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Wenn ein Tag schon so anfängt

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Kurzgeschichten

 
Wenn ein Tag schon so anfängt...

Dreitausend Mark, gewonnen in einem Preisausschreiben, können den Alltag eines Bauhilfsarbeiters ganz schön durcheinander bringen, vor allem, wenn Träume und Frauen dabei im Spiel sind. Dann kann der Segen schnell zum Desaster entgleisen. Übrig bleiben eine Panik des Gewissens und die Flucht dorthin, wo der Mann sich auskennt.

 
 


Wenn ein Tag schon so anfängt...

 

Der Juppi zum Beispiel.

Er liegt mit hinter dem Kopf ineinander geflochtenen Fingern auf seinem Sofa, liegt bequem, liegt weich. Draußen heult der Wind, reißt die letzten gelben und roten Blätter von den Bäumen, wirbelt sie vor sich her. Es ist nicht gerade kalt, aber feucht, neblig, ungemütlich, das Thermometer soll noch sinken, es soll sogar Frost geben, den ersten im Jahr. Und endlich ist Freitag und Feierabend. Er röchelt ein wenig, rotzelt, sein linkes Nasenloch ist verstopft. Er hat die Heizung bis zum Anschlag aufgedreht, sich in eine Wolldecke eingewickelt. Nichtstunmüssen, Daheimbleibenkönnen, freut er sich, das wird erst so richtig rund, wenn es draußen schmuddelig und kalt ist. Und strampelt sich tief unter die Decke. Irgendwann fallen ihm die Augen zu, und irgendwann beginnen sie sich unter den Lidern heftig zu bewegen.

Ein aufdringliches Läuten reißt ihn weg von seinen Bildern im Kopf. Er fährt hoch, wäre fast vom Sofa gefallen, rubbelt sich mit den verschafften Händen zurück in sein Zimmer, streicht sich verschlafen über die Fast-Glatze, taumelt zur Sprechanlage. Wieder läutet es. Es dauert, bis er begreift: da steht keiner vor der Haustür, da schlägt das Telefon an. Unwillkürlich zieht er den Kopf in den Nacken, als sei sein Gewissen nicht ganz sauber. Das Ding geht so selten, daß er manchmal den Hörer abnimmt, nur um festzustellen, ob es noch funktioniert. Und jetzt...

?Ja?, sagt er zaghaft.

?Spreche ich mit Herrn Schnähbeli, Herrn Kasimir Schnähbeli?? Die Stimme einer Dame. Der Blutdruck steigt. Kasimir hat sie gesagt. Keine guten Vorzeichen.

?Ja.?

?Hier ist die Glücksfee von der Firma EDO. Sie haben gewonnen, Herr Schnähbeli. Meinen herzlichen Glückwunsch, Herr Schnähbeli.?

?Sie wollen mich wohl veräppeln??

Die Dame klingt ein wenig beleidigt. ?Nein, glauben Sie mir ruhig, Herr Schnähbeli, Sie haben wirklich gewonnen.?

?Ich kaufe nichts.?

Die Stimme der Dame geduldig, versöhnlich, klebrig süß wie Zuckerwatte: ? Ach, Herr Schnähbeli, das sollen Sie ja auch nicht. Ich habe für Sie eine echte, wahrhaftige Überraschung, kostet Sie keinen Pfennig.?

Und überhaupt, grantelt der Juppi, er heiße nicht Schnähbeli wie ein verliebter Täuberich, er heiße Schnäbelli. ?Mit zwei El hinten, verstehen Sie??

?Verzeihen Sie, Herr Schnäbelli, mein Fehler.?

Schnell biegt er ab. ?Neinein. Wie hätten Sie das auch wissen sollen? Aber haben Sie sich vielleicht verwählt??

?Nicht, wenn Sie der Herr Kasimir Schnäbelli sind. Und der sind Sie doch??

?Schon, aber der Name... Ich meine, ich bin da sicher nicht der Einzige.?

?Warum wehren Sie sich so gegen Ihr Glück, Herr Schnäbelli??

?Weil - weil... Das kann eben nicht sein, verstehen Sie? Deswegen.?

?Aber wer spielt, muß doch damit rechnen, daß er gewinnt, Herr Schnäbelli.?

? Spielen? Ich? Nie im Leben. Wie kommen Sie denn auf sowas??

?Natur und EDO, ein tolles Gespann. Unser Werbespruch, Sie haben richtig geraten. Und nun haben wir Ihre Karte mit dieser richtigen Antwort gezogen. Na, klingelt's, Herr Schnäbelli??

Der Juppi grübelt, gräbt, aber er bleibt mißtrauisch. ?Und wieviel soll ich..??

?Dritter Preis, dreitausend Mark.?

Pause. Heftiges Geschnaufe in den Hörer.

?Sie sind plötzlich so ruhig, Herr Schnäbelli. Stimmt was nicht??

Der Juppi kämpft mit der Erinnerung.

?Was sagten Sie, Herr Schnäbelli??

?Nichtsnichts, ich freue mich bloß so wahnsinnig.?

?Kommt natürlich alles noch schriftlich. Samt Scheck.?

Der Juppi schluckt trocken.

?Verraten Sie mir jetzt noch, was Sie mit dem Geld machen werden, Herr Schnäbelli??

?Müssen Sie das wissen? Kann ich sonst... Ich meine, der Scheck und alles...? Er stottert, stockt, verstummt.

?Keine Sorge, Herr Schnäbelli, gewonnen ist gewonnen. Lassen Sie sich ruhig Zeit. Und denken Sie immer daran: Natur und EDO, ein tolles Gespann! In diesem Sinne, Herr Schnäbelli, viel Vergnügen beim Nachdenken und noch einen schönen Abend.?

Und bevor der Juppi etwas erwidern kann, ist seine Suppenglücksfee weg.

Dreitausend Mark. Ein kleines Vermögen. Einfach so, keiner will was, keiner kann ihm was, er darf damit machen, was er will.

Doch da tauchen wie das Morgenlicht im Osten die ersten Zweifel auf. Schön wär's schon, bloß... Das kann eigentlich gar nicht sein, er doch nicht, wo er doch gar nicht weiß, wie das geht, gewinnen. Hat er vielleicht geträumt? Aber warum hat er dann die Decke auf den Boden gestrampelt, warum liegt er nicht mehr auf dem Sofa? Was sind das für blöde Schnapsideen? Oder geht das jetzt schon wieder los...

Das ist nämlich so: Vor einiger Zeit hat der Juppi fast jede Nacht von einem nackten Mädchen geträumt, das auf einem goldenen Löwen reitet. Immer ist er mit ausgestreckten Händen hinterhergerannt, bittebitte, aber eingeholt hat er sie nie. Manchmal ist er sogar richtig wach geworden, hat sich bis zum Morgengrauen im Bett herumgeworfen und nach der Botschaft dahinter gefahndet. Weil, wenn einen dieselbe Geschichte immer wieder heimsuche, hat ihm einmal jemand gesagt, dann finde die erst ein Ende, wenn das Problem dahinter erledigt sei. Dieser Jemand war ein Psychiater, ein Studierter also. Der Juppi hat auch die Botschaft nie erwischt, und die Tage nach solchen Nächten waren für ihn oft gar nicht lustig. Und doch hat gerade einer von denen - ein besonders schlimmer dazuhin - den eigensinnigen Traum mitgenommen.

 Aber vielleicht... Dreitausend Mark sind schließlich viel Geld, vielleicht ist das da anders.

Er ist jetzt gründlich durcheinander, alle Gemütlichkeit ist futsch. Auf und ab, ab und auf, zehnmal, zwanzigmal. Aber sein Zimmer ist klein, eng, Tisch, Sofa, der einzige Stuhl, alles im Weg. Er kann es immer noch nicht ganz glauben, geht zum Telefon, hält sich den Hörer an die empfindlichen Lippen. Tatsächlich, er ist noch ganz warm, er muß ihn in der Hand gehabt haben. Das mit den dreitausend Mark ist also wirklich passiert. Er braucht jetzt Auslauf, Luft, Weite, Ferne. Und steht unversehens mit vor Aufregung zitternden Knien in der nebligen Feuchte. Im Gehen kickt er einen Stein auf die Straße. Zwei Zentimeter höher, und er hätte die Tür von einem parkenden Audi erwischt. Da fallen sie über ihn her, die Erinnerungen, reiten eine Attacke nach der anderen, er schämt sich, leidet, wie er sich damals geschämt und gelitten hat, nur Schneewittchen ist ein kleiner Trost. Aber vielleicht sind jetzt gerade ihretwegen drei Tausender zwei zuviel.

 

Gleich morgens auf der Baustelle. Speis hätte er anrühren sollen damals, dabei ist ihm der Zementsack aus den Fingern gerutscht. Er hätte heulen können.

Wenn ein Tag schon so anfängt, hat er gesagt...

Um ehrlich zu sein, er hat es hinausgeschrien: Wenn ein Tag schon so anfängt...

Der Kare hat keinen Ton gesagt. Der Kare sagt überhaupt wenig. Schon als sie sich kennengelernt haben, das vergißt der Juppi nie. Er war pleite, hat anschreiben lassen müssen im Bierbauch, seiner Stammkneipe. Der Kare hat das mitgekriegt. Hat sich neben ihn an die Theke gestellt. Kein Wort. Bloß Augen. Er hat immer schnell weggeguckt, wenn er ihnen begegnet ist und ist ganz nervös geworden. Und dann hat er sagen müssen: ?Nicht schlimm, nächste Woche fange ich bei Häberlin und Söhne an.? Der Kare immer noch bloß Augen. Schließlich hat er etwas kleinlaut zugegeben, daß er geschwindelt habe und gar nichts in Aussicht habe, daß das schon über ein Jahr so gehe. Da hat der Kare zum ersten Mal den Mund aufgemacht. Er brauche einen Helfer in seiner Maurerkolonne, hat er gesagt, er werde mit dem Chef sprechen. Und am nächsten Tag: ?Morgen früh um sieben, die Baustelle in der Granellistraße.?

Und jetzt, der Kare hat bloß gegrinst, ihm auf die Schulter geklopft. Da ist er vollends ausgerastet: ?Du bist an allem schuld. Wenn du damals nicht..!?

Vielleicht, denkt der Juppi manchmal, ist der Kare deswegen Polier und ich bloß Hilfsarbeiter. Auch wenn er so wenig redet. Der Juppi weiß zum Beispiel bis heute nicht, wo der Kare wohnt, ob er Frau und Kinder hat, was er tut, wenn er gerade nicht arbeitet oder im Bierbauch hockt. Fragen will er nicht, weil, Probleme hat er selber genug.

Dann endlich zusammenräumen, Feierabend. Er hat gejubelt, der Tag ist gelaufen und nichts mehr passiert.

Nachher hat er bloß noch schnell einkaufen wollen. Brot, ein paar Dosen Bier, Essiggurken, Miracoli, Chips, Eier, was man halt an einem Wochenende so braucht.

Vielleicht, weil die Bananen so fleckenlos waren, so appetitlich gelb, vielleicht, weil der Tag doch noch glimpflich verlaufen ist, hat der Juppi plötzlich einen ganz bestimmten Geschmack auf der Zunge gehabt, eine ganz bestimmte Vorstellung im Kopf: zermatschte Banane in steifgeschlagener Sahne. Und hat seinen Einkaufswagen zum Kühlregal geschoben, seine schrundige Hand zärtlich um den Plastikbecher gelegt, gefühlt, wie verheißungsvoll es darin schwabbelte und gluckerte. Hat ihn mit den Bierbüchsen umstellt, weil er ihm so dünn und schutzbedürftig vorkam.

Die Schlange vor der Kasse war endlos. Er hat gezählt. Und gerechnet. So und so viele Leute mal, sagen wir, drei Minuten... Und ließ sich währenddessen Schrittchen für Schrittchen vorwärtstreiben. Plötzlich eine Stimme:

?Haaallo! Kommen Sie??

Er.

Und dann - in seinem Kopf haben alle hinter ihm gelacht - ist ihm vor lauter Schnellschnell der Sahnebecher aus der Hand geglitscht.

Der Juppi stöhnt. Himmel hilf... Möchte sich verkriechen. Wohin mit den Händen, und wo die Augen aufhängen? Stöhnt, stottert, stammelt, steht stocksteif, dreht die Blicke in Richtung Seele. Gierige, fettige, weißwabbelige Finger kriechen über schwarze und rote Steinfliesen. Nur nicht nach unten gucken... Er, das Monstrum, der ewige Tölpel... Fleht stumm zur Kassiererin hinüber. Gibt sich ihr, bietet sein Genick dem tödlichen Beil. Mach mit mir, was du willst... Und kapiert nicht, was er sieht.

Lange, nachtschwarze Haare, Augen wie stillglänzende Waldteiche, und ein Gesichtchen, ein Gesichtchen...

In ihm drin bricht eine heiße Quelle auf, explodiert stirnwärts, hirnwärts, nur Füße und Hände bleiben verschont... So weiß wie Schnee, so rot wie Blut, so schwarz wie Ebenholz...

Schneewittchen...

Plötzlich aber hat dieses Schneewittchen sich wirklich bewegt, ein Heiligenbild, das zu einem spricht:

?Macht doch nichts.?

Da ist im Juppi seinem Kopf ist etwas zerbrochen. Die Worte kamen zu ihm wie durch eine Wasserwand. Schneewittchen selber war es, die ihn zurückgeholt hat in die Wirklichkeit, indem sie einfach aufgestanden und weggelaufen ist, ihn in seiner Sahnepfütze und der Mißbilligung der anderen Kunden hat kokeln lassen. Als ob das nicht genug gewesen wäre, überfiel ihn ein neuer Schreck. Das Eulengesicht. Sie holt das Eulengesicht, das Eulengesicht holt die Polizei. Lieber Gott...

Aber statt des dickbebrillten Geschäftsführers war sie auf einmal wieder da, Eimer und Wischmop in der Hand. Ungläubig hat der Juppi geglotzt. Dann hat er zugegriffen. Er hat am Eimer gezerrt, sie dagegen. Das Ende: sie hat geputzt und er zugeguckt. Das heißt, er hat es versucht. In Wirklichkeit hat er gehirnt, gegrübelt, gekrampft, weil, was Lustiges, was Erlösendes hätte ihm jetzt einfallen müssen. Aber er ist nur hierhin und dorthin getrippelt, hat die Hände gerungen und war dauernd irgendwem im Weg.

Und dann war die Sauerei weg. Als Schneewittchen wieder hinter ihrer Kasse saß, stotterte der Juppi: ?Was kostet das? Das Aufputzen, mein ich. Und die Sahne...?

Denn das ist das Schlimmste: etwas kaputtmachen und nicht dafür bezahlen wollen.

?Vergessen Sie's, holen Sie sich eine neue.? Kein bißchen ärgerlich, die Stimme, nur freundlich, geschäftsmäßig freundlich.

Mit fiebrigen Fingern kramte er in seiner Hosentasche, klingelte lauter, als es hätte sein müssen, zitterte ihr die Münzen hin. Da hat sie ihre warme, ruhige Hand auf seine verschaffte, zappelige gelegt.

Zurückzucken. Die Hand brennt wie Feuer. Er wird sie nie wieder waschen. Entschuldigung. Und wohingucken? Ein Lächelversuch ins Blaue.

Ein Häufchen Postkarten neben der Kasse rettet ihn. Er nimmt eine, hält sie sich vors Gesicht. ?Kennen Sie schon unsere neue Kreation?, deklamiert er laut, zu laut. ?EDO-Zwiebelsuppe a lá Madame Pompadour. Sie können nur gewinnen. Zum Beispiel eine Traumreise für zwei Personen...? Ob er da eine mitnehmen dürfe. Schneewittchen nickt, ohne aufzublicken: ?Natürlich, dazu liegen sie da.?

Ein bißchen enttäuscht war er dann aber schon. Da ist er nun nochmal zum Kühlregal gegangen, hat sich eine neue Sahne geholt, stellt sie - diesmal mit beiden Händen - aufs Band, will wieder in die stillen Waldteiche eintauchen, da hat Schneewittchen ihn bloß durchgewinkt, schon das Zeug vom Hintermann eingetippt. Plötzlich, der Juppi war schon fast vorbei, da sagte sie:

?Die Sache hat bloß einen Haken. Wenn Sie...?

Er hat gar nicht mehr hingehört. War verschnupft, beleidigt. Erst einem mit den Augen weiß Gott was versprechen und dann kneifen. Und wenn er etwas nicht ertragen kann, dann ist es sowas.

Trotzdem, erleichtert und fast fröhlich hat der Juppi sich dann auf den Heimweg gemacht. Einmal ist er sogar stehen geblieben, hat zwei kleinen Mädchen zugeschaut, die sich ein Himmel-und-Hölle-Gitter auf das Pflaster gekreidet haben. So dünne Beinchen, hat er gedacht, jetzt mithüpfen dürfen. Hat sich vorgestellt: seine stacheligen Bierflaschenwaden. Und Schneewittchen und sich auf einem Dampfer mit roten Schornsteinen und grüngestreiften Liegestühlen.

Irgendjemand hat dann den Fahrstuhl blockiert, als er zu Hause war. In der einen Hand die Einkäufe, in der anderen einen Papierknödel aus Werbezetteln, die er gerade aus dem Briefkasten gefischt hat. Gesungen hat es in seinem Kopf: Fei-erabend, es ist Fei erabend. Und: Schneewittchen war ein schönes Kind, schönes Kind... Hat sich in den Hüften zu wiegen begonnen, zu tänzeln. Erwies der blauen Aufzugstür seine Referenz. Bitte, mein Fräulein, seien Sie doch nicht immer so kalt und grausam...

Da reißt ein Henkel von der Tüte. Er erschrickt, will retten, wirft den Papierknödel auf den Boden, um beide Hände frei zu bekommen. Der zweite Henkel reißt. Er zieht den Kopf zwischen die Schultern. Eier platzen, das Gurkenglas zerklirrt, Bierbüchsen scheppern. Aber das Schlimmste: die Sahne ist wieder frei.

In diesem Moment hat sich die Aufzugstür geöffnet. Ein alter Herr trat heraus, mitten hinein in den schleimigen Schlenz. Vorsicht, hat der Juppi noch gerufen, hat zugegriffen, um den Taumelnden abzufangen. Der rudert mit den Armen, kämpft um sein Gleichgewicht und haut ihm dabei die Faust auf die Nase. Der Juppi ist mit blödem Blick dagestanden, hat mit den Tränen gekämpft. ?Ist was passiert?, hat er gestottert. Der alte Herr wischte, klopfte, wo er seinen Mantel berührt hat, dann schritt er in einer Wolke aus Geringschätzung zur Eingangstür.

Dem Juppi sein Nasenbein hat gepocht, ein Kloß steckte ihm im Hals, und vor der Fahrstuhltür die gefährliche Brühe. Die muß so schnell wie möglich weg, hat er gedacht, keine Frage. Aber wenn ich jetzt nach oben gehe, in der Zeit kann da unten ja weiß Gott was passieren. Er hat sich einen Achtjährigen von der Straße geholt, ihm eine Belohnung versprochen. Der Junge hat protestiert, er müsse das Geld gleich haben, weil, wenn er nicht mehr komme, wie stehe er dann da. Zuerst hat der Juppi gestutzt, dann hat er protestiert. An sowas habe gar er nie gedacht. Aber dann ist er ruhig geworden, hat sich gedacht, da hältst du jetzt besser den Mund, und hat dem kleinen Erpresser gegeben, was er in der Hosentasche noch gefunden hat. Was er befürchtet hat: als er wieder unten ankam, war und weit und breit kein Aufpasser mehr zu finden.

Auch zum Sauersein braucht es Energie. Der Juppi hat nichts mehr davon in sich gehabt. Wenn der Aufzug jetzt auch noch steckengeblieben und er ein paar Stunden festgesessen wäre, es hätte ihn nicht gewundert. Wenn schon morgens was schiefläuft, läuft es tagsüber vollends schief. Er hat sich zu früh gefreut. Es ist heute wie immer.

Er ist aber dann ohne Zwischenfall in seine Wohnung gelangt. Bloß dort, das war wie in ein tiefes, schwarzes Loch fallen. Jetzt mit einem allein sein, der immer alles verpatzt, nein, das hätte der Juppi jetzt nicht auch noch ertragen. Reden, sich Mut zu sich selber anreden, egal was und mit wem, nur Luft, Leute, Leben. Und dabei vergessen.

Zwei Stufen auf einmal ist er hinuntergesprungen auf seiner Flucht, und draußen, eine Fantadose auf dem Gehsteig, er kickt, kickt Wut, Enttäuschung, Verzweiflung, es hat genauso gescheppert, wie ihm zumute war. Erst vor dem Bierbauch hat er sein Opfer in Ruhe gelassen.

?Ah, der Juppi?, hat ihn die Katrin, die Wirtin, begrüßt. ?So früh schon heut??

Es war dem Juppi sein Gewittergesicht, das sie stumm gemacht hat. ?O o o?, sagte sie leise zu ihrem Mann, der mit auf dem Bauch gefalteten Händen neben ihr stand, und schlenkerte die Hand vor dem Gesicht. Und wie sie seinen Deckelsteinkrug vor ihn hingestellt hat, grantelte sie passend zu diesem Gesicht: ?Wohl bekomm's.? Weil, die Katrin ist eine gute Wirtin.

Dem Juppi war schon etwas schummrig, als der erste Stammtischgast eintraf. Emil, der pomadige Emil, der Angeber, der Schleimer. Der Emil ist zwanzig Jahre älter, hat aber noch genug Haare, um mit ihnen und viel Wichs dünne Stellen in der Frisur zu verkleistern. Sonst schon eine Provokation für den Juppi, aber heute besonders.

?Dich kann ich jetzt nicht auch noch ertragen?, hat er in seinen Krug hineingemault.

?Wie meinen Exzellenz?? Der Emil kann ein fürchterlicher Witzbold sein.

?Vergiß es.? Der Juppi hat seinen Krug geschnappt und ist aufgestanden. Neben der Tür zum Klo, gegenüber dem Eingang, gab es ein Tischchen, dauernd im Zug, ungemütlich, etwas anrüchig. Dorthin hat er sich verzogen. Der Emil hat ratlos zur Katrin hinübergeschaut. Die zog bloß die Schultern hoch, zeigte die leeren Handflächen. Pst, laß man gut sein.

Das Lokal füllte sich, und alle schienen Bescheid zu wissen. Die drinnen starrten heimlich, verstohlen auf den Juppi, guckten schnell weg, wenn er guckte, die von draußen herein brachten die Friedhofsmienen schon mit. Bedauern sollt ihr mich, hat die einsame Gestalt gefleht, betütteln, der Kare, die Katrin, ihr alle. Laßt mich zurück an den Stammtisch, was habe ich euch getan? Aber nur die Katrin kam ab und zu, weil sie mußte, denn der Juppi hat einen gewaltigen Durst entwickelt an diesem Abend.

Und gegrübelt hat er, dem Unterschied zwischen Kumpel und Freund nachgesonnen. Hier drinnen, hat er festgestellt, das können vielleicht Kumpels werden, mit denen kann man mal einen heben, aber der Kare ist ein echter Freund. Einmal zum Beispiel hat sich ein fremder Herr in den Bierbauch verirrt gehabt, und was für ein vornehmer gleich. Weißes Hemd, Krawatte, Anzug und bleich wie Kartoffelteig. Dreizehn Mann waren sie in der Kneipe gewesen, aber der Herr hat sie alle eingeladen. Dreimal. Das hat dem Juppi mächtig imponiert. Er hat sich mit ihm über die Schnapsstamperl weg gleich geduzt. Der Herr sagte, er mache ein Gesicht wie Jupiter, der alte Donnerer und Blitzeschleuderer. Der Juppi hat zwar gemerkt, daß der Kare in sich hineingekichert hat, aber er hat erst mitkichern können, wie der ihm erklärt hat, wer dieser Jupiter war. Und dann hat der Kare noch behauptet, der Herr habe Angst gehabt vor ihm, der habe gemeint, er müsse sich von hier loskaufen. Und so hat der Kare aus !

 dem Kasimir den Juppi gemacht.

Er hat nicht gemerkt, daß er vernehmlich in seinen Krug hineingezetert hat. Dem Kare verdanke ich viel, hat er gebrabbelt, aber heute morgen... Ich hätte ihn glattweg erwürgen können. Es ist immer stiller geworden im Lokal. Und allmählich hat es sich auch geleert. Er hat aber nicht mehr viel davon mitgekriegt, weil ihm irgendwann der Kopf auf die Tischplatte gesunken ist.

Der Kare ist tot, im Himmel, ein Engelein auf einer Wolke. Zieht mit ihr langsam über den Bierbauchstammtisch, den er, der Juppi, zäh gegen den pomadigen Emil verteidigt. Der Kare schwebt und wabert, er, der Juppi, kämpft und verteidigt, hin und her geht das Gewoge...

Plötzlich ist der Juppi aus seinem Traum gestoßen worden, weil ihn die Katrin bereits zum vierten Mal an der Schulter gerüttelt hat. ?Aufwachen, Juppi, es ist Zeit. Wir wollen ins Bett.?

Der Nachhauseweg hat sich gezogen, ewig und ewig, und einmal, als er eine Straße überquert hat, die er gar nicht hätte überqueren müssen, ist er fast in einen roten Daimler hineingerannt, die Stoßstange hat schon seine Hosenbeine berührt. Irgendwann hat er sein Bett doch noch gefunden, aber es hat sich fürchterlich schnell gedreht. Und die Morgensonne hat ihm nach der mühsamen Nacht rücksichtslos in die Augen gelangt. Der Kopf, der Bauch, sämtliches Gekröse, alles kaputt. Aber neben dem Stöhnen und Jammern ist dann doch Kraft genug übriggeblieben zum Grübeln. Ob er wohl am Montag schon wieder in der Lage sein würde, um sechs aufzustehen und zur Arbeit zu gehen?

Sie hat gereicht, die Kraft, natürlich, und kein Vorwurf in Richtung Kare, nicht mal die Nebenbeifrage Wo-warst-du. Nichts. Nur ein wenig maulfaul war er.

 

Und jetzt im kalten Novemberniesel geht ihm ein Licht auf. Daß er das so lange hat übersehen können. Das Mädchen von der Kasse, sein Schneewittchen von damals, ist niemand anders als die nackte Löwenreiterin. Deswegen ist der Traum von dem Tag an weggeblieben. Und plötzlich hat es der Juppi auch nicht länger geschafft, dort wegzuhören, wo er bisher weggehört hat: wenn er mehr als tausend Mark gewinne, hat sie gesagt, müsse er sie zum Essen einladen. Jetzt wird ihm auch klar, warum sie ausgerechnet auf einem Löwen reitet. Es gibt da nämlich ein Haus, ein Hotel zum Goldenen Löwen, das ist so... Ja, dem Juppi fällt keine andere Bezeichnung ein als supervornehm. Im Bierbauch gibt es grad mal Pommes oder einen belegtes Butterbrot und einen Automaten mit gesalzenen Erdnüssen. Aber da - uniformierte Kellner, Kerzen auf den Tischen, Silberbesteck. Die Speisekarte ist so lang wie die Bibel und die Preise so hoch wie die Wolken. Oft genug muß er daran vorbei, wenn er zur Arbeit geht o!

 der mit lahmem Kreuz abends heimschleicht, dann schwört er sich jedesmal, irgendwann werde er auch... Irgendwann. Und sieht sich sitzen in einer Fensternische, Kerzenschimmer, Mozartmusik, träumt vom Schmelz der Zweisamkeit, von Blicken voller Ich-und-Du...

Und jetzt ist Irgendwann. Wann sonst, wenn nicht jetzt? Noch nie war er seinen Träumen so nahe, dem im Wachen vom Goldenen Löwen nicht und dem anderen, der ihn einmal so geplagt hat, erst recht nicht. Und vielleicht auch Schneewittchen und dem Dampfer mit den roten Schornsteinen.

Doch plötzlich tauchen Zweifel auf, nagen, raspeln an den Träumen herum, vor allem an dem vom Ich-und-Du. Dem Juppi wird ganz heiß davon. Was ihr erzählen, wie sie unterhalten? Was braucht so ein Geschöpf? Was wird sie denken am Ende von dem Abend? Trottel? Depp? Idiot? Oder was noch Schlimmeres?

Und wenn er einfach nichts sagt? Schließlich, was einer nicht weiß... Sicher, versprochen ist versprochen.

Aber hat er eigentlich was versprochen? Gilt das, wenn sie was sagt und er nichts? Hätte er wenigstens gelacht damals, den Kopf geschüttelt. Und jetzt, dreitausend...

Es ist ein  Kampf der Vernunft gegen das Gefühl. Und er dauert. Er stolpert durch die Stadt, sieht nichts, hört nichts, steht bei Rot, geht bei Grün, alles geschieht automatisch, und wie die Straßen heißen, man hätte ihn nicht fragen dürfen.

Allmählich strampelt sich die Vernunft nach oben, bleibt Sieger. Denn wie kann einer etwas versprechen, wenn er nichts sagt? Wenn er nicht mal mehr richtig zuhört, was der Andere sagt?

Der Juppi hüpft wie ein Erstklässler, wenn er an seine geliebte Lehrerin denkt, hüpft sich seine Bedenken von der Seele. Nichts hat er versprochen, nichts, nichts, nichts. Gesehen hat er sie dort auch nie mehr. Vielleicht Aushilfe, vielleicht hat sie dort anfangen wollen und es dann doch nicht getan, vielleicht ist sie unter einen Lastwagen gekommen. Vielleicht, vielleicht, alles Mögliche ist möglich. Überhaupt, sagt er sich, kennen wollen würde sie mich sowieso nicht mehr.

Ein Kickern kommt ihm in den Hals, ein Gickeln und Strahlen ins Gesicht; die Freude am Leben langt nach ihm.

Eigentlich ganz schön blöd, denkt er, jetzt ist dieses Schneewittchen bloß noch eine Erinnerung und ein Flügelrauschen in der Luft, aber du rennst durch die Straßen, als ob der Leibhaftige hinter dir her wäre. Du hast dreitausend Mark gewonnen, Junge, niemand nimmt sie dir weg, du hast allen Grund zum Feiern. Und dreht um, weil er jetzt wieder weiß, wo er ist, und weil er jetzt in den Bierbauch gehen wird. Dort wird er sich ganz normal an den Stammtisch setzen, sich ganz normal unterhalten, wird sein Bierchen trinken und so tun, als sei dieser Tag einer wie alle anderen.

Schon an dem überschwenglichen ?Servus, Katrin, gut siehst du heut aus? hat die Bierbauchwirtin gemerkt, daß irgendwas nicht stimmt. Trotzdem geht sie auf seinen Ton ein. ?Na Juppi, bist heut wohl aus dem Bett gfallen, daß'd scho so früh dran bist??

Er grinst nur und zieht sich einen Stuhl unter den Hintern.

?Wie immer, Juppi??

?Klar doch, wie immer. Daß du da noch fragst.?

Der Kachelofen verbreitet eine milde Wärme, dem Juppi werden die Glieder schwer und das Gemüt leicht, er sitzt wie auf einer Wolke aus wattiger Behaglichkeit. Blickt mit Wohlgefallen herab auf die Katrin, die jetzt mit seinem Krug an den Stammtisch tritt.

?Zum Wohl, Herr Schnäbelli mit Doppel-El?, sagt sie freundlich, neckisch.

?Kommt der Kare heute??

?Bin i der liebe Gott? I verabred mi net mit meine Gäst, die kommen scho von allein.?

Denn dem Kare allein wird er es sagen, muß er es sagen. Das Gesicht, der offene Mund, die Augen... Schon die Vorstellung ist ein Genuß.

?Ach, und Katrin, bringst du mir noch die Zigarrenkiste zur Feier des Tages? Aber die mit den ganz teuren, wenn's geht.?

?Juppi!? Sogar der Mann von der Katrin, der sonst immer ziemlich tranig hinter der Theke herumsteht, fährt zusammen bei diesem Ausruf. ?Was feierst denn, Herr Schnäbelli mit Doppel-El? Hast wohl im Lotto gwonnen??

Hättest du wohl gern, denkt der Juppi. Lacht: ?Warm, Katrin, schon ziemlich heiß sogar. Aber jetzt sei mal nicht so neugierig. Bring einfach die Zigarren und laß gut sein.?

Da geht die Tür auf, aber es ist nicht der Kare. Es ist der pomadige Emil. Er setzt sich ihm gegenüber, faßt den Juppi ins Auge und fährt sich mit den Fingern durch die Haarpracht. Doch der, Glatzkopf, der er ist, läßt sich heute durch sowas nicht provozieren. Fragt bloß:

?Na, Emil, geht's dir gut??

Es gerät denn auch etwas mühsam, das Strahlen, hinter dem der Emil seine Verblüffung verbirgt. ?Klar doch, mir geht's immer gut.?

?Schön für dich.?

Doch bevor die Unterhaltung ausufert, kommt die Katrin mit den Zigarren. Das ist jetzt eine Provokation andersrum. Der Emil ist nämlich Nichtraucher, er besteht darauf, Zigarrengestank sei schlimmer als ein Reißnagel im Hintern. Mißtrauen kommt in seinen Blick, Entsetzen, flackert schließlich zur Katrin, zum Kistchen, zum Juppi und zurück.

Der sucht sich die teuerste Zigarre aus, eine Sumatra. Genießerisch zieht er sie unter der Nase vorbei und schaut dabei den Emil fest an. Na, jetzt geh doch endlich, heißt das. Aber statt zu gehen, bestellt der Emil, auch er wie immer, auch er hat hier sowas wie Heimatrecht.

?Und bring auch die Knipsmaschine mit?, ruft der Juppi der Bierbauchwirtin nach.

?Seit wann rauchst du Zigarren??

?Bloß soviel, Emil: Es gibt Dinge zwischen Himmel und Erde, die verstehst du nicht. Und mir ist heute so ein Ding über den Weg gelaufen.?

Wieder fährt sich der Emil durch die Haare. Er will noch nicht aufgeben.

?Wie ist das für einen Zigarettenraucher, so eine Zigarre??

Der Juppi überlegt kurz, grinst, taxiert sein Gegenüber. Dann sagt er bedächtig:

?Das ist wie so ein innerliches Skalpiertwerden. Aber es ist bloß schlimm für einen, der seinen Skalp noch hat.?

Die Katrin kommt. Vor den Emil stellt sie eine Bierflasche auf den Tisch, der Juppi bekommt seine Knipsmaschine.

?Mach du das, du kannst das besser?, sagt der und hält ihr den Zigarrenabschneider samt Zigarre hin. Die Katrin knipst, ihre beiden Gäste schauen zu, der eine nicht sehr begeistert, der andere voller Erwartung.

?Richtig, Dinge gibt es zwischen Himmel und Erde, die versteht niemand?, sagt der Juppi bedächtig, bevor er die edle Sumatra in den Mund steckt. Die Katrin gibt ihm Feuer, stilecht mit einem Streichholz. Der Emil sitzt und schaut mißmutig, wie die Flamme auf- und abhüpft und sein Gegenüber die Rauchwolken an der Zigarre vorbei über den Tisch pafft. Das Schmunzeln um der Katrin ihren Mund, als sie wieder zur Theke geht, bemerken beide nicht.

Betretenes Einander-Anschweigen. Der Emil galoppiert mit den Fingern über seine Bierflasche, der Juppi genießt, zwischen ihnen entschweben dicke Wolken zur Lampe.

?Wie gesagt, du verstehst das einfach nicht?, sagt der Juppi, und keiner weiß so recht, was er damit meint.

Weiterschweigen.

Emil: ?Schmeckt die Zigarre??

Juppi: ?Wie kommst du denn darauf??

Emil: ?Hoffentlich wird's dir sauschlecht davon.?

?Danke gleichfalls.?

Der Juppi grinst, der Emil hüstelt.

?Du verstehst's ja selber nicht.?

?Dann erklär's mir halt.?

?Was??

?Was?! Was ich nicht versteh natürlich.?

?Wie alt bist du jetzt??

?Lenk nicht ab. Was versteh ich nicht??

?Daß der Klügere nachgibt. Gehab dich wohl, Herr Juppi.?

Damit steht der Emil auf, obwohl seine Flasche noch fast voll ist.

Na also, denkt der Juppi. Bloß, jetzt hat er zwar schon wieder gewonnen, aber so recht dran freuen kann sich auch diesmal nicht. Weil, vielleicht wäre das Gezerfe mit dem pomadigen Emil ja immer noch besser gewesen als alleine hier rumzusitzen.

Und sitzt und wartet. Es kommt aber keiner.

Vielleicht ist der Juppi deswegen auf die Idee gekommen: morgen, Samstag, Goldener Löwe. Mit einem Basta dahinter so stur wie der Watzmann. Ob mit oder ohne Schneewittchen. Selber schuld, wenn sie nicht Ja sagt. Das Geld wird er sich aus seiner Spardose vorschießen, der Gewinn wird sie wieder auffüllen.

Er freut sich wie ein Kind, das zur Oma nach Hamburg darf. Aber da ist auch eine kleine Gänsehaut wie bei jedem Abenteuer. Man weiß halt nie, was dabei herauskommt. Und noch etwas, der Goldene Löwe ist nicht der Bierbauch, er hat weder Anzug noch Krawatte. Er muß sich entscheiden: kaufen oder pumpen. Denn ohne, unmöglich. Der Kare hätte sicher einen. Und die richtige Größe auch. Und hergeben, für einmal, keine Frage. Der Kare ist sein Freund, wird schon noch kommen.

Er wartet. Rutscht auf dem Stuhl herum. Die Minuten gerinnen zu Ewigkeiten. Aber die Tür bleibt zu. Wer geht bei dem Wetter schon aus dem Haus, wenn er nicht muß?

Er wird der anderen Seite eine Chance einräumen, eine halbe Stunde.

Die halbe Stunde vergeht. Kein Kare. Überhaupt niemand. Er verlängert um fünfzehn Minuten. Verlängert ein zweites, ein drittes Mal...

Was kostet so ein Anzug? Drei Hunderter, fünf? Haben täte er die schon... Aber fünf Hunderter, für nichts und wieder nichts. Weil, einmal ist wie nichts...

Aber vielleicht geh ich ja dann öfter so wo hin, Konzert, Theater. Weiß man's?

Bis obenhin voller Vorsätze trinkt er aus, und die letzten Tropfen, die ihm durch die Kehle rinnen, bringen auch die rettende Idee mit.

Er winkt die Katrin heran. Ob sie einen Moment Zeit habe. Und deutet auf den Stuhl gegenüber.

?Aber nur für ein Momenterl. Und weil du's bist, Juppi. Also, was hast auf'm Herzen??

?Dein Mann, was tut der eigentlich so den ganzen Tag??

?Was kümmert\'s dich?, fährt ihn die Katrin an, will schon wieder aufstehen.

?Schon gut, Katrin, geht mich nichts an, aber sag, eigentlich geht er doch eher selten aus. Ich mein so richtig, Anzug, weißes Hemd und so??

?Kaum.? Sie bleibt mißtrauisch.

?Aber er könnte doch? Er hat doch sowas? Anzug, Krawatte, was man halt so braucht.?

?Was willst, Juppi? Sag, was'd willst und stiehl mir net die Zeit.?

?Also, die Sache ist nämlich die?, druckst er herum, ?ich hab gedacht, weil doch er und ich... Ich meine, er ist vielleicht ein bißchen größer als ich, auch da rum? - und deutet auf seinen Bauch - ?möglicherweise ein wenig mehr, aber so im Großen und Ganzen haben wir doch die gleiche Figur. Könnte man doch so sagen.?

Die Katrin schweigt, blickt ihm erwartungsvoll ins Gesicht.

?Also, verstehst du, ich will dir nicht... - Oder deinem Mann... Zu nahe, nie. Dasmußtdumirglauben. Es ist nur so, daß ich...?

?Wie lang kommst jetzt scho zu uns, Juppi??, unterbricht die Katrin.

?Lang schon, sechs, sieben Jahre...?

?Warum sagst dann net einfach, was'd mogst? Wenn'd einen Anzug brauchst, dann brauchst halt einen Anzug. I will net wissen, warum. Is doch so? Oder net??

Der Juppi nickt, wird noch verlegener, aber seine Anspannung legt sich allmählich.

?Willst selber mit ihm sprechen??

Der Juppi stiert in seinen leeren Krug. ?Ich - ich weiß nicht recht. Kannst nicht du - ich meine, es wäre vielleicht besser...?

?Klar, Juppi, versteh scho. Bloß eins muß i jetzt doch wissen: Beerdigung oder Hochzeit??

?Eigentlich eher Hochzeit...?

?Soso, Hochzeit. Daß mir aber hernach keine Klagen kommen, junger Mann.? Sie fuchtelt ihm mit dem Zeigefinger vor der Nase herum.

?Ach, und Katrin, da ist noch was.?

Das Blut schießt ihm ins Gesicht. Sie blickt ihn erwartungsvoll an.

?Ich hab mein Geld vergessen. Kannst du... Morgen, bestimmt...?

?Scho wieder der Job weg??

?Neinein, bloß heute. Katrin, bestimmt...?

Steht auf und sagt: ?Juppi, was redst denn dann daher. Und jetzt muß i mi wieder um meine andern Gäst kümmern.?

 

In der Nacht schläft er kaum. Aufregung, Erwartung, Grüblereien halten ihn wach. Schneewittchen und er, er und Schneewittchen, toll und schrecklich zugleich. Er muß das klären. Morgen. Heute. Denn sonst kommt vielleicht jener Löwentraum wieder.

Am nächsten Morgen ab halb acht beobachtet er aus sicherer Entfernung den Personaleingang vom Dezi-Markt. In ihm kämpfen das Verlangen nach Schneewittchen und die Hoffnung, sie möge nicht mehr verfügbar sein. Später geht er sogar hinein, wagt sich vor bis zum Eulengesicht. Schneewittchen heiße Felicitas Nebbich, erfährt er, habe hier eine Lehre anfangen wollen, sei aber nur einmal erschienen. Mehr könne man ihm nicht sagen.

Lachen? Weinen? Sich ärgern? Die Feuchtigkeit von oben nicht beachtend, flaniert der Juppi durchs Städtchen, hört frierend einem frierenden Straßenmusikanten zu und spendiert ihm eine Mark. Er hat getan, was seine Redlichkeit von ihm verlangt hat. Jetzt ist er wirklich frei. Doch plötzlich überfällt ihn die Angst vor der eigenen Courage. Werden mich die Leute dort auch nicht auslachen? Die sehen doch gleich, was ich für einer bin. Weil, meine Hände, die sind rauh wie Schmirgelpapier. Und die schwarzen Ränder unter den Nägeln. Aber zurück, das geht nun auch nicht mehr. Der Anzug, die Andeutungen, die Zigarre gestern abend, irgendwann wird er das der Katrin erklären müssen.

Am Nachmittag ist er in den Bierbauch gegangen, hat seine Schulden bezahlt und den Anzug nebst Krawatte in Empfang genommen, sandfarben der eine und schwarz-rot-gelb gestreift die andere. Daß es vielleicht ganz gut wäre, alles gleich an Ort und Stelle anzuprobieren, davon hat ihn die Katrin nicht überzeugen können, obwohl sie ihm mehrmals versichert hat, sie würde sich auch ganz bestimmt umdrehen.

Also Premiere zwischen den eigenen vier Wänden. Dabei stellt sich heraus: die Hose ist etwas kurz, das Jackett um den Bauch herum etwas weit, und die Ärmel hören an den Handgelenken auf. In seinem vespertellergroßen Rasierspiegel sieht er bloß Einzelteile, alle pickelgenau vergrößert, den Adamsapfel, den Krawattenknoten, vielleicht noch den obersten Knopf und - wenn er sich bückt und verrenkt - auch die Gürtelschnalle oder das Knie. Ganz schön schwierig, sich so zu gefallen, denkt er und stellt sich zum tausendsten Mal die Frage: warum kann ich heute nicht an den Stammtisch gehen wie sonst auch? Aber er findet auch diesmal keine Antwort. Dabei ist es nicht mal so sehr der Anzug selber, in dem er sich nicht so recht hat wohlfühlen können, es ist eher die Botschaft, die so ein Bügelfaltenwichs transportiert.

Noch fast drei Stunden. Er wirft sich aufs Sofa, springt auf, schaltet das Radio ein, es kommt nichts, was er jetzt ertragen könnte, rückt am einzigen Stuhl, dem Tisch, ärgert sich über das Durcheinander aus Rechnungen, Kassenzetteln, Marmeladeglas und Senftube darauf, kneift ein Auge zu, schiebt, klopft, prüft, kneift wieder, flucht, weil ihm das Chaos unter seinen Zappelfingern noch chaotischer gerät. Es ist denn auch so eine Art Flucht, als er kurz vor sieben die Treppe hinunterstürmt.

Dem Juppi steht der Atem vor dem Mund, die Hände hat er tief in den Taschen von seinem Bundeswehrparka vergraben. Auf dem Weg muß er immer wieder in die Hosentasche greifen, die drei Hunderter befingern, die er lose und lässig dort hineingesteckt hat, muß sich mit ihrer Griffigkeit Mut machen, sich an ihrem dezenten Rascheln Kraft holen.

Die weiße Schürze des Pappkochs leuchtet ihm schon von weitem durch die Dunkelheit entgegen, und in dem Moment gehen auch die beiden Strahler an, die auf den Bronzelöwen über der Tür gerichtet sind. Spät heute, denkt er, aber ein Vorzeichen, ein Willkommen, so gehört sich das. Und dann holt er noch einmal tief Luft und setzt zum ersten Mal in seinem Leben seinen Fuß auf und über die Schwelle vom Goldenen Löwen.

Fast ehrfürchtig bleibt er an der Tür stehen. Alles ist wahr, was er je von außen gesehen hat. Auch die Mozartmusik, die er sich vorgestellt hat, ist da, leise, unaufdringlich, die heimeligen Nischen, die Kerzenständer.

An der Theke lehnen zwei Kellner, die offenbar über irgendwas nicht einer Meinung sind, ein dritter sitzt schräg obendrauf und fuchtelt mit den Händen. Alle sind gleich gekleidet: weißes Hemd, weinrote Fliege, ebensolche Hose mit schwarzglänzenden Seitenstreifen. Jählings bricht man ab, man schweigt, man lächelt, nickt einladend dem ersten Gast zu. Einen Moment lang muß sich der Juppi gegen den Eindruck wehren, als hätten sie über ihn gespottet, als hätten sie sich gerade gestritten, wer ihn bedienen müsse.

Und dann fällt sie mit Wucht über ihn her, die Panik, die Not, auf der Stelle umdrehen, abhauen zu müssen, und die Verzweiflung, es nicht mehr zu können. Was hat er hier verloren, wem will er was beweisen?

Einer der Kellner eilt dienstfertig auf ihn zu, nimmt ihm den Parka ab. ?Der Herr ist allein??, säuselt er, und als der nickt, geleitet er ihn in den Gastraum. Der Juppi hört die eigenen Schritte nicht, ein dicker Teppich sorgt dafür. Er hört nur die des Kellners vor ihm. Ein rhythmisches Ächzen, ein verhaltenes Vor-sich-Hinknarzen. Der hat seine Schuhe gestohlen, hat er als Kind gelernt. Ein blödsinniger Spruch, aber sofort bekommt der Kellnerrücken etwas Verwerfliches, etwas Dämonisches sogar.

Der Mann führt ihn zu einem kleinen Tischchen mitten im Lokal. Ein vielarmiger Kristallüster hängt darüber. ?Tut mir leid, mein Herr, alle anderen Tische sind reserviert.? 

Der Juppi zögert, öffnet den Mund, schluckt. Was soll er machen? Protestieren? Sich gleich am Anfang unbeliebt machen? Er setzt sich brav auf den Stuhl, den ihm der Kellner hinschiebt, zupft an den fremden Jackenärmeln, fingert an den Knöpfen herum, rutscht auf dem Stuhl hin und her, und schließlich landet seine Hand wieder bei den Geldscheinen in der Tasche. Das beruhigt, macht Mut. Dann eben kein Nischenplatz am Fenster. Daß der Kellner grinst und seinen Kollegen zuzwinkert, während er schuheknarzend zur Theke zurückgeht, das kann er nicht sehen.

Schon wieder das Ächzen. Wächst auf ihn zu, wird rasch mächtiger. Der Juppi duckt sich, wehrt sich gegen den Impuls, aufzuspringen und aus dem Lokal zu stürmen. Er schließt die Augen, traut sich erst wieder ans Licht, als das Geräusch neben ihm verstummt.

Der Kellner legt zwei in Leder gebundene Mappen vor ihn hin. ?Einen Aperitif, der Herr??

Der Juppi schweigt.

?Einen kleinen Sherry vielleicht? Oder einen Campari, einen Pernod??

Der Juppi schweigt. Wozu einen Aperitif? Und was ist das eigentlich?

?Ein Bier, bitte. Ein großes.?

?Tut mir leid, mein Herr, um diese Zeit schenken wir nur noch Weine aus.? Der Kellner rückt ihm die Getränkekarte zurecht, schlägt sie auf. ?Wenn Sie bitte wählen wollen.?

Damit hat der Juppi nicht gerechnet. Der Kellner ist neben ihm, er sieht ihn nur aus den Augenwinkeln, aber er fühlt sich in seine Gegenwart eingerollt wie in einen stickigen, staubigen Fußabtreter.

Er starrt auf die Buchstaben und versucht zu begreifen. Riesling, Ruländer, Eiswein, leicht moussierend, erdig, blumig.

?Dann nehme ich ein Viertel Haustrunk weiß?, sagt er zaghaft.

?Sehr wohl, der Herr. Sie haben gut gewählt, wenn ich mir die Bemerkung erlauben darf.?

Das Ächzen entfernt sich, die Teppichumarmung lockert sich. Der Juppi ärgert sich über sich. Wahrscheinlich stören den guten Mann die Dinger genauso, überlegt er, streckt die Beine aus und langt wieder in die Hosentasche, betastet die drei Hunderter, rollt sie zusammen, knickt sie, läßt die Finger mit ihnen sprechen. Manche Träume erfüllen sich eben etwas anders, als man sich das vorstellt...

Da springt ihm das verhaßte Geräusch abermals ins Genick. Er verfolgt den Weg des Kellners mit den Ohren. Auf einem silbernen Tablett serviert dieser dem Gast die Karaffe mit dem Haustrunk. Stellt ein Körbchen mit Weißbrot und ein Schälchen mit einer Butterlocke dazu. Schenkt ein, vornehm wenig, und steht und wartet.

Der Juppi sitzt, als ob er einen Besenstiel verschluckt hätte.

?Hat der Herr schon gewählt??

?Noch nicht.?

?Wir empfehlen heute unser Menü eins. Eine Zwiebelsuppe mit Croutons und einem Sahnehäubchen, Entrecote mit Petersilienkartöffelchen auf Buttererbsen und als Dessert Vanilleeis mit heißen Himbeeren.?

?Ja, bitte.?

?Sehr wohl. Wünschen der Herr ein Entree??

Der Juppi will den Mann jetzt nur noch loswerden. Nur mühsam bringt er ein ?Danke nein? zustande.

Doch der Kellner weicht ihm nicht von der Seite. Hat diesmal auch keine Empfehlung. Dafür stürzt er den Gast in noch tiefere Tiefen: Wenn er sich eine Bemerkung erlauben dürfe, sagt er, allein schon die Vorstellung, zu einem Entrecote einen Weißwein zu trinken, tue ihm weh. Ob er dem Herrn nicht vielleicht einen Roten bringen dürfe?

Zitternd greift der Juppi nach der Getränkekarte, hechelt über die Seiten, nimmt den, der ganz oben steht: ?Hex von Dasenstein?, und kleiner darunter: ?samtig, süffig, lieblich.? Erleichtert bestellt er einen Viertelliter davon.

Das Knarzen entfernt sich, verstummt. Der Juppi sitzt wie auf einer heißen Herdplatte, kocht vor Wut, er möchte rasen, schreien, toben, allen Leuten ein ?Nicht mit mir!? an den Kopf schleudern. Aber er tut es nicht, er muß alles hinunterschlucken. Er sitzt, wartet und lauert dem Knarzen der gestohlenen Schuhe entgegen. Verkeilt und verliert sich so im Lauern, daß er den Kellner erst bemerkt, als der ihm den Rotwein serviert.

Er nippt vornehm am Glas, nickt und bemüht sich um Herablassung. Was geht ihn dieser Schuheklauer an? Ich bin doch hier der Kunde, sagt er sich, der Mann lebt schließlich von meinem Geld. Überhaupt, warum erlaubt er diesem Herrn, ihn derart aus der Fassung zu bringen? Und langt in die Tasche, knistert sich mit den Scheinen neuen Mut zu.

?Ich wünsche dem Herrn einen guten Appetit?, sagt der Kellner, als er ihm in einem zierlichen Tässchen die Zwiebelsuppe mit dem Sahnehäubchen obendrauf serviert. Und knarzt zur Theke zurück. Wieder hat ihn der Juppi nicht gehört. Dafür hat er etwas anderes gehört: die Geringschätzung, mit der dieser seinen Wunsch vorgebracht hat.

Die Suppe dampft, sie ist heiß. Ihm wird nicht nur warm um die Nase, ihm wird auch warm ums Herz. Er beschließt, sich über sowas nicht mehr zu ärgern oder sich den Abend vermiesen zu lassen. Soll doch denken, was er will, was kümmert\'s mich? Er schiebt mit dem Löffel das Sahnehäubchen beiseite und beginnt zu esse       n.FasthätteersichdieZungeverbrannt. Und während er bläst und ißt, muß er unwillkürlich grinsen. Zwiebelsuppe a lá Madame Pompadour. Und jetzt sitzt er richtig hier und löffelt. Sogar Sahne ist da. Was für Klimmzüge das Schicksal manchmal doch macht.

Da wird ihm die Nase feucht. Er fühlt ein Rinnen in ihr, ein sich Sammeln. Ein Tröpfchen entsteht, schwillt an zum Tropfen, an dem die Schwerkraft zerrt wie an allem Lebendigen. Die Löffelbewegungen werden langsamer. Schließlich legt er ihn ganz weg, wirft ihn geradezu neben den Teller, fährt in die Hosentasche. Links, rechts. Die Scheine, Feuerzeug, ein alter Kassenzettel... Er patscht auf der Jacke herum. Nirgends ein Taschentuch. Panik überkommt ihn, preßt ihm das Blut in den Kopf. Heiß wird ihm, immer heißer. Er springt auf, sein Stuhl kippelt bedenklich. Das vieldeutige Grinsen der Kellner. Er zwingt sich zur Ruhe, als er an ihnen vorbei auf die Tür mit der Aufschrift ?Zu den Toiletten? hastet.

Lange Gänge empfangen ihn, ein Zigarettenautomat, viele Türen, Treppen nach oben, nach unten. Der Goldene Löwe ist ein großes Haus. Er zerstört den Tropfen mit der Hand, aber hochziehen wie zu Hause, nein, man wird ihn noch hören, man wird denken, wo haben sie denn den losgelassen. Küche, liest er, Privat, Privat... Wo ist dieses verdammte Örtchen?

Da öffnet sich ächzend eine der Türen. Straßenlärm dringt herein. Eine junge Frau, die vielleicht jetzt ihren Küchendienst antritt. Der Juppi stutzt, stockt, glotzt sie an wie eine Marienerscheinung.

Die Frau kapiert sofort. "Sie müssen einen Stock tiefer", sagt sie freundlich und deutet auf den dicken Pfeil nach unten.

Doch der kümmert den Juppi plötzlich nicht mehr. Seine Augen werden groß und größer. Sie trägt jetzt zwar einen Bubikopf, aber nachtschwarz ist er immer noch, er ist sich ganz sicher. Schließlich hat er seit damals immer wieder in der Erinnerung an die stillen Waldteiche geschwelgt, der Wärme ihrer Hand auf der seinen nachgespürt, das Gesichtchen herbeigerufen. Sein Mund öffnet sich, sie erwartet, daß er was sagt, aber es kommt nichts.

"Kann ich sonst noch was für Sie..?"

Der Juppi unterbricht sie, er hat ihre Worte nicht einmal wahrgenommen. Seine Stimme klingt rauh und gequetscht:

"Ich... ich kenne dich."

Das Gesicht der jungen Frau verdüstert sich.

"Also, wenn das so ist, dann tschüß", sagt sie und wendet sich der Küchentür zu.

"Bittebitte...", stammelt der Juppi, und: "Neinein...", wehrt er sich, versucht zu erklären. "Dezi-Markt... Damals..."

"Ach das. Hab ich längst abgehakt. Bin doch nicht meschugge und mach für andere Leute die Putze, wenn die zu blöd sind, ihre Sahne heil bis an die Kasse zu bringen." Öffnet die Tür und ist weg.

Der Juppi hat es jetzt gar nicht mehr eilig. Bedächtig steigt er die Treppe hinunter. Jede Stufe eine Silbe: Zu blöd, ih-re Sah-ne heil bis an die Kas-se zu. Dann ist er unten, aber er hat verstanden.

Alles blitzt hier, blinkt, man hätte aus den Waschbecken essen können. Der geflieste Boden, die Wände leuchten wie ein Sonnenaufgang, zwischen ihnen schwebt dieselbe Musik wie im Lokal. Und Schneewittchen schießt auf ihn: Blöd, blöd, blöd...

Erst verhalten, zögernd fängt er zu schniefen an, dann rotzelt er rücksichtslos und tränenblind in den Raum hinein, es ist ein Grollen von ganz unten aus der großen Zehe, beladen mit all seiner Enttäuschung, seiner Wut und der Verbissenheit, mit der er versucht, dieses Wörtchen samt seiner Urheberin aus seinem Kopf zu verbannen.

Da hört er oben wieder die Tür quietschen, hört, wie sie zufällt, und Schritte, die irgendwo im Haus verhallen. Er hält den Atem an. Wartet. Eine Minute, zwei. Alles an ihm flattert, aber der Kopf ist seltsam leer. Plötzlich kommt Leben in ihn, plötzlich ist er die Treppe oben, drückt eine Messingklinke nieder, saugt die frische Luft ein.

Und hinter ihm klackt die Tür ins Schloß.

Mit der Kälte, die langsam an ihm hochfingert, sickert auch die Erkenntnis in sein Bewußtsein, daß sie ein Schnappschloß hat und er keinen Schüssel, daß er jetzt ein Zechpreller ist, ein hinterhältiger Betrüger, der es vielleicht bald mit der Polizei zu tun kriegt.

Er marschiert los, was hätte er sonst tun sollen, stakst steifbeinig, von innen und außen durchgefrostet, durch die Dunkelheit. Verzweiflung und Angst weisen ihm den Weg.

Als er die Tür zum Bierbauch aufdrückt, zögerlich, fremdelnd, ganz anders als sonst, wird es im Lokal plötzlich ganz still.

 


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©Manfred Ulrich
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