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Tiefdruckgebiet

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Kurzromane

 

Tiefdruckgebiet erzählt die Geschichte eines TeenagerMädchens welche aus dem behüteten Umfeld mit der Familie in eine feindselige Gegend ziehen muss.
Sie kann sich nichts und niemanden zum Freund machen und verzweifelt daran. Schließlich beschließt Sie, ihrem Leben ein Ende setzen...

 
 

Tiefdruckgebiet


von Katharina Elkner

Es ist Sommer. Ich bin vierzehn Jahre alt,  sitze in einem roten Sportcabriolet und werde durch eine kleine Stadt am Niederrhein chauffiert. Die Sonne scheint und der Wind ist lau.  Nichts könnte herrlicher sein.
Neben mir lenkt eine blonde Dame mittleren Alters den Wagen. Ihre Haare sind locker zu einer Hochfrisur gesteckt. Ein weißes Seidentuch schützt die Frisur vor Wind und Sonne. Ihr Kleid, ein Traum aus roter Seide mit schmaler Taille und schwingendem Rock konkurriert mit der Wagenfarbe. Der dünne Stoff flattert im Windzug des fahrenden Wagens. Ich schaue aus dem Fenster und genieße die Fahrt. Der  Sommerwind spielt mit meinem Haar.  Die Straße führt von unserem Vorort in die Stadtmitte. Manchmal holpert der Wagen über Kopfsteinpflaster. Die Bahnschranke am Bahnübergang ist herunter gelassen und wir müssen warten bis der Zug laut ratternd vorübergerollt ist. Dann fliegen wieder die Häuser der kleinen Stadt an uns vorbei. Mal in dunkelrotem Ziegelkleid, mal verputzt und gestrichen, manche eng aneinander gekuschelt und dann wieder protzig in großen Gärten. Gleich darauf eine Fabrikmauer aus rotem Ziegel. Sie will kein Ende nehmen und hat weder Tür noch Fenster.
Ich drücke mich in die Polster. Ja, so könnte es immer sein, das Leben. Statt Schule und Vokabeln lernen in einem schicken Wagen durch die Welt brausen.
Meine Fahrerin, die den Wagen ohne Anstrengung mit ruhiger Hand durch den städtischen Verkehr lenkt spricht über ihr Lieblingsthema: Schönheit, eine schlanke Taille und über die Schwierigkeiten diese in Perfektion zu erlangen und dann auch noch zu erhalten.
"Glaubste, da gehst Du mal richtig aufs Klo und denkst, na jetzt ist ordentlich was weg und dann steigst Du auf die Waage und was is? Nichts! Noch nicht mal hundert Gramm. Ich versteh es nicht. Um jeden Bissen mache ich einen Bogen  und trotzdem werde ich immer dicker. Ich bin es leid, ich weiß nicht mehr was ich machen soll. Geht es Dir auch so?"
Ich bin in der Pubertät. Meine Mutter stöhnt bei meinem Anblick. Meine Figur ist ihr Fleisch gewordener Alptraum. Sie war sich sicher, nie ein dickes Kind in die Welt zu setzen, denn in ihrer Familie sind alle Mitglieder zwar klein aber von schlanker Statur und somit alle Voraussetzungen für perfekt geformten Nachwuchs gegeben. Doch hatte sie bei ihrer Partnerwahl nicht aufgepasst, denn die  neue Verwandtschaft neigte zur Fülle. In den schmalen Jahren nach dem Krieg wurde manches Kleid zu weit. Da ahnte man nicht, welche Leibesfülle sich bei ausreichender Ernährung ergeben könnte.
Mein Vater, groß, mit dunklem, leicht gelocktem Haar, langen Beine und mit Verstand und Vitalität gesegnet, war ein attraktives Exemplar seiner Gattung. Damit will ich nicht sagen, dass er es heute nicht mehr ist, aber es haben sich etliche Lebensjahre seit dieser Einschätzung auf Haupt und Hüfte gelegt, was ihn reifer und weniger frisch erscheinen lässt.
Meine Eltern lernten sich beim Tanzen kennen. Nach der Arbeit tranken mein Vater und sein bester Freund Kurt gerne ein Glas zur Entspannung. Vater machte eine Lehre zum Bankkaufmann und Kurt hatte sich gerade als Handwerker selbstständig gemacht. Bei beiden herrschte ständig Ebbe im Portemonnaie.
 Wie immer bestellten sie beim Betreten des Tanzlokals mit großer Geste zur Bedienung hin: "Zwei Gin und zwei Wasser", und glucksten freudig über diese weise Entscheidung. Mit dem Wasser ließ sich der Gin immer wieder verdünnen und so reichte eine Bestellung für mehrere Gläser, ohne dass es den Geldbeutel strapazierte.
Meine Mutter, schlank und agil, mit dunklem, halblangem Haar,  betrat das Tanzlokal schüchtern hinter ihrer Freundin. Hier war sie noch nie gewesen, und eigentlich ging sie nur als Begleitung der Freundin mit. Lust hatte sie keine, denn sie war hundemüde. Der Nachtdienst der letzten Tage im Fernamt der Post hatte sie total ausgelaugt. Sie ließen sich an einem Tisch in der hintersten Ecke nieder und wollten erst einmal das Geschehen beobachten. Die beiden jungen Männer hatten die Mädchen sofort im Visier und forderten sie gleich zum Tanz auf. Auf den ersten Blick war es  um meinen Vater geschehen.
Für seine Ausbildung zum Bankkaufmann war er gleich nach dem Krieg vom märkischen Dorf in die Großstadt gekommen und lernte dort noch größeren Mangel als zu Hause kennen. Sein Arbeitsplatz war eine angesehene Privatbank die ihre Angestellten knapp hielt. Das Geld reichte hinten und vorne nicht. Manche Woche gab es zu jeder Mahlzeit nur Brot mit Rübensirup. Seine Mutter schickte Pakete aus der Provinz mit guten Sachen, Speck, Wurst und Kuchen, aber der Hunger war groß und der Inhalt der Pakete schnell verzehrt. Später, als die guten Jahre begannen mit dickem Geldbeutel und Auto, da hatte er, wie seine Mutter auch, gegen überflüssige Pfunde zu kämpfen.
Folglich neige ich auch zur Fülle. Meine Schwester, drei Jahre jünger als ich, hat die schlanke Linie der mütterlichen Seite geerbt. Schon als kleines Mädchen wurde ich dem Kinderarzt  vorgestellt vorgestellt unter besonderer Berücksichtigung meiner Figur. Zu ihrem Entsetzen bestätigte er Mutters Verdacht:
"Das Kind hat eine langsame Verdauung. Da kann man nicht viel machen, das ist Veranlagung. Geben Sie ihr nicht zu viel zu trinken, das macht erst recht dick."
Beunruhigt schob meine Mutter den Kinderwagen nach Hause. Sie war sich sicher alle modernen Ernährungsratschläge zu beherzigen die ein Kind schlank und attraktiv ins Leben entlassen sollen, trotzdem blieb ich rund. "Rund", so wird mein Zustand genannt. Nein, dick ist was anderes: Ekel erregend, wabbelig, teigig. Das bin ich auf keinen Fall. Überall ist einfach nur ein bisschen zu viel dran, eben rund.
Tief in Mutter drin nagte das Wissen um ein Versäumnis, dessen Fehlerhaftigkeit der Kinderarzt nie ganz ausräumen konnte. In einer klugen Illustrierten, die über Kindererziehung philosophierte, von Mutter kurz nach meiner Geburt gelesen, wurde die Meinung vertreten nur ein Kindermädchen könne bei Erziehungs- und Ernährungsproblemen Abhilfe schaffen. Tatsächlich?  Sie war sich sicher: das ist die Lösung. Aber wo sollte sie ein Mädchen hernehmen? Und wo sollte es in der Dachwohnung wohnen? Mein Vater verdiente gut, aber ein Kindermädchen? Das ging nun doch zu weit. Wofür ging er täglich ins Büro und arbeitete mehr als erwartet wurde? Damit sich seine Frau um Haus und Hof und Kinder kümmern konnte, ohne finanziellen Engpässe. So war es Brauch. Ein Kindermädchen überstieg dann doch seine Möglichkeiten.
Diese Problematik beschäftigte meine Mutter sehr und Jahre später wurde meinem Vater dieses Versäumnis noch unter die Nase gerieben wenn es um mein Versagen in der Schule oder meine Figur ging. Er hatte, als ich ein Kleinkind war, nicht die nötigen Mittel für ein Kindermädchen  zur Verfügung gestellt und nun brauche er sich nicht beschweren wenn aus mir nichts würde. Sie habe ihr bestes gegeben, aber sie hatte es ja schwarz auf weiß gelesen: nur ein Kindermädchen……

Unsere Wohnung, die wir bis zu meinem dritten Lebensjahr bewohnten lag Stadtmitte, dritter Stock. Aufzug? Gab`s nicht. Frisch verheiratet war mein Vater von seiner ehrenvollen, aber wenig lukrativen Stelle an den Niederrhein in eine große Firma gewechselt. Trotz der großen Wohnungsnot die Mitte der fünfziger Jahre noch herrschte gelang es ihnen durch Beziehungen von Arbeitskollegen eine Dachwohnung zu ergattern. Die Ersparnisse meiner Mutter reichten für die ersten Möbel. Verwandtschaft gab es in der Nähe keine, die vielleicht mit diesem oder jenem Möbelstück aushelfen konnte. Jedes neue Stück war deshalb Mutters ganzer Stolz.
Mutter und ich gingen täglich einkaufen, denn alle Geschäfte lagen rings herum und einen Kühlschrank gab es erst später. So wurde die Milch für mich jeden Tag im Milchladen gekauft und das Gemüse auf dem Wochenmarkt.
 Täglich kletterten wir nun nach den Besorgungen in den dritten Stock. Erst schleppte sie mich mit den Tüten hinauf, danach den Kinderwagen. Diese Wohnung hat mein Leben  entscheidend geprägt, denn sie lehrte mich früh das Zählen. Weil ich ein wenig lauffaul war, zählte Mutter mit mir die Treppenstufen. Das lenkte von der Mühsal des Treppensteigens ab, aber seitdem zähle ich begierig die Stufen jeder Treppe die ich besteige, die Löffel in der Besteckschublade wenn ich sie öffne oder den Inhalt meines Sparschweins. Ich kenne die Summe genau, denn fast täglich wird rituell das rote Porzellanschwein mit dem kleinen Schlüssel geöffnet, die Münzen auf meinen Schreibtisch gekippt und kleine Türme im Wert von zehn Pfennigen errichtet. Meine kleinen Gebirge lasse ich dann klimpernd langsam durch meine Finger in das Schwein zurück gleiten. Warte ich auf den Bus, dann stelle ich mir die Geschwindigkeit des Sekundenzeigers vor und zähle die Sekunden bis zur nächsten Abfahrt.
In der Dachwohnung allerdings fühlte ich mich nicht so wohl wie in der Wäscherei unten im Erdgeschoss. Jeden Tag nach dem Einkaufen bettelte ich bis meine Mutter mit mir die Wäscherei betrat. Eine der Damen, in einen sauberen weißen Kittel gehüllt, hob mich hoch und setzte mich in einen der metallenen Wäschewagen. Dann schob sie mich, vorbei an den großen, silberfarbenen Waschmaschinen, in den hinteren Teil des Ladens. Ich kann mich noch gut an die Berge frischer Wäsche erinnern die sie aus den Maschinen holte. In großen Säcken lagerte die Schmutzwäsche ganz hinten im Laden. Es war immer schön warm und gemütlich und es roch sauber, wenn Sauberkeit überhaupt riechen kann. Jeder sprach mit mir und lachte mich an. Das gefiel mir sehr. Wenn meine Mutter unruhig wurde und mich aufforderte mit ihr nach oben zu gehen, erwiderte ich:
"Ich bleibe lange, lange da", und alle lachten.

Meine heutige Welt besteht aus Mädchengymnasium, von älteren Einwohnern noch Lyzeum genannt, dem Tennisclub, behütenden Eltern mit Einfamilienhaus im grünen Vorort, einer Schwester, kein Haustier. Vor Jahren, als mein Vater mit seinem Chef zu einer Weltreise rund um den Erdball an die Stätten der globalen textilen Rohstoffindustrie aufbrechen wollte, wurde über einen Hund nachgedacht. Wer sollte uns Zurückgebliebene des Nachts vor Einbrechern beschützen? Mein Vater würde mehrere Wochen abwesend sein. Da erschien es sinnvoll über einen Wächter nachzudenken. Niemand in meiner Familie hatte Erfahrung mit Tieren, weder mein Vater, der zwar auf dem Land aufgewachsen war, aber während seiner Schulzeit in der nahen Stadt im Internat lebte, welches er glühend hasste, noch meine Mutter, die die Straßen und Plätze einer Großstadt zum Spielplatz hatte.
Wo soll der Hund schlafen, wo sich aufhalten tags und in der Nacht? Ich war sechs Jahre alt und wurde nicht gefragt.  Tiere fand ich schön und ich hätte mir vielleicht auch ein Haustier gewünscht, aber ich hatte furchtbare Angst, besonders vor Hunden. Kaum dass ich laufen konnte wurde ich panisch wenn uns bei einem Spaziergang von weitem ein Hund ohne Begleitperson entgegen kam. Dafür hatte ich schon früh einen Kennerblick entwickelt. Und so versuchte ich immer meine Mutter oder später den Kinderwagen in dem meine Schwester kritisch den Himmel betrachtete zwischen mich und den Hund in Stellung zu bringen. Ich wanderte so lange um sie und den Wagen herum bis der Hund hinter uns verschwand. Ich glaubte, wenn ich ihn nicht mehr sehen könnte, dann würde er mich ebenfalls nicht mehr bemerken.
Nun sollte also ein Hund ins Haus. Adrett gekleidet, fast identisch mit meiner jüngeren Schwester, betraten wir eines Samstagvormittags das Tierheim. Die Hunde bellten, scharrten an den Zwingertüren und sprangen aufgeregt daran hoch. Es war ein Höllenlärm und ich hielt mir die Ohren zu. Mein Vater deutete nach einem Rundgang auf ein braunes Tier mit drahtig kurzem Fell und schlankem Körperbau. Den wollte er mitnehmen. Da sei auch ein Stück Schäferhund drin wurde versichert, und jeder weiß, ein Schäferhund hält Wacht, was er ja auch sollte.
Der Hund war froh aus dem Zwinger zu kommen und sprang freudig an meinen Eltern hoch. An mir wollte er auch, aber ich schrie vor Angst. Mein Vater nahm das Tier an die kurze Leine und meinte zu dem Tierpfleger, ich würde mich schon beruhigen und gewöhnen. So landete das Tier in unserem Wohnzimmer. Es schnüffelte überall und bellte munter jeden neuen Geruch an, wuselte durchs Zimmer und war sehr unruhig, was mich völlig verängstigte. Wie schon gesagt, der Gedanke, einen Hund spazieren zu führen war verlockend, aber ich hatte eher an einen kleinen, stillen Genossen gedacht, der weder ungestüm seine Umgebung erkundete noch ständig erregt bellte. Das wurde mir alles zu viel und so zog ich mich in mein Kinderzimmer zurück. Jede Aufforderung die obere Etage zu verlassen schlug ich aus, noch nicht einmal zu den Mahlzeiten kam ich herunter, erst, wenn der Hund in den Garten oder ein anderes Zimmer gesperrt worden war. Meine Eltern versuchten mich mit lieben Worten für diesen Hund zu begeistern. Ich blieb störrisch und so wurde der Ton am zweiten Tag rauer. Ich solle mich nicht so anstellen und endlich zusammen mit dem Hund einen Spaziergang wagen. Mein Vater würde die Leine halten und ich solle nur nebenher gehen und mit dem Tier Freundschaft schließen.
Ich bemühte mich wirklich hinter meinen Eltern hervorzutreten und mit dem Hund Freundschaft zu schließen, aber jedes Mal wenn er mich sah bellte er laut, was mich erschreckt hinter die Rücken meiner Eltern zurücktrieb. Mein Vater war nach diesem Spaziergang sauer, meine Mutter entnervt. Am Montag wurde mir eröffnet, dass der Hund ins Heim zurückgebracht würde, was ich eigentlich schade fand.


Ich sitze neben meiner Fahrerin und denke, vielleicht zum ersten Mal, über mich nach. Bald werden wir weit von hier wegziehen. Wie wird sich das anfühlen? Werde ich Freunde finden und werde ich meine Freunde hier sehr vermissen? Ich weiß es nicht. In meinem Magen rumort es sacht und ich fühle mich bei diesen Gedanken nicht wohl. Lieber wende ich mich  wieder dem Sonnenschein und dem heiteren Geplänkel meiner Fahrerin zu. Die Auskünfte meiner Eltern sind spärlich und nichts sagend. Sie sprechen von alter Stadtgeschichte, ruhmvollen Geschlechtern und den herrlichen Bergen. Mir geht es aber um Schule, Freunde und Umfeld. Meine Freundin Renate und ihren Bruder Carlo, die ich seit dem ersten Kindergartentag kenne, werde ich sicher sehr vermissen. Dieses Gefühl gestatte ich mir nur sehr vorsichtig, denn eigentlich will ich ja die Welt erobern. Hier bleiben? Im Mief des Niederrheins unter einem kleinen Kirchturm dessen Pforten nur zum Gottesdienst gnädiger weise geöffnet werden und nach dem letzten, dem Ausgang zustrebenden Betbruder gleich wieder verschlossen werden? Nie und nimmer. Warum gehe ich aufs Gymnasium? Täglich predigt man mir: das Abitur ist das Tor zur Welt. Und sogleich schließt sich ein Berufsreigen an, der für mich in Frage käme. Dolmetscherin wäre doch schön. Da kommt man durch die Welt. Jetzt gibt es in Straßburg ein neues Parlament, ein europäisches, da braucht es viele Sprachkünstler. Außerdem ist es von Vorteil bei Reisen die Landessprache zu sprechen, man sei sofort ein Landsmann und würde freudig aufgenommen.
Meine ersten Französichkenntnisse wurden mit einem Parisbesuch gekrönt. Vater hatte zwei Zimmer in einem kleinen Hotel gebucht. Die untere, schmale Etage beherrschte ein Bistro, in dem wir unser Frühstück einnahmen. Alles war neu und aufregend. Wir saßen an kleinen, runden Tischen. Meine Eltern hatten einen großen Becher Kaffee vor sich, wir eine Schokolade und in einem Korb gab es Croissants.
Unsere Betten waren "französische Betten", eine schmale Variante des heimischen Doppelbettes. Meine Schwester und ich hatten genügend Platz aber ich fragte mich wie zwei Erwachsene mit nächtlichem Bewegungsdrang darin ohne Handgreiflichkeiten eine geruhsame Nacht verbringen sollten. Es gab auch nur eine Decke für zwei, was ich besonders schlafstörend fand, denn ich wickle mich nachts gerne in die Decke ein. Deshalb kämpften meine Schwester und ich die ganze Nacht um den größeren Anteil Decke.
Der Wirt wurde von Vater, der eigentlich nur Latein gelernt hatte und deshalb kaum Französisch sprach, mit Gesten reichen Worten darüber informiert, dass ich seiner Sprache mächtig sei. Er hielt den Wirt an mich zu Übungszwecken zum Sprechen  zu animieren. So radebrechte ich die eine oder andere Antwort. Der Wirt machte es mir leicht. Er lächelte freundlich und half wo es ging und meinte abschließend, ich solle einfach ein paar Wochen in Paris bleiben, dann sollte ich mir kein Kopfzerbrechen über französische Wörter mehr machen müssen. Vater hörte das gerne, denn es bestätigte seine Überzeugung, dass die Schule nicht der einzige Ort für Bildung sei. Nachdem wir uns nun ein Wochenende aktiv um eine Fremdsprache bemüht hatten sei klar, dass für mich Französisch in der Schule nur noch ein Klacks sei.
Mein erster "Marche des puces", ein Flohmarkt irgendwo in Paris auf einem großen, sandigen Platz in der Nähe eines Bahnhofs, war sensationell. Die Verkäufer drängten sich hinter ihren Verkaufsständen Reihe um Reihe. Über dem Kopf hingen die unterschiedlichsten Sachen bis weit in den schmalen Gang.  Laut rufend machten sie auf ihre Waren aufmerksam. Manche Verkäuferin war in lange, wallende Kleider gehüllt, um den Kopf ein Tuch gebunden und mit langen, bunten Ketten behängt, dazu schwarz umrandete Augen und knallrote Lippen. Wir hatten Scheu in den alten Sachen nach Brauchbarem zu wühlen:            " sowas haben wir nicht nötig", und nicht umsonst hieß diese Veranstaltung " Flohmarkt". Wer weiß was man sich hier holen kann. Der Floh ist wahrscheinlich noch das Harmloseste.  Aber was gab es da nicht alles für entzückende Dinge! Lampen und Puppen, Vasen, Besteck und alte Kleider. Ich war hingerissen und wollte gerne mehr sehen, aber Vater drängte zum Eiffelturm.
"Die meisten Leute fahren nur auf die erste Etage, wir nehmen die zweite", beschloss er während wir den Turm mit seinen drei Aussichtsplattformen von unten respektvoll besichtigten. Als wir oben aus dem Fahrstuhl traten und uns die Jacken zuhielten weil ein frischer Wind wehte, begann die Abenddämmerung. Licht für Licht durchbrach den hellgrauen Schleier der über Paris lag. Ein heißer, sonniger Tag ging zu Ende. Es war meine erste Reise in eine Metropole und ich war mir sicher, dass es nicht meine letzte gewesen sein würde. Als meine Schwester vor Kälte zu zittern begann bestiegen wir wieder den wenig Vertrauen erweckenden Aufzug. Der Fahrstuhlführer drückte seelenruhig auf seine Knöpfe und der Fahrstuhl setzte sich laut quietschend in Bewegung. Er ruckelte und zuckelte und bei jedem Geräusch zuckten wir zusammen und drängten uns fester aneinander. Obwohl Vater sein "was-soll-schon-passieren-Gesicht" aufhatte waren wir sehr erleichtert als die Fahrstuhltüren aufgingen und uns in den Park entließen.

Das waren Vaters erste Bemühungen mir Sprachen und Kulturen  näher zu bringen um mich auf den rechten Berufsweg zu führen. Ich selber träume von Schiffs- und Flugzeugkapitän, vielleicht täten es auch die Begleitberufe wie Stewardess, aber das denke ich mir nur, denn von diesem Wunsch wurde mir schon lange abgeraten:
" Kind, da nehmen sie dich nicht, du bist zu rund".
Ich denke, das Tor zur Welt wird sich nicht nur für die Dünnen öffnen und deshalb bleibe ich gelassen. Ich möchte zu gerne sehen was sich hinter dem Tor verbirgt. Wenn ich daran denke dann sehe ich einen großen Hafen mit vielen Schiffen, Möwen und Gischt und rieche den Duft der weiten Welt. Ja, bin ich mir sicher, das wäre genau das richtige für mich.

Meine besten Freunde Renate und Carlo, sie sind Zwillinge, und ich gehen auf unterschiedliche Schulen. Schon in der Grundschule waren wir getrennt. Ich ging auf die evangelische Schule, Renate und Carlo auf die katholische. Noch nicht einmal der Weg dorthin war derselbe. Renate geht nun in die Realschule, Carlo auf ein Jungengymnasium in unserem Vorort und ich aufs Mädchengymnasium in die Stadt. Trotzdem treffen wir uns oft am Nachmittag. Eigentlich sind wir wie Geschwister. Mir gefällt die große Familie meiner Freunde, mit Omas, Onkeln und Tanten, die gleich in der Nähe wohnen.  Sie sind eingesessen, keine Zugezogenen wie wir, kennen ihre Nachbarn genau bis ins siebte Glied und wissen viele Geschichten zu erzählen von dem, was sich so zuträgt in einer kleinen Stadt. Wir leben allein: Vater, Mutter, Schwester, ich.
"Hasse jehört, der Jupp het ene Unfall jehabt."
Meine Mutter kennt keine solchen Geschichten. Meine Verwandtschaft ist über ganz Deutschland verteilt. Vater ist Einzelkind, seine Eltern sind schon gestorben und Mutters Anverwandte leben in Norddeutschland und der Kontakt ist spärlich. Eine Tante, der ich nach meiner Konfirmation einen Dankesbrief für ihr Geschenk, ein Büchlein mit schwarz-weißen Fotos von Schloss  Sansoussi in einer dunkelbraunen, eigentlich recht hässlichen, ledernen Buchhülle  schreiben sollte, habe ich nie kennen gelernt. Sie lebt in Thüringen, und ist wohl in der Hoffnung als Patin ausgesucht worden, dass die deutsch-deutschen Grenzen einmal fallen werden. Das Schloss aus dem Büchlein liegt  in der Ostzone und ich werde es wohl nie zu sehen bekommen.


Um wenigstens einen kleinen Vorgeschmack auf unsere neue Heimat zu haben und die Frage nach meinem und meiner Schwester schulischem Verbleib zu prüfen, ist meine Mutter nun ein paar Tage alleine zu meinem Vater nach Bayern gereist. Der  arbeitet seit dem Frühjahr in Deutschlands Süden und wohnt zur Untermiete in einem kleinen Zimmer im Haus einer alten Frau.
Vor ein paar Wochen waren wir drei dort und haben Vater besucht. Wohnen durften wir in seiner Unterkunft nicht. Vater hatte uns in einem kleinen Hotel mit Biergarten untergebracht. Abends saßen dort Paare und tranken Bier aus Krügen. Ich fand das schrecklich. Vater dagegen schwärmte von herrlichen Gerichten mit Namen wie "Pressack" und "Leberkäse". Nein, probieren wollte ich diese Dinge nicht und auch Mutter nahm dankend Abstand. Vater ließ sich nicht beirren und langte herzhaft zu.
Das Häuschen von Vaters Vermieterin ist  eines in einer Reihe unterschiedlich bunter Fassaden an einer Bahnstrecke. Einen Wecker braucht Vater nicht. Das Wecken besorgt der Frühzug in die Nachbarmetropole.
Bei unserem Besuch standen wir erstaunt in der Küche der alten Dame. Hexe, habe ich gedacht wegen der wirren Haare, den dunklen Augen, der bunt zusammengewürfelten Kleidung über die sie eine riesige graue Strickjacke trug. Sie ging gebeugt und mir war als habe sie einen Buckel. In ihrer Küche stapelten sich Gläser und Flaschen mit Eingelegtem und Gewecktem aus ihrem kleinen Garten. Überall hingen Kräuterbüsche, mit bunten Bändern zusammengebunden, zum Trocknen. Ihre Möbel standen wirr und vollgeladen herum ohne dass man einen Plan erkennen konnte. Meine Schwester und ich wichen unserer Mutter nicht von der Seite. Staunend und ängstlich sahen wir uns das kunterbunte Chaos an. Wir hatten  keine Ahnung wofür diese Zutaten gut sein sollten. Die alte Dame erfreute sich offensichtlich bester Gesundheit und so nahmen wir an, denn die Antworten auf unsere Fragen verstanden wir  sehr schlecht, ihr Dialekt wollte einfach nicht in unsere Ohren passen, dass es sich um Heilkräuter handeln könnte.

Um die Schulfrage für meine Schwester und mich zu klären fuhr meine Mutter also für einige Tage in den Süden und brachte mich bei Freunden aus dem Tennisclub unter. Ehrlich gesagt weiß ich gar nicht wo meine Schwester geparkt ist, aber das ist auch total unwichtig wenn man in einem roten Sportcabrio sitzt und durch das sonnige Städtchen braust.
Zurzeit wohne ich nun in einer Unternehmervilla. Die Einrichtung meines Zimmers ist zweckmäßig und gar nicht luxuriös und üppig, da ist es bei mir zu Hause gehobener, aber ich besitze hier ein eigenes Bad, was ich sehr interessant finde. Das Essen wird uns von der Haushälterin nach der Schule im Esszimmer an einem langen Tisch aus blankem, dunklem Holz serviert. Die Stühle, deren Lehnen hoch und gerade und überhaupt nicht bequem sind, stammen bestimmt aus einem Rittersaal. Es sieht  elegant und vornehm aus und ich weiß dass auch mein Vater von so einem Tisch träumt, an dem er, natürlich vom Kopfende her, über seine Lieben herrschen würde.
Wenn meine Gastmutter zu Hause ist, dann sitzt sie in einem tiefen Ledersessel in einem großen, dunklen Raum mit deckenhohen Bücherregalen. Am Boden liegen große Orientteppiche, einer neben dem anderen, und überdecken den alten Parkettboden. Auf der großen überdachten Terrasse hinter dem Haus stehen Liegen mit Kissen und Decken, genau wie in teuren  Hotels. Das habe ich im Fernsehen gesehen. Der Garten ist unendlich groß. Die hinteren Teile liegen versteckt hinter dichtem Gebüsch. Der Gärtner hat sich schon lange nicht mehr bis hierhin vorgearbeitet. Aber für Fred, den tennisspielenden Sohn und mich der ideale Platz für intensive Gespräche.
Ich bin vierzehn, er sechzehn. Ich finde es sehr angenehm mit ihm zusammen zu sein und  nur zu reden und zu lachen. Seine Haare sind lang und wuschelig wie mein Vater es bei seinem Sohn, wenn er einen hätte, wohl nie erlauben würde. Er macht Musik, nicht Bach und Beethoven wie ich, nein, richtige Rockmusik auf seiner Gitarre. Auf meiner Geburtstagsparty im Partykeller bei schummriger Beleuchtung spielen wir den "Kasatschok" oder "Am Sonntag will mein Süßer mit mir segeln gehen", übrigens meine erste eigene Schallplatte, aber auf jeden Fall keinen Rock. Die Plattenauswahl der Eltern beschränkt sich auf  eine  Beatlesplatte, die Vater aus England mitgebracht hat und einer Platte mit australischen Volksliedern, die er während seiner Weltreise in Australien kaufte. Sonst hört er lieber Big Band Musik von James Last. Ein Highlight ist eine Single vom "Babysitterboogie". Bei jedem Abspielen versichern mir meine Eltern, dass ich als Baby genau so gelacht habe wie der kleine Fratz auf der Scheibe.
Für mich selber habe ich seit kurzem Radio Luxemburg entdeckt. Wenn ich Zeit habe, meist nur an Regentagen, sitze ich in meinem neuen Korbstuhl mit einem Strickzeug in der Hand, ich bevorzuge das Stricken von langen Schals, und lausche den Klängen einer für mich neuen Vielfalt.
In der Schule finden wir uns bei jeder Gelegenheit schnell zusammen und singen, auf Tischen und Stuhllehnen sitzend, mehrstimmig den Refrain von "Barbara" oder "Marmor, Stein und Eisen bricht". Im Doppeldeckerbus auf dem Heimweg, wenn wir oben gleich links die Viererbank erwischen, singen wir weiter. Der Chor wird nach jeder Haltestelle dünner weil Sänger aussteigen müssen. Das Singen macht wahnsinnig Spaß. Ich liebe diese Fahrten. Jeden Tag geht das natürlich nicht. Einmal die Woche habe ich Chorprobe und Cellostunde gleich nach der Schule. Mein Cellolehrer ist ein pensionierter Lehrer, der bei sich zu Hause im Mehrfamilienhaus im Esszimmer im blau-grünen Ambiente unterrichtet. Noten muss ich keine kaufen denn ich bekomme seine alten geschenkt. Neben der Schule und Etüdenheften sind das Liederalben mit Operettenmelodien und Volksliedern. Die vergilbten Hefte sind mit Blütenbildern verziert und werden von dunkelrotem, breitem Klebeband zusammengehalten.
Seit dem Eintritt ins Gymnasium war meine Musiklehrerin von meinen musikalischen Fähigkeiten begeistert und setzte mich schon bald für besondere Aufgaben ein. Gleich in der Sexta spielte ich die Tröte in der "Kindersymphonie" von Mozart. Ein Jahr darauf saß ich am Cembalo und begleitete das Schulorchester.  Jetzt spiele ich im Orchester Cello und helfe im Chor aus.
In der Quarta hatten wir eine Aufführung vom "Struwwelpeter", mit großem Chor, Orchester und Theater. Dafür brauchten wir Kostüme. Zu der Zeit hatten wir einen jungen Lehrer, der sich um die Kulissen kümmerte und den wir alle ganz toll fanden weil er in unseren Augen sehr attraktiv war. Er fuhr mit mir und einer Freundin nach der Schule ins Theater in den Fundus. Gemeinsam wühlten wir uns durch die Kostüme und suchten passende Stücke aus. Ich war vorher noch nie hinter den Kulissen in einem Theater gewesen und fand es irre aufregend. Erst stolperten wir über Kabel und Seile, dann ging es um viele Ecken herum bis es ziemlich duster wurde. Da hingen die vielen Kostüme auf langen Stangen Reihe an Reihe nebeneinander. Wir zwängten uns hindurch und eine Dame half uns beim Aussuchen. Manches wurde mir kurz angehalten ob die Maße stimmen könnten. Ich war begeistert von so viel Spitze und Rüschen. Der Ausflug war ein Highlight, aber besonders aufregend fand ich, dass wir mit seinem Auto dort hinfuhren. Ich kam mir richtig erwachsen vor wie wir vor dem Theater parkten und nicht aus dem Bus sondern aus dem Auto eines jungen Mannes stiegen.


Eine breite Holztreppe führt aus dem Eingangsbereich der Villa unserer Freunde ins Obergeschoss in einen Flur so breit wie die ganze Wohnung meiner Freundin Betti. Die lebt mit Bruder und Eltern in drei Zimmern mit Küche im Obergeschoss eines Siedlerhäuschens. Von diesem großen Flur gehen die vielen Schlafzimmer ab. Gleich hinter der ersten Tür rechts wohnt Fred. Er hat ein Mofa,  für mich der Inbegriff von Freiheit. Auf dem rauscht er durch die Gegend und natürlich auch zum Tennisplatz. Seine langen blonden Haare flattern im Wind und die weißen Tennisshorts um seine mageren Beine. Sein Körper wippt beim Gehen nach vorne und lässt seine Locken für einen kurzen Moment das Gesicht verdecken und auch sonst steht er nie gerade sondern immer leicht  nach vorne gebeugt. Seine Spielfreude hält sich jedoch in Grenzen, vor allem wenn die Sonne scheint. Mit langen Hemdsärmeln und weiten Hosen versucht er die Sonnenstrahlung auf seine zarten Glieder zu unterbinden. Er möchte nicht braun werden, ja man kann sagen, er meidet sogar die Sonne aus Angst Hautkrebs zu bekommen. Ich finde es ein wenig spleenig, aber es stört mich nicht.
Ich betrete nun Freds Reich. Er haust in einer dunkelbraunen Höhle mit verdunkeltem Fenster. Ordnung ist auch nicht sein zweiter Vorname. Sein Zimmer ist ein heilloses Durcheinander von Klamotten, Schallplatten, Tonbändern, Mikrofonen und einigen kleineren Bücherhaufen. Seine Mutter hat mich zu ihm hoch geschickt damit ich mit ihm Französisch lerne. Im Gegenzug hilft er mir bei Deutsch. Er ist, genau wie ich, kein guter Schüler. Das weiß ich aus unseren Gesprächen und ich finde es seltsam, dass seine Mutter gerade mich zu ihm als Nachhilfe schickt. Meine Kenntnisse in Französisch sind, nach Ansicht meines Lehrers, eher mangelhaft als ausreichend. Ich bin davon nicht so überzeugt, denn sprechen und verstehen kann ich viel, nur mit der Feinarbeit in Schulaufgaben habe ich so meine Schwierigkeiten. Da muss alles genau stimmen, im Mündlichen hat man doch viel mehr Gestaltungsmöglichkeiten.
 "Hier, kennst Du die?" fragt Fred gleich und dreht die Musik die mir beim Öffnen entgegenschallt noch ein wenig lauter. Ich bin zwar durchaus musikalisch interessiert, aber diese Art Musik ist mir fremd. Zwei Jahre Altersunterschied machen in der musikalischen Entwicklung eines Teenies einen großen Unterschied. Für mich zählt die Klassik und Radio Luxemburg, er spielt Rock.
"Ich soll mit Dir lernen",  merke ich zaghaft an. Dieser Satz ist ein absoluter Witz. Ich merke es gleich. Vielleicht denkt seine Mutter, dass gegenseitige Sympathie sprachliches Können ersetzt. Ich befreie den Stuhl neben seinem Schreibtisch von seiner unordentlichen Bücherlast, setze mich vorsichtig und lausche. Fred greift zur Gitarre, sein Kopf fällt nach vorne, er sackt sozusagen über ihr zusammen und beginnt zu spielen. Nach langen Riffen auf seiner E-Gitarre zu tiefgründigen, selbst erdachten Texten sitzen wir schließlich tatsächlich mit einem Französischbuch da und er rezitiert ein Gedicht von Racine.
Alles ist gut und ich fühle mich super als er plötzlich aufsteht und ohne ein erklärendes Wort verschwindet. Den ganzen Abend und den nächsten Tag bleibt er einfach verschwunden. Niemand gibt mir eine Antwort auf meine Frage nach seinem Verbleib. Ohne ihn ist das Haus leer. Es ist so schön mit ihm zu scherzen und die Tage zu verbummeln. Die Musik fehlt mir auch. Zum Ausgleich gehe ich in die Küche zur Haushälterin, der "Oma" wie wir sie alle nennen. Sie fragt nicht viel und findet immer die richtigen Worte, tröstet mit einer Tasse heißem Kakao oder einem Stück Kuchen.
Immer wieder schaue ich in seinem Zimmer nach, aber er bleibt verschwunden. Dabei inspiziere ich die vielen technischen Dinge die da so rumliegen, so ganz schlau werde ich aber nicht daraus. Seit der Konfirmation besitze ich ein Tonbandgerät. Damit bin ich bei meinen Freundinnen der Star.  Fast niemand sonst hat so ein Ding. Zu meinem Tonband bekam ich zwei Mikrofone geschenkt, ein kleines dünnes und ein längeres dickes. Ich habe nie herausgefunden worin der Unterschied besteht. Das eine besitzt jedenfalls einen Ständer mit dem man das Mikro vor einem Lautsprecher des Radios aufbauen kann. Mein Radio ist ein altes Röhrengerät aus der Nachkriegszeit in einem Holzgehäuse. Nach dem Drücken des Einschaltknopfes braucht es einige Zeit zum Warmwerden bevor es Töne meines Lieblingssenders  von sich gibt. Davor postiere ich nun mein Mikrofon und warte, und warte, auf ein bestimmtes Lied, welches ich unbedingt aufnehmen will. Natürlich wollen viele die Lieder aufnehmen und der Sender weiß das, aber es ist nicht gern gesehen, man soll die Scheiben kaufen. Deshalb quatscht der Moderator in den Liedanfang hinein und am Ende spielen sie Reklame bevor die letzten Takte über den Äther gehen. Meine aufgenommenen Lieder haben also selten eine Anfangssequenz und einen Schlussakkord. Aber das macht nichts, entscheidend ist dass man endlich ein paar Takte seines Favoriten auf das Tonband gebannt hat.
Erschwerend zu den vom Radiosender ersonnenen Maßnahmen gegen das wilde Aufnehmen kommt für mich hinzu dass sich eine Kuckucksuhr direkt aus dem Schwarzwald in mein Zimmer verirrt hat. Bei jeder vollen Stunde öffnet sich ein Türchen und der kleine Vogel verkündet laut die Stunde. Ich kann darauf wetten, dass, wenn ich nach langem Warten endlich ein Lied erfolgreich erwischt habe der blöde Vogel aus dem Türchen springt und sein lautes "Kuckuck, Kuckuck"  auf meiner Aufnahme verewigt. Manchmal denke ich dran und halte den Perpendikel an, aber dann bin ich ohne Uhrzeit und verpasse vielleicht eine Verabredung. Vertrackt!
Sollte ich also endlich das begehrte Lied hören, den Kuckuck abgestellt und mich mucksmäuschenstill verhalten haben, so kann ich nur beten dass meine Mutter nicht mit einem fröhlichen "Hallo, was machst Du gerade?" das Zimmer stürmt.  Ich wünsche mir nichts sehnlicher als einmal ungestört Musik zu hören und aufzunehmen!

Nach meiner Ausfahrt im roten Sportcabrio lese ich auf meinem Zimmer ein Buch als ich den alten Käfer meiner Mutter auf die Auffahrt dröhnen höre. Seitdem mein Vater in Bayern ist besitzt meine Mutter einen "Zweitwagen". Das ist was ganz besonderes. Eines Tages wurden wir alle ins Auto geladen und fuhren zu einem Autohändler. Zwischen langen Reihen bunter Autos zeigte er auf einen grauen Hügel namens VW Käfer, der verschämt in der letzten Ecke parkte. Mein Vater demonstrierte Sachverstand und beäugte den Wagen von vorne und von hinten.
"Sehen Se, dat is enne janz solide Wagen. Mit dem werden Se keine Schwierischkeiten haben",  warf sich der Verkäufer in die Brust.
Mein Vater gab noch nicht klein bei und fragte nach Bremsen und Kilometerstand und ließ sich auch noch den Motor zeigen. Interessiert schaute er auf Kabel, Töpfe und Batterie, aber wir alle wissen, dass er rein gar nichts von Autos versteht. Die Beulen und Rostflecken die er beanstandete hätte jeder Blinde bemerkt. Schließlich trat er in die Preisverhandlungen ein. So wenig er von Autotechnik versteht, so viel versteht er von Preisverhandlungen, und so gehörte das graue Schmuckstück nach langem Bibbern, denn es war an diesem Frühlingssamstag sehr frisch, für 900 Mark endlich uns.
Das tollste an der Sache ist, dass ich nun, seit mein Vater in Bayern arbeitet, oft von der Schule abgeholt werde. Bisher fuhr ich mit dem Bus und niemand wäre auf die Idee gekommen mich mit dem Wagen abzuholen. Doch nun, vor allem nach der Orchesterprobe, steht die graue Kugel  vor der Schule damit ich mich mit meinem Cello  nicht in den Bus quetschen muss. Da Parkplätze vor Schulen reich gesät sind parkt meine Mutter natürlich mitten vorm Haupteingang. Meiner Bedeutung bewusst schreite ich auf den Wagen zu, verstaue das Cello vorsichtig auf der Rückbank und setze mich ganz sittsam mit untergeschlagenem Rock auf den Beifahrersitz.
Irgendwann  haben die Eltern meiner Schwester und mir so nebenbei erklärt, dass ein Umzug anstünde. Was das bedeutet? Na, umziehen eben und ja, wir treten gleich wieder in einen Tennisclub ein und Freunde finden sich sowieso ganz schnell in der Schule. Meine Mutter schaut bei dem Thema nur verträumt durch unser Wohnzimmer. Meine Schwester und ich können uns unter einem Umzug nichts vorstellen. Den Vorgang an sich schon, Koffer packen, Zimmer leerräumen und so, aber nicht was es für uns bedeutet. Bisher leben wir völlig ungestört in unserer kleinen Welt. Es fehlt an nichts, alle mögen uns, jedenfalls fast alle und kein Wölkchen trübt unser Kinderhimmelblau. Es wird sogar noch besser. Mein Vater packt Anfang April seine Sachen und zieht nach Bayern. Wir lieben unseren Vater, dennoch fällt der Abschied nicht schwer. Mutter haben wir fest in unserer Hand, bei Vater müssen wir vorsichtig sein um ihn nicht zu reizen oder ihm einen Anlass zu geben sich regulierend in unsere Freizeitgestaltung einzumischen. Er neigt, vor allem bei mir, zur temporären Kontrolle der schulischen Leistungen.
"Bring mal Dein Englischbuch", bestimmt er dann, noch mit bemüht freundlichem Ton. Wir beide wissen genau, was das bedeutet: die nahende Katastrophe. Vater sitzt mit übergeschlagenen Beinen im Sessel, ich stehe zwei Meter vor ihm, schon zu einem Haufen Elend geschrumpft und  Mutter postiert sich zwischen uns beiden auf dem anderen Sessel. Vater schlägt das Buch irgendwo auf und liest Vokabeln ab die ich übersetzen soll. Da ich meist nicht wie aus der Pistole geschossen heraus antworte fragt er bei der zweiten Vokabel schon in strengerem Ton. Jetzt ist Zeit für den ersten Protest:
"Da sind wir noch gar nicht. Das habe ich nicht gelernt. Wir sind ganz woanders."
"Das gibt's doch gar nicht. Vokabeln muss man immer parat haben. Was sind denn das für Lehrer die einfach was auslassen!"
Er atmet tief durch, versucht sich etwas zu beruhigen und fragt dann barsch nach der aktuellen Lektion. Doch leider kann ich diese Vokabeln auch nicht aus dem Effeff. Die Stimmung ist jetzt sehr, sehr gereizt. Die ersten Tränen rollen  aus meinen Augen was Vater noch wütender macht.  Nach der zehnten nicht oder zu zögerlich beantworteten Vokabel tobt er:
"Du bist faul, Du lernst nicht. Kein Wunder dass Du so schlecht in der Schule bist."
Jetzt mischt sich meine Mutter ein:
"Also ich verstehe das nicht. Wenn ich sie abfrage kann sie ihre Wörter eigentlich ganz ordentlich."
So, jetzt ist das Chaos perfekt. Meine Rolle ist: bleib stehen und heule möglichst herzzerreißend. Vater wütet ob meiner Faulheit, der blöden Methoden der modernen Schule und weil zu seiner Zeit viel mehr Disziplin herrschte und meine Mutter lässt sich nach fünf Minuten Streit sofort von Vater scheiden. Fertig, aus. Jeder geht seiner Wege, die Abfrage ist vorbei und ich habe meine Ruhe.
Aber einmal hat er uns ganz schön rangekriegt. Meine Schwester spielt Klavier, ich, wie erwähnt, Cello. Entweder hatten sich die Lehrer leicht unzufrieden geäußert oder Vater waren die Kosten für unsere musikalische Ausbildung aufgestoßen, oder, was ich wahrscheinlicher finde, er hat in der Zeitung von einem jungen, gerade zum Star erwachenden Talent gelesen was seinen Neid hervorrief, jedenfalls mussten wir einen ganzen Samstagnachmittag im zehnminütigen Wechsel üben. Das ist bitter denn man kann seine Freizeit mit viel spannenderen Dingen füllen als blöden Etüden. Wir fügten uns klaglos und eigentlich fand ich das Üben auch gar nicht mehr schlimm denn Musik macht mir ja Spaß.
Vater ist der Held meiner Kindertage. An seiner Hand begleite ich ihn überall hin. Ich danke es ihm mit perfektem Benehmen schon in jüngsten Kinderjahren. Treffen wir seinen Chef im Büro, so halte ich mich zurück und spreche nur wenn ich gefragt werde. Bei Freunden kann ich spontaner reagieren, aber immer schön höflich bleiben, kleine, lustige Bemerkungen sind in Maßen erlaubt. Jeder findet es total normal dass ich zum Beispiel an Wochenenden immer mit dabei bin und Vater heimst sichtlich erfreut Komplimente für seine wohl geratene Tochter ein.
Ich bin sein Sonnenschein, seine Hoffnung, sein Musterkind. Meine Schwester eignet sich nicht dafür da sie viel zu schüchtern ist und sich gleich hinter seinen Beinen versteckt und schnell weint. Sie hätte sicher denselben Erfolg wenn sie sich traute denn wir tragen beide dieselbe vererbte Wohlerzogenheit in uns.
Vater erklärt mir die Welt: warum Kopfsteinpflaster so heißt wie es heißt, warum es Tag und Nacht gibt, wie ein Geldinstitut, eine Bank, und der Kreislauf des Geldes funktioniert und was man mit Geld alles anstellen kann, warum Schafe Wolle haben, sie geschoren werden und was daraus gemacht wird, was Anachronismus bedeutet… Es gibt keine Frage auf die er keine Antwort hat. Ich bete ihn an und es ist ein Paradies mit ihm bis ich meine Antworten selber suchen will, eigene Vorstellungen entwickle und mich, bedingt durch Schule und Freunde, emanzipiere. Unsere Gespräche werden rauer, fordernder, persönlicher, aber er bleibt mein Mentor. Sicher, manchmal übertreibe ich und fordere seinen Zorn heraus, aber gehört das nicht dazu?
Vater verabschiedet sich eines Tages nach Bayern und erscheint nur am Wochenende. Ohne ihn sind wir vogelfrei. Jede tut das was ihr behagt und ein Diktat gibt es eigentlich nicht. Ich bemerke, dass auch Mutter die kleinen Freiheiten genießt. Oft lässt sie uns abends an den Wochenenden alleine zu Hause und tuckert mit ihrem Käfer in den Tennisclub. Sie ist fröhlich und gelöst, lacht viel. An sonnigen Nachmittagen liegen meine kleine Schwester, Mutter und ich  im Schatten eines Nussbaumes im Garten. Wir hören Musik aus dem Radio im Wohnzimmer das wir extra laut stellen und ich löse meine ersten Kreuzworträtsel. Der Eismann kommt an warmen Tagen mit seinem Wagen, einem olivgrünen VW-Bus, in unsere Straße, bimmelt mit einer großen Schiffsglocke und Mutter gibt uns Geld für ein Eis.
Unser Garten ist sehr groß und Mutter pflegt ihn jetzt alleine. Ich habe das Rasenmähen übernommen. Das macht mir Spaß und es braucht einen Hauch von technischen Kenntnissen, denn der Motor, den man mit einem Seil, an dem kräftig gezogen werden muss in Schwung bringt,  springt nie gleich beim ersten Ruck an. Ich ziehe manchmal fünfzig-,  sechzig Mal (ich hab`s gezählt) bis der Motor anspringt. Auf Nachfragen von Nachbarn oder Freunden warte ich mit technischen Details auf, wie: verdreckte Zündkerzen, oder so. Das habe ich mal gehört und es klingt doch sehr erfahren, oder?
Das Haus erwarb mein Vater bald nach seinem Eintritt in die Firma aus dem firmeneigenen Immobilienbestand. Es hat im Erdgeschoss Bad, Küche, Wohn- und Esszimmer, im ersten Stock gibt es vier Schlafzimmer und ein Bad. Das Grundstück ist recht groß. Zu zwei Dritteln ist es Ziergarten und zu einem Drittel Nutzgarten mit Apfel- und Birnenbäumen, Pflaumen- und Pfirsichbaum, Johannisbeeren, Stachelbeeren, Erdbeeren und etwas Gemüseanbau. Rundherum wohnen andere Firmenangehörige, aber mein Vater ist der Chef, das wissen alle. Wir wohnen dort seit ich zwei Jahre alt bin. Nur wir hatten in der Straße einen Telefonanschluss und ein Auto. Unsere Nachbarin war gleich nach unserem Einzug mit ihrem zweiten Kind schwanger und als die Wehen eines Nachts einsetzten ließ sie sich zusammen mit ihrem Mann von meinem Vater zur Entbindung ins Krankenhaus fahren. Vater ist medizinischen Notfällen gegenüber nicht sehr aufgeschlossen weil er mitleidet und Blut nicht sehen kann. Ich möchte nicht wissen wie wohl ihm bei dieser Fuhre war.
Mit dreizehn wurde ich konfirmiert, und so begannen schon einige Jahre vorher die Planungen für dieses große Ereignis. Ein großzügiger Hausumbau wurde beschlossen. Ein Musik- und ein Arbeitszimmer sollten her, schließlich spielen wir Instrumente und Vater hat einen riesigen Schreibtisch aus Nussbaumholz an dem er seine Briefmarken sortiert und einordnet, und der Mutter im Wohnzimmer ein Dorn im Auge war. Und wo sollen die Gäste meiner Konfirmation tafeln?  Es ist einfach nicht genug Platz im Haus. So entschieden sich meine Eltern für einen großzügigen Wohnzimmeranbau. Dann könnte man endlich die Schrankwand kaufen, der letzte Schrei. Sie hatten eine aus Nussbaum stehen sehen und in die hatten sie sich verliebt. Das Schrankunterteil ist ein wenig breiter als der obere Teil, sodass  sich ganz vorzüglich darauf Platz nehmen lässt wenn man im Lexikon mal etwas nachschlagen will. Zudem besitzen die Eltern der Klavierlehrerin meiner Schwester ein Möbelhaus, und wäre das nicht eine hervorragende Gelegenheit? So plante man gleich eine lange Wand an der der Schrank besonders gut zur Geltung kommen könnte.
Mein Vater wünschte sich zudem nichts sehnlicher als ein eigenes Spargelbeet.
"Spargel ist die Königin des Gemüses."
 Ich hasse Spargel.
"Wäre es nicht wunderbar in den wenigen Wochen der Verzehrperiode mehrmals in der Woche ein Spargelgericht  auf dem Teller zu haben? Spargel ist teuer und so sparen wir uns den Restaurantbesuch."
 Diese Aussichten erfreuten mich nicht unbedingt. Ich gehe gerne essen.
Die Bauarbeiter wühlten den Garten um und bauten an, Vater versenkte sich in Gartenbücher und studierte den Spargelanbau. Ganz bestimmter Sand wurde angekarrt der in Längsreihen mit ganz bestimmter Höhe und Breite aufgehäuft wurde. Die Spargelpflanzen müssen nun wachsen, und wachsen, und erst dann darf man sie zum ersten Mal vorsichtig ernten. Aber wehe man kommt am Morgen zu spät zum Stechen. Dann färben sich die Spitzen blau und die weiße Pracht ist dahin. Es ist ein wunderbares Hobby!
Der größte Teil des Gartens ist Ziergarten. Dicke Hecken trennen die Nachbarn voneinander, davor stehen Rosenbüsche und Nelken und auf dem Rasen wurde der Nussbaum gepflanzt unter dem ich meine ersten Kreuzworträtsel löse, Eis schlecke oder mit Renate und anderen Freundinnen spiele.  An Bayern denkt in diesem herrlichen Sommer niemand und es fällt auch fast nicht auf dass nur drei und nicht vier Personen im Haushalt leben.
 Was für ein Leben in diesem Sommer! Statt strenger Zeitbeschränkung sitzen Renate und ich spät abends noch auf dem Rasen vor dem Haus. In den Ferien schlafe ich bei ihr oder sie bei mir. Die Erlaubnis erschleichen wir uns ganz einfach:
"Mama? Darf ich bei Renate schlafen? Frau Messer hat`s erlaubt." Renate und ich stehen bettelnd vor ihr.
"Na, wenn Renates Mutter ihre Erlaubnis gegeben hat, dann bin ich auch einverstanden", antwortet sie dann.
Gleich danach dieselbe Frage bei Renates Mutter, die bedeutend strenger ist als meine aber auch einwilligt, weil meine Mutter schon ihre Erlaubnis gegeben hat. Renate hat drei Geschwister, eine ältere Schwester die schon arbeiten geht und eine jüngere die sehr mit meiner Schwester befreundet ist und dann noch ihren Zwillingsbruder Carlo. Mit dem geht es oft viel spannender zu als mit Renate die schon sehr auf ihr Äußeres achtet und sich zum Schließen ihrer Cordhose aufs Bett legen muss damit sich der Reißverschluss überhaupt schließen lässt. Dabei doziert sie:
"Genau richtig eng ist die Hose wenn du abends den Abdruck des Verschlusses auf deinem Bauch findest und sie ist eindeutig zu eng wenn du dir den Bauch zwischen den Verschluss klemmst." Welch grausame Vorstellung. Zum Glück besitze ich weder eine Cordhose noch die Figur etwas Enges tragen zu können.
"Wie wär`s", spricht mein Vater eines Tages fröhlich, "wenn wir unseren Sommerurlaub in den Bergen verbringen? Ich habe eine Ferienwohnung in einem ganz bekannten Luftkurort in Österreich gemietet. Von dort aus sind wir gleich in der Natur und können Wanderungen unternehmen. Das ist doch ganz was anderes als nur am Meer zu liegen und aufs nächste Essen zu warten. Wir können Berge besteigen und das Gipfelkreuz anfassen. Welch ein Erlebnis!"
Bisher sind wir meistens auf eine Nordseeinsel gefahren. Das gefällt mir. Bunte Strandkörbe in Sandburgen auf die wir Muster aus Muscheln drückten. Das Wasser ist so kalt dass Schwimmen zur Mutprobe wird, aber man kann sich ja hinterher im Strandkorb, in einen warmen Bademantel gekuschelt, wieder aufwärmen. Luftmatratzen, Bademäntel, Tauchflossen und was man sonst so braucht schlossen wir abends im Strandkorb hinter einem Gitter ein. Der Wind zerrte an den Klamotten, die Möwen schrien und das Büdchen am Strand hatte alles für den kleinen Hunger. An regnerischen Tagen machten wir Ausflüge rund um die Insel und zu den Seehundsbänken. Beliebt war auch die Wattwanderung bei Ebbe zur nächsten Insel oder Vater ging Würmer zum Angeln suchen und wir lernten das Plattfischtreten von den alten Insulanern. Es war einfach schön und beschaulich.
Ganz besonders gerne erinnere ich mich aber an voriges Jahr. Vater hat einige Geschäftskontakte in Jugoslawien, die er in Abständen besucht. Jetzt wollte er seine Geschäfte mit unserem Urlaub verbinden um uns eine ganz neue Welt zu erschließen: den Orient, zumindest einen winzigen Vorposten davon.
Wir starteten eines Abends am Niederrhein und übernachteten südlich von München an der Autobahn. Am nächsten Morgen ging es weiter über die Berge bis nach Maribor. In den tiefen Wäldern des Pohorjegebirges besitzt Vaters Geschäftsfreund ein Jagdhaus. Dort wurden wir einquartiert. Der Garten war dem Wald abgerungen worden und darum sehr schattig. An den Innen- und Außenwänden des Hauses hingen Jagdtrophäen und auch die Möbel waren sehr rustikal aus dunklem Holz gemacht denen man die Unebenheiten der Natur noch ansah. Vor dem Kamin lagen dicke Teppiche und eine  Sitzgarnitur vor dem offenen Kamin bot ausreichend Platz für eine größere Gesellschaft. Die Zimmer ließen keinen gewohnten Komfort vermissen obwohl Vater erzählt hatte dass Jugoslawien kein reiches Land sei und viele Familien in Armut leben.
Am Morgen wurde ich als erste wach und lauschte, aber außer den sich im Wind wiegenden knarzenden Baumwipfeln und ein paar Vogelschreien war nichts zu hören.
Vater fuhr nach dem Frühstück zu seiner Besprechung nach Maribor. Mutter, meine Schwester und ich blieben zurück und waren unschlüssig was wir mit den Stunden bis zum Mittagessen, wo wir alle zusammen essen gehen würden, machen sollten. In dieser fremden Umgebung fühlten wir uns schüchtern und gehemmt, sogar der Garten machte uns keine Freude. Die dichten Tannen ängstigten uns sodass keine Spielfreude aufkam.
Mittags ging es mit dem Auto auf einer breiten Sandstraße die mitten durch den finsteren Wald bergauf führte zu einem Restaurant neben einem Schilift. Wir parkten auf dem großen Sandplatz davor und ich staunte über die Abgelegenheit. Ob sich hier jemand her verirrte um Schi zu laufen?
Der Koch stand eilfertig und Hände reibend in der Tür. Unter dem Arm klemmten die dünnen Speisekarten. Offensichtlich war Vaters Geschäftsfreund kein Unbekannter. Wir nahmen in dem kargen Raum an einem langen Resopaltisch Platz und bekamen den Inhalt der Speisekarte übersetzt. Nach langem Hin und Her entschied ich mich für eine Tomatensuppe. Beim ersten vorsichtigen Umrühren trieben plötzlich Hühnerteile an die Oberfläche. Keine kleinen Fleischstücke sondern vollständige Krallen an denen oben dran noch die picklige, gerupfte weiße Haut hing.
Bei diesem Anblick verschlug es mir den Appetit und das Essen war für mich beendet.
Auf der Weiterfahrt in unseren Urlaubsort auf der Insel Hvar besuchten wir die  Plitvitzer Seen bevor wir in den Orient, Sarajevo,  eintauchten.
Vater manövrierte das Auto durch den Tumult der Innenstadt von Sarajevo auf der Suche nach unserem Hotel. Inzwischen war es Abend geworden. Die Eltern ließen uns in einem orientalischen Palast zurück und verschwanden. Natürlich war es kein Palast, aber es sah für mich so aus. Das Zimmer schien in einem großen, runden Turm zu liegen und hatte fast rundherum große Fenster. Die Betten waren übersät mit Kissen in dunklen, satten Farben. Goldfarbene Quasten quollen über den Bettrand. Bunte Orientteppiche dämpften die Schritte und die Lampen in den mit Lochmustern verzierten Messinggehäusen warfen Schattenmuster auf die Wände. Dazu drang durch die wegen der Hitze weit geöffneten Fenster der Lärm der Gassen vor dem Hotel.
Meine Schwester und ich setzten uns erst einmal auf eines der Betten, ein weiches Lager aus mehreren Matratzen, und schauten uns um. Wie gerne hätte ich aus dem Fenster geschaut, aber ich traute mich nicht. Auf unserem Weg durch die Stadt hatte ich einen Blick auf ihre Bewohner werfen können und was ich sah war so fremd und fern meiner Welt, dass ich Angst bekam. Wir machten uns schnell bettfertig und löschten das Licht bis auf eine kleine Leuchte. In diesem Moment rief der Muezzin vom Turm der nahen Moschee. Ein Schauer lief uns über den Rücken und ich schlüpfte schnell zu meiner Schwester ins Bett. Eigentlich fühlte ich mich ein wenig wie Scheherazade, deren Geschichten ich gelesen hatte, oder wie eine orientalische Prinzessin und ich hätte meiner Schwester gerne eine Abenteuergeschichte aus "Tausend und eine Nacht" erzählt, aber die Worte blieben mir vor Unbehagen im Hals stecken.
Am nächsten Morgen war der Spaziergang durch die schmalen Gassen mit den Eltern bei Tageslicht ein reines Vergnügen. Vater zeigte uns eine Moschee und machte uns auf alles aufmerksam was typisch für den Orient war. So saßen Frauen und Männer in weißen Pumphosen und roten Westen am Straßenrand und verkauften mit lautem Geschrei ihre Früchte. Ein Metzger trug auf seiner Schulter ein halbes Schwein durch das Getümmel der Straßen und knatternde Mopeds, Eselkarren und alte verbeulte Autos manövrierten sich mit unglaublicher Sicherheit durch die Menschenmassen in den engen Gassen. Wir flanierten an vielen kleinen Geschäften vorbei. Die kunstvollen Messing- und Silberarbeiten, die teilweise auf der Straße im Sitzen gefertigt wurden, fand ich besonders schön. Vater hielt alles mit der Filmkamera fest.
Zu unserem eigentlichen Urlaub ging es auf schmalen, kurvigen Küstenstraßen noch weiter in den Süden. Der Anblick von Eselskarren und Lavendelfeldern wurde uns zur Gewohnheit. Rund um unsere Urlaubsinsel war das Wasser durch den felsigen Untergrund herrlich klar und wir schnorchelten in einer kleinen Bucht um Seeigel zu sehen.
Im Hotel waren vor allem Österreicher. Einer hatte mit seiner Tochter unter denselben Pinien wie wir sein Lager für den Badetag aufgeschlagen. Das Mädchen war so alt wie ich und konnte in mehreren Sprachen bis zehn zählen. Ich hatte nur die englischen und französischen Zahlen drauf und es ärgerte mich furchtbar dass sie mehr konnte als ich weil sie mir auch nicht wirklich sympathisch war. Ihr Vater allerdings war ein gemütlicher Mann der einige Male am Tag seine "Jause" auspackte und uns davon anbot. Über das Wort "Jause" und seinen "Schmäh" haben wir uns köstlich amüsiert.
Doch diese Reise sollte noch mehr Wissenswertes vermitteln. So begann die Rückreise mit dem Besuch des Diocletian- Palastes in Split wo Vater seine Geschichtskenntnisse zum Besten gab. Die Rückfahrt führte dann über den Hafen von Triest zum Kaffeetrinken an den Gardasee und schließlich über Meran nach Mittenwald wo ich einem Geigenbauer über die Schulter schauen durfte.
Das waren Reisen!
Und nun die Berge! Ich ahne nichts Gutes. In meiner Vorstellung sehe ich mich bei dreißig Grad Hitze schwitzend eine Felswand erklimmen und vermute, dass sich meine Liebe zur bergigen Natur sehr in Grenzen halten wird.
Nach einer langen Autofahrt kommen wir in Österreich an. Der Ort prahlt  mit bunten Holzhäusern, Hirschgeweihen an jedem kunstvoll geschnitzten Giebel, großen Hotels und Menschen in bunten Trachten.  Nach unserem ersten Rundgang durch den Ort wissen meine Eltern sofort, was ihnen fehlt: eine Tracht. Im nächsten Trachtengeschäft entscheidet sich mein Vater für einen hellblauen Anzug mit alpenländischer Stickerei an den Revers und meine Mutter schlüpft entzückt in ein Dirndl. Nein, wie hübsch! So eines habe ihr schon immer gefallen. Mir will so schnell nichts passen und ich danke dem Herrgott schon für meine träge Verdauung, als die Verkäuferin mit Triumphgeheul aus dem Lager ein Kleid hervorzaubert welches mir tatsächlich passt. So, nun nur noch bezahlen, und als wir strahlend aus dem Laden treten ist mein Vater sicher dass uns jetzt niemand mehr für Touristen sondern für waschechte Tiroler halten wird.
Über die langen Wanderungen in sengender Hitze auf Schotterwegen, immer bergan, in einem Sommerkleid mit festen Schnürschuhen an den Füßen, ohne Aussicht auf eine Pause, Vater treibt uns beständig voran, und ohne die Länge der Wanderung abschätzen zu können, möchte ich schweigen. Der Ekel vor dem vielen Schweiß und die Wut in meinem Bauch treiben mich die Berge hinauf und wieder hinunter. Immerhin bin ich vierzehn Jahre alt und obwohl nicht sehr eitel, besitze ich doch so etwas wie ein modisches Schamgefühl. In meinem Kleid, verschwitzt, laut schnaufend und mit derbem Schuhwerk an den Füßen ist mir bewusst, dass in diesem Aufzug kein Staat mit mir zu machen ist. Ich hasse meine Eltern für diese Zumutungen.
Eines Morgens nach dem Aufstehen ist Blut in meinem Urin. Ziemlich ratlos wende ich mich an meine Mutter. Von meiner Freundin Betty, die in Erwachsenendingen gut Bescheid weiß, hatte ich schon über diesen Umstand gehört aber ich konnte mir nicht vorstellen dass eine Frau tatsächlich zu bluten anfängt und dachte damals, sie flunkert mich an.  Meine Mutter setzt ein stolzes Lächeln auf und meint:
"Na, dann ist es ja soweit. Alle vier Wochen kommt das wieder. Ich freue mich nicht darüber, es ist recht unangenehm, aber das gehört nun mal zum Frausein dazu."
Fertig!
Nach vierzehn Tagen und etlichen Gipfelkreuzen sind wir endlich wieder zu Hause. Die Vorstellung, mein Leben lang in Sichtweite des Alpenmassivs zu wohnen macht mich langsam sehr nachdenklich und ich fange an, den einst verschmähten Niederrhein zu lieben. Ach, wie lieblich klingt sein Singsang in meinem Ohr, und die Fassaden aus rotem Klinker die bisher abweisend, verschlossen und bedrohlich wirkten, strahlen sie nicht Verlässlichkeit und Schutz aus? Wie konnte ich meine Heimat nur so verleugnen. Meine Freunde, die mir oft zu kleinlich und provinziell waren, erscheinen mir als die einzigen Personen die meine Seele retten und meinen Kummer verstehen können. Die große, weite Welt? Ach, geh weg, ich will viel lieber hier bleiben.

Mutter betritt bedrückt das Haus unserer Freunde um mich abzuholen. Ihr gehe es gar nicht gut, versichert sie gleich nach einer kurzen Begrüßung. Aufgeregt gestikulierend erzählt sie, mein Vater und sie hätten sich  umgesehen und nach passenden Schulen Ausschau gehalten, sogar den Ministerialbeauftragten hätten sie gesprochen, aber es sei ungeheuer schwierig etwas  Passendes für mich zu finden. Meine Sprachenkombination entspräche nicht dem bayerischen Standard. Noch bitterer sei es für meine Schwester. Sie müsse auf die Hauptschule zurück da sie für die Realschule zu jung sei. Welche Schande!
Meine Interimsmutter legt beruhigend den Arm um  Mutter und zieht sie ins Wohnzimmer. Mich lassen sie einfach im Flur stehen. Nachdem die schwere Tür geschlossen wurde drehe ich mich um, laufe die Stufen hoch in mein Zimmer, ziehe die Tennissachen an und schwinge mich auf das Fahrrad. Kurz darauf erreiche ich mein Ziel: den Tennisplatz. Er ist mein Anker in der Not, mein Zufluchtsort und meine Kontaktbörse. Hier treffe ich meine Freunde, hier kann ich einfach ich sein. Wie auf ein geheimes Zeichen hin treffen wir uns nachmittags im Tennisheim. Links vom Eingang steht ein großer, rechteckiger Tisch. Dort machen wir es uns mit einem Getränk gemütlich, erzählen witzige Anekdoten aus der Schule und spielen stundenlang Karten. Wir spielen natürlich auch Tennis, so richtig mit Schiedsrichter auf dem hohen Schiedsrichterstuhl, aber auch das müssen wir oft wegen heftigster Lachattacken unterbrechen.
Manchmal tauchen junge Mütter mit ihrem Nachwuchs auf. Sie bitten uns dann auf die Kleinen aufzupassen während sie die Schläger schwingen. Sehr beliebt sind dann unsere Sandkuchen im Erdhaufen neben der Trainingswand.
Heute bin ich spät dran. Keiner ist zu sehen. Mist. Ob ich bei jemandem vorbei fahren soll um ihn zu bitten mit mir ein Match zu spielen?
Unschlüssig klimpere ich mit dem Schlüssel zur Tennisanlage in meiner Hand als ich Reifen auf dem Kies knirschen höre und dann das typische Kreischen einer Fahrradbremse. Die Tür wird aufgestoßen und Uwe schiebt sein Rad ins Gelände. Nach einer kurzen Begrüßung, er gehört zu der Sorte Mann die nicht viele Worte macht, fragt er mich ob ich ein paar Bälle mit ihm spielen würde. Gerne!
Uwe ist sechzehn, furchtbar klug, ruhig und gewissenhaft, dafür aber nicht unbedingt der witzigste unter uns Tennisteens. Er spielt sich sehr gerne als mein Lehrmeister auf. Es ist bekannt dass die Schule von mir nicht unbedingt die Aufmerksamkeit erhält die ihr gebührt, und so fragt er mich jedes Mal ob ich meine Hausaufgaben schon erledigt habe und was ich in der letzten Arbeit für eine Note erzielt habe. Am Anfang habe ich geflunkert und meine Leistungen geschönt, doch auf die Dauer wurde mir das zu dumm und so ertappe ich mich  gleich nach dem Mittagessen oder abends dabei wie ich ganz sorgfältig meine Hausaufgaben erledige und das sogar mit einem gewissen Ehrgeiz und Freude. Inzwischen bin ich auf meine kleinen Erfolge sogar richtig stolz und ich kann es kaum erwarten Uwe davon zu erzählen. Ich freue mich sehr ihn zu treffen.
Wir spielen unsere Bälle hin und her, und her und hin, bis er seine in die Hosentasche schiebt und vom Platz geht. Achsel zuckend gehe ich ihm nach. Er bleibt auf der Terrasse stehen, dreht sich zu mir um und sagt :
"Ich fahre zu den deutschen Tennismeisterschaften nach Düsseldorf und Du kommst mit."
Ich weiß gar nicht was ich sagen soll und meine Gedanken überschlagen sich. Vor Aufregung stammele ich etwas von Mutter fragen und telefonieren und bevor ich mich recht versehe schwingt er sich auf sein Rad und ist verschwunden.
Zu Hause erzähle  ich meiner Mutter von der Einladung. Sie hat natürlich viele Bedenken und telefoniert mit Uwes Mutter. Ich weiß genau dass mein Vater mir diesen Ausflug nie erlauben würde. Unsere Mütter sind sich einig und so beschließen sie dass wir an besagtem Tag um neun Uhr abends wieder heimatlichen Boden berühren müssen.
Es beginnen die aufregendsten Tage meines Lebens. Warum hat er gerade mich gefragt? Und was ziehe ich an?
Ich glaube es wäre mir völlig einerlei wohin er mich mitnehmen würde. Allein die Tatsache dass er allein mit mir diese Tour machen möchte macht aus mir eine Prinzessin. Ich schwebe und traue mich noch nicht mal Renate einzuweihen. Sie würde sich über mich lustig machen und sagen ich sei verliebt. Das ist mir peinlich. Verliebt? Ist das Kribbeln und Schweben in mir drin das Verliebtsein?  Ich weiß es nicht und es ist erst mal egal.
Die Kleiderfrage gestaltet sich sehr schwierig. Meine Eltern bevorzugen praktische Schulmode. Da gibt es den flanellgrauen Trägerrock, unter dem Blusen und Pullover getragen werden. Dann hängt in meinem Schrank ein rotkarierter  Schottenrock, der letzte war blau, zu dem die dunkelblaue Clubjacke mit englischem Schulemblem, die vorherige war rot, getragen wird. Dazu gibt's, je nach Temperatur, weiße Socken oder Kniestrümpfe und im Winter eine Nylonstrumpfhose. Im Hochsommer näht die Schneiderin ärmellose, schlichte Kleider und einen leichten Faltenrock. Für den Kirchgang oder den Sonntagsausflug besitze ich ein Kostüm. Bei Regenwetter ziehe ich einen Popelinemantel, meistens blau, an. Meine Schwester besitzt dieselben Sachen. Wir sind wie Zwillinge gekleidet.
Aber jetzt will ich sofort Teenager sein, kein braves Mädchen im englischen Look. In der Illustrierten meiner  Mutter habe ich Bilder gesehen von jungen Leuten in bunten Sachen, gestrickt, gehäkelt, wilde Haare, Zigarette im Mund und mit frivolem Blick. Nun, ich muss es ja nicht gleich übertreiben, aber so ein bisschen davon wäre nicht schlecht. Schließlich finde ich doch etwas in meinem Kleiderschrank und drehe mich versuchsweise damit vor dem Spiegel und bin entmutigt. Nein, ich verstehe überhaupt nicht mehr, was Uwe an mir findet. Pfannkuchengesicht, gewellte Haare in zwei Zopfgummis gezwängt, dazu von undefinierbarer Farbe und ein runder Körperbau, der vor allem am Bauch ausufert. Oh je, was soll ich tun? Wenn er mich mal richtig ansieht, dann bemerkt er sicher sofort, dass ich überhaupt keine Schönheit bin. Ach, wie gerne wäre ich schlanker, mit blonden oder auch kastanienroten Haaren wie Renate sie hat und dazu viel aufgeschlossener, nicht so schüchtern, vor allem den Jungs gegenüber.
Zum ersten Mal mache ich mir ernsthaft Gedanken über mein Äußeres, und diese Gedanken rauben mir jeglichen Mut in zwei Tagen mit Uwe zusammen in den Zug zu steigen. Da ich auf der anderen Seite pragmatisch veranlagt bin denke ich, es wird schon irgendwie werden und erinnere mich an einen Artikel in dem jemand die Ansicht vertrat, dass hohe Absätze optisch einige Pfunde verschwinden lassen würden. Seit neuestem besitze ich tatsächlich hohe Clogs, auf denen es sich zwar nicht bequem laufen lässt, aber die den gewünschten Effekt erzielen könnten.
 An besagtem Tag werde ich von Mutter zum Bahnhof gefahren und besteige mit Uwe den Zug. Ich bin so schrecklich aufgeregt, dass ich überhaupt nichts mitkriege. Außerdem darf ich ja auch nicht vergessen meinen Bauch einzuziehen. Ehrlich, es ist die Hölle.
Nur aus dem Augenwinkel beim Vorbeistolpern auf meinen figurgünstigen Clogs bemerke ich die Erdbeeren. In kleinen Schälchen liegen sie verführerisch rot im VIP- Zelt. Die Preise sind astronomisch. Einen Apfelsaft können wir uns gerade so leisten.  Wir sitzen während der Spielpausen auf den Zuschauerrängen und ich bewundere die Selbstverständlichkeit mit der sich die anderen Zuschauer dort bewegen. Sie lächeln, grüßen links und rechts, holen Essen und sehen dabei beneidenswert gelassen und elegant  aus. Ich stapfe auf meinen Clogs mit angespanntem Gesicht durch die Tennisanlage und habe kaum Augen für Uwe weil ich an so viele Dinge denken muss wie Bauch einziehen und so. Erst am Abend, irgendwo am Rhein, als wir uns verlaufen haben, den Bahnhof suchen und eine Telefonzelle um meiner Mutter Bescheid zu geben, dass wir den Zug verpasst haben und später kommen, da konzentriere ich mich wieder auf Uwe. Er ist gesprächiger als sonst und sehr besorgt um mich, weil es langsam dunkel wird. Ich fühle mich behütet wie ein kleines Mädchen.
Dann geht alles ganz schnell. Rein in den Zug, wieder aussteigen und zu Mutter ins Auto hüpfen. Uwe fährt mit dem Fahrrad. Es war ein schöner Tag, aber seither ist was anders zwischen uns. Wir können nicht mehr so locker miteinander umgehen und ich finde, er geht mir aus dem Weg. Ich verstehe es nicht. Liegt es an mir?
 Meine Freunde kümmern sich um ihre Schulbücher für das neue Schuljahr und ich bekomme Umzugskartons vor die Tür gestellt. Beim Ausräumen meiner Schränke fällt mir einiges in die Hand von dem ich mich trenne. Meine Puppen nehme ich mit, die Spiele und Puzzles auch, doch so manches Kinderbuch wandert in die Garage. Hier landet alles was nicht mit umzieht.
In einem Kellerraum lagern die Wohnungsreste meiner Oma. Ihr Kleiderschrank ist voll mit Wäsche, Besteck, Porzellan, geschliffenen Kristallgläsern und Kleidern. An langweiligen Nachmittagen schleiche ich mich mit einer Freundin in den Keller, öffne die Türen des Schranks  und wir bewundern die Schätze. Besonders elegant finde ich die Messerbänkchen. Renate kennt sowas nicht und erstarrt ehrfürchtig vor dem offensichtlichen Luxus. Die bunten Weingläser, jedes in einer anderen Farbe, haben üppige Muster im Glas. Wenn man sie gegen das Licht hält dann funkeln sie. Ich finde sie toll aber Mutter behauptet sie passen nicht in unsere Wohnung, die Sachen seien alle zu altmodisch und sie wären nur noch da weil Vater so an seiner Mutter hängt und sich nach ihrem Tod nicht von diesen Dingen trennen könne. Mein Vater ist oft im Keller gewesen bevor er nach Bayern ging. Ob er manchmal ein Glas vor ein Licht gehalten und es zum Leuchten gebracht hat?
Ich denke oft an meine Oma die so früh starb weil ihr die Medizin noch nicht helfen konnte. Sie war Lehrerin, eine elegante Person, die gerne reiste. In den Sommerferien fuhr sie erst nach Italien, dann "zum Abkühlen" in die Schweiz und die letzten Ferientage besuchte sie uns. Ich erwartete sie jedes Mal sehnsüchtig denn ihr Gepäck war voller Überraschungen für mich und meine Schwester. Als ich vier Jahre alt war brachte sie mir eine Strickliesel und eine Häkelnadel mit. Sie zeigte mir Luftmaschen, eine, und noch eine, und ließ es mich ausprobieren. Bald hatte ich es raus und häkelte Luftmaschenschlangen. Wenn ich hundert Luftmaschen gehäkelt hatte schnitt ich den Faden ab und begann von vorne. Stutzig machte mich nur dass ich, obwohl ich mir sicher war immer genau bis hundert gezählt zu haben, unterschiedlich lange Schlangen vor mir liegen hatte.
Vertrackt war die Strickliesel. Als ich sie auspackte gefiel sie mir sofort. Auf einem weißen Stiel saß der rote Pilzkopf mit den Fliegenpilzpunkten. Aber leider machte sie mir keine große Freude. Der Faden, der über einen kleinen Drahthaken mit Hilfe einer Häkelnadel gestülpt werden sollte rutschte oft weg und die Wollschlange die aus dem Stiel herauskam bekam dadurch Löcher und war sehr unansehnlich. Außerdem wusste ich nicht was ich mit der fertigen Häkelei anfangen sollte. Da kamen mir meine Luftmaschen mehr entgegen, auch weil ich zählen konnte, eine meiner Leidenschaften.
Im fünften Sommer fiel mir auf, dass Oma furchtbar dicke Beine hatte. Über dem Schuh bildete sich ein dicker Wulst und sie war auch nicht mehr so heiter wie sonst. Die Eltern flüsterten miteinander, was sie sonst nicht taten, und erst als Oma wieder abgereist war sprachen sie offen über ihre geschwollenen Beine. Die Oma sei krank, hieß es, und bald darauf lag sie im Krankenhaus. Wir fuhren sie dort besuchen. Das war weit und wir schliefen in ihrer Wohnung. Es war später Herbst und die Wohnung trotz Ofenheizung sehr kalt. Ich fühlte mich überhaupt nicht wohl.
Im Krankenhaus musste Vater der Oma die Beine ins Bett heben, so schwer und dick waren sie. Er sprach mit dem Arzt. Der schüttelte nur den Kopf und meinte man könne ihr nicht  helfen, die Medizin wäre dazu noch nicht in der Lage. Im Auto auf dem Heimweg schimpfte Vater über den Quacksalber dem meine Oma ihr Vertrauen geschenkt hatte, denn eins war sicher: wäre sie frühzeitig richtig behandelt worden hätte man eine Niere retten können. Und so starb sie kurz nach Weihnachten. Ich habe sie lange sehr vermisst.

Nun denn, Vater ist ja in Bayern und kommt nur an den Wochenenden nach Hause. Deshalb packen wir drei alles zusammen. Die Kisten stapeln sich in jedem Zimmer und nun wird jedem klar: es ist bald soweit. Nach der langen Zeit der Vorbereitung wollen wir nun endlich umziehen und die neue Heimat kennenlernen. Vater hat extra Urlaub genommen um uns zu helfen. Seine Aufgabe ist es den Keller zu entrümpeln. Alle Schätze seiner Mutter, die er die vielen Jahre im Keller aufbewahrt hat landen nun in der Garage auf einem großen Haufen der entsorgt werden soll. Der Haufen reicht bald bis unter die Garagendecke. Was haben wir bloß alles im Keller gehortet? Die Einrichtung der Kellerbar jedenfalls kommt mit. Sie besteht vor allem aus Mitbringseln seiner Weltreise: dem ausgestopften Alligator aus Neuseeland, dem Bumerang aus Australien, der bunten Lampe aus einem Basar in Afrika die nie richtig leuchten wollte, den Fischernetzen mit den Hummerschalen und Seesternen, der beleuchteten Gondel aus Venedig, dem alten Bullauge, den vielen Postkarten und den Kofferdeckeln mit hunderten Hotelaufklebern drauf aus aller Herren Länder die er an der Zimmerdecke dekorativ aufgehängt hatte.
Manches Stück landet erst in der Garage, dann wieder in einem Umzugskarton. Ein munteres Spiel. Bis Vater energisch das Urteil fällt, egal wie sehr meine Mutter zetert. Das haben wir eigentlich nie so konsequent erlebt. Gut, mit der Schule lässt er nicht mit sich spaßen. Das ist mir immer klar, aber sonst kann man mit ihm streiten ohne dass es Konsequenzen hat. Es ist ein Spiel. Interessant ist eigentlich nur wer die besseren Argumente hat und wer als Sieger des verbalen Duells hervor geht. In letzter Zeit hole ich auf und ich merke, es ist kein Spiel mehr. Wir sind alle ernster geworden. Vater und Mutter habe ich schon lange nicht mehr miteinander lachen hören. Vater ist sogar sehr streng geworden. Ohne lange Diskussion entscheidet er Streitgespräche, achtet nicht auf Argumente und wird sehr schnell aufbrausend. Mutters Stimmung ist auch eher düster geworden. Wortkarg räumt sie hin und her. Offensichtlich macht niemandem der Umzug Freude auf ein neues Zuhause.
Vater war in den Jahren vor seinem Schritt nach Bayern erster Vorsitzender des Tennisclubs und somit auch der Vergnügungsoffizier. Es gab häufig Feste, Turniere oder Jahrestage zu feiern. Ich habe ihn immer fröhlich, jovial und kameradschaftlich erlebt. Er nahm vieles gelassen und verströmte Vertrauen, Heiterkeit und Zuversicht. Was ich jetzt sehe macht mir Sorge. Vielleicht gefällt ihm die neue Firma gar nicht und die Kollegen sind auch nicht nach seinem Geschmack? Vielleicht bereut er seinen Entschluss? Sein Pflichtgefühl seinem Vertrag und dem neuen Arbeitgeber gegenüber lässt ihn schweigen. Ich glaube wir alle hier am Niederrhein  würden es ihm verzeihen wenn er seine Entscheidung revidierte. Doch es passiert nichts. Wir packen weiter.
Nun steht der Möbelwagen vor der Tür. Zum letzten Mal schließt der Fahrer die Wagenklappe, setzt sich hinter das Steuer und fährt los. Meine Schwester und Vater mit einem Auto gleich hinterher. Sie wollen heute noch bis Bayern kommen. Ich soll, als Vaters Vertretung, mit Mutter fahren und sie stellvertretend beschützen. Es ist heiß. Ich schiebe das Verdeck unseres Käfers nach hinten und winke den Nachbarn, die schüchtern und erwartungsvoll vor ihren Häusern stehen und zurückwinken. Fünfzig Meter weiter, nach der ersten Kurve, beginnt Bayern.

Es ist ein Abenteuer. Mutter und ich schleichen gen Süden über die Autobahn. Der alte Käfer hat Mühe mit den Lastern mitzuhalten. Bergauf werden wir gnadenlos von ihnen überholt, abwärts nutzen wir unsere Chance und versuchen unseren Platz weiter vorne zwischen den Lastern zurückzuerobern. Die Lastwagenfahrer winken uns lachend bei jedem Überholmanöver zu. Die Sonne knallt durch das geöffnete Verdeck und verbrennt meine Schultern. Ich klemme mir Tempos unter die Kleiderträger damit sie meine Haut schützen.
Als es dunkel wird entschließen wir uns bei der Verwandtschaft in Darmstadt Station zu machen. Sie nehmen uns freudig auf, denn wir sehen uns sehr selten. Nach einem guten Frühstück, versehen mit den besten Wünschen und der Bitte um baldiges Wiedersehen treten wir den Rest der Reise an. Es ist schwül und unsere Stimmung sinkt zusehends je mehr wir uns der neuen Heimat nähern. Schließlich biegen wir in unsere neue Straße ein. Ganz still wird es im Auto als wir beide zum ersten Mal durch viele Reihenhausreihen fahren. Jede ist gleich, nur die Farben unterscheiden sie voneinander. Unsere Reihe ist hellbraun mit einem dicken dunkelbraunen Streifen in Höhe der Geschossdecke. Die Reihe vor unserer ist grün mit dunkelgrünem Streifen. Der Garten ist ein Witz. Vor der Terrasse ein Rasenstück das nur ein Bruchteil der Größe unseres alten Vorgartens hat. Daran schließt sich gleich die rückwärtige Wand unserer Garage an. Zur Straße hin ist eine Thujahecke gepflanzt worden. Die ist so klein dass meine Schwester und ich  in den nächsten Wochen aus Langeweile stundenlang über sie drüber hüpfen.
Das Hausinnere ist ein Alptraum. Mutters Küche, gleich rechts, ist ein einziges Durcheinander. Die Wände sind entweder zu kurz oder zu lang oder sonst wie und ihre Küchenmöbel lassen sich nicht sinnvoll zusammenstellen. Schließlich steht überall etwas. Vater flucht, Mutter schlägt die Hände über dem Kopf zusammen und beginnt zu lamentieren.
"Das ist wie es ist. Für mehr habe ich keine Zeit", faucht mein Vater um den Protest möglichst rasch zu ersticken.
Ich schleiche mich die Stahltreppe mit Holzstufen hinauf in mein Zimmer. Nordseite mit Blick auf die zurückgelassenen Erdhügel der Bauarbeiten. Links eine hohe Mauer die ein Grundstück einfasst. Kein Baum, kein Strauch, kein hübscher Garten mit Blumen. Meine Möbel sind viel dunkler als zu Hause. Fahle, weiße Wände runden die Tristesse ab. Meine Schwester sagt nicht viel zu ihrem Zimmer mit Balkon und Blick auf den "riesigen" Garten und die anderen Häuserreihen. Sie scheint zufrieden.
Das Wohnzimmer ist der furchtbarste Raum. Unsere großzügigen Möbelstücke stehen sich gegenseitig im Weg. In der Essecke hat gerade der Tisch mit vier Stühlen Platz. Wollen wir essen rücken wir die Sessel zur Seite um vorbei zu kommen. Unsere Teppiche liegen halb  übereinander und die Wände strahlen in derselben weißen Kälte wie überall im Haus. Dies ist kein Ort an dem man sich wohlfühlt.
Vater sieht die Misere wohl auch, denn er verbreitet bei jeder gemeinsamen Mahlzeit Durchhalteparolen. Dies sei ja nur ein Übergang und er ist froh überhaupt etwas gefunden zu haben das bezahlbar ist. Außerdem suchen wir ein neues Eigenheim in einem anderen Vorort.
"Die guten Vororte liegen immer im Westen einer Stadt. Das hat was mit Wind- und Wetterrichtung zu tun."
Diese Weisheit verkündet er stolz und so beginnt er tatsächlich im betuchten Westen ein Haus für uns zu suchen. Allerdings hat er kaum Zeit dafür denn seine Firma schickt ihn pausenlos in alle Länder dieser Welt. Freitagnacht kommt er meist nach Hause, Mutter packt den Koffer um und sonntags geht's schon wieder weiter.
Wir drei daheim mausern uns zu einem Team. Ich vor allem übernehme den Vorsitz. Wir besprechen die nächsten Schritte in unserer neuen Heimat und ich höre mir Mutters täglichen Frust an.  Das geschieht von uns  ganz unbemerkt. Der Wandel ist spürbar wenn Vater mal zu Hause ist. Zwischen uns beginnt ein verstohlener Machtkampf. Wenn Vater nach unseren Plänen für die anstehende Woche fragt so lasse ich mir kein "Nein" gefallen. Ich lehne mich auf, ich protestiere, ich will diskutieren, ich verweigere meine Zuneigung in Form eines Gute-Nacht-Kusses, der Vater plötzlich sehr wichtig ist, und so zieht bei uns der Streit ein. Vater versucht mit eiserner Gewalt die Oberhand zu behalten aber ich gebe nur wegen des Wochenendfriedens klein bei. Er weiß das, ich bin mir sicher. Aber bevor er darüber nachdenken kann sitzt er im nächsten Flieger auf dem Weg zu seinen Geschäftspartnern.
Am Tag unseres Umzugs begannen für die bayerischen Schüler die Sommerferien und so habe ich noch einmal sechs Wochen frei. Meine Schwester und ich langweilen uns schrecklich. Weil wir noch niemanden kennen vertreiben wir uns meist miteinander die Zeit, mit Bocksprüngen über die Gartenhecke und Fernsehen. Oben unter dem Dach steht unser Klavier. Fast täglich setze ich mich nun hin und übe stundenlang. Ich spiele alles was mir in die Finger kommt. Mein eigener Klavierunterricht liegt viele Jahre zurück aber ich bin erstaunlich fit. Was bisher nur ein netter Zeitvertreib war wird zur Passion, ja ich kann eigentlich gar nicht mehr mit dem Spiel aufhören. Bald kaufe ich mir neue Noten und zu Weihnachten wünsche ich mir die gesammelten Klaviersonaten von Beethoven als Noten und auf Schallplatte.
Eines Tages fährt Mutter mit uns zu unseren neuen Schulen. Meine Schwester hat`s nicht weit. Sie kann zu Fuß gehen. Meine Schule liegt in der Innenstadt. Ein alter Kasten der mich an meine ehemalige Schule erinnert. Die Direktorin begrüßt uns mit strengem Blick. Es sei eine Gnade als Auswärtige einfach so in diese Schule aufgenommen zu werden. Man achte schließlich auf Qualität und meine Zeugnisse seien ein Beweis dafür, dass an meiner Ernsthaftigkeit und an meinem Willen einen guten Schulabschluss zu machen Zweifel angebracht seien. Man beschäftige sich nicht gerne mit offensichtlichen Verlierern.
Mutter fährt mich unterTränen wieder nach Hause. Sie würde am liebsten Vater verlassen und mit uns Kindern zu ihren Eltern nach Norddeutschland zurückgehen, beteuert sie pausenlos. Mit dieser kalten Art der Leute könne sie nicht leben. Ich sitze stumm daneben und ziehe mich ganz tief in mich zurück.
Ich schreibe sehnsüchtige Briefe an Renate aber ich glaube, sie versteht nichts. Wie kann sie auch. Das hier muss man am eigenen Leib erfahren weil es unvorstellbar ist. Manchmal lache ich bitter über mich selber. So, den Niederrhein verlassen und sich den Wind um die Nase wehen lassen? Schöner Wind. Das ist der von der eisigen Sorte, den hätte ich mir freiwillig nie ausgesucht.
Am ersten Schultag finde ich mich auf dem Hinweg in die Stadt einigermaßen zurecht. Mutter hatte mir eingebläut meinen Klassenlehrer nach dem Unterricht höflich nach dem aktuellen Wissensstand zu fragen. Mit diesem Auftrag im Kopf betrete ich die neue Lehranstalt und finde mich bald in meiner Klasse ein. Sie befindet sich oben unter dem Dach. Die Einrichtung unterscheidet sich nicht wirklich von der die ich bisher kennenlernen durfte, nur die Fenster sind sehr weit oben. Man kann vom Sitzplatz aus nicht nach draußen sehen. Meine Banknachbarinnen beäugen mich kurz, wir stellen uns vor und sie fragen  recht uninteressiert nach wo ich herkomme. Aus einem anderen Bundesland?
"A Preiß", stellen sie fest und lassen mich stehen. Ich finde sie ganz in Ordnung und dass sie mit meiner Herkunft nichts anfangen können sehe ich ihnen nach. Es stellt sich heraus dass ich mit über einem Jahr Abstand die jüngste in der Klasse bin. Ob ich eine Klasse übersprungen habe? Diese Frage kitzelt in meinem Magen. Ich erkläre dass ich zwei Kurzschuljahre hinter mir habe und dadurch schon mit neun ins Gymnasium kam. Auch das verstehen sie nicht und wenden sich vertrauteren Dingen zu.
Jetzt betritt ein dünner, kleiner Mann mit aschblonden Haaren im grauen Anzug die Klasse, unser Mathe- und Klassenlehrer. Das normale Prozedere beginnt wie jedes Jahr:  Stundenplan, Wahl der einzelnen Ämter und ein kurzer Abriss über den Mathelernstoff des neuen Jahres. Hier verstehe ich nur Bahnhof und schlucke schwer. Dann erinnere ich mich an Mutters Auftrag und finde ihn jetzt sehr sinnvoll. Der Lehrer wird mir sicher weiterhelfen können.
Kurz vor Ende der Stunde stößt er eine Diskussion an die mir ganz neu ist. Die Oberstufe streikt für die Einrichtung eines Raucherzimmers unter dem Dach. Rauchen ist auf dem Schulgelände nicht erlaubt aber fortschrittliche Anstalten erlauben einen separaten Raum in dem alle ab der zwölften Klasse ihrer Sucht frönen können. Die Abstimmung endet pro Raucherzimmer und die Stunde ist zu ende. Nun beginnt mein Auftritt. Da er meine Anwesenheit offensichtlich nicht registriert hat stelle ich mich vor. Meine ausgestreckte Hand übersieht er. Statt einer Begrüßung stürzt eine Schimpfkanonade auf mich ein dass mit Hören und Sehen vergeht. Was ich mir einbilde in Bayern das Gymnasium besuchen zu wollen. Vor allem vom roten NRW sei bekannt dass die Schulen überhaupt nichts taugen. Alle Preißn sollen sich dahin zurückscheren wo sie herkommen oder gleich die Hauptschule besuchen denn für etwas anderes seien sie nicht zu gebrauchen. Ihm tritt vor Wut fast der Schaum vor den Mund. Ich stehe vor ihm wie ein Häuflein Elend. Verstehen kann ich seinen Ärger überhaupt nicht und Preuße bin ich auch nicht. Ich komme vom Niederrhein aber das will hier keiner hören.
 Tränen steigen auf und tiefe Verzweiflung nimmt von mir Besitz. Vor Schreck finde ich meinen Bus nicht mehr und steige irgendwo ein. Bald verlasse ich den Bus wieder weil er meiner Ansicht nach doch der falsche ist und laufe mehrere Kilometer an einer endlos langen vierspurigen Straße entlang. Heulend komme ich nach Hause. Dort bin ich nicht in der Lage Mutter dieses Erlebnis zu schildern. Ich nuschele etwas von "alles in Ordnung" und verschwinde in meinem Zimmer.
Der Schulalltag beginnt und ich versinke im Chaos. Weder in Mathe noch in Englisch oder Deutsch bin ich annähernd auf dem Stand der Dinge. Meine Noten sind dementsprechend. Mutter wird mehrmals zur Rektorin bestellt. Wenn ich nach diesen Sitzungen nach Hause komme sitzt sie heulend am Tisch. Überhaupt haben bei uns Mutters Tränen das Regiment übernommen. Sie kann sich nicht mit dem neuen Zuhause anfreunden und flüchtet sich in die Zeit vor ihrer Ehe in Norddeutschland. Diese alten Geschichten sind ihr einziger Trost.
Ich weiß nicht was sie meinem Vater erzählt wenn er denn mal da ist. Als Schlusspunkt höre ich nur:
"Sie ist nicht dumm, sie soll sich anstrengen und dann wird sie es schon schaffen."
Ich bemühe mich wirklich, aber es ist keine Hoffnung in Sicht.
Vom Zeichnen eines Kreises mit der Erläuterung des Begriffes "Winkel",  meiner letzten Mathestunde in NRW, zur Segmentberechnung eines Kegels führt für mich kein Weg.  In Windeseile erlerne ich die Formeln und mathematischen Abkürzungen aber es fehlt einfach an der Anleitung. Nachhilfe steht nicht zur Debatte.
"Wir kennen hier niemanden und das ist zu teuer."
Zu teuer? Das Wort hat es bei uns noch nie gegeben. Ich denke Vater ist wegen des Geldes nach Bayern gegangen? Überhaupt wird viel über Geld gesprochen. Zinsen,  Abzahlung und Haushaltskosten sind beliebte Themen. Ich würde es begrüßen wenn sie sich mal ruhig und vernünftig über meine Probleme unterhalten würden. Doch es herrscht  bei uns sofort dicke, gereizte Luft wenn sich das Gespräch diesem Sprengstoff nähert. Jeder macht einen weiten Bogen darum. Ich natürlich auch, denn es ist nicht lustig mitten in die Schusslinie von Vaters verbalen Attacken zu geraten. Es hagelt Vorwürfe und Schuldzuweisungen und wir werden sofort sehr laut.
Ich fühle mich überfordert und allein gelassen. Eines Tages, als Mutter wieder mal in der Schule vorsprechen muss und ich  nach Schulschluss die Treppe zum Schultor hinuntergehe schwöre ich einen Eid mit mir selber. Sollte ich jemals Kinder haben werde ich sie niemals so alleine in der Luft hängen lassen. Für sie würde ich wie eine Löwin gegen jede Ungerechtigkeit  und Diskriminierung kämpfen. Nichts könnte mich aufhalten. Jede "Preiß"- Stigmatisierung würde ich ahnden, würde in der Schule für ihre Rechte kämpfen und mich nicht zum schulpolitischen Spielball machen lassen.
Jeden Abend liege ich noch lange wach. Mich beschäftigen die Bücher die ich gerade lese. Ich lese gern und viel. Aus der Jugendlektüre mache ich mir nichts mehr. Ich habe Mutters Bücherwand für mich entdeckt:  Biografien, Bildbände über das heilige Land und östliche Meditation und natürlich auch viele Romane. Ein Buch beschäftigt mich sehr. Es spielt gleich nach dem zweiten Weltkrieg und erzählt die Geschichte europäischer Juden, die wochenlang auf einem Schiff im Mittelmeer ausharren müssen weil sie von den arabischen Staaten keine Landeerlaubnis erhalten. Es ist bekannt, dass sie einen jüdischen Staat gründen wollen, deshalb will ihnen kein Land Asyl gewähren. Die Weltpolitik schaltet sich ein und rettet die Juden in letzter Minute vor dem sicheren Hungertod. Mir wird bewusst wie wenig ein Menschenleben  gegen politische Interessen wert ist.
Wenn ich  nicht einschlafen kann rechne ich mir aus, wann ich der bayerischen Hölle entfliehen könnte. Nehmen wir an, ich machte in vier Jahren Abitur, dann muss ich ungefähr drei Jahre studieren um Grundschullehrerin zu werden. Das hieße ich wäre ungefähr mit zweiundzwanzig Jahren finanziell in der Lage mich alleine durchs Leben zu bringen. Für mich ist klar: du packst sofort nach dem Examen die Koffer und gehst zurück an den Niederrhein, oder sonst wo hin. Es ist egal: bestehst Du in Bayern dann bestehst du überall auf der Welt.
Und wenn ich dann immer noch wach bin dann überlege ich welches durchschnittliche Heiratsalter Frauen haben könnten und lege mich recht willkürlich auf fünfundzwanzig fest. Das bedeutet:  Zehn Jahre muss ich noch durchhalten, dann habe ich eine eigene Familie und kann meine Zukunft selber formen. Zehn Jahre sind eine verdammt lange Zeit. Und wo soll ich einen Mann kennen lernen der mich akzeptiert wie ich bin, eben als Preiß, über meine Rundungen hinweg sieht, meine Sehnsüchte mit mir teilt und auch noch heftig streiten kann ohne davon zu laufen? Ich glaube, den gibt es überhaupt nicht. Sehr entmutigend.
Meine Lehrer sehen glasklar meine Defizite und ich werde bald eine Klasse zurück gestuft.  Es ist mir egal. Die Klassenkameraden sind so gut und so schlecht wie die anderen vorher. Standhaft wehre ich mich gegen die Bezeichnung "Preuße". Ich schlage sogar im Lexikon nach und versuche meine Mitschüler zu belehren dass ich mit dem Preußentum so viel zu tun habe wie Weißwurst mit Marmelade. Doch niemand will mich hören. Es ist wie der Kampf gegen Windmühlenflügel:  bist du ein "Preiß" dann bleibst du ein Leben lang ein "Preiß".
Sobald ich meinen Mund öffne werde ich zurecht gewiesen:
"Du kannst gar nicht mitreden. Preißn verstehn davon nichts."
Oh, es ist zum Haare raufen. Wie gerne möchte ich mich über die Höhe der Rüstungsausgaben des Bundes echauffieren. Mir fallen tausend sinnvollere Verwendungsmöglichkeiten für das viele Geld ein. Seit einiger Zeit lese ich Zeitung. Nicht nur die Comicseite, nein, vor allem Politik und Wirtschaft. Ich finde die Themen sehr spannend. Das geht uns alle an. Ich will eine mündige Bürgerin sein, kein verwöhntes Mädchen.  Mein Herz klopft stark für alle Benachteiligten unserer Gesellschaft. Ich möchte den Wald retten und die Schule reformieren. Klar, gegen Atomkraft und für einen autofreien Sonntag bin ich auch. Mein einziges Problem ist, dass sich niemand mit mir darüber unterhalten will. Manchmal noch nicht einmal weil ich ein Preiß bin sondern weil die anderen nur Quatsch machen wollen. Es fehlt ihnen an Ernsthaftigkeit.
Es ist schon komisch: vor einem halben Jahr war ich so unwissend wie ein neugeborenes Baby und hatte auch nur meinen Spaß im Sinn. Jetzt suche ich echte, schonungslose  Konfrontation. Vater ist mein bester Sparringspartner. Ohne Tabus rücke ich ihm zu Leibe. Vor allem grüne Themen kann er nicht leiden. Alles Spinnereien, meint er, und wer soll die vielen Arbeitslosen bezahlen? Würde man aus Rücksicht auf die Umwelt  die Fabriken schließen die besonders viel Schmutz, Lärm und Emissionen ausstoßen, dann würde Deutschland unweigerlich an den Rand des finanziellen Ruins geraten. Natürlich gibt es viele Argumente gegen diese These. Unsere Streitereien bekommen einen scharfen Ton. Wenn die Diskussionen früher von milder Güte bestimmt waren so wird Vater jetzt schnell laut und persönlich. Oft fliegen die Fetzen, Türen knallen und ich schwöre mir, dass ich so bald als möglich ausziehe um diesem verbalen Stress aus dem Wege zu gehen. Aber lassen kann ich es auch nicht und so befinde ich mich bei nächster Gelegenheit wieder in einem Hahnenkampf. Als Symbol für unsere Zweikämpfe schenkt mir Vater zum Geburtstag ein Puzzle. Zwei Ziegenböcke stehen sich taxierend gegenüber, die Hörner schon in Stellung gebracht. Wir lachen beide darüber.
Eines Morgens betrete ich mein Klassenzimmer. Keiner sitzt auf seinem Platz, alle stehen um den Platz von Monika herum. Neugierig stelle ich mich dazu.
"Was ist los?" frage ich ahnungslos und im selben Moment bemerke ich, dass Monika in Tränen aufgelöst auf ihrem Stuhl sitzt. Sie sei schwanger, wird mir mitgeteilt, und sie müsse wohl die Schule verlassen. Noch niemals vorher durfte eine Schwangere weiter zur Schule gehen. Sie sei ein schlechtes Vorbild für die anderen Schüler. Man wolle Wissen vermitteln und keine Lebenshilfe, erklärt der erste Lehrer der das Klassenzimmer betritt.
Monika ist mir bisher kaum aufgefallen. Sie ist eher klein mit dunkelbraunen, langen Haaren und sehr still. Ich weiß nicht ob sie eine gute oder schlechte Schülerin ist, aber das spielt nun keine Rolle. Sie wird auf ihrem Stuhl immer noch kleiner je länger sie weint. Einige Schülerinnen beginnen zu  diskutieren, erst leise unter sich, dann immer lauter und fordernder. An Unterricht ist nicht zu denken.
Es geht nicht an, finden wir, dass in diesen aufgeklärten Zeiten noch Sitten aus dem Mittelalter jungen Leuten die Bildung suchen aber durch widrige Umstände vielleicht zweitweise verhindert sind, der Zugang zur Schule versperrt wird. Monika war schon bei der Direktorin die ihr unmissverständlich klar machte, dass sie ab sofort nicht mehr am Unterricht teilnehmen dürfe. Dieses Urteil wollen wir nicht hin nehmen. Der Lehrer vor uns versucht uns zur Ruhe zu zwingen, droht mit Nachsitzen und Verweis, wird lauter und seine Gesichtsfarbe wechselt von fahler Blässe, bedingt durch das  Studieren von Büchern und unseren Arbeiten  zu aggressivem Rot, ja seine Haare stellen sich auf und ich befürchte dass er gleich explodieren wird. Trotzdem geben wir keine Ruhe. Plötzlich liegen große Bögen Karton auf den Tischen. Wir beugen uns darüber und beschriften sie mit markigen Parolen:
Schwangere haben Recht auf Bildung.
Lieber ohne Direx als ohne Schwangere.
Kinder sind die Welt von morgen.
Mit geballten Fäusten drängen wir ins Treppenhaus, poltern die Treppe zum Sekretariat hinauf, Monika wie ein Schild vor uns her schiebend, und postieren uns  im Gang vor dem Lehrerzimmer. Unsere Sprechchöre zerreißen die furchtbare Stille die diesen dunklen Gang beherrscht. Monikas Tränen versiegen und ihr Gesicht bekommt einen trotzigen Ausdruck.
Kaum beginnen wir mit unserem Geschrei reißt die Direktorin ihre Türe auf und baut sich vor uns auf. Empört stemmt sie ihre Hände in die Hüften und fordert uns auf sofort ins Klassenzimmer zurück zu gehen. Unser Lehrer hastet nun nach vorne und versucht den peinlichen Fragen nach seinem Durchsetzungsvermögen zuvor zu kommen. Mit großen Gesten stellt er seine aussichtslose Position dar und, wir glauben ihn falsch zu verstehen weil es schier unvorstellbar schien, rät er der Direktorin, zwei Vertreter unserer Klasse  zusammen mit Monika zu einem Gespräch zu bitten. Tatsächlich lässt sie sich darauf ein. Der Gesprächstermin wird auf die Zeit nach dem heutigen Unterricht festgelegt.
Triumphierend treten wir den Rückzug an. Wir haben gewonnen, rufen wir, doch unser Lehrer, vorhin noch ganz uneinsichtig, mahnt uns zur Ruhe. Er sei ohne weiteres einverstanden Monika bis zur Geburt des Kindes zu unterrichten und er denke, dass er jetzt auch für einige seiner Kollegen sprechen könne, aber ein Gespräch sei noch kein sicherer Sieg.
Ganz aufgeregt treffen wir uns am nächsten Morgen und tatsächlich, eine strahlende Monika sitzt in unserer Mitte. Sie darf bleiben und wenn das Kind da ist und sie sich in der Lage fühlt darf sie weiter in diese Schule gehen und ihr Abitur machen.
Wir bestürmen sie nun mit Fragen nach ihrem Befinden und den Vorbereitungen, die sie sicher für das Kind treffen müsse. Ich habe sie vorher nie so mitteilsam erlebt. Sie erzählt ganz neue Dinge von Besuchen beim Gynäkologen, ich kenne nur den Kinderarzt und den Zahnarzt, von dem wachsenden Bauch, dem Geburtsvorbereitungskurs und der häuslichen Situation. Sie möchte mit ihrem Freund zusammenziehen, aber die Eltern haben sich noch nicht entschieden. Dann hechelt sie uns noch was vor, so wie sie es für die Geburt lernt, nennt ihre Entbindungsklinik und das voraussichtliche Geburtsdatum. Meine Neugier an diesen Dingen ist bedient. Ich verziehe mich auf meinen Stuhl. Die anderen folgen bald nach und der Schulalltag beginnt, doch diese Geschichten beflügeln meine Fantasie.
Abends im Bett versuche ich mir diese Vorgänge vorzustellen. Nein, komme ich zu dem Ergebnis, das ist nichts für mich. Klar möchte ich Kinder, aber nicht so früh. Wenn ich mir den Geburtsvorgang vorstelle dann  entscheide ich mich dafür diesem Thema noch sehr lange aus dem Weg zu gehen.
Jeden Morgen vor dem Unterricht treffen sich hunderte Schüler am zentralen Busbahnhof.  Aus allen Richtungen rollen Busse und Straßenbahnen heran. In der Mitte entsteht dadurch ein Platz auf dem ein runder Verkaufskiosk steht. Die Schüler stehen in Gruppen dicht gedrängt zusammen. Zwei Mädchen aus meiner Klasse die mit demselben Bus wie ich  fahren haben mich dorthin mitgenommen. Zu unserer Gruppe gehören auch ein paar Jungs die ein nahe gelegenes Bubengymnasium besuchen. Die sind recht lustig, doch Ihr liebster Zeitvertreib besteht darin, mir das Bayerische nahe zu bringen.
"Sag mal Oachkatzlschwoaf", ist äußerst beliebt weil bekannt ist, dass kein Preuße diese seltsamen Vokalverbindungen akzentfrei hin bekommt. Ich winde mich wie ein Wurm um mich nicht der Lächerlichkeit preis zu geben. Wie ist das peinlich wenn man die Vokale im Mund dreht und wendet und das Ergebnis einfach lachhaft ist. Meine Freunde haben ihren hellen Spaß an mir und suchen nach neuen Sprachhürden für Preißn. Besonders hässlich klingt das "Griaß Di" in meinen Ohren. Das i stoßen sie ganz spitz hervor. Es kommt wie ein Speer auf mich zu, rammt sich in meinen Bauch und verursacht Magenschmerzen.
Erleichtert gehe ich, wenn es Zeit ist, Richtung Schule. Die vielen Schüler verstreuen sich in wenigen Minuten. Dann bleibt der Platz mit seinem Kiosk leer, kahl und grau zurück. Straßenbahnen biegen kreischend um die Ecken und spucken an der Haltestelle hastige Menschen aus die durch leere Straßenfluchten zu ihrer Arbeitsstätte hetzen. Unsere Schülerkolonne kommt inzwischen vor dem Schultor an. Ich nutze die Zeit und philosophiere mit einer Mitschülerin über Politik oder informiere mich über den Lernstoff einzelner Fächer. Dabei versuche ich natürlich auch den lächerlichen Eindruck den ich vor ein paar Minuten erweckt habe vergessen zu machen. Ich bin nicht doof, ich will was wissen und können, aber ich bekomme alle Ansprüche nicht auf die Reihe.
Am Niederrhein war ich lustig, weil alle lustig waren, und es war gut so. Wir haben viel gelacht, nicht übereinander, nein, miteinander, ohne Spott und Schadenfreude. Ich habe viel Sinn für Humor und ich kann lachen, laut und lange, bis mir die Tränen kommen und die Luft wegbleibt. Das tue ich immer noch gerne, aber ich befürchte, ich habe nicht mehr viel zu lachen.
Schule ist gleich mittlere Katastrophe ohne Lichtblicke, und ich nehme ohne Interesse teil. Unterricht muss sein, sehe ich ein, und meine Lebensvorstellungen basieren ja auch auf einer guten Ausbildung. Meine Mitschülerinnen wollen Jura studieren oder Ingenieurwesen. Darauf konzentrieren sie sich und lassen sich nicht ablenken. Und ich? Kein Plan. Ich höre von Aussteigern und Kommunen. Das stelle ich mir spannend vor, aber mir fehlt der Mut mein Leben so radikal zu ändern. Was würde mein Vater dazu sagen? Sein Geschrei möchte ich mir nicht mal vorstellen. Da gehe ich lieber zur Schule und füge mich.
Die Jungs laden mich bei schönem Wetter zum Baden an den Badeweiher ein. Der liegt gleich in der Nähe unseres Hauses und so radle ich nach den Hausaufgaben zum Baden. Grober Kies säumt das Ufer rund um den See. Dahinter befinden sich baumbestandene Wiesen. Bei schönem  Wetter ist sehr viel los. Das Wasser ist klar und wir schwimmen oft ans gegenüberliegende Ufer. In der Seemitte liegt eine hölzerne Plattform vertäut. Die ist bei den kleineren Jungs sehr begehrt. Wir legen uns zum Trocknen schon mal auf den Bootssteg  an dem nie Boote festmachen, weil  sie auf dem See verboten sind. Der ist aber von  jungen Erwachsenen belagert und die wollen uns Halbwüchsige nicht in ihrer Nähe haben.
Jeder hat seinen festen Liegeplatz. Ich finde unseren, gleich bei der dritten Baumgruppe, mit verbundenen Augen. Wir sind lustig und unbeschwert, in den Ferien lasse ich auch das Diskutieren und meine Mitschülerinnen können richtig entspannt sein. Schule ist kein Thema. Trotzdem kann ich nicht sagen dass eine meiner Mitschülerinnen meine Freundin wäre. Ich finde nicht den rechten Gleichklang im gemeinsamen Umgang. Immer wieder stoße ich auf Dinge die mir erklärt werden müssen. Ich habe keine berufstätige Mutter und lerne, dass es woanders keine gemeinsamen Essenszeiten gibt oder dass sie sich ihr Essen selber kochen müssen. Mutter wartet täglich mit fertigem Essen auf meine Schwester und mich. Wir unternehmen Ausflüge und verreisen, für viele meiner Freunde eine ungewohnte Situation, und so bekomme ich den Stempel des reichen und verwöhnten Mädchens  aufgedrückt, und der macht einsam. Hätte ich nie gedacht. Ich kann ja nichts dafür dass mein Vater mehr Geld verdient und eine bessere Position innerhalb seiner Firma bekleidet als ihre Väter. Aus meiner Sicht ist Geld kein Stigma, ich habe keine Berührungsängste. Ist es nicht egal wo jemand herkommt? Hauptsache das Herz sitzt am rechten Fleck. Ich will doch nur eine von ihnen sein, nicht mehr und nicht weniger.
Es ist  ein herrlicher Sommer, warm und wolkenlos, wenn nicht Mutters Tränen, ihre Wut und Verzweiflung,  und Vaters Gereiztheit wären. Mutter weint fast täglich. Ihr gefällt es in Bayern überhaupt nicht. Zu meinen Schulproblemen kommt Vaters permanente Abwesenheit. Er ist in der ganzen Welt unterwegs. Am Wochenende will er sich ausruhen und nichts von Mutters Unzufriedenheit hören. Im Grunde bringt er kein Verständnis für sie auf. Es interessiert ihn nicht, ob ihr die Leute muffig und unfreundlich beim Einkauf begegnen, ob der Friseur noch altmodische Dauerwellen macht und ihre Haare ruiniert, ob sie beim Metzger falsch bedient wird weil die Einzelteile eines bayerischen  Schweins andere Namen tragen als im Rest Deutschlands oder ob der Umgang mit den Nachbarinnen mühsam ist weil diese nur ans Putzen denken. Er verschanzt sich hinter der örtlichen Tageszeitung und gleich darauf hinter der Frankfurter Allgemeinen die bekanntlich recht umfangreich ist und deshalb besten Schutz gegen Mutters Tiraden bietet. Wenn er sie zur Seite legt ist er gereizt. Am Esstisch beschwert er sich über Computerprotokolle. Auswertungen über die unterschiedlichsten wichtigen Parameter seiner Arbeit erreichen ihn in Form von langen Listen aus einem Computer. Welche Verschwendung! Zentner Papier stapeln sich auf seinem Schreibtisch und eigentlich interessiert ihn nur eine einzige Zahl, die er sich mühsam aus hunderten Daten heraussuchen muss.  Der Computer ist sein Feindbild und er unkt, dass sich diese Erfindung nicht lange halten wird weil sie viel zu verschwenderisch mit Zeit, eine Auswertung dauert  ewig, und Rohstoff, dem Papier, umgeht. Zusätzlich braucht es einen Computerspezialisten. Der sei so überflüssig wie ein Kropf und dann die Kosten für diesen Mann!
Die Vorstände der Firma wollen ihn in den Vorstand befördern. Empört winkt Vater ab. Die Dienstvilla und den großzügigen Dienstwagen lehnt er energisch ab. Er wolle sich nicht abhängig und erpressbar machen, ist sein Credo. Der schicke Wagen steht ein paar Tage vor unserem Haus. Mir gefällt er, auch wenn auf Grund der windschnittigen Form das   Kofferraumvolumen für vier Personen nicht ausreichend sei , wie Mutter moniert.
Den Sommerurlaub verbringen wir in den österreichischen Bergen in einer Pension. Die Adresse hat ihm ein Arbeitskollege verraten nachdem der begeistert von seinem Urlaub geschwärmt hatte.
 Am Ende einer schmalen Bergstraße, weit hinter der letzten Hausansammlung die sich gerade noch Dorf nennen darf, endet sie vor einem neueren, weißgestrichenen Haus. Die Gastzimmer erinnern an schnell für unverhofften Besuch hergerichtete Räume. Unser Zimmer sollte wohl einmal eine Küche werden, das schmale Zimmer der Eltern mit den hintereinander stehenden Betten ein Abstellraum. Der Frühstücksraum ist mit gemütlichen,  hellen Möbeln ausstaffiert und ist wohl auch das Esszimmer der Familie wenn keine Gäste im Haus sind.
Rechts vorne an der Straße steht ein alter Gasthof in dunklem Holzkleid mit zwei Scheunen. Niedrig duckt er sich unter hohe, alte Bäume.  Ein kleiner Bach plätschert daneben über Felsbrockenauf seinem Weg ins Tal. Eine schmale Holzbrücke führt auf die Viehweiden am Hang. Hinter der Pension können die Gastkinder auf einer großen Wiese spielen und schaukeln.
Vater will nun unbedingt ein echter Bayer werden und uns zeigen dass unsere Vorurteile völlig aus der Luft gegriffen sind. Seine Passion werden die Berge. Das Berühren des Gipfelkreuzes, sei es auch nur mit den Fingerspitzen weil dicke Felsen und ein Zaun den engeren Kontakt verhindern, wird zum Ritual auf das er sehr viel Wert legt und dieser Moment wird natürlich mit der Filmkamera festgehalten.
 Zum hellblauen Anzug mit folkloristischer Reversstickerei gesellt sich bald eine Bundhose mit roten Strümpfen, rotkariertem Hemd und hellbraunen, trittfesten  Bergstiefeln. Gegen die Sonne kauft er sich einen grauen Filzhut. Zu jedem bestiegenen Gipfel gibt es ein Souvenir in Form einer silbernen Anstecknadel. Diese Trophäen befestigt er oben auf seinem neuen Sonnenschutz. Auf der Konfirmation meiner Schwester  kann mein Vater nicht anders als dem aus dem Norden angereisten und völlig bergsportfernen Besuch seine besten Gipfelgeschichten zu erzählen und stolz den Hut dazu aufzusetzen. Frau Messer muss beim Anblick meines Vaters in alpenländischer Kluft  dermaßen lachen dass sie jegliche Balance verliert und fast vom Sofa fällt. Vielleicht war der Wein zum Essen ein wenig schwer.
Meine Schwester und ich gehen nicht so gerne wandern. Wir spielen lieber mit den Wirtskindern. Die sind zwar jünger aber wir verstehen uns prima. Es wird richtig gespielt, bei Regen  Gesellschaftsspiele und dann wieder auf den weiten Wiesen rund um das Haus. Sie nehmen uns mit auf die Bergweiden und wir dürfen die Kühe streicheln. Das macht Spaß aber es fehlt mir der rechte Mut  mich entspannt neben das Tier zu stellen  und so fallen meine Berührungen zaghaft aus. Vor meinem inneren Auge springen spanische Stiere wütend und gereizt  durch eine Arena und versuchen den Torero auf die Hörner zu nehmen. Vielleicht habe ich ein Kleidungsstück oder eine Farbe an mir die aus dem gemächlich widerkäuenden Tier plötzlich eine Bestie werden lässt die sich auf mich stürzt und mich zu Tode trampelt? Die Wirtskinder machen sich über mich lustig. Resi, Zenzi und Blümchen seien doch keine Stiere, nur Milchkühe, und noch niemand habe sie aus der Ruhe bringen können.
Vater besteht auf Familienurlaub. Das bedeutet, dass unsere Freiheiten begrenzt sind. Wir werden möglichst  alles gemeinsam unternehmen. Unsere Mundwinkel neigen sich immer mehr dem Boden zu, deshalb wird ein Plan entwickelt der Ärger und Unmut vermeiden helfen soll. Vater lenkt ein und so gehen Vater und Mutter zusammen einige Touren während wir in der Pension bleiben dürfen. Zwei große Bergwanderungen machen wir alle zusammen, und jeweils eine Bergbesteigung macht mein Vater nur mit mir und eine alleine mit meiner Schwester.
Der Tag kommt an dem ich früh morgens geweckt werde, meine festen Schuhe schnüre und  hinter Vater auf dem schmalen Pfad erst durch Wald, dann über felsiges Gelände und ein Schneefeld dem Gipfelkreuz entgegen marschiere. Nach meiner anfänglichen Unlust werde ich gesprächiger und es stellt sich die Vertrautheit ein die wir früher zueinander hatten, die aber seit dem Umzug unauffindbar ist. Wir kreisen um Vaters Lieblingsthemen. Er spricht über die Regeln der Marktwirtschaft und schaut unter diesen Aspekten in meine Zukunft. Dazu  malt er bunte Bilder von einem erfolgreichem Berufsleben und den schönen Dingen die man sich mit dem dadurch erarbeiteten Kleingeld leisten könne. Gleichzeitig mahnt er meinen schulischen Fleiß an ohne den alle Träume nur Schäume seien. Das weiß ich längst alles, ist ja nicht das erste Mal dass er so mit mir spricht, trotzdem will sich der rechte Schwung nicht einstellen.
Jetzt geht es über ein Schneefeld. Bei herrlichem Sonnenschein stapfe ich hinter einer Kolonne Bergsteigern her. Schritt für Schritt soll ich vorsichtig voran gehen damit ich nicht ausgleite. Vater ist sehr stolz dass wir beide dieses unnachahmliche Erlebnis teilen. Am Gipfel ist das Kreuz natürlich durch einen Zaun vor zudringlichen Bergfreunden geschützt, aber Vater gibt nicht auf.
"Warte, ich komme noch ein bisschen weiter hoch", ruft er, dabei reckt und streckt er sich bis seine Fingerspitzen tatsächlich fast das Holz berühren. Ich soll mit der Kamera den ergreifenden Moment seiner Gipfelkreuzeroberung festhalten.
Beim Abstieg kehren wir in eine Hütte am Wegesrand ein. Vater bestellt  Almdudler für mich. Das kannte ich noch nicht und die rote Brause schmeckt gut.  Später, wenn er Vertrautheit zwischen uns herstellen will erinnert er mich an dieses Getränk und beschwört damit unseren Zusammenhalt.

Ich glaube es nicht! Endlich darf ich eine Woche lang Renate und Carlo besuchen. Meine kühnsten Träume werden wahr. In Windeseile habe ich meinen Koffer gepackt. Vater muss an den Niederrhein und für den Rückweg nimmt mich ein Handelsvertreter der Firma wieder mit.
 Frau Messer freut sich sehr mich zu sehen, Renate und Carlo sind allerdings etwas reserviert. Ich will das gar nicht bemerken. Es soll so wie früher sein, eine Woche Spaß und Unbeschwertheit.
Wie vor einem Jahr sitze ich auf meinem Platz an ihrem Tisch und Carlo isst laut schmatzend ein Käsebrot mit Marmelade drauf um Renate und mich zu ärgern. Wir rümpfen die Nasen und quieken laut unseren Ekel in den Raum. IIhh, niemals würden wir so etwas essen, aber was kann man von Jungs, und besonders dann wenn er  ein Bruder ist und den ganzen Tag darüber nachdenkt wie er uns Mädchen ärgern kann, auch anderes erwarten. Damit wir nur nicht aufhören mit unserem Geschrei hält er uns sein Brot immer wieder vor die Nase. Schließlich endet alles in lautem Gelächter.
Frau Messer kocht mein Leibgericht und ich genieße ihre Fürsorge. Doch niemand fragt mich wie es mir geht und wie es mir in Bayern gefällt. Manchmal versuche ich das Gespräch in diese Richtung zu lenken und erzähle von meinen neuen Schulkameraden und was wir uns so erzählen und womit wir uns die Zeit vertreiben, aber sie sind eben so wenig an meinem neuen Leben interessiert wie meine bayerischen Kollegen an meinem alten, niederrheinischen.  Zu meinem Entsetzen stelle ich sogar fest dass mein Platz in Renates Herz mit anderen Freunden besetzt ist. Ich kenne die Namen flüchtig, vor einem Jahr waren sie uns gleichgültig. Carlo, Renate und ich verbrachten die Nachmittage miteinander und andere hatten in unserem Leben wenig Platz. Jetzt sind sie gute Freunde mit denen Renate ihre Nachmittage verbringt. Sie nehmen mich in ihre Runde auf und ich erlebe schöne Tage aber der Stich im Herzen ist da, ich will ihn nur nicht spüren.
Lange winkend fahre ich im Raucherauto des Vertreters nach Bayern zurück. Der gute Mann gibt sich alle Mühe mich zu unterhalten. Dabei steckt er eine Zigarette nach der anderen an. An einer Raststätte öffnen wir die Türen und dicke Rauchschwaden fliegen zum Himmel. Wenn er sich konzentrieren muss oder kein Gesprächsthema findet schaue ich aus dem Fenster und erlaube es mir nicht über diese Woche nachzudenken. Ich will dass es so war wie früher, denn das hatte ich mir gewünscht. Keine Gedanken darüber dass Renate nur an Klamotten und Schönheit denkt. Beim intensiven Suchen nach Gesichtspickeln vor dem Badezimmerspiegel erzählte sie dass sie einen festen Freund hatte und dass sie abends schon mal zu Jugendveranstaltungen gehen darf, natürlich ist sie dann geschminkt und perfekt nach der neuesten Mode gekleidet. Wenn ich ganz ehrlich bin dann ist ihr Leben jetzt ganz anders als meines. Mich zieht es abends nicht von zu Hause weg. Ich lese lieber oder spiele Klavier und die neueste Mode ist aus gutem Grund weniger meine Sache. Eigentlich ist Renate langweilig geworden und jetzt habe ich ein großes Problem: wenn Renate und Carlo mein Herz nicht mehr ausfüllen bleibt unendliche Leere. An welchen Strohhalm soll ich mich im fernen Bayern klammern? Welche Zukunftshoffnung kann ich haben? Wohin soll ich mich wenden  wenn ich meine Ausbildung beendet habe? In Bayern bleibe ich nie und nimmer, und zurück an den Niederrhein? Alle und alles verändert sich.  Wo sind meine Wurzeln, wo gehöre ich hin?  Ich kann diese Gedanken nicht ertragen.

Vater hat im betuchten Westen der Stadt ein Haus gefunden. Mutters Gang ist nun wieder aufrechter. Endlich raus aus der Miete und rein ins Eigenheim. Sie fühlt sich unendlich erniedrigt  wenn sie an unseren Vermieter erinnert wird. Sie glaubt jeder könne in ihrem Gesicht die Tatsache erkennen, dass sie offensichtlich nicht genug Geld habe um sich ein eigenes Haus zu kaufen. Und das ein Handwerker  genügend Barmitteln zum Erwerb eines Hauses aufbringt lässt sie ratlos werden. Verächtlich sagt sie dann:
"Er ist doch nur ein kleiner Bäcker".
Gestärkt durch dieses Zurechtrücken der Hierarchien geht sie ihren Alltagspflichten nach.
 An einem kalten Herbsttag klettern wir im Gänsemarsch über eine wackelige Planke in einen Rohbau. Mit großen Gesten zeigt Vater die einzelnen Räume. Das Wohnzimmer ist ihm zu klein. Da wollen wir geschwind zum Nebenraum durchbrechen, ist doch eine Kleinigkeit.
Das Haus ist am Hang gebaut und eröffnet ganz neue Perspektiven. Aus dem Wohnzimmer tritt man hinaus auf den Balkon. Meine Schwester und ich beziehen zwei Zimmer im Untergeschoss die direkten Zugang zur Terrasse und den Garten haben. Das gefällt uns sehr. Ich darf sogar die Tapete für mein neues Zimmer aussuchen. Mutig entscheide ich mich für große Quadrate in braun und orange und bin fest davon überzeugt dass mir dieser modische Vorstoß nicht genehmigt wird. Umso erstaunter bin ich über die Zustimmung der Eltern. Deshalb sehe ich  großzügig darüber hinweg dass ich nun in einem Dorf leben soll. Entlang der Durchgangsstraße reihen sich die ehemaligen Bauernhäuser der Einheimischen. Bauernhöfe gibt es keine mehr. Die Bauern verkaufen ihr Land lieber an bauwillige Städter. So reiht sich in den Seitenstraßen ein neugebautes Haus ans andere. Da stehen mächtige Häuser hinter hohen Hecken und breite Tore versperren den Zugang zum Grundstück. Manchmal blitzt das helle Blau eines Swimmingpools durch eine Lücke im Gebüsch.
Ein Swimmingpool wäre natürlich auch etwas für unseren Garten, aber daran wagen sich die Eltern nicht. Da ordnen wir uns lieber eine Etage darunter, also ohne Pool, ein.                  Die Hauptstraße des Dorfes ist leer und einsam, nur Samstagfrüh, auf dem Weg zum Bäcker um die Semmeln zu kaufen, schlängelt sich eine Autokolonne durch die Dorfstraße und windet sich an parkendem Chrom vorbei.
Rundherum steht dichter, dunkler Wald. Vater schnürt in Gedanken schon die Wanderschuhe. Hier will er nach der Arbeit entspannen. Mutter ist auch zufrieden. Endlich fühlt sie sich wieder adäquat zwischen Herrn Doktor und Frau Apothekerin. Ach, einen Tennisclub gibt es auch? Na, dann steht  einem netten Miteinander mit den Nachbarn nichts mehr im Weg.
Mutter packt erneut unsere Habe in Kisten, aber diesmal wieder hoffnungsvoller. Nicht nur das neue Eigenheim gibt ihr Kraft sondern auch die Aussicht auf eine andere Schule für mich. Diesmal grämt sie sich wegen meiner Schwester, die aus irgendeinem Grund auf der Hauptschule bleiben muss. Aber eine neue Umgebung ist wie ein neuer Anfang und vielleicht wird im Westen alles besser.
Ich habe mein altes, dunkles Zimmer gehasst. Trotzdem kann ich mich nicht so richtig über den Umzug freuen, denn mit dem erneuten Schulwechsel in den Westen verliere ich die Freunde mit denen ich den letzten Sommer halbwegs entspannt verbracht habe. Wir sind keine dicken Freunde geworden aber es war besser als alleine zu Hause Klavier zu spielen. Den Westen der Stadt kennen sie nicht und wir alle wissen dass wir uns nicht wiedersehen werden. Niemand spricht davon sich zu besuchen oder zu telefonieren. Beim letzten Treffen sage ich "tschüss" und gehe einfach.
Um meinen Leistungsstand kümmert sich von nun an das neue Gymnasium. Das Direktorat empfahl meinen Eltern das Tagesheim. Schule bis um eins, dann gemeinsames Mittagessen in der Schulkantine, Freizeit bis halb drei und anschließend noch zwei Schulstunden in Kernfächern. Dadurch sollen Hausaufgaben und Prüfungsvorbereitungen entfallen. Was den Schulen nicht alles einfällt um ihre Schüler bis zum bitteren, oder sagen wir lieber zukunftsweisenden, Ende zu motivieren!
Vorsichtig betrete ich an meinem ersten Schultag die Aula einer neugebauten Schule. Der Schülerstrom hinter mir reißt nicht ab. Es ist furchtbar laut und sehr voll. Ich stelle mich in eine Ecke und beobachte die Schüler die in meinem Alter sein könnten. Sie sehen aus wie alle anderen meines Alters und bewegen sich ebenso. Die Kleidung ist lässig, der Gang oft nachlässig, die Haare etwas länger und zerzauster als noch vor ein paar Jahren. Die Schultaschen bestehen aus nato- olivfarbenen Schultertaschen, natürlich mit  edding-schwarzem "Peace"-zeichen auf dem Überschlag. Die Jeans haben unten am Bein Schlag und  Hemden und Blusen überbieten sich in farbenfrohen Mustern.
 Der Gong ruft zum Unterricht. Die Treppe in die oberen Stockwerke ist brechend voll. Vor meinem Klassenzimmer atme ich schnell tief ein und betrete den Raum. Inzwischen habe ich Übung in diesen Dingen. Aufgeregt bin ich gar nicht mehr. Schulen, Schüler, Klassenzimmer, alles ist austauschbar. Manchmal tagträume ich so intensiv dass ich im ersten Moment überlegen muss wo ich mich befinde. Aber diesmal ist es doch etwas Besonderes denn ich bin zum ersten Mal seit der Grundschule wieder in einer gemischten Schule für Jungs und Mädchen.
In der letzten Reihe ist ein Tisch frei. Schnell setze ich mich. Manche gucken kurz hinter mit her, manchen falle ich gar nicht auf. Außer dem für mich ungewohnten geschlechtsgemischten Publikum herrscht die übliche morgendliche Schulunruhe, das "Morgen" oder "Hallo" , das Suchen nach Heften und Büchern und der hektischen Frage nach fertigen Hausaufgaben zum Abschreiben..
Lehrer auf Lehrer folgt, so austauschbar wie das ganze Programm. Als ich mich mittags in die Schlange vor der Essensausgabe einreihe fühle ich mich als stünde ich schon Jahre hier.
An langen, grauen Tischen verschlingen wir das Mittagessen. Es ist so lala, nicht gut, nicht schlecht, eben Mittelmaß. In kleinen Übungsräumen stehen Klaviere die wir Tagesheimler benutzen dürfen. Bei Regenwetter sitze ich also und übe meine Sonaten, wenn die Sonne scheint gehe ich mit einer Klassenkameradin auf eine Wiese neben der Schule. Hier haben sich die verbliebenen Erdhaufen vom Schulhausbau mit einem kräftigen Grasteppich überzogen. Wir legen uns auf die Böschung und schauen in den Himmel, pflücken Gänseblümchen und träumen. Unsere Gespräche sind träge und belanglos. Sie kreisen um das Mittagessen, das uns  im Magen liegt und die nächsten zwei Schulstunden. Ich träume mich ins Himmelblau und ziehe mit den Wolken mit. Egal wo mich der Wind hin weht, es ist auf jeden Fall  interessanter als hier.
Meine Kameraden wohnen weit übers Land verteilt. Eine  Bus- oder Bahnverbindung ist sehr selten und umständlich. Den Weg zum Telefon finden die wenigsten. Außerdem ist während der Pausen alles gesagt was zu sagen war. So richte ich mich in meinem Zimmer ein und zelebriere das Alleinsein. Kaum komme ich nach Hause setze ich mich pflichtgemäß einen Augenblick zu meiner Mutter, erzähle, was sich den Tag über zugetragen hat und verschwinde möglichst bald in meinem Zimmer. Zuallererst schalte ich mein Tonband an. Ich habe die Doors entdeckt und schwelge bei "Riders in the storm" oder versinke endlos "In-a-gadda-da-vida".
Langeweile, Langeweile, Langeweile. Die Schule interessiert mich nicht, was meine Eltern sagen interessiert mich nicht. Als Ausdruck meines inneren Protests gegen Langeweile und Mittelmaß fahre ich eines Tages in die Stadt. Ich will mir Hosen kaufen. Schluss mit den blöden Röcken. Mit Hosen kann man sich viel freier bewegen, außerdem sind sie modern.
 Nach einigem Suchen finde ich einen Jeansladen. Ängstlich trete ich ein weil mich Klamottenkauf immer in die Realität der Körperproportionen zurück katapultiert. Vor dem Spiegel kann man sich leicht belügen, aber wenn im Laden einfach nichts passen will dann weißt du mit Sicherheit dass dich dein  Selbstbetrug eingeholt hat und deine tatsächliche Statur mit deiner Vorstellung nichts gemein hat.
Mutter klagt schon lange nicht mehr über meine Figur. Sie hat es aufgegeben weil ich im letzten Jahr regelrecht explodiert bin. Ich merke es selbst, tue aber als habe sich nichts verändert.
Im Eingang erwartet mich eine Verkäuferin mit einem Maßband in den Händen. Sie schlingt das Band um meine Taille, liest den Wert ab und kniet sich dann behände nieder um meine Beinlänge zu ermitteln. Im Nu schiebt sie mich in eine Holzkabine, die Umkleide. Die schwingenden Saloontüren schließen sich hinter mir. Hastig entfernt sie sich und im Forteilen, ohne sich umzudrehen, gibt sie mir den Hinweis, ich solle mich ausziehen und auf sie warten.  Sie tue derweil ihr Bestes um das Passende für mich zu finden.
Ich schaue mich um. Die Ladeneinrichtung verspricht  den amerikanischen Cowboytraum beim Kauf einer Jeans. Nicht nur die Saloontüren beeindrucken mich. Die Verkäufer sehen aus wie echte Cowboys mit Stiefeln, Jeans, Holzfällerhemden und diesen ledernen Überhosen die Cowboys beim Reiten tragen. Ich finde den Laden toll, endlich mal was anderes.
Die Verkäuferin  wirft einige Zeit später einen dunklen Berg in meine Kabinenecke.
"Melde Dich wenn Du was brauchst", wirft sie munter hinter dem Hosenberg her und verschwindet.
Vorsichtig schlüpfe ich in die erste Hose, eine braune Cordhose und schließe vorsichtig den Reißverschluss. Oh Wunder, sie passt! Wie geht das! Gierig greife ich nach der nächsten, dasselbe Modell, nur in blau. Lieber keine dritte probieren , denke ich glücklich, sonst lässt das Erfolgserlebnis vielleicht nach. Begeistert drehe ich mich vor dem Spiegel. Ja, in Hosen, etwas rund und käsig im Gesicht, die Haare aschblond gelockt, dass bin ich, unverkennbar.
Meine Barschaft reicht genau für die zwei  Hosen.  Stolz präsentiere ich sie meinen Eltern. Keiner sagt was, sie schauen nur skeptisch. Begeistert drehe und wende ich mich vor dem heimischen Spiegel und fühle mich voll auf der Höhe der Zeit. Weg mit Schottenkaro und englischem Collegelook. Es ist wie eine Befreiung von alten Zwängen und ich habe das Gefühl das nun alles möglich sein kann. Meine Energie ist ungebrochen, nur weiß ich nichts wofür ich sie einsetzen könnte. Also igle ich mich wieder in meinem Zimmer ein und lese stundenlang bis mir nach Musik ist.
Einen Schock bekomme ich als Mutter die frisch gewaschenen Hosen in meinen Schrank räumt. Um dem doch recht saloppen Aussehen ihrer Tochter wenigstens etwas Profil zu geben hat sie mühevoll Bügelfalten in die Hosenbeine gebügelt. Nach meinem anhaltenden Protest hat sie es irgendwann gelassen.
Die Langeweile frisst mich auf.
Beim Stöbern in alten Kisten meines Vaters habe ich ein Lehrbuch für Spanisch und ein spanisches Wörterbuch gefunden. Vater wollte als junger Mann nach Südamerika auswandern und hatte sich dafür die Bücher gekauft. Die Schrift ist ganz altmodisch mit vielen Schnörkeln und nur mit Mühe kann ich sie lesen.
Gleichzeitig entdecke ich im bayerischen Fernsehen einen italienischen Sprachkurs. In der Stadt besorge ich mir das Lehrbuch und beginne im Bus auf der Hinfahrt  zur Schule Italienisch und auf der Rückfahrt Spanisch zu lernen. Ich pauke die Vokabeln und erledige alle Übungen. Der Erfolg bleibt nicht aus. Im Fernsehen kann ich gut mithalten obwohl das fröhliche Pärchen aus dem Fernsehkurs schon einige Lektionen weiter war als ich dazu stieß. Manchmal verwechsle ich schon mal das Italienische mit dem Spanischen. Es ist sich doch recht ähnlich. Trotzdem ist mir das Sprachen lernen eine große Befriedigung. Vielleicht bin ich gar nicht so dumm wie meine Lehrer glauben.
Ich lese viel. Unermüdlich verschlinge ich die dicken Wälzer aus Mutters Bücherschrank. Ach, könnte ich doch auch etwas Gefühlvolles oder Sinnvolles zu Papier bringen. Lange Nachmittage sitze ich an meinem Schreibtisch und versuche ein paar Wörter mit Verstand aneinander zu reihen. Nichts will mir gelingen. Ich schreibe nur oft gelesene Phrasen nieder. Und Gefühle? Mit Entsetzen bemerke ich, dass ich überhaupt keine Gefühle habe. Es regt sich nichts in meinem Inneren. So sehr ich mich bemühe, ich spüre nichts. In der Schule, unter den Klassenkameraden gibt es immer wieder Ungerechtigkeiten, Zurücksetzungen oder auch böse Worte, manchmal auch gegen mich, ob beabsichtigt oder unbeabsichtigt. Es ist mir egal. Ich drehe mich um, zucke mit der Schulter oder lache pflichtschuldig. In mir regt sich kein Zorn, keine Wut. Ist das normal? Wird sich das ändern? Vielleicht in einem Jahr oder früher? Bin ich vielleicht falsch entwickelt oder gestört?
Fragen über Fragen und keine Antworten. Schmerzlich vermisse ich eine Freundin, eine enge Freundin, eine Seelenverwandte, der man alles anvertrauen kann, die das Wissen eines Lexikons besitzt, den Verstand einer Bibliothek und ein Herz wie ein Bergwerk, tief und weit. Doch da ist niemand. Alleine sitze ich in meinem Zimmer und höre Musik.
Vater ist in den dörflichen Tennisclub eingetreten. Erwartungsvoll schultern wir die Schläger und machen uns auf den Weg. Vielleicht sitzen viele Mitglieder gut gelaunt auf der Terrasse bei Kaffee und Kuchen, so wie wir es vom Niederrhein an warmen Wochenenden kennen?
Die Anlage ist gepflegt und sauber. Die Gittertür öffnet sich leicht. Das Tennisheim steht auf einem Hügel. Ehrfürchtig blicken wir nach oben. Auf der Terrasse ist niemand zu sehen. Das will nichts heißen, raunen wir uns zu und verteilen uns auf dem Platz. Das übliche Geplänkel bei sportlichen Unternehmungen im Familienkreis nimmt seinen Lauf.
Das darf doch nicht wahr sein! Bist Du blind?
Laufen! Du sitzt nicht auf dem Sofa!
Der Ball war eindeutig aus. Niemals war der noch im Feld!
Nach einer Stunde wollen wir es uns auf der Terrasse gemütlich machen, denn dafür ist ein Verein ja da. Weil draußen niemand zu sehen ist gehen wir ins Heim hinein, aber auch hier ist niemand. Enttäuscht fahren wir nach Hause. Vater meint, die Mitglieder machten bestimmt einen Ausflug. Nächste Woche sei auf der Anlage bestimmt mehr los.
Aber so oft wir kommen, es ist kaum jemand da. Wenn ja, dann spricht  man nicht mit uns sondern verschwindet bei unserem Anblick . Wir sind ratlos.
Zum Jahresende erhalten wir eine Einladung zur Nikolausfeier. In Ermangelung eines akademischen Titels wird mein Vater mit Herr Direktor angesprochen. Wir amüsieren uns beim Abendessen köstlich über diese altmodische Art.
Im Bewusstsein unseres neuen Titels machen wir uns am Nikolaustag alle fein und betreten gespannt das weihnachtlich dekorierte Tennisheim. Alle Tische sind besetzt, nur einer nicht, genau in der Mitte. Wir setzen uns vorsichtig an diesen letzten Tisch. Alle beobachten uns, damit alle was von unserem Auftritt haben.  Am Tisch finden sechs Personen Platz, wir sind nur zu viert. Die Augen finden keine Ablenkung. Wo man hinsieht blickt man in neugierige Augenpaare. Schließlich unterhalten wir uns angestrengt miteinander oder senken den Blick in unsere Gläser. Das Interesse an uns ist offensichtlich groß aber niemand steht auf, begrüßt uns oder spricht uns an. Nach dem Pflichtprogramm suchen wir so schnell es geht und möglichst unauffällig das Weite. Keiner  spricht über seine Enttäuschung. Im Wagen ist es ganz still.
Die Blamage sitzt tief, aber sie tut nicht weh. Ich fühle mich nutzlos, wertlos und beschämt. Bleibt das jetzt so? Muss ich bis an mein Lebensende solche Schmach ertragen?
Mit leerem Blick starre ich in den Garten und da kommt ein winziger Gedanke der sich nicht abschütteln lässt. Erst schüttele ich den Kopf. Unmöglich, denke ich. Doch er lässt sich nicht zur Seite schieben. Immer wieder besetzt er meinen Kopf bis ich schließlich ernsthaft darüber nachdenke.
Soll ich meinen Abgang wirklich selbst in die Hand nehmen? Dann wäre es wenigstens etwas was ich mal zu Stande gebracht hätte.
Für welche Methode entscheide ich mich? Springen? Nein, dazu bin ich zu feige. Tabletten? Ja, das wäre eine Möglichkeit. Schlaftabletten. Vielleicht merkt man nichts weil man ja eingeschlafen ist.
Gedacht, getan. Ich bestimme einen Freitag als meinen letzten. Jetzt gilt es sich Tabletten zu besorgen. Ich befürchte, dass man mir in der Apotheke keine Schlaftabletten verkaufen wird. Bestimmt bin ich zu jung und man sieht es mir sicher an der Nasenspitze an wofür ich sie brauche. Also denke ich mir eine Geschichte von schlaflosen Nächten meiner Mutter aus die mich gebeten habe ihr aus der Stadt ein Röhrchen Schlaftabletten zu besorgen.
Die erste Apotheke betrete ich mit weichen Knien. Der Apothekerin sage ich mein Sprüchlein auf. Sie lächelt freundlich, greift hinter sich und legt ein Röhrchen vor mich hin. Dabei erklärt sie noch wie Mutter diese Pillen zu nehmen hat. Ich nicke hastig, zahle  und laufe geschwind aus dem Laden.
In der nächsten Apotheke geht es schon viel leichter. Die zwei Tablettenpackungen verstecke ich ganz hinten in meiner Schublade.
Freitagabend hole ich mir ein großes Glas Wasser aus der Küche und sage "Gute Nacht".
 Im Bett halte ich kurz inne: soll ich wirklich? Wird mich jemand vermissen? Tut es mir leid?
Mein Kopf ist leer, es stellen sich keine Bedenken ein.
Das Tonband spielt meine Lieblingslieder. Ich öffne das erste Röhrchen und schlucke eine Tablette nach der anderen. Nach der Hälfte wird es schwerer. Die Dinger sind dick und schmecken schlecht. Manche bleibt im Hals stecken. Beim Öffnen der zweiten Packung bin ich schon ganz benebelt, dann wird mir schlecht und dann - - - - endlich Ruhe.

Ich muss aufs Klo.
Komisch, im Himmel sieht es genauso aus wie bei uns. Total klapprig schlurfe ich zurück in mein Zimmer. Schlafen, ich will schlafen.
"Schau an, was Du aus Deiner Mutter gemacht hast!"
Erschrocken reiße ich die Augen auf. Im Türrahmen stehen Vater und Mutter. Vater springt nackter Zorn aus dem Gesicht. Er hält meine Mutter untergehakt weil sie nicht alleine stehen kann, immer wieder sackt sie zusammen. Sie ist im Nachthemd, rauft sich die Haare, ihr Gesicht ist rot und verschwollen und sie stößt furchterregende Schreie aus.
Das ist die Hölle, ist mein erster klarer Gedanke. Doch dann stutze ich. Wieso sind Vater und Mutter vor mir da? Hier stimmt was nicht. Und dann kommt die schreckliche und niederschmetternde Erkenntnis: mein Leben ist die Hölle und für mich ist kein Notausgang vorgesehen. Da muss ich durch, bis zum bitteren Ende. Es überrascht mich nicht. Warum sollte gerade ich mal Glück haben und mich heimlich davonstehlen können?
Montagmorgen stehe ich auf, ziehe mich an, packe meine Sachen und gehe in die Schule …



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©Katharina Elkner
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