine kleine Schwester saß immer noch in der Wanne und planschte. Wenn sie nicht stören soll, wird sie dort hineingesetzt und spielt fröhlich und zufrieden. Sie weiß, dass irgendwann schon jemand kommt, um sie abzutrocknen und anzuziehen. Stolz zeigte ich mich auf dem Flur. Mit Veitstanz ähnlichen Bewegungen kam mein kleiner Bruder auf mich zu. Die Zwergenmütze fast bis über die Augen gezogen krächzt er ?Pepita hat ein Röckchen an, das geht bis an die Knie und wenn sie dann ihr Beinchen hebt, dann sieht man ihr... , Pepita hat ein Röckchen an, das geht bis an die Knie und wenn sie dann... .? Er hätte ewig weiter gekrächzt, wenn Papa nicht in diesem Moment gekommen wäre. Mir schwante wieder eine Verbannung in den Keller oder, mit etwas Glück, vielleicht nur eine verordnete Mittagsruhe im Bett. Zu meiner Überraschung sagte Papa jedoch nur ?aber, aber!? Mein Bruder grinste und streckte mir seine Zunge entgegen. Papa hatte Verständnis dafür, dass ich das Pepitakleid jetzt nicht mehr anziehen wollte. Mama machte ihr spitzes Mündchen und ohne, dass ich überhaupt Zeit hatte, mich weiter zu mokieren, hatte sie mir das Kleid schon über den Kopf gestreift.

Schon beim Anziehen bekam ich die ersten roten Pusteln auf Oberkörper und Rücken und meine kleine Schwester war nach ihrer Wannensitzung beim Abtrocknen noch gesprenkelter als ich. Mama dachte, es könnte an der neuen Seife liegen, die doch so teuer war. Die Kleine und ich hatten einen heißen Kopf, uns war übel, der Bauch brummelte und wir bekamen Durchfall. Mama war ärgerlich, dass ihre Mädchen ewig Zirkus machen. Papa sah es nicht so und deshalb entschied er, ich und mein Bruder sollten schon mal zum Kindergarten gehen, er wollte die Hausärztin anrufen, weil das nicht normal war und unmöglich von der Seife kommen konnte.

Die Hausärztin wohnt um die Ecke und kam sofort. Wie sich herausstellte, lag es nicht an der Seife, wir hatten Masern. Als Papa ihr sagte, dass mein kleiner Bruder im Kindergarten war, reagierte sie ziemlich barsch und befahl ihm, ihn auf der Stelle wieder abzuholen. Papa fuhr also los und holte meinen Bruder wieder ab. Er flennte, schrie und trat um sich. Unter dem angeklebten Bart hatte er bereits die ersten Pusteln und seinen Auftritt konnte er vergessen. Es konnte leider nur ?Schneewittchen mit den sechs Zwergen? aufgeführt werden. Er fühlte sich als verschmähter Künstler und war endlos leidend. Meine Schwester und ich sind längst wieder gesund und er hütet noch immer fiebrig das Bett, wobei sein schlechtes Gewissen uns gegenüber sicher nicht zu seiner Genesung beiträgt. Immerhin hatte seine dreiwöchige Krankheit den positiven Aspekt, dass er während dieser Zeit sein Taschengeld nicht ausgeben konnte. Noch blass und von den Spuren seiner Krankheit gezeichnet, kam er jetzt mit einer großen Tüte Mohren­köpfe an und lud meine kleine Schwester und mich zu seiner Genesungsfeier in sein Zimmer ein. Er war zum Totschlagen lieb, mein Bruder. Mohren­köpfe von drei Wochen Taschengeld, uns ging es richtig gut aber der darauf folgende Durchfall war ziemlich schlimm. Ich schwöre, Mama wird die Ursache nie erfahren.

Ein Jahr ist vergangen und wir feierten wieder den Geburtstag meines Bruders. Es regnete und wir saßen im alten Kaninchenstall. Wie im letzten Jahr, hatte er sich als Indianer verkleidet. Wir kennen sein blödes Spiel und deshalb hatten wir uns geschworen, dass wir in diesem Jahr nicht wieder tot unter den Apfelbäumen liegen wollten. Er verschwindet dann nämlich immer irgendwann und lässt uns einfach allein. Es war auch in diesem Jahr wieder so, wie ich es mir gedacht hatte. Er kam zurück mit den Worten: ?Die Feier ist zu Ende, Ihr geht jetzt alle nach Hause?. Wir überhörten ihn, der Kuchen war noch nicht aufgegessen und ohne ihn war es ohnehin viel lustiger. Heulend saß er abends in der Wanne.
Endlich Sommer und ich darf Schwimmen lernen. Mama hat jetzt den Führerschein gemacht und fährt früh am Morgen mit mir ins Freibad. Ich bin die Jüngste in meiner Schwimmgruppe und der Bademeister ist wirklich nett. Erst mit Schwimmflügeln an den Armen und dann nur noch von seiner Schwimmstange beschützt, drehte ich meine Runden. Im gefüllten Wasch­becken übe ich jetzt zu Hause das Atmen unter Wasser. Es ist ganz schlimm für mich, Wasser in die Ohren zu bekommen, aber immerhin traue ich mich schon, die Augen unter Wasser offen zu halten.
Die Mühe hat sich gelohnt. Heute habe ich mein Seepferdchen bekommen.
Es ist heiß und sonnig und Mama geht jeden Tag mit uns ins Schwimmbad. Heute verbrannte uns die Sonne schlimmer als je zuvor. Mama ist so krank, dass die Hausärztin kommen musste. Ihre helle Haut ist mit dicken Blasen bedeckt. Die Hausärztin diagnostizierte einen Sonnenstich. Meiner kleinen Schwester, meinem Bruder und mir geht es auch nicht gut, außerdem hat Mamas Sonnenstich für uns die unangenehme Begleiterscheinung, dass wir zwei Wochen auf Baden verzichten müssen.

Trotz der verordneten Badepause habe ich jetzt meinen Freischwimmer geschafft. Ich kann dreißig Minuten schwimmen und allein vom Dreimeter­brett springen. Jetzt habe ich zwei aufgenähte Abzeichen auf meinem Badeanzug und kann mit den Großen zusammen ins Tiefe. Die Abzeichen haben mich mutig gemacht, auf das Fünfmeterbrett zu klettern. Oben angekommen, verließ mich aber der Mut und ich traute mich nicht, zu springen. Also bin ich wieder heruntergeklettert, aber nur bis zum Dreier und von hier sprang ich dann doch todesmutig unter dem Gelächter der Jungen.

Einer von den Großen, er ist der Schwarm alle Mädchen, dunkelbraune Augen, sonnengebräunt und mit einer super Figur, ich glaube, er rasiert sich auch schon, hat mir dann Mut gemacht und ist mit mir zusammen noch einmal auf das Fünfmeterbrett gestiegen. Er war mit seiner jüngeren Schwester auch schon zusammen gesprungen und er schlug mir vor, mit ihm zusammen Hand in Hand zu springen. Mit einem flauen Gefühl in der Magengegend aber trotzdem von Glück beflügelt, vertraute ich mich ihm an. Wir sprangen also gemeinsam Hand in Hand und als wir unten auftauchten, hielt er mich noch immer fest. Lachend fragte er, ob es denn schlimm war und half mir dann auf den Beckenrand. Sofort wollte ich noch einmal springen und er versprach mir, unten im Wasser auf mich zu warten. Ich hatte ein tolles Gefühl, weil ich auch nicht ausgelacht wurde. Ich glaube, ich habe mich ein bisschen verliebt. Seine Freundin ist wunderschön und genau wie er, freute sie sich mit mir über meine mutigen Sprünge.
Das Schwimmbad wurde geschlossen und ich musste lange betteln, um in einem Schwimmverein angemeldet zu werden. Einmal in der Woche dürfen wir jetzt in das große Hallenbad. Mit einem Klassenkameraden habe ich mich für die Schwimmnachmittage verabredet. Wir könnten zwar mit dem Bus fahren aber wir laufen lieber. Wir kennen uns in der Stadt aus, nehmen Abkürzungen und sind nicht langsamer als der Bus. Von dem Ersparten leisten wir uns nach der Schwimmstunde am Würstchenstand jeder drei kleine Würstchen. Die gibt es für fünfzig Pfennig und sind, auch wenn sie meistens verbrannt sind, wirklich lecker. Genau so viel würde die Busfahrt hin und zurück auch kosten aber die macht keinen Spaß und ist auch nicht lecker. Dafür laufen wir lieber immer ganz schnell nach Hause, damit wir, wenn der Bus um die Ecke biegt, mit ihm fast gleichzeitig ankommen.

Es ist Mitte November und ich habe keine Zeit mehr, ins Hallenbad zu gehen, weil ich das Gedicht für die Weihnachtsfeier im Schützensaal üben muss. Mein Schwimmfreund beneidet mich. So etwas würde er auch gern einmal machen und so gab er mir hilfreiche Ratschläge für die richtige Betonung. Er findet mich, glaube ich zumindest, auch ganz toll und meint, ich soll unbedingt mit Haarschleife auftreten.
Am Samstag hat er mir in der Schule ein Briefchen zugesteckt. Ein Zettelchen mit einem großen Herzen, durchbohrt von einem Pfeil. In Schönschrift die Worte ?Mein Herz blutet, liebst Du mich am Montag auch noch? Dein Horst?. Horst meint, mein Auftritt wird sicher ganz toll und es wird hinterher bestimmt etwas darüber in der Zeitung stehen. Na ja, ich habe ihm ja auch genug davon erzählt und ganz schön angegeben.

Nach dem schrecklichen Drama wegen des Gedichtes freue ich mich auf Montagmorgen und auf Horst. Ohne seine Liebe fühle ich mich verloren. Mittwoch gehen wir wieder zusammen ins Hallenbad und danach unsere drei leckeren verbrannten Würstchen essen.

Zu Hause ist immer noch dicke Luft. Mama spricht wenig mit mir. Wenn ich etwas besorgen soll, gibt sie mir einen Einkaufszettel und das abgezählte Geld. Nur noch wenige Tage bis Weihnachten, und weil Weihnachten das Fest der Liebe und Versöhnung ist, so sagt sie, hat sie mir jetzt die wegge­nommene Puppe Monika zurückgegeben. Ich konnte nicht verhindern, dass damit aufgeflogen ist, woran ich selber nicht mehr gedacht hatte. Sie hielt das Oberbett von meinem Puppenwagen in der Hand und entdeckte die gesammelten Schulbrote. Schimpftiraden rasselten auf mich ein. Undankbar und liederlich wäre ich, sie wüsste gar nicht, weshalb der liebe Gott sie mit einer Tochter wie mir bestraft hat. Monika hat sie in die Ecke geschmissen und dann Papa gerufen. Meine kleine Schwester und mein Bruder haben sich zu Annegret in die Küche verzogen. Fast hüpfte ich die Treppen bis zum Keller hinunter. Das Geschreie war widerlich. Ich war ein ungezogenes Kind und freute mich auf die eingekochten Kirschen.

Weihnachten ist trotzdem nicht ausgefallen. Heilig Abend sagte ich wieder ein Gedicht auf. Mein Weihnachtsgeschenk war schrecklich: Eine Gitarre. Meine Tante hat ein Klavier bekommen. Ich bot ihr meinen ganzen bunten Weihnachtsteller mit Marzipan, Schokolade und Nüssen und zusätzlich die Gitarre, aber sie wollte ihr Klavier leider nicht tauschen und lachte mich aus.

Die Gitarre allein war schon schlimm genug, jetzt muss ich zwei Mal in der Woche auch noch zum Unterricht. Quer durch die ganze Stadt mit der Gitarre, es ist mir schrecklich peinlich.
Der Musiklehrer ist ein seltsamer Mensch. Er wohnt am Lister Platz, mitten zwischen den großen ausgebombten Häusern. Das Häuschen ist winzig klein, hat einen ganz schmalen Eingang und nur wenige Zimmer. Er trägt Lackschuhe mit hohen Absätzen und eine schwarz-weiß gestreifte Hose, darüber einen Kittel. Durch eine Kriegsverletzung ist er auf einem Auge blind, er hat schon Papa das Akkordeonspielen beigebracht. Als Professor unterrichtet er an der Musikhochschule und hat nur ausgesuchte Schüler. Er sagt, dass er mich unterrichtet, hätte ich Papa zu verdanken, er wäre sehr talentiert und deshalb glaubt er, dass es vielleicht auch mit mir einen Versuch wert ist. Ich hatte keine Notenkenntnisse und als ich mit meiner Gitarre bei ihm ankam, lutschte er Bitterschokolade und begutachtete mein Instrument. Er meinte, meine Gitarre wäre billig und der Boden hätte keine Resonanz aber für den Anfang würde sie ausreichen. Er machte mich mit den Noten vertraut und erklärte mir die Saiten, Dann gab er gab mir einen Zettel, auf den er die erforderlichen Notenbücher für den Anfangsunterricht aufgeschrieben hat. Mehr war am ersten Tag nicht passiert. Mama und Papa waren enttäuscht, ich glaube, sie haben damit gerechnet, dass ich schon nach der ersten Unterrichtsstunde Gitarre spielend nach Hause gekommen wäre. Bis zum nächsten Mittwoch müssen die Notenbücher besorgt sein und Mama ist genervt.
Am Mittwoch rannte ich wieder quer durch die Stadt zu diesem blöden Musikheini. Außer meiner Gitarre habe ich jetzt auch noch die Noten-Bücher zu schleppen. Er ließ mich die Tonleiter üben obwohl ich glaube, dass meine Finger zu kurz und meine Hände zu klein sind. Er sah, dass es mir schwergefallen ist und schenkte mir zu Abschied ein Stück seiner Bitterschokolade. Seitenweise übe ich mich zu Hause durch das Notenbuch, ich habe den Ehrgeiz, es wirklich zu lernen. An den Fingerkuppen der linken Hand bilden sich dicke Blasen und entwickeln sich zu einer Hornhaut. Ich habe das Gefühl, dass kein Instrument für mich ungeeigneter ist, als diese blöde Gitarre.

Die ersten kleinen Volkslieder kann ich mittlerweile spielen. Der Musiklehrer setzt sich immer in einen Nebenraum, um das Geübte von mir abzuhören. Nur durch einen Vorhang getrennt, lauscht er dann meinem Geklimper. Der Unterrichtsraum ist voll gestopft mit Instrumenten. Mein Gitarrenvirtuose wird mit der Zeit immer freundlicher und irgendwie fasse ich langsam Vertrauen zu ihm und seiner skurrilen Umgebung. Das Teil an der Wand, das aussieht wie eine winzig kleine Gitarre, hatte es mir schon lange angetan und als er neulich wieder einmal hinter seinem Vorhang verschwand, nahm ich es und fing an, einfach darauf zu spielen. Es war herrlich und hörte sich unglaublich schön an. Meine Finger waren plötzlich nicht mehr zu kurz und es klang besser als je zuvor. Nachdem meine Musik verstummt war, stand mein Musiklehrer neben mir. ?Es war wunderschön, Du hast auf der Mandoline gespielt. Sehr gut meine Kleine, ich denke, darüber sollte ich mit Deinem Vater sprechen.? Oh je, in diesem Augenblick konnte ich vor Schreck nicht deuten, ob ich das als Drohung oder Lob verstehen sollte. Papa wird sicher der Auffassung sein, dass ich erst einmal eine Sache richtig beherrschen muss, nämlich das Gitarre spielen.

Von meinem Erfolg beflügelt, hat mein Vater jetzt auch meinen Bruder zum Akkordeonunterricht angemeldet. Schon nach zwei Unterrichtsstunden hat der Musiklehrer seine Bemühungen aufgegeben. Nie zuvor hätte er ein Kind erlebt, das dermaßen unmusikalisch war. Papa war verärgert und schob es auf seine Lehrmethode. Mit den Worten: ?Was soll man auch von einem Schwulen erwarten? war die Sache dann für ihn erledigt. Ich weiß zwar nicht, was ein Schwuler ist aber ich weiß, dass so einer meinen kleinen Bruder nicht mag.
Ich habe jetzt meine Tante gefragt, denn sie ist keine fünf Jahre älter als ich und Papas Schwester. Meine Tante hatte ebenfalls keine Ahnung aber sie hat mir versprochen, es herauszubekommen. Weil er mein Musiklehrer ist, vermutet sie, dass es nur etwas mit Musik zu tun haben kann und deshalb hat sie sich bei ihrer Musiklehrerin erkundigt. Die Frau ist wirklich super klasse und immer, wenn ich bei irgend etwas nicht ganz sicher bin, gehe ich auch zu ihr. Die anderen Kinder mögen sie nicht besonders, doch ich komme bestens mit ihr klar. Sie hat mir auch einleuchtend erklärt, weshalb Mama einmal im Monat schlechte Laune hat und gegen ihre ekeligen Kopfschmerzen die Tablette auf dem Löffel einweicht. Sie sagte, wenn ich einmal verheiratet bin, hätte ich auch diesen Ekel, vielleicht auch schon früher, und dass man dann so viele Sachen, wie zum Beispiel Haare und Füße waschen, nicht machen darf, weil es dann leicht passieren kann, dass man danach verrückt im Kopf wird. Für mich ist jetzt schon klar, dass ich niemals meinen Ekel bekommen möchte, lieber bleibe ich unverheiratet. Ohne gewaschene Füße darf man nicht in die Schule und der Gedanke daran, dort mit Schweißfüßen hingehen zu müssen, ist schon ekelig genug, da muss ich nicht auch noch zusätzlich meinen Ekel kriegen.
Die Musiklehrerin meiner Tante war so entsetzt, dass mein Vater in die Schule zitiert wurde. Sie hat ihm geraten, dass er künftig besser auf meinen Umgang achten soll und mir sagte sie, dass ein Schwuler ein ganz normaler Mann ist, der lediglich einen Ohrring trägt. Jetzt haben meine Tante und ich wieder etwas dazu gelernt.
Mein Musikunterricht macht Fortschritte. Ich habe zu Hause nicht erzählt, dass der Musiklehrer mir im Unterricht schon längst eine andere Gitarre gegeben hat. Er sagte, dass zum Üben aber vorerst noch meine eigene ausreicht und er demnächst mal mit Papa reden will. Ich spiele jetzt auf einer elektrischen Gitarre, angeschlossen an Tonabnehmer und Verstärker. Die Zeit der Wanderlieder ist Gott sei Dank vorbei. Bis Weihnachten ist zwar noch lange hin, aber mal sehen. Für die rechte Hand gab er mir ein Spektrum und ich werde technisch immer versierter. Ich lerne jetzt Schlaggitarre und es macht mir höllischen Spaß.

Der Winter war fürchterlich. Mit einem großen Korb kam Oma die Treppe hoch und brachte Pullover, Röcke, Schuhe und einen Mantel. Papas kleine Schwester war aus den Sachen herausgewachsen und Oma meinte, dass sie mir doch bestimmt passen würden. Es passt zwar alles, aber es sieht schrecklich aus. Die Pullover sind kratzig, die Röcke zu lang, die Schuhe aus der Mode und am schlimmsten ist der Mantel aus Kaninchenfell, weil er so entsetzlich stinkt. Weil ihn aber alle so toll an mir finden, soll ich ihn nur zu besonderen Anlässen tragen. Weshalb gibt es bloß immer Dinge, für die ich mich schämen muss? Heute Morgen wurde ich in diesem Monstrum zum Kindergarten geschickt. Ich rannte und zog meinen Bruder hinter mir her. Wieder einmal flennte er und ich hoffte, dass mich niemand sah. Oma hat mich gesehen und sie freute sich, dass ich dieses Schätzchen trug. Ich schwöre, es war nur dieses eine Mal und dann nie wieder, lieber vergrabe ich ihn im Garten!

Wir leben in der Stadt und sind umgeben von saftigen Wiesen und weidenden Kühen. Gegenüber von Omas Haus liegen noch immer die Trümmer der Landes-Frauenklinik. Weil es gefährlich ist, dort zu spielen, ist es auch absolut verboten, aber das ist vielleicht gerade der besondere Reiz, weshalb wir dort so gerne hingehen. In einem Kellerraum des riesigen Trümmerhauses haben wir uns eine Bude eingerichtet, es ist herrlich.

Die Sommerferien haben begonnen und heute Morgen kamen ganz früh die Bagger und haben unsere gemütliche Bude einfach plattgemacht. Die noch stehenden Mauern der alten Ruine fielen zusammen wie ein Kartenhaus und wurden mit großen Schaufelbaggern auf unzählige Lastkraftwagen verladen. Auf dem Gelände sollen jetzt Wohnblocks errichtet werden.

Nur wenige Fußminuten entfernt, auf dem Weg in die Stadt, liegt die große Gummifabrik. Auch hier wird gebaut und vergrößert, denn noch mehr Autoreifen sollen hier produziert werden. Die Wohnblocks sollen für die neu eingestellten Arbeiter mit ihren Familien gebaut werden. Hinter vorgehal­tener Hand raunen die Erwachsenen, dass hier die Reifenflicker einziehen sollen. Leute, von denen man nicht weiß, woher sie kommen und so ist jetzt schon eine Grenze gezogen, bevor sie überhaupt hier sind. Dass die Wohnblocks schön werden, die Grünanlagen herrlich bepflanzt und auch ein Kinderspielplatz bei der Planung berücksichtigt wird, kann die Vorurteile der Leute nicht mildern. Wir müssen jetzt außen herum zur Schule gehen, obwohl der Weg durch das neue Wohngebiet viel kürzer ist.

Die Zeit rast dahin und nach wenigen Monaten sind jetzt alle Blocks bewohnt. Die Klassenaufteilung in der Schule hält sich an die alten Straßen­aufteilungen. Die neuen Kinder in eine Klasse und die Kinder aus den alten Straßen in eine andere. Es ist unmöglich, Kontakt zu finden. In den alten Straßen wohnen Beamte, Akademiker, Selbstständige und Ruheständler, eine gute Mittelklasse.

Omas Mieter kenne ich alle. Zu den Frauen sage ich Tante und manchmal zu den Männern Onkel. Omas nettester Mieter ist der Pferdeschlachter. Er ist schwarzhaarig, wunderschön und ich scheue mich irgendwie, Onkel zu ihm zu sagen. Nebenbei verkauft seine Frau Spitzen besetzte Unterröcke, Korsagen, und edle Strickkleider. Vom Dach des alten Kaninchenstalls können wir in ihr Schlafzimmerfenster schauen. Die Anproben der Damen sind interessant, aber bei der routinemäßigen Röntgen-Reihenuntersuchung in der Schule sehen wir die Damen oft viel nackiger und darum hat unser Interesse schnell nachgelassen.

Im Haus gegenüber wohnen nur Akademiker. Das Haus gehört dem Mann, der unten das Lebensmittelgeschäft hat. In der Dachwohnung sind jetzt neue Mieter. Ein Meisterbäcker, der Opernkonditor, ist dort eingezogen. Er ist Schweizer, also fast noch was besseres als ein Akademiker. Seine Frau ist zart und dunkelhaarig, so wie sie habe ich mir immer die Frau von Pole Poppenspeeler vorgestellt. Sie haben zwei liederliche Kinder. Klaus geht ja noch. Er arbeitet im Büro und hat ganz früh die Tochter vom Frisörmeister um die Ecke geheiratet. Zur Hochzeit musste ich eine große Blumenschale mit blauen Hortensien abliefern und kam mit Zuckerkuchen zurück. Seine Tochter, die ursprünglich Frisöse lernen sollte, hat ihre Lehre abgebrochen, weil sie heiraten musste. Jetzt arbeitet sie in einer Fabrik. Ich kann nicht verstehen, weshalb sie heiraten musste, der junge Mann wird sie doch nicht gezwungen haben? Viel interessanter ist Doktor Quindt im gleichen Haus. Er hat Schmisse im Gesicht und jedes seiner drei Kinder studiert. Sein ältester Sohn fährt eine schlüpferfarbene Isetta die man vorne aufklappen kann.

Die Reifenflicker-Siedlung ist für uns schon schlimm genug, aber irgendwann werden auch noch die Kühe hinter Omas Garten verschwinden müssen. Der Nachbar hat seine Wiesengrundstücke an das Land Nieder­sachsen verkauft, damit hier Wohnblocks für Berufssoldaten gebaut werden können. Noch mehr Fremde. Mama sagt, dass es jetzt an der Zeit ist, abends sicherheitshalber die Wäsche von der Leine zu nehmen. Häuser mit Balkonen wie Starenkästen werden gegenüber gebaut. Schon bald sollen auch diese bezugsfertig sein.

Ich habe lange nicht geschrieben und doch sehe ich an den Häusern, wie schnell die Zeit vergeht.
Mittlerweile sind die Balkone mit Blumenkästen geschmückt und fröhliche süddeutsche Wortfetzen klingen zu uns herüber. Die Soldatenfrauen genießen die Nachmittage in der Sonne und am frühen Abend gesellen sich ihre Männer zu ihnen. Die Kinder erkunden die Gegend und respektlos vor fremdem Besitz, überfielen sie neulich Omas Garten. Die Schaukel, die Obstbäume, der Rasen, nichts war vor ihnen sicher. Ein Maschendrahtzaun soll jetzt Omas Grundstück abgrenzen was dann auch eine weitere Abgrenzung zu den neuen Leuten bedeutet.

Mehr und mehr verändert sich in unserer Gegend. In den alten Häusern werden die Dachböden zu Wohnungen ausgebaut. So große Wäschetrocken­räume sind nicht mehr erforderlich. Auch in dem Haus gegenüber gibt es eine neue Dachgeschosswohnung. Dachgauben sollen Licht in die Zimmer bringen und eine neue Familie soll dort einziehen. Ich habe sie neulich zum ersten Mal gesehen und finde, dass es eigenartige, dunkle Menschen sind. Der Mann läuft immer in einem groben Anzug und mit Hut durch die Gegend, und seine Frau sieht man selbst beim Einkaufen nur mit Schürze. Sie sind aus Schlesien und sprechen ganz anders als wir. Die Tochter heißt Ilona, ist dunkelhaarig, feist und drall, fast sogar fett aber trotzdem irgendwie hübsch. Mama macht auf Liebkind mit dieser neuen Nachbarin, und Ilona bekommt meine Kleider, aus denen ich herausgewachsen bin. Sogar meine alten Haarschleifen trägt sie noch. Ständig wieselt Ilona um meinen Bruder herum, aber den bekommt sie nur über meine Leiche. Zu den Essenszeiten brüllt ihre Mutter aus dem Dachfenster ?Püppi?. Keine andere Frau hier in der Gegend ruft das. Auch bei meinem kleinen Bruder scheint es bezüglich Ilona gefunkt zu haben, denn er rennt ihr ständig hinterher und macht ihr blöde Geschenke. Neulich hat er sie in die Garageneinfahrt gelockt und die Tür verschlossen, nur weil er sie küssen wollte. Wir spielten gerade auf dem Bürgersteig, als wir sie schreien hörten.
Als kurz nach diesem Vorfall in unserer Straße Platanen gepflanzt wurden und die Sandhaufen noch nicht weggeräumt waren, nahm ich eines Nachmittags zwei große Hände voll Sand und warf sie dieser Ilona in die Augen. Sie schrie noch lauter, als bei der Kussattacke mit meinem Bruder. Ruckzuck stand ihre Mutter da, um ihre Püppi vor mir zu retten. Auch meine Mutter war von dem Getöse alarmiert und ich durfte nach einer eindring­lichen Standpauke und Sätzen wie ?sie hätte blind werden können? mal wieder in den Keller. Mein Trotz war stärker als die blöde Strafe und ich dachte mir, dass sie eigentlich ganz schön Glück gehabt hat, dass ich nicht auch noch getreten und gebissen habe. Einer die aus Schlesien kommt, wird dieses bisschen Sand doch wohl nichts ausmachen.

Durch das geöffnete Kellerfenster kann ich inzwischen die Nachbarsfrauen an ihren Beinen erkennen. Die Frau des Pferdeschlachters stand mit noch einer Frau vor dem Vorgarten und tratschte. Sie lachten über die Püppi-Geschichte und sagten über meinen Bruder, dass er der Kronprinz in unserer Familie wäre und immer alles darf. Kürzlich hätte er eine von ihnen mit seinem Fahrrad auf dem Bürgersteig angefahren und der ganze Inhalt des Einkaufskorbes wäre auf die Straße gekippt. Eine Salatgurke war nicht mehr zu retten, total vermatscht. Mein Bruder hätte sich noch nicht einmal entschuldigt, aber es würde gar keinen Sinn machen, sich zu beschweren. Ich rief laut und klopfte an die Fensterscheibe. Endlich hörten sie mich und kamen über die kleine Mauer, über den Rasen auf das Fenster zu. ?Komm doch raus, bei diesem schönen Wetter musst Du doch nicht im Keller sitzen? sagte die Frau vom Pferdeschlachter. Aber das war leichter gesagt als getan. Sie konnte es gar nicht fassen, mich hier eingesperrt zu sehen. Entsetzt passte sie Papa ab, zu Mama war sie gar nicht erst gegangen. Papa wollte von all dem nichts wissen und brüllte mit Mama herum, was denn bloß los wäre. Nie zuvor will er bemerkt haben, dass ich im Keller eingesperrt werde. Er öffnete die Tür und zum ersten Mal kam nicht die Frage ob ich denn wisse, weshalb ich eingesperrt worden war. Kurz darauf hörte ich ihn im Auto wegfahren. Er fuhr zum Schützenverein und kam erst am frühen Morgen zurück. Nach diesem Vorfall spricht Mama jetzt nicht mehr mit mir.

Meine kleine Schwester war mit Annegret auf dem Spielplatz und mein Bruder gab im Garten ein Fest. Niemand wollte so recht mit ihm feiern, obwohl er das alte aufziehbare Grammofon und die Schellackplatten in den Garten geschleppt hatte. ?Es hängt ein Pferdehalfter an der Wand? und ?Wenn die kleine Kuckucksuhr halb zwölf schlägt? tönte es durch unsere Wohngegend. Wer interessiert sich heute denn noch für diese alten Schinken? Wütend schlug er mit dem Hammer alles kaputt. Aus Papas Schublade hatte er eine Zigarre stibitzt, um sie mit den anderen Kindern gemeinsam zu rauchen. Daraus wurde aber nichts und so rauchte er sie trotzig allein. Nach nur wenigen Zügen hing er kotzend über der Mülltonne. Keines der Kinder half ihm und Mama machte sich Sorgen um ihr plötzlich so blasses Söhnchen. Ich denke, es geschah ihm recht.

Zur Frühstückszeit war Papa gerade erst Schlafen gegangen. Mit spitzem Mund stellte mir Mama das Marmeladenbrot hin. Ich sollte es genießen, denn wer weiß, wann ich wieder etwas zu Essen bekommen würde. Sie sagte, dass sie mit dem Heim für schlimme Mädchen wie mich telefoniert hat, weil hier kein Platz mehr für mich ist. Sie redete von Himmelstür bei Hildesheim aber ich denke, schlimmer als zu Hause kann es dort bestimmt auch nicht sein. Schon nach der Schule sollte ich abgeholt werden.
Nach der Schule habe ich Papa gefragt, wann ich abgeholt werde. Er war entsetzt und sprach mit Annegret und danach war er noch entsetzter.
Zuckersüß und freundlich ist Mama heute Nachmittag zu mir gekommen aber ich fühle mich in ihrer Nähe ziemlich unwohl. Ich weiß nicht, ob ich ihr am liebsten Sand in die Augen schmeißen würde oder sie lieber beißen soll. So gerne hätte ich eine Mama zum Liebhaben.
Ab Ostern soll ich aufs Gymnasium. Mama ist dagegen, Papa und meine Lehrerin sind dafür. Ich bin die einzige aus meiner Klasse, aber vorher sollen mir noch die Mandeln herausoperiert werden, weil ich ständig erkältet bin und Probleme mit meinem Hals habe. In einer kleinen Privatklinik haben wir kurzfristig einen Termin bekommen und ehe ich mich versah, lag ich dort in Vollnarkose. Auch Papa und mein kleiner Bruder waren im Herbst dort und sind jetzt mandellos. Ich hatte schreckliche Angst, meine Stimme zu verlieren oder die Narkose nicht zu überleben. Außer, dass ich nach dem Aufwachen alles furchtbar vollgekotzt habe und die Lernschwester die ganze Schweinerei aufwischen musste, war nichts weiter passiert. Papa belohnte ihre Arbeit mit Pralinen, aber trotzdem hat sie mich bis zu meiner Entlassung giftig angesehen.

In der neuen Schule fühle ich mich schrecklich einsam. Niemand aus meiner alten Klasse ist da, die Kinder und auch die Lehrer sind alle neu. Obwohl ich sehr aufgeregt war und ein flaues Gefühl in der Magengegend hatte, musste ich den Schulweg am ersten Tag ganz alleine gehen, weil ich mich in der Gegend auskenne. Bei den anderen Kindern kamen die Mütter oder die Väter mit. Ich fühlte mich so schrecklich einsam und verloren. Der Direktor und auch die Studienräte mögen mich bestimmt auch nicht.

Mit Mama kann ich über die Schule nicht sprechen. Für sie ist es dummes Zeug, das ich ohnehin in meinem ganzen Leben nicht brauchen werde. Papa erwartet dagegen viel zu viel. Ich lerne jetzt Englisch, Mathematik und Geografie. Anstatt Turnen haben wir Sport und Handarbeit heißt jetzt Textiles Gestalten. Mamas Mund wurde immer spitzer. Sie kennt ihre Heimat und braucht keine Erdkunde, geschweige denn Geografie. Außerdem findet sie es ausreichend, dass sie abgerissene Knöpfe annähen kann und mit ihren Fingerspitzen bei gestreckten Beinen kein Problem hat, den Boden zu berühren. Sie fragt ?Gymnasium, für was soll so etwas gut sein, und was sollen Mädchen da?? Bei ihrem Sohn würde sie kein Theater machen, aber das ist auch etwas ganz anderes.
Stück für Stück quäle ich mich durch den Englischunterricht. Noch viel schwieriger ist jedoch Mathematik. Wir haben Algebra und Geometrie, schrecklich! Bruchrechnen und Wurzelziehen, das kann ich ja irgendwie noch verstehen. Mit dem Rechenschieber beginnen aber für mich die richtigen Probleme. Papa versucht jetzt an unzähligen Nachmittagen, sein Mathetalent in mich hineinzupauken. Es ist aber ziemlich erfolglos. ?Du bist zu dumm, ein Loch in den Schnee zu pissen? schimpfte er und hofft auf den Beistand meines Lehrers.
Ganz neu ist jetzt auch Französisch auf meinem Stundenplan. Unsere junge Lehrerin lispelt leicht und das bringt echt Spaß in den Unterricht. In den Pausen scharwenzelt sie um den Mathelehrer herum und turtelt albern und aufgesetzt mit den Mädchen aus der Oberstufe um die Wette. Obwohl sie weiß, dass er verheiratet ist und gerade erst Vater eines Sohnes geworden ist, schmeißt sie sich an ihn heran was das Zeug hält.

Weil wir eine reine Mädchenschule sind, haben wir unsere Lehrer schon fast zu Halbgöttern erklärt. Die meisten weiblichen Lehrkräfte sind im gesetzten Alter, verheiratet und von noch gesetzterem Körperbau. Auch unsere Direktorin reiht sich wunderbar in die Schar des matronenhaften Lehrkörpers ein. Morgens beginnt der Unterricht mit einer gemeinsamen Andacht. Schulunterricht in langen Hosen ist strengstens verboten, und selbst bei eisiger Kälte dürfen wir diese auf dem Schulweg nur unter dem Rock tragen. Vor Unterrichtsbeginn müssen wir sie dann im Umkleideraum ausziehen und in einem Spind verwahren.
Die Lehrerin für Nadelarbeit ist unsere Oberzicke. Blond gesträhnt meckert sie jedes Mal durch unsere Klasse. Sie ist eigentlich nur Hausfrau und macht ihre Zickerei an unserer Schule nebenberuflich. Vielleicht ist sie ja so, weil sie es nicht verwinden kann, dass sie niemals studiert hat. Wir müssen Leinentücher zerschneiden, um dann mit unseren Stopfkünsten ihren Ansprüchen zu genügen. Annegret kann richtig toll stopfen und hilft mir durch die schweren Stunden. Auch beim Stricken mache ich mir fast Knoten in die Finger. Ich sehe ich nicht ein, wozu solche Abscheulichkeiten, wie zum Beispiel Hüttenschuhe, eigentlich gut sein sollen, aber sie stehen auf dem Lehrplan und ich muss, ob ich will oder nicht, die Nadeln schwingen. Um die Ferse mogelte mich Annegret und als es auf die Spitze zuging, strickte ich weiter und weiter. Mein Fuß wurde ellenlang, ich habe dieses Abnehmen nicht kapiert und konnte die Spitze nicht in die entsprechende Form bringen. Genervt haute mir die Knüddeltante die Stricknadeln auf den Kopf woraufhin ich genau so genervt das Klassenzimmer verließ. Ich lief direkt dem Konrektor in die Arme, der meine Tränen trocknete und mich seelisch wieder aufbaute. Dann schickte er mich nach Hause. Empört erzählte ich Papa von den dämlichen Hüttenschuhen und den Stricknadeln auf meinem Kopf. Er war außer sich und rief sofort die Direktorin an, um mit ihr einen Termin zu machen. Sie versuchte ihm vergeblich klar zu machen, dass Kochen, Textiles Gestalten und die tänzerische Bewegungs­lehre zu den Grundelementen dieser elitären Mädchenschule gehören. Papa versuchte daraufhin, ihr deutlich klar zu machen, dass er seine Tochter auf diese elitäre Mädchenschule schickt, damit sie später niemals Hüttenschuhe stricken muss, und dass er meinen Lebensinhalt auch nicht im Stopfen sieht. Die Direktorin und Papa einigten sich dahingehend, dass beiden Seiten das Recht zugestanden werden muss, ihren Standpunkt zu vertreten. Außerdem wurde ich vom Textilen Gestalten befreit und stattdessen im Schulchor aufgenommen, weil ich den Musikunterricht in jeder Hinsicht toll meistern würde. Na ja, Musik ist ja auch eines der wenigen Fächer, das mir richtig Spaß macht.

Nach dem Hickhack in der Schule tauchte eines Nachmittags unsere Nachbarin bei Mama auf. Mama hatte ihr geklagt, dass ich erschreckend schnell weibliche Züge angenommen hätte und die wollte sie unbedingt versteckt wissen. Aus ihrem Einkaufskörbchen holte die Tante die ausgetragenen Büstenhalter ihrer Tochter und die sollten meine weiblichen Rundungen jetzt tarnen. Gelb, rosa und hellblau, die Gummis teilweise ausgeleiert und vorne unmöglich zugespitzt. Sie sitzen auch mit gutem Willen vorne und hinten nicht, auch nicht, wenn ich sie mit etwas Watte auspolstern würde. Ich zweifele, ob sich wirklich mein Körper oder nur die Mode verändert hat. Papa war sauer und zog sich zum Fernsehen zurück und damit war dann auch wieder mal klar, dass eine Krise mit Mama vorprogrammiert war.

Die Anproben dieser monsterhaften Abscheulichkeiten unterbrachen meine Schularbeiten. Ich sollte einen Aufsatz darüber schreiben, was in der Welt Besonderes geschehen war. Ich fand mein Thema auf der Titelseite der Tageszeitung. Der König der Belgier, ein Baudouin, hatte eine Donna Fabiola geheiratet und das interessierte mich. Sorgfältig bereitete ich mich vor und Mama und die Nachbarin waren immer noch mit den ausgeleierten Büstenhaltern beschäftigt. Am Abend rastete Papa aus. Obwohl er die Tür geschlossen hatte, drang seine Stimme klar und deutlich bis auf den Flur. ?Seit Wochen gehst Du jeden zweiten Tag um die Ecke, um Dich beim Frisör kämmen zu lassen, alle vierzehn Tage kommt neuerdings diese aufgedonnerte Kosmetikerin und schmiert Dir alles mögliche ins Gesicht und dann kommt noch alle drei Wochen eine Frau, um Dir die Fingernägel und die Füße zu salben. Mit Hingabe betreibst Du Deinen Joghurt-Kult und rennst Dir die Füße wund zu Heddi, die Dir die unmöglichsten Kleider näht. Wenn sie wenigstens noch gut aussehen würden. Ich kann nicht verstehen, weshalb Du nicht in die Stadt fährst und Dir was Vernünftiges kaufst, und jetzt machst Du für Elsa auch noch eine Altkleidersammelstelle auf. Dein Haushaltsgeld ist so reichlich, dass Du so etwas wirklich nicht nötig hast.? Er erwartete, dass sie diese Lumpen in den Müll schmeißt und sie am nächsten Montag mit mir vernünftige Wäsche kaufen sollte. Es hat aber nicht geklappt. Annegret hatte frei, der Fensterputzer hatte sich angesagt und Mama musste zum Kämmen.
Ich freute mich darauf, meine Geschichte in der Schule vorzeigen zu können. Ich sprach ?Baudouin? wirklich so aus, wie man es schreibt und die Deutschlehrerin streichelte mir über den Kopf und sagte ?ach Kind?, wo kommst Du bloß her.?

Wieder einmal habe ich etwas falsch gemacht und schäme mich dafür. Es war an dem einzigen Tag, an dem um zwölf Uhr Unterrichtsschluss ist. Papas Auto stand schon vor dem Schulgebäude und er erwartete mich. In mir wechselte ein Gefühl von Freude und Angst, denn nie zuvor hatte er mich abgeholt. War Mama vielleicht krank oder hatte ich ein neues Geschwisterchen bekommen? Wir hatten doch gar kein Salz oder Zucker in die Fensterbank gestreut. Nichts von alledem: Er fuhr mit mir in die Stadt. Gott sei Dank hatte ich an diesem Tag meinen neuen Schottenrock und das gelbe Twinset an. Dort angekommen, hielt er vor einem Wäschegeschäft. Papa war in dem kleinen Lädchen bekannt, denn zu Geburtstagen und anderen Festlichkeiten kaufte er hier für Mama seine Geschenke. Er übergab mich der Verkäuferin mit der Auflage, mich mit neuer Unterwäsche auszustaffieren. Bei all den schönen Dingen gingen mir die Augen über: Büstenhalter, Slips, Unterröcke, Träume aus Tüll und Spitzen, wie ich sie mir schöner nicht vorstellen konnte. Mir fiel die Entscheidung wirklich schwer, aber ich musste mich beeilen, denn in einer halben Stunde wollte Papa zurück sein. Die Verkäuferin war eine liebenswerte und einfühlsame Frau, die niemals auf die Idee gekommen wäre, die Kunstwerke mit Watte auszupolstern. Pünktlich kam Papa zurück, bezahlte die Rechnung und stolz trug ich die kleine Papiertasche zum Auto.

Zum Mittagessen hatten wir uns verspätet. Verärgert rührte Mama in der Suppe. Papa packte das Tütchen aus und schnippelte mit einer kleinen Nagelschere vorsichtig alle Etiketten ab. Mama nahm sich noch nicht einmal Zeit, sich die Sachen anzuschauen und füllte mit kalter Mine heiße Suppe auf unsere Teller. Papa war in Kämpferlaune: ?Wassersuppe mit Erbsen und vielen kleinen Grießklößen dafür aber mit wenig Geschmack. Was hast Du dir bloß dabei gedacht.? Mama fand die Suppe gesund und Papa bellte zurück ?vielleicht für das Haushaltsgeld aber nicht für uns, wenn weiterhin so ein Gewässere auf den Tisch kommt, wird mir nichts anderes übrig bleiben, als mit den Kindern in den Wienerwald zu gehen.? Dicke Luft und eine Stimmung zum Schneiden. Als Papa dann noch Mamas Kleiderschrank inspizierte und darauf bestand, dass auch die Pullover und Röcke seiner Schwester verschwinden, war das Maß voll. Mama bekam ihre Migräne und wir liefen auf Zehenspitzen durch die Wohnung. Dieses Mal hatte sie sogar vergessen, mit dem Schirm in der Hand zu drohen, um uns so wieder mal mitzuteilen, dass sie in die weite Welt geht.
Künftig will Papa die Einkleidung seiner Töchter übernehmen, Mama soll sich um den Sohnemann kümmern. Es gehört für uns nicht zum guten Ton, bei Klamotten-Anton einzukaufen. Ich bin mir also sicher, dass meiner kleinen Schwester und mir diesbezüglich rosige Zeiten bevorstehen.
Am nächsten Morgen war Annegret um sieben Uhr wieder zur Stelle. Gut gelaunt bewunderte sie meine neue Unterwäsche und brachte Mama das Frühstück ans Bett, bevor sie mich und meinen kleinen Bruder auf den Schulweg schickte und dann meine kleine Schwester in den Kindergarten begleitete. Selbst ein Waschtag kann sie nicht aus der Ruhe bringen. An solchen Tagen nimmt Papa ihr aber gerne das Einkaufen ab. Meistens gibt es dann Schnitzel, was mitten in der Woche durchaus schon etwas Besonderes ist. Für Mama macht Annegret an ihren Migränetagen immer ein Hafer­schleimsüppchen.

Die Schule macht wieder einmal Stress. Ich finde, dass es eine ganz große Frechheit ist, dass man mir unterstellt, in die Schulbank geschnitzt zu haben. Ich war es ganz bestimmt nicht und die Klassenlehrerin behauptet, dass ich es mit dem Zirkel gemacht hätte, denn die Spuren wären unübersehbar und noch ganz frisch. Es ist ungerecht und ich wehrte mich natürlich. Papa musste kommen, um den Schultisch in Augenschein zu nehmen. Sein Fazit gab mir Rückendeckung, denn er kam zu dem Resümee, dass bei diesem alten Ding schon jede Menge vorher eingeritzt wurde und dass man hier nicht aus einer Mücke einen Elefanten machen soll. Das neue Herzchen mit dem Jungennamen traute er mir nicht zu, er meint, dazu wäre ich noch zu klein. Er verweigert die Bezahlung eines neuen Schultisches und auch zu einer Spende in die Schulkasse wollte er sich nicht erpressen lassen. Ich glaube, die Schule würde mir gerne kündigen.

In meiner Klasse sitzen neben mir die Töchter von Ärzten, Rechtsanwälten, Akademikern und Selbstständigen. Die Mütter der anderen Mädchen rennen ständig zu den Lehrern, nur meine Mutter nimmt sich für so etwas keine Zeit. Selbst zu den Elternabenden geht mein Vater allein. Er ist dann fast immer der einzige Mann unter all den Frauen und die empfinden das in einer Mädchenschule schon fast als ungehörig. Mama ist an nichts interessiert und wenn Papa nicht wäre, könnte ich auch genau so gut ein Waisenkind sein.
Zu den Bundesjugendspielen führten wir einen Volkstanz auf. Wir sollten einheitlich in einem kornblumenblauen Röckchen mit einem weißen Oberteil auftreten. Der Schnitt des Rockes war vorgegeben und der Stoff wurde von der Schule gekauft. Nähen sollten ihn dann die Mütter. Gott sei Dank konnte ich auch hier auf Annegret bauen, denn Mama hätte sicher wieder ihren spitzen Mund gemacht. Der Rock wurde genauso, wie der von den anderen Mädchen und ich habe so getan, als ob Mama ihn genäht hat. Unser Auftritt bekam viel Beifall und ich habe in diesem Jahr sogar auch noch eine Urkunde bekommen.

Mit meinen schulischen Leistungen bin ich ganz zufrieden und jetzt darf ich auch noch im Schulchor mitsingen. Ein adliges Fräulein, elegant in Schwarz gekleidet und mit einer langen Perlenkette, unterrichtet hier die Besten aus allen Klassen. Ihre Anforderungen sind streng. Ohne Text und Noten, ohne Klavierbegleitung, nur nach ihren Handzeichen ?do, re, mi, fa, so, la, ti, do?. Für jede Note hat sie eine andere Handbewegung, und bei dem kleinsten Patzer fangen wir wieder noch einmal von vorne an. Am Ende der Stunde stimmt die Melodie und wir sind stolz auf uns. Das Fräulein hat eine Unterrichtsmethode, die uns sehr viel Spaß macht. Aus einfachen Handbewegungen wird eine Melodie. Das adlige Fräulein kann herrlich lachen und noch schöner singen. Wenn alles gut klappt, spielt sie auf dem Klavier verrückte Sachen wie ?I scream, you scream, we all scream for icecream.? Übermütig klimpert sie die Melodie und wird dabei jedes Mal von unseren Stimmen übertönt. Sie muss in jungen Jahren wunderschön gewesen sein, aber der Zahn der Zeit hat bei ihr als Mittdreißigerin schon nicht zu übersehende Spuren hinterlassen. Mit der gleichen Freude sind wir ernst und konzentriert, um jetzt für den Weihnachtsgottesdienst in der Kirche zu üben. Unser Chor sitzt auf der Empore gleich neben der Orgel. Ich habe es geschafft, zusammen mit zwei anderen Mädchen das Solo singen zu dürfen. Es ist eine wunderschöne Melodie. Unser adliges Fräulein dirigiert und zählt für uns den Takt. Weihnachten war die Kirche bis auf den letzten Platz besetzt. Der Chor atmete sich ein und war kurze Zeit danach einsatzbereit. Mit dem letzten Ton unseres Solos setzte er ein. Die Melodie hatte mich so gefangen genommen, dass ich nicht aufhören konnte zu singen und so hing ich sechs Töne hinterher. Irritiert verpatzte der Chor seinen Einsatz wobei ein Schmunzeln des Fräuleins nicht zu übersehen war. Unsere Direktorin war wirklich sauer, ja natürlich, ich war wieder einmal dieses unmögliche Kind, das immer negativ auffällt.
Jeden Tag eine Stunde. Die Stunde meines Mittagsschlafes, so hatte ich es Elsa versprochen. Zur Hilfe kamen mir das große, rote Fotoalbum und meine Erinnerungen. So viele Jahre sind vergangen und es kommt mir vor, als ob es erst gestern war. Erst jetzt beginnen Elsas Tagesbücher, vom Regen aufgeweicht und die Tintenschrift dadurch seitenweise verwischt.
Die Zeit vor ihren Aufzeichnungen ist in meinen Gedanken, ich war ihr immer nahe. So nah, dass ich heute noch das Gefühl habe, sie manchmal neben mir zu spüren. Außerhalb der versprochenen Stunde ändere und ergänze ich und erinnere mich, dass da noch viel mehr gewesen ist war.
Irgendwann, ich glaube, es wird nicht mehr lange dauern, wird Elsa wieder neben mir sitzen und sich neugierig durch die Jahre lesen. Ich fürchte, dass mir ihre Kritik an meinen Niederschriften nicht erspart bleibt.
Ich bin allein und wartete auf sie. In der Mittagszeit klappt die Gartentür und Elsa kommt herein. Es geht ihr gut, sie ist ausgeruht und strahlt. Sie fragt mich, ob sie lesen darf und ich vielleicht in der Zeit einen Kaffee mache.
Ich lasse mir Zeit für den Kaffee und ihr Zeit zum Lesen. ?Du kannst Dich an alles immer noch so gut erinnern, vieles davon habe ich schon vergessen. War ich wirklich so schlimm?? ?Nein Elsa, Du warst nicht schlimmer als andere, es wurde nur schlimmer gesehen.?
Ihre Ängste, wie Mama damit fertig werden würde, wenn sie diese Eintragungen sieht, kann ich ihr nehmen, denn Mama ist inzwischen alt geworden und würde sie wohl kaum noch in den Keller zerren. Elsa hat immer noch Angst, nicht brav gewesen zu sein. Auch jetzt ist sie eigentlich nie brav, sie ist nur darum bemüht, dass es so aussieht. Wenn sie als Junge das Licht der Welt erblickt hätte, dann sähe es vielleicht anders aus aber Elsa fühlte sich als Mädchen immer pudelwohl.
Ein großer Klumpen wasserdurchweichtes unleserliches Papier, vergebliche Versuche, die Seiten zu trennen und unmöglich, die zerflossene Tintenschrift zu entziffern. Nur die Erinnerung kann mir helfen. Elsa ist keine Hilfe, sie verlässt sich auf mich.

Kurz vor meiner Konfirmation rettete mich ein Blinddarmdurchbruch vor dem Kirchenausflugswochenende. Für Gemeinschaftsunterkünfte hatte ich noch nie etwas übrig und deshalb freute ich mich, dass der Pastor und die Mitkonfirmanden mir über meinen Krankenhausaufenthalt ihr Bedauern ausdrückten und mir liebe Genesungswünsche schickten. Ich war aus dem Turnunterricht nach Hause geschickt worden, weil ich mich vor Schmerzen kaum aufrecht halten konnte. Zu Hause hat Mama meine Übelkeit als dummes Gezicke abgetan, sie sagte, das Frauen das nun mal haben, und ich mich damit abfinden müsste. Wenn ich erst verheiratet wäre und ein Kind hätte, würde mir das Unwohlsein schon vergehen und ich hätte dann an andere Dinge zu denken. Gekränkt und von Schmerzen gequält, habe ich unsere Hausärztin aufgesucht und die hat mich gleich ins Krankenhaus geschickt. Ich hatte noch nicht einmal die Möglichkeit, mich zu Hause abzumelden. Die Hausärztin rief dann an, um das Nötigste für mich zu regeln. Mama war genervt, weil mein Bruder jeden Moment aus der Schule kommen musste, Annegret unterwegs zum Kindergarten war und Papa Skiurlaub in Österreich machte. Aber vor einem drohenden Blinddarm­durchbruch hatte selbst Mama Respekt und so fuhr sie dann doch zu mir ins Krankenhaus. Mein kleiner Bruder musste warten und Annegret war über nichts informiert. Ich wurde sofort operiert. Anstatt zurückzukommen, schickte Papa mir Blumen ins Krankenhaus. Mama kam jeden Tag mit einem frischen Nachthemd und peppte ihre Haare provisorisch mit Trockenshampoo auf.
Zur Konfirmation war ich wieder genesen. Ich durfte zum ersten Mal Schuhe mit hohen Absätzen tragen und fühlte mich erwachsen und schön. Ich glaube, ich habe nie wieder Lust, in Schuhe mit flachen Sohlen zu schlüpfen.

Die Schule ist wieder einmal ein Albtraum. Ich habe meinen Namen verloren, und werde gehänselt und von allen nur noch ?Ach Kind? genannt. Nach einem tränenreichen Sommer habe ich jetzt meine schulische Laufbahn am Mädchen-Gymnasium in der Hauptstadt endgültig beendet. Ich fühle mich einsam wie nie. Die Schüler und Lehrer der neuen Schule machten mir den Einstieg aber leichter als ich dachte. Ich glaube, dass ich bei allen ganz beliebt bin. Besonders der Englischlehrer hat es mir angetan. Um ihn herum rankt sich ein großes Geheimnis, denn vor nicht allzu langer Zeit hat er eine Schülerin geheiratet, eine Rothaarige, mit der er jetzt einen Sohn hat. Die Frau stellten sich alle als Vamp und ziemlich abgefahren vor. Jetzt hat sich aber herausgestellt, dass sie eine ganz Liebe ist und sie mit ihrem Casanova ihre tägliche Not hat. Jede Englischarbeit von mir unterschreibt er mit einer großen Eins. Neulich hat er mich tatsächlich als Gasthörerin zu seinen Vorlesungen an der Uni eingeladen. Ich ging also hin und muss zugeben, dass ich kein einziges Wort verstand. Außerdem ist mir unerklärlich, was ich an diesem alten, verheirateten Kerl finde konnte. Später hat er noch Wirtschaftsgeographie unterrichtet und nicht bemerkt, dass ich ihm als Abschlussarbeit eine Ausarbeitung über Kaffeeanbau unterschob, die er mir bereits im Vorjahr mit einer Zwei benotet hatte. Schleimscheißerisch hat er die gleiche Arbeit jetzt mit einer Eins bewertet. Wenige Tage vor Abgabe dieser Arbeit hat er mich vor allen im Unterricht gefragt, ob meine Wimpern wirklich echt sind und welches Parfüm ich benutze.
Vor meinem Schulabschluss habe ich mir die Tanzschule erbettelt. Mama und Papa waren strikt dagegen, weil sie der Auffassung sind, dass Tanzen für mich noch nichts ist und damit nur einem Lotterleben Vorschub geleistet wird. Dazu auch noch mitten in der Woche, wenn normale Menschen arbeiten, und mit Milchbubis mit feuchten Händen, die noch Eierschalen hinter den Ohren haben und die über ihre eigenen Füße stolpern, brauchte ich mich nicht abzugeben. Irgendwie hat es aber jetzt doch mit der Tanzstunde geklappt. Der milchigste aller Bubis hat sich von Anfang an auf mich gestürzt und traut sich bei seinem pubertierenden Gehabe weder die Augen zu heben, noch den Mund aufzumachen.

Der Mittelball steht jetzt bevor und meine lieben Eltern haben wieder einmal etwas anderes vor. Mama hat gerade die Zeit gefunden, mit mir in die Stadt zu fahren, um das Kleid auszusuchen. Sie hat mich zu einem Frack aus schwarzem Samt bis knapp über den Brustansatz verdonnert, von hier aus lässt durchsichtiger Seidentüll bis zum Hals mein Dekolletee erahnen. Mit einem hohen Gehschlitz und hauteng, ist es für eine Frau von dreißig sicher chic, aber ich hatte mir schon etwas anderes vorgestellt. Mittlerweile ist es mir auch gleich, dass ich allein zum Ball muss, denn das Kleid hat mir schon fast die ganze Freude versaut. Hätte ich mir ja auch gleich denken können, denn zu anderen Ereignissen kommen Mama und Papa ja auch nicht mit.

Mein Tanzstundenherr hat sich ganz schnell wieder verflüchtigt, denn ich habe ihm unmissverständlich zu verstehen gegeben, dass er mir gegenüber eine gewisse Distanz einzuhalten hat. Es gibt aber jemanden, der mich wirklich interessiert. Er ist größer und ein Jahr älter als die anderen und der Schwarm aller Mädchen. Ich weiß genau, dass ich die bin, die er will. Ihn irritiert mein Selbstbewusstsein, denn ohne angeben zu wollen, bin ich es gewohnt, angehimmelt zu werden. Vielleicht bin ich wirklich anders, als die anderen Mädchen. Er versucht jedenfalls krampfhaft bei mir Eindruck zu schinden. Auf dem Nachhauseweg trägt er meine Schultasche und hält mir sogar die Türen auf. Neulich nahm er in der großen Pause seinen ganzen Mut zusammen und hat mich nach dem Unterricht zum Eisessen eingeladen. Dass er eine ganze Schulstunde auf mich warten musste, habe ich mit keinem Wort gewürdigt. Auch am nächsten und an vielen anderen Tagen hat er nach Schulschluss auf mich gewartet, um mir das geliebte Bananen- und Nusseis beim Italiener spendieren zu dürfen. Ein Problem bekam ich, als er mich an einem Freitagabend ins Kino einlud. Wie sollte ein selbstbewusstes Mädchen wie ich ihm nur erklären, dass ich erst zu Hause fragen musste und wie sollte ich zu Hause erklären, dass ich jetzt mit einem ging. Papa hat zuerst gefragt, wie er heißt. Diese Frage konnte ich leicht beantworten: ?Bernd?, und dann fragte er weiter, wo er wohnt, was sein Vater macht und was für eine Geborene seine Mutter ist. Nach einer Woche Bedenkzeit durfte ich dann endlich am Samstagnachmittag mit Bernd in die Kindervorstellung. Wie sollte ich Bernd das erklären? Also sagte ich ihm einfach wie es war. Er lachte und konnte es nicht glauben und antwortete: ?Das kriegen wir schon hin?.
Als ich nach Hause kam, hatte Bernd schon angerufen und Mama um Erlaubnis gebeten, mit mir am Samstag in diesen tollen Film gehen zu dürfen. Sie hatte es unter der Voraussetzung erlaubt, dass er mich von zu Hause abholen musste, damit er sich vorstellen konnte. Es war ein bühnenreifer Auftritt. Blumen für die Frau Mama, er lobte den Kuchen und erbat sich vom Blümchenkaffee höflich eine zweite Tasse. Es nervte und ich kam mir vor, wie in einem drittklassigen Theater. Aber der Auftritt hat sich gelohnt, denn immerhin durften wir mit der Auflage los, dass er mich nach dem Kino bis vor die Haustür zurückbringt.
Am Sonntag kam aber doch das Donnerwetter. Was ich mir bloß denken würde, so ein arroganter Fatzke und mit dieser Weggeherei sollte ich hier im Haus gar nicht erst anfangen, ich soll bloß nicht vergessen, wo ich herkomme. Als Bernd einige Tage später bei Mama angerufen hat und um Erlaubnis bat, mit mir am Samstagnachmittag ins Heimatmuseum gehen zu dürfen und wir danach gerne noch beim Italiener eine Pizza essen würden, war Mama von dem Wort ?Heimatmuseum? so betört, und Papa wieder mal sagte ?macht doch was Ihr wollt!? Am darauffolgenden Sonntag hatte Mama Bernd zum Kaffee eingeladen. Anstatt Blumen brachte er ihr den Museumsführer mit, falls Mama vielleicht daran interessiert wäre, dass wir eventuell einmal zu dritt... ?
Ich habe es geschafft, der ganze Klumpen eingeweichtes, unleserliches und mittlerweile knochentrockenem Papier ist aufgearbeitet. Warum hat Elsa mich nur die ganze Zeit allein gelassen? Mit dem nächsten Wochenende beginnen endlich wieder leserliche Tagebuchaufzeichnungen. Der Klumpen kann in die Mülltonne und Elsas Lachen ist hinter mir. ?Du hast die vielen Opernhausbesuche vergessen. Seit ich Bernd kannte, war ich nicht einmal mehr dort gewesen, für mich war seine Mutter hingegangen und ich hatte auf der Rückfahrt das Programm studiert, um zu Hause den Inhalt erzählen zu können. Das ganze Abo hatte ich verschenkt und stattdessen Händchen gehalten.?

Das passte zu Elsa, hinterher rummeckern, sie lachte mich aus. Sie ist und bleibt ein Sonntagskind, es wird mir nicht gelingen, sie zu ändern. Ich drohe ihr ärgerlich mit dem Keller und dem Heim und während ich vor mich hinschimpfe, ist sie ganz einfach wieder verschwunden. Noch nicht einmal böse kann ich auf sie sein, denn ich habe ihr etwas versprochen, nicht sie mir. Jeden Tag die Stunde meines Mittagschlafes, meine vielen schlaflosen Nächte kann ich ihr nicht vorwerfen.
Bernd gehört an den Wochenenden zum Familienleben. Nicht immer darf ich weg aber Bernd liebt mich genug, um auch mal einen sonnabendlichen Fernsehabend über sich ergehen zu lassen.
Jetzt passierte, was passieren musste: Nur zusammen gehen war irgendwie nicht mehr genug. Der Tag danach war ganz schlimm. Ich fühlte mich fürchterlich und hätte am liebsten den ganzen Tag geweint. Ich finde es so entsetzlich, das will ich nie wieder, und nie will ich jemals heiraten, um dann so etwas vielleicht immer tun zu müssen.

Pünktlich auf den Tag genau ist meine Periode gekommen und ich konnte erleichtert im großen Kalender an der Innentür meines Kleiderschrankes die erwarteten fünf Kreuzchen machen. Doch dann passierte zwei Monate lang gar nichts. Obwohl ich zwei Monate keine fünf Kreuzchen machen konnte, war ich noch nicht einmal in Sorge. Papas Sprüche, dass Kinder ein Geschenk Gottes sind und Mamas Auslegung, dass nur diejenige ein Kind bekommt, die verheiratet ist, kenne ich inzwischen in- und auswendig. Ich habe keine Angst, vom Küssen schwanger zu werden. Mama kontrolliert schon lange meinen Schrankkalender und meine Wäsche, aber sie spricht darüber kein Wort mit mir. Dafür jault sie Papa die Ohren voll. Ich habe das Gefühl, dass sie mich beide schwanger reden wollen. Jetzt hat Papa mich ins Gebet genommen. Mitten in der Woche bot er mir ein Likörchen an aber ich lehnte zu seiner Überraschung mit der Ausrede ab, weil ich am nächsten Tag wieder früh in die Schule musste. Ich wollte nicht. Süffisant fragte er mich aus und ich erzählte ihm, wie schlimm und furchtbar das erste Mal für mich war und dass es wohl auch bei diesem ein Mal bleiben wird. Dabei hatte ich nicht gemerkt, dass der Kassettenrekorder lief und er alles aufgezeichnet hat, was ich von mir gab. Er glaubte mir kein Wort und warf mir vor, mannstoll zu sein, aber das will er mir austreiben. Seine Worte haben mich bis ins Tiefste verletzt. Ich bin doch kein Flittchen.
Meine Eltern haben geheiratet, als meine Mutter so alt war wie ich und zwei Monate später wurde ihr erstes Kind geboren. Das kann er doch nicht vergessen haben! Aber das traute ich mich natürlich nicht anzubringen. Während ich mich immer tiefer verletzt fühlte, kam Mama herein. Sie sagte nur ?nun?? Und er spielte ihr die Tonbandaufzeichnung vor. Sie kreischte und regte sich furchtbar auf, Papas Ohrfeige traf mich ins Gesicht und danach prasselten seine weiteren Schläge auf mir ein. Dabei habe ich mich ganz weit in mich hineinverzogen, der Schmerz ging an mir vorbei. Ich habe mich in dieser schlimmen Situation einfach fallen lassen, dachte an die Sonne, an den Sommer, hörte das Zwitschern der Vögel und empfand weder Schmerz noch Pein. An Bernd dachte ich nicht, der hatte nichts damit zu tun. Papa hörte nicht auf zu schlagen, aber er schlug mir nicht mehr ins Gesicht, das hätte andere Leute nachdenklich machen können. Mama hockte kreischend auf dem Boden und schrie: ?Schlag sie tot!? Irgendwann hatten sie genug und ließen mich liegen. Ich blutete nicht, ich kotzte nicht und geschrieen habe ich auch nicht. Für sie war also keine Gefahr im Verzug, ich sollte ihnen, verdammt noch mal, aus den Augen gehen.

Alles tut mir weh, es war grausam und trotzdem habe ich meinen Wecker abends auf Halb sechs gestellt. Es war ein Schultag wie jeder andere und ich wusste nicht wohin mit meinem Kummer. Zu Oma wollte ich auf keinen Fall, deshalb ging ich erst einmal zur Schule. Der Gehorsam steckt so tief in mir, dass ich, als ich schon im Mantel war und nicht gefrühstückt hatte, zu Mama ?guten Morgen, ich gehe jetzt zur Schule?, sagte. Sie hat dabei noch nicht einmal von ihrer Zeitung aufgeblickt.
Im Waschraum habe ich Marion die Spuren meiner abendlichen Schlacht gezeigt. Sie weinte meine Tränen und streichelte meine Seele. Blassgrün im Gesicht, hat man mich nach der zweiten Unterrichtsstunde beurlaubt. Nur Marion wusste, dass ich zu Bernds Mutter fahren wollte. Sie ist Hausfrau und um diese Zeit zu Hause.
?Schwanger zu werden ist keine Schande, auch wenn es für Dich eigentlich noch sehr früh ist, aber so ein Theater, das muss ja wirklich nicht sein?, versuchte sie mich zu trösten. Das Ungeborene wäre ja schließlich auch das Kind ihres Sohnes und eine Schwiegertochter wie mich, mit meinem Elternhaus, das konnte sie sich schon gut vorstellen. Sie umsorgte mich mit einer Herzenswärme, wie ich sie schon lange nicht erlebt habe. Trotzdem fuhr ich pünktlich wieder nach Hause. Wo sollte ich auch sonst hin? Der Weg kam mir so lang wie nie vor. Durch die Terrassentür betrat ich unsere Wohnung. Weder aufgewärmtes Essen noch ein einziges Wort meiner Eltern warteten auf mich und so ging ich gleich in mein Zimmer. Es ist nur eine Frage der Zeit, wann mir auch der Haustürschlüssel abgenommen wird. Ich stierte Löcher in die Luft, obwohl ich mich am liebsten bis über beide Ohren in meinem Bett verkrochen hätte, um mir meinen Kummer von der Seele zu weinen. Aber ich traute mich nicht, denn am helllichten Tag zu schlafen, das dürfen nur Asoziale und Tagediebe. Ich fühlte mich als gefallenes Mädchen und bemühte mich um Haltung. Am frühen Abend riss mich das Gebrüll meines Vaters aus meinen Gedanken. Er schrie über den Flur, dass ich mir in der Küche ein Brot machen könnte und dann klingelte das Telefon. Bernds Vater rief an. Das Unmögliche war jetzt Wahrheit geworden, ich hatte das Nest beschmutzt und das Schmutzwasser vor die Tür anderer Leute gekippt. Bernds Vater war aufgebracht und resolut. Ein derartiges Verhalten wäre ein Fall für das Jugendamt oder besser noch für die Staatsanwaltschaft. Sofort könnte ich zu ihnen kommen und wenn ihm zu Ohren käme, dass mir auch nur noch einmal ein Haar gekrümmt würde, wäre er sofort bereit, die nötigen Schritte einzuleiten. Papa wurde in seine Schranken verwiesen woraufhin er ihm ein Gespräch bei uns zu Hause anbot. Am Abend kam Mama in mein Zimmer: ?Du weißt gar nicht, was Du gemacht hast. Diese Leute werden wir niemals zum Schweigen bringen. Die warten nur auf ein Kind. Bevor Du Dir mit so einem blöden Gör Dein Leben versaust, gibt es auch noch andere Möglichkeiten.?
Am nächsten Morgen lag in der Diele mein Schulfrühstück und gegen alle Gewohnheiten eine Tafel meiner Lieblingsschokolade. Das hätten sie sich jetzt auch sparen können, denn der Appetit war mir gründlich vergangen. Ich machte mich ohne Frühstück auf den Schulweg.

Schmerzen, Kummer, kaum etwas gegessen und noch immer ist mein Ekel nicht gekommen. Ich fühle mich kein bisschen schwanger, woher auch - doch nicht nach zwei Monaten ohne irgend etwas. Am Freitagabend trafen Bernds Eltern pünktlich bei uns ein. Bernds Mutter hatte sich richtig in Schale geworfen und Mama trug ihr kleines Schwarzes. Die Männer unterstrichen die Wichtigkeit des Abends mit Anzug und Krawatte. Das Abendessen war nur für vier Personen vorbereitet. Ich wurde in mein Zimmer verbannt und Bernd sollte im Auto warten. Mein Bruder und meine Schwester haben sich freiwillig in ihre Zimmer verzogen. Mein Bruder krönte die Situation, indem er meckerte, dass er meinetwegen nun auch noch die Fortsetzung seiner Lieblingsserie verpasst. ?Hoffentlich bist Du hier bald verschwunden, damit ich endlich meine Ruhe habe? brüllte er mir über den Flur zu.
Unter meinem Zimmerfenster steht das gemauerte Mülltonnenhäuschen. Der Abend war mild und frühlingswarm. Bernd saß auf dem Mülltonnen­häuschen und ich saß im geöffneten Fenster. Miteinander zu reden, haben wir uns nicht getraut, aber unsere Blicke haben das ausgedrückt, was wir uns nicht zu sagen wagten. Dann tönte Papas barsche Stimme über den Flur, dass ich sofort das Rollo herunterziehen sollte. Damit war der Kontakt zur Außenwelt nun für mich verschlossen und Bernd ging mir plötzlich total auf die Nerven. Ich glaube, er sieht mich schon Babyhöschen strickend und verheiratet und ich bin doch noch nicht einmal schwanger.
Das ruhig verlaufende Gespräch zwischen unseren Eltern ging in größter Feindschaft auseinander. Zwei Elternpaare - und doch durch Welten getrennt. Die einen fürchten die Schwangerschaft und werden alles tun, um sie zu verhindern, die anderen freuen sich und würden alles tun, um jede Verhinderung auszuschließen. Bernds Vater erinnerte meine Eltern daran, dass es bei ihnen nicht anders gewesen war. In dem Alter ihrer Kinder wären sie immerhin schon verheiratet gewesen und hätten ein Kind gehabt. So viel Dreistigkeit von einem Flüchtling aus Königsberg, der sich den Lasten­ausgleich eingesteckt hatte und noch nicht einmal Bernds leiblicher Vater war, brachte Papa auf die Palme. Bernds Mutter ließ keinen Trumpf aus und erwähnte die Wäschefabriken irgendwo in der Ostzone, denn die dort hergestellten Nachthemden der Marke ?Liebestod? würden irgendwann schließlich einmal von Bernd verwaltet. Ewig konnte dieser Zustand ja nicht dauern. Papa konterte die Vorhaltungen damit, dass damals ja auch andere Zeiten waren. Die Zeit damals war so anders, dass Bernds leiblicher Vater als Pilot im Range eines Offiziers auf seinem letzten Flug abgeschossen wurde. Kriegsende, Trauer und Flucht bewirkten eine Schwangerschaftszeit von über vierundzwanzig Monaten.

Das Gespräch dauerte und meine Gedanken waren wirr und ungezügelt. Ich dachte an Bibelsprüche aus meinem Konfirmandenunterricht: ?Verflucht sei das Weib?, ?Das Weib sei dem Manne untertan?, ?Die Vertreibung aus dem Paradies?, ?Beischlaf ist eine Sünde und der Außereheliche ganz besonders?. Wie konnte ich nur glauben, dass sündigen Spaß macht, noch nicht einmal den Apfel durfte ich vorher essen, ich hatte nicht gelockt, es war einfach wie es war.

Mama vereinbarte mit mir einen Termin bei einem Gynäkologen und warnte mich vor der schlimmen Untersuchung. Sie erklärte mich als verlobt und ein Jahr älter.
Privatpatienten werden in das Wohnzimmer des jungen Arztes gebeten und Mama sollte dort vorerst Platz nehmen. Sorgfältig habe ich den Fragebogen ausgefüllt und dann warnte mich der Mediziner auch schon vor den kalten Instrumenten. Seine einfühlsame und nette Art ließen trotz der unangeneh­men Situation irgendwie ein Gefühl der Behaglichkeit in mir aufkommen. Er glaubte weder den Verlobten noch an eine Schwangerschaft. Vielmehr vermutete er eine Fehlfunktion meiner Schilddrüse und noch mehr eine übersteigerte Ängstlichkeitshaltung in bezug auf mein Eintragen der monatlich zu erwarteten fünf Kreuzchen. Kein Vorwurf, für ihn war ich kein liederliches Wesen. Mit einem ?Das kriegen wir schon hin? gab er mir eine Schachtel mit zwei Pillen. In fünf, spätestens zehn Tagen sollte dann die Blutung eintreten und bis dahin hätte er die Ergebnisse der Untersuchung, und dann wollten wir uns wieder treffen. Kurz und fast von oben herab,fertigte er Mama ab. ?Das Fräulein Tochter hat eine leichte Irritation im Hormonhaushalt, nichts Unübliches und in ihrem Alter leicht zu beheben.?
Mama war so irritiert, wie ich es eigentlich noch nie erlebt hatte. Zur Entspannung der Situation sollte ich mir im Schmuckgeschäft unter der Arztpraxis unbedingt eine neue Uhr aussuchen.

Nach drei Tagen kam mein Ekel, ganz normal und ohne Beschwerden. Ich habe es Mama gegenüber mit keinem Wort erwähnt. Am neunten Tag kam ihr unnachahmliches ?Na?? und auf meine Antwort ?schon lange vorbei? wird sie sicherlich meine Wäsche kontrolliert haben. Wie konnte das auch nur an ihr vorbeigehen? Sie unterstrich, wie froh und dankbar ich sein könnte, mir nicht mein Leben versaut zu haben. Aber was habe ich eigentlich Schlimmes gemacht?
Der Arzt verschrieb mir Tropfen und schickte mich zu weiteren Untersuchungen. Es wurde keine Fehlfunktion der Schilddrüse festgestellt. Vielleicht ist mein Problem seelisch bedingt? Nachdem mein Ekel jetzt ein weiteres Mal ausblieb, ersparte er sich weitere Untersuchungen und hat mir die Pille verschrieben.
Genau wie ihre Mutter, ist Elsa eine Schnüfflerin. Wenn ich am wenigsten mit ihr rechne, steht sie hinter mir und sagt ?Na, na? oder ?Junge, Junge?. Momentan mag ich sie wieder einmal nicht besonders. Die Wochen ihrer Scheinschwangerschaft durfte ich sie trösten und jetzt tut sie so, als ob nichts war und will sich am liebsten gar nicht mehr erinnern. Auf Bernd angesprochen sagt sie nur: ?der war sowieso blöde.? Aber dafür hat sie ihn ganz schön angehimmelt. Eingeschnappt verzieht sie sich und meint, dass sie mich nicht unnötig von der Arbeit aufhalten will, weil ich ihrer Meinung nach mit dem Schreiben ohnehin im Verzug bin.

In ihrem Tagebuch jammert sie, dass sie sich nicht mit Bernd treffen durfte und Mama bei der Taschenkontrolle die Pille gefunden und einkassiert hat. Drohend forderte sie das Schächtelchen zurück, weil sie sonst alles dem Arzt erzählen wollte. Mama lenkte ein, dass Bernd kein Verkehrter ist und wenn sie sich ordentlich benehmen würden, könnte sie Papa vielleicht beschwichtigen. Papa war das alles aber völlig egal, er machte sowieso nur das, was Mama wollte, und Mama wollte Elsa loswerden. Schon immer hatte sie nur ein Kind gewollt und jetzt, wo Elsa mit Bernd zusammen war, konnte das unter Umständen sogar auf angenehme Weise klappen.

Bernd hatte nur noch Heiraten im Kopf. Nur noch kurze Zeit, dann war seine Ausbildung als Steuerfachgehilfe beendet. In jedes seiner Geschenke an Elsa steckte er ein Zettelchen mit ?noch..... Tage?. Elsa wurde vor der angestrebten Wohnküchenidylle angst und bange und hätte sich am liebsten wieder von Bernd getrennt. In seinen blauen Anzügen sah er so langweilig aus, und dann sein stilvolles Gehabe, ewig brachte er ihr und Mama Blumen mit. Neuerdings stand Mama auf Ringelnatz und rezitierte ständig irgend welche blöden Gedichte. Bernd schlug natürlich gleich mit in die Kerbe und redete so einen Quatsch wie ?dass er sich für Elsa die Kniescheiben plissieren lassen würde?. Elsa wollte ihn aber weder plissiert noch sonst wie.

In den Sommermonaten war Heidezeit. Seit den frühen Kindertagen gab es das große Holzhaus am Ufer der Aller, umgeben von einer Tannenschonung und einem hohen Zaun. Ein unsagbarer Luxus, aber für Elsa und ihre Geschwister etwas Alltägliches. Irgendwann wurde es zum Zwang und keiner hatte mehr so richtig Lust, die Wochenenden dort zu verbringen. Die Interessen hatten sich mit der Zeit zu sehr verändert.

Nachdem Elsa und das kleine Schnubbchen an einem heißen Sommer­nachmittag ausdauernd Federball gespielt hatten, dösten sie in der Nachmittagssonne, neben sich das kleine Transistorradio. Es war Zeit für die Hitparade und da bog der alte schwarze Mercedes in die Einfahrt ein.

Uneingeladen und ohne, dass Elsa ihm eine Wegbeschreibung gegeben hatte, kam Bernd mit seinen Freunden Willi und Otto. Ihnen gehörte auch das schwarze Ungeheuer mit dem Stern. Mama und Papa hielten in der sommerlichen Hitze ihren Mittagsschlaf und es drohte ein Gewitter zu geben. Uneingeladen und unerwünscht standen sie nun da. Willi und Otto konnten bestimmt nichts dafür, sicherlich hatte Bernd sie angestiftet. Zu allem Überfluss trugen sie auch noch Anzug und Krawatte. Papa in seinen kurzen Hosen und uns, im heidemäßigen Outfit, ließ das kalt. Der Zuckerkuchen wurde in noch kleinere Stücke geschnitten und Elsas Überraschungsgäste kamen gar nicht auf die Idee, dass sie nicht willkommen sein konnten. Elsa wollte ihre Kindheitsidylle nicht mit Bernd und schon gar nicht mit seinen Freunden teilen. Außerdem war sie sauer, weil sie ihretwegen die Hitparade verpasst hatte. Sie wusste nicht, wohin mit ihnen und schlug einen Waldspaziergang vor. Die Zeit war zu früh für Pilze und zu spät für Heidelbeeren. Sie schleppte sie bis an den großen Erdölbohrturm aber Bernd war mies drauf und wollte zurück. Mit seinen Discoschuhen lahmte er auf dem feuchten Waldboden. Als sie zurückkamen, wurde Elsa von Mama ins Haus gerufen. Die drei Ungebetenen machten sich dreist am Kaffeetisch breit. Mama zerrte Elsa ins Badezimmer und wollte ihren Schlüpfer kontrollieren. Rot bis in die Haarspitzen und fassungslos gehorchte sie und präsentiert ihr Höschen. Was für Gedanken hatte Mama nur schon wieder? Wie konnte sie nur so etwas denken, ihre Fantasie war wieder einmal mit ihr durchgegangen. Elsa schämte sich entsetzlich für sie und kletterte danach aus dem Badezimmerfenster auf die Terrasse. Dann nahm sie all ihren Mut zusammen machte ihrem Herzen Luft: ?Ihr habt ja alle keine Ahnung, wie viel Ärger ich durch Euch bekommen habe, ich glaube, es ist für uns alle besser, wenn Ihr jetzt verschwindet!? Papa versuchte einzulenken und fand, dass man so nicht mit Besuch umgehen darf, aber das war Elsa in diesem Moment völlig egal. Am liebsten wollte sie keinen von ihnen noch einmal wiedersehen. Aber Bernd war wie eine Klette und rief am nächsten Tag schon wieder an. Wie sollte sie ihn nur loswerden?

Während ich schreibe, erlebe ich ein Wechselbad der Gefühle, mal von Angst getrieben und fast gleichzeitig wie gelähmt und depressiv.

Das Maß an Dreistigkeit war voll, als wenige Tage später wieder der alte schwarze Mercedes auf den Hof fährt. Bernd, Willi und Otto wollten Elsa besuchen. Zu dem doofen blauen Anzug hatte Bernd sich noch einen weißen Schal um den Hals geschwungen, sicherlich hatte seine Mutter ihm dazu geraten. Mama führt sie in Elsas Zimmer und fragte, ob sie nichts anbieten möchte. Nein, wollte sie nicht, sie waren nicht verabredet aber trotzdem hatten sie Durst. Elsa ging in die Küche, um Colaflasche und Gläser zu holen. Während sie nicht im Zimmer war, hat Bernd doch wirklich ihren Sekretär geöffnet und rumgeschnüffelt. Ganz vorne lag ihr Tagebuch. Er steckte es ein, grinste frech und wollte es nicht wieder rausrücken. Die mundgeblasene Kristallkaraffe mit dem edlen Whisky stand mehr zur Dekoration als zum Anbieten im Regal. Mit unverschämter Frechheit bediente er sich und um es noch schlimmer zu machen, steckte er sich in ihrem Zimmer auch noch eine Zigarette an. Willi und Otto wussten schon nicht mehr, wo sie hinschauen sollten und nach zwei Gläsern des geistigen Getränkes wurde Bernd unverschämt: ?Am Wochenende bist Du dran.? Noch bevor Elsa antworten konnte, haben ihn Willi und Otto geschnappt und ihn über den Flur Richtung Haustür geschubst.
Kurz vor einundzwanzig Uhr stand Papa vor ihrer Zimmertür und brummelte, dass es jetzt reicht, die Besuchszeit wäre um. Von dem ganzen Spektakel hat er allerdings nichts mitbekommen und erzählen konnte sie es ihm wohl kaum.

Ihre ganze Wut hatte Elsa damals an mir ausgelassen, als ob ich Schuld war, dass sie sich Bernd angelacht hatte. Ich sollte zusehen, dass er sie in Ruhe lässt und sich ein für alle Mal verzieht. Sie steht hinter mir und lacht über den Kampf bis zu seiner Hinrichtung. Ihn loszuwerden dauerte länger, als ihn einzufangen.

Bernd hatte das Tagebuch noch nicht wieder herausgerückt und Elsa schrieb auf lose Zettel. Sie lachte ihm ins Gesicht, wenn er von Heiraten sprach, denn sie ahnte nicht, wie ernst es ihm war. Er lebte für die Idee mit der Wohnküche und wünschte sich, dass sie am Samstagmorgen gemeinsam das Treppenhaus wischen würden. Das Highlight der Wochenenden sah er dann in einem Besuch bei seinen Eltern auf dem Campingplatz. Der Einmann­wohnwagen mit dem bettlakengroßen Rasenstück war eingezäunt und seine Eltern hatten sich jetzt ein Vorzelt angeschafft. Wenn Bernd und Elsa erst geheiratet hätten, wäre hier gut Platz für eine Luftmatratze. An der Wohnwagentür prangten in Öl gemalte Rosen auf einer verzierten Baumscheibe mit dem sinnigen Vers ?Mei Hüttn is mei Himmi, wenn i Zeit hab, dann kimmi?. Elsa hatte keine Lust, sich auf Stroh zu legen, solange es irgendwo noch Daunen gab.

Obwohl ich am Telefon mundfaul war, schleicht Bernd trotzdem weiter um unser Haus. Es ist nicht zu übersehen, dass er seinen Kleidungsstil geändert hat. Er trägt nicht mehr seinen Blazer und auch nicht den an Geschmack­losigkeit alles übertreffenden abscheulichen zimtfarbenen Anzug mit den rehbraunen Schuhen, er trägt jetzt einen Freizeitdress, der alles an modischen Geschmacksverirrungen übertrifft. Hellblaue Hose, hellblaues Hemd und eine ebensolche Jacke, dazu weiße Slipper und dunkelblaue Strümpfe. Er sieht so komisch aus, dass ich mich nicht traue, zu lachen aber weinen will ich auch nicht. Wieder hat er ein kleines Päckchen bei sich und zum dritten Mal und für mich völlig grundlos: Bernsteinschmuck. Auf ein kleines Zettelchen schrieb er in seiner millimetergroßen Buchhalterschrift als Anspielung auf meinen zwanzigsten Geburtstag ?noch neunundfünfzig Tage? Mit der mir selbst auferlegten Entscheidung, dass dieser Schmuck für alle Tage zu wertvoll ist, habe ich ihn in meinem kleinen schwarzen Schmuckkästchen verschwinden lassen.
Mein früheres Biologiefräulein in der Schule trug Bernsteinschmuck. Sie war aus Danzig und etwa sechzig Jahre. Sie trug einem schweren grauen Haarknoten und hieß wirklich ?Bernstein?. Bei ihr war der Schmuck prächtig und passte hervorragend, aber doch nicht für mich, ich bin doch erst neunzehn.

Auch Bernds Mutter kommt mit Geschenken, die ich jetzt einfach nicht mehr will. Oft sind es Kleider, meist in Braun und hochgeschlossen. Für die Winterzeit rechne ich schon damit, dass sie mir rutschfeste Schnürschuhe schenkt. Mama lacht und kommentiert die Gaben damit, dass so etwas vielleicht in der Ostzone Mode ist. Ich weiß schon fast nicht mehr, wie ich mich herausreden soll. Egal, was sie mir auch schenkt, ich werde die Klamotten nicht anziehen. Mit noch größerem Gewese schenkte sie mir Mokkalöffel aus dem Familiensilber. Ihre alte Nähmaschine mit Handantrieb und schmiedeeisernem Gestell brachte Bernds Vater mit den Wünschen, dass mir das Nähen darauf bestimmt Freude machen wird. Kettchen, Armband und Ring aus der Familienschatulle trage ich gerne aber deswegen will ich mich nicht zum Heiraten zwingen lassen.
Freiwillig half ich am Samstag bei der Gartenarbeit und Bernd blieb nichts anderes übrig, als entweder auch zu helfen oder einfach weg zu bleiben. Er half natürlich und abends brüstete er sich, dass er ?Unkraut gepflückt? hat. Die Arbeit hat ihn so erschöpft, dass er sich noch vor Ende der Tagesschau auf den Heimweg gemacht hat. Am Tag darauf war er krank, der Rücken plagte ihn und seine zarten Finger waren von zwei Blasen geziert. Leidend und schwach nölte er ins Telefon, und ich habe ihm den Notarzt empfohlen.

Eine ganze Woche hatte ich jetzt Ruhe und nun ist er wieder aufgetaucht. Die Rosen mussten geschnitten werden und ich wollte die Fugen der Gehwegplatten säubern. Gerade angekommen fiel ihm ein, dass er den Geburtstag eines Freundes vergessen hat und fröhlich winkte ich ihm nach.
Zuvor hat er Mama noch überredet, mich mit zum Rockkonzert nehmen zu dürfen. Weil es das Ende meine Ausgehzeit überschritten hätte, wollte er lieber vorher um Erlaubnis fragen. Leider hatte ich am Tag des Konzertes elende Nierenschmerzen, und ich musste mich mit Wärmflasche ins Bett legen. Für mich war dann mein kleiner Bruder mitgegangen und den brachte er mitten in der Nacht so hackevoll nach Hause, dass es richtig Ärger gab.

Noch immer hat er nichts begriffen. Seine Mutter telefoniert zwar des öfteren mit Mama aber sie hat sie nie gebeten, mit mir über meine Beziehung zu Bernd zu sprechen. Wenn ich mit Bernds Mutter telefoniere, lässt sie sich nichts anmerken. Das Klicken in der Leitung verrät mir jedes Mal, wenn Mama mithört, und deshalb sehe ich nicht die Notwendigkeit, ihr hinterher zu berichten. Wie eine Löwin verteidigte Bernds Mutter ihr Junges und will ihre Beute nicht freigeben. Nach all dem, was sie für mich getan hätte, ihre Geschenke wie für eine Tochter, könnte ich ihn doch nicht einfach so abweisen. Drohend führte sie mir vor Augen, was es für Konsequenzen haben wird, wenn ich vor seiner Abschlussprüfung mit ihm Schluss mache. Ich glaube aber trotzdem, dass sie ihre aussichtslose Position begreift und deshalb beschränkt sie sich aufs Bitten.
Nur noch kurze Zeit, in wenigen Wochen hat er endlich seine schriftliche Prüfung. Bis dahin hat Bernd wirklich noch viel zu büffeln. Ich rede ständig auf ihn ein, wie wichtig es ist, dass er seine Prüfung besteht und dass es mir nichts ausmacht, wenn er jetzt keine Zeit für mich hat. Als ich ihn wollte, durfte ich nicht und jetzt, wo ich darf, will ich ihn schon lange nicht mehr. Am liebsten würde man mich jetzt zwingen aber wieder einmal bin ich nicht brav.

Am Ende unserer Straße wurde ein großes Kaufhaus eröffnet. Der Geschäftsführer suchte eine Assistentin und ich glaubte, dass ich die war, die er suchte. Ohne meinen Eltern etwas zu sagen, verabredete ich mich mit ihm. Er versuchte mich zu überreden, am besten gleich anzufangen. Das war jedoch unmöglich, obwohl das zugesagte Gehalt einem Vorstand einer vierköpfigen Familie ein Glückslächeln ins Gesicht getrieben hätte. Mama und Papa erklärten mich für übergeschnappt und jetzt habe ich mit ihm ausgehandelt, dass ich vorerst nur nachmittags und am Samstag arbeiten kann. Mit dem Leiter der Einkaufsabteilung, Archie, Kölner und so groß, dass er mir gerade bis an die Schulter reicht, verstand ich mich auf Anhieb. Obwohl sein barscher Ton gewöhnungsbedürftig war, sind wir jetzt ein eingespieltes Team.

Auch zu Hause habe ich jetzt einen Stein im Brett. Meine Eltern loben mich wegen meines Fleißes und zeigen sich verständnisvoll, wenn ich mir für Bernd jetzt nicht mehr so viel Zeit nehme. Ich brauche die kurze Zeit am Wochenende, um mich und meine Sachen in Ordnung zu bringen. Ich bin zuversichtlich, dass auch wieder andere Zeiten kommen und Geld macht eben nicht glücklich, aber zufrieden. Bernd klebt an den Wochenenden jetzt verkümmert in seinem Wohnzimmersessel. Nichts kann ihn hier vertreiben. Auch, dass er inzwischen ein Auto hat, imponiert mir herzlich wenig. Er macht um diese alte Karre einen Kult, dass es mir schon fast wehtut. Den Aschenbecher hat er ausgebaut und ins Handschuhfach gelegt, und vor jeder Fahrt putzt und poliert er mit einer Hingabe, dass ich es kaum ertrage. Es würde mich nicht wundern, wenn er vor dem Einsteigen von mir verlangt, dass ich meine Schuhe ausziehe.
Ich bin so ekelig und schäme mich vor mir selbst.

Zu meinem Geburtstag sollte es keine Verlobung geben, ich wollte es einfach nicht. Trotzdem waren Papa und Mama der Auffassung, dass Bernds Eltern eingeladen werden sollten. Wenn der große Tisch ausgezogen würde, wäre Platz für alle. Ich war mir sicher, dass ich auch das nicht wollte.

Bernd hat mir einen wunderschönen Ring mit vielen kleinen Perlen in einer Goldfassung geschenkt. Schade, denn ich weiß, dass ich ihn in wenigen Tagen zurückgeben werde. Von seinen Eltern bekam ich eine silberne Bürstengarnitur. Das Monogramm wollen sie mir dann zu Weihnachten schenken, aber Bernds Mutter weiß bei dem Versprechen darauf heute schon, dass es dazu niemals kommen wird. Es sind nur noch zwei Wochen und ich habe mein Versprechen gehalten, dann nämlich hat Bernd seine Prüfung. Mit Grauen denke ich jetzt schon an das Donnerwetter.

Eigentlich bin ich nur noch zum Schlafen zu Hause. Keine Zeit für unliebsame Gespräche und Erklärungen. Am Sonntag wurde ich vor Papas großen Schreibtisch zitiert. Lob und Tadel wird hier von den Delinquenten stehend empfangen, und meistens geht es ganz schnell. Diesmal sollte ich mich setzen und er wollte von mir wissen, was mein Gezicke soll. Kein normaler Mann würde sich so behandeln lassen und er hätte mir schon längst den Laufpass gegeben. Auf seine Frage ?gibt es einen anderen?? sehe ich ihm offen und direkt in die Augen und lüge ?nein.? ?Dann mach Schluss und beende es, aber bitte mit Anstand und Würde!?

Ich habe mit Bernd Schluss gemacht. Er hat getobt, gezetert und mich wüst beschimpft. An der auf Rot stehenden Ampel bin ich aus seinem Auto geflüchtet, weil ich nicht vorhatte, mein Leben an einem Baum zu beenden. Er muss die Fahrt wohl heil überlebt haben, denn seine Mutter rief bei Mama an und forderte alle Geschenke zurück, weil sie sich jetzt übel von mir getäuscht fühlt. Mama sieht keine Veranlassung dazu, denn auch Bernd hat schließlich Geschenke bekommen. Papa ist anderer Auffassung und hat sofort eine Spedition beauftragt, um den ganzen Krempel zurück bringen zu lassen. Er verfasste eine Art Lieferschein und gab dem Fahrer den Auftrag, diesen unterschrieben wieder bei ihm abzugeben. Kurze Zeit darauf zankte Bernds Mutter wieder am Telefon und sagte, dass sie sich nicht lächerlich machen lässt und ihr Sohn so etwas nicht verdient hat und sie schon gar nicht. Es sollte mich nicht wundern, wenn sie für ihr Jungelchen auch noch Kranzgeld einklagt.
Dass Bernd der Sohn seiner Mutter ist, zeigte er mir deutlich, als er mich während meiner Arbeitszeit anrief und die Juwelen retour forderte. Er hätte die Sache zwar gerne noch am gleichen Abend geregelt, aber ich konnte ihn auf den nächsten Vormittag, gegen zehn Uhr, in meinem Büro, vertrösten, denn hier würde er es nicht wagen, laut zu werden. Pünktlich um zehn Uhr meldete die Telefonistin seinen Besuch und ich ließ ihn kommen und vor meinem Schreibtisch stehen. Papa besteht drauf, dass ich mir die Auflistung seiner Geschenke von ihm unterschreiben lasse. Ringe, Ketten und Armbänder zierten also meinen Schreibtisch bevor sie wieder in seinen Besitz übergehen sollten. Zur Krönung legte er mir die Eintrittskarte für den Silvesterball mit Tanz und Galadinner für fünfzig Mark auf den Tisch und forderte dabei in einer Lautstärke Ersatz, dass mein Archie zur Hilfe eilen musste. Ganz nobel drückte er Bernd einen Fünfziger in die Hand und gab mir dann die Eintrittskarte. Ich habe sie in ganz kleine Schnipselchen zerrissen und im Aschenbecher verbrannt. Es qualmte immer noch als Bernd schon lange verduftet war.
Archie nahm den ausgelegten Fünfziger von mir nicht an. Er wollte das Geld in seine Spesenabrechnung als Ausgabe hineinschummeln. In Klammern schrieb er dann später dahinter: ?Beleg aus Versehen verbrannt.?

Seit einer Woche diene ich jetzt meinem neuen Herren. Doch am Montag saß völlig überraschend jemand anderes im Büro. Jung, im dunkelblauen Anzug, die Hemdmanschetten lugten vorschriftsmäßig zwei Zentimeter unter den Jackettärmeln heraus sodass die Manschettenknöpfe gerade noch zu sehen waren. Seine auf Hochglanz polierten Schuhe einer Edelmarke erkannte ich am Absatz. Ich hatte keine Gelegenheit, mit ihm zu sprechen, denn während ich in sein Büro winkte, telefonierte er und dabei hatte er seine Beine lässig auf dem Schreibtisch ausgebreitet.
Von der Telefonistin erfuhr ich, dass der Geschäftsführer nach einer Feier am Wochenende auf der Treppe gestürzt war und er sich dabei einen Splitterbruch im rechten Bein zugezogen hatte. Sie sagte, dass Herr Donner jetzt kommissarisch eingesetzt ist, und er ein netter Kerl wäre und sie ihn schon seit Jahren kennt. ?Jetzt telefoniert er mit Conny und das kann dauern. Conny lebt in der Schweiz, ist Rechtsanwalt und nur so aus Spaß haben die beiden gemeinsam ihr Kapitänspatent gemacht und planen jetzt ihren nächsten Törn. Junggesellen sind schlimmer als Klatschweiber und vor einer Stunde ist mit seinem Erscheinen nicht zu rechnen.? Über den Kaffee freute er sich und ich hatte Zeit, ihn eingehend zu beäugen. Dunkle Haare, dunkle Augen, ein Typ zum Streicheln aber alles an ihm sieht irgendwie verheiratet aus. Er ist es aber nicht, noch nicht einmal eine Freundin hat er, er ist ein Arbeitstier. Ich wollte gerade gehen, als er nach mir rief. ?Noch einen Kaffee, genau so duftend wie Sie und bitte den Kassenabschluss!? Er wirkt rationell und zielgenau aber dabei auch freundlich und charmant. An diesem Abend verließ er vor mir das Büro und ich machte mir Gedanken, wohin dieser schöne Mann eilen konnte. Hatte die Telefonistin vielleicht doch geflunkert?

Am nächsten Morgen rief mich dieser Mann mit dieser Wahnsinnsstimme an und fragte tatsächlich, wie es mir ging. Er war total charmant und sagte, dass ich am frühen Morgen genauso nett klinge, wie am späten Abend. Nachmittags hatte ich ihn dann noch einmal an der Strippe. Ich sollte dringend in die Zentrale aber den weiten Weg wollte er mir nicht zumuten, zumal ich mich auch überhaupt nicht auskennen würde. Er bot mir an, mich um halb fünf vor dem Ausgang abzuholen. Hunderttausend Volt durchschlugen meinen Körper und als er dann endlich mit seinem Hydraulik gefederten Franzosen vor der Tür stand war es fast so, als ob Archie mich ihm übergeben hat. Mit erhobenem Zeigefinger und der Warnung, mich gut zu behandeln, ging er grinsend wieder ins Geschäft.

Kaffee kochen, ihm zuhören und mit ihm lachen, vielmehr ist in den Abendstunden und an den Samstagen nicht zu tun. Die Arbeit ist eine Spielerei. An jedem Tag erzählt er mir über sich. Acht Brüder, Mutter, Vater und drei Lebensmittelgeschäfte in Gelsenkirchen gehören zu seinem Leben. Er ist einige Jahre älter als ich und sein Vater war während des Krieges Offizier. Danach begann eine harte Zeit für die Familie. Für jeden Sohn, der in den Bergbau ging, erhielten seine Eltern damals eine Prämie und von der Prämie der ersten vier Söhne konnte sein Vater, nein er sagte ?der Alte?, die ersten beiden Feinkostgeschäfte eröffnen. Er hatte sich vom Knappen zum Hauer hochgearbeitet und absolvierte daran anschließend ein Ingenieur­studium. Während seiner Arbeit im Bergbau wurde er verschüttet und lag vierundzwanzig Stunden unter Tage. Noch heute erinnern die kleinen blauen Steinchen unter seinen Augenbrauen an dieses tragische Ereignis.
Weil er Angst hatte, wieder unter Tage zu fahren, startete er im hellen Tageslicht eine neue Karriere. Einzelhandel, Substitut, Abteilungs- und Markleiter und jetzt war er in der Geschäftsführung und hatte gute Chancen, über kurz oder lang in den Vorstand einberufen zu werden. Er hatte nie Zeit für eine feste Beziehung und widmete sich seinen Hobbys: Segeln, Fechten, Reiten und Jagen. In seiner Freizeit ist er gerne an der frischen Luft und er kennt viele nette Leute. Darüber, dass er auf einer gräflichen Treibjagd für einen Hasen gehalten wurde und mit einer entsprechenden Schrotladung zwei Wochen bäuchlings im Krankenhaus lag, kann ich mich kaputt lachen aber ihn machte es nicht mutlos.
Mit Intelligenz und Charme schlängelte er sich nach oben und brachte die Leistung, die man von ihm erwartete. Dass sein Single-Leben hin und wieder argwöhnisch beäugt wird, stört ihn nicht besonders.
Ich bin machtlos gegen sein Lächeln, seine Augen, seine Ausstrahlung. Für ihn lüge ich mit strahlend blauen Augen, dass es in meinem Leben keinen anderen gab und gibt. Ich bin ihm mittlerweile mit Haut und Haaren ausgeliefert. Bin ich zu jung, um mich dagegen zu wehren und er zu alt, um mir gewachsen zu sein? Manfred nennt seine Mutter bei Telefonaten liebevoll ?Emma?
Die Weihnachtszeit ist im Einzelhandel immer viel zu kurz. Er will die Zeit für Ausarbeitungen nutzen und wenn er dann noch Lust hat, vielleicht hin und wieder mal zum Schlittschuhlaufen gehen. Außerdem hat er noch Wäsche zu waschen, damit alles sauber ist, und er im neuen Jahr ruhigen Gewissens nach Hause fahren kann.

Heilig Abend fuhr er mich nach Geschäftsschluss bis vor unsere Haustür und winkte mir lächelnd nach. Beim Aussteigen entdecke ich das Päckchen mit dem Zettel ?Für Elsa?. Aus der Verpackung wickelte ich einen Flakon ?Jolie Madame?. Der Junggeselle hatte es erschnuppert und unter meine Tasche geschoben. Die Weihnachtstage verträumte ich mit seinem Duft und jetzt freue ich mich auf den siebenundzwanzigsten Dezember.
Geschäftsmäßig und hektisch und keineswegs nach meinen Vorstellungen, ging es auf der Arbeit zu. Ganz nebenbei erschnupperte er den Sommerduft an mir und fragte nach einem Kaffee.
Archie ist traurig, dass ich nur noch wenige Tage bei ihm bin. Ich versuchte ihn zu trösten und sagte so ganz nebenbei, dass Frau Wolff aus der EDV dann sicher nicht mehr so giftig zu mir sein wird. Daraufhin fragte er mich ganz entsetzt, ob sich das etwa doch herumgesprochen hat. Alle wissen davon, nur Archie glaubte, dass er sein Verhältnis mit ihr geheim halten konnte.

Ich bin jetzt also im Vertrieb und meine beiden neuen Kollegen sind fast schlimmer dran als ich. Ullis Frau ist Mutter geworden, aber Ulli ist nicht der Vater. Jochens Freundin arbeitet seit acht Wochen in einem Hotel in Obersdorf und ich bin meine Klette Bernd endlich losgeworden. Keiner von uns hat Grund, gut gelaunt zu sein und trotzdem ist unser Umgang miteinander kollegial und liebevoll. Jochen hat versucht, mich zu überreden, zu Silvester zu ihm zu kommen. Er hätte noch ein paar junge Leute eingeladen und wir würden bestimmt viel Spaß zusammen haben. Wie soll ich ihm nur erklären, dass ich erst zu Hause fragen muss, ohne von ihm ausgelacht zu werden?
Zu Hause hatte ich mit meinem Ansinnen keine Probleme. Papa kennt Jochens Vater aber er hat keine Ahnung, das Jochens Eltern seit drei Jahren geschieden sind. Wenn er das wissen würde, hätte es sicher wieder ein riesen Trara gegeben. Auch Mama meint, dass ich Silvester nicht allein zu Hause herumsitzen muss und hat mich darin bestärkt, mal was gemeinsam mit jungen Leuten zu unternehmen.
Obwohl Ulli mich abholte und mir erstmalig keine feste Ausgehzeit vorgeschrieben wurde, war die Party öde und piefig. Kurz nach Mitternacht haute Ulli Vodka durchtränkt ab und Jochen und ich warteten auf ein Taxi. Gegen vier Uhr morgens meinte er, mich selber fahren zu können und schlitterte mich auf eisglatten Straßen nach Hause. Für den nächsten Nachmittag hat er mich mit zu Ulli eingeladen, er ist sein bester Freund und außerdem machte Jochen sich Sorgen, dass er jetzt böse auf ihn sein könnte. Bis nachmittags war noch lange hin und ich hatte Zeit, mir noch zu überlegen, wie ich das meinen Eltern erklären sollte.
Heute Vormittag habe ich erst einmal den prächtigen Rosenstrauß mit den weißen Lilien von Herrn Donner zu erklären. So groß, dass er kaum in unsere Bodenvase passt. Auf einem kleinen Kärtchen bedankt er sich für meinen Arbeitseinsatz und lädt mich am Wochenende zum Essen ein.
?Ein Ulrich, ein Jochen und ein Manfred und das nach Bernd, Du bist anscheinend mannstoll geworden, diese Flausen werden wir dir auf der Stelle austreiben. Interessiert Dich gar nicht, was die Leute über Dich reden?? Das war wieder einmal die typische Reaktion meiner Eltern.
Erst einmal interessierte mich nur, dass Jochen bald da sein wird. Als er endlich in der Tür stand, war Papa lieb und freundlich zu ihm. Sicherlich lag es daran, dass er seinen Vater kannte. Ulli war kein bisschen sauer und hatte Kuchen besorgt und Jochen brachte mich rechtzeitig wieder nach Hause. Schade, wenn Manfred nicht wäre, so einen wie Jochen würde ich auch nicht verschmähen.

Ich freue mich so auf den ersten Tag im Januar aber ehrlich gesagt weiß ich nicht, wie ich mich nach diesem tollen Blumenstrauß verhalten soll. Ich lasse es auf mich zukommen.
Es ist ein Tag wie immer, er ist fröhlich und nett, telefoniert mit Emma und Conni und bewältigt den Geschäftsablauf fast automatisch. Dann fragte er mich ganz nebenbei, ob ich ein schönes Restaurant kennen würde. Als Mädchen aus gutem Hause empfahl ich ihm das ?Cord Borgentrick? mit dem Hinweis, dass es vielleicht besser wäre, wenn er hier einen Tisch reservieren lassen würde.
Am Samstag, um neunzehn Uhr, will er mich abholen. Ich versuchte ihm zu erklären, dass Abholen bei mir zu Hause mit Hereinkommen und Konversation verbunden ist. Das sah er jedoch keineswegs so problematisch wie ich. Er stand also bei uns im Flur, Mama spitzte wieder ihren Mund und Papa gab sich jovial. Mama bestand darauf, dass ich das elegante schwarz-weiße Kleid, das ich schon bei der Verlobung meiner Tante trug, anziehen sollte, denn ich sollte nicht vergessen, dass ich aus gutem Hause bin. Bla, bla, immer die gleichen Sprüche.
Als wir losfuhren, kam Papa mit nach draußen und begleitete uns zum Auto. Er schloss die Autotür und das große schmiedeeiserne Tor der Grundstückseinfahrt. ?Zutritt verboten?, meine Rückkehr wird also wieder mal durch das quietschende Tor überwacht.

Ich weiß mit der Schneckenzange umzugehen und auch der livrierte Oberkellner und der Hummer machten mir keine Angst. Zum Dessert flambierte Banane und danach endete der schöne Abend um kurz vor Mitternacht vor unserer Toreinfahrt. Herr Donner stieg mit mir aus und wartete, bis ich auf- und wieder abgeschlossen hatte und danach im Haus verschwunden war. Ich glaube, dass er das nur aus Freundlichkeit gemacht hat und bestimmt irgendwo seine Freundin auf ihn wartet. Oder benehmen sich ältere Männer vielleicht immer so und ich muss noch lernen, mit so viel Etikette umzugehen.
Wie immer, wartete Mama auf ihrem Stuhl am Esszimmerfenster. Von dort hat sie die ganze Straße im Blick. ?Hat es Dir nicht gefallen?? Eine andere Erklärung hatte sie für meine frühzeitige Rückkehr nicht. ?Wunderschön? sagte ich und ging in mein Zimmer. Ich erträumte mir Frühlings- und Sommerdüfte die mich in einen tiefen Schlaf begleiteten.
Besessen rührte Mama mittags die Bratensoße. Was ich mir nur dabei denken würde, so ein alter Mann, verlebt und abgegriffen, ich würde nur sein Spielzeug sein. ?Er ist nicht alt und nicht verlebt, sondern jung und gutaussehend, und bestimmt spielt er nicht mit mir?, versuchte ich mich zu rechtfertigen. Als dann auch noch mein Bruder in die Küche kam und fragte, ?was war das denn für einer, will der etwa mein Schwager werden?, ging ich in den Keller und putzte meine Schuhe.

Am nächsten Tag war ich froh, dass ich wieder ins Büro gehen konnte. Wirklich ganz ohne Grund zog ich das neue blaue Kleid an. Meine frisch gewaschenen Haare dufteten und von dem herrlichen Parfüm nahm ich einen Tupfer mehr als üblich. Schnell gingen mir die anfallenden Arbeiten von der Hand. ?Sie haben eine tolle Stimme, haben Sie Lust, die Werbedurchsagen für die nächsten Tage auf Band zu sprechen??, fragte Herr Donner mich. Hatte ich im Prinzip schon, aber ich wusste, dass ich mich genieren würde, wenn er dabei neben mir stand. Lachend ging er in sein Büro, denn er hat gemerkt, dass ich diesbezüglich, aber wirklich nur in dieser Hinsicht, ein Problem mit ihm habe. Ich sprach also meine Texte und als ich fertig war, kommentierte er durch die Gegensprechanlage ?wow, fantastisch, toll? dabei fragte er gleichzeitig, ob ich nach Feierabend Lust hätte, mit ihm zusammen ein Glas Wein zu trinken.
Dieses Mal hat er nicht gelacht, weil ich erst zu Hause fragen musste, aber leider ist dann doch ein dringender Termin dazwischen gekommen und wir mussten unser Rendezvous verschieben. Schon am Nachmittag kam er mit der Idee, dass wir ja auch genauso gut mal gemeinsam zum Schlittschuh­laufen gehen könnten. ?Du kannst doch Schlittschuhlaufen, und wenn nicht, üben wir einfach gemeinsam, also hast Du Lust??
Ich hatte Lust und auch Schlittschuhe. Meine Schlittschuhstiefel sind weiß und seine schwarz. Als ob er in seinem Leben nichts anderes getan hat, steht er auf den Kufen, tanzt Kreise und macht die tollsten Sprünge. Am Nachmittag konnte ich rückwärts genau so leicht laufen wie er und bei meinem ersten Sprungversuch fing er mich auf.

Gegenüber des tief gefrorenen Sees ist ein kleiner gemütlicher Gasthof. Er ist bekannt für die besten Bratkartoffeln in der Region und hierher lud er mich nach unseren gemeinsamen Eiskapriolen ein. Mir war sehr nach einem heißen Grog, denn der Bodenfrost hatte sich trotz der vielen Bewegung auch in meinen Füßen breit gemacht. Es muss irgendwann zwischen Bratkar­toffeln und Salat gewesen sein, als er mir sagte, dass er nicht weiterhin mit mir zusammenarbeiten kann. Obwohl ich schon mit so etwas gerechnet hatte, war ich trotzdem wie vom Donner gerührt. Ich wusste in dem Moment nicht, wo ich hinschauen sollte und schämte mich fast ein bisschen. Als er mich dann küsste und einfach Du zu mir sagte und damit herausplatzte, dass er mich gern zum Weibe hätte, war ich völlig perplex. Ach Du Schreck, das hatte ich mir immer ganz anders vorgestellt, festlich und feierlich, in einem eleganten Kleid, bei Kerzenschein und nicht hier, so wie ich aussah, mit meinem kornblumenblauen, grob gestrickten Pullover, die Haare zerzaust und mit abgewetzter grauer Steghose, die meinem Outfit den Rest an Abscheulichkeit gab. Und trotzdem wollte er mich zum Weibe!
Pünktlich um acht Uhr brachte mich Manfred nach Hause und in aller Unschuld lachten und erzählten wir in seinem Auto vor unserem großen Tor. Ich konnte ihn unmöglich zu mir herein bitten, denn meine Eltern wären mit Sicherheit wieder ausgerastet. Zum Abschied blieb es bei einem zärtlichen Kuss auf die Wange und dann winkte er mir hinterher.

Im Hause tobte der Sturm. Ganz brav mit Mütze, Stiefeln und Pullover stand ich in der Diele und Papa beschimpfte mich als Schlampe. Wenn das mit mir so weiter ginge, könnte er sich bald eine rote Lampe ans Haus hängen. Aus den Augen sollte ich ihm gehen und in mein Zimmer verschwinden. Mein Zimmer war ein Schlachtfeld, wenn er mit einer Axt alle Möbel zerschlagen hätte, wäre das Chaos nicht schlimmer gewesen. Alles Gesammelte und Geliebte konnte ich vergessen, die Schränke waren ausgeleert und der Inhalt überall verstreut. Ich kann es nicht fassen, das alles nur, weil wir zehn Minuten im Auto erzählten und lachten? Ganz leise und ohne das Geländer der Wendeltreppe zu berühren, schlich ich nach unten ins Büro.

Ich habe daraufhin sofort bei Manfred angerufen und als er beim zweiten Läuten abnahm begriff er sofort, dass etwas Schreckliches passiert war. Er wollte sofort kommen und sagte, dass in dieser Situation auch ein verschlossenes Tor für ihn kein Hindernis ist.
Das Klicken der Telefonanlage hat mich verraten. Barfuß stand Mama hinter mir und ich flüchte mich in die Mitarbeitertoilette. Sie hätte es nie gewagt, die Tür einzutreten, denn bis zum nächsten Morgen hätte kein Ersatz beschafft werden können und unsere Angestellten hätten sich ihre Mäuler zerrissenen. Nach noch nicht einmal fünf Minuten fuhr Manfred auf den Hof. Papa hatte vergessen, das Tor zu schließen und noch bevor die Nachbarn etwas mitbekommen konnten, öffnete er ihm die Tür.

Manfred ist meinen Eltern altersmäßig näher als mir und trotzdem trennen sie Welten. Ich beginne, wieder halbwegs Ordnung in das vorgefundene Chaos zu bringen und habe das gute Gefühl, dass Manfred mir beisteht. Stunden später klopfte er leise an meine Tür und bot mir an, am nächsten Morgen zu Hause bleiben. Am Nachmittag ist er noch einmal vorbeigekommen, um nach dem Rechten zu schauen.

Nie werde ich diese Nacht vergessen. Ich war durchgefroren von der winterlichen Kälte, und dann wieder dieses Martyrium. Auch das heiße Bad, das ich zu meiner Regeneration nahm, tat nicht seine gewünschte Wirkung, ich legte mich früh schlafen.
Weit vor Mitternacht erwache ich tränennass. Mir träumte, dass Elsa nach mir gerufen hatte. Sonst war sie es, die immer zu mir kam, wenn ich sie brauchte. Ich hörte deutlich ihr Weinen und streichelte ihre Hand. Ihre Tränen reichten auch für meinen Schmerz und so blieb ich bei ihr, bis sie endlich in einen tiefen Schlaf versank.
Ganz leise beseitige ich die Trümmer eines Abends und versuche zu reparieren was noch zu reparieren ist. All den geliebten Dingen gebe ich ihren alten Platz und als Elsa am späten Morgen aufwacht, glaubt sie, alles nur geträumt zu haben.
Es war kein Traum. Mit distanzierter Freundlichkeit sagte Mama, dass Herr Donner am Nachmittag zum Kaffee eingeladen ist und gleichzeitig fragte sie Elsa, ob sie nicht mal wieder zum Frisör gehen möchte. Sie ging also hin und als sie zurückkam, stand Manfreds Auto auf dem Hof. Vor Aufregung rief Elsa ?ich gehe nur noch schnell zur Toilette.? Als Mama mit spitzem Mündchen entgegnete, dass man so etwas nicht sagt, rief sie ?ich muss mir ganz schnell die Hände waschen.?

Bevor Manfred kam, gab es vorher das zu erwartende hochnotpeinliche Verhör vor Papas Schreibtisch. Ein starkes Stück habe sie hier abgeliefert und was sie sich denkt, wie es weitergehen soll? Ganz einfach, sie wollte ihre Stellung kündigen und Papa war entsetzt. Ein arbeitsloses Kind hatte er sich nun wirklich nicht erträumt. Nie wollte Elsa ins Büro und sie verdrängte ihre Träume nur, damit sie ein braves Mädchen sein konnte. In ihrer Unbeschwertheit lachte sie über die grundlosen Ängste bezüglich ihrer Arbeitslosigkeit.

Manfreds nachmittägliche Einladung war nicht mehr als ein Versöhnungs­angebot. Mama und Papa waren jung genug, um zu erkennen, dass sie mit Verboten nicht weiterkamen. Wenn dieser Herr Donner ihre rebellische Elsa wollte, sollte er sie nehmen und mit ihr glücklich werden. ?Hoffentlich wissen Sie, dass Elsa weder kochen noch bügeln kann, selbst beim Kaffeekochen besteht die Gefahr, dass ihr das Wasser anbrennt?, gab Mama ihm gegenüber zu bedenken. ?Bei sieben Brüdern ist all das für mich kein Problem? beruhigte er sie. ?So gerne wie sie isst, wird sie am eigenen Herd schnell eine Meisterköchin.? Der Kaffee war so dünn wie immer, man konnte den Boden der Tasse sehen und Manfred schluckte ihn und noch manches mehr. Nur als Papa ihn fragte, ob er sie denn auch ernähren könnte, fiel er aus der Rolle und fragte, ob er denn jedem zeigen würde, wie viele Haare er auf der Brust hat. Er könnte versichert sein, dass er kein Problem damit hat, für drei Frauen zu sorgen. Ein Krümel des Zuckerkuchens blieb Papa in der Kehle stecken, hustend und hochrot im Gesicht fauchte er ihn an, dass er hofft, niemals mit ihm über dieses Thema sprechen zu müssen.

Der Kaffee war ausgetrunken, der Kuchen gegessen und Manfred wollte nur noch mit Elsa raus. Irgend etwas unternehmen, durch die Stadt laufen, irgendwo sitzen, nur weg. ?Papa, bis dann um acht!? Manfred lachte und meinte, vor neun Uhr wäre sie bestimmt nicht wieder zu Hause und auch das wäre noch zeitig genug.
Ich bin neugierig, wie es Elsa nach dieser schlimmen Nacht ergangen ist. Den ganzen Tag habe ich nichts von ihr gehört und auch am Abend hat sie sich nicht gemeldet. Aus ihren schönsten Träumen habe ich sie geweckt und sie erzählte mir diese haarsträubende Geschichte. Morgen wollte sie wieder alles aufschreiben. Sie sagt, so neugierig wie ich bin, wüsste ich ja, wo ihr Tagebuch liegt und ich könnte gerne zum Lesen vorbeikommen. In Zukunft soll ich doch bitte endlich aufhören, sie nachts zu wecken.
Ich weiß gar nicht, weshalb sie böse zu mir ist, sonst reden wir doch auch immer mitten in der Nacht.
Elsa ist unmöglich, nur wenn sie etwas will, spielt es für sie keine Rolle, zu welcher Zeit es gerade ist und wenn ich sie brauche, verschwindet sie und löst sich in Luft auf. Morgens wache ich dann auf und denke, dass ich wieder einmal nur geträumt habe.

?Ich habe wirklich gekündigt?, so beginnt ihr neues Tagebuch, ?aus familiären Gründen?. Der Geschäftsführer wird trotz seiner eingegipsten Beine am Mittwoch wieder anwesend sein und ab Donnerstag hat Manfred seinen Schreibtisch dann in Hamburg. Wie er mir geraten hat und Mama und Papa es mir auch erlaubt haben, war ich bei unserer Hausärztin. Für vierzehn Tage hat sie mich krank geschrieben, weil ich ihrer Meinung nach viel zu dünn bin. Der verordnete braune Saft in der Flasche und viel Ruhe sollen mir gut tun.
Der Eingegipste rief mich an und lachte. ?Das ist doch kein Grund, zu kündigen.? Er kennt Manfred seit Jahren und auch er hat seine ehemalige Sekretärin geheiratet. Bis zur Geburt ihres Sohnes wären sie ein tolles Team gewesen und ich sollte es mir noch einmal überlegen.

In der Wochenendzeitung studierte ich die Stellenangebote und am Montag stehen mir drei Bewerbungen bevor. Ich bin zuversichtlich, dass ich nicht arbeitslos werde und meinem Vater nicht auf der Tasche liegen muss. Ein Architekturbüro, eine der beiden großen Tageszeitungen und ein Graf, Inhaber eines mittelständischen chemischen Unternehmens, suchen eine zuverlässige Mitarbeiterin.
Morgens das Architekturbüro: Familienanschluss und Mittagstisch, der Inhaber mehr Künstler als Handwerker, wunderschöne Licht durchflutete Büros aber ein kümmerliches Gehalt. Nachmittags beschwerte sich der Architekt telefonisch bei Mama über meine Gehaltsvorstellungen, weil er meine Forderungen als Tochter eines Selbstständigen als Unverschämtheit betrachtete. Ich will mich doch nicht verschlechtern, aber bei seinem Angebot ist die Arbeitslosigkeit für mich lukrativer. Mittags dann die Tageszeitung: Ein Gehalt, von dem ich bislang nicht einmal zu träumen gewagt habe, aber samstags und sonntags alle vierzehn Tage Dienst, was wird dann mit Manfred? Ich habe mir dort vorsichtshalber Bedenkzeit erbeten. Gleich danach der Graf: Er sucht eine Assistentin für seinen persönlichen Kram, eine, die sein Chaos in Ordnung bringt und die Kosten der Strafzettel für das falsche Parken seiner Frau vor Einleitung eines Bußgeldverfahrens überweist. Für solche Dinge hätte er keine Zeit, denn in Kürze soll er die ererbte Baronei antreten und außerdem wäre er Rotarier und das würde ebenfalls noch sehr viel Zeit in Anspruch nehmen. Sein Gehaltsangebot ist fürstlich und die Bedingungen königlich. Ich verzichte auf den Job bei der Zeitung, obwohl der nette Personalchef mich noch telefonisch überreden wollte, die Stelle doch anzutreten. Ich sollte mir überlegen, ob ich wirklich hinter meiner Entscheidung stehe. Wäre Manfred nicht, hätte ich nicht eine Sekunde überlegt.

Die vierzehn Tage meiner Krankheit sind um und da ich aus familiären Gründen gekündigte habe, komme ich vorzeitig aus meinem Vertrag. So kann ich jetzt übergangslos meinen Dienst beim Grafen antreten und freue mich auf jeden neuen Tag.

Von dem Guthaben meines Sparbuches durfte ich mir ein Auto kaufen. Ein himmelblauer Käfer, gerade zwei Jahre alt. Manfred war entsetzt über den Preis. ?So etwas kannst Du doch nicht beim teuersten Autohändler der Stadt kaufen? hat er gesagt, aber ich bin trotzdem stolz und glücklich. Der Käfer hat seinen eigenen Kopf und bei feuchtem Wetter will er mir manchmal nicht gehorchen. Trotz guten Zuredens springt er oft nicht an. Manfred versteht sich mit ihm besser als ich. Einmal die Motorhaube geöffnet, dann mit Schwung wieder zugeknallt, knattert er los. An manchen Tagen reicht es aber auch, wenn ich gegen den linken Kotflügel trete. Die Werkstatt hat den Fehler endlich gefunden und mein himmelblaues Wesen aus Blech startet jetzt ohne Knallen und Treten.

Bei einem Regierungsrat a.D., direkt an der Aller, hat Manfred eine Einliegerwohnung unter dem Dach gemietet, und jetzt steht sein Schreibtisch in Hamburg. Zwölf bis vierzehn Stunden sitzt er täglich dort, aber die Wochenenden hat er für mich reserviert. Er ist mit der Planung des ersten großen SB-Warenhauses im norddeutschen Raum, mit fünfzehntausend Quadratmetern Verkaufsfläche, beauftragt und kämpft sich verbissen nach vorne. Schon im Dezember soll die Eröffnung sein. Seine schöne Wohnung nutzt er nur zum Arbeiten, deshalb hat er sich entschlossen, sie gegen ein kleines Appartement einzutauschen. Ich kümmere mich jetzt um die Wohnungssuche und halte nach einem Nachmieter Ausschau.

Von Freitag- bis Sonntagabend ist Manfred immer bei mir zu Hause. An den Wochentagen bin ich das brave Kind. Hilfsbereit und harmoniesüchtig bemühe ich mich, die frostige Eiszeit zu ignorieren. Die Zeit ist wunderschön, doch dann passierte das Unglaubliche: Manfred freut sich auf die Wochenenden in meinem Elternhaus, mit meinem Bruder und meiner kleinen Schwester versteht er sich gut. Wenn ich ihn nicht mehr will, so sagte sie, würde sie ihn sofort heiraten und auch ganz besonders zu Mama hat er ein gutes Verhältnis. Ich muss endlich nicht mehr fragen und erklären, was ich am Wochenende vorhabe. Während der Woche telefoniert er mit mir und wir schmieden Wochenendpläne. Manfred hatte Kinokarten besorgt. Vier Stunden und auf Breitwand, doch als er kam, um mich abzuholen, fiel ihm ein, dass er die Karten in seiner Wohnung vergessen hatte. Wir fuhren los, meine Eltern wünschten uns viel Spaß und winkten uns hinterher. Manfred hatte nie die Absicht, mit mir in diesen öden langen Film zu gehen und Kinokarten hat er nie gehabt. Er hatte etwas viel romantischeres mit mir vor, aber das hatte er weder mir noch meinen Eltern erzählt.

Als ich aufwachte, zeigte die Uhr auf fünf Uhr morgens. Voller Panik weckte ich Manfred. ?Bleib ruhig, schlaf weiter, morgen früh bringe ich das in Ordnung?, tröstete er mich. Sorglos drehte er sich um und kuschelte sich wieder in seine Kissen. Der Wecker zeigte bereits auf neun Uhr, als ich ihn telefonieren hörte. ?Sind Sie schon wach, ich komme gleich vorbei.? Schon fertig angezogen, beendete er das kurze Gespräch und fuhr zu Papa.
?Was ist bloß mit Elsa los, wir wollten doch nur die Kinokarten bei mir zu Hause abholen und da ist sie plötzlich, wie aus heiterem Himmel, einfach eingeschlafen.? Er erzählte ihnen, dass ich total erschöpft und durch nichts aufzuwecken war und immer noch schlafen würde. Er fragte Papa, ob denn niemand gemerkt hat, wie es um meinen Gesundheitszustand steht und dass es doch nicht zu übersehen ist, dass ich einfach erschöpft und nervlich am Ende bin. Papa fühlte sich von Manfred an die Wand gedrückt und Mama machte sich überraschenderweise große Sorgen. Sie sagten, dass sie während der Woche eher das Gefühl hatten, dass ich glücklich bin und dass es mir gut geht, deshalb könnten sie sich meinen Schwächeanfall wirklich nicht erklären. Mama bedauerte, dass die Kinokarten nun verfallen waren. Manfreds flüchtiger Blick zur Uhr und die Sorge um mich ließen ihm keine Zeit für ein längeres Gespräch. ?Bestimmt ist sie inzwischen wach und ich möchte sie nicht unnötig lange allein lassen.?
Bevor er das Haus verließ, packte Mama noch das Nötigste für mich ein. ?Sie ist doch im Ausgehkleid und für die Mittagsstunden nicht warm genug angezogen, richten Sie ihr bitte aus, dass wir mit dem Mittagessen warten.? Lachend kam Manfred mit meinen sieben Sachen unter dem Arm zurück. Ich kann kaum fassen, was er da inszeniert hat. Als wir bei mir zu Hause ankamen, nahm Mama mich liebevoll in den Arm.
Die Zeit, in der mir Vorschriften bezüglich meines Ausgehens gemacht werden, ist vorbei und die vielen Ressentiments gehören endlich der Vergangenheit an.

Mein Bruder ist ein Rüpel. Ohne anzuklopfen kam er in mein Zimmer. Die Trockenhaube summte, ich war mit dem Lackieren meiner Nägel beschäftigt. Er meckerte wegen des Gestanks und weil im Badezimmer eine nicht heruntergespülte Zigarettenkippe in der Toilette lag. Nie zuvor habe ich Zigaretten mit Filter geraucht. Sie konnte nur von der Kleinen sein, die viel zu früh heimlich raucht aber ich hielt meinen Mund. Er machte sich groß und nölte, dass das einzig Nette an mir meine Kleider wären. Danach schlug er die Tür zu, um sie gleich darauf wieder zu öffnen. Er jammerte mir vor, dass sein tollstes Hemd, das er von mir geschenkt bekommen hat, immer noch feucht auf der Wäscheleine hing, obwohl er es am Abend unbedingt brauchte. Ich habe mich erweichen lassen und dann haben wir es gemeinsam bügeltrocken gefönt. Mit Sprühstärke und Bügeleisen habe ich dann dafür gesorgt, dass er der Schönste an diesem Abend sein konnte. Zusammen pafften wir im Bügelraum noch eine Zigarette und schmissen die Kippen ins Klo. Bevor er ging, hat er tatsächlich noch gespült.

Es gibt viele Einladungen und Verpflichtungen, nur noch selten bin ich am Wochenende zu Hause. Als Jüngste in meinem Bekanntenkreis und für die anderen fast noch ein Kind, habe ich die Feuertaufe bestanden. Ich fühle mich bestätigt und Manfred ist sich seiner Sache sicher, mit mir seine Traumfrau gefunden zu haben.

Mama und Papa sind davon überzeugt, dass Manfred sich die Kosten für seine neue Wohnung sparen kann. Schon einmal ist er am Wochenende bei uns zu Hause geblieben. Weil Papas Unterhaltungen nach Bier und Schnaps verlangen, ist Autofahren danach unmöglich. Manfred hat in meinem Bett geschlafen und ich schlief auf der Liege im Elternschlafzimmer. Das war aber nicht das, was Manfred wollte und so stand kurze Zeit später doch sein Umzug bevor. Ich bin fassungslos, dass ihm nur ein kleiner Teil seiner Einrichtung gehört. Seine Schränke sind voll mit edlen Anzügen, Hemden und Schuhen, und für jede seiner Sportarten hat er ein Nobel-Outfit. Auch in seinem ganzen Papierkram finden sieben Katzen keine Maus. Als ich versuchte, halbwegs Ordnung in sein Chaos zu bringen, habe ich zu allem Überfluss jetzt auch noch entdeckt, dass er sein Konto um dreitausend Mark überzogen hat. Er lachte mich wegen meiner Ängste aus und meinte, ich brauchte mir deshalb keine Sorgen zu machen, denn sein Dispokredit würde einen Betrag von mehr als drei mal so viel erlauben. Wie soll ich das bloß zu Hause erklären, es ist so gut wie sicher, dass meine Eltern es rausbekommen werden. Wenn sie dann noch erfahren, dass er im Spreewald geboren ist, also einer aus der Ostzone, dann ist sowieso alles aus. Dazu ist es aber nicht mehr gekommen.

Im Frühjahr erkrankte Manfreds Vater schwer. Die ganze Verwandtschaft hatte er zu sich gerufen. Manfred nahm es gelassen und sagte: ?Der Alte denkt, dass er Krebs hat, dabei ist es nur ein Blasenstein aber er verweigert die Kathederuntersuchung.? Er ist nicht davon überzeugt, dass es so schlimm um ihn steht, wie er es macht. ?Er hält Hof und will sich bedauern lassen, aber lass uns gemeinsam hinfahren, damit wir uns keine Vorwürfe machen müssen.? Wir fuhren also zu ihm nach Hause. Ich traute meinen Augen nicht, als ich im Wohnzimmer, in einem schwarzen Rahmen an der Wand den ?Mutterverdienstorden? entdeckte. Nie zuvor habe ich so etwas gesehen. Dann kam der Älteste mit Frau und Kindern. Als einziger in der Familie war er blond und Martha, seine Frau, hatte ihre Lockenwickler noch im Haar. Niemanden störte das, denn man war es von ihr nicht anderes gewohnt. Nur wenn sie das Haus verlässt, sieht sie anders aus. Offen und frei gehen die Brüder miteinander um. Der Älteste freute sich, mich zu sehen und klärte mich dahingehend auf, dass er schon befürchtet hätte, dass der Jüngste, mein Manfred, schwul wäre. Manfred reagierte noch nicht einmal.
Auch so kann Familie also sein. Zum Muttertag warteten wir wieder mit unserem Besuch auf. Emma hatte herrlichen Kuchen gebacken und ihr zweites Enkelkind musste besichtigt werden. Der Alte war wieder topfit und hatte sich inzwischen eine Geliebte genommen. Früher verkaufte sie in einem seiner Geschäfte Kartoffeln, aber Emma erwähnte es mit keinem Wort.

Ab Mai ist Segelsaison. Manfreds Freund, der Graf, hat uns zum Segeln eingeladen. Ich weiß vom Segeln nur: Blaue Klamotten, weiße Schuhe und bloß nicht an Deck pfeifen. Die Verlobte des Grafen, ein ?Fräulein Von?, ist an diesem Wochenende mit ihrer Mutter in der Oper und ohne ihre Mutter hätte der Graf die kleine Fregatte nicht. Während der Woche leitet er die Obst- und Gemüse-Abteilung in einem kleinen Warenhaus und am Wochenende schippert er über die Ostsee. Mitbringen sollten wir Fertigpulver für Kartoffelpuffer, Mineralwasser, Eier und Apfelmus im Glas, weil es wunderbar mit etwas Zimt zu verfeinern wäre. Dann gab er mir Anweisungen, wie der Gaskocher funktioniert, aber die Einweisung in die Sicherheitsvorkehrungen hat er vergessen. Nach dem Essen bot mir der Graf an, dass ich ?Arthur? zu ihm sagen sollte.

Mama und Papa waren an diesem Wochenende an der Nordsee, Manfred und ich bei Arthur und meine Geschwister allein zu Hause. Es war kurz nach der Mittagszeit, als wir wieder auf unseren Hof fuhren. Wir hörten, dass Action im Haus war. Tischler und Lackierer waren am Werk. Allein und ohne Aufsicht, hatte mein kleiner Bruder alle, die nichts Besseres vorhatten, eingeladen und eine richtige Sause veranstaltet. Als seine Kumpels dann nicht gehen wollten, hat er einfach durch die Badezimmertür geschossen. Ein faustgroßes Loch war das Resultat seiner Attacke, aber es wurde niemand verletzt. Jetzt hatte er Panik und wollte das Corpus delicti so schnell als möglich beseitigen lassen. Manfred und ich platzten mitten in diese Arbeiten hinein. Das kleine Schnubchen saß in der Wanne und heulte.
Wie immer, hatte Manfred Hunger und beschäftigte sich mit dem Inhalt des Kühlschranks. Das Bratenfleisch für den nächsten Tag schnitt er in feine Scheiben, Paprika und Tomaten verarbeitete er zu Salat und den edelsten Rotwein aus Papas Weinkeller dekantierte er zeitig vor dem Essen. Ich hatte genügend Zeit, mich meinem Schönheitsprogramm hinzugeben und dann fuhr Papas Auto irgendwann auf den Hof. Manfred hatte es sich im Sessel am Kamin bequem gemacht, die Badezimmertür war repariert und fast getrocknet und ich, als ob niemals ein Ostseewind durch meine Haare gefahren ist, war wieder frisch und strahlend. Das Roastbeef und der frische Salat waren angerichtet, was wollten meine Eltern eigentlich mehr? Sie wollten ihre Ruhe, so viel Familie konnten sie nicht verkraften.

Anstatt der lieben, freundlichen und vollbusigen Annegrets haben wir jetzt Zugehfrauen. Sie kommen drei Mal wöchentlich, beschmieren die Mahagoni getäfelten Wände mit der entsprechenden Politur und stellen ihre Schrubber in die gerade gewischten Türöffnungen. Und gerade diese neue Zugehfrau wollte bemerkt haben, dass die Toilettentür nicht mehr die gleiche war. Erst vor kurzen konnte Mama ihr beibringen, dass sie nicht mit Lockenwicklern oder Haarklipsen bei uns erscheint. Auch mit meinem Einwand, dass ihr Stiefsohn mit mir die ersten vier Schuljahre die Schulbank gedrückt hat, ließ sie sich nicht ablenken. Sie fing immer wieder von dieser dämlichen Tür an. Sie war so blöde, dass Papa neulich den Fernsehnotdienst rufen musste, weil kein einziges Programm mehr empfangen werden konnte. Der Monteur stellte lachend fest, dass sie sämtliche Knöpfe bei ihrer Putzerei verstellt hatte. Mit der wöchentlichen Abrechnung und der üblichen Erdbeer-Sahneschokolade bekam sie ihre fristlose Kündigung.
Ab Montag wird hier im Haus ohne sie für Sauberkeit gesorgt. Mama und Papa meinten, die Putzübungen wären gut für meine zukünftige Rolle und so wische, sauge und poliere ich jetzt von Montag bis Donnerstag. Was soll ich sonst auch nach meiner Arbeit machen? Mir reicht es, wenn ich mich auf Freitag, Samstag und Sonntag freuen kann, doch so viel Freude, da ist man der Ansicht, würde mir auf die Dauer nicht bekommen.
Wie oft hat Elsa mich in dieser Zeit vollgejammert und ich gebe ihr den Rat: ?Dann heirate doch.? Sie lachte mich aus und fragte: ?Und wer putzt dann?? Wie früher, erzählen wir ganze Nächte lang, sie schreibt nicht mehr viel auf, sie erzählt es mir jetzt einfach. In unzähligen frühen Morgenstunden schimpfe ich mit mir und manchmal auch mit ihr. Wieso kann sie nur, wenn alle ihre Träume träumen, so oft bei mir sein?

Als ob sie meinen Vorwurf gehört hat, vergingen viele Nächte ohne auch nur ein Wort von ihr. Fast mache ich mir jetzt ein bisschen Sorgen und ich weiß nicht so recht, ob sie es war, die gerade mit mir gesprochen hat oder ob mir nur etwas eingefallen ist. Also widme ich mich wieder ihrem Tagebuch:

Nächte liege ich wach und mache mir Gedanken. Es ist so schön und trotzdem irgendwie beängstigend. Manfred kommt müde und schlecht gelaunt an den Wochenenden mit einer Tasche voller Unterlagen und das bedeutet dann meistens, dass unsere wertvolle Zeit verplant ist. Ich darf nicht stören, er ist einfach nur genervt. Er nörgelt an mir herum, meckert über Kleinigkeiten. Von der letzten Messe brachte er mir einen großen Kasten der neuen heizbaren Lockenwickler und ein elektrisches Maniküregerät mit. Er sagte, wenn ich Langeweile hätte, wäre das doch eine tolle Beschäftigung für mich und fragte in diesem Zusammenhang, weshalb ich nicht, wie Mama, stricken würde?

Meine Tränen bremst er mit ?Elsa, sei ein liebes Kind, ich habe noch zu tun?. All seine Kontakte wären geschäftlicher Natur. Bei mir legt er Wert auf gepflegte Garderobe, am liebsten sieht er mich in den noblen Kleidchen, die Mama für mich gekauft hat. Die Kinder seiner Geschäftspartner sind so alt wie ich. So gerne würde ich mal in eine der neu eröffneten Diskotheken gehen, aber wenn ich solche Wünsche äußere, lacht er mich jedes Mal aus. Bestimmt ist er böse, wenn ich die Tochter seines Geschäftsfreundes frage, ob sie Lust hat, mit mir was zu unternehmen. Ich bin sicher, dass sie auch gerne mal mit mir ausgehen würde, aber ich traue mich gar nicht erst zu fragen, vielleicht später, wenn wir verheiratet sind.

Jetzt ist mir klar, weshalb Elsa nicht mehr mit mir spricht. Sie weiß, ich würde lachen und ihr raten: ?Bleib bei mir, heiraten kannst Du auch später noch, wann hörst Du endlich auf, auf alles hereinzufallen, was da draußen am Wegesrand steht?? Elsa wünscht sich, dass sie ich wäre, doch dazu fehlt ihr der Mut.

Die Planung für das erste SB-Warenhaus ist beendet und man schickt Manfred quer durchs Land. Köln, Mainz, Worms und von Nord nach Süd. Er erwartet, dass ich mir die Zeit nehme, ihn auf allen seinen Reisen zu begleiten. Jetzt hat Papa mit ihm ein Wort von Mann zu Mann gesprochen und ihm unmissverständlich klar gemacht, dass ich immerhin noch Familie habe, berufstätig bin und es darüber hinaus für ihn noch etwas zu regeln gibt. Trotzdem erwartet Manfred, dass ich ihn in meinem Urlaub begleite und mich seinen Geboten füge.

Bei Bier und Schnaps wurde ich jetzt verlobt, auch wenn dieses Ereignis eigentlich erst in drei Wochen stattfinden sollte. Weit entfernt und ohne Zeugen feierten wir unser Eheversprechen in Eltville. Mama und Papa ist somit die Ausrichtung einer Feier erspart geblieben und Manfred das ganze Drumherum. Fast war es wie bei meinem Abschlussball in der Tanzschule: Mama ist vorher mit mir einkaufen gegangen und hat mich dem Ereignis entsprechend ausstaffiert. Sie hatte vor, an unserem Verlobungstag mit Papa einen ausgedehnten Waldspaziergang zu machen. Allerdings bestanden meine Eltern auf einer Zeitungsanzeige, was auch Manfreds Unterstützung fand.

Aus Mamas und Papas Waldspaziergang wurde leider nichts, denn unangemeldet stand Oma vor der Tür. Sie brüskierte sich darüber, dass ich noch nicht einmal volljährig wäre und ich mich jetzt, fast noch als Kind, mit diesem alten Mann verlobt hätte. Sie wollte wissen, wie meine Eltern damit fertig werden und fragte, wo in aller Welt denn nur Eltville liegt? Oma konnte es nicht fassen, dass all das mit meinen Eltern abgesprochen war. Anstatt des versprochenen Schlafzimmers gab es lediglich eine versilberte Suppenkelle zu unserer Verlobung. Unsere Familie ist jetzt so zerstritten, dass wir von Oma noch nicht einmal eine Karte bekommen haben.

Seit wir aus unserem Verlobungsurlaub wieder zu Hause sind, schalten meine Eltern auf stur und tun so, als ob sie die ganze Sache nichts angeht. Von einer nachträglichen Feier ist nicht mehr die Rede, aber ich bin eben nur ein Mädchen. Ich habe den Eindruck, dass sie nur darauf warten, dass ich auch möglichst bald heirate, damit sie dann endlich Ruhe vor mir haben.

Manfred und ich haben eine Wohnung gefunden und schmieden jetzt eifrig Hochzeitspläne.
Meine Eltern haben mein Sparbuch nicht mir ausgehändigt, sondern Manfred, weil er ihrer Ansicht nach mehr Verstand hat als ich. Wir sind gerade dabei, Pläne für unsere neue Wohnung zu schmieden und mein Ehemann in spe diktiert die Ausstattung. Er bestimmt das Design der Teppichböden und die Farben der Wände. Unsere Gardinen sind in Mamas Hand und die goldgelbe Einbauküche, ein Messemodell mit abgerundeten Kanten, steuert Papa bei. Der Inhalt der Schränke, einschließlich Dosen­öffner, Korkenzieher, reichlich Geschirr und mehr Wäsche, als ein großer Haushalt erfordert, lagerte seit Jahren in meinen Schränken. Es gefällt mir alles immer noch sehr gut und ist tutti completto.

Wir haben die Hochzeit nicht groß gefeiert und ich habe auch nicht in Weiß geheiratet. Außer der anzuheiratenden Großfamilie kamen ein paar Bekannte und unsere Polterhochzeit war fast wie ein Treffen von Papas Geschäfts­freunden. Conny aus der Schweiz schickte ein seitenlanges Telegramm. Gerichtstermine hinderten ihn, zu kommen. Ich bin froh, dass ich diesen Tag hinter mich gebracht habe und träume davon, endlich meine Freiheit genießen zu können. Ich möchte wirklich mal stressfrei in eine dieser neuen, riesengroßen Diskotheken. Aber immer noch dominiert bei meinen Gefühlen die Angst. Passend zu meiner inneren Verfassung stürmte und schneite es auch Anfang April am Tag unserer standesamtlichen Trauung.

In all diesen Tagen bin ich Elsa ganz nahe. Bei der Auswahl des Familien­Stammbuches gab es den ersten Streit. So gerne hätte sie das dunkelblaue aus Wildleder gehabt aber Manfred bestand auf dem Exemplar aus spießig rehbraunen Glattleder, weil die Erfüllung ihres Wunsches zehn Mark teurer gewesen wäre. Auch als Papa dafür gesorgt hat, dass ihr neuer Personal­ausweis am Tage der Trauung, um zwölf Uhr bei der Stadtverwaltung bereit lag, regte er sich auf, weil bei der Adressenumschreibung im neuen Wohnort noch einmal Gebühren fällig geworden sind. Hätte Mama ihm nicht bei der Auswahl der Trauringe beratend zur Seite gestanden, wäre Elsa niemals zu einem Ehering mit Beisteckring gekommen. Der Diamant war zwar mickrig aber trotzdem lamentierte Manfred, dass eine so junge Frau Derartiges nicht braucht.

Die Polterhochzeit war vorbei, seine Familie schenkte uns ein Bild mit einem kahlen Baum an dem, anstatt der Blätter, viele Geldscheine hingen. Am Morgen vor der standesamtlichen Trauung teilte Manfred mir mit, dass er Emma dieses Bild gern zurückgeben würde. Zu meiner Verwunderung habe ich aber festgestellt, dass er das schon am Abend zuvor gemacht hatte. Also gab es von seiner Familie kein Geschenk, und mir wurde bewusst, dass ich auch von Manfred, bis auf sein überzogenes Konto, nichts bekommen habe.
Mittags hatte Elsa geheiratet und abends vor dem Spiegelbild drang mein Blick in sie hinein: ?Hast Du niemals daran gedacht, Nein zu sagen? Du hast doch daran gedacht, weshalb hast Du es nicht getan?? ?Dann hätte ich bestimmt wieder in den Keller gemusst.? ?So gerne, wie Du im Keller warst, hätte es doch nicht schlimmer werden können, Du hättest Zeit für Deine Träume gehabt und niemand hätte Dich gestört. Die Kirschen und das schöne Schaukelpferd, weißt Du, was Du da aufgegeben hast?? Elsas Augen lächelten ?ich träumte immer noch, dass es etwas schöneres als den Keller geben musste und da dachte ich, ich versuche es einfach mal.? Ich sage nur ?armes Kind? und lasse sie allein.

Vor mir sehe ich die kleine Elsa. Vier Wochen hatte sie jeden Tag geübt, die richtige Betonung und auch die Körperhaltung waren perfekt und dann kam ein Mann mit seinem ?Ho, ho, ho? und alle Mühe war umsonst. Eine Puppe war ihrer Mühe Lohn.
Die große Elsa hatte ein Jahr geübt, nie ein verkehrtes Wort, alles mit der richtigen Betonung und immer nur der eigene Text. Papas ?Junge, Junge? hatte sie überhört und Mamas spitzes Mündchen nicht gesehen und heute Abend geht sie freiwillig in den Keller, weil die Wäsche trocken ist und noch gebügelt werden muss.
Dabei gab es die nächsten bösen Worte. Besteck und Kristallgläser besaßen sie mehr als nötig, aber ein Bügelbrett fehlte. Sie war mit allem ausgestattet, was ein Mädchen aus gutem Haus nur haben konnte, Pelze, Perlen und Seidenwäsche, nur nicht mit dieser Kleinigkeit. Mit einem lauten ?Ho, ho, ho? lachte dieser Mann, worin sie denn da ein Problem sehen würde, es wäre ja wohl üblich, auf dem Tisch zu bügeln. Genau so ein Theater machte er um das Telefon. Er hatte zu Hause nicht zu telefonieren und Elsa könnte doch schreiben, die Kosten könnten sie sich gut sparen. Gerade war er in einem neuen Anzug nach Hause gekommen, weil er sich mal etwas gönnen wollte. Die dazu passenden Schuhe trug er noch in einem noblen Paket unter dem Arm. Für den nächsten Tag hatte er sich zum Reiten verabredet und da er auswärts essen wollte, tröstete er sie großherzig damit, dass sie nicht zu kochen brauchte. Ein einziges Mal schrieb Elsa einen Brief und ließ die Bügelwäsche stehen. Papa überraschte sie mit einem Bügelbrett und sorgte auch dafür, dass endlich ein Telefonanschluss ins Haus kam.
Für eine Hochzeitsreise war keine Zeit, die sollte irgendwann später nachgeholt werden, dafür kamen ständig irgendwelche blöden, alten Leute, denen er den Hausrat vorführte. Oft kam es Elsa so vor, als ob es selbst bei Mama und Papa lustiger war. Abends gingen sie früh ins Bett, über ihr Tagebuch machte er sich lustig und sie traute sich nicht mehr, zu schreiben.

Überall war Tanz in den Mai. Zwei Tage hatte sie gebettelt, um ihn endlich dazu überreden zu können, mal was gemeinsam zu unternehmen. Als er sich irgendwann überreden ließ, saß er wie angenagelt zwischen all den lustigen Leuten. Tanzen wollte er nicht, der Wein war ihm zu süß und um elf Uhr drängelte er zum Aufbruch. Erschöpft und müde schlief er bis weit in den nächsten Tag, um dann, ganz eilig wieder zum Reiterhof zu fahren. Es wurde bereits draußen hell, als Elsa ihn hörte.
Wir hatten endlich wieder einmal Zeit, eine ganze Nacht lang zu tuscheln und ich brenne darauf, ihre Tagebücher weiter zu lesen.

Es ist Frühsommer und Manfred kommt mit Karten für das Autorennen auf dem Hockenheimring: VIP-Lounge für zwei Personen, ein Geschenk einer Werbeagentur. Elsa freut sich wie ein kleines Kind auf dieses Wochenende.
Ganz früh war sie an diesem Morgen aufgestanden. Ohne zu fragen, hat sie sich die tolle, orangerote Hose mit den vier großen, am Bein aufgesetzten Taschen und den breiten Trägern gekauft, dazu passend das T-Shirt mit dem verrückten Ausschnitt und Krempelärmeln. Die bunten Schuhe mit den hohen Plateauabsätzen waren das I-Tüpfelchen zu ihrem neuen Outfit. Ihr Haar war inzwischen so lang, dass sie es mit einem bunten Band zusammenbinden konnte. Sie fühlte sich glücklich und schrieb nach langer Zeit wieder an ihrem Tagebuch.

Endlich ist auch Manfred aufgestanden. Es dauert ewig, bis er am Frühstückstisch erscheint. Blauer Anzug, Clubkrawatte, nur Schirm und Aktenkoffer fehlten noch. Ich bin entsetzt und er meckert herum: ?Warum bist Du immer noch nicht fertig?? Als ich ihm sage, dass ich fertig bin, verlangt er auf der Stelle von mir, dass ich mich umziehe und meine Haare offen trage. Also bin ich wieder ein braves Mädchen und ziehe mein rotes Kleid an. Er hat noch nicht einmal gemerkt, dass ich es mir heimlich um zwanzig Zentimeter gekürzt habe. Die Fahrt nach Hockenheim verläuft schweigsam und so ist die Unterhaltung aus dem Radio immerhin besser, als gar keine. Als wir ankommen, ist er stinksauer, weil die Parkplätze so weit vom Eingang entfernt sind. Ich lache innerlich und reagiere mit der zynischen Antwort, dass sein Gönner vielleicht doch nicht so gönnerhaft war, wie er dachte und an der Sänfte für ihn persönlich gespart hat. Verbis­sen und schweigsam verfolgt er das Rennen und selbst die Fröhlichkeit der anderen Zuschauer steckt ihn nicht an. Sofort nach dem offiziellen Rennende schnappt er meine Hand und im Dauerlauf rennen wir wieder zum Parkplatz. So gerne hätte ich die tolle Atmosphäre noch ein wenig genossen. Aber Manfred war der Auffassung, dass die Wahrscheinlichkeit, im Stau stehen zu müssen am geringsten ist, wenn er gleich nach Rennende fährt.

Wir standen im Stau. Manfred schimpfte und ich hatte wieder schlechte Karten. Die Hitze kochte und trotzdem konnte ich ihn zu keiner Rast bewegen. Woher sollte ich auch wissen, dass er unbedingt noch zum Reiten wollte? Ich weiß nicht, ob ich mehr ärgerlich oder gekränkt war. Zu Hause habe ich mich gleich umgezogen und mir wieder einen Zopf gemacht.
Manfred ist so doof und hat nur schlechte Angewohnheiten. Wie schon so oft, ist er mit einem Buch in der Toilette verschwunden, einfach ekelhaft, hoffentlich bleibt er für immer dort. Dann klingelte es, bei uns ungewöhnlich für einen Sonntagnachmittag. Als ich öffne, steht ein fremder Mann vor mir, klein, verschwitzt aber freundlich lächelnd fragt mich, ob der Papa zu Hause ist. Ich wusste genau, wen er meinte, und als Mädchen aus gutem Hause bat ich ihn herein. Ich sagte ihm, dass mein Vater in Hannover ist und auf seine Frage, wann er denn zurückkommt, antwortete ich brav: ?Bestimmt zu meinem Geburtstag.? Der Mann war verunsichert und sagte, dass er doch im Warenhaus mit ihm gesprochen hätte und er eindeutig an der richtigen Adresse wäre. Er wollte den unterschriebenen Vertrag für seinen gekauften Schrank abgeben und ich sollte ihn netterweise meinem Vater aushändigen. Erleichtert stimmte er in mein Lachen ein und ich antwortete ihm, dass ich meinem Mann den Vertrag aushändigen werde.

Elsa steht lachend hinter mir. ?Weißt Du noch, wie sich Manfred aufgeregt hat. Ich konnte doch gar nichts dazu, dass mich dieser Mann für seine Tochter hielt. Wütend ist er zu seinem Reitstall gefahren und kam dann spät abends humpelnd und müde wie ein Greis nach Hause. Er war sauer über mein Verhalten und unterstellte mir, dass ich ihn nur bloßstellen wollte. Was hatte er nur für komische Gedanken - ich wollte ihn wirklich nicht bloßstellen, ich wollte ihm einfach nur eine Quittung für mein versautes Wochenende verpassen.

Ich bin mir fast sicher, dass sie nicht nur glaubte, dass ihre Wochenenden versaut waren, sie war unglücklich und machte ihrem Herzen mit ihren Tagebucheintragungen Luft:

Ganz früh sind in diesem Jahr die Kirschen reif. Dicht am Haus, nur den Feldweg entlang, ist eine große Plantage. Kürzlich bin ich schon einmal dort gewesen, die ersten Kirschen schmeckten wunderbar. Heute habe ich Manfred überredet, mit mir dort hinzugehen und weil ich ihm gleichzeitig gesagt habe, dass er sich zum Kirschenklauen bestimmt schon zu alt findet, ist er sicher gerade deshalb mitgekommen. Es war herrlich, unsere Bäuche waren prall und dick und wir hatten beide keinen Appetit mehr aufs Abendessen. Der Obstbauer kam in einem großen Jeep angebraust, hupte, winkte und rief etwas Unverständliches. Eigentlich sah er gar nicht zornig aus und einen Knüppel hatte er auch nicht in der Hand. ?Manfred, der Kirschendieb?, wollte nur schnell weg und schubste mich durch die Weißdornhecke. Ich bin am ganzen Körper zerkratzt. Er wütete und wetterte und sagte, dass man von mir auch nichts Anständiges erwarten kann. Daraufhin habe ich ihm spontan in die Hand gebissen, ganz tief, bis Blut kam. Als wir wieder zu Hause waren, konnte ich seinen Anblick irgendwie nicht mehr ertragen und bin gleich ich in den Keller gegangen, um die trockene Wäsche von der Leine zu nehmen. Ich glaubte, die Haustürklingel gehört zu haben und als ich nachschaute, stand, für mich völlig über­raschend, der Obstbauer vor der Tür. Vor lauter Lachen hatte er Probleme, überhaupt einen klaren Satz herauszubringen. Er fragte, ob wir denn die großen Hinweisschilder nicht gesehen hätten. Die Kirschen waren frisch gespritzt und vorerst nicht für den Verzehr geeignet. Er versprach mir Würmer ohne Ende und verriet mir dagegen das richtige Mittel. Mir ging es aber noch gut und deshalb lud ich ihn ein, mit mir ein Glas Wein zu trinken, um mich so wenigstens für seine Nettigkeit zu revanchieren. Manfred hat von seinem Besuch gar nichts mitbekommen, er saß inzwischen längst wieder auf seinem Pferd. Das Mittel gegen die Würmer habe ich ihm unterschlagen und als er mir hochnotpeinlich von seinen Beschwerden berichtete, gab ich einfach den Pferden die Schuld.

Inzwischen ist er mehr als fies geworden, er fragte mich doch tatsächlich, wie lange ich noch ?Frau Direktor? spielen will. Ich habe ihm gesagt, dass ich es nicht spiele, weil ich schließlich seine Frau bin. Fassungslos hat er mich daraufhin angesehen, denn er kannte es bisher nicht von mir, dass ich mich in der Tonart vergreife. Es geht mir einfach alles auf den Keks. Kaum ein Sonntag vergeht, an dem nicht zwei seiner Brüder aus dem Achterpack bei uns auftauchen. Sie hupen und rufen, eine Klingel kennen sie nicht. Dann sitzen sie beisammen und tuscheln und geben mir das Gefühl, als ob ich Luft für sie bin. Wenn sie dann abends endlich abhauen, ist der Kühlschrank leer, die Wohnung ein vollgequalmtes Chaos und ich stehe vor einem Berg von benutztem Geschirr und mein Göttergatte geht reiten.

Es hat lange gedauert, bis ich bemerkt habe, dass auch Manfreds Bankkonto ein Chaos ist. Jetzt ist mir klar, worüber sie immer getuschelt haben, immer ging es nur ums Geld. Als ich endlich den Mut gefasst habe, Manfred nach unserer finanziellen Situation zu fragen, wurde er mehr als ausfallend. Er hat sich verbeten, dass ich mich in seine Angelegenheiten mische und meinte, dass es schließlich seine Sache ist, was er mit seinem Geld macht und dann sagte er, dass er mein Auto verkaufen will. Dabei korrigierte er sich im gleichen Moment und sagte, dass er es schon verkauft hat, weil er ja einen Dienstwagen fährt und ich auch gut ohne Auto auskommen kann. Für Emma hat er ein neues Fernsehgerät gekauft und seinen dämlichen Brüdern für allen möglichen Firlefanz finanziell unter die Arme gegriffen. Er isst von meinen Tellern, trinkt aus meinen Tassen und schläft in meinen Kissen und zur Krönung hat er jetzt auch noch mein Auto verkauft, es reicht mir!

Jeden Mittwoch geht Mama ins Theater und dann ruft Papa regelmäßig bei mir an. Es ist ihm nie aufgefallen, dass ich meistens allein zu Hause war. Für ihn bin ich immer noch die Kleine mit den Storchenbeinen, Schwanenhals und Schnittlauchhaaren. Bei unserem letzten Telefonat hat er an meiner Art gemerkt, dass irgend etwas an mir anders ist als sonst. Ich habe ihm erzählt, dass ich ab Montag wieder arbeiten gehe und meine Arbeitsstelle nur fünf Busminuten von zu Hause entfernt liegt. Als er fragte, weshalb ich denn nicht mit dem Auto fahre, habe ich ihm erzählt, dass Manfred es verkauft hat. Das alles hat ihn stutzig gemacht und deshalb stand er jetzt am Samstag bei mir vor der Tür. Über den Autoverkauf ist er total wütend. Um Manfred zu ärgern, hat er ganz spontan einen kleinen schnuckeligen Flitzer, ockergelb, mit Schlafaugen, besorgt, der ab Montag meiner ist.
Fünftausend Mark hat Papa angezahlt und vereinbart, dass ich den Rest mit zwölf Wechseln über fünfhundert Mark ausgleiche. Mein Versprechen, Mama nichts davon zu erzählen, fällt mir nicht schwer aber wenn ich Papa jetzt erzählen würde, dass Manfred an den Wochenenden ganz einfach mit meinem Auto zum Reitstall fährt, kommt er und haut ihm die Nase platt.

An jedem der letzten Wochenenden hatten wir Besuch von Manfreds Bruder, ausgerechnet von dem, der mir am unsympathischsten von allen ist. Sie tuscheln und wenn ich in der Nähe bin, werden sie plötzlich still. Ich konnte nur hören, dass es um dreißig Mille ging und Manfred sagte, dass er über diese Kleinigkeit nur lachen kann, denn die hätte er schnell besorgt. Ich habe jetzt herausbekommen, dass sein Bruder eine Kneipe oder besser gesagt, ein Tanzcafé übernehmen will und dass ihm dazu noch jede Menge Geld fehlt. Die Krönung passierte am letzten Sonntag, als Manfred tatsächlich den Vertrag mit dem Vermerk ?vorbehaltlich der Finanzierung? mit unterschrieben hat.

In der letzten Zeit sind ständig irgendwelche Mahnungen über unbezahlte Rechnungen gekommen und am Freitag sogar ein Mahnbescheid. Das Geld aus dem Verkauf meines Autos hat also nicht gereicht aber irgendwie versuche ich mich zu trösten und frage mich, was ich damit zu tun habe. Am Montag hat Manfred die Kaltschnäuzigkeit besessen, und vom Büro aus bei Papa angerufen um ihn um die Kleinigkeit von dreißig Mille anzupumpen. Papa kann der großzügigste Mensch auf der Welt sein, von sich aus schenkt er gerne, aber er arbeitet nicht für die Eskapaden seines Schwiegersohnes und dessen seltsame Brüder und erst recht nicht für eine Kneipe. Als er mich abends angerufen hat, um mir die Story zu erzählen, bin ich aus allen Wolken gefallen. Ich schäme mich entsetzlich und bin im Nachhinein froh, dass ich allein zu Hause war. Manfred kam erst wieder in den frühen Morgenstunden zurück.

Am Montag freute ich mich auf meinen Job. Ich frühstückte, stylte mich und Manfred lag noch in seligem Schlummer. Klar, er ist Direktor und niemand schreibt ihm vor, wann er zu kommen und zu gehen hat aber die Direktoren, die ich bislang kennen gelernt habe, waren immer schon am frühen Morgen da und nie habe ich erlebt, dass einer von ihnen während der Arbeitszeit zum Reiten ging.

Am Freitagabend kam Papa überraschend. Er wollte für ein paar Tage Urlaub in Tirol machen, aber nicht, ohne sich vorher noch von mir zu verabschieden. Die dreißig Mille liegen ihm im Magen und er fühlt sich von seinem Schwiegersohn getäuscht. Er kann auch nicht verstehen, weshalb ich geheiratet habe, um jetzt doch den ganzen Tag im Büro zu sitzen. Er meint, dass ich es da zu Hause besser gehabt hätte. Ich denke an die männerlose Zeit und wie schön es doch auch oft mit Papa war. Jetzt leistet er Aufbauarbeit an meiner Seele. Er hat mich zum Essen eingeladen und hinterher bin ich mit ihm tatsächlich noch in eine Diskothek gegangen. Es war einfach unbeschreiblich schön und ich habe nicht eine Minute an Manfred gedacht. Auf dem Heimweg sind wir lachend und albern durch die schlafende Stadt gegangen. Überall Springbrunnen, Teiche und in dem kleinen Fluss spiegelte sich der Mond. Wir waren fröhlich und ausgelassen und lachten bis zum Schlafengehen. Papa hat bei mir übernachtet und auch am Frühstückstisch war unsere gute Laune noch nicht verflogen. Papa fuhr los und machte eine Stippvisite im Warenhaus, weil er Manfred lange nicht gesehen hatte. Er strich durch die Regale und nichts Böses ahnend, wurde er dabei vom Hausmeister beobachtet. Er meldete Papa als gut gekleidete, verdächtige Person, die zwischen den Regalen herumscharwenzelt und nichts kauft im Chefbüro. Hier bekam er jedoch Entwarnung. Manfred hat ihm gesagt, dass sein Schwiegervater stehen und gehen kann wo er will und dass er sich lieber seinen eigentlichen Aufgaben widmen soll. Nie hätte ich gedacht, wie sehr in Papa das Kind im Manne steckt, denn es hat mich fast umgehauen, als er mir sagte, dass er fünf Literflaschen des billigsten Spülmittels mitgehen lassen hat, weil bestimmte Sachen nur mit Geklautem richtig Spaß machen.
Am späten Nachmittag las er Manfred ordentlich die Leviten. Manfred sagte kein Wort und täuschte abends Arbeit vor. Es war schon fast nach Mitternacht, als ich mit Papa noch mal raus ging, um noch ein bisschen frische Luft zu inhalieren. Die Stadt war still und menschenleer. Dann ging Papa zum Auto, holte seine fünf Literflaschen und startete zum Angriff auf Bäche, Teiche, Brunnen und den kleinen Fluss. Ich wusste nicht, ob ich lachen oder weinen sollte, so kindisch und ausgelassen habe ich ihn noch nie erlebt. Erst als er das Spülmittel bis auf den letzten Rest geleert hatte, fuhren wir wieder nach Hause.
Am nächsten Morgen war Papa früh wach, denn seine Neugier hielt ihn nicht mehr im Bett. Obwohl die Sonne schien, war es sehr windig, genau das richtige Wetter, um die Wirkung des Spülmittels optimal zu entfalten. Als Papa zurückkam, erzählte er mir begeistert, dass Menschenmassen in der Stadt unterwegs waren, um das Schauspiel zu bewundern. ?Durch die Einkaufsstraße fliegt der Schaum und alle Brunnen sehen aus wie riesige Watteberge,? freute er sich, wie ein kleines Kind.
Irgendwie hat Manfred Wind von unserer Aktion bekommen und droht uns jetzt mit der Polizei. In der Montagsausgabe der Tageszeitung steht, dass jugendliche Rowdys die Stadt unter Schaum gesetzt haben und dass die Reinigung der Gewässer den Etat der Verwaltung erheblich ins Wanken bringt.

Tagelang hat Manfred nicht mit Elsa gesprochen und jetzt lacht sie beim Lesen dieser Zeilen und steht doch ängstlich hinter mir. Den Zeitungs­ausschnitt habe ich heute noch und Elsa meint, dass ich es streichen soll, weil so etwas niemanden etwas angeht. Ich weigere mich strikt und beruhige sie: ?Elsa, das ist dreiunddreißig Jahre her, die Schandtat ist verjährt und heute darf es jeder wissen?. Wie gerne würde ich heute mit ihr zusammen auch einmal solche Dinge tun.
?Jetzt lerne ich Reiten?, so beginnt die ne ueSeiteinihremTagebuch.
Ichhabe wirklich Angst vor Pferden aber Reiten finde ich nicht so schwer wie das Gitarre spielen. Ich hatte zwei Reitstunden in der Halle und jetzt muss ich raus in die freie Natur. Ich glaube, das Pferd hat Mitleid mit mir, es ist so hoch und ich habe Schwierigkeiten mit dem Aufsitzen. Wenn ich mich von den anderen unbeobachtet fühle, gehe ich mit meinem Pferd dicht an das Gatter und steige von dort aus auf. Es reicht doch, dass ich weiß, wie es eigentlich richtig ist. Mittlerweile macht es mir sehr viel Spaß, und ich darf jetzt schon an Ausritten teilnehmen. Es klappt wirklich gut und trotzdem bin ich heute schwer lädiert. Als wir nach unserem Ausritt schon fast wieder den Reiterhof erreicht hatten, saßen Kinder an einer dichten Schlehenhecke am Feldweg und klapperten mit irgend welchem blöden Kram. Mein braves Pferd hat sich total erschrocken und mich im hohen Bogen abgeworfen, dabei fiel ich genau auf meinen Allerwertesten. Von den Zehen- bis zu den Haarspitzen tut mir alles weh, es ist, als ob ich in Brennnesseln gefallen wäre. Mit Mühe konnte ich mein Pferd wieder am Halfter zum Stall führen. Diese blöden Gören! Manfred hat sich kaputt gelacht und posaunte im Reiterkasino laut herum, dass ich auf den Arsch gefallen bin. Trotzdem habe ich noch, wie es sich gehört, linkshändig den Reiterschnaps getrunken und ihn dann einfach stehen lassen und bin nach Hause gefahren.

Immer noch tut mir alles weh. Vorsichtshalber habe ich einen Arzt aufgesucht. Der flaxte herum und meinte: ?Ja Mädchen, Sport ist Mord, dann leg Dich mal auf die Liege.? Ich habe mich also bäuchlings auf dieses komische Ding gelegt auf dem der ganzen Länge nach in der Mitte ein Spalt war und nach jedem Viertel ein paar Löcher. In die obere Ausbuchtung passte meine Nase. Dann sollte ich ein- und ausatmen und er drückte währenddessen meine Wirbel mit der Hand. Dabei stellte er fest, dass meine Beine unterschiedlich lang waren. Beim Aufstehen umfasste er mit der einen Hand mein Kinn, die andere legte er in meinen Nacken, so, als ob er mich küssen wollte, und dann knackte es und tat höllisch weh. Seine Diagnose: ?Also, junge Frau, nie wieder aufs Pferd, mehr als einmal kann ich das nicht machen!? Am liebsten hätte ich ihn dafür umarmt, zumal meine Schmerzen jetzt wie weggeblasen waren. Für den Fall, dass ich doch wieder Probleme bekommen würde, gab er mir ein Rezept. Mit allem hatte ich gerechnet, nur nicht mit Scheidenzäpfchen. Ich befolgte den distanzierten Rat des Apo­thekers und las sorgfältig die Gebrauchsanweisung. Acht Tage, zwei Mal täglich, kein Wannenbad, keinen Verkehr und keinen Alkohol, danach eine Nachuntersuchung des behandelnden Arztes. Ich habe mich wirklich ganz genau an alle Anweisungen gehalten und als die Packung aufgebraucht war, ging ich wieder zu meinem Arzt. Ich habe ihm erzählt, wie toll die Zäpfchen gewirkt haben. Als ich ihn dann fragte, ob ich denn jetzt endlich wieder baden dürfte, nahm er bedenklich meine Hand und versuchte mir freundlich zu erklären, dass man Tabletten immer mit Wasser schlucken muss. Er hat mir einfach nicht geglaubt und lässt seitdem seine Rezepte mit der Schreibmaschine tippen. Er hat mit dem Apotheker telefoniert aber ich habe nie erfahren, was die Zäpfchen eigentlich bewirkt haben. Der Apotheker ist jetzt immer ganz besonders freundlich zu mir.

Ganz ohne Grund nahm ich vom Büro aus einen anderen Weg nach Hause. Manfred war zur Messe und ich war drei Tage allein. Seltsam, sein Auto stand auf dem Reiterhof, obwohl er doch gar nicht da war. Ich kam gar nicht auf die Idee, anzuhalten und bin direkt nach Hause gefahren. Ich wartete auf seinen Anruf und wollte ihn nicht enttäuschen, falls er versuchen würde, mich zu erreichen. Als das Telefon klingelte, war es Papa. Natürlich, es war Mittwoch und Mama war im Theater. Bestimmt hatte Manfred auch schon versucht, mich anzurufen. Als ich Schlafen ging, hatte ich ein wirklich schlechtes Gewissen. Am nächsten Morgen rief er mich im Büro an und erzählte mir, dass er mit Geschäftsfreunden Essen gegangen war und einfach die Zeit vergessen hatte.
Komisch, heute steht sein Auto schon wieder auf dem Reiterhof. Wenn er morgen nach Hause kommt, werde ich ihn darauf ansprechen.
Als er zu Hause eintraf, war er müde und geschafft und ist gleich ins Bett gegangen. Gedankenverloren habe ich noch ein paar Hemden für ihn gebügelt und als ich danach ins Wohnzimmer ging, glaubte ich zu träumen. Auf unserer Anrichte stand ein prächtiger Vogelkäfig mit einem kleinen gelben Piepmatz und einem Zettel ?damit Du nicht immer so alleine bist?. Ein Beweis dafür, dass er mir nie zugehört hat, denn sonst wüsste er, dass ich Vögel überhaupt nicht mag. Ich traue mich nicht einmal, sie anzufassen und finde einen Käfig mit Inhalt so etwas von piefig, wie es schlimmer schon gar nicht mehr geht. Der kleine Kanarienvogel kann nichts dazu, und so, als ob er sich für sein Dasein entschuldigen wollte, trällerte er ein Lied. Weshalb ich ihn Adrian nenne, weiß ich auch nicht, vielleicht, weil ich den Namen genauso scheußlich finde, wie diesen kitschigen Käfig. Er hängt. an einer langen schmiedeeisernen Kette an der Decke.

Samstag war ich mit Manfred in der Stadt. Wir saßen in unserem Lieblingscafé, es hat ein herrlich plüschiges Ambiente und genauso ist auch das Publikum, nur alte Leute. Weil ich für mein Leben gern etwas mitgehen lasse, habe ich dort das kleine silberne Sahnenäpfchen so ganz aus Versehen in Manfreds alberne Handtasche, die er neuerdings so gerne trägt, gesteckt. Ich fand, es war genau das Richtige für Adrians Futterkörnchen. Während ich es zu Hause poliert und auf Hochglanz gebracht habe, hat er mordsmäßig geschimpft. Als ich ihm dann noch gesagt habe, dass ich das Ding in seine Tasche gesteckt habe, als er auf der Toilette war, fuhr er wütend zum Reiterhof. Adrian und ich hatten einen vergnüglichen Abend und die Körner aus dem silbernen Behältnis schmecken ihm saugut.
Trotz der blöden Geschichte waren wir am Sonntag im Kino. Es gab ?Spiel mir das Lied vom Tod? und danach Pizza mit eisgekühltem Frascatella. Die italienische Mama meinte, dass Manfred aussieht wie Charles Bronson und entsprechend hoch war sein Trinkgeld.

In vierzehn Tagen holen wir unsere Hochzeitsreise nach. Wir fliegen auf die Balearen. Früher war ich mal mit Papa dort, es war ein herrlicher Urlaub, wenn er nur nicht immer fotografiert hätte. Ich musste das Stativ schleppen und vor Palmen, Kakteen und allem was blühte, Modell stehen. Bis er das Stativ aufgestellt und den richtigen Blickwinkel gefunden hatte, standen meistens schon viele Leute da und schauten uns zu. Sicher haben sie gedacht, dass wir zu einem Filmteam gehörten.

Genau so, wie ich mich auf unsere Hochzeitsreise gefreut habe, genau so mies war sie dann auch. Am zweiten Tag ging Manfred mit anderen Touristen zum Eselreiten und danach lahmte er die restlichen Urlaubstage am Pool. Wenn er gut gelaunt war, durfte ich allein an den Strand, ging es ihm schlecht, war ich entweder für ihn unterwegs um Medikamente zu besorgen oder harrte pflichtbewusst an seinem Bett aus. Die Moonlight-Diskothek habe ich nie von innen gesehen und die Strandpromenade bei Nacht kannte ich nur vom Erzählen. Am Tage des Rückfluges ging es ihm wieder gut und im Flugzeug kaufte er für mich eine große Flasche Sommerduft.
Obwohl ich Adrian wirklich gern mitgenommen hätte, habe ich ihn zu meinen Eltern in Pension gegeben. Bestimmt hätte er die Sonne gern gemocht aber Manfred war dagegen und meinte, mit einem Hund wäre es etwas anderes.
Als ich Adrian wieder abholte, war auch er verheiratet. Seine Frau heißt Isolde und ist ebenfalls sommersonnengelb. Adrian wäre so einsam gewesen und deshalb hätte Papa ihm Isolde mitgebracht. Mein Bruder hat die beiden erst getauft und dann verheiratet. Mein kleines Schnubbchen war Trauzeuge, und wir haben lange über die Fotos gelacht.
Gerade rechtzeitig vor dem Springturnier waren wir wieder zurück. Nur Reiten war Manfred auf die Dauer nicht genug und so nimmt er jetzt schon seit längerer Zeit Springtraining. Zum Turnier wollte er seine alte Reithose anziehen und als ich ihm sagte ?um Gottes Willen, Du siehst aus wie ein alter Mann, weshalb ziehst Du nicht die neue an? schlug er mir mit der flachen Hand mitten ins Gesicht. Ich will nur noch weg, ich will nach Hause! Ich weiß nicht, wie ich es geschafft habe, dass ich trotzdem noch mit ihm zum Reitstall gefahren bin. Seine Springkünste waren eine Katastrophe.
Nie zuvor habe ich jemanden unästhetischer Springen sehen. Zeige- und Mittelfinger überkreuzt stand ich am Parcours, jedes Hindernis hat er gerissen, und zur Krönung hat sein Gaul ihn am Wassergraben abgeworfen. Als er danach pitschnass und kreidebleich um die Ecke kam, saß ich schon in meinem kleinen Flitzer und fuhr vom Hof.
Vergeblich habe ich in dem Karton nach den nächsten Seiten gesucht. Elsa hat einfach nicht weitergeschrieben und in Gedanken frage ich sie nach dem Warum. Soll ich vielleicht schreiben ?ich habe gesaugt, die Fenster geputzt, gebügelt und Staub gewischt??

Es war alles so langweilig, entweder sah sie ihn im Anzug oder im Sportdress und wenn er nett sein wollte, brachte er ihr ein doofes Buch mit. Die Hauptsache dick, damit sie lange beschäftigt war. Ich kann doch nicht von Klaus schreiben - von diesem großen, Blonden, der mit ihr nach Amerika abhauen und sie heiraten wollte. Oder soll ich etwa aufschreiben, wie Manfred an einem Samstagabend in voller Fechtmontur mit Maske und ungeschütztem Säbel wie ein Balletttänzer durch die Diele sprang und nach dem Pax-de-deux ?Avantgarde? schrie?

Ich habe es Dir damals doch erzählt und Du hast es mir nicht geglaubt. Zu ertragen war er erst wieder, als ich ihm zum Geburtstag das Surfbrett mit dem Kurs am Bodensee geschenkt habe. Ich durfte sogar mit und das Wetter war so herrlich, dass ich knackebraun wieder nach Hause kam. Auch unser Winterurlaub war ganz fruchtbar. Obwohl ich noch nie auf Skiern stand, bekam ich diese tollen kurzen Bretter. Der Skilehrer wäre fast an mir verzweifelt aber er erkannte meine Angst. Nur mit mir allein fuhr er die Spur in den Schnee, und bald konnte ich es besser als Manfred. Kein Berg zu steil, kein Pass zu eng, bis ich dann über eine Eisscholle flog und mir die Sehne im Kniegelenk gerissen habe. So gerne hätte ich damals einen Gips gehabt aber die hübsche Ärztin interessierte sich mehr für das Rouge auf meinen Wangen, als für mein Ziehen in den Waden. Silvester ging es mir schon besser aber Manfred war so kaputt, dass er um zehn Uhr ins Bett ging. Als ich am Neujahrsmorgens um acht Uhr von der Feier kam, stand er schon wieder am Lift. Die restlichen Tage, auf der Rückfahrt und bis weit in den Januar hinein haben wir nicht ein Wort miteinander gesprochen. Ich habe weder seine Hemden gebügelt noch seine Schuhe geputzt. Das einzig Schöne in dieser Zeit war Connys Hochzeit, da war er richtig nett und machte auf Charmant, aber das kannst Du ja in meinem Tagebuch lesen.?
Gestern kam die Einladung zu Connys Hochzeit. Er heiratet das Barbely, deren Eltern eine große Lederwarenfabrik besitzen. Barbely ist blond und noch blutjung. Wie ich, arbeitet sie in einer großen Bank und deshalb kennen wir uns schon eine ganze Weile. Manfred soll Trauzeuge sein.

Die Hochzeit ist ein rauschendes Fest mit vielen Gästen. Tischkärtchen diktieren die Platzordnung. Verwundert sehe ich, dass gegenüber von unserem Platz eine Tischkarte mit drei Namen steht. Seltsam, Barbely sagte mir, dass es der Platz für einen Gast aus der Schweiz ist. Barbelys Schwester Kathi, schon reifer und extravagant, sitzt mir ebenfalls gegenüber, ihr Tischherr ist also der Mann mit den drei Namen. Als er endlich auftaucht, hebt er sich mit seinem tiefschwarzen Haar, seinen schwarzbraunen Augen und seinem gepflegten Schnauzer, der bis in seine Koteletten reicht, mehr als angenehm von den anderen Gästen ab. Ich weiß nicht, ob mich sein Lächeln oder sein Bart mehr faszinierten. Ich bin hin und weg! Ein bisschen erinnert er an den großen spanischen Impressionisten, nur dass ich ihn viel schöner finde. ?Ein Junge aus bester Familie?, flüstert Barbely, ?außerdem Künstler und er hat für jede Professur einen anderen Namen.? Dann bittet er darum, mir vorgestellt zu werden. Den Handkuss beherrscht er perfekt und der Blick seiner Augen dringt so tief in meine Seele, dass ein Schatten kleben bleibt. Riesengroß, mit einem Kreuz so breit, dass es vor jeden Sturm beschützt und seine Hände, ebenfalls riesengroß und trotzdem streichelzart.
Mein langes Haar habe ich für die Hochzeit ganz kurz schneiden lassen, dazu trage ich ein wallendes Traumkleid mit üppigen Chiffonlagen in Lavendelblau. Ich fühle mich wohl! Er muss gedacht haben, dass ich Italienerin bin, denn er sprach mich plötzlich auf italienisch an. Als ich ihn aufklärte, amüsierte er sich köstlich und lachte das sympathischste Lachen, das ich je gesehen habe. Nach der Hochzeit fahre ich mit Manfred nach Hause und das Tollste: Er hat sich in vier Wochen mit Conny zum Surfen am Bodensee verabredet. Wenn Barbely mitfährt, weiß ich auch schon, was ich machen werde!

Barbely kommt mit und meine Gedanken kreisen darum, wie ich es anstellen kann, mehr über den Mann mit den faszinierenden Augen zu erfahren. Es war leichter als ich dachte. Barbely kennt ihn seit ihren Kindertagen, sie sind im gleichen Stadtviertel aufgewachsen. Barbely erzählte mir also, was ich wissen wollte: ?Seine Mutter, eine Schönheit russischer Abstammung aus einer Künstlerdynastie, jüdisch, mit einer traditionsreichen Seidentuchfabrik, hatte einen Buben aus dem Walliserland geheiratet. Ihr Stammbaum war für ihn Verpflichtung und inzwischen führt er drei Dr. H.c. vor seinem Namen. Ihr Elternhaus, im besten Viertel der Stadt, mit vielen Türmchen und Giebeln, hat er zu einem Schmuckstück restaurieren lassen. Seine Frau, viel zu früh an einer unheilbaren Krankheit verstorben, ließ ihn mit vier Kindern und dem Haus zurück.
Pieti ist der Älteste, ein Künstler und mit seinem Vater mal mehr und mal weniger auf Kriegsfuß, weil der ihm immer öfter vorwarf, dass Kunst eine brotlose Kunst ist. Pieti kontert dann immer damit, dass er ja selbst seinen Wohlstand auch schließlich durch Kunst erlangte.
Pieti ist ausgebildeter Pianist und hat eine Grafikerausbildung absolviert. Trotzdem verbietet ihm sein Vater, seine Künste unter seinem Namen auszuüben. Das war der Grund dafür, weshalb Pieti zu zwei weiteren Namen kam. So ganz aus Spaß und nur so nebenher, wurde er außerdem der beste Plattenleger der Welt und das entsetzte seinen Vater noch mehr. Die erste Vernissage seines Sohnes tut er als Geschmiere ab und gerade das war noch mehr Ansporn für Pieti, sich in die hohe Kunst der Künste einzumalen.?
Zur Hochzeit war er gerade frisch geschieden und sicher wird man noch viel von ihm hören. Mit einem ?Schade, dass ihr euch nicht früher begegnet seid? lächelte Barbely in den Tag. Schade, ja, aber oft kommt vieles spät aber doch nicht viel zu spät.

Wieder einmal haben wir VIP-Karten: Eine Big-Band mit einer bekannten Sängerin tritt auf. In Manfreds Outfit mit Smoking und Seidenrolli sind seine angefutterten Speckrollen nicht zu übersehen, er sieht entsetzlich aus. Bei der After-Show-Party steht er trocken in den Ecken herum und neidet mir die Fröhlichkeit. Der Pianist, ein Russe mit langem, dunklem Haar und tiefbraunem Blick, steht unbeweglich da bis er endlich auf mich zukommt und meint, ich wäre das Schönste, was er je gesehen hat. Er fragt mich, ob ich wirklich so glücklich bin, wie ich aussehe. Dabei denke ich an wunderschöne Augen und träume von einem Mann, der nur ein Traum bleiben darf.

Die Rückfahrt, der nächste Morgen und die folgenden Tage sind schweigsam und unterkühlt. Manfred hat mir gesagt, dass er ab Montag nicht mehr hier ist. Er hat seinen Job ganz einfach hingeschmissen und wird ab jetzt im Norden arbeiten.
In der Klageschrift des Arbeitsgerichtes wirft man ihm ?hemdsärmelige Machenschaften? vor, dabei hat er doch immer nur im Anzug am Schreib­tisch gesessen.
Stumm und klaglos ist mein Schrei, die Träume von den schönsten Augen der Welt helfen mir durch die Zeit. Mit der eingeklagten Abfindung versucht Manfred, die verlorene Zeit bei mir zurückzukaufen. Er lockt mit einem wunderschönen alten Haus. Vierhundert Jahre alt, mit achtzig Zentimeter dicken Mauern, Erkern und Butzenscheiben, entkernt und auf das Neueste renoviert. Mit Teich und einem alten Baumbestand ist es wirklich ein Traumhaus. Ich kann der Verlockung nicht widerstehen und denke jetzt nur noch an das Haus.

Irgend jemand sagte mir, dass man sich etwas nie zu sehr wünschen darf, weil es passieren kann, dass man es dann wirklich auch bekommt. Mein Wunsch wurde erhört und ich wohne jetzt in diesem herrlichen, alten Haus und bin fast immer allein.

Wenn Manfred nicht arbeitet, surft oder reitet er. Dafür habe ich jetzt auch ein Kätzchen. Am zweiten Sonntag im Mai standen zwei blonde Jungen vor der Tür und boten mir das winzige Knäuel zum Tausch. Die Katzenmutter hätte es nicht angenommen und da wollten sie es vor dem Tod retten. Mit meiner kleinen Silbermond-Spieluhr und zwei Tafeln Schokolade machte ich den Handel perfekt. Das Kätzchen war so groß wie meine Handfläche und gerade vier Stunden alt. Ich hatte keine Ahnung, wie ich es ernähren sollte und besorgte mir von der Tankstelle eine Flasche mit Liebesperlen. Die Liebesperlen lutschte ich, in das Fläschchen kam Grießbrei und in den Schnuller piekte ich ein Loch. Weil das Katzenkind saugte und tatsächlich trank, kaufte ich am Montag eine richtige Babyflasche, die ich aber nur kurze Zeit brauchte. Das Katzenkind öffnete bald die Augen und schlabberte den Brei aus einem Schälchen. Ich hatte Angst, dass es ihm nicht warm genug war aber wenn ich es mit ins Bett nehmen würde, hatte ich Sorge, dass ich es erdrückte. Aus vergangenen Zeiten lag der Kragen aus Toscanalamm in meinem Schrank und in diesem Kragen wurde das Katzenkind groß. Es ist ein Junge und ich nannte ihn Egon. Ich bin für ihn die Mutter und er ist mein Kind. Oft hat er mich getröstet und ich glaube, dass er auch immer versteht, um was es geht. Mit Adrian und Isolde teilt er sich eine breite Fensterbank. Meine drei Kinder vertragen sich gut, und wenn ich nach Hause komme, freue ich mich über Gezwitscher und Gemaunze.

An den meisten Wochenenden ist Manfred mit seinem Surfbrett unterwegs. Ich fahre nicht mehr mit, einmal Holland hat mir gereicht. Beim letzten Mal musste er von der Rettungswache eingeholt werden, die Strandbesucher standen neugierig herum und abends lag er total erschöpft im Bett.
Samstag habe ich sein Auto benutzt, so blöde, wie er parkte, versperrte er mir die Ausfahrt und so nahm ich für die Fahrt zum Bäcker einfach seins. Seltsam, die gleiche Farbe, die gleichen Ledersitze und auch der Stern auf der Kühlerhaube aber trotzdem war es irgendwie anders. Immer hatte ich Probleme mit seinem Diesel, oft vergaß ich, den Knopf zu ziehen und dann soff er einfach ab. Heute fand ich keinen Knopf und er sprang auf Anhieb an. Weil ich technisch total unbegabt bin, habe ich mir darüber keine großen Gedanken gemacht und bin losgefahren. Am Nachmittag habe ich Manfred gefragt, weshalb die Technik im Auto jetzt anders ist. Daraufhin fing er an zu lachen und sagte toternst und trocken: ?Den anderen habe ich schon vor Monaten in den Graben gesetzt, der Händler hatte den gleichen als Benziner vorrätig und da habe ich den gleich mitgenommen. Ich möchte aber mal wissen, was Du überhaupt in meinem Auto zu suchen hast.? ?Ich habe doch gar nichts gesucht, ich wollte doch nur Brötchen holen und war gleich wieder zurück.? Wenn er sich Zigaretten holt, dauert es manchmal bis zum Morgengrauen und ich traue mich dann noch nicht einmal zu fragen, wo er so lange war.

Ganz einfach umgekippt bin ich, und als ich wieder zu mir komme, tröpfelt das Wasser der Blumenvase auf meinen Kopf und dann sehe ich, dass der schweinslederne Bezug der Stehlampe eingerissen ist. Das wird Ärger geben, und mir ist übel und ich habe Schüttelfrost. Es ist Sonntag und Manfred ist trotzdem nicht zu Hause, weil er angeblich Inventur hat. Trotzdem versuche ich immer wieder, ihn zu erreichen. Weil es mir nicht gelungen ist, habe ich in meiner Not bei Papa angerufen. Er war fassungslos und hat sofort den Notarzt alarmiert. Als er endlich bei mir eintrifft, ist es mittlerweile Nachmittag. Der Notarzt hat eine übel riechende Fahne und wir haben beide die gleichen gelb gefärbten Augen. Als Manfred irgendwann in der Nacht zurückkommt, hat er von alledem überhaupt nichts mitbekommen und schimpfte über diese unsinnige Inventur. Papa hat es ihm am Montag am Telefon erzählt und da wusste ich schon von dem schnapsgefüllten Arzt, dass der Grund für meinen Schwächeanfall eine Hepatitis war. Papa ist gekommen, weil er dachte, dass der Grund für meinen Schwächeanfall ein Enkelkind sein könnte und hat mir einen großen Blumenstrauß mitgebracht.
Die Hepatitis ist nicht so schlimm, viel schlimmer ist, dass ich nicht weiß, woher ich sie habe. Trotzdem mähe ich den Rasen, pflanze Rosen und überrede Manfred, mit mir eine Ligusterhecke zu pflanzen. Abends kommt der Krankenwagen, ich konnte ihn nicht überreden, aus dem letzten Pflanzloch wieder aufzustehen. Diagnose: Hepatitis. Er feiert sie wochen­lang im Krankenhaus.
Ich dachte, der Landwirt jaucht seine Felder, doch dann habe ich schnell gemerkt, dass der Geruch von Egon ausging, er stank wie Teufelsdunst aus Höllenschlund. Heute wurde er kastriert, aber er ist kein bisschen böse auf mich.

Sonntag rief Barbely an und erzählte, dass Pieti einen ganz schrecklichen Unfall hatte. Am letzten Abend der Tournee war es passiert. Die Lenkung seines Fahrzeuges blockierte plötzlich und als er versuchte, aus dem Auto zu kommen, wurde er viele Meter mitgeschleift. Sein Vater hat ihn aus Gerona in die Schweiz fliegen lassen, die Verletzungen sind fürchterlich und niemand weiß, wie die Folgen sein werden. Ich bin sehr traurig, bete für ihn und hoffe, dass er es hört.

Nur aus Neugierde habe ich gleich nach dem Einzug in das Haus die Zeitungen studiert. Die Stellenangebote interessierten mich, denn so ganz allein im Wald wollte ich wochentags nicht leben. Jetzt habe ich ab morgen eine Chefin. Fertighäuser, Stein auf Stein, werden in der Firma gebaut und ich bin das Mädchen für alles. Sie liegt günstig, gleich um die Ecke. Ich soll auch Lohnabrechnungen erstellen, nur habe ich nicht die geringste Ahnung, wie das geht, aber das wird ja bestimmt in irgend welchen Büchern stehen. Bevor ich buchhaltungstechnisch fit war, hat man mir nahegelegt, in die Verkaufsabteilung zu wechseln. Das kam mir selber natürlich sehr entgegen. Ich berate jetzt Interessenten und verkaufe. Das, was ich nicht weiß, steht im Prospekt und eigentlich bin ich selber nichts anderes, als lebendes Prospektmaterial, nur freundlicher und bei Problemen helfen mir die Architekten weiter. Die Arbeit macht mir total viel Spaß und ich bin nur noch selten zu Hause.

Trotz der kurzen Zeit habe ich durch meinen Job schon sehr viele Leute kennen gelernt. Oft bin ich eingeladen aber Manfred kommt meistens nicht mit. Vielleicht ist es auch besser so. Kürzlich hat er wirklich gesagt, dass er keine Kinder möchte, weil er lieber ein Segelboot hätte. Als ich meiner Kollegin Hanna das erzählte fragte sie nur, ob ich noch keinen anderen kennen gelernt hätte, denn das müsste ich ja wohl nicht bis zu meinem Ende ertragen.

Manfred ist sauer, weil ich manchmal mehr verdiene als er. Weil ich nur eine Frau bin und dazu noch viel jünger, kann er nicht damit umgehen. Oft habe ich auch Wochenendtermine und wenn er dann mal gerade nicht Surfen ist, gibt es Krach. Heute Nachmittag ist wieder ein Besichtigungstermin im Musterhaus. Manfred krabbelt unter den Apfelbäumen herum und sammelt das Fallobst auf, ich soll dann daraus Apfelkuchen backen. Ich schließe daraus, dass sich seine Brüder mal wieder angesagt haben. Ich muss dringend los aber er zischt mir wütend hinterher, dass er mich am liebsten rausschmeißen würde. Er hat einen Vogel, einen richtigen Knall. Er macht hier auf Hausmann und will mich verjagen, weil ich zur Arbeit muss. Ich nicke ihm lachend zu und nehme mir noch die Zeit, das Nötigste einzupacken. Betten gibt es in jedem Hotel und irgendwie kann er mich schon lange mal.

So gut habe ich schon lange nicht mehr geschlafen und sogar das Frühstück wurde mir gebracht. Pünktlich wie immer, bin ich im Büro und mittags steht Manfred da und bringt mir meine vergessenen Eurocheques. Unmittelbar danach klingelt mein Telefon und Papa verlangt von mir nach einer Erklärung. Manfred hat gleich bei ihm gepetzt und ihm gegenüber behauptet, dass ein Kollege der Grund für meinen Auszug war. Dieser Kollege ist ein schöner Mann mit blassen, ausdruckslosen Augen, der an keinem Spiegel vorbeigehen kann und außerdem verheiratet ist. Er hat zwei Söhne und wohnt im Musterhaus. Sein Auto ist auf Pump gekauft und er hat Schulden wie ein Major. Dann ruft Mama auch noch an. Durch das Telefon hindurch kann ich ihr spitzes Mündchen und ihren erhobenen Zeigefinger sehen. Am Sonntag wollen sie kommen und sie erwarten, dass ich dann wieder zu Hause bin.
Klar bin ich da, und ich habe auch Apfelkuchen gebacken. Mama redet auf mich ein, dass es nur noch eine kurze Zeit dauert, bis meine besten Jahre vorbei sind und dass man sich immer arrangieren kann. Gerne hätte ich bei ihrer Standpauke fröhlich gelacht, denn ich bin mir sicher, dass meine besten Jahre erst noch kommen werden.

So schön ist es in dem kleinen Gasthaus doch nicht. Ich vermisse meinen Egon, Adrian, Isolde, mein Bett und einfach alles, was mir so gehört und für jede Nacht muss ich bezahlen und so habe ich mich entschlossen, doch zurückzugehen. Ich schlafe sehr unruhig und wehre mich im Schlaf durch wildes Gestikulieren. Mit der Hand habe ich Manfred ins Gesicht geschlagen und am Morgen fehlte ihm ein Schneidezahn. Als ich ihn zum Zahnarzt fuhr, machte er ein mords Theater und als er nachmittags seinen Zahn wieder hatte, musste ich mit ihm in die Stadt fahren. Ein langer Ledermantel mit Pelzbesatz und die Rechnung für den neuen Zahn hat er von mir gefordert. Ein teurer Traum! Warum um Gottes Willen boxt er nicht und schläft mit Mundschutz?
Es gibt nichts, was man nicht kaufen kann und Manfred kauft eine Winterreise auf die Kanarischen Inseln. Auf Fuerteventura bucht er ein Doppelzimmer in einem der Upperclass-Hotels, denn er kann dort surfen, ohne sein eigenes Brett mitbringen zu müssen. Er meint, ich könnte mich in die Sonne legen, Shoppen gehen und mich mit Wellness verwöhnen lassen, dann wäre mein schlichtes Gemüt abends in der Bar vielleicht auch mal glückserfüllt. Ich versuchte, ihn zu überreden, dass er außer seinen Sportklamotten auch noch andere Sachen mitnimmt. Er packte zwei Koffer für sich und einen habe ich für mich mit vielen Sommerkleidern gefüllt. Ich bin gut gerüstet für die langen Nächte, denn wir werden über Silvester dort sein.

Weshalb fängt Urlaub für mich immer mitten in der Nacht an? Die Maschine geht im Morgengrauen, wie schaffen es andere Leute nur, am Nachmittag ihre Reise zu beginnen?
Unser Urlaub fängt mit einem schlechten Omen an: Der Flieger hat Verspätung, und vormittags um zehn Uhr sitzen wir immer noch im Warteraum. Ich bin nervös und habe schon wieder Schuldgefühle. Auf einmal geht alles ganz schnell und ehe wir uns versehen, geht es endlich in die Luft.
Ich denke an mein Kätzchen Egon und an das Vogelehepaar. Ich bin aber zuversichtlich, dass meine Nachbarin sie gut versorgt und dass auch der vorweihnachtlich geschmückte Tannenstrauß verschwunden ist, wenn ich im Januar zurückkomme.

Unter uns liegt die Schweiz, als das Frühstück gereicht wird. Nur um etwas zu sagen, spreche ich über Barbely, sie bekommt ihr erstes Kind und Manfred spricht unaufhörlich über seine Sekretärin, die auch schwanger ist. Was habe ich damit zu tun, was geht mich das an? Wir überfliegen Spanien und Portugal und er redet nur von Veränderungen und macht sich Gedanken, ob es ein Junge oder ein Mädchen wird. Unter mir sehe ich die endlose Tiefe des Meeres. Das kalte Sonnenlicht tut meinen Augen weh. Grundlos, endlos, schwerelos, ich quäle mich mit Gedanken, die nicht sein dürfen und doch Wahrheit sind, er ist der Vater des Kindes seiner Sekretärin.
Als das Flugzeug zur Landung ansetzt, wird mir die Realität meines Zustandes bewusst und ich tröste mich mit Papas Worten ?Kinder sind ein Geschenk Gottes.? Ich erinnere mich, dass ich mich über Geschenke noch nie so richtig freuen konnte, nie waren sie das Erhoffte und dieses Geschenk konnte ich noch nicht einmal umtauschen. Manfred betrachtete es als Unfall und lachte mich aus. Das Ganze hätte doch mit uns nichts zu tun und ich denke, weshalb hat er sich dann nicht einfach ein Bein gebrochen? Alles an und in mir weint, wie ein krankes Kätzchen lecke ich meine Wunden im herrlichen Sonnenschein dieser bezaubernden Insel. Ich denke an meinen kleinen Egon und an sein streichelweiches Fell.

In unserer Nobelherberge sind nur alte Männer mit jungen Frauen und die sind bei den meisten Paaren sicher nicht die Ehefrauen. Blond, jung und perfekt geschminkt sitzen sie in der Sonne, jederzeit dafür gewappnet, dass einer der blassbäuchigen Herren nach ihnen ruft. Flüsternd und maunzend treibt der Wind ihre Stimmen zu mir. Die Sirene ruft nach der Rettungswacht und ohne aufzublicken denke ich, dass Manfred eingebracht wird. Gerade noch rechtzeitig bevor die schäumenden Wellen ihn dem offenen Meer überließen, wird man ihn gerettet haben nachdem er sein Surfbrett schon aufgegeben hatte.
Die Nacht hat er trotzdem auf der Krankenstation verbracht obwohl die Surferei nicht der Grund dafür ist. Von Hotelgästen erfahre ich am nächsten Morgen, dass er in seinen Clogs auf der Teppich bespannten Treppe gestürzt ist. Er war mit dem Kopf aufgeschlagen und deshalb musste man ihn wegtragen.

Vier Tage liege ich jetzt in der Sonne, meine Haut und meine Seele weinen nicht mehr, gebräunt und neugierig kehre ich in das Leben zurück.
Maunzend und raunend wispern die Kätzchen am Pool. Die Nachricht, dass Dahli hier ist, dringt bis zu mir. So ein Quatsch, Dahli wird niemals hierher kommen. Er hält auf der Nachbarinsel Hof. Er würde die hohen Mauern und das verschlossene Tor seines Anwesens nicht am helllichten Tag verlassen, um dann, ausgerechnet hier am Pool, bei strahlendem Sonnenschein, plötzlich aufzutauchen.
Ohne die Augen zu öffnen oder mich umzudrehen weiß ich, wer gekommen ist. Es kann doch nicht wahr sein! Ein Empfinden, als ob Wolken die Sonne verdecken und als ich die Augen öffne, sehen seine Augen lachend in mich hinein. Ich versuche ?Pieti? zu sagen aber er legt bittend seinen Finger auf den Mund. ?Du Mann mit den drei Namen, woher soll ich wissen, wie ich Dich heute ansprechen soll.?

Ich habe weder die Plakate gesehen noch seine Stimme gehört und jetzt steht er einfach vor mir. Er sagt, dass er mich schon vor Tagen bemerkt hat und er auf den richtigen Zeitpunkt gewartet hat, mich anzusprechen. Gut sieht er aus, außer seiner Sonnenbräune und einer Jeans trägt er nichts. Nein, das stimmt nicht ganz, wie bei der Hochzeit trägt er die beiden großen Gliederarmbänder, mindestens zwei Zentimeter breit. Am linken Arm Silber und am rechten Arm Gold, natürlich echt und massiv. Seine erste Frau hatte sie ihm geschenkt, nie hat er sie abgelegt und einmal haben sie ihm sogar sein Leben gerettet. Als er nach einer Show in London überfallen wurde, hat er spontan den Verschluss am rechten Arm gelöst und die Glieder über den Handrücken gelegt. Dadurch verursachte sein Armband einen glatten Kieferbruch in Notwehr. Zu einer Anzeige ist es nicht gekommen.
An der linken Stirnseite und am linken Arm zeigen kaum verheilte Narben noch die Spuren seines Autounfalls, die aber durch seine Bräune gut verdeckt sind. Er strahlt, wie in vergangenen Tagen und dieser kurze Augenblick, ohne ein lautes Wort, bleibt von allen unbemerkt. Er sieht zum Strand, von mir ein Nicken und wortlos haben wir uns verstanden. Wie nebenbei und zufällig geht er zurück und die Kätzchen am Pool maunzen und raunen noch einmal wispernd hinter ihm her.
So, als ob es Zufall ist, gehe ich ihm später nach, ich laufe durchs Wasser, lasse mich von der Sonne wärmen und vom Südwind kühlen. Ganz weit, hinten in den Dünen, sitzt er und wartet auf mich. Meine Finger finden in seiner Hand ihre Geborgenheit und in seinen Worten ein Zuhause. Nur wenig erzählt er von seiner schweren Zeit, es geht ihm wieder gut und durch die Sonne sicher jeden Tag noch etwas besser. Er will die Wüste malen, die Unendlichkeit in ihren warmen Farben, von Sonnengelb bis Steingrau, vermischt mit Ocker, Ambra und Orange, bizarr und schroff die Felsenhöhlen, dazwischen kalt und klar das Blau für Hoffnung, die am Leben hält. Er ist ein Träumer aber trotzdem auch ein Realist. Mit einem Talent finanziert er das andere. Im nächtlichen Dämmerlicht die vergäng­liche Show, um im hellen Nordlicht des Tages die Gegenwart für ewig festzuhalten. Ganz direkt fragt er mich: ?Und Du?? Ich kann ihm keine Antwort geben, die Tränen rinnen über mein Gesicht. Er ist so groß und kann viel weiter in die Ferne sehen als ich. Ich bin klein und dumm und niemand glaubt mir das Sonntagskind.

Auch in der dritten Nacht bleibt das Bett neben mir weiter unbenutzt. Weshalb soll ich mir Gedanken machen? Fuerteventura heißt ins Deutsche übersetzt ?starker Wind?. Pieti umgibt mich mit einer sanften Brise und von Manfred kommt es steif von Nordost. Pieti nimmt mich lachend in seine starken Arme und sagt, dass alle keine Ahnung haben. ?Fortunatae venture?, so hieß die Insel der Phönizier und in seinem realistischem Surrealismus behauptet er, es heißt nichts anderes als ?des Glückes Glück?.
Morgen ist Silvester. Mittags will Manfred auf die Insel Gomera. Der Leuchtturmwärter mit seinen achten Kindern ist der einzige Bewohner dieser Felsenlandschaft und gibt eine Silvesterparty. Ich werde das lavendelblaue Chiffonkleid anziehen, weil ich finde, dass es meine sonnengebräunte Haut erfrischend unterstreicht. Nach langen Überredungskünsten hat Manfred auch seinen Smoking eingepackt. Das Galadinner beginnt um einundzwanzig Uhr aber Manfred ist nicht da. Ich gehe allein, denn ich denke, dass ich mir selber Gesellschaft genug bin. Es gibt ein vorzügliches Essen, ich bin von vielen netten Leuten umgeben und zur Mitternachtsshow ist Manfred immer noch nicht aufgetaucht. Keine Sirene der Rettungswacht und auch kein Sanitäter bringt mir eine schlechte Nachricht und so vertreibe ich Manfred mit den letzten Stunden des alten Jahres aus meinen Gedanken. Ich versuche, mit den anderen Gästen fröhlich zu sein.

Ganz leise ist das alte Jahr vergangen. Manfred ist verschollen und Pieti on Show. Als es ruhiger wird, habe ich seinen Zimmerschlüssel in der Hand: ?117?. Ich habe mich getraut, hier auf ihn zu warten und irgendwann bin ich in einem weiß bezogenen Bett eingeschlafen. Pietis Stimme weckte mich, als er das Frühstück bestellte. Er bestellte für vier Personen aber wir waren nur zu zweit. Mit dem ersten Sonnenaufgang im neuen Jahr haben wir es eingepackt und sind zum Strand gegangen. Meite und Malte, zwei junge Spanierinnen vom Festland, warteten auf uns. Malte ist mit einem der Hoteldirektoren verheiratet. Die beiden haben einen dreijährigen Sohn und ihre Mutter hütet ihn, wenn sie Termine hat. Meite und Malte sind jung und herrlich fröhlich. Sie singen wunderschön und sind fantastische Flamenco­tänzerinnen Nach der langen Silvesternacht sind sie nicht zu müde, unsere Anstandsdamen zu spielen. Brot, Schinken, Käse, Oliven, Tomaten und Wein, dazu die aufgehende Sonne und das blaue Meer, es ist wunderschön, aber dann kommt die Müdigkeit. Ich muss unbedingt schlafen und gehe zurück ins Hotel. Ich lege mich sofort hin und schlafe fest und traumlos. Als ich mittags wach werde, ist das Bett neben mir immer noch unbenutzt. Ich muss mir also auch keine Ausrede einfallen lassen und mein schlechtes Gewissen lacht mich aus. Noch vier Tage - und was wird dann? Pieti sagt nie ?bleib doch?, er sagt ?komm?. Ich habe ihm alles erzählt und er weiß, was ich zu regeln habe.

Am Tag vor unserer Abreise liegt Manfred plötzlich neben mir im Bett. Keine Erklärung, kein Wort und trotzdem braucht er meine Hilfe. Wie immer, ist er nicht in der Lage, seine Koffer selbst zu packen. Ich habe keine Ahnung, wo er die ganze Zeit war. Aschgrau und zerknittert sieht er aus, so, als ob er sich irgendwo im Keller versteckt hielt, aber vielleicht sehen werdende Väter ja so aus. Abends ist er mit der Rechnung an der Rezeption beschäftigt und zieht dabei ein so langes Gesicht, dass er auf sein eigenes Kinn treten könnte. Er gibt mir die Schuld für die hohe Rechnung und brummelt vor sich hin, dass man sich eine Frau wie mich kaum leisten kann. Sind ab und zu ein Eis und mal ein Saft wirklich zu viel? Das Strandkleid und das Parfüm habe ich selber bezahlt, die Rechnung kann doch gar nicht so hoch sein. Wie nebenbei lässt er sie liegen.

Drei Mal die Rettungswacht, der ärztliche Versorgungsdienst und auch das Surfbrett musste ersetzt werden. Das von mir Verbrauchte ist dagegen eine Kleinigkeit. Die absolute Krönung war, dass ich festgestellt habe, dass er die Rechnung auch noch mit meinen Schecks bezahlt hat. Wieder einmal geht der Flug verspätet ab, die Warterei ist nervtötend. Ich habe Ohrenschmerzen und plötzlich ist meine Stimme weg, nur meine Gedanken kann ich hören. Gemütlich eingekuschelt verbringe ich den Flug und irgendwann, spät am Abend, bin ich zu Hause und mein kleiner Egon umschnurrt mich liebestoll.

Meine Nachbarin ist ein Schatz. Brot, Milch, Obst, sogar frische Blumen hat sie besorgt. Den Vorweihnachtsstrauß hat sie durch Apfel- und Kirschzweige ersetzt, und in wenigen Tagen werden die Knospen aufbrechen. Adrian und Isolde schlafen mit versenktem Köpfchen auf ihren Stangen und ihr Bauer riecht nach frischem Vogelsand. Ich habe mich getraut, seine Koffer nicht auszupacken und meiner hat bis morgen Zeit. Noch eine ganze Woche habe ich für mich und Egon und bis dahin werde ich bestimmt wieder sprechbereit sein. Ich mache, was ich niemals durfte und nehme meinen Schnurrekater mit ins Bett. Schnurrend begleitet er mich in einen tiefen Schlaf.

Wellen brechen schaumgekrönt, eine Höhle nur für meine Hand, die Sonne wärmt mein Gesicht und dann werde ich im Morgengrauen wach und weiß, dass ich nur geträumt habe. Egon schnurrt immer noch neben mir und ich fühle mich wie zu Hause.
Heute Morgen habe ich meinen Koffer ausgeräumt, gewaschen und alles hängt wieder gebügelt und sauber im Schrank. Manfreds Koffer stehen immer noch verwaist herum. Es interessiert ihn nicht, er hat genügend Anzüge. Irgendwann haben mich die Koffer dann doch gestört, nur deshalb habe ich sie ausgepackt.
Mittwochabend ist Theaterzeit und Papa ruft wieder an. Er ist wortkarg und glaubt mir die schönen Sonnentage nicht. Am Samstag will er vorbei­kommen. Glücklicherweise kommt meine Nachbarin am Freitag, um mir beim Putzen zu helfen.

Es ist so vieles an mir vorbei gegangen und ich habe nicht gemerkt, wie die Gerüchteküche um mich herum brodelt. Manfred hat mir gestern vorgehalten, dass ich total gealtert bin. In allen Spiegeln und bei jedem Licht habe ich nach Falten gesucht aber ich habe wirklich keine einzige entdeckt.
In der letzten Ausgabe einer Frauenzeitschrift sah ich die Werbung für eine Wundercreme, die in achtundzwanzig Tagen zehn Jahre jüngere Haut versprach. Wild entschlossen habe ich mich, trotz der einhundertachtund­neunzig Mark, zu dem Kauf entschlossen. Die Dame in der Drogerie wollte sie als Geschenk verpacken und lachte als ich ihr sagte: ?Nein, danke, sie ist für mich.? Daraufhin hat sie die Creme wieder weggestellt und gefragt, ob ich vielleicht schon einmal an eine neue Liebe gedacht hätte. Dann riet sie mir zu einem tollen Duft und rasanten Ohrclips.

Donnerstag rief Papa wieder an. Er wollte Manfred im Büro erreichen aber man hatte ihm gesagt, dass Herr Donner nicht mehr in der Firma ist. Schuldlos habe ich wieder Angstgefühle und bin doch irgendwie innerlich befreit. Nie wieder kann er mir vorhalten, dass ich ?Frau Direktor? spiele.

Anstatt Direktor ist er jetzt Chef in einem Freizeitpark. Mit keinem Wort hat er vorher darüber gesprochen, aber es ist ja sein Leben und nicht meins. Auf meine Fragen bezüglich der unterschriebenen selbstschuldnerischen Bürg­schaften und weshalb er auf das Haus eine weitere Hypothek aufgenommen hat lacht er und weicht aus. Ich werde das kleine Aktiendepot verkaufen und es meinem Konto gut schreiben lassen.

Am Wochenende hat Papa ihm die letzten Brusthaare herausgerissen. So einen Schwiegersohn will er nicht und er schimpfte mit mir, weil ich zu blöde bin, eine Gütertrennung zu erreichen.
Ganz schnell geht alles und es tut kein bisschen weh. Wir teilen alles auf. Vom Inventar möchte ich nicht ein Stück. Nur meine persönliche Dinge, Geschenke, Adrian, Isolde und Egon. Möbel, Wäsche, Tisch und Bett, all das soll er behalten. Papa ist mehr als fassungslos.

Die Telefongespräche in den Süden sind teurer als ein Charterflug und jede Woche kommt ein Brief.
Ein Trauerfall in der Familie ruft Pieti in die Schweiz und gleich danach fliegt er nach London wegen eines neuen Plattenvertrages. Er schreibt mit Flug LH 3170 und die Unterzeichnung des Vertrages wird genau an seinem Geburtstag sein. Auf dem Rückflug hat er in Frankfurt zwei Tage Zeit und deshalb möchte er sich gerne mit mir treffen. Ich freue mich wie ein kleines Kind und nehme mir erst einmal die Zeit, um über Fleurop nach London zum Flug LH 3170 eine Orchideeblütenrispe und die Ankündigung zu schicken, dass ich in Frankfurt am Flughafen sein werde. Mama hilft mir Lügen und Papa mahnt, dass ich nichts vergessen soll. Manfred denkt nämlich, dass ich mit dem Räumen der Wohnung beschäftigt bin.
Pieti ist mir auf einmal so fremd, ganz weit entfernt und trotzdem ganz nah. Zwei Tage kommen mir vor wie eine Ewigkeit.

Am Montag fahre ich mit einer tiefen inneren Leere aus Frankfurt zurück. Alle Blumengeschäfte auf dem Weg sind geschlossen und morgen hat Manfred Geburtstag. Zusammen mit meinen Eltern schenke ich ihm ein neues Segel für sein Surfbrett. Was hat unser Ende mit seinem Geburtstag zu tun? Die Blumen wird er kaum vermissen. Als ich zu Hause bin, weiß er schon, dass ich in Frankfurt war.

Abends klingelt das Telefon und Bernds Mutter ruft an. Jahre habe ich nichts von ihr gehört und deshalb wundere ich mich um so mehr. Natürlich schreibe ich die Nummer ihres Söhnchens auf, es kostet mich doch nichts.
Als morgens das Blumengeschäft anruft, bin ich wirklich baff. Der Auftrag für die Orchideenrispe ist zurückgekommen und der Flug LH 3170 wäre unbekannt und deshalb würden sie mir eine Gutschrift ausstellen.

Neugierig rufe ich Bernd an und ganz zufällig hat er Donnerstag hier in der Gegend zu tun. Wir verabreden uns zum Essen. Selten habe ich mich so über eine Verabredung geärgert, er ist noch genauso doof wie früher. Mit meinem Brüderchen hatte er gewettet, ob ich ihm einen ausgeben würde. Am helllichten Tag trinkt er drei Bier und ich bezahle das Essen. Als er mit mir dann noch das Auto tauschen wollte, lachte ich ihm frech ins Gesicht. Auf sein Abschiedsgehupe habe ich überhaupt nicht reagiert. Abends verschlägt es mir die Sprache, als Manfred mich auf seine unnachahmliche Art anmacht und mich fragt, ob ich mich mit Bernd getroffen habe.

Bei der Fluggesellschaft habe ich erfahren, dass es den Flug LH 3170 vor Jahren einmal gab und jetzt weiß ich gar nicht mehr, was ich noch denken soll.
Am Mittwoch ist wieder Theaterabend und Papa und ich klagen uns gegenseitig unser Leid. Furchtbar hat er Mama angegriffen und sie tut ganz ahnungslos.

In all diesen Tagen kann ich Elsa nicht leiden, ich kann sie überhaupt nicht verstehen. Kürzlich hat sie mit Barbely telefoniert und die warnte sie vor Pieti, weil er nicht mehr der ist, der er einmal war.

Auch Elsa ist nicht mehr wieder zu erkennen. Sie sagt, ich würde ihr die Liebe neiden und wäre eifersüchtig auf ihr Glück. Sie lässt nicht gelten, dass ich ängstlich in die Zukunft blicke. Trotzdem erhebe ich mahnend den Zeigefinger und sage: ?Elsa, lass es sein, Dein Sommersonnenglück wird hier im Norden schnell verdorren.? Was weiß sie schon von diesem fremden Mann und seinen vielen großen Sorgen? Sie ist total verunsichert und gibt mir doch weitgehend Recht, aber trotzdem bucht sie für Mai den Flug und hat sich beurlauben lassen. Am liebsten hätte sie, dass ich mitkomme. Das geht aber nicht und so verspreche ich ihr, in Gedanken bei ihr zu sein.

Mein Versprechen ist so schwer geworden. Als ich mittags ins Büro gehe, liegen Elsas Tagebücher verstreut auf meinem Schreibtisch. Mit rotem Stift hat sie Ergänzungen vorgenommen. Aber kann es sein, dass es meine Schrift ist und dass ich in hellen Vollmondnächten wieder einmal Dinge tat, die ich am Morgen nicht mehr wusste?

Selten höre ich noch etwas von Elsa. Sie ist mit Briefe schreiben beschäftigt und in süßen Träumen weit entfernt. In ihren Gedanken ist sie ängstlich wie ein kleines Kind, so, als ob sie weiß, dass ihr Traum irgendwann zum Albtraum wird.
Sie weiß, sie muss es Mama und Papa sagen und ihr graut davor, nein, sie hat richtig Angst.
Papa hat im nächsten Monat seinen runden Geburtstag und Mama meint, wir sollten uns doch mal wieder zusammen für ihn fotografieren lassen, so wie wir es früher gemacht haben. Weil Papa bis Sonntag zur Messe ist, wäre Samstag der richtige Tag, damit er von den Vorbereitungen für unsere Überraschung nichts mitbekommt. Eine professionelle Theaterfotografin stellte uns in die rechte Positur und nachmittags erzählte ich Mama von meiner neuen Liebe. Außer seiner dicken Pressemappe hatte ich nur Worte und Mama nahm die Mappe mit ins Bett. Die ganze Geschichte soll ich Papa selbst erzählen und dann sagte sie, dass ich verrückt bin.

Mein kleiner Bruder ist entzückt, ein Schweizer und dazu noch ein Künstler, er findet das toll. Mama hatte erlaubt, dass wir in den Weinkeller durften und den Kamin haben wir auch angemacht. Am nächsten Morgen war sie plötzlich wieder ganz anders zu mir. Ich glaubte, sie wollte mir auf die Hand hauen aber sie schenkte mir ihr neues Parfüm und fragte um Rat wegen ihres Lidschattens. Papas Verhör war auch gar nicht schlimm, ich durfte vor seinem Schreibtisch sitzen und er bot mir sogar an, zu rauchen. Am Abend haben wir zusammen eine ganze Flasche Klosterlikör geleert und ich wusste, dass es mir am Morgen darauf furchtbar schlecht gehen würde. Bei diesem herrlichen goldgelben Gesöff erinnerte ich mich an mein erstes Glas, es war bestimmt vor über fünfzehn Jahren. Ich wollte danach unbedingt ins Kloster. Lachend stieß Papa mit mir an und fragte, weshalb ich es nicht getan hätte und wann ich überhaupt endlich wüsste, was ich will. Ich musste nur versprechen, dass ich auf der Geburtstagsfeier nichts erzähle. Er hofft, dass auch Manfred zum Empfang kommt.

Papa hat die Zwischenzeit genutzt, Erkundigungen über den Mann mit den drei Namen und sein Elternhaus einzuholen. Leider musste er jetzt erkennen, dass es auch Menschen gibt, die noch mehr sind als er. Er hat herausge­funden, dass Pietis Vater eine absolute Respektperson ist und sein Sohn dann auch wohl nicht total daneben sein kann. Außerdem betrachtet er seine Staatsbürgerschaft als Garantie für ehrbares Wohlverhalten. Wie leicht ist es doch, mit Vorurteilen hinter geputzten Fensterscheiben das Bild der Welt ins rechte Licht zu rücken.

Die Fotos sind ganz schlimm geworden aber Papa findet sie toll. Vom frühen Morgen bis spät in die Nacht hat die Feier gedauert. Manfred war wegen seiner vielen Arbeit leider verhindert. Einige der Gäste meinten, dass Papa stolz auf so einen fleißigen und tüchtigen Schwiegersohn sein könnte.
Immer will Papa von mir wissen, wie es denn nun weitergegen soll. Ich denke nicht weiter, als bis Anfang Mai, und Papa denkt jetzt schon an eine Hochzeit im Zwiebelturm geschmückten Kirchlein in den Schweizer Bergen und das, obwohl ich noch verheiratet bin.

Als ich brav war, titulierte er mich als Schlampe, nuttenhaft im roten Licht und jetzt, wo ich mich schuldig fühle, da findet er alles nicht so schlimm. Papa ist in seinem Urteil weich geworden, schmunzelnd muss ich an das vergangene Jahr denken.

In der oberen Etage des neuen Hauses hat er möblierte Zimmer eingerichtet und an Damen vermietet, von denen er denkt, dass sie ins Büro gehen. Eine vernünftige Entscheidung, den Abtrag zu sichern und die gebrauchten Möbel noch sinnvoll zu nutzen. Ständig schwärmt Mama von der Silberblonden, die selbst, wenn sie zur Mülltonne geht, diesen schicken, blauen Samtanzug trägt. Sie fragt, wieso ich nicht so sein kann. Dazu hätte die Dame einen ganz feinen Freund mit einem großen Auto. Weil er immer nur tagsüber kommt, weiß er außerdem, was sich gehört. Eines Abends kam die Kripo und seitdem sind die roten Lämpchen erloschen. Mama und Papa haben gar nichts gemerkt, die Miete kam doch immer pünktlich. Mama meint, dass ihr das alles immer schon komisch vorkam und Papa sagte nur ?halt den Mund.?
Oft bin ich Elsas Mann im Ohr. Wenn ich ihr wieder einmal Angst gemacht habe, ruft unmittelbar danach Pieti an. Immer hat er irgend etwas anderes, was sie schicken oder für ihn erledigen soll. Ich warne sie, ?lass es sein, er nutzt Dich nur aus.? Gestern hat sie ihr Flugticket abgeholt und in der Nacht träumte sie, dass sie in die Koffer nur Oberteile eingepackt hat und Pieti sie mit dem nächsten Flugzeug zurückgeschickt hat.
Frühmorgens rief Pieti an und freute sich darauf, dass sie am Mittwoch kommt und schon waren ihre Ängste wieder vergessen. ?Was wäre wenn?, hat sie mich gefragt, ?was ist, wenn er nicht am Airport ist?? Als ich ihr sagte: ?Dann nimmst Du dir einfach ein Hotel und bist in vier Wochen wieder hier? hat sie gelacht.

Morgen Mittag geht die Maschine. Manfred hat viel mit ihr zu besprechen und er bietet ihr an, sie hinzufahren und auch wieder abzuholen. Wie ein guter Freund trägt er ihr Gepäck und winkt ihr hinterher, er will es immer noch nicht glauben, dass Elsa einfach alles liegen lässt.

Fünf Stunden Flug, schreibt Elsa. Zeit, die letzten Tage aufzuschreiben aber sie lässt es dann doch wieder sein.

Der große Flieger ist mit fünf Passagieren besetzt. Einer von ihnen klimpert in der hintersten Reihe auf seiner Gitarre und es tut meinen Ohren weh. Drei Anzugmänner lesen Akten und Papiere und ich bin mit meinen Ängsten ganz allein und schlafe trotzdem ein. Die Zeit will nicht vergehen. Ich freue mich, als die Maschine endlich zur Landung ansetzt. Nicht einen Moment denke ich daran, dass Pieti mich vielleicht nicht abholen könnte.
Das Sonnenlicht ist grell und blendet mich. Für fünf Personen kommt kein Bus und dann steht Pieti plötzlich vor mir. Er hat sich nicht verändert, nur der Orden an seinem Lederhalsband ist neu. Sein Jeep parkt auf dem Rollfeld. Mein Gepäck muss nicht durch den Zoll und die Beamten erheben salutierend die Hand zum Gruß als wir die Kontrolle passieren. Er erzählt mir, dass er zum Ehrenmitglied der Fremdenlegion ernannt worden ist und der Orden einem Ausweis gleichkommt. Bis wir die Wüstenstraße erreichen, hat er mein schöngemaltes Gesicht einfach abgeküsst und dabei gemeint, dass ich gut auf Make-up verzichten könnte und lieber die Sonne an meine Haut lassen soll. Er hatte Recht, zwei Stunden durch den flirrendheißen Sommertag und ich habe Farbe, wie aus vielen Tuben.

Wie konnte ich nur in den vergangnen Tagen so dumme Dinge denken? Er parkt vor der Hotelanlage und packt meine Koffer aus. Ich dachte, dass er mir irgendwo in der Nähe ein Zimmer besorgt hat, aber so fand ich es natürlich wesentlich spannender. Malte hatte das geregelt. Sie war der Auffassung, dass in seinem Appartement genug Platz ist.
Vom Zimmerservice hat er sich viele Kleiderbügel bringen lassen, damit er den Inhalt meiner Koffer in seinen großen Schrank hängen kann. Nie zuvor lagen meine Augenbrauen- und Kajalstifte so genau in Reih und Glied und an den Handtüchern zuppelte er so lange herum, bis sie millimetergenau übereinander hingen. Bei all dem lachte er und pfiff dabei fast so schön wie mein Adrian. Nie zuvor habe ich jemanden erlebt, der ordentlicher war als er.
Ich muss mich noch daran gewöhnen, dass alle gucken, wenn ich mit ihm zusammen bin. Am liebsten hat er Kinder. Er mag es gar nicht, wenn ihn Frauen ansprechen und wenn sie dazu noch jung sind, macht er ein hochmütiges Gesicht. Er spricht nur gallig über sie, und als Katzen hat er sie schon unzählige Male bitterböse gemalt.

In den letzten Wochen war er fleißig und hat seine Repräsentationsbücher vorbereitet. Inzwischen sind sie angekommen: Sie beinhalten gemaltes Unverkauftes aus der letzten Zeit und als Deckblatt wählte er eine Bleistift­zeichnung einer schönen Frau. ?Die Schlange? hat er sie genannt. Halbnackt, bedeckt nur durch ihr langes Haar, bewacht sie eine dunkle Höhle. Lachend meinte er, dass wäre ich. Wenn er zu mir käme und seine Bilder da wären, würde er es auf der Rückseite signieren und mir schenken. Wie nebenher hat er das gesagt, dann war die Sache für ihn erledigt.

Ich war so müde und habe zwei Tage fast nur geschlafen. Nur, dass Pieti meine Schuhe ganz gerade nebeneinander gestellt hat, habe ich noch registriert und sein Lachen gehört, als er sagte, ich wäre ein schlampiges Weib und würde die Hausgeister erzürnen. Selbst im Schlaf ist er sehr ordentlich. Lang ausgestreckt und auf dem Rücken schläft er total bewegungslos, niemals ist sein Kissen eingedrückt. Das könnte ich wirklich nicht.
Schon früh morgens weckte er mich, und dann fuhren wir in die Wüste. Ich dachte, er muss lange schlafen, denn die Show geht oft bis in den Morgen aber er sagt, schlafen kann er nach dem Tod. Eine seiner Unfallfolgen, die Kopfverletzungen, waren so schwer, dass er nur noch kurzzeitig in der Lage ist, zu schlafen. Die trockene Hitze der Inselluft hilft, den Schmerz zu überwinden. Ich mache mir Gedanken, ob ihm der kalte Norden bekommen wird. Er schläft zu wenig, trinkt zuviel, an manchen Tagen ist er abwesend und fremd und wenn ich ängstlich reagiere, lacht er.
Zum ersten Mal steht da in Rot von mir geschriebenen: ?Elsa, komm nach Hause, komm schnell zurück, der Mann ist manisch depressiv: Er ist verrückt.?

Am Morgen fahren wir ins Landesinnere. Besorgt zeige ich auf die Tankuhr. Pieti lacht mich aus und meint, dass das Benzin für drei Mal hin und zurück reicht. Oasenhaft ist der Tomatenfeldanbau und meckernd bleibt der Jeep stehen, der Tank ist leer. Zu allem Überfluss fängt es an zu regnen und das Autodach liegt in der Tiefgarage. Wir sind nass bis auf die Haut. Der Guanche, ein kleiner Mann, schwarzbraungebrannt, mit vollem Haar und dunklen Augen, rettet uns fröhlich winkend. Mit einer Kanne, wie zum Blumengießen, befüllt er aus einer Riesentonne unseren Tank. Von einem Herrn mit diesem Orden will er kein Geld nehmen und bittet uns zum Mittagessen in sein großes, kühles Haus. Wir genießen Gaspacho Andalus, eiskalt und delikat, Fisch mit heißem Kräuteröl und danach Lendchen mit knackig duftendem Tomatensalat. Zu allem gibt es Wein und frisches Weißbrot. Ein Sonntag, wie es ihn nur in Spanien geben kann. Lange winkt er uns hinterher und ruft, dass wir noch recht oft wiederkommen sollen, und viel Glück und was weiß ich, bis sich seine Worte in der Weite der Wüstenlandschaft verlieren.

Am Abend saß ich im Direktionsbüro und tippte seine Vita für die Pressemappen. Dabei sah Malte mich schweigend und nachdenklich von der Seite an. Die vier Wochen waren um und Pieti fuhr mich den langen Weg zurück zum Flughafen. Er fuhr bis auf das Flugfeld und nicht ein Zöllner beschwerte sich. Der Steward setzte mich in die erste Reihe. Inzwischen habe ich mich schon etwas daran gewöhnt, dass mit Pieti vieles anders ist. ?Bis in acht Wochen und dann in einem anderen Land?, mehr haben wir zum Abschied nicht gesagt. Während des Fluges dachte ich, dass ich das alles nicht kann, ich fühlte mich wieder so klein und viel zu jung für dieses bewegte Leben. Als Manfred mich am Flughafen abholte, war ich mir sicher, dass ich wollte und dass ich es auch kann.

Wie gut ich aussehe, toll und braungebrannt und bla, bla, bla, die ganze Fahrt nur Süßholzraspeln von Manfred. Montag ist der Notartermin um sechszehn Uhr und er bat mich, unbedingt pünktlich zu sein. So nett war er doch früher nicht, da war er immer sehr diktatorisch. Er fragte tatsächlich, ob ich nicht doch bleiben will. Ich habe ihn nur streng von der Seite angesehen und dann hat er endlich seine Klappe gehalten. Zu Hause hat er mir noch die Koffer ins Haus getragen, bevor er dann endlich abgezischt ist. Zurzeit schläft er in seinem Büro. Als ich dann das Chaos im Haus sah, dachte ich nur, dass es auch gut so ist. Meine Nachbarin hatte vor meiner Abreise alles duftend frisch gemacht und Egon schnurrte mit meinen Vogelkindern im Sonnenlicht auf der Fensterbank. Jetzt liegen in der Küche lose Kacheln auf der Bank, im Bad fehlt ein Handtuchhalter, der andere ist zerbrochen und außerdem ist nur noch ein Zahnputzbecher da. Das teure Duschgel ist so gut wie leer und in meiner Bürste hängen fremde Haare. Mein Bett hatte ich vor meiner Abreise frisch bezogen und in meinem Nachtschrank sieht es aus wie Kraut und Rüben, aber es fehlt nichts von meinem Schmuck. Ich bin wütend und ärgerlich. Wer hatte sich hier bloß während meiner Abwesenheit eingenistet? Noch ist es mein Zuhause.

In meinem Kleiderschrank ist nichts mehr wie es war. Fein säuberlich in Reih und Glied hing jedes Stück an seinem Platz und jetzt hängt alles kreuz und quer. Immer hänge ich die Bügelöffnung nach hinten auf die Stange und außen rechts hänge ich die leeren Bügel auf. Die Wäschestapel lagen wie Sodom und Gomorrah und auf meiner teuren schwarzen Lack-Ausgehtasche sind dicke speckige Fingerabdrücke. Die Handtücher im Bad riechen ekelig und in der Toilette liegen zwei Filterkippen.
Ich habe nie Zigaretten mit Filter geraucht und Manfred raucht schon lange nicht mehr. Ich bin wirklich sauer. Mit weißgelben Hornhautfüßen, die Beine behaart und schmuddelig, so stelle ich mir die Dame vor. Verbissen wasche ich mein Seifenstück und mag gar nicht an ihre Achselhaare denken. Als mein Telefon klingelt ist es Manfred, er hatte ganz vergessen mir zu sagen, dass er zwei meiner Lieblingspizzen, die mit viel Thunfisch, in die Tiefkühltruhe gelegt hat, denn bestimmt hätte ich Hunger.

Heute war der Anwaltstermin. Ich unterschreibe alles was er will, nur um endlich weg zu können. Mit Grauen denke ich daran, wie ich Mama und Papa das alles beibringen soll. Manfreds Büro wird gerade renoviert und mit größter Selbstverständlichkeit kommt er und schläft in meinem Bett.
In Vollmond hellen Sommernächten träume ich von Händen, die mich halten und von wunderschönen Augen. An der Schwelle zum Erwachen wird mir erst bewusst, dass die Realität immer noch grauenvoll nah ist.
Mittags kommt Manfred mit Kuchen ins Büro. Denkt er, dass alles ist, wie es einmal war? Ich wünsche, dass ihm die Käsesahneschnitten im Hals stecken bleiben.

Am Wochenende war ich bei meinen Eltern und habe Papa um Rat gebeten. Papa kennt auf einmal so viele Leute, die mit Show und Kunst zu tun haben, auch eine neue Wohnung zu finden, hält er nicht für problematisch. Mama meint, wenn ich endlich mal meinen Verstand gebrauche, wird schon alles klappen.

Die Wohnung ist herrlich sonnig und riesengroß, Balkone zu jeder Straßenseite, zwei Bäder und ein Abstellraum. Unten ist ein Möbelladen, darüber ein Gymnastikstudio und weiter keine anderen Mieter. Am späten Abend erfahre ich, dass direkt gegenüber der stadtbekannte Discoking wohnt. Er ist zwar bekannt aber nicht gut. Es fehlt einfach der beste aller Plattenleger in unserer Region. Ganz unbedarft überrede ich meinen kleinen Bruder, mit mir am Abend um die Häuser zu ziehen. Bei Pommes und Bier finde ich den, der mir sagt, an wen ich mich wenden muss. Ein Türsteher gibt mir die private Telefonnummer seines Chefs. Nachmittags rufe ich ihn an und seine Frau lacht nett und sagt ?der wird noch lange schlafen.? Sie wollte wissen, wer ich bin und von wo aus ich anrufe, weil ihr meine Stimme bekannt vorkam. Als wir ins Quatschen kommen, da brüllt der Kompetente aus dem Hintergrund: ?Marion? und in diesem Moment fiel ihr ein, wer ich bin. Um Zehn Uhr rief ihr Mann endlich zurück und fragte, ob ich sofort kommen könnte, damit wir weitere Details besprechen konnten.

An einem Wochenende habe ich mehr geschafft, als Makler und Künstleragenturen zusammen. Pieti hat seinen Vertrag und weil er Schweizer ist, habe ich ihn unterschrieben, denn das macht vieles unkomplizierter. Jetzt habe ich ein mulmiges Gefühl aber Mama lacht und meint, ?der Mensch wächst mit seinen Aufgaben? und Papa brummelt, ?die weiß doch selber nicht was sie will.? Ich weiß nur, dass ich will, dass Pieti endlich kommt, aber bis zum zehnten August dauert es noch viele lange Tage.

Gestern habe ich mit Mama den Teppichboden für meine Wohnung ausgesucht und der Dekorateur war da, um die Gardinen auszumessen. Am Samstag brachte der Gärtner die wunderschön bepflanzten Blumenkästen und in einigen Tagen kommt der Möbelwagen mit dem neuen Inventar. Das Telefon ist angeschlossen, die Küche ist funktionsbereit, es fehlen nur noch meine persönlichen Dinge aus dem alten Haus und bis Pieti hier ist, dauert es noch lange dreißig Tage.

Vorher wird mein kleiner Bruder noch heiraten. Tina ist genau so jung, wie ich es damals war. Papa ist dagegen, dass die beiden so zusammenleben, weil er sich das Gerede der Leute ersparen will. Wie er so etwas seinen Mitarbeitern erklären soll, weiß er schon gar nicht. Niemand wird sich etwas dabei denken und die Mitarbeiter schon gar nicht aber das wird er wohl nie begreifen. Er versteht nicht, dass es etwas gibt, von dem er glaubt, dass es verboten ist. Ich habe mich unheimlich gefreut, als mich Tina anrief, um mich zu fragen, ob ich Lust hätte, mit ihr das Kleid für diesen Tag auszusuchen. Wir verabredeten uns für den langen verkaufsoffenen Samstag. Papa und mein Bruder sind zur Messe, Tina hat Nachtdienst im Krankenhaus und schläft, wie ich, bei Mama. Gegen zehn Uhr fahren wir zum Shoppen. In jedem Geschäft, in allen Gassen dieser Stadt haben wir gestöbert, wir sind nirgendwo fündig geworden. Entweder war es zu weiß und hochgeschlossen oder mehr puppenhaft und in der Farbe zu intensiv pastellig. Tina suchte nach einem Kleid, das sie auch später noch tragen kann und außerdem nicht mehr als neunundfünfzig Mark kosten durfte. Papa hat uns finanziell großzügig ausgestattet, denn er wünscht sich eine schöne Braut für seinen Sohn. Tina will aber trotzdem sparsam sein. In dem großen Kaufhaus, dort, wo wir es nie vermutet hatten, fanden wir ein Kleid: Mitternachtsblau, bodenlang und schmeichelweich, in Brusthöhe weiß mit grünen Streifen und zwei Finger breit nur nackte Haut, die Trägerchen kaum breiter als ein Gummiband. Eine Stola gehört mit dazu, man muss sie ja nicht tragen. Aber Tina kann sich einfach nicht entscheiden, ihr fehlt der Mut zu diesem ausgefallenen Traum. Ich versuchte, ihr das Kleid einzureden, weil man durch die Stola die Träger vom BH nicht sieht. Sie bleibt aber standhaft und meint, sieben Mal neunundfünfzig Mark, das wäre ja die ganze Heiraterei nicht wert. Der Kaufhausprecher mahnte schon den Feierabend, und Tina hing das Kleid unentschlossen wieder zurück. Auf der Rückfahrt schwärmte sie nur von diesem Traumkleid.
Unser Einkaufsbummel hat nicht mehr ergeben, als die läppischen Butterbrotbeutelchen, die Mama sich erbeten hatte. Sonntagnacht hat mich Tina von ihrer Nachtschicht aus angerufen. ?Das blaue Kleid geht mir nicht aus dem Kopf, es ist wunderschön, macht es dir was aus, am Montag noch mal mit mir in die Stadt zu fahren??
Am Montag war Tina mutiger. Sie hat sich für das Kleid entschieden. Das Kostümchen für das Standesamt, ein Faltenrock mit weißer Jacke, ist viel zu brav. Ich verkneife mir, ihr zu sagen, dass der Rock viel zu lang ist und Spangenschuhe dazu viel zu klobig wirken. Die Stöckelschuhe zum langen Kleid konnte ich ihr ausreden. Es blieb noch Geld für Duft, einen hochwertigen Lippenstift und Unterwäsche aus Seide. Für Papa brachten wir eine sortierte Bonbonmischung aus dem Kaufhaus mit.
Als Mama das Kleid sah, machte sie wieder ihr spitzes Mündchen. Sie dachte an was Dunkelblaues, so bis zum Hals hoch geschlossen und auch im Rücken bedeckt. Papa ist von dem Kleid begeistert und fragte nicht danach, ob noch Geld übrig geblieben ist. Tina hat mich als einzige gefragt, was ich anziehen werde und ob wir noch einmal in die Stadt fahren sollen. Ich erzählte ihr von dem bodenlangen Kleid in Lavendelblau mit vielen Chiffonlagen. Schon drei Mal getragen, fühle ich mich in ihm mittlerweile zu Hause. Es wird niemand auf der Hochzeit sein, der mich schon einmal in diesem Kleid gesehen hat. Sie freute sich und meinte, es passt zu meinem orangefarbenen Lippenstift. Ich verriet ihr, dass mein Bruder es war, der mir den ersten Lippenstift schenkte. Er war orange und diese Farbe habe ich nie gewechselt. Tina meinte lachend, dass sie sich eine andere Farbe bei mir auch nicht vorstellen könnte.

Pieti hat angerufen. Er freut sich über den Vertrag und ich bin entsetzt, als er mir erzählt, dass er nicht mehr arbeitet. Er reagierte wütend, weil er meint, dass ich seine Malerei nicht als Arbeit ansehe und ich kein Stück besser wäre als sein Vater. Mir bleibt nichts weiter, als in zu besänftigen. Danach telefonierte ich mit Malte und war noch mehr beunruhigt. Sie meinte, er wäre verrückt. ?Was tust Du Dir da bloß an? war ihr Kommentar. Dienstag kam ein ganz lieber Brief von Pieti. Er schrieb, wie sehr er sich auf alles freut. Am Tag darauf kam eine Ansichtskarte mit dem Landhaus des Guanchen, umgeben von Tomatenhainen. Pieti hat mir versprochen, dass wir bald auf dem Balkon des ockergelben Hauses in die Sonne winken werden.

Mein Bruder hat weder kirchlich geheiratet, noch eine Polterhochzeit veranstaltet. Am Freitagmittag ist die standesamtliche Trauung und am Abend ein großer Ball. Nachmittags muss er Kleingeld schmeißend seine Angetraute über ein Seil tragen und Holz sägen. Mittwochabend nimmt er bis spät in die Nacht mit seinen Freunden Abschied vom Junggesellenleben. Aus Spaß hatten sie eine Bauchtänzerin engagiert und peinlich entsetzt von ihrem nackten Bauch, trank er mehr, als für ihn gut war. Die Tänzerin zog enttäuscht ihr Straßenkleidchen wieder an und fuhr mit der vereinbarten Gage nabelverhüllt wieder nach Hause.
Der Donnerstag gehört, wie ich es meiner kleinen Schwester versprochen habe, nur uns beiden. Erst am Abend ist mein Bruder wieder halbwegs unter den Lebenden. Die Bauchtanzdame und seine Freunde haben Spuren hinterlassen. Verkatert, leichenblass und wie ein Häufchen Elend hängt er herum. Ich empfehle ihm ein Entspannungsbad mit ätherischen Ölen. Als er wie neu geboren und angenehm duftend aus der Wanne kommt, bürsten wir seine Augenbrauen und cremen sein Gesicht. Die Nägel hat er sich selber geschnitten und gefeilt, nur geglänzt haben sie nicht. Mama ist damit beschäftigt, ihr blondes Haar zu locken und Papa guckt die Tagesschau. Mein Bruder hält still, als wir ihm die Zehennägel leuchtend rot lackieren. Auch die neue Seidensocke haben wir zerschnitten und gestopft. Sie soll ihm Glück bringen, denn mein kleiner Bruder hat mit rot lackierten Zehennägeln und mit der stümperhaft gestopften Seidensocke geheiratet und es hat ihm Glück gebracht. Unser vorhochzeitliches Geschenk liegt in Glanzpapier verpackt, mit einer Riesenschleife, auf dem Tischchen neben seinem Bett. Lange haben wir in alten Kartons gekramt, um nach dem kleinen Büchlein aus seiner Jungendzeit mit dem Titel ?Wo kommen die kleinen Jungen und Mädchen her? zu suchen. Wir sind fündig geworden und es ist wie neu. Nächtelang hat er mit der Taschenlampe unter der Bettdecke darin gelesen und jetzt musste er uns versprechen, dass er das Päckchen nicht vor der Hochzeit öffnet.

Morgen ist die Hochzeit und Pieti kommt erst in elf Tagen. Auch Manfred wird zur Hochzeit kommen und wir haben versprochen, nichts über unsere Trennung zu sagen. Um die neu angeheiratete Familie nicht zu erschrecken, werden wir unseren Auftritt noch einmal als Mann und Frau haben und gemeinsam an einem Tisch sitzen.

Es war wie ein Theaterstück, das vor dem Ende ausgebuht wird. Wir wussten nicht, dass Tina es längst allen Verwandten erzählt hatte. Nach drei Stunden Schlaf bollerte Mama an meine Tür. Meine alte Tante hat sie so verrückt gemacht und ihr eingeredet, dass es zwischen uns, so wie wir uns ansehen würden, noch lange nicht vorbei wäre. Ich hätte so gerne noch etwas geschlafen. Mama schloss beruhigt wieder die Tür, weil sie außer dem großen Kissen und der Zudecke nichts bei mir gesehen hat, was sie zu ihrem spitzen Mündchen veranlassen konnte. Als ich zum Frühstück kam, war Manfred schon wieder abgebraust und die alte Tante sah mich verdächtig seltsam an.

Nur noch einmal muss ich zurück, damit ich dabei sein kann, wenn meine persönlichen Besitztümer abgeholt werden. Es sind nur noch wenige Tage bis Pieti endlich hier ist. Manfred hat mich am letzten Abend zum Essen eingeladen. Weshalb soll ich nicht hingehen, es wird schon nicht wehtun.
Das Essen war gut, das Gespräch vertraut und auf dem Parkplatz klemmte er sich in meinem Flitzer die Finger in der Autotür. Er hat vor sich hingejammert, dass er sogar zum Einsteigen zu blöde wäre. Am nächsten Vormittag habe ich meinen Hausschlüssel in den Briefkasten geworfen. Ich durfte mich nicht umdrehen, es tat so weh, jeden Stein habe ich geliebt, es war ein richtiges Zuhause. Ab heute gehört es mir nicht mehr, ich habe meinen Anteil an Manfred verkauft. Flüchtig kommt mir der Gedanke, ob er den festgesetzten Preis bezahlen wird.

Es ist ein richtig schöner Sommertag, strahlend blauer Himmel mit Sonnenschein und weißen Wölkchen. Mir fällt ein, dass ich die Balkonblu­men gießen muss und weil morgen die Müllabfuhr kommt, muss ich die Tonne noch rausstellen. So erschreckend realistisch kann Abschied nehmen sein. Die Wohnung ist neu, nichts ist gebraucht und niemand wartet hier auf mich, aber bald wird Pieti hier sein.
Elsa ging mir in dieser Zeit auf die Nerven. Nichts als Pieti, Pieti. und nochmals Pieti. In ihren Augen sehe ich ihre Angst und ich kann sie gut verstehen.

Morgen ist der große Tag, Pieti kommt. Sein Gepäck wird nicht in ihren kleinen Flitzer passen, deshalb fährt ihr kleiner Bruder mit seiner frisch angetrauten Ehefrau mit Papas großem Kombi mit zum Flughafen.
Elsa wäre viel lieber allein gefahren. Sie hat Angst, dass er vielleicht gar nicht im Flugzeug sitzt und falls das so ist, weiß sie nicht, wie sie das erklären soll. So viel Familie, das überfordert sie einfach. Als der Flug endlich aufgerufen wird, kommt ihr die Zeit ewig lange vor. Durch die Glasscheibe winken Malte und Meike ihr zu. Elsa weiß, dass sie Montag Plattenaufnahmen im Hamburg haben. Malte hat ihr zugelacht und ihr zu verstehen gegeben, dass ihre große Sehnsucht noch beim Zoll ist. Hat Pieti die Zigaretten in seinem Gepäck angemeldet? Der Zoll würde mehr Geld nehmen, als ob er sie hier gekauft hätte. Aber Schweizer sehen das nicht so eng. Dann ist er endlich da, mit seinem Handgepäck kommt er ihr unnahbar und fremd vor. Tina ist wie hin und weg und der kleine Bruder sagt gleich ?Du?. Die Blicke der Leute sind auf sie gerichtet. Sein Gepäck wird an sein neues Domizil nachgeschickt. Elsa weiß nicht, weshalb sie nicht alleine hierher gefahren ist.

Morgen ist Montag und dann muss Elsa Pieti Mama und Papa zeigen. Auf einmal ist sie sich nicht mehr sicher, ob sie das überhaupt will. Im flirrendheißen Sonnenlicht des Südens hatte Pieti seinen Platz und hier ist er fremd.
Es ging besser, als sie dachte. Mama machte ein freundliches Gesicht und Papa war so fürsorglich, wie er es zu ihr niemals war. Pieti erzählte so viel dummes Zeug, dass Elsa immer ängstlicher und kleiner wurde. Sie weiß, dass Papa jedes Wort für bare Münze hält und irgendwie ahnt sie, dass die Realität vielleicht ganz anders ist.

Ihr Bruder ist schon zwei Mal mit Pieti in die Schweiz gefahren. Sie haben Bilder, Platten, Wäsche, Farben, Stifte, die Staffelei, seinen riesengroßen Eichen-Schreibtisch und technisches Kram abgeholt, trotzdem gibt es immer noch jede Menge, das zu transportieren ist. Auf der zweiten Fahrt ist Papas großer Transporter wegen Achsbruch liegengeblieben. Papa meinte, dass es nicht schlimm ist, weil das Auto ohnehin schon seine Jahre auf dem Buckel hat. Viel schlimmer ist, dass die Kräuterhexe Trixi Pieti Angst macht. Sie hat ihm gesagt, dass er hier in dieser Kälte sterben wird und Elsa sein Untergang ist. Sie will jetzt auf ihn warten, denn sie ist sich sicher, dass er bald zurückkommen wird. Der kleine Bruder lachte und tröstet Elsa damit, dass Trixi schon eine alte Frau mit Zusselhaar und Adlerblick ist. Obwohl er an den Zauberkram eigentlich nicht glaubt, hat er sich von ihr auch schon seine Zukunft voraussagen lassen.

Oft hat Trixi angerufen und Pieti Angst gemacht. In winterweißen Vollmondnächten sah sie ihn sterbend liegen, und das Rinnsal seines künstlerischen Blutes zerriss ihm sein Herz. Wenn Trixi ihm die Tarotkarten legte, versprachen sie ihm nur Schmerz und dabei trank er immer viel zu viel Wein.
Wann immer Elsa versuchte, etwas über den geschlossenen Plattenvertrag zu erfahren, reagierte er abweisend. Er sagte dann lediglich, ?so etwas dauert?. Die Melodie wollte er in bunten Farben malen und Elsa würde ihn dazu einfach nicht inspirieren.

Für Elsa hat der Alltag längst wieder begonnnen. Morgens ist sie früh im Büro und nicht ein Tag vergeht, an dem Pieti nicht wegen irgendwelcher dummer Sachen quengelnd in der Leitung ist. Entweder hat er den Deckel des Eierkochers auf die warme Herdplatte gelegt oder Elsa hat vergessen, die Klingel abzustellen, damit er bei seinem langen Schlaf nicht gestört wird. Noch viel schlimmer war, dass ihr Schnurrekater Egon versucht hat, ihm Spuren ins Gesichts zu kratzen. Wie Recht er hat, der kleine Kater, so Schmisse mitten im Gesicht, die rufen ihn vielleicht zur Ordnung. Mama hat ihn bei seiner Verärgerung darüber unterstützt und gesagt, dass Egon ein unausstehliches Biest ist und er ein wunderbarer Mann und dass er so etwas auch nicht dulden muss. Abends redet Mama auf Elsa ein, weil sie sich wundert, dass sie sich das alles gefallen lässt, und tagsüber tröstet sie Pieti und macht ihm Mut indem sie ihm sagt, dass so ein Kater auch nicht ewig lebt. Dann hält sie Elsa Vorträge, wie sie ihm die Haare für den Termin beim Pressefotografen curlen soll. Elsa curlt ihm nicht die Haare und kämmt nicht seinen Schnurrbart. Sie denkt, dass soll doch Mama machen, mit ihr gemeinsam hat er ja auch schließlich den Fotografieranzug gekauft und sie noch angemault, weil sie keine Zeit hatte und ihr das Büro anscheinend wichtiger wäre als er.
Beim Shooting sitzt Elsa im Nebenraum. Die Fotografin meinte, dass sie besser draußen warten soll, weil er sonst zu gehemmt ist und nicht so offen lachen kann. Sie hat sein Hemd noch weiter aufgeknöpft und seine Wangen braun gepudert, seine Wimpern noch einmal getuscht und den Lidstrich kunstgerecht gezogen.
Elsa sieht das Ergebnis am Samstag als Titelbild der Boulevardzeitung und in der regionalen Tageszeitung auf der letzten Seite. Bildunterschrift: ?In der Freizeit geht er mit seinem Hund durch den Wald.? Mama ist ganz erstaunt, weil sie bislang noch keinen Hund gesehen hat. Pieti bringt Elsa telefonisch bei, dass das Internat für den erwähnten Hund noch dringend zu bezahlen wäre und er hierfür auch gerne einen Scheck von ihr nehmen würde. Elsa weiß, wie hoch seine Gage war und ängstigt sich, als sie erfährt, dass er hier trotzdem pleite angekommen ist. Alles, was er hier bislang machte, passierte auf Pump. Es wird mindestens drei Monatsgagen dauern, bis alles endlich ausgeglichen ist.

Jetzt wissen auch die Nachbarn, wer Pieti wirklich ist. Mama braucht samstags stundenlang für ihren Einkauf auf dem Markt und Papa hat richtig gute Laune und kommt mit einem riesen Blumenstrauß für Pieti aus der Stadt zurück. Er hofft auf viele Fotografen und Mama meint, dass Elsa auf keinen Fall mitgehen soll, weil sich das nicht gehört. Elsa war wirklich nicht mitgegangen. Am nächsten Morgen jammerte Pieti herum, wie schwer doch alles ist und dass die Menschen hier absolut unmöglich wären. Es war ihm peinlich, als Elsas Papa mit dem großen Blumenstrauß hinter ihm stand. Zu Elsa sagte er warnend, wenn sein Operationsfeld künftig nicht verglast würde, wäre das alles hier für ihn sowieso erledigt.
Er will eine Diskothek wie aus vergangenen alten Londoner Zeiten, verglast bis an die Decke. Wenn er sie dann verwirklicht hat, wird er auf das Wetter schimpfen, und wenn Elsa das Wetter auch noch ändern könnte, wäre er immer noch nicht zufrieden. Mama meint, dass Künstler nun mal anders sind und Papa ist begeistert, wie toll er sich verwirklicht.
Die Schränke heißen nur noch Kasten und ein abgestelltes Auto wird parkiert und als er nach dem sonntäglichen Kaffee abliegen gehen will, fragt Elsas Mama ob es denn unbedingt erforderlich ist, dass er auch am Sonntag ins Büro geht, denn die Ablage hätte doch auch bestimmt bis Montag Zeit. Elsa weiß vor Lachen gar nicht, wo sie hinsehen soll und denkt an ?König Baudouin? aus Kindertagen.

Elsa wird immer trauriger und nach Büroschluss schrubbt sie entweder Bilderrahmen oder bepflanzt die Blumenkästen auf den Balkonen. In der Zwischenzeit verhandelt sie mit großen Galerien, denn kurz vor Weihnach­ten soll seine erste große Ausstellung sein. Als der Galerist anruft, ist Pieti am Telefon und sagt ihm, dass der Künstler im Moment nicht zu sprechen ist, weil er gerade auf der anderen Leitung telefoniert. Elsa muss den verärgerten Mann später beruhigen. Zur Vernissage kommt Pieti nicht mit, weil er meint, dass das ganze gesellschaftliche Gehabe nur unnutzer Scheiß wäre und ihm wertvolle Zeit raubt. Er ist er verärgert, dass nicht eines seiner Bilder wieder abgeholt werden darf, weil alle verkauft wurden. Er wirft Elsa vor, dass sie ihn vermarktet und der Stress ihn völlig kaputt macht. Elsa weiß, dass es der Wein ist, der für seinen gesundheitlichen Ruin sorgt. Zwölf Kartons mit je zwölf Flaschen waren seit seinem Einzug da und alle Flaschen sind geleert, nicht eine Flasche ist mehr da. Elsa dachte, es reicht für Jahre. An manchen spätherbstlichen Tagen riecht die Wohnung jetzt wie zur Weihnachtszeit. Elsa ist ängstlich wie in frühesten Kindertagen. Heißen Rum trinkend sitzt er an der Staffelei. Schreiend laute, grelle Farben grenzen an ein helles Blau, der Akt will ihm einfach nicht gelingen. Er gibt Elsa Schuld, weil er mit Rücksicht auf sie ohne Modell arbeitet, obwohl er früher immer sagte, dass er noch nie ein Modell brauchte. Wütend hat er sich angezogen und ist mit seiner großen Reisetasche in die Stadt gegangen. Elsa denkt, er will in die ferne weite Welt und erinnert sich an ihre Kindheitstage, als Mama immer mit dem Regenschirm drohend gehen wollte. Sie verkneift sich ihre Tränen und hält ihn nicht zurück. Als er zurück kommt, lacht er Elsa schallend aus. Er war im Supermarkt, weil es Zahnpasta und Toilettenpapier im Angebot gab, und da hat er gleich auf Vorrat eingekauft. Elsa ist froh, dass wieder einmal ein Tag vergangen ist. Morgen wird bestimmt die Sonne wieder scheinen und am Wochenende ist Show-Time.

In der Nacht zum Sonntag erreicht sie ein Alarmruf, weil der große Meister spinnen und verrückt spielen würde. Sie sollte sofort kommen. Elsa raste so schnell sie konnte zum Ort des Geschehens. Schon auf der Treppe meinte sie, die Neunte von Beethoven zu hören und dann sah sie ihn, hinter Glaswänden bis an die Decke reichend. Pfeife rauchend kippte er sich mit Rotwein zu und die Gäste warteten fasziniert auf das, was noch passiert und fanden es ganz toll. Übergangslos wechselte er in das Gejammer des kinderreichen Hausbootbesitzers und damit Belinda ihn auch erhörte, erschallte es dreisprachig mit dem lockenden ?Ti amo?. Die Stimmung war am Siedepunkt und der Alarm war ganz umsonst. Er hatte die Massen ganz gezielt aufgeheizt. Elsa sagte er, dass die Menschen hier so blöde sind, und selbst nach ?Hänschenklein? noch den Limbo tanzen würden. Sie dachte voller Angst, dass er verrückt ist und. so jung wie sie war, wäre sie am liebsten weggelaufen.
Sonntag ist er wieder fit. Mit seiner tollen Stimme und stoischer Gelassen­heit moderiert er den Auftritt eines bekannten Stars im Stadion. Papa ist natürlich mitgekommen. Ganz fein, im grauen Zwirn, ist er stolz wie Oskar. Zu Elsas feinem grauen Kleidchen und dem toten Silberfuchs um ihren Hals sagte er ?Oh? und nach Pietis Ansage gab er lang anhaltenden Applaus. Die Herren von der Presse wollten wissen, wer er ist und er sagte doch tatsächlich ?ich bin der Schwiegervater.?

Am nächsten Morgen liegt Vogelfrau Isolde tot in ihrem Bauer und Adrian pickt trauernd auf dem Boden herum. In einer kleinen, feinen Schachtel hat Elsa Isolde im elterlichen Garten unter dem Walnussbaum vergraben. Auch Kater Egon baut von Tag zu Tag mehr ab und der Tierarzt rät ihr, ihn einschläfern zu lassen. Mittags kommt dann auch noch der Anruf, dass Pietis Großvater gestorben ist. Obwohl er sehr alt geworden ist, reagiert Pieti wie zerstört auf die Nachricht. Elsa darf ihn nicht zur Trauerfeier begleiten. Ihr wird zum ersten Mal klar, dass sie für ihre Umwelt nichts anderes als sein Verhältnis ist. Noch immer ist sie nicht geschieden und Pieti mit seiner großbürgerlichen Spießerseele macht sich über sie lustig.

Pieti fährt in die Schweiz, wird sich auch mit Trixi treffen und vielleicht auch zurückkommen. Elsa ist in Panik wegen der geschlossenen Verträge und als sie ihn darauf anspricht, meint er von oben herab, dass das nicht sein Problem wäre, weil er niemals etwas unterschrieben hätte. Und wenn er jemals wieder zurückkommen sollte, dann müsste sie sich schon ändern. Silvester wäre er ganz bestimmt nicht für diese dummen Menschen hier, er würde keine Perlen vor die Säue werfen, sie hätten so etwas wie ihn überhaupt nicht verdient.

Anstatt Elsa froh ist, ihn so schnell und einfach loswerden zu können, macht sie alles, was er will. Silvester hat er keine Show. Wie oft habe ich versucht, ihr klar zu machen, wie schön es wäre, wenn er bei Trixi bleiben würde. Wir beide wussten aber genau, dass er wieder zurückkommt. Elsa wird dann wieder leere Weinflaschen entsorgen, Geschwafel und Rumgestank ertragen müssen und er wird sich weiter für die Verheißung des allergrößten Glücks halten.

Elsa ist nicht zu Hause, als er telegrafisch seine Ankunftszeit avisiert. Es wäre einfacher gewesen, wenn er angerufen hätte, aber dazu war er immer noch viel zu eingeschnappt. Trotzdem erwartete er, abgeholt zu werden. Ärgerlich und wütend stand er am Airport. Dass ihn die Grippe kalt erwischen würde, hatte er sich gewünscht, damit Elsa sich nie wieder wagen würde, einfach nicht zu Hause zu sein, wenn er sie braucht.
Silvester hat er wirklich Show-time-frei. Der Trauerfall und seine tatsächlich eingetretene Grippe machen ihm die Zeit furchtbar schwer.
Weihnachten bei Mama und Papa ist für Elsa eine harte Zeit, Pieti ist der Favorit und alles, was er macht, ist gut und richtig. Er wäre eben ein ganz berühmter Mann und sie soll endlich begreifen, dass Künstler andere Menschen sind.

Ständig stand in der letzten Zeit irgend etwas über ihn in der Zeitung, meistens war nichts Wahres daran und wenn dann auch noch sein Foto abgebildet war, brauchte Mama immer länger zum Einkaufen. Elsa fragte sich, wann sie ihn endlich adoptieren. Auf seinen ganz besonderen Wunsch gab es Rinderbraten und nicht die sonst übliche Weihnachtsgans. Papa trinkt mit ihm heißen Rum und hört sich seine erfundenen Geschichten an. Mama strahlt mit spitzem Mund und meint, dass sie schon immer wusste, dass Elsa etwas ganz Besonderes ist. Ihr kleiner Bruder ist verärgert, weil der Kamin nicht richtig zieht und ihre Schwester muss ganz früh nach Hause, um ihren grippekranken Mann zu pflegen. Die Gans gab es für Papa nach Weihnach­ten und Elsas Mama rührte gedankenvoll in der angedickten Weinsuppe und fragte sich, ob das alles noch normal war.

Elsa freut sich so auf den Silvesterabend. Ein großes Fest bei alten Freunden aber Pieti knört, weil er lieber malen möchte. Am Abend ist er dann doch bereit und zieht seinen schwarzen Anzug an. Unnahbar, fremd und weit entfernt steht er stumm und Whisky trinkend da und meint, er male Noten für die Melodie, die wir nicht hören können. Ein Spinner, meint ein Jugendfreund, die andern denken ein Exot und Elsa denkt, ?er hat ´ne Klatsche, wie werde ich ihn bloß wieder los?? Es ist noch nicht mal Mitternacht, als Pieti nölt, dass er lieber gehen möchte und im Auto auf sie warten will. ?Elsa, gib ihm doch den Schlüssel, dann sind wir ihn endlich los?, reden die Freunde auf sie ein. In den frühen Morgenstunden findet das Fest sein Ende und Elsa glaubt nicht mehr daran, dass er noch da ist und will schon fast ein Taxi rufen. Die Freunde lachen sich kaputt, als die dann sehen, dass er im Auto sitzt und schläft.
Der Türknall hat ihn aufgeweckt und fröstelnd brummelt er vor sich hin bevor er dann im besten Schwyzer-Dütsch richtig an zu keifen fängt. Er kann von Glück sagen, dass Elsa nichts versteht. Die Freunde hätten ihr liebend gern geholfen, den idiotischen Exoten zu entsorgen.
An der letzten Ampel am Stadtrand öffnet er die Autotür, um auszusteigen. Bei Nieselregen und dem schwachen Wind denkt er plötzlich an die Vergänglichkeit der Schönheit und hat Sorge, dass ihn die Presse so sehen könnte. Meckernd zieht er die Tür bei Grün wieder ins Schloss. Elsa hat so gut wie nichts getrunken und fährt bedächtig auf dem glitschig-feuchten Kopfsteinpflaster. Ganz ohne Grund brüllt er ?pass auf? und fasst ihr dabei ins Lenkrad. Den Hund hatte sie schon längst gesehen und abgebremst. Zeitlupenhaft vergehen die Sekunden, grell blitzt es gelb und rotorange, sie kann den Flitzer nicht mehr halten und wird er von einer dicken Kastanie abgebremst. Es ruckt und schmerzt und Pieti schreit, dass er Blut an seiner Hand hat. Aber das ist für Elsa in diesem Moment nicht wichtig, sie will nur raus aus diesem Auto, sie hat Angst, dass es jeden Moment explodiert, weil der Tank ganz voll ist. Der Hund ist einfach weggelaufen. Keines der vorbeifahrenden Fahrzeuge an diesem regennassen Neujahrsmorgen hält. Pieti schreit, dass er verletzt ist und Blut aus seinem Kopf läuft, aber das interessiert Elsa nicht. In ihrem schönen schwarzgrau gestreiftem langen Kleid macht sie sich zu Fuß auf den weiten Weg bis endlich eine Taxe hält. Am Neujahrsmorgen ist der Taxifahrer einiges gewohnt. Ohne viel zu fragen ist er bereit, auch noch Pieti einzusammeln. Seine Schönheit ist durch die Ereignisse demoliert und der Taxifahrer fragt nur kurz und knapp ?wohin? und kurze Zeit später hält er schweigend vor ihrer Haustür.
Pieti macht Theater, ist Blut verschmiert und nennt sie eine Mörderin. Trixi hätte ihm geweissagt, dass er hier im Norden sterben würde und alles so scheiße wäre. Elsa hat es satt, sie ist ganz einfach müde und bringt ihm das Telefon, damit er die Polizei anrufen kann und sie endlich ihre Ruhe hat. Er ruft weder die Polizei noch einen Arzt an, und der Kratzer am Kopf hat schon lange aufgehört zu bluten. Elsa geht schlafen und morgen Mittag, nein es wird schon heute sein, kommt ihr Bruder und mit ihm wird sie alles besprechen.

Ihr Bruder hat viel Zeit mitgebracht, denn Tina hat Nachtschicht und wird noch lange schlafen. Er fragt nicht, weshalb Elsa so leichenblass ist.
Ganz schnell begreift er, was passiert ist und macht sich auf den Weg, um nach dem kleinen Flitzer zu schauen. Die Straßenarbeiter schaufeln gerade Streusand und einer sägt an der Kastanie, dann lösen sie das Absperrband. Nirgendwo war das Fahrzeug zu sehen. Dann fährt er zurück und meint, dass nur noch die Polizei helfen kann, denn das Auto konnte ja nicht vom Erdboden verschwunden sein. Die Polizei ist mehr als knurrig, es fällt das Wort ?Fahrerflucht? und außerdem wäre die Adresse nicht richtig, sie hätten fast die halbe Nacht vergeblich nach dem Halter gesucht.
Sie waren wirklich dümmer, als es jede Polizei erlaubt. Der Hauseingang ist einfach nur auf der Rückseite des Hauses und wenn sie sich nicht so blöde angestellt hätten, hätte Elsa sogar noch in der Nacht verhört werden können. So haben sie das Auto kurzum abgeschleppt und eingeschlossen. Es stand jetzt auf dem Polizeigelände. Wenn sie wollte, könnte sie gerne kommen und wenn nicht, dann käme die Polizei zu ihr. Das Auto ist Schrott, der Baum ist hin, die ganze Straße versaut und Pieti, der bis eben mit Trixi telefoniert hat, nennt sie eine Mörderin.
Zur Polizei ist er dann trotzdem mitgekommen. Er hat ausgesagt, dass sie niemals trinkt und immer noch unter Schock steht. Morgen darf die Autowerkstatt ihren kleinen Flitzer wieder abholen. Das Auto ist total verzogen, ein Wunder, das es nicht gebrannt hat. Der Meister ist sich sicher, dass Elsa viel zu schnell gefahren ist. Am nächsten Tag hat sie ein anderes Auto und weint ihrem alten hinterher.

Als Mama und Papa Ende der Woche aus dem Urlaub kommen, sind sie erstaunt über das neue Auto. Sie meinen, ihr Wagen wäre doch so schön gewesen und hätte so gut zu ihr gepasst. Ihr Bruder hat über den Unfall nicht ein Wort erzählt, aber Pieti ist zu Mama gerannt und hat ihr von dem Mordversuch berichtet. Papa hat nicht ein Wort geglaubt. Auch der Werkstattmeister sprach nur von einem Maschinenschaden und meinte, es könnte sein, dass er Öl verliert, Waschmaschinen wären ja auch nicht für die Ewigkeit gebaut. Als Pieti am Wochenende wieder in der Zeitung abgebildet ist, sprechen sie nicht mehr über den kleinen Flitzer und finden das neue Auto sowieso viel schöner. Manchmal macht Elsa auch etwas richtig.
In all den Zeiten habe ich immer wieder vergeblich versucht, Elsa zu überreden, dass sie weiter Tagebuch schreiben soll. Sie meint, dass ihr niemand glauben wird und ihr auch die Erinnerung reicht. Das Geschehene will sie in ihrem Leben nicht unbedingt noch einmal lesen. Ich quäle ich mich durch Sommersonnen-Mittagszeiten und versuche, es zu erzählen. Manchmal wünsche ich, Elsa wäre hier und würde mich unterstützen.

Manisch-depressiv und krankhaft irre ist er und das bestimmt nicht erst seit dem Autounfall. Elsas Papa sagt, er ist chaotisch und meint damit verrückt. Elsa mag darüber nicht sprechen und ist froh über jeden Tag, an dem nicht der Duft von heißem Rum bis ins Treppenhaus dringt.
Zu Ostern ist die große Frühjahrsvernissage und viele seiner Bilder sind noch unvollendet. Oft kommt jetzt die seltsame alte Frau mit Dauerwelle und Faltenrock, sie sieht sich um, als ob sie nach Spinnen sucht. Ihr Mann hat eine Galerie, und sie tuschelt mit dem großen Künstler und tut so, als ob Elsa gar nicht anwesend ist.

An einem Frühlingssommertag hat Elsa mehr Angst als Mut vorm Leben. Sie hat es einfach aufgegeben, mit Pieti über ihre Probleme zu sprechen.
Pieti hat sich kurz darauf ein Büro genommen, es ist gegenüber, er nennt es sein Atelier. Elsa ist befreit und kann im Schein der hellen Lampen sehen, was er drüben treibt. Hin und wieder sieht sie dort Frauen, die Blumen gießen. Sie wünscht sich, dass diese Damen ihm dabei helfen, die Farben für seine Melodie zu finden. Den großen Schreibtisch und eine Staffelei hat er nicht mitgenommen aber trotzdem hofft sie, dass er nie wieder zurück­kommt. Die Albträume aus vergangenen Zeiten will sie ganz schnell vergessen, und trotzdem wünscht sie sich manchmal Vergangenes zurück.

Manfred hatte angerufen. Weil die Scheidung demnächst ansteht, wollte er vorher gerne noch mal mit ihr sprechen. Elsa lehnte rigoros ab aber dann hat Mama sie ins Gebet genommen: ?Das Alte ist noch lange nicht vorbei, Du musst mit Manfred reden, vielleicht ist der Gerichtstermin ja noch aufzuschieben, dann kannst Du in Ruhe noch einmal alles überdenken.?

An Papas großem Schreibtisch sitzt das kleine Elsakind, die Tür ganz fest verschlossen, damit nicht eines der Worte nach außen dringen kann. Dann ruft sie Manfred an und durch das Telefon dringt lautes Babygeschrei. ?Du bist an allem Schuld, an Misserfolg und Vaterschaft, wie konntest Du mich nur verlassen, Du warst die Einzige, die ich wollte und jetzt hast Du auf Sand gebaut?. Eine Verschiebung fand er gut und dann sagte er, dass die Trennung für ihn leichter zu verkraften wäre, wenn sie ein ganzes Jahr herumgehurt hätte und er für das, was sie getan hat, nicht die Spur von Verständnis hat. Daraufhin hat Elsa aufgelegt. Als Elsa aus dem Zimmer kommt ist Mama neugierig. Elsa nickt nur: ?Es ist o.k.?, Mama hat dann ganz aufgeregt erst bei Manfred angerufen und danach bei Pieti und ihn zum Abendessen eingeladen.

Elsa fährt zum Amtsgerichtstermin und Manfred kommt mal wieder viel zu spät. Die Surfbretthalterung machte Probleme. Wie immer in der letzten Zeit, trug er so einen komischen hellen Anzug, der ihm überhaupt nicht stand. Blöde fragte er, wie es Elsa geht und der Anwalt reichte ihm die Hand und sagte, dass er nun geschieden ist. Manfred meinte, ?fein, das ging ja schnell und unkompliziert, dann können wir ja jetzt was Essen gehen.? Dabei hatte er ganz vergessen zu fragen, wie viel Geld er Elsa noch schuldete.
Sie öffnete gerade die Wohnungstür, als schrill das Telefon klingelte. Mama wollte wissen, wie es gelaufen ist und was sie sich denn bloß dabei gedacht hatte, nicht alleine zum Termin zu fahren. Elsa ärgerte sich, dass sie schon wieder über alles informiert war.

Axel hatte es gut gemeint, als er morgens kam und Elsa abholte. Er wollte nicht, dass sie in ihrer Situation den langen Weg alleine fährt. Mit Baldrian und lieben Worten leistete er ihr moralischen Beistand und konnte nicht verstehen, wie sie mit diesem Mann, dessen Augen so eisige Kälte ausstrahlten, jemals zusammen gelebt haben konnte. Erleichtert rief er bei Mama an um ihr zu sagen, dass alles gut gelaufen ist und Elsa jetzt wieder frei ist. Mama war total entsetzt und brüskierte sich über seine Frechheit, sich in ihre Angelegenheiten zu mischen. Weiter wollte sie wissen, welchen Namen sie jetzt trägt denn die Ehe mit Manfred wäre doch beendet und sie und auch Papa dürften doch wohl erwarten, dass sie jetzt wieder ihren Mädchennamen annehmen würde. Elsa sagt nur ?Mama, später, jetzt habe ich anders zu tun?. Am nächsten Tag hat sie erfahren, dass Manfred bei Mama war und die beiden bei Likör und gutem Essen bis in die Morgenstunden getratscht und gelacht haben. Sogar zum Schlafen ist er geblieben und nach einem späten Frühstück hat Mama ihm lange nachgewinkt. Das kleine Schwesterchen hatte es Elsa verraten obwohl Mama sich so sicher war, dass sie es nie erzählen würde.

Am Montag kommt Papa mit frisch geschnittenem Flieder in Elsas Büro, aber die Dame an der Telefonzentrale wimmelt ihn ab und sagt, dass sie jetzt keinesfalls stören dürfte. Er lässt den Flieder trotzdem da und am Abend redet er mit Elsa ernste Worte. ?Erst steht Dein Auto vor der Kneipe und dann muss ich mir sagen lassen, dass Du nicht zu sprechen bist. Mit dir ist nichts los und ich rate dir, dass Du gefälligst auf Dich achtest, bevor andere Leute sich über Dich ihre Mäuler zerreißen.? Dass sie ab drei Uhr morgens im Büro ist, lässt er nicht gelten und dass alle nach Feierabend noch zusammensitzen und sie dabei nur Apfelsaft trinkt, glaubt er mit keinem Wort. ?Für solche Arbeitszeiten wie Du sie hast, ist die Gewerkschaft da? meckert er weiter.

Wie in frühen Kinderzeiten steht Elsa vor seinem Schreibtisch, ist unendlich müde und weiß, dass sie morgen um drei Uhr in der Nacht wieder im Büro sein wird. Papa wird wieder mal richtig fies und meint, wenn sie weiterhin am Tage schlafend im Büro und abends munter in der Kneipe sitzt, würde sie es nie zu etwas bringen. Sie denkt an ihre schöne helle Wohnung, an ihr schickes Auto und an die schönen Dinge, die ihr Leben lebenswert machen. Trotzdem ist sie sparsam und legt jeden Monat etwas Geld zurück. Ihr Sparbuch wächst und kürzlich hat sie Mama sogar Geld für Parfüm und einen neuen Dutt geliehen. Nicht einer von Papas Mitarbeitern verdient so viel wie das kleine Elsakind, und noch immer hat sie nicht den Mut, all das laut zu sagen.

Seit einiger Zeit kann sie nicht mehr sehen, was im hellen Lichterschein drüben bei Pieti passiert. Er zieht die Vorhänge einfach zu und so blickt sie jetzt in ein schwarzes Loch. Ständig protzte er damit, wie wertvoll diese Vorhänge sind und deshalb hat er sie wohl auch einfach mitgenommen und die Welt vor seinem Fenster ausgesperrt.

An einem frühen Sommertag nimmt sie ein ganz großer Blonder ganz fest in seinen Arm und lehrt sie zu erkennen, wie schön die Welt sein kann. Seinen Anzug trägt er nur im Büro und abends rührt er Quarkspeise und macht Salat für sich und seine Söhne, er wäscht, bügelt und putzt die Fenster. Als er Elsa seine große Acht-Zimmer-Wohnung zeigt, ist sie von dem herrlichen Ausblick über die Stadt fasziniert. Axel heißt er und ist Ingenieur, den Doktortitel will er nicht erwähnt wissen weil er der Auffassung ist, dass es nichts besonderes ist, dass er promoviert hat. Eigentlich ist er Elsas Vorgesetzter und oft hat er sie schon ausgelacht, wenn sie so blöde Fragen stellte und nicht wusste, wie zum Beispiel Pumpen laufen. Nach einem fernen östlichen Objekt war er jetzt wieder in Heidelberg zu Hause. Er hatte sich in Elsa verliebt und wollte sie sofort mit Haut und Haaren. Sein Traum war es, noch einmal zu heiraten und Vater zu werden. Zur Hochzeit wünschte er sich ein großes Fest. Bei Elsas Mama war er schon gewesen und jetzt telefonierte er des öfteren mit ihr. Beim Sommerfest bei ihren Eltern hat er Papa dann am heißen Grill erklärt, dass er der neue Schwiegersohn wäre. Elsas Papa hat ihn schallend ausgelacht.
Vergebens hatte er Elsas Mama am Abend oft betanzt und all die fremden Leute mochten ihn, er war so anders als der Künstler-Mann. Elsa wirkte glücklich und wie neu.

Im elterlichen Garten waren die Mirabellen reif und Mama jammerte mit spitzem Mund, wer denn all die Früchte pflücken soll. Als Elsa fröhlich lachend meinte, Axel und seine Söhne würden das gern übernehmen, machte Mama ein noch strengeres Gesicht, weil sie den Baum nur für ihre Enkel gepflanzt hatte und nicht für die Kinder fremder Leute. Das Obst würde herunter fallen und irgend jemand würde es dann schon zusammenharken, die Tonne wäre groß genug, und außerdem, ein Mann, der am gleichen Tag Geburtstag hat wie seine Frau, so etwas ginge sowieso niemals gut.

Am Sonntag steht Elsa gerade auf dem Balkon und gießt die Blumen, als Tina und ihr Bruder ihr von unten zuwinken. Plötzlich steht Pieti hinter ihnen und reiht sich in ihr Winken ein. Verärgert fragt sie am Montag, was das ganze sollte und ihr Bruder fragt, weshalb sie sich darüber so aufregt, Pieti wäre doch wirklich ein Mann fürs Leben. Elsa denkt nur bis Donnerstag. Sie denkt mit Schrecken daran, was sie Axel sagen soll, bestimmt wird sie ihn anlügen.

Heute Abend fährt Axel mit seinen Freunden in den lang geplanten Sommerurlaub. Elsa soll nur die Blumen gießen, für alles übrige hat er zwei Mal wöchentlich eine Zugehfrau engagiert. Elsa riecht den Rauch seiner Stumpenzigarren, jeden Tag kommt eine neue Ansichtskarte und Sonntag ruft er an und teilt ihr mit, dass er zurück nach Heidelberg geht und Elsa gerne mitnehmen würde. Ihre alten Schränke wollte er bunt bemalen. Elsa kann nicht ganz genau erklären, ob sie mehr vor Heidelberg Angst hatte oder vor der Vorstellung bunt bemalter Eichenschränke. Sie legte den Wohnungs­schlüssel auf den Küchenschrank.
Axel hat sie ohne Worte gut verstanden. Sie ist und bleibt das kleine, biestige, verwöhnte Kind. Er schreibt ihr in einen lieben Brief, falls sie das Bedürfnis hätte, irgendwann mit ihm zu sprechen, wäre er immer für sie da. Elsa hat den Brief mit seiner neuen Telefonnummer gut aufbewahrt, aber sie hatte nie den Mut, ihn anzurufen. Seine Söhne haben ihr manchmal noch geschrieben und jedes Mal hat sie sofort darauf geantwortet. Axel wird bestimmt erfahren haben, wie es ihr ergangen ist. Vor seinem Urlaub hat er die neue blau-weiß-gestreifte Strickjacke bei ihr hängen lassen und ich wette, dass Elsa sie bis heute aufgehoben hat.

Elsa hat Bärbel erzählt, dass sie nach ihrem Urlaub ihren Mädchennamen wieder annehmen will. Bärbel lachte nur und meinte, ob sie sich sicher wäre, dass sich das wirklich lohnt. Sie ist nur wenige Jahre älter und Leiterin der Personalabteilung. Sie hat vor kurzem einen richtig tollen Mann geheiratet. Er hat promoviert, ist dazu noch ein ?Von und Zu? und sie hat trotzdem ihren Namen behalten. Außerdem trägt sie noch nicht einmal einen Ehering, nur der Diamant an ihrem rechten Ringfinger ist neu. Wenn die Chefs auf Reisen sind, qualmen wir ihr die Bude zu, sie selbst hat niemals geraucht und trinkt statt dessen Bier. Von ihrem Zimmerfenster aus kann man prächtig übersehen, wann einer der hohen Herren kommt und wenn er Glück hat, erwartet ihn ein frisch eingeschenktes Bier. In dieser oberen Etage sagt niemand ?Sie?, es würde das Miteinander auch nur erschweren, denn außer mir, dem Kölner und dem Mann aus Oberbayern sind keine Deutschen hier und so ist ein ?Du? hilfreicher für die Verständigung. Wenn Elsa Urlaub hat, will Bärbel einen Rundbrief verschicken damit alle wissen, dass sie nicht mehr Donner heißt, aber alle wird das gar nicht interessieren. Für viele bleibt sie das Elsakind, was würden sie denn ohne sie auch wohl machen?

Irgendwann steht Pieti wieder vor ihrer Tür. Das fremde Auto ist seit Tagen nicht mehr da und er meint sie würde toll aussehen und wäre wunderschön. Er wünschte sich, dass sie wieder mitkommt, wenn er Showtime hat. Er trinkt den Wein wie Wasser und frisst den Kühlschrank leer, repariert die mechanische Wicklung des Staubsaugers und freut sich, dass Adrian so schön singt.
Am nächsten Morgen und an jedem anderen Tag steht er wieder vor der Tür und will bei Elsa essen. Elsa will nur weg und hat die Reise in den Süden schon gebucht, drei Wochen Sonne.

Manfred schuldet ihr jede Menge Geld und sie befürchtet, dass sie an ihr Sparbuch muss, aber Pieti kommt mit dem bezahlten Ticket. Es soll ein Danke für die vergangnen Tage sein und er gibt zu, dass er ihr enorm viel schuldet. All die Bilder auf dem großen Bodenraum wollte er ihr vermachen und wenn sie möchte, wäre er auch gerne bereit, sein Angebot notariell zu besiegeln. Auch bei Papa ist er schon gewesen, er will, dass er weiß, was Elsa jetzt gehört. Papa meinte, dass bei einem Ehrenmann das Wort allein schon reicht und einen Notar brauchten sie dazu doch wirklich nicht, die Kosten könnten sie sich gut sparen.
Pieti bringt Elsa mit Ihrem Gepäck zum Flughafen und Mama hat den Piepmatz Adrian in Pflege genommen. Sie will während ihrer Abwesenheit auch die Blumen bei ihr gießen. Die Zeitung hat Elsa abbestellt und Post wird sie nur wenig bekommen.

Während der drei Wochen in der Sommersonne plant Elsa ihr Leben neu. Die Männer waren nicht das Wahre, sie wünscht sich ein Kind, vielleicht ein kleiner süßer Junge aber ein Mädchen wäre auch vorstellbar, blondgelockt, mit dunklen Augen, dafür wäre sie gerne da. In ihren Gedanken daran hat sie, wie nebenbei, ihre unverbrauchten Pillen weggeschmissen.

Nicht einen Moment hat sie daran gedacht, dass für ein Kind auch ein Vater erforderlich ist. Gut erholt und braungebrannt kommt sie aus dem Urlaub zurück. Als Pieti sie abholt, ist er entsetzlich krank. Humpelnd schleppt er ihre Koffer, das Bein tut ihm entsetzlich weh und wie immer gibt er sich fremd und unnahbar. Er ist eifersüchtig, weil Elsa so gut erholt ist und toll aussieht. Zu Hause plündert Elsa die Tiefkühltruhe, um etwas zu Essen zu zaubern. Pieti sitzt wartend am Tisch und qualmt die Luft mit seiner Pfeife zu. Dabei nölt er sie voll, wie gut sie es hatte, einfach mal für ein paar Wochen nur im Sonnenschein zu faulenzen. Er blickt sie eindringlich an und dann fragt er, ob sie heute Nacht mit ihm schläft, sie würde einfach bezaubernd aussehen.

Während er isst, ruft Mama an. Sie sagte, dass Manfred angerufen hat und sie unbedingt sprechen wollte. Sie wollte unbedingt wissen, was er von ihr gewollt haben kann. Als Elsa ihr nichts Konkretes sagen konnte, lud sie sich mit Papa am nächsten Tag zum Kaffee ein. Sie hoffte, dass es Elsa dann schon erzählen würde. Elsa hatte so lange nichts von Manfred gehört, sie sind seit Monaten geschieden und eigentlich interessierte sie auch nicht, was er wollte. Wenn es wichtig war, würde er sich irgendwann schon wieder melden. Viel wichtiger für sie war, was sie, außer ihrer braunen Haut, heute Nacht anziehen sollte.
Die Nacht war toll und für Elsa ein Erfolg. Pieti hat ihr am Morgen sehr galant die Hand geküsst und alles fing von vorne an, wie in alten Zeiten.

Ihre Eltern sind gerade angekommen, da klingelt das Telefon. Manfred will sie sprechen, weil er ganz furchtbar in der Klemme sitzt und dringend ihre Hilfe braucht. Die Überweisung müsste ihrem Konto schon längst gutgeschrieben sein. Elsa hat keine Ahnung, wovon er spricht. Er erklärt, dass er das Haus verkauft hat und ihren Anteil auf ihr Konto überwiesen hat. Jetzt brauchte er mehr als dringend zehntausend Mark, es eilte und ginge um sein Leben. Mama machte schon wieder ihren spitzen Mund und Papa versuchte ständig, dazwischen zu reden. Manfred meinte, sie wäre undank­bar, aber wofür soll sie ihm dankbar sein? Wozu er das Geld brauchte, traute sie sich gar nicht erst zu fragen. Er redete immer weiter auf sie ein, er wollte gleich morgen kommen und das Geld in bar abholen. Elsa sagte, dass sie am nächsten Morgen noch einmal telefonieren könnten, es würde ihr jetzt nicht passen, weil Besuch da wäre. Dann sagte sie ?tschüss? und legte auf. Ihre Eltern fragten, weshalb er denn so dringend Geld benötigte, er verdiene doch schließlich genug.
Ganz bestimmt findet er den richtigen Weg, sie wieder zu bequatschen, denn sie war ja immer noch wie Wachs in seinen Händen. Nicht einmal haben sie gefragt, wie es im Urlaub war, kein Wort darüber, dass sie gut erholt wirkt.

Mama schimpft darüber, wie entsetzlich viel Dreck Adrian gemacht hat, weil er ständig seine Körnerschüssel umgekippt hat und die Wassertropfen an der Seidentapete nicht zu übersehen sind. Für Papa ist der Kuchen viel zu trocken, er hustet ständig, und besser wird es erst nach einem Magenbitter. Noch nicht einmal die Seife und der schöne Duft, den sie Mama mitgebracht hat, kann sie versöhnen. Papa meint, das wäre doch nicht erforderlich gewesen, und Elsa antwortete, ?wenn es schon erforderlich ist, dann ist ohnehin schon alles viel zu spät.? Papa blickt auf seine Uhr, er will vor seinen Fernsehapparat und die Sportschau nicht verpassen. Er war der Auffassung, dass sie sich schon viel zu lange aufgehalten haben und Elsa sicher froh wäre, wenn sie jetzt gingen. Wie ein gut erzogenes Kind, traut sich Elsa nicht zu widersprechen, gab brav ihr Händchen und küsste die hingehaltenen Münder. Kurz danach hatte Pieti noch angerufen. Nach dem Besuch wollte er nicht länger stören und fragte lediglich, was es morgen zu Essen geben sollte.

Noch drei ganze Tage hat sie frei und am nächsten Montag steht Manfred gleich morgens vor der Tür. Es wäre ganz wichtig und außerdem ungemein eilig. In seinem Leichtsinn hätte er diese Bürgschaft unterschrieben und wenn er sie nicht auslösen könnte, ginge es ihm an Kopf und Kragen. Elsa fragte, wo denn sein Anteil am Hausverkauf geblieben ist und wütend antwortete er, dass sie wirklich keine Ahnung hat, wie es ihm in der letzten Zeit ergangen ist. Wenn sie bei ihm geblieben wäre, dann hätte er solche Zeiten nicht erleben müssen.
Der Mann am Schalter ihrer Bank war richtig freundlich. Er freute sich über ihren Kontostand und machte ihr Komplimente bezüglich ihres erholten Aussehens. Er sagte, dass er sich in der Sonne immer sehr schnell einen Sonnenbrand holt und deshalb lieber in heimatlichen Gefilden bleibt. Elsa ist entsetzt, als sie ihr Konto schrumpfen sieht und kurz überschlägt, wie viel Manfred ihr jetzt noch schuldet. Die Scheine hat ihr Bankberater gar nicht gerne herausgerückt, und Elsa wollte ihm auch nicht verraten, wofür sie soviel Geld auf einmal braucht. Manfred blieb nichts anderes übrig, als ihr einen Schuldschein zu unterschreiben und die Rückzahlfrist zu akzeptieren. Er hat den Wechsel unterschrieben und schreibt als Datum den ersten September des kommenden Jahres. Er sprach immer nur von Vertrauen und wie schwer ihn ihre Vorsicht treffen würde.

Elsa ist wieder im Büro. Der Bote für die Post und für die Brötchen bringt auf seinem Kaffeewagen auch noch einen Blumenstrauß und gratuliert zu ihrem neuen Mann. ?Ein schöner Name, der gut zu Dir passt?, meint er. Alle lachen und weil Elsa auf so etwas gar nicht eingestellt ist, hat sie auch keinen Sekt parat und bietet ihm dafür eine Zigarette an, die er sich verschämt hinters Ohr steckt. Dabei erzählt er ihr, dass er mit dem Rauchen aufgehört hat und eifrig spart und wenn sie jetzt nicht glücklich würde, dann wollte er sie zu einer Portion Pommes einladen.

An diesem ersten Arbeitstag kommt der Mahnbescheid von der Bausparkasse. Zehn Raten stehen nunmehr aus und sie klagen auf den ausgezahlten Betrag. Mit einem notariellen Vertrag hat Elsa das Haus an Manfred übergeben, er zahlt sie aus und sichert zu, sie von allen Verpflich­tungen frei zu halten. Nicht alles aus der Finanzierung ist im Grundbuch eingetragen und wenn sie in die Akten sieht, war es eigentlich nur der kleinste Betrag. Am Telefon meinte Manfred, dass er es eigentlich nur vergessen hat, es ein Irrtum wäre und es keinen Grund für sie gibt, Theater zu machen. Es wäre richtig, dass er nicht weiter bezahlt hat, doch damit habe sie nichts zu tun, so etwas würde er mit dem Müll entsorgen, außerdem hätte er keine Zeit, über solche Lappalien mir ihr zu reden.
Am Abend kommt Pieti dann leichenblass nach Hause und meint, dass er sie verlassen muss, weil man ihn aus diesem schönen Land vertreibt. Er unterstreicht seine Botschaft mit zwei Flaschen Wein und Pfeifenrauch bis an die Zimmerdecke. An seiner Misere wäre nur das Finanzamt Schuld. Wenn er gewusst hätte, wie hoch die Steuern in Deutschland sind, dann wäre er gar nicht hergekommen. Jetzt schmeißt man ihn als großen Steuersünder raus und niemand spricht davon, was er hier für die Kultur getan hat. Die Steuerschulden sind unerheblich und trotzdem kann er sie nicht bezahlen. Elsa nimmt sich morgens frei und fährt zum Finanzamt. Sie erklärt, dass es sich um einen Irrtum handelt und die Schulden sonst schon längst bezahlt wären. Niemand schreit nach seinem Pass.

Elsa wollte eigentlich nur ein Kind und nicht zwei Männer, die ständig Schulden machen. Drei Tage freut sie sich und entsprechend ihrem Zustand ist ihr schlecht. Der erste Monat war ein Fehlalarm. So schnell geht es mit dem Schwangerwerden nicht, nach Pillenjahren kann das oft lange dauern. Ihr Arzt empfiehlt ihr immer wieder zu üben, irgendwann hätte sie dann schon Glück. Damit ist Elsa nicht zufrieden, in ein paar Tagen wird sie dreißig und sie ist der Auffassung, dass die Zeit eilt. Dabei denkt sie an lange vergangene Jahre, als sie zum ersten Mal seine Patientin war.

In den wilden Zeiten habe ich sie oft gefragt, wann sie endlich wieder anfängt, Tagebuch zu schreiben. Lachend hat sie mir erklärt, wenn feststeht, dass ich Mutter werde, dann schreibe ich wieder und erzähle für mein ungeborenes Kind. Ich konnte mir gerade noch verkneifen ihr zu sagen, dass sie sich nächste Woche hinsetzen soll, um zu schreiben. Sicher hätte sie mich ausgelacht und mich gefragt, ob ich jetzt ganz und gar spinne.

Sie nervt den Arzt, trotzdem nimmt er sich immer wieder Zeit für einen Test. Lachend sagt er ihr am Telefon, dass es sein könnte, dass sie vielleicht ein kleines bisschen schwanger ist, aber sie sollte dennoch ein wenig warten und nicht gleich einen Kinderwagen kaufen. Es wäre besser, sie käme in der nächsten Woche noch einmal vorbei. Am nächsten Tag ruft er sie an und teilt ihr mit, dass sie ganz schnell kommen soll, weil der Test positiv ausgefallen ist. Er rät ihr, langsam zu gehen und sagt, dass er es gewohnt ist, auf Schwangere zu warten. Sie wird gewogen und vermessen, ein Mutterpass wird ausgestellt und er schreibt: ?Festgestellt am Nikolaustag?. Elsa lacht noch als sie schon zu Hause ist und greift zu weißen, unbeschriebenen Seiten.
Als ich klein war, kam der Klapperstorch und bei mir ist es der Nikolaus, der Kinder bringt, dabei hatte ich noch nicht einmal meine Stiefel herausgestellt. Wenn ich sie heute Abend doch noch rausstelle, ob er dann weiß, wie ich es meine? Vielleicht bringt er ja ein zweites Kind. Das werde ich bestimmt später einmal meinem Sohn erzählen. Ich habe mir auch schon einen Namen ausgedacht.
Ich putzte mein schönstes schwarzes Stiefelpaar und stellte es vor die Tür. Als Pieti am Abend kam, brachte er sie wieder mit herein und fragte, weshalb ich neuerdings meine Schuhe vor der Tür ausziehen würde. Ich habe ihm nichts erzählt, denn er war mir mal wieder entsetzlich fremd, roch nach Wein und jammerte, dass ich mir nun endlich bezüglich seiner Weihnachts­ausstellung in der großen Galerie Gedanken machen soll. Es ist bis dahin kaum zu schaffen, seine neuesten Werke unbeschadet trocken zu bekommen und so platze ich damit heraus, dass wir für die Ausstellung doch einfach ältere Bilder nehmen könnten. Daraufhin höre ich nur noch die Tür klappen und kurz darauf brannte in seinem Atelier Licht. Nur meinetwegen müsste er so furchtbar schuften. Ich weiß wirklich nicht, wie ich ihm beibringen soll, dass er bald auch noch für seinen Sohn zu sorgen hat. Bestimmt ist es besser, wenn ich mit meiner Überraschung bis nach der Ausstellung warte, denn nach Erfolgen ist er meistens umgänglicher.

Mama und Papa sind die Sonne gefahren. Auch wenn sie hier wären, hätte ich es ihnen bestimmt nicht erzählt. Zehn Tage nach der Ausstellung werden sie zurück sein und dann sind sie erst einmal durch andere Dinge abgelenkt.
Das Kleid, dass ich mir zu dem Anlass gekauft habe, findet Mama ganz toll aber ich glaube, dass es ein Fehlkauf war. Hochgeschlossen, in einem Rot wie aus alten Kindertagen, trifft es genau Mamas Geschmack. Sie war begeistert, dass ich endlich vernünftig werde und hat mir die passenden Stiefel in dem gleichen Rot dazu geschenkt.

Am Tag der Ausstellung ist scheußliches Wetter und trotzdem kommt das Publikum in Strömen. Der graubärtige Ölfarbenmeister steht in sich ruhend dicht an meiner Seite, er ist sich sicher, dass Pietis Bilder reißend Absatz finden werden. Dann fragte er so ganz nebenbei, weshalb ich mich so hässlich gemacht hätte, ich wäre doch sonst immer ein so schönes Kind. Sein Spruch hat mich fast umgehauen, und genau in diesem Moment platzte der Knopf meines Unterrockes. Kein Wunder, ich bin ja auch schwanger und außerdem hasse ich diesen blöden Fummel. Ich kann mich ärgern, dass ich auf Mama gehört habe. Am liebsten wäre ich nach Hause gefahren und hätte mich umgezogen. Als ich so darüber nachdachte, stand der Mann mit dem grauen Bart schon wieder neben mir und entschuldigte sich für seine nicht gerade feine Art. Er sagte, dass er wirklich nicht verletzend sein wollte und er doch nicht wissen kann, dass ich brüte, und so wie meine Augen glänzen, könnte es nur ein Junge werden.
Auf allen Bildern, die durch Pietis Pinsel entstanden, prangt mittlerweile der große rote Punkt, der den Verkauf bestätigt. Aber Pieti ist trotzdem unausstehlich und kläfft herum, dass die Käufer sein Geschmiere nicht wert sind. Der große Mann mit dem silbergrauen Bart hat ihn ganz böse angesehen und gemeint ?Mensch sei doch froh, dass Du die Schmierereien los bist, dann kannst Du wenigstens Deinen Sohn ernähren.? Pieti machte nur ein genervtes Gesicht und ging auf seinen Spruch nicht ein. Auf der Rückfahrt schüttet es immer noch wie aus Kübeln und ich traue mich nicht, auch nur ein Wort zu sagen.
Plötzlich fängt Pieti an zu reden und fragt, was das mit dem Spruch sollte und überhaupt wäre ich in der letzten Zeit reichlich komisch, und dann das hochgeschlossene Kleid, manchmal könnte er wirklich annehmen, dass ich schwanger bin. Ich war nicht in der Lage, auch nur ein Wort zu erwidern, er war mir so entsetzlich fern und was hatte er überhaupt mit meinem Sohn zu tun? Während er das Auto noch in die Garage fährt, gehe ich schon in die Wohnung und schlüpfe aus der Abscheulichkeit des Kleides. Morgen werde ich es verschenken, schade um den hohen Preis und die Stiefel gebe ich obendrauf. Ich hoffe, dass es jemand nimmt, denn wenn Mama schon mal sagt, dass es schön ist, dann kann ich sicher sein, dass es abscheulich ist.

Ohne Pietis Meckereien fehlt mir fast schon etwas. Er sitzt schon bei der zweiten Flasche Wein als er mich fragt, ob ich ihm denn nichts zu sagen habe, er meint, die Andeutungen des Herrn Kollegen kämen doch nicht so einfach von ungefähr und wenn ich ein Kind bekäme, dann müsste er es doch wohl zuerst erfahren. Als er sein Glas zum x-ten Mal wieder mit Rotwein füllt, blickt er mich wütend an und fragt, ob er denn auch der Vater ist. Ich habe ihm wortlos das Glas aus der Hand genommen und ihm den blutroten Inhalt ins Gesicht gekippt. Die weiß gestrichene Wand und meine Bluse haben dabei leider mehr abbekommen, als seine blöde Visage. Dann habe ich ihn einfach sitzen lassen und mich mit meinem ungeborenen Sohn in mein großes, kuscheliges Bett gelegt.

Bis in den weiten Morgen haben wir geschlafen und erst die mittägliche Wintersonne und ein merkwürdiger Geruch haben uns aufgeweckt. Als ich in die Küche komme, glaube ich meinen Augen nicht zu trauen. Die Eckbank, Tisch und Stühle, der Teppichboden und das andere Mobiliar waren mit Folie abgedeckt und Pieti steht mit nackten Füßen auf der Leiter und streicht die Küchenwände mit Ökofarbe. Dann sagt er: ?Billigfarben sind ungesund für ein ungeborenes Kind? und dass er sich entsetzlich freut und ich mich besser wieder hinlegen soll, er würde mir den Kaffee ans Bett bringen.

Wenn meine Eltern zu Hause gewesen wären, hätte er sie mit Sicherheit gleich mit der Neuigkeit überrascht, aber sie waren nun mal nicht da und so fiel ihm nichts anderes ein, als die Rotweinflecken an den Küchenwänden mit Ökofarbe zu überstreichen. Am Abend war er so kaputt, dass ich annehmen konnte, dass er schwanger ist. Auch an den Weihnachtsfeiertagen erwartet er von mir, dass ich mich schone. Er macht einen Rinderbraten, dazu Rotkohl aus dem Glas, schält Kartoffeln und zaubert eine Zwiebel­suppe aus der Dose. Anschließend gibt es Eis aus der Tiefkühltruhe, nur die Tabs für den Geschirrspüler hat er nicht gefunden. Nach seinem Küchen­stress wollte er malen weil er fand, dass es jetzt wichtig wäre, wenn Geld ins Haus kommt. Silvester schickt er mich abends um zehn Uhr ins Bett, weil ich Rücksicht auf mein ungebornes Baby nehmen soll. Wenn das Kind erst da wäre, meinte er, würde ich mich danach sehnen, mal wieder richtig lange zu schlafen. Als ich aus dem Fenster sehe, ist in seinem Atelier kein Licht und auch sein Auto steht nicht vor der Tür. Er weiß, dass morgen Abend meine Eltern zurück kommen und ich denke, dass er spätestens dann auch wieder zurück sein wird.

Mama ist fröhlich, braungebrannt und noch ein bisschen blonder geworden. Sie meint, dass ich für einen Neujahrsabend extrem ausgeruht aussehe und fragt, ob es sein könnte, dass ich etwas zugenommen habe. Pieti macht auf Unnahbar und fährt ganz schnell zurück in sein Atelier.

Am Tag der Heiligen drei Könige bitten Mama und Papa zum Kaffee und alle sollen auch bis zum Abendessen bleiben. Ich mache im Büro früher Schluss, damit ich pünktlich bin. Die überheizten Zimmer bei meinen Eltern tun mir körperlich weh und alles, was ich anhabe, ist viel zu dick. Ich sehne mich nach luftigen Klamotten und bekomme einen Schweißausbruch nach dem anderen. Mama sagt ?hör' endlich mit dem Theater auf, es ist ja schon lobenswert, dass Du nicht mehr so viel rauchst.? Als Pieti daraufhin sagt ?das dürfen Schwangere auch nicht?, fällt ihr vor Entsetzen fast die Gabel aus der Hand. ?Um Gottes Willen, nein, das darf nicht wahr sein?, kreischt sie los und ich komme mir fast so vor, als ob ich eine Erbkrankheit haben könnte. ?Halt doch endlich Deinen Mund? fährt Papa sie wütend an und dann kommt er mit seinem üblichen Spruch, dass Kinder ein Geschenk Gottes sind. Mama lässt sich nicht den Mund verbieten und faucht zurück ?Gott schenkt nur Kinder, wenn man verheiratet ist.?
Es fällt mir schwer, an diesem Tisch sitzen zu bleiben und nicht damit herauszuplatzen, dass mein Kind vom Nikolaus ist. Sie würden sicher denken, dass ich jetzt total verrückt geworden bin und dabei bin ich eigentlich nur wütend auf Pieti. So blöde musste er das ja auch nicht sagen und schon gar nicht heute Abend.

Papa hat mit Pieti jetzt unheimlich viel zu besprechen. Als Mama die Teller in die Küche trägt, bleibe ich einfach sitzen. Ich bin schwanger und muss mich schonen. Mama meckert in der Küche weiter vor sich hin und ich höre nur ?ach, das arme Kind.? Ich habe das Bedürfnis, ganz dringend an die frische Luft zu müssen und sage deshalb, dass ich nach Hause gehe. Es sind nur ein paar kurze Schritte und Mama hält mich nicht auf. Ich denke, dass sie mir vielleicht wünscht, dass ich falle und eine Fehlgeburt bekomme, dann könnte sie Pieti trösten und die Sache mit dem Enkelkind würde sich für sie von alleine erledigen.

Mein Badewasser duftet herrlich und der Schaum reicht mir bis ans Kinn. Ich frage meinen ungeborenen Sohn, ob er denn unbedingt einen Vater und eine Oma braucht, wir zwei allein, das wäre doch viel schöner. Als Pieti nach Hause kommt, schimpft er mit mir, weil ich den ganzen langen Weg zu Fuß gelaufen bin. Er fährt mich an ?sei nicht immer so egoistisch und denk an Dein ungeborenes Kind.?

Am nächsten Tag ist Pieti bei Papa im Büro und bittet ihn um meine Hand. Das Kind soll seinen Namen tragen und Papa lacht und meint, ?Du hast doch ohnehin schon alles von ihr, da bringt es wirklich nichts, wenn ich dir ihre Hand verwehre.? Damit war es für die beiden beschlossene Sache.

Pietis Vater hat sich mit seiner Frau angesagt. Er kann seinen Besuch in Deutschland geschäftlich verbinden, aber Pieti ist nicht unbedingt begeistert. Er ist wie aufgedreht und startet eine Hausputz-Orgie vom Feinsten. Zum Saubermachen hinter den Schränken hat er sich tatsächlich einen extra schmalen Besen gekauft. Als ich ihn vorsichtig frage, ob ich denn noch ein sauberes Glas benutzen darf, hat er toternst gemeint, dass es doch wohl möglich sein müsste, dass ich mal aus der Flasche trinke. Danach hat er sich ins Bad verzogen und stundenlang an sich poliert. Bevor er zum Airport fährt, muss ich ihm noch versprechen, dass ich nicht erzähle, dass ich schwanger bin.
Sein Vater ist noch größer als Pieti und die Frau an seiner Seite, Pieti hat erzählt, es ist die dritte, richtig attraktiv. Mit ihrem langen, blonden Haar wirkt sie jugendlich frisch. Ich schätze, dass sie nicht viel älter ist als ich.

Das Kaffeetrinken lief total kalt und distanziert ab und ich muss gestehen, dass ich froh war, als es endlich vorbei war. Am Morgen darauf flogen sie zurück. Zum Abschied geben sie mir die Hand und versprechen, dass sie, wenn es ihre Zeit erlaubt, im Herbst gerne noch einmal wiederkommen. Mir ist es völlig egal, aber seltsamer Weise war ich innerlich trotzdem nervös und habe beim Abschied für Sekunden überlegt, ob ich vielleicht einen Knicks machen sollte. Für dieses kurze Gastspiel hatte Pieti vorher das ganze Theater veranstaltet. Sein Vater hat nicht hinter unsere Schränke geschaut und außer dem, was er auf dem Teller hatte, war ihm alles andere schnurzpiep egal. Noch nicht einmal einen Blumenstrauß haben sie mitgebracht. Am Abend konnte ich Pieti gegenüber mit meiner Meinung nicht mehr hinter dem Berg halten. Ich habe ihm gesagt, dass ich ihr Benehmen flegelhaft fand und ich keine Lust habe, überhaupt noch ein Wort über seinen edlen Herrn Papa mit seinen noch edleren Titeln zu verlieren. Danach legte ich mich ins Bett und wollte nur noch meine Ruhe.

Am Wochenende ist Pieti wieder mal in Sachen Show unterwegs. Ich freue mich auf Gardinen waschen und auf Möbelpolitur. Ich mache also großen Frühjahrsputz und beginne damit, sei nMonstrumvonSchreibtischaufHochglanzzubringen.Pietihat es nicht gerne, dass ich mir an ihm zu schaffen mache und schließt sein Allerheiligstes konsequent ab. Die Schlüssel trägt er an einer Kette, damit er sie nicht verliert. Wenn er diesen blöden Kult nicht treiben würde, hätte mich der Schreibtisch auch nie so neugierig gemacht, denn ich glaube, dass er in meinen Sachen auch nicht rumschnüffeln würde. Die Platte glänzt und obwohl ich versuche, alles wieder so zu stellen wie es vorher war, wird er merken, dass ich mir an ihm zu schaffen gemacht habe. Beim Rumpolieren fällt mir auf, dass die mittlere Schublade nicht verschlossen ist. Das Ding ist so schwer, dass ich beide Hände brauche um sie herauszuziehen. In Reih und Glied liegen hier seine Stifte, Klebeband, die Schere und anderer Kleinkram. Komisch, denke ich, so einen Krimskrams muss er doch nicht ständig einschließen. Als ich die schwere Lade wieder bis ganz nach hinten schiebe, fahren in diesem Moment, wie von ganz allein, die Seitenschübe aus. Richtig, er hat mir schon einmal erzählt, dass dieses Monstrum doppelt gesichert ist und selbst, wenn er mal vergessen würde abzuschließen, wäre es nicht einfach, diese Sicherung zu knacken. In noch nicht einmal fünf Minuten weiß ich, wie der Mechanismus funktioniert und kann die Lade später wieder so verriegeln, dass er nicht merkt, dass ich gestöbert habe. Die rechte Seite ist überhaupt nicht interessant. Eingerollte Leinwand, neue Pinsel und verschlossene Tuben, Sprays, verschiedene Lacke und ganz hinten Geschenkpapier und viele Schleifenbänder. Interessanter wird es links: Agenden, immer zwei für jedes Jahr und darunter ein kleiner Ordner mit Arztberichten und Attesten die eindeutig nicht für mich zum Lesen bestimmt sind. Jetzt ist mir klar, weshalb der Schreibtisch immer unter Verschluss ist.
Nur kurz denke ich daran, dass er mich beim Stöbern überraschen könnte, aber ich glaube nicht, dass er groß was sagen würde. Ich schätze ihn so ein, dass er einfach weggeht, um Stress aus dem Weg zu gehen.
In einem seiner Jahrbücher schreibt er die realen Begebenheiten auf und parallel dazu in einem anderen das Erdachte, das Erlogne, Märchen, die er seiner Umwelt vorflunkerte.
Eine Stelle interessiert mich ganz besonders, der Tag, an dem er Geburtstag hatte und mit Flug LH 3170 auf dem Weg nach London war, um einen neuen Plattenvertrag abzuschließen. An diesem Tag hat er in seinem Schweizer Atelier das blaugeblümte Porzellangeschirr verpackt. Der Plattenvertrag und die Melodie, die er in Farben malen wollte, waren erstunken und erlogen, den Flug hat es nie gegeben. Mein Theater mit der Orchideenrispe für den großen Star war eine jämmerliche Farce.

Beim Vergleichen der beiden Bücher habe ich erkannt, dass er mich nie wirklich meinte, er hat mich nie geliebt, er hat mich benutzt und ausgenutzt. In jeder seiner Situationen war ich für ihn da und war froh, wenn er das mit guter Laune honorierte. Ich hab 'nen Stich, dass ich all das nie bemerken wollte.

Angstvoll überfällt es mich, als mir klar wird, dass ich jeden seiner Verträge unterschrieben habe. Ich denke an die hohen Vertragsstrafen, die bei Nichteinhaltung fällig werden, Konsequenzen, für die ich allein gerade stehen muss. Vielleicht soll ich mir doch besser unterschreiben lassen, dass er mir die fast hundert Bilder auf dem Boden vermacht hat.
Er hat geschrieben, dass ich mit dem Staubsaugerrohr auf ihn eingedroschen habe, bis er am Boden lag und alles nur, weil er den Briefkasten nicht geleert hat und er habe furchtbare Angst vor mir. Mit einer Hand könnte der Mann mich am ausgestreckten Arm verhungern lassen und wenn er mich dann fallen ließe, würde ich wie ein jämmerliches Häufchen Elend dasitzen und jammern. Wenn seine Lügen nicht so schlimm wären, könnte ich darüber lachen.
Diesen unglaublichen Blödsinn hat er auch meiner Schwester erzählt, die ihn dann auch noch getröstet hat. Danach hat sie überall verbreitet, was ich für ein Satansbraten bin. Jetzt weiß ich auch, dass sie seine Sachen besser bügelt als ich. Aber jetzt ist Schluss mit Lustig und bei nächster Gelegenheit werde ich diesem Idioten sagen, dass ich mich nicht mehr für seine Bügelwäsche zuständig fühle. Die strahlend weißen Jeans will er mit Bügelfalte und ständig fehlen Knöpfe an seinen Hemden, weil er sie beim Ausziehen einfach aufreißt.
Beim Lesen der Atteste und Arztberichte falle ich entgültig in ein abgrundtiefes schwarzes Loch. ?... Seine Unfallfolgen sind so schwer, dass sich auf Grund der Hirnverletzung eine Störung der Persönlichkeit durch manisch-depressive Verhaltensweisen manifestieren wird und eine schwere Psychose nicht ausgeschlossen werden kann.? Die Professoren halten eine Therapie für aussichtslos. Weiter lese ich, dass man froh sein kann, wenn er, glücklich wie ein Kind, sein Leben weiter lebt und man ihn unbedingt vor jeglichen Belastungen schützen muss. Aus diesen Gründen wird zu seinem Schutz eine Entmündigung angeraten, weil jeden Tag mit dem totalen Zusammenbruch gerechnet werden kann. Ein Klima, vielleicht in einem südlichen Land, mit Sonnenschein und wenig Luftfeuchtigkeit, könnte die Symptome vielleicht für eine unvorhersehbare Zeit mindern.

Nach diesem harten Tobak bin ich wie gelähmt, ich kann noch nicht einmal weinen. Ich schließe die Schubladen und lege mich ins Bett. Als Pieti kommt, flucht und schimpft er wieder einmal, weil er nicht weiß, was ihn in diesem Land eigentlich noch hält. Die Leute findet er abscheulich und dumm und hätten einen Künstler wie ihn nicht verdient. Er gibt mir die Schuld dafür, dass er sich hier nur mit Proleten umgeben muss. Wenn ich nicht wäre, würde er jetzt irgendwo in der Sonne liegen und dann schreit er ?fucking bloody wintertime? und meint mich, weil ich in seiner Nähe bin.

Am nächsten Morgen wache ich allein in meinem Bett auf und habe das Bedürfnis, dringend mit jemandem reden zu müssen. Ich rufe irgendwelche Namen, schreie um Hilfe und als mich niemand hört, versuche ich es mit leisem Bitten. In meinem Kummer verfalle ich noch einmal in einen kurzen Dämmerschlaf bevor ich dann, kurz vor Mittag aufwache und wieder einigermaßen klar denken kann.

Wenn ich Mama erzähle, was ich entdeckt habe, wird sie eindeutig auf Pietis Seite stehen, weil er ja bald ihr Schwiegersohn wird. Sie wird mir vorwerfen wie ich es wagen kann, in seinen Sachen herumzuschnüffeln. Ich mache mich kurz etwas frisch und fahre trotzdem zu ihr. Als ich mit ihr darüber reden wollte, bestätigte sich das, was ich mir schon gedacht hatte. Sie polterte gleich los, dass sie mein Verhalten skandalös findet und dass ich dann auch noch mit ihr darüber reden will, empfindet sie als absoluten Gipfel schlechten Benehmens. Sie meint, dass man von mir auch nichts anderes erwarten kann. Es läuft mir kalt über den Rücken, als sie auf mein Aussehen anspielt: ?Lass endlich Deine Haare wieder wachsen und vergiss die hohen Absätze, dazu Deine angemalten Augen, das gehört sich einfach nicht. Wann kapierst Du endlich, dass Du schwanger bist und dass man in Deinem Zustand nicht mehr so herumläuft.? Während sie ihre übliche Litanei ablässt, läuft mir die Wimperntusche über die Wangen.
Papa hält sich aus allem raus. Mein Versuch, zu reden, hat nichts gebracht, keiner hört mir zu, ich muss es für mich ganz alleine regeln. Während ich zu dieser Erkenntnis komme, habe ich nur noch das Verlangen, hier ganz schnell abzuhauen.
Ich fahre nach Hause und fange an zu putzen, um die Flecken, die ich nicht von meiner Seele bekomme, wenigstens in meiner Wohnung zu entfernen. Damit niemand schnüffeln kann, schmeiße ich all meine persönlichen Dinge weg, ganz einfach in den Müll. Wenn ich hier abhaue, hinterlasse ich meine Wohnung wie eine Ausstellung in einem Möbelhaus, dekoriert und steril. Niemand soll erkennen können, dass ich hier gelebt habe. Das Heidekraut und die Silbereiche entferne ich aus den Kästen und setzte Stiefmütterchen hinein.
Als Pieti nach Hause kommt, hat er angeblich wieder unerträgliche Kopfschmerzen und legt sich gleich ins Bett. Sein Hausarzt hat ihm dagegen starke Tabletten verschrieben. Damit er für den Fall der Fälle immer gerüstet ist, hat er schon seit einiger Zeit ein Dauerrezept. Ich gehe also mit dem Rezept zu unserem Apotheker und ohne viel reden zu müssen, bekomme ich seine Hammer-Drogen.

Am Donnerstag gehe ich nicht ins Büro. In letzter Zeit ist es oft passiert, dass Mama morgens anruft und mich mit dummem Zeug nervt. Aus diesem Grund habe ich ihr am Mittwoch erzählt, dass ich erkältet bin und mich ins Bett lege, damit ich am Montag wieder fit bin. Als sie fragt, ob sie etwas für mich tun kann, habe ich dankend abgelehnt.

Anstatt mich ins Bett zu legen, habe ich noch Gardinen gewaschen, die Balkonfliesen geschrubbt und die Mülltonnen an die Straße gestellt. Danach habe ich in dem schönsten aller Düfte ein ausgiebiges Schaumbad genommen und zwanzig Nägel schön gefeilt und neu lackiert. Anschließend habe ich riesigen Hunger und mache mir vier üppig belegte Scheiben meines geliebten Hawaiitoastes. Als ich mit dem Essen fertig bin, ist es draußen schon dunkel und ich habe mich für die Nacht fertig gemacht. Ich ziehe mein supertolles, neues Nachthemd an, das mir bislang eigentlich immer zu schade war und suche, wie von einer inneren Stimme befohlen, nach einem Zettel. Als ich die Rollos herunterziehe, sehe ich, dass auf der anderen Straßenseite in Pietis Atelier noch Licht brennt. Bevor ich mich hinlege, trinke ich ein Glas herrlich eisgekühlten Pfirsichsaft, in das ich achtzig von Pietis Hammertabletten auflöse. Der Saft ist dickflüssig und süß. Ich hatte mir den Geschmack viel schlimmer vorgestellt. Während ich ihn trinke, sehe ich die hell erleuchteten Fenster des Nachbarhauses und plötzlich wird es im Atelier dunkel. Ich denke ?verdammter Mist, jetzt kommt er und ich bin viel zu müde, um noch mit ihm zu reden?. Alles um mich herum wird diffus und dann schwarz, mir ist wohlig warm, ich fühle mich frei wie an einem schönen Sommertag am Meer. Es ist, als wäre ich in weiche Watte eingebettet und jemand wiegt mich liebevoll in einen tiefen Schlaf.
Vor mir sehe ich ein sonnengelbes Licht, so wie die Sonne aussieht, wenn keine Wolken vor ist stehen. Es ist so ruhig, nur die Vögel zwitschern und das Lachen, dass ich aus weiter Ferne höre, ist unbeschwert und frei. Nichts ist laut, es ist, als ob die Luft mit Blumenduft erfüllt ist. Dann habe ich das Gefühl, ich sitze auf einer riesengroßen Wasserrutsche und die Gischt ist herrlich warm. Die Wellen des Meeres kommen auf mich zu, strahlend blau, mit kleinen weißen Hauben, und als ich von meiner Rutsche ganz leicht ins Wasser gleite glaube ich, mich in der Schwerelosigkeit des Meeres wiederzufinden. Ich höre Worte und bilde mir ein, dass jemand sagt: ?Na endlich bist Du da.?
Es fällt mir schwer, die Augen zu öffnen aber die Stimme, die da eben zu mir sprach, wird ganz bestimmt verstehen, dass diese Reise nicht ganz einfach war. Und die Stimme sagt immer wieder, ?komm, öffne Deine Augen? und weil ich brav sein will, versuche ich, ihr zu gehorchen.
Vor mir sitzt ein Junge mit geföhntem blondem Haar. Er ist ganz in Weiß gekleidet, nur seine Flügel fehlen und ich denke, vielleicht hat er sie einfach abgenommen, weil Mittagspause ist oder vielleicht schon Feierabend. Ich freue mich, dass ich am Ziel bin, ich bin im Himmel angekommen!
Der Engel hat ganz einfach meine Hand genommen und gesagt, dass er Hartmut heißt. Ich frage ihn, wie lange er schon hier ist und er antwortet ?seit Schichtbeginn.?

Den Himmel habe ich mir ganz anders vorgestellt. Ich liege hier in einem Bett, sehe einen Stuhl und einen Tisch mit einem Telefon und wundere mich, wie sachlich nüchtern es hier eingerichtet ist. Ich habe Durst und Hunger aber ich traue mich nicht, es zu sagen, weil ich den Engel nicht bemühen will. Mir ist, als ob ich vorhin schon ein Tatütata gehört habe und jetzt ist es wieder da und ich wundere mich jetzt noch mehr, dass der Himmel auch ein Krankenhaus hat. Wie lange wird es dauern, bis ich als Engel keine körperlichen Bedürfnisse mehr verspüre? Mir fällt mein Schnurrekater Egon ein, der hat auch einige Tage gebraucht, bis er kapiert hat, dass er nach seiner Kastration kein Mann mehr war.

Hartmut ist hinausgegangen und dann realisiere ich, dass mein kleiner Bruder an meinem Bett steht und ich mich doch nicht im Himmel befinde. Die haben mich da oben nicht gewollt und einfach nicht hereingelassen. Bevor mein Bruder ganz viel sagen will, ist Hartmut mit einer großen Kanne Tee, einer Schnabeltasse und einem Teller mit Kuchen gekommen. ?Mehr als Kuchen kann ich Ihnen nicht bringen, ich kann mir denken, dass Sie hungrig sind.? Als mein Bruder das Zimmer verlässt, sagte er, dass Mama vor der Tür steht. Hartmut meint jedoch, dass ich erst einmal versuchen soll, etwas zu essen. ?Wenn dir beim ersten Bissen schlecht wird, musst Du einfach ganz tief atmen und dazwischen etwas trinken. Das Kotzgefühl ist nach drei Tagen Schlaf normal und geht dann genau so schnell weg wie es gekommen ist.? Jetzt kommt wieder das Tatütata und ich denke, ich bin da, wo ich gerne wäre. Hartmut lacht und meint, nebenan wäre die Notaufnahme. Er nimmt meine Hand und fragt ?weshalb hast Du bloß so was Blödes gemacht, Du bist doch vielleicht gerade mal so alt wie ich, außerdem müssen dir bei Deinem Aussehen doch die Herzen aller Leute nur so zufliegen.? Er erzählt mir, dass er hier für ein Jahr seinen Zivildienst leistet, dass er Ostern dreiundzwanzig wird und er mir nicht glaubt, dass ich schon dreißig Jahre alt bin. Ich traue mich nicht zu fragen, wie ich nach drei Tagen Schlaf aussehe, aber er beantwortet meine Frage von sich aus, als er mit einer neuen Kanne Tee und einem Blumenstrauß ankommt. ?Für die schönste unserer Patientinnen? hat er gesagt und lachte mich dabei herzlich an. ?Die Blumen habe ich in der oberen Etage geklaut und sie duften noch viel schöner, wenn sie merken, dass Sie in ihrer Nähe sind.? Die Tür zu meinem Zimmer hat er einfach zugeschlossen, niemand kann jetzt zu mir rein.
Ich habe inzwischen allen Mut gefunden und ihn gefragt, was denn mit meinem Kind ist. Er weiß nicht, was ich meine und fragt, wo es denn gewesen wäre. Als er dann kapiert, dass es bei mir ist, hat er sofort den Arzt alarmiert. Der Arzt sagt nur ?so ein Mist?, wie ich denn so etwas tun konnte. Er macht mir aber Mut und meint, ?wenn bislang nichts passiert ist, bin ich sicher, dass es gut geht. Der Fötus ist schon groß und kräftig und dadurch auch recht widerstandsfähig. Trotzdem möchte ich sicher sein, und Sie noch mal eingehend untersuchen.?
Von draußen höre ich Mamas laute Stimme. Sie will zu mir und lamentiert, wieso ich im Vorraum der Notaufnahme liege, ich wäre ja schließlich Privatpatientin. Ich schäme mich entsetzlich und sehne mich danach, dass sie endlich Ruhe gibt. Die Ärzte und das Personal sind furchtbar nett und haben sicher Besseres zu tun, als mich zurückgeschickten Engel mit offnen Armen aufzunehmen.

Papas redet vor der Tür lautstark mit dem Arzt und der schimpft, dass das so nicht geht und dann klappt die Tür. Er hat ja recht, wenn man schon mal so was macht, dann soll man auch bemüht sein, dass es funktioniert. Die Galgenfrist ist um, Mama darf jetzt zu mir rein. Ohne ein Wort mit mir zu sprechen, schlägt sie mir einfach mitten ins Gesicht. Dann keift sie, dass ich nur Schande bringe und bei den Leuten für unangenehmen Gesprächsstoff sorge. ?Du wirst schon sehen, wie Papa reagiert. Wie konntest Du nur so einen Zettel schreiben, aber Gott sei Dank konnte ich ihn verschwinden lassen, bevor ihn jemand Fremdes gelesen hat. Papa spricht gerade mit dem Arzt, weil er meint, dass eine Einweisung in eine Anstalt für Dich nur zum Besten sein kann. Er hat kürzlich im Fernsehen gesehen, dass es für Fälle wie Dich eine neu erprobte Behandlungsmethode gibt. Man lässt die Patienten einfach nicht mehr schlafen und wenn genug Zeit vergangen ist, sind sie wieder klar im Kopf und haben keine Lust mehr für solche idiotischen Sachen.?

Ich habe gehört, als der Arzt zu Papa sagte, dass das so einfach nicht geht. Papa drohte, dass er zum Amtsgericht gehen wird, weil ein Mensch wie ich entmündigt gehört. Und das war genau in dem Moment, als mir Mama ins Gesicht schlug. Ich hätte so gerne geweint, doch das habe ich schmerzlich unterdrückt indem ich sie bitte, mir ein paar Sachen zum Anziehen zu bringen. Sie regt sich furchtbar auf und schimpft, dass ich nur Arbeit mache. Sie wäre in Sorge gewesen, ob ich meine Erkältung auskuriert hatte, und als sie sich erkundigen wollte, wäre mein Telefon ständig besetzt gewesen und deshalb ist sie einfach zu mir in die Wohnung gefahren, da sie ja einen Schlüssel hat. Als sie herein kam, sah sie mich mit dem Telefonhörer in der Hand auf dem Fußboden liegen. Sie glaubte, dass ich tot war und hat sofort Papa angerufen der dann den Notarzt alarmiert hat. Weil so schrecklich viel Verkehr war, hätte es ewig gedauert, bis er auf unser Grundstück einbiegen konnte und die Leute hätten dagestanden und gegafft. Sie würde sich schämen, überhaupt noch auf die Straße zu gehen. Ich nehme mein letztes bisschen Mut zusammen und frage, weshalb sie mich nicht einfach liegen lassen hat. Daraufhin antwortet sie mit voller Überzeugung, dass das nur noch mehr Gerede gegeben hätte. Die Nachbarin aus dem Gymnastikstudio hätte mitbekommen, als sie meine Haustür aufgeschlossen hat und sie gebeten, mich herzlich zu grüßen. Nochmals bitte ich sie, mir etwas zum Anziehen zu bringen. Wenn es nach mir geht, würde ich auch im Nachthemd mit dem Taxi nach Hause fahren, aber ich habe noch nicht einmal einen Schlüssel und es ist fraglich, ob mich überhaupt jemand in meine Wohnung lässt.
Außer mein schreckliches rotes Kleid, Unterwäsche, Strümpfe und Stiefel hat Mama gar nichts mitgebracht. Ich hätte mich gefreut, wenn sie meine Gesichtscreme und die Wimperntusche noch eingepackt hätte, aber das war natürlich zu viel verlangt

Durch die Tiefgarage gehen wir zum Auto. Zu Hause fährt sie ganz dicht an meine Haustür, aber auch anders hätte uns niemand sehen können, weil niemand nebenan wohnt. Noch immer habe ich keinen Schlüssel und so warte ich, dass sie mir aufschließt. Pfui, es stinkt hier wie in einer Kneipe, der kalte Rauch ist ekelhaft. So habe ich die Wohnung bestimmt nicht hinterlassen. Als ich in die Küche komme, sitzt Pieti mit dem Weinglas da, der Tisch voller gefüllter Aschenbecher und außer Hunger habe ich entsetzliche Wut.

Weshalb ist er nicht gekommen und hat mich abgeholt und weshalb sieht er so schrecklich blass aus? Mama meint, dass er jetzt ihren Trost braucht, weil der Schreck für ihn einfach zu groß war. Wenn ich nun endlich wieder zu Hause wäre, dann hätte ich ja Zeit zum aufräumen. Pieti sagt, ich wäre eine Mörderin, ich hätte versucht, mein Kind zu töten und wäre es nicht wert, dass ich überhaupt noch lebe.

Zum ersten Mal traue ich mich etwas zu machen, was ich vorher niemals gewagt habe, ich schmiss die beiden einfach raus. Das ist meine Wohnung und ich will sie einfach nicht mehr sehen. Sie sollen mich in Ruhe lassen und endlich gehen. Die beiden erklären mich für verrückt und sagen, dass mir sowieso nicht mehr zu helfen ist.

Ich räume auf und dann ist mir nach einer Zigarette. In der vergangenen Zeit habe ich mich bemüht, gesund zu leben und habe kaum geraucht, aber jetzt ist mir danach und es ist nicht eine einzige Schachtel zu finden, Pieti hat sie aufgeraucht. Ich will zum Automaten und suche nach Kleingeld doch mein Portmonee ist leer, bis auf den letzten Pfennig ausgeräumt. Ob Pieti gedacht hat, ich wäre nicht zurückgekommen?
Vom schönsten aller meiner Düfte ist die Flasche noch halb voll. Traumverloren genieße ich ein herrliches Schaumbad. Essen mag ich danach nichts mehr und bevor ich ins Bett gehe, trinke ich meinen eisgekühlten Pfirsichsaft. Herrlich, fruchtig, saftig, süß erweckt er meine Sinne und ich freue mich auf den nächsten Tag, auch wenn es nur ein Montag ist.

Drei Mal war ich noch bei einer Psychologin, dann schickt sie mich zurück in ein normales Leben. Ich soll lernen, auch mal Nein zu sagen und wenn mir einmal etwas gar nicht passt, dann soll ich einfach aufstehen und weggehen. Ich bin wieder an dem Punkt angelangt an dem ich genau das mache, wozu sie mir geraten hat. Ich bin wieder da und möchte einfach nur leben.

Die Angst vorm Leben und auch die Sorge, wie sich die manisch-depressive Schizophrenie von Pieti auf mein Kind auswirkt ist vorbei. Sie sagte, dass Spermien doch nichts dazu können und dass eine Störung des Empfindens nicht vererbbar ist. Sie war sich sicher nicht bewusst, dass sie mit diesen wenigen Worten die Sonne in mein Leben zurückgebracht hat. Sie hätte zu gerne gehabt, dass Pieti zur Beratung mitgekommen wäre, doch davon wollte er nichts wissen. Er betrachtete es als albernen Quatsch und glaubt, dass er der einzige auf der Welt ist, der noch normal empfinden kann. Dabei ist das Einzige, was er klar empfindet, wenn sein Ei zu hart gekocht ist oder wenn er bei seinem Morgentoast mit Seranoschinken die Tabascosoße vermisst. Darüber hinaus merkt er gar nichts mehr. Papa hat sich auch einen Termin bei meiner Psychologin geben lassen, aber er hat mir nicht erzählt, über was er mit ihr gesprochen hat.

Langsam kehrt der Alltag wieder ein. Der Leiter meiner Krankenkasse rief mich an und erkundigte sich nach meinem Befinden. Er dachte an eine Therapie aber hatte nicht den Mut, es auszusprechen. Da wir uns schon lange kannten, lud ich ihn einfach zum Kaffeetrinken ein. Er nahm meine Einladung gerne an und dabei erzählte mir aus seinem Leben. Ganz früh war seine Frau verstorben und er war plötzlich mit drei Kindern allein. Sein jüngstes Kind ist mongoloid und trotzdem macht es ihm viel Freude und er möchte es nicht eine Sekunde missen. Als wir uns verabschieden, schäme ich mich entsetzlich vor mir. Was habe ich mir nur gedacht, einfach vor den Tagebüchern wegzulaufen, sie sind doch nur Papier und der Mensch, der dieses dumme Zeug geschrieben hat, gehörte niemals richtig zu mir, er hat mich einfach nur gebraucht.

Auch Bärbel aus dem Personalbüro ist bei mir vorbeigekommen. Sie meinte, ich soll mich schonen und alle würden sich freuen, wenn ich nach meiner Entbindung wiederkomme. Mit keinem Wort habe ich ihr gesagt, was wirklich geschehen ist.
Bei allem, was sie machte, habe ich versucht, Elsa nah zu sein, aber immer, wenn ich mit ihr reden wollte, hat sie ganz einfach weggehört.
Elsa war ein richtiger Putzteufel und schwirrte jeden Tag wie ein Kreisel durch ihre Wohnung. Ständig fand sie etwas, was sie entsorgte. Bilder, Briefe und Belege schmiss sie einfach weg, sie wusch ihre Gardinen, obwohl sie kaum von der vorhergehenden Wäsche getrocknet waren. Die Erde war noch knochenhart gefroren, als sie Heide und Silbereiche aus den Kästen riss und die Blumenerde mit warmem Wasser goss, um sie für die neuen Frühjahrsblumen weich zu bekommen. Manchmal dachte ich, sie spinnt. Erst, wenn alles klinisch rein war, gönnte sie sich ein Schaumbad und war dann erst in der Lage, richtig zu entspannen. Ich dachte ?Gott sei Dank, es ist vorbei, sie wird jetzt wieder klar?. Aber auch danach war sie noch längst nicht wieder ansprechbar. Sie musste ihre zwanzig Nägel feilen und lackieren und wenn sie damit fertig war, machte sie sich einen Hawaii-Toast. Aber auch dann konnte ich nicht mit ihr reden, denn als gut erzogenes Kind hätte sie es nie gewagt, mit vollem Mund zu sprechen. Sie trank eisgekühlten Pfirsichsaft, aber ich habe viel zu spät mitbekommen, dass sie darin Unmengen von Tabletten auflöste. Als es dunkel um sie wurde, hielt ich schon lange ihre Hand. So einfach wollte ich sie nicht gehen lassen. Ich wollte bei ihr bleiben, weil es für sie irgendwann wieder einen Morgen mit viel Sonnenschein geben würde.

Die ganze Zeit habe ich bei ihr gesessen und ihre kleine Hand gewärmt. Die andere legte ich manchmal dahin, wo ihr Ungeborenes lag, so habe ich den Kreis geschlossen. Der Himmel hat seine Pforte einfach zugemacht und sie bei mir gelassen. Nur einmal war es kritisch und ich dachte, sie würde sich übergeben, aber nach wenigen Momenten schlief sie tief und ruhig weiter.
Niemals werde ich ihr sagen dürfen, dass Pieti sie hier liegen sehen hat und sich dann einfach umgedreht hat und gegangen ist. Er sagte, dass er mit so etwas nichts zu tun haben will. Er hat noch nicht einmal den herunter­gefallenen Telefonhörer wieder aufgelegt. So hat Mama sie dann gefunden. Weil bei ihr ständig besetzt war, machte sie sich Sorgen und fuhr zu Elsa und als sie die Tür nicht öffnete, schloss sie mit dem Reserveschlüssel auf.
Elsa schlief ganz tief und stand vor der Pforte zum Himmelreich. Da oben wollte man sie aber noch lange nicht, sie wurde zurückgeschickt. Um ihr Halt auf ihrem Weg zu geben, drückte ich ganz fest ihre kleine Hand und streichelte ihren Bauch.
Mama hat sie nur angesehen, sie kam nicht auf die Idee, sie zu berühren, geschweige denn, zu streicheln. Sie schloss einfach die Tür hinter sich und ging ins Nebenzimmer um von dort aus Papa anzurufen. Papa rief den Rettungswagen und gab Mama den Rat, mögliche Spuren unbedingt zu beseitigen. Elsas Mama ist so stinkwütend, weil das Kind nichts als Ärger macht. Wenn sie es fertiggebracht hätte, sie wieder auf die Beine zu stellen, vermute ich, dass sie Elsa in den Keller gesperrt und die Tür ganz fest verschlossen hätte. Wenn sie dort von einem Fremden am Boden liegend gefunden worden wäre, hätte sie ihm erklären können, dass sie beim Kompottklauen den Halt verloren hat und sich dabei das Genick brach. Aber wie soll sie das, was jetzt passiert ist, rechtfertigen? Das ist ihre größte Sorge. Den Zettel mit den paar geschriebenen Zeilen hat sie in ihrer Bluse versteckt, damit man vielleicht doch erzählen kann, dass es ein Unfall war. Papa hatte die ganze Straße abgesperrt, damit der Eingang für den Rettungswagen frei gehalten werden konnte. Als der Rettungsarzt Elsa untersuchte, schickte er ihre Mama aus dem Zimmer, weil sie so fürchterlich gejammert hat. Als er Elsa dann in die Augen leuchtete, hatte sie fast den ganzen Weg zurück schon hinter sich. Warm eingepackt und angeschnallt wurde sie in den Rettungswagen getragen. Dann setzte sich der Arzt neben sie und hielt ihre Hand. Ihren Eltern schlug er vor, mit dem eigenen Wagen hinterher zu fahren. Er wollte Elsas Eltern nicht im Fahrzeug haben, weil er sich nicht sicher war, wie es um Elsa stand. Noch nicht einmal den Magen hat man ihr ausgepumpt, keine Spritzen und auch keine Infusionen. Im Krankenhaus hat man ihr Bruder Hartmut ans Bett gesetzt und der saß geduldig wartend bei ihr und las in einem Taschenbuch. Ihre Hände waren inzwischen warm geworden und ich konnte endlich schlafen gehen. Drei Tage sind eine entsetzlich lange Zeit und mir kommt es vor, als ob es nur Sekunden waren.

Sofort falle ich in einen tiefen Schlaf und schrecke hoch mit dem Gedanken, dass Elsa nach mir rief. Es ist draußen tiefe Nacht und ich bin in Sorge, wie es ihr geht. Als ich bei ihr ankomme, ist sie allein in ihrer Wohnung und gerade dabei, die Gardine in der Küche zu waschen und ihr ganzes Umfeld wieder mal auf den Kopf zu stellen. Mich überkommt die grenzenlose Angst, dass jetzt vielleicht alles wieder von vorne losgehen kann.

Elsa ist nicht gesprächsbereit, sie hat auf alles, was sie umgibt, eine abgrundtiefe Wut, sie findet ihr Leben einfach nur noch beschissen und sagt, dass ab morgen alles anders werden muss. Ihr ist nach einer Zigarette, aber es waren keine mehr da, und als sie dann noch feststellt, dass ihr Portmonee bis auf die letzte Münze ausgeplündert ist, fängt sie an zu schimpfen und zu wettern, wie ich es bisher nie von ihr kannte. So leicht, wie es alle glaubten, war es für sie nicht. Man hat erwartet, sie würde zitternd schluchzend dasitzen und ängstlich um Verzeihung bitten. Sie flucht, als säße sie auf einem Kutscherbock, ein Marktweib redet dagegen wie ein Sonntagsschüler. Kurz darauf hängt sie die frisch gewaschene Gardine auf und pfeift dabei sogar ein Lied. Ich habe sie mahnend angesehen und an Mamas alten Spruch erinnert: ?Mädchen die pfeifen und Hähne die krähen, denen wird man am Abend den Hals umdrehen.? Elsa hat schallend gelacht und meinte, dass ich doch wohl selber nicht glauben würde, dass sie fürs Pfeifen noch am Abend stirbt, ich könnte sicher sein, dass sie bestimmt noch hundert Jahre leben wird. Dann beendet sie ihre Putzerei und geht in die Wanne. Genau so hatte es bei ihr vor Tagen auch schon einmal geduftet. Ich warte auf ihren Zusammenbruch. Vor dem Schlafen wollte sie gerne noch etwas trinken und sie holt sich ihren eisgekühlten Pfirsichsaft. Voller Panik denke ich, ?nein, das kann sie doch nicht machen, noch einmal stehe ich das nicht durch.? Dabei fragt sie mich ängstlich, weshalb sie denn immer alles falsch macht und ob sie sich für das, was passiert ist, schämen muss.
In ihrem Schreibtisch hat sie doch noch eine Zigarettenschachtel gefunden und wie ein kleines Kind sitzt sie paffend auf dem Küchentisch und über ihre Wangen kullern dicke Tränen.
Ich habe mich entschlossen, in der Nacht bei ihr zu bleiben um darauf zu warten, dass sie endlich mit mir spricht. Den einzigen Satz, den ich ihr entlocken kann, ist immer wieder die Frage, weshalb so viel in ihrem Leben daneben gegangen ist. Irgendwann überkommt mich richtige Wut und ich sage ihr ganz brutal, was sie falsch gemacht hat. Um sie richtig zu schocken, erkläre ich ihr ganz ausführlich, wie ihr nächster Suizid garantiert klappen wird und wenn sie meint, das sie das will, dann soll sie es doch bitte tun und mich in Ruhe lassen.
Weshalb hat sie nicht, wie in vergangenen Zeiten, als sie sich mit solchen Gedanken plagte, einfach einen Flug in die südliche Sommersonne gebucht? Von mir aus hätte sie auch dort bleiben können und den Gästen der Hotels am weißen Strand des Meeres Obst verkauft. Elsa sieht mich an und zeigt mir einen Vogel und als sie lacht, weiß ich, ich habe die Schlacht gewonnen, sie ist jetzt wieder ganz zurück.

Am nächsten Morgen hat sie in aller Ruhe gefrühstückt und die Zeitung gelesen, sie hat ihre Haare frisch getönt und sich nett zurecht gemacht. Nach dem Mittagessen fährt sie ins Krankenhaus zu ihrer Psychologin. Auf dem Rückweg kauft sie sich ein Umstandskleid, rot-orange-gelb-weiß-gestreift, aus feinem Strick mit einem großen Ausschnitt und Ärmeln bis zum Ellenbogen, am Rücken hat es eine große Schleife. Sie ist wirklich wieder sie selber, und um ihr Mama-Outfit zu komplettieren, hat sie sich dazu auch noch die passenden Schuhe mit sieben Zentimeter hohen Absätzen gegönnt. Sie sieht richtig süß aus, sie hat begriffen, dass sie sich nicht schämen muss.
Sie wird von jetzt an zwei Mal im Jahr Geburtstag haben, und mit diesem Einkauf hat sie sich selber ein verspätetes Geburtstagsgeschenk gemacht.

Ein neues Tagebuch mit vielen unbeschriebenen Seiten hat sie sich auch noch gekauft. ?Mein Elsa-Kind, ich bin so stolz auf Dich! Ich kann jetzt wieder in Ruhe meine Wege gehen und wenn Du mich brauchst, höre ich Dein Rufen.?
Nach einer Woche Auszeit fängt Elsa wieder an zu schreiben:

Der Akt der Eheschließung ist nun Gott sei Dank verschoben. Es soll keine Feier geben, nur schnell aufs Standesamt und den Namen ändern. Das Aufgebot ist auch nicht ausgehängt und unter Pietis bürgerlichem Namen weiß sowieso niemand, wer er wirklich ist.
Ständig diese Fragereien wegen der Hochzeit, was ich vorhabe, wie ich weiterleben will oder was die Untersuchung beim Arzt ergeben hat, ich kann es wirklich nicht mehr hören. Der Arzt ist mit mir froh, dass es ein gesundes Kind werden wird. Inzwischen habe ich den Mut gefasst und gehe wieder zu meinem alten Arzt. Zu ihm habe ich großes Vertrauen und deshalb habe ich ihm erzählt, was gewesen ist. Entsetzt meinte er, dass ich froh sein könnte, dass alles gut gegangen ist. Danach hat er meine Dummheit nie wieder erwähnt.

Bevor mein Kind nicht geboren ist, werde ich an meinem Leben erst einmal gar nichts ändern. Wenn es dann da ist und lauthals nach seinem Fläschchen schreit, bin ich fest davon überzeugt, dass Pieti das Weite sucht, weil es ihn nerven wird und er seine Ruhe haben will.

Ich fühle mich besser, als je zuvor. Mama spricht nur das Nötigste mit mir und Papa sieht mich komisch von der Seite an. Wenn ich keine Lust habe, muss ich ja nicht hingehen und wenn ich bei ihnen bin und es fängt an, weh zu tun, stehe ich auf und gehe. Immer wieder reden sie auf mich ein und drängen, dass es nun allerhöchste Zeit für die Eheschließung ist.

Heute ist ein herrlicher Sommertag und statt in der Sonne sitzen zu können, muss ich um dreizehn Uhr aufs Standesamt. Damit Pieti sich sicher sein kann, dass ich kein Theater mache, hat er Mama und Papa zu unseren Trauzeugen ernannt.
Die Sache ist ganz schnell erledigt, wieder habe ich einen neuen Namen und das Familienbuch ist so, wie ich es beim ersten Mal so gerne gehabt hätte.

Es ist ein Tag im allerkleinsten Kreis. Es geht niemand Fremdes etwas an, und auch in der Zeitung steht nichts. Nach dem Standesamt scheint die Sonne und wie immer bei uns, gibt es ein Programm, das eingehalten werden muss. Pünktlich um sechszehn Uhr fahren wir zum Kaffeetrinken in ein Bauernrestaurant. Ich fühle mich schrecklich angezogen und genauso gestimmt. Zum Kaffee gibt es Kaffeesahne, nicht im Kännchen, sondern eingeschweißt mit Aludeckel, der nach einer Seite abzuziehen ist. Weil ich schwanger bin, nehme ich besonders viel davon, aber ich bekomme diese blöden Deckel nicht auf. Als ich mein Kleid dann so richtig von unten bis oben eingeschmiert habe, bleibt mir nichts anderes übrig, als mich umzuziehen. Bis zum Abendessen ist noch lange Zeit und jeder nimmt es dankbar hin, dass wir uns bis dahin trennen. Pieti geht in sein Atelier, ich nehme an, er will die Tuben mit den Farben zählen und ich freue mich, dass ich wieder mit mir alleine bin und warte darauf, dass dieser Abend schnell vergeht.
Es war ein Abendessen wie bei einer Totenfeier. Als Pieti nach langer Endkontrolle endlich die Rechnung bezahlt, bleibt wirklich nichts anderes mehr übrig, als dass wir uns trennen und jeder zu sich nach Hause fährt, um sich noch lange und in aller Ausführlichkeit zu ärgern. Pieti fährt mich ganz dicht an die Hauseingangstür und will dann noch das Auto in die Garage fahren. Ich bin schon im Bett, als ich höre, wie seine Schritte sich entfernen. Ich denke, er geht vielleicht noch in sein Atelier.

Fast bin ich schon eingeschlafen, als das Telefon klingelt. Ich denke, es wird Pieti sein, aber Papa ist am andern Ende und will unbedingt mit ihm sprechen. Als ich ihm sage, dass er nicht bei mir ist, meint er, dass er sich so etwas schon gedachte hat, weil Pieti kurz zuvor bei ihm angerufen hat. Er hätte ihm gesagt, dass er entsetzliche Angst vor mir hat, weil ich in der Dunkelheit des Hofes versucht hätte, ihn zu ermorden. Das halb geschlossene Garagentor hätte ich ihm auf den Kopf geknallt und nur mit letzter Kraft hätte er sich noch in sein Atelier schleppen können. Er wüsste ja, dass ich verrückt bin und nur aus Rücksichtnahme hätte er nicht die Polizei gerufen, obwohl er mit seinem blutverschmierten Taschentuch ein sicheres Indiz gegen mich vorweisen könnte. Sowie es ihm ein bisschen besser ging, wollte er das Taschentuch in meinen Briefkasten werfen aber jetzt würde er sich nicht trauen, in meiner Nähe einzuschlafen. Er wollte mich an seinen Schwiegervater zurückgeben und die Ehe als erledigt betrachten.

Es ist so furchtbar traurig und Papa wird nicht verstehen, dass ich trotzdem darüber lachen kann. Es ist mir klar, dass mit diesem Blödsinn unwiderruflich sein totaler Zusammenbruch begonnen haben muss. Papa hat mir geraten, die Tür von innen zu verschließen und den Schlüssel stecken zu lassen. Morgen will er mit Mama kommen, damit wir alles Weitere besprechen können. Ich darf gar nicht daran denken, was passiert, wenn er jetzt auch noch seine Verträge bricht. Ich habe doch alles unterschrieben. Ich versuche zu schlafen und denke ?oh du schöne Hochzeitsnacht?.
Heute Morgen fand ich tatsächlich im Briefkasten das rotbeschmierte Taschentuch. Mit einer ganz blöden Erklärung von mir hat die Gehilfin meines Arztes es im Labor untersucht. Es ist kein Blut, es wird wohl irgend eine Farbe aus seinen Tuben sein.
Wie angekündigt, fahren Mama und Papa nachmittags auf den Hof und kommen zum Kaffeetrinken. Sie sind schwer mit Geschenken beladen und haben keine Hand frei, um mich in den Arm zu nehmen. Dabei hätte ich mich so gefreut, wenn sie einfach nur mit sich allein gekommen wären.
Mama hat aufgehört, darüber herumzumeckern, dass ich noch immer Schuhe mit hohen Absätzen trage. Sie meint lediglich, wenn ich irgendwann dicke Beine bekomme, werde ich schon von mir aus Gesundheitsschuhe anziehen. Mama hat sich geirrt, noch auf der Fahrt ins Krankenhaus trage ich meine flotten Pumps.

Die Möbel für das Kinderzimmer und die Baby-Erstausstattung hat Mama spendiert. Zeit, um mitzukommen oder mich vielleicht auch nur zu beraten, hatte sie leider wieder mal nicht. Es ist wie in alten Kindertagen, entweder hat sich der Fensterputzer angesagt oder die Fußpflegerin, weil der Sommer jetzt in großen Schritten naht, ist an vielen Wochentagen auch noch der Gartenhelfer bei ihr. Statt dessen kümmert sie sich liebevoll um Pieti, er ist jetzt ihr neuer Sohn und zum Dank malte er ihr ein großformatiges Bild. Das Motiv ist eine von der Sonne beschienene Nackte im Wüstensand. Sie wird von einer vermummten Frau bewacht und die Nackte sieht aus wie ich, nur dass ihr Haar viel länger ist und ihr Bauch flach, wie bei einem Kind ist. Mama regt sich furchtbar darüber auf, dass ich in meinem Zustand noch Modell gestanden habe und ist froh, dass er den Bauch nicht mitgemalt hat. Sie glaubt mir nicht, dass es nicht so war und wenn, dann hätte ich ja auch liegen müssen und außerdem kann sie sich doch eigentlich freuen, denn der Körper dieser Frau wäre ja ihr Kind und müsste ganz bestimmt nicht versteckt werden.
Sie hat das Gemälde verschämt angenommen obwohl sie nicht so recht wusste, wo sie es hinhängen sollte. Damit es nicht gleich jeder sieht, hängte sie es im Schlafzimmer auf, direkt über ihrem Bett.

Für mich hat Mama ganz selten Zeit. Einmal ist sie nach dem Frisörbesuch bei mir vorbeigekommen. Die Möbel waren schon alle da aber mir war von vorne herein klar, dass sie ihr nicht gefallen. Alles, was ich für die erste Zeit brauche, liegt in den Schränken parat und wartet drauf, benutzt zu werden. Mama zeigte sich enttäuscht über meine Käufe. Sie hat gedacht, ich hätte einen großen Berg kochfester Windeln und Jäckchen mit Bindeband besorgt. Außerdem gefällt es ihr nicht, dass ich das Kinderbettchen in Gelb bezogen habe, obwohl ich weiß, dass es ein Junge wird. Das einzige, was ihre Anerkennung fand, war die Box mit den ölgetränkten Popotüchern, die will sie sich auch kaufen, weil sie bestimmt auch gut für ihr Gesicht sind. Sie hat noch nicht einmal gefragt, wie es mir geht und wie lange es noch dauern wird.

Seit ihrem letzten Besuch habe ich noch eine Woche Zeit. Mein Sohn wird ein ganz Fauler werden. Er hat sich einfach hingesetzt und da sitzt er seit Wochen. Durch nichts ist er zu bewegen, sich herumzudrehen. Mein Arzt meint, wenn er sich nicht dreht, macht er einen Kaiserschnitt und deshalb weiß ich jetzt konkret, wann der Termin ist. Ich habe mir Schwanger sein viel schlimmer vorgestellt. Hinten bin ich schlank wie immer, und vorne schiebe ich einen Bauch vor mir her, dass ich kein Problem hätte, die Kaffeetasse darauf abzustellen. Ich kann mir gar nicht vorstellen wie es ist, wenn ich mal wieder richtig auf meine Schuhe sehen kann. Mein Sohn wird ganz bestimmt ein sehr liebes Kind, wenn er mich manchmal zu sehr tritt und klopft, als wollte er raus aus seiner Dunkelheit, lege ich meine Hand an die Stelle, von der ich glaube, dass dort sein Köpfchen ist, und dann wird er gleich wieder ruhig.

Zum Krankenhaus bin ich ganz allein gefahren, ich wollte keinen Verwandten bei mir haben, auch nicht den, der jetzt bald Vater wird. Sie werden es schon früh genug erfahren. Ich will jetzt nur alleine sein. Mir ist, als ob die Zeit stehen geblieben ist. Es dauert endlos lange, bis es endlich sechs Uhr morgens ist und ich die erste Spritze vor der Operation bekomme und kurz danach, wie eine Kranke, mit meinem Bett in den Operationssaal gefahren werde.
Ich bin so froh, wenn alles überstanden ist. Mein Arzt ist fest davon überzeugt, dass mein Sohn ein Riesenkind wird, mindestens acht Pfund oder mehr, denn ich habe furchtbar zugenommen. ?Sechsundzwanzig Pfund, die müssen wieder weg?, mit solchen Gedanken vertreibe ich mir die Zeit. Endlich ist der Narkosearzt da, und kurz darauf versinke ich in eine große Dunkelheit.
Ich bin noch immer ganz weit weg, als ich merke, dass jemand etwas Schweres auf mich legt und dann höre ich eine freundliche Stimme, die mich bittet, meinen Po mal etwas anzuheben. Langsam realisiere ich, wo ich bin und angestrengt versuche ich, wach zu werden. ?Die Platte auf Ihrem Bauch ist aus Blei?, erklärt mir die Stimme hantierend. Der Arzt hat es so angeordnet weil er meint, dass zu mir ein flacher Bauch gehört. Ich möchte etwas fragen aber es gelingt mir nicht. Mein Bauch ist mir jetzt völlig egal, ich möchte nur wissen, wo mein Kind ist. Mit Sorgfalt deckt sie mich wieder zu und ich wehre ich mich dagegen, wieder einzudämmern.
Wieder legt sie etwas auf mich, nur ist es dieses Mal ganz zart und weich. Sie hat mir jetzt mein Kind gebracht. Es riecht wie frisch gebadet und hat schon viele dunkle Haare und trägt die Sachen, die ich mitgebracht habe. Die liebe Stimme sagt ?neunundvierzig Zentimeter und zweitausendachthundert­vierzig Gramm, ein kerngesundes Mädchen, bestimmt wird sie mal wunderschön?.

Ich bin Mutter eines Mädchens, ich jubiliere und bin überglücklich. Ein Mädchen ist doch viel, viel schöner, als ein kleiner Strullermann. Sie öffnet ihre babyblauen Augen, und ich habe tief in sie hineingesehen, dann drücke ich sie zärtlich an mich und küsse ihren kleinen Mund. Danach schlafe ich mit einem tiefen Glücksgefühl wieder ein.
Noch einmal bin ich wach geworden, als mein Arzt an meinem Bett sitzt und mir zu meinem Mädchen gratuliert. Ich soll beruhigt weiterschlafen, denn mein ?Winzling? wird behütet und bewacht. Mit diesen gut gemeinten Worten hat sie ab jetzt für Jahre ihren Namen.
Ich habe tatsächlich den Tag und auch die Nacht verschlafen und die Schwester meint lachend, dass sie es noch nicht erlebt hat, dass jemand alle Schmerzen ganz einfach verpennt.

Auch der Kindesvater war an meinem Bett und brachte mir einen Rosen­strauß. Mit der Geburtsurkunde ist er gleich zum Standesamt gerannt und hat meinem Mädchen einen Namen geben, den ich überhaupt nicht wollte. Und um dem noch etwas draufzusetzen, hat er die Geburtsanzeige auf braunem Packpapier, wie man es sonst nur für Pakete verwendet, ohne mich zu fragen, sofort an alle möglichen Leute versendet. Es wunderte mich schon, dass Mama und Papa nicht gleich gekommen sind. Als sie dann endlich kamen, machte Mama an der Tür schon wieder ihr spitzes Mündchen und war sauer, weil Pieti ausgerechnet ihnen erst nach drei Tagen erzählt hat, dass sie ein Enkelkind haben.

Mama ist danach nur einmal bei mir gewesen und der Besuch war fürchterlich. Weshalb mein Kind so klein ist und nicht schreit, wollte sie wissen aber wie es mir geht, interessiert sie nicht im geringsten. Papa kommt an jedem Morgen und wir sprechen nicht mehr über Vergangenes. Ich bin inzwischen Mutter und habe auch andere Sorgen, als meine Gedanken daran zu verschwenden, was Mama wohl denkt.
Pieti kommt jeden Tag und gestern sagte er mir, dass er dringend nach Berlin muss. Damit er nicht so lange unterwegs ist, ist er geflogen. Es geht um einen großen Auftrag und als er bei mir war, hatte er seinen schwarzen Anzug an und widerliche Laune. Am Abend wollte er zurück sein aber vorher in jedem Fall noch mit mir telefonieren. Als er am Abend anruft ist seine Stimmung schlechter als am Morgen. Er sagte, dass ich jetzt stark und tapfer sein muss, weil er ?es? versaut hat. Schuld wäre ich aber mit meiner Kinderkriegerei, ich hätte doch gewusst, dass der Termin war und hätte mit der Entbindung noch ein paar Tage warten können. Ich habe aber erfahren, dass er gar nicht in Berlin war und der Auftraggeber ständig versucht hat, ihn zu erreichen. Er wollte ihn bitten, ganz schnell zu kommen und wenn er nicht gekonnt hätte, wäre er auch zu ihm gekommen. Weil er Pieti nicht erreicht hat, ist er dann zu mir ins Krankenhaus gekommen. Als er meinen Winzling sah, hat er ohne viel zu fragen den Auftrag erteilt. Er selber war ja auch mal junger Vater und konnte sich noch gut erinnern, wie man sich in dieser Zeit fühlt.

Mein Winzling schläft immer in meinen Zimmer. Wenn sie tagsüber ihr Fläschchen leergetrunken hat, machen wir meistens gemeinsam ein Mittagsschläfchen. Neulich sind wir fast zur gleichen Zeit aufgewacht. Sie hat mich ganz anders angesehen, als in den Tagen zuvor. Das Babyblau ihrer Augen ist nicht mehr da, einfach weg. Ich weiß nicht, ob ich die Farbe eher wie Milch- oder Zartbitterschokolade einstufen soll. Es ist ein Braun, so schön, wie es schöner in Blau nicht sein könnte, und mein Winzling riecht nach meinem Kind. Noch ein Wunder ist geschehen: ich kann ganz plötzlich wie ein Erwachsener schlafen und wälze mich nicht mehr ständig herum, ich muss keine Angst haben, dass ich mein Kind erdrücke.
Heute Morgen hat mir mein Arzt die Fäden gezogen. Ich fand es unangenehm und um mich abzulenken, hat er mir bei der Prozedur versprochen, dass man die Narbe später nicht mehr sieht, weil er eine ganz neue Nähtechnik angewendet hätte und er diese extra an einem alten Lederstück geübt hat. Er ist stolz auf sein Meisterstück und begeistert von meinem inzwischen wieder flachen Bauch. Am Montag kann ich mit meinem Winzling endlich nach Hause.
Mit allem was ich für die nächsten Tage brauche, hat man mich hier ausgestattet und entlassen. Pieti steht verloren herum und meint, dass ich nicht selber mit meinem Kind Auto fahren kann und deshalb ist er gekommen, um mich abzuholen. Der spinnt doch, das hätte ich auch noch alleine geschafft, ich wäre eben langsamer als sonst gefahren, und außerdem ist es ja nur ein Katzensprung um die Ecke.
Morgen kommen mein Bruder und Tina aus dem Urlaub zurück. Ich werde sie bitten, mein Auto vom Krankenhaus abzuholen. Mein Winzling ist überraschend lieb und schläft selig in seinem viel zu großen Kinderbett. Ich habe Zeit für die angefallene Post, zum Blumengießen und bereite schon mal das nächste Fläschchen vor. Dann klingelt es an der Tür. Erst nur zaghaft und dann immer eindringlicher. Ich gehe nach unten, denn die Haustür ist um diese Zeit schon verschlossen. Bei jedem Schritt tut mir die Narbe weh. Vor der Tür steht Mamas Fußpflegerin mit einer winzig kleinen Palme und zwölf Schlabberlätzchen und will mir gratulieren. Viel lieber wäre ich allein mit meinem Kind aber sie redet und redet und klebt auf ihrem Platz, ich kann sie nicht bewegen, aufzustehen. Als sie endlich geht, kenne ich ihre ganze Lebensgeschichte. Sie würde gerade Bauchtanz lernen und wenn man dann nach der Ausbildung gut wäre, könnte man so viele tolle Männer kennen lernen und außerdem würde es noch gut bezahlt. Sie meint, das müsste doch auch was für mich sein. Zum dritten Mal ist sie verwitwet, immer waren es alte Männer und mittlerweile hat sie es zu zwei Kindern und fünf Häusern gebracht.
In Rot schreibt Elsa dahinter: ?Von Mama habe ich erfahren, dass sie ein viertes Mal verwitwet ist und drei Kinder hat. Der letzte war Mamas Nachbar. Er hat die alte Frau verlassen, nur zwei Häuser mitgenommen und die und das Kind hat sie nach seinem Tod bekommen. Sie ist ein liederliches Weib und nur auf das Geld ihrer alten Männer aus.? Inzwischen ist die winzig kleine Palme viel größer als mein Kind.

Heute war mein Bruder mit Tina da. Während der Zeit, in der ich meinem Winzling das Fläschchen gab, haben sie mein Auto abgeholt. Über meine kleine Tochter haben sie sich richtig gefreut und Tina hat mir angeboten, dass sie jederzeit gerne einspringt, wenn ich mal etwas zu besorgen habe oder einfach mal andere Tapeten sehen möchte. Die gelbe Wiegenaus­stattung würde ich gerne in Rosa tauschen. Wenn Tina am Mittwoch kommen kann, werde ich vielleicht mal in die Stadt fahren, ich weiß, dass sie lieb und zärtlich zu meinem Winzling ist.
Mein Kind will nicht richtig trinken, es dauert ewig, bis das Fläschchen leer ist und ich habe Angst, dass sie nicht richtig satt wird. Fast das ganze Saugersortiment für Kinderfläschchen habe ich schon ausprobiert und trotzdem hat sie Probleme. Es tut mir so leid und deshalb habe ich einfach mit einer Nadel ein größeres Loch in ihren Sauger gestochen. An diesem Abend wird mein Winzling endlich satt. Ich habe ihr noch ein zweites Fläschchen gemacht und auch das hat sie fast leergetrunken und danach die ganze Nacht durchgeschlafen.
Als ich am Morgen aufwachte, glaubte ich, verschlafen zu haben, denn so wie die Sonne stand, konnte es nicht sechs Uhr morgens sein. Es war fast neun Uhr und die Stille war so fürchterlich, dass ich mich kaum traute, nach meinem Kind zu sehen. Wie ein süßer Engel lag mein Winzling in seinem neuen rosa bezogenen Bettchen und schlief immer noch tief und fest. Ich streichelte über ihre kleinen Händchen und bis sie aufwachte, war ich wieder mit dem Fläschchen da. Damit mir so etwas nie wieder passiert, nehme ich sie von jetzt ab abends immer mit in mein Bett.
Das Pulver für die Fläschchen geht zu Ende und auch die Wegwerfwindeln gehen zur Neige. Ich rufe Tina an und sie freut sich, dass sie einhüten kann. Ganz toll sieht sie aus, als ob sie wieder in der Sonne war und lachend verrät sie mir, dass ihre Bräune von der Sonnenbank kommt. Sie war im Kosmetikstudio, gleich um die Ecke und wenn ich alles eingekauft hätte, sollte ich mir dort auch einen Termin geben lassen, sie würde gerne zum Babysitten kommen. Tina schlägt mir vor, am Anfang ruhig drei Mal in der Woche zu gehen und wenn ich die richtige Bräune hätte, würde vielleicht auch einmal reichen. Jetzt übt sie während dieser Zeit mit meiner Tochter für ihr eigenes Kind.

Im Supermarkt steht Mama vor mir. Inzwischen bin ich selber Mutter und es gibt für mich keinen Grund, vor ihr wegzulaufen. Ich spreche sie also von hinten an und wie immer, macht sie ihren spitzen Mund. Sie sagt, dass sie sich nicht getraut hat, bei mir vorbeizukommen und fragt, wo mein Kind ist. Warum kann sie nicht einfach nur Oma sein und ganz spontan kommen? Sie ist mit den ölgetränkten Popotüchern beschäftigt und sagt, dass sie wunderbar für ihr Gesicht sind und ob ich nicht sehen würde, wie glatt ihre Haut geworden ist. Ich suche in Regalen nach Pulvern für die Fläschchen und Mama ist entsetzt, dass ich so etwas kaufe, weil man nie weiß, was wirklich drin ist. Milch, verdünnt mit Wasser, aufgekocht mit Haferflocken und das ganze durch ein Sieb geseiht, das wäre doch viel besser, damit hätte sie mich schließlich auch groß gezogen. Mama steht vor dem riesigen Sortiment an Kindernahrung und meckert weiter. So etwas sollte ich auf keinen Fall kaufen, denn ich hätte doch ein Sieb und eine Reibe und könnte selber Äpfel und Karotten reiben. Ich denke mir, ja, ja, ich kann auch noch Kartoffelschalen auskochen, so wie nach dem Krieg und das Wasser in den Brei geben. So gerne möchte sie mein Kind mal sehen aber ein ?Komm vorbei? wäre ihr zu wenig und ohne offizielle Einladung würde sie keinen Fuß über meine Türschwelle setzen. Ich habe ihr gesagt, dass sie doch einen Haustürschlüssel von mir hat und selbst dann, wenn ich mit meinem Kind in der Wanne sitze, jederzeit selber aufschließen kann. Das macht sie noch entsetzter, sie ist der Auffassung, dass man so ein kleines Kind nicht einfach mit in die Wanne nehmen kann. Es bringt nichts, es hat keinen Zweck, ich kann mit Mama nicht reden, sie will mich einfach nicht verstehen. Am Samstag will sie jetzt mit Papa kommen.

Es sind so herrliche Sonnentage und ich habe das Körbchen mit meinem Winzling auf den Balkon gestellt. Adrian singt ihr zur Gesellschaft ein Lied und ich denke, dass sie, genau wie ich, ein Sonnenkind wird.

Am Abend habe ich Pieti erzählt, dass meine Eltern am Samstag kommen. Er meinte nur, dass er dringend in die Stadt muss. Sicher will er sich einen neuen Anzug kaufen, damit er einen guten Eindruck macht. Mittags kommt er aber mit einem Kinderwagen, wie für ein Königskind, zurück. Ich möchte nicht wissen, was er dafür bezahlt hat. Sicherlich hätte man dafür auch einen guten Gebrauchtwagen mit zwölf Monaten TÜV bekommen, und ganz bestimmt hat er dafür einen Scheck von meinem Konto ausgestellt.

Niemand kann mir erklären, weshalb man einen Säugling täglich durch die Straßen schieben muss. In einem Körbchen in der Sonne hätte er es doch bestimmt viel besser. Mache ich diese Fahrten, weil mein Baby sich darüber freut oder schiebe ich es nur durch die Gassen, damit alle Nachbarn sehen, dass ich jetzt Mutter bin? Ganz besonders schlimm finde ich, wenn die Leute mit ihren ungewaschnen Pfoten meinen Winzling im Gesicht betätscheln und mit hochgeschraubter Fistelstimme fragen, wie es uns denn heute geht. Ich nehme mir dann immer vor, dass ich, wenn ich sie mal alleine treffe, ebenfalls an der Stelle kraulen werde, wo eigentlich ihr Kinn sein sollte und dann in Babysprache fragte, wie es ihnen geht. Sicher schauen sie dann ziemlich blöde aus der Wäsche.
Am Samstag haben Mama und Papa den Kinderwagen gebührend bestaunt und sogar meinen Winzling ganz vorsichtig in den Arm genommen. Ob ich sie auch mal zu ihnen bringen würde, haben sie gefragt. Natürlich habe ich ?ja? gesagt, denn ein Kind braucht eine Oma und einen Opa.

Pieti hatte total gute Laune, als meine Eltern zu Besuch waren. Es stand das neue Auto vor der Tür. Nagelneu passt es in seiner Farbe zu unserem Kinderwagen und der passt, ohne dass man ihn zusammenklappen muss, durch die hintere Tür. Beim morgendlichen Eierschalen klopfen sagt Pieti, dass er es schön finden würde, wenn ich mit dem Winzling ins Atelier komme. Als ich eintreffe, ist er mit seiner neuen Bilderserie beschäftigt. Die Bilder sind fast trocken. Bevor er sie mit Firniss endbehandelt, bittet er um mein Urteil. Noch könnte er ergänzen, falls mir die Farben nicht gefallen. Das Gemalte ist ganz ungewohnt, voller Kraft und es erschlägt fast in seinen satten Farben. Während ich dabei bin, sprüht er sie mit Firniss ein, damit sie nicht verändert werden können und die Kraft der Farben erhalten bleibt. Ich bin damit beschäftigt, die Windeln zu wechseln und er verspricht, dass er auf der Vernissage anwesend sein wird. Wie nebenbei bemerkt er, dass ich den Kaufvertrag für das neue Auto noch unterschreiben muss. Der Händler hätte Verständnis dafür, dass ich als junge Mutter sehr beschäftigt wäre und deshalb hätte es mit der Unterschrift Zeit, aber so langsam, meinte Pieti, würde die Zeit knapp. In Gedanken bin ich bei meinem Winzling und unterschreibe den Kaufvertrag, ohne ihn zu lesen. Wieder hat er es geschafft, ein weiterer Vertrag mit meiner Unterschrift.
Sonntags schieben wir den Kinderwagen manchmal gemeinsam durch die Straßen. Weiter, als bis zum Bistro an der Ecke reichen Pietis Kräfte nicht, er wartet dann hier in der Runde seiner Fans und kommt auf dem Rückweg wieder mit mir nach Hause. Als wir uns neulich verfehlt hatten, war ich schon lange zu Hause und mein Winzling hatte ihr Gute-Nacht-Fläschchen schon lange getrunken. Ich hatte auch keine Lust mehr, auf ihn zu warten und bin ins Bett gegangen. Als ich ihn endlich kommen höre, ist er furchtbar eingeschnappt. Er war der Meinung, dass wir in der dunklen Nacht immer noch spazieren gehen würden und hat deshalb bei vielen Schoppen Wein auf uns gewartet.

Nur noch ein paar Tage wird es dauern, und der von Manfred unter­schriebene Wechsel ist fällig. Ich bringe ihn zum Berater meiner Bank und er fragt, weshalb ich ihn so lange aufbewahrt habe, er wäre doch wie bares Geld, und bei meiner Kontoführung hätte man ihn aufgekauft und den Betrag meinem Konto gutgeschrieben. Das war mir unbekannt. Zwei Tage später rief er dann an, dass der Wechsel Probleme macht und nicht eingelöst werden kann. Ich habe gerade aufgelegt, als Manfred anruft und brüllt, dass mir angst und bange wird. Was ich mir nur dabei denken würde, den Wechsel einfach vorzulegen, er hätte einen Sohn und eine Frau, die er ernähren müsste und ich wäre doch jung genug, um für mich selbst zu sorgen. Er hat nicht den kleinsten Schimmer, dass ich eine Tochter habe und dass ich ihm den Betrag nur geliehen habe, das hat er einfach nur vergessen. Ich bin so mutig und sage ihm, dass er mir noch viel mehr schuldet und er brüllt wie in alten Tagen, dass ich an allem Schuld bin. Dann lege ich einfach auf. Ich nehme mir vor, nie wieder Geld zu verleihen. Wenn jemand Sorgen hat, werde ich ihm etwas schenken und erspare mir Ärger und Mühe. Den zu Protest gegangenen Wechsel bringe ich einem Freund aus längst vergangnen Tagen, er ist Rechtsanwalt und inzwischen ziemlich erfolgreich. Die Ehesache Donner ./. Donner hat er damals vertreten und er kann es nicht fassen, dass ich inzwischen Mutter bin und einen Ehemann habe. Den Wechsel kann er nicht für mich retten, und auch der böse Schriftverkehr mit der Bausparkasse ist nicht aus der Welt zu schaffen. Er gesteht mir, dass notarielle Verträge nicht so sicher sind, wie angenommen wird. Ich werde noch lange zahlen müssen. Alle vollstreckbaren Titel hebe ich in meiner Schreibtischschublade auf.

Wie im Frühjahr angekündigt, hat Pietis Vater jetzt seinen Besuch angemeldet. Zu unserer Hochzeit im Mai konnte er leider nicht kommen, weil er Auslandstermine hatte aber er hat auch nichts versäumt. Für den Besuch muss ich in der Stadt noch einiges besorgen und in der Drogerie treffe ich Mama, als ich mir nur kurz ein Fläschchen Nagellack holen will, weil meine Lieblingsfarbe ausgetrocknet ist. Sie überredet mich zu einer Farbe, die ich überhaupt nicht mag. Weil ich es eilig habe, halte ich mich nicht länger auf, und dann treffe ich sie im Schuhgeschäft wieder. Ich gehe hinaus mit Schuhen, farbig passend zum Nagellack und Mama sagt, dass ich mit diesen Farben bei meinem Besuch garantiert einen guten Eindrucke machen werde.

Zur Begrüßung schenkt mir seine Frau eine riesen Flasche Parfum, das ich noch nie riechen konnte. Mein Winzling findet ihre Anerkennung und zum Kaffee am nächsten Tag bekomme ich dann das edle Tablett aus der bekannten Londoner Silberschmiede und werde mit diesem Akt familiärer Großzügigkeit in die Familie aufgenommen. Ich darf jetzt ?Papa? sagen und ?Marie?. Mit dem ungeliebten Duft habe ich meine Seidenblumen eingesprüht und als ich ihn gar nicht mehr so schlimm fand, war die Flasche leer. Vielleicht bringt er bei einem seiner weiteren Besuche eine neue Flasche mit.

Mit meinem Winzling war ich in meinem alten Büro, es war einmal wie mein zweites Zuhause. Sie haben gefragt, wann ich wiederkomme, sie hätten doch so viel Platz. Irgend einer hätte immer Zeit und würde sich um mein Baby kümmern. Alle haben versprochen, nicht mehr so viel zu rauchen.
Sie haben in der Zeitung gelesen, dass die Firma neu gegründet ist und ich geschäftsführende Gesellschafterin bin. Ganz bestimmt hätte ich auch genug damit zu tun, den Mann mit den drei Namen zu verwalten. Und damit hatten sie Recht. Es gibt genug Arbeit für mich und es läuft ja auch nicht schlecht. Es reicht für Fertigbrei, Wegwerfwindeln, Obstbrei aus dem Glas, für die saisongerechte Balkonkastenbepflanzung und hin und wieder für ein neues Kleid.

Heute ist Nikolaustag. Vor einem Jahr habe ich erfahren, dass mein Winzling auf die Welt kommen wird. Zum Kaffee bin ich bei meinen Eltern, und ihr Enkelkind bekommt vom Nikolaus eine Spieluhr mit bunten Vögeln, die ihr Liedchen singen, weil Adrian in der letzten Woche gestorben ist und ein Töpfchen mit einem Gänsehals. Ganz schnell soll ich mein Kind daran gewöhnen, dieses Ungeheuer zu benutzen. Mama sagt, dass die Kinder zu ihren Zeiten schon mit sechs Monaten sauber waren und der Schwachsinn mit den Wegwerfwindeln wäre nur unnutzes Kram. Ich bekomme eine elektrische Reibe für Äpfel und Karotten, damit ich künftig nicht mehr das Zeug aus den Gläsern kaufen muss.
An dem Haken an der Decke, an dem der Vogelkäfig hing, hängt jetzt eine grüne Zimmerpflanze, und wenn die Sonne es gut mit ihr meint, wird sie irgendwann blühen.

Pieti ist zurzeit nur manisch. Mit dem Depressiven wurde ich leichter fertig, aber es ist wie weggeweht. Er ist damit beschäftig, Luftschlösser zu bauen und die Ruinen lässt er dann einfach stehen. Er trinkt nur noch roten Johannisbeersaft und weil er weiß, dass ich das Zeug nicht ausstehen kann, hat er ihn ganz für sich allein, er weiß, dass ich nur eisgekühlten Pfirsichsaft mag.
Wenn Showtime ist, brauche ich nicht mehr mitzukommen und auch bei Vernissagen habe ich frei. Mein Winzling nimmt meine ganze Zeit in Anspruch.

Zu Weihnachten will er Rinderbraten. Mama und Papa sind wie immer in der Sonne und Pieti macht sich Sorgen, weshalb der Winzling immer noch nicht spricht. Er ist noch nicht einmal ein halbes Jahr und isst inzwischen Brei vom Löffel und macht seit einiger Zeit Geräusche wie ein junger Hund. Ein Auftraggeber, der mich besuchte, meinte lachend, dass mein Kind fiept wie ein Welpe. Wenn er sich später nach ihr erkundigte, dann hat er immer nur gefragt, wie es dem ?Fiepchen? geht und so bekam sie ihren zweiten Kosenamen.

An jedem Abend geht Pieti in sein Atelier, er hat Angst, dass mein Winzling schreit und er es dann nicht erträgt, weil es seiner Künstlerseele wehtut. Mein Winzling schreit niemals, noch nicht einmal weinen habe ich sie gehört, sie wächst einfach vor sich hin und wird an jedem Tag schöner.
Der Winter ist vergangen, mein Winzling kann jetzt sitzen, und den Kinderwagen habe ich durch eine Karre eingetauscht. Wenn ich damit durch die Straßen schiebe, finde ich es schön, wenn sie sieht, was um sie herum passiert. Mama meint, sie müsste schon längst laufen können, und immer diese Wegwerfwindeln und die wenigen Worte, die sie spricht, da wäre vieles nicht in Ordnung.

An Tagen die dem Sonntag folgen, bin ich oft beim Kinderarzt, er wohnt im Nachbarhaus und lacht inzwischen, wenn ich komme. Meistens fragt er mich zuerst, ?na, was hat Oma dieses Mal gesagt?? Er sagt, mein Kind ist kerngesund und alles ist in Ordnung. Er lehnt es ab, die Hüftgelenke und die Beine neu zu untersuchen und meint, da gibt es keine Probleme und auch mit dem Sprechen hätte sie noch lange Zeit. So verbringt mein Winzling weiter ihre Zeit mit Wachsen und ist ein liebes Kind.
Mein Winzling ist heute ein Jahr alt. Mama und Papa kommen mit einem Stuhl und einem kleinen Tisch und einer Tafel, damit sie bald schreiben lernen kann. Von ihrem Töpfchen mit dem Gänsehals bestaunt mein Winzling diese Dinge und fiept wie ein junger Hund.

An heißen Sommertagen so wie heute, trinkt mein Winzling Säfte. Vom Mittagessen steht noch Pietis Krug mit dem roten Johannisbeersaft da und ich fülle davon ein bisschen in ihr Fläschchen. Entsetzt reißt Pieti mir die Flasche aus der Hand und fragt, ob ich möchte, dass die Wand eingesaut wird, noch einmal würde er nicht die Küche streichen.

Heute ist wieder Nikolausstag. Der Nikolaus hat meinem Winzling einen kleinen Schaukelstuhl, einen roten Stiefel voller Naschereien und ein Säckchen mit Holzbauklötzen gebracht, und damit werden wir nachher ein Haus bauen. Ich telefoniere und spreche mit dem Auftraggeber, der meinen Winzling einfach Fiepchen nennt und dann sehe ich ihr zu, wie sie sich am Tisch hochzieht und einfach stehen bleibt. Dann macht sie ihre ersten Schritte, geht durch das Zimmer und kommt zu mir. Ich bin so fassungslos, dass ich es einfach nicht begreife. Mein Winzling hat sich hingestellt und läuft, als ob sie nie etwas anderes gemacht hat. Dem Auftraggeber, der sie immer ?Fiepchen? nennt, kreische ich einen Freudenschrei entgegen und er freut sich mit mir und findet es wunderschön. Nach ihrem Mittagsschlaf bin ich gespannt, ob sie noch immer laufen kann. Sie kann! Aufgeregt ziehe ich sie an und fahre mit ihr zu meinen Eltern. Mama sitzt im Büro und feilt sich ihre Fingernägel, Papa blättert in der Tageszeitung und mein Winzling fiept wie ein junger Hund. Wenn Tina nicht auch zufällig gekommen wäre, hätten sie noch nicht einmal bemerkt, dass wir in der Tür standen. Stolz verkünde ich, dass sie endlich läuft und schon tapst sie Mama entgegen. Mama meinte, dass es ja auch allerhöchste Zeit wäre und jetzt müsste ich auch endlich den Schweinkram mit den Wegwerfwindeln beenden. Dann machte sie ihr spitzes Mündchen und ging nach oben, weil sie sich um ihre Urlaubs­garderobe kümmern wollte, da sie zum Jahresende wieder in die Sonne fliegen wollten. Ich nehme meinen Winzling an die Hand und wir gehen - wir haben selber ein Zuhause.

Pieti hat in letzter Zeit so oft erzählt, dass er mit Trixi spricht. Sie sagt, sie hätte sich geirrt, die weiße Landschaft, die sie einst gesehen hatte und von der sie sicher war, dass er dort stirbt, wäre nicht der Wüstensand, es wäre das kalte Land hier hoch im Norden und da, wo seine Leibeshülle tot gelegen hat, war kalter Schnee. Sie wollte ihn retten und er sollte zu ihr kommen, die Kälte hier im Norden und die Frau mit ihrem Kind, das wäre sein Untergang und würde seinen sicheren Tod bringen.

Ich fahre in die Stadt, um die letzten Weihnachtseinkäufe zu erledigen. Weil Tina so kurz vor den Feiertagen keine Zeit hat, verspricht Pieti, bei meinen Winzling zu bleiben. Um den Weihnachtsbaum hat er sich höchspersönlich schon gekümmert. Seinen Wunsch entsprechend, gibt es in diesem Jahr eine Kiefer, außergewöhnlich, aber mit dem sich seit Jahren angesammelten Weihnachtsschmuck wird sie sicher prächtig aussehen.
Als ich zurückkomme, wundere ich mich, dass er nicht runter kommt, um mir die Sachen aus dem Supermarkt die Treppe hoch zu tragen. Ängstlich denke ich sofort an meinen Winzling und laufe die Treppe hoch. Sie liegt in ihrem Bettchen und schläft ihren Mittagsschlaf. Als ich auf dem Flur drei von Pietis Koffer stehen sehe, muss ich nicht lange überlegen, was passiert ist. Während ich im Supermarkt war, um seine Wünsche zu erfüllen und alles im Hause habe, was ich an den Feiertagen auf die Teller packe, hat er die Schränke ausgeräumt und seine Koffer gepackt. Er will hier weg, weg von mir und meinem Kind. Dann sagt er mir, dass er zu Trixi geht, weil er die Kälte leid ist und alles hier auf seinen Untergang zusteuert. Er hätte erkannt und Trixi würde ihm Recht geben, dass ich ihn nur vermarkte und weiterhin für mich zu schuften, das könnte er nicht ertragen. Mit drei Koffern in der Hand kann er nicht die Treppe heruntergehen und um ihn ganz schnell loszuwerden, biete ich ihm an, ihm beim Tragen zu helfen. Ganz entsetzt lehnt er ab und sagt, dass er auf mich und meine Bösartigkeit gut verzichten kann. Recht hat er, die Koffer hätte ich ihm hinterher geschmissen und dabei gehofft, dass einer ihn getroffen hätte, aber dann hätte ich vielleicht noch seine Verletzungen pflegen müssen und da war es schon besser, wenn er zwei Mal ging. Beim letzen Mal hat er noch nicht einmal die Tür hinter sich geschlossen. Als das Auto vom Grundstück fährt, schließe ich erleichtert die Tür und sage zu mir selbst, ?mach nicht so ein Theater, das ist auch anderen Frauen schon passiert, sie waren froh, wenn der Mann endlich abgehauen ist, und am nächsten Morgen haben sie lediglich das Auto vermisst.? Ich hätte ihm ja sagen können, dass das Auto hier bleibt, noch war es nicht bezahlt aber dann wäre er auch ohne gebrochene Beine hier geblieben und so wie es ist, ist es schon besser. Erleichtert schließe ich die Tür und denke, dass eine wahnsinnig schlimme Zeit beendet ist, so schnell werde ich ihn nicht wiedersehen.

Ich weiß, jetzt bin ich ungerecht, nicht alles in der Zeit mit ihm war schlecht, es gab auch wunderschöne Phasen, die für immer in meinem Gedächtnis sind. Durch ihn habe ich nicht nur gelernt, wie man Teppichfransen kämmt und die Schuhe gerade ausgerichtet nebeneinander in die Ecke stellt. Er hat mich gelehrt, dass Weiß und Schwarz keine Farben sind, das Spektrum des Regenbogens ist die Basis für alles ist, was wir an Buntem sehen, es kommt nur auf die Mischung an, genau wie im richtigen Leben. Auch hier gibt es Licht und Schatten und wenn es keine Schatten gäbe, würden wir im gleißend hellen Licht verdörren. Durch ihn kann ich erkennen, was ich vorher nicht wahrgenommen habe. Ich habe gelernt, zu riechen und zu spüren. Ich kann inzwischen akzeptieren, dass jemand, der anders ist als ich, nicht unbedingt schlechter sein muss und dass der, der ein ganz kleines enges Leben hat und nicht weiter sieht, als bis zu dem Platz, an dem gerade seine Füße stehen, vielleicht glücklicher ist als der, der bis über den Horizont hinaussehen kann. Im Winter in der eisigen Kälte und bei Hagelsturm kann ich den Sommer riechen und wenn herbstbuntes Laub durch die Gegend weht, weiß ich, wie es duftet, wenn die Erde lebt, und freue mich auf die Farbenpracht des Sommers. Ich habe begriffen, dass Liebe ein Geschenk ist, das man geben darf und dass es wehtut zu begreifen, dass der Beschenkte es vielleicht gar nicht will und nichts zurückgibt. In all den dunklen Zeiten ist es mir gelungen, so viel Herzlichkeit in mir zu haben, die ich weitergeben möchte, so gerne möchte ich die Welt ein wenig wärmer machen. Trotzdem tut es mir leid, dass er so gegangen ist, und ich fühle mich ein bisschen schuldig, so, als hätte ich etwas verkehrt gemacht. Vielleicht hätte ich ihm doch helfen können und es wäre wieder so geworden, wie es am Anfang in der Sonne war. Es tröstet mich ein bisschen, dass ich weiß, dass ich es so sehr versucht habe. Ich hätte alles dafür gegeben, das schwärzeste Schwarz für ihn wieder weiß zu machen, es ist mir einfach nicht gelungen.
Geschrieben mit einem roten Stift steht dahinter: In vielen hellen Vollmondnächten habe ich Pietis Schritte im Schlaf gehört. Mit seiner Mikrofonstimme fragt er immer nur, wie es dem Winzling geht. Meistens hat er mich gelobt und war zufrieden und ging dann wieder weg. Einmal war es mir zuviel, ich habe mit ihm geschimpft, er soll mich doch bitte in Ruhe lassen, ich hätte jetzt ein neues Leben. Als ich erwachte, habe ich geweint und mein Mann hat mich getröstet, er meinte, ich hätte einen schlimmen Traum gehabt und müsste keine Angst haben, er wäre ja bei mir. Ich traue mich nicht, ihm davon zu erzählen weil ich mir sicher bin, es würde ihn vielleicht kränken. Danach ist Pieti in meinen Träumen nie wieder bei mir gewesen und kurz darauf habe ich erfahren, dass er gestorben ist

Ich darf gar nicht an die Verträge denken, die ich für Pieti und für die Männer mit den zwei anderen Namen unterschrieben habe, auch wenn er weg ist, meine Unterschrift steht darunter. Was habe ich mir nur dabei gedacht, als ich das alles unterschrieben habe. Mein Winzling fiept noch immer nicht und ich gehe in mein Büro, um dringende Telefonate zu erledigen.
Ich hatte Glück, es war ganz leicht, für Pieti heute Abend Ersatz zu bekommen. Danach rufe ich die Agentur an um ihnen mitzuteilen, dass Pieti eine Magenschleimhautentzündung hat und mit schmerzhaften Krämpfen im Bett liegt. Sein Arzt würde befürchten, dass es mindestens bis zum Jahres­ende dauern wird. Natürlich freut man sich am anderen Ende der Leitung nicht unbedingt, gerade um diese Zeit, trotzdem wünscht man gute Besserung und würde alles in die Wege leiten, um für die nächsten Tage weiterhin Ersatz für ihn zu bekommen. Die dadurch entstehenden Kosten würde man natürlich in Rechnung stellen. Wenn nichts weiter auf mich zukommt, mag es ja noch erträglich sein, aber darüber will ich jetzt nicht nachdenken, das hat Zeit bis ins nächste Jahr.
Mein Winzling fiept und ist jetzt wach, wie immer ist sie fröhlich und ich füttere sie mit Brei. Der Korb mit Lebensmitteln ist immer noch nicht ausgepackt. Den Rinderbraten friere ich ein, den möchte ich Weihnachten ganz bestimmt nicht essen. Von all den Naschereien, die auf die bunten Teller sollten, haben mein Winzling und ich am Abend fast die Hälfte aufgegessen. Noch ist sie viel zu klein um zu wissen, dass diese Dinge eigentlich für Heilig Abend bestimmt sind.

Gott sei Dank muss ich die nächsten Tage mit niemandem über das, was heute Nachmittag passiert ist, reden. Mama und Papa sind in den Süden geflogen, und mein Bruder ist mit Tina in diesem Jahr hoch im Norden. Sie wollen ausprobieren, ob es ihnen dort genau so gut gefällt wie in der Sonne. Meine Schwester hat einen neuen Freund und ich möchte das junge Glück nicht stören. Ich habe Zeit bis ins neue Jahr, um wieder klar zu kommen. Ich bin zuversichtlich, dass es mir an jedem neuen Morgen ein kleines Stück­chen besser gehen wird. Bis die Urlauber zurück sind habe ich versprochen, an zwei verschiedenen Orten täglich nach der Post zu sehen und die Blumen zu gießen, Tiere sind in keiner der beiden Wohnungen zu versorgen. Die tägliche Rundreise lenkt zumindest etwas ab, und mein Winzling ist wie immer fröhlich. Wenn mir ganz entsetzlich kalt ist, nehme ich einfach ihre Hand, damit ich innerlich nicht mehr so friere.

Heute ist der vierundzwanzigste Dezember und in der Zeit ihres Mittags­schlafes schmücke ich die Kiefer. Richtig schön ist sie geworden. Ich verteile gerade die Kerzen, als sie zu fiepen beginnt. Das süße Blüschen und die Hose mit der Weste habe ich ihr angezogen und auch ich habe mir ein neues Kleid gegönnt. Sie strahlt mit ihren dunklen Augen mit dem Schein der Kerzen um die Wette. Interessanter als der Inhalt der kleinen Weihnachtspäckchen sind für sie die Schleifen und das Papier. Den ganzen Abend haben wir zwei unter dem Weihnachtsbaum gespielt. Anstatt Rinderbraten gab es viele leckere Kekse und danach Eis mit ganz viel Sahne.

Elsa hat während dieser beiden Tage nie nach mir gerufen, trotzdem war ich in Gedanken sehr oft bei ihr. Ich war sehr in Sorge, wie sie mit allem fertig wird aber ich wollte nicht, dass sie sich von mir kontrolliert fühlt. Sie hat es fabelhaft gemeistert - nicht einer hat ihr das Geschehene angemerkt. Sie albert mit dem Winzling herum und trotzdem spüre ich, dass sie innerlich weint.
Auch Heilig Abend bin ich in ihrer Nähe und sehe die beiden beim Duft der Bienenwachskerzen unter dem Weihnachtsbaum Häuser bauend sitzen. Das eine Haus ist gelb und hat Ähnlichkeit mit dem des Guanchen im fernen Süden, anstatt einen Balkon hat es eine Terrasse. Als es fertig ist, wirft es Elsa um und baut dem Winzling ein ganz anderes, neues Haus.

In den Abendstunden war ich an beiden Tagen da. Heute Abend höre ich das Badewasser plätschern und in der Küche auf der Ablage steht eisgekühlter Pfirsichsaft. Nach dem Bad nimmt sie einen großen Schluck und wie immer, holt sie den Winzling in ihr Bett. Gewärmt von ihrem Liebsten, das sie hat, schläft sie ein. Ich muss mir keine Sorgen machen, ihr Leben wird sicher leichter, als es jemals war.
Drüben im Atelier brennt Tag und Nacht das Licht, die Gardinen sind nicht zugezogen und nie sehe ich, dass sich dort etwas bewegt. Heute Mittag schien die Sonne. Warm eingepackt mache ich mit meinem Winzling einen Spaziergang Richtung Atelier. Es sind nur wenige Schritte, das kann sie schaffen. Wenn es ihr zuviel wird, trage ich sie. Ich gehe in die Tiefgarage um zu sehen, ob sein Auto hier vielleicht steht oder ob er wieder einmal nur ein Theaterstück abgeliefert hat. Ich wünsche mir so sehr, das sein Autoeinstellplatz leer ist und dieser Wunsch hat sich erfüllt. Den Mietvertrag des Ateliers hat er auf meinen Namen abgeschlossen, auch dieses Stück Papier habe ich unterschrieben und trotzdem niemals einen Schlüssel dafür gehabt. Der Hausmeister gibt mir den Reserveschlüssel, ganz vorsichtig versuche ich, ihm alles zu erklären, es muss ja nicht sein, dass es Gerede gibt. Um mir zu helfen, kommt er mit nach oben, das Atelier ist im siebten Stock. Er schließt auf und bevor er mich holt, ruft er in die Räume. Das Atelier ist leer, ausgeräumt, selbst die Larsson-Vorhänge sind weg, nur der Schreibtisch steht noch da. Die mittlere Schublade ist weit herausgezogen und in ihr liegt ein kleines Fotoalbum mit Bildern seiner Mutter. Immer, wenn er von ihr sprach, war sie die schönste Frau der Welt und er sagte, dass ich diese Schönheit nie erreichen würde. Jetzt sehe ich eine Frau mit einem schiefen Schneidezahn und früh ergrautem Haar. Beim Durchblättern der Seiten begreife ich was es heißt, dass Schönheit von innen kommt. Der Hausmeister ist mir auch behilflich, den Schreibtisch aus dem Atelier auf meinen Boden zu den Bildern zu transportieren. Für drei Monate muss ich hier noch Miete zahlen. Manchmal denke ich, ob es vielleicht besser wäre, für den Bodenraum die Schlösser auswechseln zu lassen.

Heute ist Silvester, der letzte Tag im alten Jahr. Ich bin optimistisch, dass das nächste Jahr ein bisschen besser werden wird. Zusammen mit meinem Winzling habe ich roten Heringssalat auf Brötchen und Krapfen gegessen. Falls ihr Magen meckern würde, habe ich für sie Fencheltee gemacht. Mama würde außer einem spitzen Mündchen ihre Anfälle kriegen, wenn sie das gesehen hätte. Gott sei Dank war sie nicht da. Mein Winzling fand das ganz toll und wenn der rote Salat nicht irgendwann alle gewesen wäre, hätte sie noch mehr davon gegessen. Um Mitternacht hat sie ganz tief und fest geschlafen, die Knallerei hat sie in ihren Träumen nicht gestört. Das Feuerwerk ist wahnsinnswunderschön, es funkelt, glitzert, sprüht in vielen Farben, die Stadt begrüßt das neue Jahr. Heute Nacht will ich keinen Pfirsichsaft, im Kühlschrank steht noch eine verschlossene Flasche Sekt. Nie zuvor in meinem Leben habe ich so ein Ding geöffnet und nicht damit gerechnet, dass es mir sofort gelingt. Wenn ich auch das alleine kann, wozu brauche ich dann überhaupt einen Mann? Immer seltener steigen Raketen auf, ich stehe auf dem Balkon, um in die dunkle Nacht zu sehen als neben mir zum Greifen nah ein silberweißer Sternenschweif zur Erde fällt. Einen Stern habe ich aufgefangen, weil er mir das Glück bringen soll, das ich jetzt brauchen werde. Jetzt ist Neujahr und ich habe noch zwei Tage Zeit um darüber nachzudenken, was ich machen werde. Wichtiger ist mir aber, dass ich weiß, was ich jetzt mache: Ich gehe zu meinem Winzling und hole sie in mein Bett.

Am ersten Tag im neuen Jahr geht es mir entsetzlich schlecht, eine ganze Flasche Sekt, das war für mich zu viel. Den ganzen Tag haben wir gespielt und einen gemeinsamen Mittagsschlaf gemacht, denn heute muss ich keine Briefkästen leeren und auch das Blumengießen hat bis morgen Zeit. Abends geht es mir wieder besser. Mein Kind liegt schon lange im Bett und ich wälze Akten und Verträge. Die Zahlen, die ich aufschreibe und unter dem Strich addiere sind entsetzlich. Das was ich bezahlen muss, werde ich in meinem ganzen Leben nicht verdienen, da müsste ich schon unsterblich sein. Bei diesen Gedanken fallen mir die Bilder auf dem Boden ein. Ganz leise habe ich die Tür geöffnet um zu hören, wie fest mein Winzling schläft. Dann gehe ich nach oben und zähle: Einhundertzwanzig Stück, gerahmt und die meisten mit Glas versehen, das müsste mehr als für das Doppelte reichen. Vielleicht hat mir der eingefangene Stern heute Nacht doch Glück gebracht.

Am ersten Arbeitstag im neuen Jahr, kurz nach zehn, rufe ich die Agentur an. Ich erfinde keine weiteren Märchen und sage es so, wie es ist. Pieti ist nicht mehr hier, er ist einfach abgehauen und wir müssten über die Verträge sprechen. Nicht ein Wort von seiner Krankheit hatten sie geglaubt und ich spürte, dass sie unsicher waren, weil sie an meiner Stimme nicht erkennen konnten, ob ich erleichtert oder traurig war. Sie haben mir nicht den Kopf abgerissen und auch nicht gebrüllt. Der Ersatz, den ich besorgt habe, wäre viel besser, als er zu seinen besten Zeiten je gewesen ist. Freitag kommt der Boss zu mir, er weiß, dass es den Winzling gibt, wir werden dann darüber reden, wie die Verträge auszulösen sind. Bis Freitag ist noch endlos lange Zeit.

Morgens am vierten Januar, um einuhrdreißig, landet die Maschine meiner Eltern. Mein Bruder wird mit Tina am gleichen Tag um die Mittagszeit zurück sein. Damit sie sich wie zu Hause fühlen, besorge ich frisches Brot, Milch Käse, Wurst und Obst, auch ein paar Blumen habe ich neben die Post und die Zeitungen auf den Tisch gestellt. Bestimmt wird Mama sauer sein, dass ich nicht am Airport bin, vielleicht wird sie auch Verständnis haben, dass ich mit einem kleinen Kind nicht mitten in der Nacht komme, um sie abzuholen. Sie können sich gut eine Taxe nehmen und zu Hause werden sie dann sehen, dass ich mich um alles gekümmert habe. Wir haben auch gar nicht darüber gesprochen, dass ich, wie sonst, den Fahrdienst übernehme.

Nachmittags fahre ich mit meinem Winzling zu meinen Eltern, um sie zu begrüßen. Wie immer, gehen wir durch das Büro. Mama macht ihr spitzes Mündchen und ist verärgert, dass ich in der Nacht nicht am Flughafen war. Verwundert fragt sie, wo ich den wohl gewesen bin, ich wäre ja richtig braungebrannt. Sie muss doch gesehen haben, dass ich nicht weg war. Als ich ihr fröhlich erzähle, dass ich jetzt ins Solarium gehe, kriegt sie sich überhaupt nicht wieder ein. Ob ich denn wüsste, wie gefährlich das ist, davon bekäme man Krebs und wo ich denn mein Kind während des ganzen Firlefanz lassen würde. Kleinlaut gebe ich zu, dass ich sie immer mitnehme, ich müsste sie doch nicht verstecken. Papa hat inzwischen aufgehört zu telefonieren und stimmt in dieses Gezeter ein indem er fragt, wo mein Mann ist. Ich denke, die Wahrheit ist am besten und sage ganz einfach ?weg.? Das Theater, das dann folgt, ist unbeschreiblich. Mama schnappt sich meinen Winzling, die Worte sind nicht für ihre Ohren bestimmt. Papa regt sich furchtbar auf und meint, was ich denn bloß für eine Frau bin, der es noch nicht einmal gelingt, den Vater ihres Kindes zu halten. Ich habe mehr damit gerechnet, dass er sagt ?sei froh, jetzt bist Du ihn los.? Wie ich mein weiteres Leben leben müsste, das wäre mir ja wohl bekannt. Zwei Männer hätten mich verlassen, beim ersten Mal konnte man noch darüber hinwegsehen doch zwei Mal hintereinander, das wäre zu viel. In Zukunft würde man von mir erwarten, dass ich nur noch Mutter bin. Man verwahre sich schon jetzt dagegen das ich irgendwann einen dritten Schwiegersohn in ihr Haus bringe. Aber damit wäre ja nicht zu rechnen, wer vergreift sich schon an einer zwei Mal verlassen Frau mit einem kleinen Kind.

Wie immer muss ich vor seinem Schreibtisch stehen, noch nicht einmal Platz hat er mir angeboten, und wie ein gut erzogenes Kind traue ich mich nicht, mich unaufgefordert zu setzen. Auf die Frage, wie ich mir die Geschäfte weiterhin vorstelle antworte ich genau so kurz und bündig: ?Ich melde Konkurs an.? Er schnappt nach Luft, um dann zu brüllen, dass er erwartet, dass ich den Namen sauber halte. Zahlen werde ich ihm wohl besser gar nicht nennen, ich möchte nicht noch Schuld an seinem Herzinfarkt haben. Jetzt mache ich mir Gedanken, welchen Namen er bloß meint und sage ganz einfach ?tschüss, ich gehe jetzt zu Mama und hole mein Kind.?
Mama matscht mit einer Gabel die knackig frische Banane zu Brei. Noch immer hat sie nicht begriffen, dass der Winzling inzwischen groß genug ist, davon abzubeißen. Dann zetert sie weiter, wie ich denn wieder aussehe, jetzt könnte ich es mir nicht mehr leisten, mit diesen blöden, hohen Schuhen und den flippigen Klamotten herumzulaufen. Meine angemalten Augen wären das Letzte, was sollen bloß die Leute denken. Das arme Kind hat jetzt eine Mutter, die von ihrem Mann verlassen wurde und das wäre schlimmer, als ob ihre Mutter Witwe wäre. Ich schnappe mir mein Kind und gehe wortlos.

Als wir zu Hause sind, rufe ich bei meiner Bank an und bitte um einen Termin. Es klappt schon morgen Nachmittag. Tina hat versprochen, in der Zeit für meinen Winzling da zu sein. Wenn ich nur wüsste, was ich dem Leiter der Bank sage, aber bis morgen fällt mir bestimmt noch etwas ein. Ich mache mir keine Illusionen, die Vertragsstrafen für die Agentur sind halb so schlimm, viel größer werden die Zahlungen sein, die durch nicht ausgeführte Werbeaufträge von mir gefordert werden.

Der Termin war halb so schlimm wie die Situation, vor Papas Schreibtisch stehen zu müssen. Mit all den Bildern auf dem Boden wäre das kein Problem, ich soll nur nichts übereilen und sie nicht unter Preis verschleudern, weil sie ihren Wert hätten. Die Bilder habe ich der Bank übertragen und eine Kopie meiner Auflistung lasse ich ihnen auch da. Sie brauchen diese Unterlagen, um alles zu überprüfen.

Früh am nächsten Morgen kommt der Anruf von der Bank, ich habe jetzt einen Disporahmen wie ein Großunternehmer und kann die Gesellschaft liquidieren. Ich werde jetzt versuchen, die Bilder Stück für Stück zu verkaufen. Gleich danach klingelt es schon wieder, der Schweizer Papa ist am Telefon. Von Papa hat er erfahren, dass Pieti mich verlassen hat. Es tut ihm ganz entsetzlich leid, ich würde es schon schaffen, ich wäre doch eine starke Frau. Mit diesen platten Worten hat er die Verantwortung von sich geschoben und in meine Hände gelobt.

Rot geschrieben ergänzt Elsa: ?Später habe ich erfahren, dass die beiden Väter oft miteinander telefoniert haben, meistens ging es nur um mein Kind. Irgendwann sind sie der Meinung, dass es besser ist, wenn die Ehe geschieden wird. Sie haben mich noch nicht einmal gefragt?.

Mit einem Kartengruß mit netten Worten habe ich Pieti zu seinem Geburtstag einen Blumenstrauß geschickt, eben so, wie es unter Freunden üblich ist. Dieses Mal sind die Blumen bei ihm eingetroffen. Wütend ruft er an und honoriert meine Geste mit den Worten, dass ich das bitte unterlassen soll, weil er sich dadurch bedroht fühlt. Alles Weitere habe ich nicht so ganz verstanden, er hat es auf Schwyzerdütsch gesagt. Nicht mit einem Wort hat er nach dem Winzling gefragt.

Heute ist Papas Geburtstag, natürlich gehe ich mit meiner Tochter hin. Bei den vielen Freunden und Verwandten die erscheinen, hat er kaum Gelegenheit, mit mir allein zu sprechen. Mein Kind ist schon fertig angezo­gen und ich bin mit meinen letzten Verschönerungsversuchen beschäftigt als mein Telefon klingelt. Ich versuche, es zu überhören, ich will jetzt nicht. Es klingelt immer wieder und dann nehme ich ab. Am anderen Ende der Leitung ist Pieti. Er ist heute hier in der Stadt und will mich besuchen. Ich denke, dass er sich ganz genau erinnert, dass Papa heute Geburtstag hat und ich hoffe nur, dass er nicht auf den Gedanken kommt, dort aufzukreuzen. Als ich ihm sage, dass es mir heute überhaupt nicht passt, legt er verärgert auf. Auch, wenn heute nicht der Geburtstag wäre, hätte ich schon einen Grund gefunden, ihn nicht sehen zu müssen. Die Feier war ganz angenehm, das Beste war jedoch, dass ich als erste aufbrechen konnte, denn kleine Kinder dürfen nicht zu spät ins Bett.

Während ihres Mittagsschlafes habe ich, obwohl Sonntag ist, gewaschen und die Wäsche auf dem Boden aufgehängt. Für heute Nachmittag sind schwere Gewitter angesagt, halb auf der Treppe fällt mir ein, dass im anderen Bodenraum noch das Fenster offen steht. Nicht auszudenken, was geschehen könnte, wenn es auf die Bilder regnet. Fassungslos stehe ich in der offenen Tür, bis auf den Schreibtisch ist der Boden leer, nicht eines der Bilder ist noch da. Jetzt ist mir klar, weshalb er angerufen hat, er wollte sich nur vergewissern, damit er ungestört abräumen kann. Wenn ich nur wüsste, wie ich das meiner Bank erklären soll. Bei diesem Gedanken klingelt mein Telefon. Papa klingt ganz fröhlich, Pieti wäre bei ihm gewesen und hätte ihm erzählt, dass ich mich mit ihm versöhnt hätte und alles zwischen uns wieder gut wäre. Papa hat ihm jedes Wort geglaubt, woher sollte er es auch besser wissen. Vielleicht wäre es doch besser gewesen, wenn ich in der Vergangenheit mal von Pietis zwei Tagebüchern und den Attesten erzählt hätte.

Um es nicht lange aufzuschieben, bin ich am Montag bei meiner Bank. Sie sind mit mir einer Meinung, dass es kaum etwas bringt, Anzeige wegen Diebstahl zu erstatten. Sie sind überzeugt, auch ohne diese Bilder würde ich es schaffen nur müsste ich bitte Verständnis haben, dass die Bank zu ihrer eigenen Sicherheit die Forderung jetzt tituliert. Ich versuche, ganz kompetent auszusehen und habe keine Ahnung, was damit gemeint ist. Zu Hause habe ich nachgeschlagen und jetzt kann ich mir vorstellen, was auf mich zukommt. Ein Mahnbescheid wird kommen und da ich ganz bestimmt keinen Einspruch erhebe, können sie jederzeit vollstrecken und ich stehe nackt da.
In roter Schrift steht danach geschrieben: ?Die Bank war mehr als kulant, sie haben zu keiner Zeit vollstreckt. Sie haben den Kredit sogar zinslos gestellt. Kurz vor meinem fünfzigsten Geburtstag habe ich den letzten monatlichen Scheck an meine Bank abgeschickt.?
Die Schulden sind bezahlt. Um ganz tief durchzuatmen, gehe ich an die frische Luft. Ein Meer von kleinen weißen Schäfchenwolken und darüber blauer Himmel. Ich denke, hinter irgendeiner dieser Wolken wird Pieti sein.

Vor vielen Jahren, als ich die Scheidung einreichte, hat er mir angedroht, dass ich das bereuen würde und er mich zerstört, nie wieder würde ich es schaffen, dass ich jemand wäre. Ganz laut, damit er mich auch hört, habe ich in die Wolken hineingerufen ?Du hast nicht Recht behalten, Du Satans­braten, und trotzdem danke für das Kind?. Ich bin sicher, gleich wird es hageln, donnern und blitzen, stattdessen fließen die Wolken auseinander und Sonnenschein erwärmt die Welt.

Ganz selten ruft der Schweizer Papa an und wenn, dann hat er einen Grund. Pieti ist in der Klinik, es geht ihm nicht gut und er fragt, ob ich kommen könnte. Ein reserviertes Ticket liegt für mich am Schalter der Bahn bereit.
Drei Mal bin ich bei Pieti in der Klinik gewesen. Bei meinem ersten Besuch hat er mich noch nicht einmal erkannt. Bei den beiden anderen wusste er, dass ich die Frau bin, die schon vorher einmal bei ihm war und hat sich gefreut. Noch während ich bei ihm bin, hat er mir in einem Kindermalbuch eine Sonnenblume ausgemalt. Auch wenn es ganz entsetzlich schwer war, habe ich versucht so zu tun, als ob es mich freut.
Heute, in der Zeit meines Mittagsschlafes, habe ich noch keinen einzigen Satz geschrieben. Neben den geschriebenen Büchern sind in meinem Korb so viele lose Zettel und es ist entsetzlich schwer, sie den richtigen Zeiten zuzuordnen und einzufügen. Ich wäre so froh, Elsa wäre hier, dann wäre es vielleicht leichter. Gerade habe ich es geschafft, mit dem Schreiben zu beginnen, da spüre ich ,dasssiedaist.WieinaltenKindertagenistsie rechthaberisch und will alles besser wissen. Das, was ich gerade schrieb, gehöre in ganz andere Zeiten und außerdem will sie mir dringend irgend etwas erzählen und ich habe dafür keine Zeit. Sie ist richtig eingeschnappt. Als ich mit dem Schreiben fertig bin denke ich, dass ich mir nichts vergeben hätte, wenn ich etwas freundlicher zu ihr gewesen wäre. Ich hoffe, sie hat das, was sie mir erzählen wollte aufgeschrieben, damit sie es nicht vergisst. Wenn sie das nächste Mal kommt, nehme ich mir vor, mir etwas mehr Zeit für sie zu nehmen.
Beim Liquidieren der Geschäfte habe ich einen Mann getroffen und ich glaube, dass er sich in mein Kind verliebt hat. Ständig macht er mit mir Termine. Wenn ich niemanden für den Winzling habe meint er, soll ich sie einfach mitbringen. Liebevoll zieht er ihr dann ihr Jäckchen aus und manchmal nimmt er sie auf seinen Schoß. Morgens ruft er meistens an um zu hören, wie es uns beiden geht. Wenn er einmal keine Zeit hat, fange ich an, ihn zu vermissen.

In letzter Zeit besucht mich meine Schwester des öfteren. Als dieser Mann, den ich noch gar nicht richtig kenne, mich angerufen hat und sich bei mir zum Kaffee eingeladen hat, ist sie gerade bei mir. Es hat lange gedauert, bis sie begriffen hat, dass sie stört. Abends ruft sie mich an und lacht ?der ist wie Manfred, nur in Blond?.
Ich freue mich richtig, wenn morgens mein Telefon klingelt. Wenn ich Termine hätte, würde er gerne kommen und mit meinem Kind spazieren gehen oder irgend etwas anderes unternehmen, dazu bräuchte ich doch keine Kinderfrau. Ganz unbesorgt kann ich ihm meinen Winzling überlassen, nur manchmal bringt er ihr entsetzlich blöde Wörter bei. Wenn die beiden dann abends von ihrem Spaziergang zurückkommen, geben wir uns ganz brav die Hand.

Drei Tage hat er schon nicht angerufen, ich vermisse sein Lachen und seine unbekümmerte Art. Fröhlich erzählt er mir am vierten Tag, dass er für diese Woche geschäftlich in München ist. Freitag käme er zurück und wenn es recht wäre, würde er bei mir anhalten. Drei Mal hat er Freitagabend ange­rufen, jedes Mal stand er im Stau, jetzt ist es schon bald elf Uhr und ich glaube, dass er mich nur auf den Arm genommen hat, er hatte gar nicht vor, zu kommen. Als ich gerade schlafen gehen will, höre ich das Klappen einer Autotür und kurz danach die Klingel. Fröhlich, lustig und kein bisschen müde steht er vor mir und sagt, dass er entsetzlichen Hunger hat und ob ich ihm ein paar Brote machen könnte. Er öffnet ganz leise die Kinderzimmertür um zu sehen, wie mein Winzling schläft. Irgendwie in dieser Nacht haben wir uns total verquatscht und er ist ganz einfach hier geblieben, und seit ungezählten Nächten schläft mein Kind in ihrem Bett. Lachend erzählt er mir am nächsten Morgen, dass er sich ganz fest vorgenommen hat, wenn ich ihm nach unserem siebenundzwanzigsten Treffen zum Abschied wieder nur die Hand gebe, will er versuchen, mich zu vergessen, so lange hätte er noch nie gefreit. Dabei hat er mein Kind auf seinem Schoß und füttert sie mit Toastbrothäppchen. Wenn ich nur eine Ahnung hätte, wie ich das Mama und Papa beibringen soll.
Sechs Monate habe ich gar nichts erzählt. Ich habe versucht ihm zu erklären, wie das in meiner Familie ist und er sagt, dass er es verstehen kann. Inzwischen kann mein Winzling schon richtig gut sprechen und ich entschließe mich, meinen Eltern zu sagen, dass es in meinem Leben einen neuen Mann gibt.

Am Sonntag bin ich mit meinem Kind bei meinen Eltern zum Kaffee eingeladen, ganz einfach so, ohne Grund. Ich traue mich zu fragen, ob es recht ist, wenn ich demnächst mal jemanden mitbringe. Vor Papas Schreibtisch stehend muss ich dann erklären, dass es sein könnte, dass meine künftige Begleitung ihr dritter Schwiegersohn werden könnte. Dann geht das Gewitter los. Ob ich denken würde, er wäre blöde. Seit langer Zeit kennt er den Wagen, der vor meiner Haustür steht und was der Mann denn machen würde, denn Autos dieser Art würden nur Betrüger fahren. Es ist mir schwer gefallen, nicht zu lachen. Papa muss es am allerbesten wissen, bis vor zwei Jahren ist er in der gleichen Automarke durch die Gegend gefahren. Außerdem hätte mein Winzling schon alles erzählt.

Wie in vergangen Zeiten, hat er sich Auskünfte eingeholt. Der Mann hätte doch sein Büro in einer anderen Stadt und er bat mich zu überlegen ob es nicht besser wäre, dorthin zu ziehen, dann könnten sie vielleicht endlich wieder in Ruhe leben und das Theater mit mir wäre vorbei. Ich hätte ihn umarmen können. So musste ich mir also nicht mehr überlegen wie ich ihm beibringe, dass ich im nächsten Monat umziehen werde. Das mit Sonntag müsste er erst mit Mama absprechen, telefonisch würde er mir dann Bescheid geben.
Abends rief er an, es wäre ihnen recht, sie würden uns Sonntag empfangen aber bitte nicht vor sechszehn Uhr.

Der Mann an meiner Seite hat die Ruhe weg, den wirft so schnell nichts um, und auch ein Antrittsbesuch kann ihm nicht die gute Laune verderben. Er hat sich wirklich wacker geschlagen. Papa fragt ihn als erstes ?Sie sind also der neue Freund?? und Mamas Mund wird immer spitzer weil sie mit ansehen muss, wie mein Winzling auf seinem Schoß sitzt und mit ihm ?Hoppe-Reiter? spielt. Abends haben wir es alle erleichtert überstanden und haben nicht mehr darüber gesprochen. Montagmittag rauscht Papas Auto auf den Hof. Ich rechne mit einem Donnerwetter, doch er hat richtig gute Laune und meint, dass dieser Mann ein ganz feiner Kerl ist.
Nur noch ein Tagebuch habe ich zu schreiben. Anders als in vergangenen Zeiten, hat Elsa nicht mehr sehr oft geschrieben, nur das, was ihr wichtig war, hat sie notiert. Ein Alltag, wie in einem ganz normalen Leben.

Ich höre sie lachend hinter mir stehen, Gott sei Dank hat sie vergessen, dass ich kürzlich richtig garstig zu ihr war. Ob ich schon einmal draußen war, es würde Frühling werden und wie weit ich mit meinem Schreiben wäre, wollte sie wissen, denn in kurzer Zeit würden sich die Knospen des Mirabellen­baumes öffnen. Während sie das sagt, schnüffelt sie in den Aufzeichnungen aus der Vergangenheit.

So gerne möchte ich von ihr erfahren, wie ihre Gegenwart ist, ich weiß aber, dass dazu heute keine Zeit ist. Wenn Elsa einmal anfängt zu erzählen, hört sie nicht mehr auf. Ich muss mir meine Frage für später aufheben. Um Ruhe vor ihr zu haben, schicke ich sie in den Garten, vielleicht kann sie den Mirabellenbaum bitten, dass er sich noch etwas Zeit bis zur Blüte lässt.
Elsa beginnt ihr letztes Tagebuch:

Wir sind jetzt umgezogen und leben in einem wunderschönen, neuen Haus. Versetzt über drei Etagen ist es gebaut, und durch die großen, raumhohen Fenster dringt zu allen Tageszeiten die Sonne hinein. Bis heute hat es noch nicht an einem Tag geregnet.

Mama kommt mit Papa und sie meint, es wäre eine alte Bude und durch die vielen hohen Fenster und den kalten Marmorfußböden würde man sich hier schnell den Tod holen. Inzwischen haben wir auch einen Hund und sie bezeichnet ihn als Bestie. Mit spitzem Mündchen stichelt sie: ?Wenn er mal ausgewachsen ist musst Du Dich nicht wundern, wenn er eines Tages Dein Kind anfällt.? Habe ich wirklich erwartet, sie könnte sich mal mit mir freuen?

Ganz früh am Morgen klingelt es an der Haustür und wie in einer ganz normalen Familie, sitzen wir am Frühstückstisch. Es ist die Frau vom Jugendamt und als sie sieht, wie aufgeräumt und harmonisch es bei uns ist, ist ihr der Besuch entsetzlich peinlich. Gerne lässt sie sich zu einer Tasse Kaffee einladen und streichelt dabei unseren Hund. Ihr Nachbar hätte auch so einen und wenn er ausgewachsen ist, wäre er ein toller Babysitter. Es machte ihr gar nichts aus uns zu verraten, dass Mama das Jugendamt alarmiert hatte, weil sie ihr Enkelkind gefährdet sieht. Sie bat zu überprüfen, ob mir eventuell das Sorgerecht entzogen werden kann, weil sie Zweifel hat, dass ich in der Lage bin, für ein Kind sorgen zu können.
Was danach passierte, war wie Krieg, und die Bomben haben das, was vorher noch ein bisschen heil war, endgültig zerstört.

Für mich beginnt ein ganz normales Leben und ich lerne, dass Alltag auch schön sein kann. Zu festgesetzten Zeiten gibt es Mittagessen und wenn er abends kommt, ist er mir nicht ein bisschen fremd. Meistens hat er entsetzlich gute Laune und ständig möchte er etwas unternehmen.

Noch nie habe ich einen Mann gekannt, der Fußball spielt und jetzt habe ich einen. Entsprechend seinem Alter spielt er in der Altherrenmannschaft. Zwei Mal in der Woche ist Training, und sonntags um zehn Uhr steht er auf dem Fußballplatz seinen Mann. Ich habe nicht die geringste Ahnung, worum es hier wirklich geht. Wenn er nicht zum Training geht, rennt er abends durch den Wald und steht jappend und schweißdurchtränkt, wie ein junger Hund kurze Zeit später wieder vor der Tür. Die Wunden nach dem Spiel sind manchmal fürchterlich, oft hat er montags ein blaues Auge, weil der Ball ihn traf. Als er sich zum dritten Mal den Fuß gebrochen hat, hörte er damit auf. Jetzt spielt er nur noch passiv mit dem Ball, und nach großen Spielen ist er manchmal heiser, weil er zu laut geschrieen hat.

Noch einmal habe ich das lavendelblaue, lange Chiffonkleid getragen. Er schleppte mich zu einem fürchterlichen Fest und auch der Winzling war dabei. Das einzig Schöne, das ich in Erinnerung habe ist, dass beim Schlafengehen der Schnuller nicht mehr aufzufinden war. Irgendwann hat sie angefangen, im Schlaf den Zeige- und Ringfinger in den Mund zu stecken um daran herumzusaugen, und morgens waren diese beiden Fingerchen wie eingeweicht. Obwohl ich es nicht wollte, habe ich auf den Arzt gehört, und seitdem schläft sie nur noch mit dem Schnuller. Jetzt ist er weg und trotzdem hat sie ohne Fingerchen im Mund geschlafen. Zu Hause finde ich ihn versteckt in einer tiefen Taschenfalte und sie hat ihn nie wieder gebraucht. Ich werde das lange Kleid nie wieder tragen, nie mehr nach diesem Fest. Außerdem denke ich, dass es ausgedient hat, es gehört in den Ruhestand. Trotzdem bringe ich es in die Reinigung. Vielleicht zieht es mein Winzling in vielen Jahren zum Karneval an.

Der Chef der Reinigung ruft an, es ist ihm entsetzlich peinlich. Seine neue Bügelhilfe hat mit dem heißen Bügeleisen das Kleid versaut. Direkt vorne, oben an der Brust, würde man den Abdruck des Bügeleisens sehen und es wäre nicht mehr wegzubekommen. Ich ärgere mich, dass ich die Kosten vorher schon bezahlt habe und er bittet mich, dass ich mir das Kleid anschaue. Als ich bei ihm bin, entschuldigt er sich hunderttausend Mal, denn bestimmt wäre es ein Designerkleid und ob ich einverstanden wäre, wenn er mir eintausend Mark Entschädigung zahlt, damit ich nicht darüber spreche, weil solche Dinge nicht gut für sein Geschäft wären.

Das Kleid war ein absolutes Schnäppchen, in dieser kleinen Größe und dann noch in dieser Farbe. Außerdem ist der Schnitt recht gewagt, deshalb habe ich es damals eigentlich schon als Ladenhüter erstanden. Es war mir oben zu weit und die Schneiderin hat bei der Änderung das Etikett entfernt sodass man jetzt nicht mehr feststellen konnte, dass es nur aus dem Kaufhaus war. Nachdem er mir das Geld gegeben hat, erzählt und prahlt er wie immer von seinem Wintergarten und dem Swimmingpool und dass er jetzt, außer den Palmen, auch Bananenstauden hätte. Am liebsten hätte ich ihn gefragt, weshalb er denn nicht Gärtner geworden ist, doch das habe ich mir verkniffen.
Mein Winzling hat gelernt, Fahrrad zu fahren. Es ist ein kleines Rad mit Stützrädern. An einem Sommertag, als es draußen gießt, übt sie in der Diele und als es schon richtig gut klappte, war sie der Meinung, dass sie auch Treppen fahren kann. Ich war gerade dabei, ihre Sommerkleidchen zu bügeln, als ich sie ganz fürchterlich schreien hörte. Papi kommt aus seinem Arbeitszimmer gerannt und befreit sie von ihrem Fahrrad. Ihr Gesichtchen ist Blut überströmt und ihr rechter oberer Schneidezahn hängt lose am Kiefer. Beherzt nimmt er sie aufs Knie und drückt den Zahn dort wieder fest hinein, wo er sitzen sollte. Mein Winzling schreit wie am Spieß. Er ruft nach einem Seifenläppchen und sie hängt an seinem Hals als er mir zuruft, dass ich schon mal beim Zahnarzt anrufen soll und dann sind sie auch schon im Auto. Ich komme mir total überflüssig vor. Die Zeit will überhaupt nicht vergehen und es hat schon zu dämmern angefangen, als ich endlich ein Lachen höre. Mein Winzling trägt eine tolle Jeanslatzhose mit einer weißen Rüschenbluse und ihr Mündchen ist mit Eis verschmiert. Ihre Schmerzen hat sie schnell vergessen und wenn sie später dran denkt, wird ihr in Erinnerung sein, wie toll der Tag mit Papi war.
Manchmal habe ich Angst, dass diese Zeit nur ein schöner Traum sein könnte.

Seit langer Zeit ist es nicht mehr passiert, dass Elsa nach mir gerufen hat. Ich stelle mich ganz nah vor sie, damit sie mich auch sieht. In vergangenen Zeiten bin ich oft bei ihr gewesen aber sie hat mich nie wahrgenommen. Ich wollte mich meistens nur vergewissern, wie es ihr geht. Jetzt konnte ich sehen, dass sie alles in die kleinen Händchen ihres Kindes legt und wenn diese nicht reichen, hat sie zusätzlich noch zwei riesige starke Hände. Sie ist fröhlich und ausgeglichen und freut sich auf jeden neuen Tag.

Nicht alles, was geschah, war gut und schön, es gab auch Tage, die waren entsetzlich und sie wünschte sich, dass diese nie geschehen wären und sie ein ganz normales Leben gehabt hätte. Sie versuchte zu begreifen, dass es unberechtigt ist, die Nachbarn zu beneiden und entdeckte, dass gerade bei denen, die samstags früh am Morgen die Straße fegen und am liebsten noch mit einem feuchten Lappen die Pflastersteine wischen würden, hinter den verschlossenen Türen in den Ecken ihrer Häuser die Welt am schlimmsten war.
Es ist ein Leben in dem sich die Tage wie Perlen auf die Schnüre reihen, vielleicht auch wie ein bunter Blumenstrauß in dem die schönste aller Rosen die schärfsten Dornen hat. Die blaue Sommerdistel, die von den meisten als Unkraut verschmäht wird, überlebt am längsten. Elsa hat die Gabe, dass sie, auch wenn es nur eine Dorne gibt, sich an dieser verletzt. Zum Glück hat sie gelernt, dass sie den Finger nur mit Spucke belecken muss, damit es aufhört zu bluten und nicht mehr wehtut. Beim nächsten Blumenstrauß hat sie vergessen, wie Dornen stechen.

Elsa rief mich, um mir zu erzählen, wie schön ihr Alltag ist. Sie wollte mich an ihrer Freude teilhaben lassen und mich machte es glücklich, dass ich in ihren Gedanken war. Sie hatte nicht viel Zeit und wollte jetzt Kartoffeln schälen, denn in wenigen Minuten erwartete sie Papi und ihren Winzling.
Ich bin mir sicher, ich muss nicht mehr, wie in vergangnen Tagen, im Verborgenen stehen um zu sehen, wie es ihr geht.
Die vorgeschriebene Wartezeit ist nun vergangen, die Ehe kann geschieden werden, ohne dass jemand Einspruch erhebt. Pieti ist zu dem Termin nicht gekommen, nur mein Anwalt und ich waren anwesend. Als wir aufgerufen wurden, war gerade noch Zeit, sich zu setzen, und dann standen wir auch schon wieder auf, weil die Ehezeit als erledigt betrachtet werden konnte.

Mit Mama und Papa habe ich selten Kontakt und wenn, geht es nur um mein Kind, von mir und meinem Leben wollen sie nichts wissen, sie sind daran nicht interessiert.
Ich soll jetzt Motorrad fahren lernen und habe so entsetzliche Angst davor. Das werde ich niemals können und bestimmt ist das noch schlimmer, als das damals mit dem Pferd. Um zu erleben, wie herrlich diese Sache ist, soll ich hinten sitzen und am Sonntag, bei unserer ersten gemeinsamen Spritztour wird der Winzling zu guten Freunden gebracht. Ich bin toll ausstaffiert, ein schwarzer Lederkombi mit einem silbergrauen Helm, aber lieber wäre ich krank und würde mit Fieber im Bett liegen.
Es ist entsetzlich, in jeder Kurve lege ich mich zur falschen Seite und meine Stiefelfüße sind ihm oft im Weg. Er schreit, wenn ich etwas falsch mache. Als wir Rast machen, bin ich so zitterig, dass ich mich nicht traue, Essen zu bestellen. Ich bitte um eine Zitronenlimonade mit einem Strohhalm, denn mit allen anderen Sachen hätte ich mich mit meinem Tatterich bestimmt nur bekleckert. Er isst in aller Seelenruhe Sauerfleisch mit Bratkartoffeln und als er seinen Helm abnimmt, sieht er aus wie immer. Ich darf nicht dran denken, wie ich anzublicken bin. Wenn ich einen Wunsch frei hätte, würde ich mir wünschen, dass er nach Hause braust und mich mit dem Auto wieder abholt. Hat er aber nicht, im Gegenteil, um mir zu zeigen, wie herrlich es ist, an den nobelsten Flitzern vorbei zu düsen, nimmt er die Autobahn. Unter meinem Helm habe ich die ganze Zeit geweint und daran gedacht, dass mein Winzling in den Abendstunden vielleicht eine Waise sein wird. Nach dieser Fahrt hat er noch weniger Stimme als nach einem Fußballspiel, er ist heiser vom vielen Schreien.
Um ihn versöhnlich zu stimmen, biete ich an, das Monstrum zu putzen und zu polieren, nur hinten drauf oder gar selber zu fahren, das möchte er mir doch bitte ersparen.
Ich sehe ihn mit dem Winzling tuscheln, wo denn der Schneeanzug wohl sein könnte und ich mache mir Gedanken, wozu er ihn im Sommer braucht.
Freitagmittag kommt er mit einem winzig kleinen bunten Helm, packt meinen Winzling trotz der Sommerhitze in den Winteranzug ein und setzt ihr zur Krönung auch noch ein Mützchen auf, weil der Helm ohne Mütze zu groß war. Als er startet, liegt sie quietschvergnügt vor ihm auf dem Tank. Ich habe nicht hingeschaut, als sie abfuhren und habe mich zu meinem Hund ins Haus verkrümelt.
Von der Straße höre ich die beiden um die Ecke kommen. Mein Winzling freut sich so und erzählt mir strahlend, dass sie, wenn sie groß ist, auch so eine Maschine fahren möchte.

In Rot ergänzt steht dahinter: ?Mein Winzling ist ein großes Kind und heute, am Sonntagmorgen, sind mein Mann und meine Tochter jeder auf der eigenen Maschine losgefahren. Vor Angst bin ich wie gelähmt, ich weiß, ich muss mich jetzt bewegen und habe keine Ahnung, was ich machen soll. Obwohl es Sonntag ist und mir nichts anderes einfällt, putzte ich die Fenster am ganzen Haus. Gerade habe ich den Eimer ausgeleert und die Tücher ausgewaschen, da höre ich sie in die Einfahrt fahren und sie kommen mit Gesichtern, die genauso strahlen wie meine geputzten Fensterscheiben?.
Die Hochzeit war ein Fest mit vielen Freunden, es hat einfach Spaß gemacht. Der Bräutigam war am Morgen furchtbar aufgeregt und hatte Angst, dass er gar nicht alles bis zum Termin auf dem Standesamt schaffen würde. Er musste noch zur Gärtnerei, die den Blumenschmuck montiert und auch das Auto musste noch gewaschen werden. Er brauchte meinen Rat und ich sagte ihm, dass es vielleicht vernünftiger ist, wenn er das Auto vor Anbringen des Blumenschmucks waschen lässt. Er hat mich angesehen, als würde er sich überlegen ob es richtig ist, was er heute Mittag macht. Der Blumenschmuck war wunderschön. Mama und Papa sind nicht gekommen, auf die Einladung haben sie noch nicht einmal reagiert. Die Farbe des in Leder eingebundenen Familienstammbuches war mir total unwichtig.

Mein Winzling geht nicht gerne zum Kindergarten, weil sie dort alles so doof findet. Sie möchte so gerne zu Hause bleiben, manchmal, wie aus heiterem Himmel, sagt sie einfach, dass sie krank ist. An einem Sommermorgen ruft der Kindergarten an, weil mein Kind ihr Brot nicht gegessen hat und den Apfel einem anderen Kinder geschenkt hat. Sie sitzt in der Ecke und will nicht mit den anderen spielen. Sie sind der Meinung, dass sie Fieber hat. Ich soll ganz schnell kommen und sie abholen. In zwei Minuten bin ich da, es ist nur um die Ecke. Gott sei Dank kann sie noch alleine laufen, denn zum Tragen wäre sie auch schon ein bisschen schwer.
Im Sonnenschein auf der Schaukel ist sie im Nu gesund. Ich mache mir Gedanken, was sie quälen könnte und dann fragt sie mich plötzlich, was das Wort `geil´ bedeutet. Sie erzählt, dass sie Flori in der Frühstückspause ganz blöde angesehen hat ihr dann sagte, sie wäre eine geile Maus und dann hätten die größeren Kinder alle gelacht.
Ich habe im Kindergarten angerufen und die Damen haben auch gelacht und mir gesagt, dass ich der Geschichte nicht zu viel Bedeutung beimessen sollte, wenn sie erst in die Schule ginge, käme sie noch mit ganz anderen Wörtern nach Hause. Ich denke ?dankeschön, aber bitte nicht mit meinem Kind? und behalte sie erst einmal zu Hause.
Nachmittags ging sie auf den Spielplatz gegenüber auf der anderen Straßenseite. Er ist herrlich angelegt und gehört zu dem großen Wohnblock, in dem auch Flori wohnt. Bepackt mit Sieb und Kuchenformen will sie mit den anderen Mädchen Bäcker spielen. Von meinem Schreibtisch aus kann ich ihr zusehen und winke ihr fröhlich nach. Richtig wütend kommt sie ganz schnell wieder zurück und schimpft wie ein Rohrspatz, dass sie da nie wieder hingeht. Weil der Sand zu trocken war und das mit dem Kuchen backen nicht geklappt hat, hat Flori einfach in ihren Eimer gepiet. Sie wollte mit einem Schwein nicht mehr spielen und jetzt wüsste sie auch, dass geil etwas ganz Unanständiges ist. Bevor sie Flori die Freundschaft gekündigt hat, hätte sie ihn noch verhauen. Er wäre schreiend nach Hause gerannt.
Floris Mutter kam am Abend zu mir, es täte ihr furchtbar leid und ich möchte doch nicht böse sein, Flori wäre eben ein Junge. Er hat den Winzling nie verpetzt, denn wenn ich erfahren hätte, welche Worte sie zu ihm sagte, hätte ich sie am nächsten Morgen wieder in den Kindergarten gebracht. Plätschernd sagt sie mir abends in der Badewanne, dass sie morgen mit Susanne spielt, die hat einen großen Bruder, der schon in die erste Klasse geht und der Vater wäre Arzt. Weil ich nicht will, dass sie mein Lachen sieht, gehe ich raus und denke, diese Kleine wird es ohne Umweg schaffen, die ist viel stärker als ich es jemals war. Nicht einen Tag hätte sie das hingenommen, was manchmal mein Leben bestimmte. Um sie werde ich mich niemals sorgen müssen, obwohl sie nur an einem Donnerstag das Licht der Welt erblickte.

Auf einer Familienfeier versucht ein blöder Verwandter dem Winzling zu erklären, wie schön ein Leben mit zwei Vätern ist. Entsetzt und wütend nimmt mein Mann uns an die Hand, wenn es um den Winzling geht, versteht er keinen Spaß und zerrt uns in sein Auto. Dem Winzling hat er erklärt, dass ihm der Magen weh tut und es besser wäre, wenn wir nach Hause fahren. Das Kind schläft schon lange und er redet auf mich ein, ihr die Wahrheit zu sagen und die dürfte sie nur von mir selber erfahren. Ihr zu sagen, wer ihr Vater ist, habe ich immer verdrängt. Ich habe gehofft, dass alles bleibt wie es ist.

In der nächsten Woche ist er zwei Tage unterwegs und er möchte gerne, wenn er zurück ist, dass ich mit ihr gesprochen habe. Ich wünsche mir, dass er bei diesem Gespräch mit dabei ist, denn es fällt mir so entsetzlich schwer, weil sie von mir eine so gute Meinung hat. Ich nehme allen Mut zusammen und versuche ihr mit kindgerechten Worten das zu sagen, was zu sagen ist. Ich tendiere dahin, einfach das Thema zu wechseln, weil sie mich vielleicht nicht versteht, aber sie sieht mich so ängstlich an und hält mit ihren kleinen warmen Händchen meine kalten Hände. Das macht mir Mut und ganz leicht kommt mir dann von den Lippen, dass es meine dritte Ehe ist und Papi nicht ihr Vater ist. Um ihr Mut zu machen und um etwas in ihre kleinen Kinderhände zu legen auf das sie stolz sein kann, erzähle ich, wer der Mann war, der vor langen Zeiten einmal die Bilder malte, die sie an jedem Tag umgeben. Ich wünsche mir, dass sie nie erfährt, wie er wirklich war. Die ganze Zeit hat sie mich ernst angesehen, und jetzt sieht sie wie erleichtert aus und freut sich. Lachend meint sie ?ich hatte solche Angst, Du würdest mir jetzt sagen, Du hättest Krebs?. Sie sagt, ich hätte ein wunderbares Leben und müsste stolz und glücklich sein. Drei Männer hätten mich gewollt und so etwas wäre doch ganz selten, bestimmt würden viele Frauen auf mich neidisch sein. Sie selbst hat Sorge, dass sie überhaupt nur einen finden wird, der sie liebt. So habe ich es noch nie gesehen, vielleicht hat sie sogar Recht. So einfach war das und jetzt hat sie große Sorgen, ob Papi sie auch noch lieb hat wenn er weiß, dass ich ihr gesagt habe, dass er nicht ihr Erzeuger ist. Niemals spricht sie von einem Vater. Als mein Mann zurückkommt, hat er sie noch genauso lieb und geht mit ihr ein Eis essen.

Inzwischen ist es Frühling geworden und mein Mann meint, ich soll einfach mal in die Stadt fahren und mir was Schönes kaufen. Vielleicht würde ich für ihn auch etwas finden und die Kleidergröße vom Winzling wäre mir ja bekannt. Keine schlechte Idee, also hütet er heute das Büro und winkt mir fröhlich hinterher. Als die Geschäfte schließen, fahre ich nach Hause, und habe das Auto vollgepackt mit bunten Tüten. Ich bin erschrocken, als ich sehe, wie ernst er in der Einfahrt steht und mache mir Gedanken, ob er auf mich sauer sein könnte. Er hat auf mich gewartet und wollte dringend auf der Stelle hier draußen an der Hecke mit mir sprechen, weil unser Winzling dann nichts davon mitbekommt.

Zuerst hat Mama angerufen, als er ihre Stimme hörte hätte er gleich gewusst, dass es nichts Gutes sein kann, weil sie sich viel zu selten meldet und wenn, dann will sie nur ihre Enkelin sprechen. Als Mama aufgelegt hat, war Marie am Telefon und teilte mit, dass Pieti heute Nacht gestorben ist. Er sagt, dass er Verständnis dafür hätte, wenn ich traurig wäre. Marie würde auf meinen Anruf warten und damit ich in Ruhe sprechen könnte, würde er mit dem Winzling Eis essen gehen. Ich versuche, wie immer auszusehen und winke ihnen nach. Die bunten Tüten hat er mir vorher noch ins Haus getragen, unausgepackt lasse ich sie stehen und greife zum Telefon.

Marie ist gleich zu erreichen und mit wenigen Worten teilt sie mir mit, dass Pieti in den Morgenstunden eingeschlafen ist. Nicht wie Trixi es voraus­gesagt hatte, in der Wüste oder im Schnee sondern ganz normal in einem weiß bezogenen Krankenhausbett. Seit Wochen hat er hier gelegen und wenn sein Herz nicht so unendlich stark gewesen wäre, wäre er schon viel früher gestorben. Sie ist seltsam distanziert und dann wirft sie mir vor, dass wir so oft dort gewesen wären und uns nicht einmal die Zeit genommen hätten, zu ihr und Papa zu gehen. Pieti hat doch wirklich bis zu seinem Tod behauptet, dass wir drei Mal im Jahr bei ihm Urlaub gemacht haben, er hat von seinem blond gelockten Kind erzählt und Marie will mir nicht glauben, dass das nur ein Märchen ist. Mein Winzling hat ganz dunkle Haare mit nicht einer Locke und seit er vor vielen Jahren weggegangen ist, hat er sie nie mehr gesehen. Auch der Papa möchte gerne mit mir sprechen und wenn es mir recht wäre, würde er morgen anrufen. Marie hat ohne viele Worte begriffen, dass ich seit Jahren ein neues Leben führe.

Kaum habe ich aufgelegt, ist Mama in der Leitung und behandelt mich wie eine Witwe. Natürlich ist es traurig aber ich weiß, dass er jetzt seine Ruhe finden wird. Bei unseren seltenen Gesprächen kann ich mit Mama manchmal reden wie mit einer Frau, die mir ein Stückchen ähnlich ist. Ich werde nicht in Trauer fallen, denn die Wunden aus der kurzen Zeit sind in den vergange­nen Jahren so verheilt, dass man kaum noch Narben sieht. Sie meint, ich müsste zur der Beerdigung und ich traue mich zu sagen, dass ich das nicht machen werde, das höchste aller Gefühle wäre vielleicht ein Kranz. Hier hat sie mir tatsächlich geholfen. Wir waren beide der Auffassung, dass die kleine Gärtnerei in unserem Dorf es nicht wissen müsste und diese Geste vielleicht auch meinen Mann kränken würde. Sie erteilte für mich den Auftrag, damit der Kranz zur Beerdigung pünktlich ankam. Wie immer wurde es etwas, das Beachtung findet. Auf der Schleife steht: ?Als letzten Gruß von Deiner Tochter und ihrer Mutter?.

Bei einem der Telefongespräche frage ich Pietis Vater, was mit den Bildern ist und dann muss ich leider erfahren, dass nicht eines mehr von ihnen existiert. Er meint, Pieti hätte sie alle versilbert und das Geld in Wein getauscht. All die unzähligen Flaschen hat er bis auf den letzten Tropfen ausgetrunken. Dann stellt er mir eine Frage, die ihm nicht leichtfiel: Ob ich mir vorstellen könnte, dass die Beziehung zu dieser Trixi eine körperliche war, wo sie doch so viele Jahre älter wäre als sein Sohn. Ist es denn nur das Recht der Männer, sich einen jüngeren Partner auszusuchen? Das traue ich mich aber nicht zu antworten. Er schreibt mir viele Briefe, ein Fremder könnte denken, dass wir eine Affäre hatten. Ich bewahre sie zusammen mit den Fotos aus den längst vergessenen Tagen in einem Karton im Schreibtisch auf. Irgendwann, in vielen Jahren, wird sie mein Winzling lesen und sich vielleicht darüber freuen. In einem anderen Leben hätte ich seine Tochter werden können, heute möchte ich es nicht mehr sein und auch für liebevoll Geschriebenes kann es zu spät sein.

Auch was diese Sache betrifft, ist mein Mann der Meinung, dass ich sie meinem Kind erzählen müsste. Ich sitze mit ihr am kleinen Tischchen und sage ihr, dass ihr Vater tot ist. Es tut so weh mit anzusehen, wie aus ihren Augenwinkeln kleine, warme Tränchen kullern. Ihre größte Sorge ist, ob wir zur Beerdigung fahren müssen und ich kann sie trösten und ihr sagen, dass das nicht erforderlich ist. Trotzdem spüre ich, dass sie irgendetwas braucht, woran sie sich festhalten kann. Ich schlage ihr vor, dass wir beide uns alleine am Tage der Beerdigung hier an diesem Tischchen wiedertreffen und wenn die Segnungsglocke läutet, wollen wir an ihn denken und ihm wünschen, dass er den Ort gefunden hat, an dem er glücklich ist. Danach ist sie wie erleichtert. Wenn irgend jemand später einmal fragen sollte wer ihr Vater war, kann sie ihm, ohne lügen zu müssen, erzählen, dass er gestorben ist und sie dafür den Papi hat.

In jeder Zeit der Mittagsstunde ist Elsa in meiner Nähe. Sie quengelt herum und meint, dass ich mich beeilen müsste, denn an jedem Tag wäre damit zu rechnen, dass die weißen Mirabellenblüten ihre Knospen öffnen und ich würde bestimmt nicht wollen, dass sie mir dann sagen müsste, ich hätte mein Versprechen nicht gehalten.

Nur noch ein paar wenige Seiten und trotzdem bin ich sehr in Eile. Die Zeit des Mittagsschlafes erscheint mir viel zu kurz und ich überlege, ob ich mir in den nächsten zwei oder drei Tagen nach dem Abendessen auch noch etwas Zeit zum Schreiben nehmen soll. So gerne möchte ich sie fragen, was mir wichtig ist, aber ich lasse es für heute sein. Wenn Elsa einmal anfängt zu erzählen, dann wird die Zeit meines Mittagsschlafs nicht reichen.
Ich kann mich überhaupt nicht leiden, ich finde mich entsetzlich hässlich mit meinen Schnittlauchhaaren, dem langen Hals und den dünnen Storchen­beinen, außerdem benehme ich mich schrecklich. Wenn ich mich selber schon nicht lieben kann, wie sollen mich dann erst andere mögen? Vielleicht sollte ich mir eine Schleife in die Haare stecken? Manchmal beschließe ich schon am Morgen, dass ich heute Selbstmitleid haben will aber ich weiß, dass ich mir das ganz schnell wieder abgewöhnen muss. Solche Gedanken führen zum Tod, so stand es jedenfalls in einem Buch. So gerne wäre ich das rundliche, blond gelockte Kind geblieben.

Das Blond gelockte hat der Meisterfigaro gut hinbekommen, er war nicht direkt dafür aber auch nicht besonders dagegen, ich finde aber, dass ich abscheulich aussehe. Nach zehn Tagen bin ich wieder bei ihm und lasse mir das Blond wieder überfärben. Er empfiehlt mir Schwarz mit blauen Strähnen doch das möchte ich nicht, ich möchte es wieder so, wie es vorher war. Bei der Einwirkzeit der Farbe erzählt er mir, dass seine Frau, der Dieter, auch solche Haare hätte wie ich, jetzt wären sie ganz kurz geschoren, doch das wäre nichts für mich. Stattdessen empfiehlt er mir eine Haarpracht, die nur aufzusetzen ist. Nach der Farbbehandlung suchen wir zusammen ein Mütz­chen mit tausend Haaren aus, in drei Tagen soll es fertig sein und frisch gefärbt und voller Freude fahre ich nach Hause.
Als ich mit den falschen Haaren dann das Abendessen mache, meint mein Mann, dass ich fantastisch aussehen würde. Ich bleibe ganz lange auf und warte, bis er eingeschlafen ist, denn bestimmt sehe ich entsetzlich aus, wenn ich meine Haarpracht absetze. Ich darf gar nicht daran denken, was er morgen früh empfindet, wenn er seine Zähne putzt und den falschen Skalp auf einer Haarspraydose aufgestülpt, auf dem Wannenrand stehen sieht.

Auch diese falsche Haarpracht macht viel Arbeit, ich habe es mir viel einfacher vorgestellt. Am Morgen muss ich lange zupfen, damit es aussieht wie gewachsen und waschen muss ich sie genau so oft wie mein eigenes Haar. Alles, was ein bisschen riecht, zieht in sie hinein und frisch geduscht kommt sie mir morgens vor, als ob sie stinkt. Nach einer dieser Wäschen habe ich sie zum Trocknen in den Heizungsraum gestellt. Unser Hund muss die Pracht als Feind angesehen haben. Nachdem er ausgiebig geschnüffelt hat, schleppte er sie nach draußen und wollte sie nach langem Gezottel anscheinend töten. Mein Mann hat meinen Skalp gerettet und damit er sich erholen kann, auf den geschnitzten Frauenkopf auf dem Tischchen in der Diele gesetzt. Ohne diese Haare sah die künstlerische Skulptur viel besser aus. Als er weggefahren ist, bin ich mit Föhn und Lockenwicklern beschäftigt und beim Mittagsessen hat er noch nicht einmal bemerkt, dass ich das Ding nicht aufhatte. Nur mein Winzling lacht und freut sich. Ich fahre dann mit ihr in den Supermarkt und sie zeigt mir die Frau an der Kasse, die eigentlich nur ihre Kopfhaut färbt, weil sie so wenig Haare hat. Ich beneide diese Frau um ihr Selbstbewusstsein und würde alles dafür geben, wenn ich so wäre wie sie.
Ganz früh am Abend gehe ich ins Bett. Ich bin so müde und habe entsetzlich viel Schlaf nachzuholen, denn in den vergangen Tagen dachte ich, dass ich besser warte, bis er eingeschlafen ist, um ihn nicht zu erschrecken, wenn er mich ohne Perücke sieht.
Heute lacht er mich aus, weil ich mit den schönen Haaren ins Bett gegangen bin und meint, ich könnte sie doch auch höher stellen, damit unser Hund sie nicht erreicht. Noch immer hat er nicht bemerkt, dass es meine eigenen Haare sind. Nie wieder habe ich diesen Hut getragen, er liegt in meinem Schrank.
Gestern, nach dem Abendessen, habe ich mich wieder dem Tagebuch gewidmet. Wir essen immer erst recht spät und so habe ich gar nicht bemerkt, dass es schon nach Mitternacht war.

Irgendwann in diesen Abendstunden war Elsa wieder aufgetaucht und ich nehme mir die Zeit, wenn es sein muss, auch bis zur Morgendämmerung, denn ich will endlich wissen, wie ihre Gegenwart ist. Genau so wie sie heute vor mir steht, hat sie sich als kleines Kind benommen, wenn ihr etwas peinlich war und sie sich ein bisschen schämte. Ich habe ein Bild vor meinen Augen, als ob es erst gestern war. In ihren Alltagsringelstrümpfen, passend in der Farbe zu dem kurzen Röckchen, mit dem Pflaster auf dem Knie, nahm sie, wie immer, wenn sie nicht so recht weiter wusste, ein Zipfelchen ihrer dünnen Rattenschwänze in den Mund und kaute darauf herum. Mit ganz dünner Stimme meint sie, dass sie glaubt, sie habe vor einem Jahr überreagiert und sich vielleicht falsch benommen.

Elsa hat sich bis heute nicht geändert, sie ist noch immer wie ein kleines Kind. Lachend muss ich daran denken, als sie mir einmal erzählt hat, dass die letzten kleinen Steinchen aus der Haut an ihrem Knie, wo so oft ein Pflaster klebte, erst herausgewachsen sind, als sie schon längst verheiratet war.

Was so schlimm war, will sie mir nicht sagen, ich könnte es doch lesen, es würde auf den letzten Seiten dieses Tagebuches stehen. Ich bin mir sicher, die letzten Seiten sind leer und nichts als unbeschriebenes, weißes Papier.

Ein bisschen hat sie mir noch verraten. Inzwischen können sie schon wieder miteinander reden und außerdem habe sie ein Buch gelesen und der Inhalt habe sie sehr nachdenklich gemacht, ganz besonders ein paar Zeilen und die würde sie mir so gerne sagen. Mit einer Stimme als ob sie übers Wetter redet, trägt sie mir vor ?Gebt Ruhe, ihr Guten, haltet stille, Jahre binden, auch wenn man nicht will. Das ist schwer: Ein Leben zu zweien, nur eins ist noch schwerer: Einsam sein?. - ?Kurt Tucholsky?, höre ich sie noch sagen dann ist sie weg und ich wünsche ihr, dass der Inhalt der Worte in ihren Gedanken bleibt, denn nicht an jedem Tag ist Sonnenschein.

Wie nebenbei blättere ich in den letzten Seiten, sie sind wirklich eng und wieder in einer roten Schrift beschrieben. Ich werde sie lesen, wenn ich alles andere aufgeschrieben habe.
Unser Hund ist tot. Ganz plötzlich ist er krank geworden und der Tierarzt kam jeden Tag. Trotz Infusionen und Spritzen wollte es nicht besser werden. Nachts schlief ich in seiner Nähe und kümmerte mich um ihn. Mein Mann und der Winzling sind ganz still Der Tierarzt meint, er konnte ihm nicht mehr helfen. Nie wäre er wieder gesund geworden und Tiere hätten es besser, als genau so kranke Menschen, weil man sie einschläfern könnte und sie dann von ihrem Leid erlöst sind. Es war so unheimlich schwer, auf seinen Rat zu hören. Als er zu uns kam, war er schon groß. Er war ein Scheidungs­waisenkind und am Anfang hatte ich Probleme, mich daran zu gewöhnen, dass er an meiner Bettseite schlief. In all den Jahren hat er uns bewacht und wenn ein Fremder kam, dann schlug er an und manchmal, wenn er einen Besucher gar nicht mochte, sträubte sich sein Nackenfell und dann hat er meistens Recht gehabt. An jedem Abend bekam er von mir ein Stück Schokolade und wenn ich es vergaß, saß er so lange vor der Schublade, bis ich wieder daran dachte. Mir wird bewusst, dass es der zweite Hund ist, den wir verlieren. So schnell ist die Zeit vergangen und so lange kenne ich jetzt schon meinen Mann. Den ersten Hund haben wir in dem Wäldchen, das einem Freund gehörte, begraben, der zweite findet seinen Platz hinter den Rhododendronbüschen, da ist die Erde weich, denn sie wurzeln nicht. Dort, wo er liegt, steht heute ein großer Stein mit seinem Namen.
Wir hatten keinen Mut zu einem neuen Hund, so einen wie ihn, wird es ganz bestimmt nie wieder geben. Als Erinnerung haben wir seine Leine aufgehoben, sie hängt noch heute an der Flurgarderobe.

Elsa gibt jetzt wirklich keine Ruhe. Schon wieder steht sie hinter mir, um mir zu erzählen, dass sie sich inzwischen ganz herrlich streiten kann, was vorher niemals möglich war. Wenn ihnen nichts mehr einfällt, worüber sie unterschiedlicher Meinung sein könnten, hören sie auf und sind sich kein bisschen böse. Es ist wie bei allen anderen Leuten, ein ganz normaler Alltag. Ich muss heute Abend mit dem Tagebuch fertig werden, nur noch die allerletzten Seiten, die mit dem roten Stift geschrieben sind, übertragen.


Auf den letzten Seiten steht:



An einem kalten Sonntag im Februar kommt mein Winzling zu mir in die Küche. Sie wollte dringend mit mir reden, so ginge das nicht. Der Papi würde ganz eigene Wege ohne mich gehen. Sie hätte ihn gesehen und bevor die Leute reden, müsste ich etwas unternehmen. Mit diesen Worten hat sie ihn verpetzt. An meiner weißen Nasenspitze hat sie mir angesehen, wie sehr ich erschrocken war und ich brauchte unendlich viele Worte, bis sie mir sagte, um was es ging.

Beim Mittagessen sind wir drei ganz schweigsam, jeder geht seinen eigenen Gedanken nach. Wir sind uns so vertraut, dass auch Schweigen möglich ist. Der Winzling musste ganz schnell weg und ich habe Gelegenheit, ihn mir vorzuknöpfen.

Er schwört mir Stein und Bein, dass er niemals den Gedanken hatte, etwas ohne mich zu machen und schon gar nicht ?Das?. Ich würde doch bestimmt noch wissen, dass ich diejenige war, die ihn vor fast zwei Jahrzehnten überredet hatte, das einmal zu versuchen. Obwohl er gar nicht wollte, fand er es wunderschön und seitdem würden wir es zwei Mal in der Woche machen. Nie käme er auf die Idee, es ohne mich zu tun und außerdem würde ich es mit meiner feinen Nase doch sofort an ihm riechen. Schon lange wollte er mich fragen, ob es möglich wäre, es an kurzen Wintertagen vielleicht drei Mal in der Woche zu machen und es dann vielleicht in Sommerzeiten wieder zu reduzieren oder auch ganz zu lassen.
Bei jedem seiner Worte weiß ich, dass er lügt und endlich gibt er zu, dass es passiert ist. Seit einigen Wochen fährt er ohne mich zur Sonnenbank. Es ist gemein, ich finde es ganz unmöglich, außerdem ist es nicht in Ordnung, dass er brauner ist als ich. Er meint, ich hätte ja nie Zeit, selbst den Besuch an der Würstchenbude müsste er vier Wochen vorher mit mir absprechen.

Ich ärgere mich entsetzlich über ihn und töne mir meine Haare knallrot. In der Zeit, in der die Farbe einwirkt mache ich mir Gedanken, welcher Spruch auf seinen Grabstein kommt. Als ich abends höre, wie sein Auto in die Einfahrt fährt, freue ich mich entsetzlich.
Ich habe es geschafft, ich habe ihr Leben neu geschrieben und bevor ich schlafen gehe, möchte ich noch ein bisschen an die frische Luft. Es ist dunkel draußen und es riecht nach Frühling. Ich habe Elsa nicht gehört und spüre trotzdem, dass sie bei mir ist. Sie meint, in den vielen Mittagsstunden hätte ich ihr etwas weggenommen, vielleicht hat sie es auch verloren und ich verspreche, dass ich ihr suchen helfen werde, nur nicht mehr in dieser Nacht. Wenn sie mir sagen würde, was es ist und wie es aussieht, werde ich es ganz bestimmt wiederfinden und für sie aufbewahren. Sie will nicht richtig mit der Sprache raus, jeder würde es anders nennen und es hätte verschiedene Gesichter und wenn ich es je finden würde, soll ich es nicht beachten und sie wollte es nie wieder zurück. Sonst kann ich doch immer hören was sie denkt und jetzt brauche ich unendlich, um zu begreifen, was sie meint. Mit ihren vielen Worten hat sie versucht, mir zu sagen, dass sie ihre Angst verloren hat. Doch hätte sie es ausgesprochen, hätte sie mir eingestehen müssen, dass sie vorher bei ihr war. Und als sie geht bilde ich mir ein, sie hätte sich für all die Jahre, die ich da war und ihr Händchen hielt, bedankt. Manchmal wäre ich heute noch ihre dritte Hand und ob ich böse wäre, wenn sie mir jetzt sagt, dass sie sie jetzt nur noch ganz selten braucht.

Lange vor der gewohnten Zeit bin ich heute Morgen aufgewacht. Irgend etwas ist anders und ich weiß nicht was. Die Welt sieht aus wie frisch gewaschen und der Kaffee ist schon gekocht. Wie gestern, ist auch heute Morgen Sonnenschein und weit öffne ich die Türen zum Garten. Der Duft ist heute anders und ich laufe mit nackten Füßen zum Mirabellenbaum. Er ist weiß erblüht, die verschlossenen Knospen sind gesprengt, am liebsten würde ich mich unter ihn setzen und seinen Stamm in meine Arme nehmen.

Was mache ich nur mit all den vielen Früchten, bestimmt werde ich, wie in den vergangenen Jahren die Nachbarinnen zu Kaffee, Kuchen und Likör einladen und sie dabei überreden, die Mirabellen abzupflücken. Wenn ich Glück habe, kommen sie, wie im letzten Jahr, mit großen Eimern und abends werden dann ihre Männer auftauchen, um zu sehen, wo ihre Frauen sind.
Wir werden wieder Helfer haben, die auf großen Leitern in den oberen Ästen ernten und mit jedem vollen Eimer werden sich die Männer wieder freuen, dass ihre Frauen in der Küche stehen und saften oder Marmelade kochen. Für sie ist es ein geschenktes Wochenende, fast so schön wie Vatertag. Nachdem das Wirtshaus schon geschlossen hat, werden sie nach Hause kommen, und ihre Bierfahne wird durch den fiesen Geruch von eingekoch­tem Mirabellenmus übertüncht.
Auch nach diesem Abend wird der Baum noch Früchte tragen und es reicht, wenn in einigen Tagen irgend jemand kommt, um mit der großen Harke an die Äste zu schlagen. Die überreifen Früchte werden runterfallen und in einem großen Haufen irgendwo verschwinden.
Heute werde ich hier im Haus nur das Allernötigste tun und mich mittags in die Sonne legen, um bei allen Frühjahrsdüften vor mich hinzuträumen und mich auf die kommenden Tage und die Stunde meines Mittagsschlafs freuen.
Den Becher und den Kuchenteller, den vollbepackten Korb mit Weißem nehme ich mit zu meiner Liege und freue mich auf den Sonnenschein. Mir ist, als ob sich die Gardine vor meinem Schreibtisch leicht bewegt. Ich denke, es kann nur Elsa sein und dann schlafe ich ganz tief ein. Ich werde wach von meinem eignen Lachen und so, als ob ich ihr hinterher winke, hebe ich die Hand und sage ?Elsa, hau endlich ab?. Wenn sie es hört, wird sie wissen, dass ich es zärtlich meine. Ich wünsche mir, dass ich sicher sein kann, dass Elsa wirklich hier war, oder war es doch nur ein Traum?

Ganz plötzlich fängt es an zu regnen und Wind kommt auf. Ich schaffe es gerade noch ins Haus bevor es richtig anfängt zu prasseln und der Sturm die Fenster zuschlägt. ?Verdammt?, denke ich, ?im Korb wird alles eingeweicht und matschig sein, die ganze Arbeit war umsonst.? Durch das Fenster sehe ich, dass die Pforte zur Straßenseite offen steht obwohl ich eigentlich dachte, dass ich sie, bevor ich in den Garten ging, fest verschlossen hatte.

Es hat aufgehört zu regnen und der Wind hat nachgelassen. Ich schließe die Pforte und hole dann den Korb mit weißem Eingeweichten. Ich werde es noch einmal waschen müssen. Zum Glück hat mein Mann noch genug Hemden für die nächsten Tage im Schrank.

Irgendwann wird Elsa wieder bei mir sein. Wenn es mir zu lange dauert, werde ich, so wie in längst vergangnen Tagen, ungerufen zu ihr gehen, um in ihrem Spiegelbild ganz tief in ihre Augen zu sehen und sie fragen: ?Elsa, bitte sage mir, wie macht man das, wie wird man ein Sonntagskind??


Epilog:



Heute Morgen rief mich meine Schwester an. Sie ist in Sorge, denn seit Tagen sucht unsere Mutter nach meinem blauen Kinderfotoalbum. In allen Schränken würde sie kramen und will nicht einsehen, dass das Album, das sie sucht, einen grünen Einband hat. Vielleicht würde ich einmal nachsehen, ob es wieder zu mir zurückgekommen ist. Sie fragt, ob mir auch schon aufgefallen wäre, dass unsere Mutter wenn sie etwas sucht, in letzter Zeit so ein spitzes Mündchen macht, das hätte sie früher nie gemacht.
Noch vieles haben wir Schwestern zu erzählen und irgendwann beenden wir das Gespräch und legen auf.

Ich bin mir sicher, das Fotobuch ist hier bei mir, doch wie es eingebunden ist, kann ich nicht genau sagen. Ich finde es in einem kleinen Schränkchen und sehe, dass es weiß mit großen, roten Rosenblüten ist.
So ist das mit Erinnerungen - nach Jahren glaubt man manchmal selber, dass die Vergangenheit ganz anders war und kann sich nicht erinnern, es sei denn, man hat ein Tagebuch geschrieben.
Vielleicht sollte man so etwas machen, denke ich mir und schreibe in die Spalte für das heutige Datum: ?Heute war ein wunderschöner Tag.? Irgendwann werde ich mich an ihn erinnern und kann dann nachlesen, wie er war?.­
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©Linde Steiner
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