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Der Minotaurustraum

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Kurzromane

 
Das Museum
In Trance?
Realität und Traum...
Im Tempel des Gottes
Der schöne Jüngling
Das Wiedersehen
Verwirrende Gedanken
Der Traummann aus der V..
Sehnsucht
Die Strafe
Träume ohne Ende
Unverstanden
Traumbegegnung
Liebe ohne Chance
Sieg der Versuchung
Verbotene Pfade
Angst
Höhle ohne Wiederkehr
Das Verließ
Zwischen zwei Welten un..
Verzweiflung
Geküsst von der Vergan..
Das Ende naht
Der Weg zur Freiheit
Gegenwart und Vergangen..
Der letzte Ausweg
Der Kampf
Angst um Tina
Flucht in eine neue Welt
Ende eines Traums und e..

Eine geheimnisvolle Geschichte um Liebe im Heute und in der Vergangenheit mit einer unerklärlichen Verbindung zueinander.

 
 

Der Minotaurustraum

Ein Roman von E. Merz




Das Museum

Das hätte ich mir denken können: langer Samstag, in der Stadt war die Hölle los, ich hatte nur noch einen Parkplatz ewig weit vom Zentrum entfernt ergattert und als ich jetzt aus dem Kaufhaus trat, goß es in Strömen. Während ich die Straße entlang durch das Sauwetter hastete, erhaschte ich einen Blick auf mein Spiegelbild in einer Schaufensterscheibe. Ich sah, daß meine neue Dauerwelle begann sich in eine Art Pudelkrone aufzukringeln, was weder meinem Aussehen noch meinem Ego besonders gut tat. Umso durchnässter mein Outfit, desto tiefer sank meine Laune. Da tauchte rechts neben mir, wie die Verheißung auf ein trockenes Plätzchen, ein torbogenartiger Hauseingang auf, den ich auch sofort als Rettung erkannte und mich unterstellte. Der Regen schien nicht die Absicht zu haben nachzulassen, oder gar aufzuhören, daher begann ich meine Umgebung näher zu erkunden. Natürlich, das Museum! Fast jeden Tag kam ich daran vorbei und sollte mich eigentlich schämen, daß ich es noch nie von innen gesehen hatte. Nun, jetzt hatte ich gezwungenermaßen Zeit und Gelegenheit dies nachzuholen. Ich wollte nicht näher analysieren, ob mein plötzliches Interesse an der Kunst nun am Wetter oder an etwas anderem lag, deshalb trat ich schnell ein. Etwas verdutzt stellte ich fest, daß es keinen Eintritt kostete und daß, außer mir, nur ein alter Mann da war, der im Vorraum auf einem Stuhl saß und in einem dicken Buch schmökerte. Er fungierte wohl als so eine Art Museumswärter. Borstiges graues Haar sproß auf einem kantigen Kopf, auf dem eine blaue Mütze thronte und buschige weiße Augenbrauen hingen fast bis auf die ebenfalls weißen Wimpern herab. Als ich ihn fragte, ob ich meine Einkaufstüten bei ihm lassen dürfte, blickten mich kleine blaue Augen lustig an und ein gezwirbelter Schnauzbart wippte, als er lächelnd nickte. Zu meiner Schande muß ich gestehen, daß ich von Kunst keine Ahnung habe, obwohl ich schöne Dinge immer gern betrachte. Alex, mein Freund, macht sich immer lustig über meinen kitschigen Geschmack und meine selbstgemalten Einhörner und geflügelten Pferde. So kam es denn auch, daß mir dieses Museum nicht viel zu sagen hatte, oder besser gesagt, daß ich höchstwahrscheinlich nicht verstand, was es mir zu sagen versuchte. An den meisten modernen und abstrakten Gemälden ging ich schaudernd vorbei, bis ich zu den alten „kitschigen Schinken„ kam. Das war schon eher mein Fall. Als ich an einem Fenster vorüberging sah ich, daß es schon fast zu regnen aufgehört hatte und beschloß, meinen klimaerzwungenen Museumsbesuch zu beenden. Ich hatte schon halb kehrtgemacht, als mir ein Bild ganz am Ende des Ganges ins Auge fiel. Ich ging also doch noch den Flur entlang bis ich das Kunstwerk aus der Nähe ansehen konnte und vom ersten Augenblick an zog es mich in seinen Bann:

                *

Die dargestellten Menschen trugen helle, bunte Kleider und waren mit Blumen geschmückt, doch der Hintergrund war in düsteren Farben gehalten, was dem Ganzen eine okkulte, geheimnisvolle Atmosphäre gab. Es handelte sich um eine Begebenheit aus dem griechischen Sagenreich. Man sah sieben junge Mädchen, in weißen lose fallenden Gewändern und mit Blumen im Haar, die von Priestern auf eine unheimliche, dunkle Höhle zugeführt wurden. Den Weg der Gruppe säumten jubelnde, blumenwerfende Zuschauer. Die Blicke der Mädchen waren halb stolz, halb ängstlich auf den dusteren Eingang gerichtet, in dessen Dunkel man die mächtigen Hörner und die glutleuchtenden Augen des Minotaurus, des riesigen Gottes – halb Mensch, halb Stier – erkennen konnte. Aber mir fiel eines der Mädchen besonders auf, denn ihr Blick war nicht wie bei den anderen auf die Höhle gerichtet, sondern in die Menge der Zuschauer. Als ich ihrem Blick folgte, sah ich einen schönen, schwarzgelockten Jüngling, der verzweifelt versuchte sich in die Richtung der Opfer durchzudrängen aber von der Menge und von zwei kräftigen Priestern zurückgedrängt wurde. Sein verzweifelter, glühender Blick hing mit soviel Liebe an dem jungen Mädchen, daß es mir ganz warm ums Herz wurde. Um das Bild länger und genauer betrachten zu können, ließ ich mich auf einem Holzstuhl an der Wand nieder. Je länger ich mich in es vertiefte, je mehr verwirrten sich meine Gedanken und meine Augenlider wurden seltsam schwer.


In Trance?

„Elena, komm schnell, Dein Vater möchte mit Dir reden!„ Erschrocken sprang das Mädchen von der blumenumrankten Steinbank auf, wo es vor sich hingeträumt hatte. Ihre Mutter stand auf der anderen Seite der gepflasterten Straße und winkte ihr aufgeregt zu. Während sie hinüber eilte, überlegte Elena was der Vater wohl von ihr wollen möge. Dimitri Simeriotakis war zwar immer freundlich zu ihr, kümmerte sich aber ansonsten nicht gerade viel um sie und ihre beiden Schwestern. Ihr Vater war ein reicher, vielbeschäftigter Mann, dessen Reichtum er aus dem Handel zur See bezog. Sein Hauptinteresse galt seinen Geschäften, und seinem Sohn – Elenas jüngerem Bruder – , den er auf viele Seereisen mitnahm, um ihn in das Metier einzuführen. Jedenfalls war Elena überrascht, daß er sie zu sich rufen ließ. Die Mutter nahm sie an der Hand und zog sie ins Haus. Dem Mädchen entging nicht, dass sie nervös wirkte und sich fahrig eine Strähne des schwarzen Haares zurückstrich, die sich aus dem geflochtenen Zopf gelöst hatte. Elena dachte sich allerdings nicht viel dabei, zumal sie sich sicher war, in letzter Zeit nichts angestellt zu haben, was einen Tadel des Vaters verdient hätte. Durch einen Vorraum gelangten die zwei Frauen in ein sonnendurchflutetes Atrium, in dem ein künstlicher Brunnen plätscherte, der über einen Bachlauf die Fülle von Blumen und Ranken bewässerte, welche die umgebenden Wände überwucherten. Hier saß in einem bequemen, mit Kissen gepolsterten Korbsessel ihr Vater und erwartete sie. „Mein Kind, wie hübsch du ausschaust!“ Mit diesen Worten begrüßte er sie. Sittsam neigte Elena den Kopf und machte eine leichte Verbeugung, während die Mutter sich zögernd zurückzog. Ihr Vater nahm ihre Hand und zog sie näher, um sie dann genau zu betrachten. Ihr langes kastanienbraunes Haar hatte einen roten Schimmer und in Ihren tiefbraunen Augen glänzten goldene Lichter. Der etwas ernste Ausdruck des schmalen Gesichtes mit den hohen Wangenknochen und der leicht gebogenen Nase wurde durch die vollen weichen Lippen gemildert. Ihre Figur war zierlich, doch für ihr Alter schon sehr fraulich. Zufrieden nickte der Vater und hub wieder an zu reden: „Elena, du bist jetzt 14 Jahre alt, nicht wahr?“ Ohne eine Antwort abzuwarten, fuhr ihr Vater fort: „Ich will deine Neugier gleich befriedigen und dir sagen, warum ich dich rufen ließ.“ Er machte eine Pause, als ob er sich die Worte erst zurechtlegen müßte. „Also mein Kind: gestern hat mich der hohe Priester des Minotaurus aufgesucht und mich gefragt, ob ich nicht eine meine Töchter als Dienerin dem Minotaurus weihen möchte.“ Er unterbrach sich wieder. Mit großen Augen sah Elena ihren Vater an. Sie wußte, daß jedes Jahr einige Mädchen und Jungen aus guten Familien ausgewählt wurden, um dem Minotaurus zu dienen, aber sie hätte nie gedacht, daß sie zu den Auserwählten gehören könnte. Den Kindern, deren Alter vom Kleinkind bis zum fast Erwachsenen schwanken konnte, wurde von den Priestern erklärt, dass sie dem Gott folgen mussten. Nur alle sieben Jahre allerdings wurde die Elite von ihnen ausgewählt, ausgebildet und in das Labyrinth des Minotaurus geführt. Elena wusste, dass dieses Jahr ein Jahr des Gottes war und sieben Kinder in sein dunkles Haus gebracht werden würden. Während sie noch überlegte, was diese Nachricht für ihre Zukunft bedeutete, ertönte wieder die sonore Stimme des Vaters und unterbrach ihren Gedankenfluß: „Deine ältere Schwester, Kira, ist verheiratet und hat Kinder. Deine jüngere Schwester, Hera, ist dem Sohn meines Freundes Christos versprochen, also mußte meine Wahl auf dich fallen. Ich hoffe, du bist dir der Ehre bewußt, die es für dich und deine Familie bedeutet, wenn du dem Minotaurus dienen darfst.“ Ernst sah der Vater sie an und nickte ihr zu. Elena wußte, daß das Gespräch hiermit beendet war, neigte leicht das Haupt und zog sich zurück. Im Haus strich die Mutter ihrer Tochter im Vorbeigehen leicht über das Haar. Ihr Blick ruhte seltsam traurig auf der Tochter, so als ob es nicht eine Ehre sei, was ihr angetragen wurde, sondern eher ein unabwendbarer Schicksalsschlag. Elena ging mit einem entschuldigenden Lächeln an ihr vorbei und durch die Tür ins Freie. War sie doch selbst so tief in ihre Gedanken über die Zukunft versunken, dass sie die Sorge der Mutter nicht bemerken konnte. Sie mußte einfach alleine sein um erst einmal über das nachzudenken, was sie soeben erfahren hatte. Sie ging die Straße entlang bis die Pflastersteine in einen ausgetretenen Weg übergingen und die letzten der flachen weißen Häuschen hinter ihr zurückblieben. Lange ging sie nachdenklich ihren Weg zwischen Olivenhainen und blühendem Mohn, vorbei an blumenüberwucherten Mauern und Gärten voller Weinreben. Schließlich setzte sie sich auf einen von der Sonne erwärmten Felsen. Ihr Blick lag geistesabwesend auf der blühenden Landschaft und den felsigen Hängen, doch schien sie die Pracht gar nicht wahrzunehmen. Der Minotaurus, ein kalter Schauder glitt über Elenas Rücken und trotz der warmen Sonne und des lauen Windes fror sie plötzlich. In ihrem Denken war er Gott und Ungeheuer zugleich und sie wußte, daß ihr keine Wahl blieb, sie mußte dem Vater gehorchen. Sie durfte zu Niemanden von ihrer Angst und ihren Zweifeln reden, auch wenn sie tief in ihrem Herzen fühlte, daß für sie ein Weg begann, von dem es keine Wiederkehr geben würde.


Realität und Traum...

Ich schreckte auf, als sich eine Hand auf meine Schulter legte und eine krächzende Stimme sagte: „Hallo Fräuleinchen, Sie müssen jetzt gehen, wir schließen gleich!“ Erschrocken sah ich zuerst den alten Museumswärter an, dann auf meine Armbanduhr. 18 Uhr! Oh je, wie lange hatte ich denn hier gesessen und geträumt? Um halb sieben wollte ich doch schon das Abendessen auf dem Tisch haben, wo ich doch Alex heute eingeladen hatte. Als ich den Gang entlang hastete, Richtung Ausgang, sah ich aus dem Fenster und bemerkte, daß es vollends zu regnen aufgehört hatte. Na ja, es war ja auch fast eine Stunde vergangen, seit ich das Gebäude betreten hatte. Der alte Mann war mir schnaufend nachgeeilt, reichte mir meine Einkäufe und winkte mir freundlich nach, als ich das Museum verließ.

                *

                

Als ich beim verspäteten Abendessen Alex, der schon vor der Haustür auf mich gewartet hatte, von meinem seltsamen Erlebnis erzählte, lachte er nur und meinte: „Tina, du hattest schon immer eine blühende Fantasie.“ „Aber es war doch so realistisch, fast wie eine Vision.“ Entgegnete ich. Alex grinste mich an: „Ja ja, meine kleine Hexe, du hast übersinnliche Fähigkeiten und ich bin David Copperfield.“ Immer noch erheitert schenkte uns Alex zwei Gläser Rotwein ein, prostete mir zu und zwinkerte frech. Ich war eingeschnappt, denn wenn ich etwas nicht leiden kann, dann ist es nicht ernst genommen zu werden, wenn ich es ernst meine und im Moment war es mir sehr ernst. Mein Kater Nicky, ein älterer getigerter Riese, sah mit verlangendem Blick zu unseren Tellern empor und lenkte mich von meinen düsteren Gedanken ab, indem er sich mitten auf meinen Fuß setzte und mich mit der Pfote stupste. Genervt wackelte ich mit den Zehen, woraufhin Nicky beleidigt aufstand, davonstelzte und sein Manöver bei Alex wiederholte. Als auch dieser ihm keine Aufmerksamkeit zollte, wedelte der Kater gereizt mit dem Schwanz und sprang ohne Vorwarnung miauend auf Alex` Knie. Dies hatte zur Folge, daß Alex erschrak, mit der Gabel ruckte und so den Knödel mit Soße, den er eben hatte zerteilen wollen, mit elegantem Schwung auf seinen Schoß beförderte. Der nun ebenfalls mit Soße bekleckerte Kater sprang in einem abstrakten Satz erschrocken zu Boden und flüchtete hinter meine Zimmerpalme, von wo aus er mit Sündermiene um die Ecke schielte. Alex hatte in verzweifelter Geste die Hände erhoben und sah mit leidender Miene dem Knödel zu, der langsam weiterrollte und eine braune Soßenspur auf der ehemals weißen Jeans hinterließ. „Die kleinen Strafen schickt der Herr sofort!“ konnte ich mir nicht verkneifen zu sagen und hatte einen Ausbruch unkontrollierbarer Heiterkeit, der mich mit Gott, der Welt und Alex versöhnte. Wahrscheinlich hätte ich Alex sowieso nicht lange böse sein können, denn er hatte ein heiteres Gemüt und brachte mich meist schnell wieder zum Lachen. Außerdem war ich inzwischen selber geneigt, den Museumsvorfall tatsächlich meiner zu bunten Phantasie zuzuschreiben und ihn ad acta zu legen. Auch Alex hatte zu seinem jungenhaften Grinsen zurückgefunden, sammelte den Knödel ein und warf mir eine Kusshand zu. Immer noch erheitert dachte ich, dass Alex ein richtiger Glücksfall für mich sei. Da ich ein etwas schwieriger sensibler Mensch bin war es ganz gut, daß er meine Launen mit Humor ertrug und mich auch meistens wieder auf den Boden der Tatsachen zurückholte, wenn ich den Kopf zu hoch in den Wolken trug. Wir waren seit fast einem Jahr zusammen und arbeiteten im gleichen Betrieb. Alex war technischer Zeichner, ich Telefonistin. So hatten wir uns auch auf einem Betriebsausflug kennengelernt. Alex, der große dunkelblonde Typ mit den strahlend hellgrünen Augen, dem immer eine Strähne seines Ponys frech in die Stirn fiel und ich, die dunkelhaarige dunkeläugige und im Gegensatz zu ihm ziemlich ernste Tina.

                *

Leider hielt mein guter Vorsatz, den Museumsvorfall abzuhaken nicht allzu lange an. Fantasie hin, Realität her – das griechische Bild ließ mich, obwohl ich es wirklich zu verdrängen versuchte, nicht mehr los. Als ich dann am folgenden Samstag wieder in der Stadt war, zog es mich wie magisch zum Museum hin. Dieses Mal herrschte strahlender Sonnenschein. Es war ein ausnahmsweise schöner Märztag. Zögernd lungerte ich eine Weile vor dem Eingang herum und ein warnend den Finger erhebender Alex erschien vor meinem inneren Auge. Ich trat nervös von einem Bein auf das andere und etliche Passanten schauten mich schon zweifelnd an. Egal wie sehr ich es versuchte, irgendwann konnte ich dem Drang nicht mehr widerstehen, ging freundlich grüßend an dem Museumswärter vorbei und wandte mich diesmal zielstrebig dem Ende des Ganges zu, wo „mein“ Bild hing. Erwartungsvoll nahm ich auf dem Stuhl Platz und mir schien das Bild heute noch eindrucksvoller als das letzte Mal: noch düsterer wirkte die Höhle des Stiergottes, noch unheimlicher leuchteten die roten Augen der Bestie aus der Dunkelheit. Ich sah die mächtigen Schatten der gewundenen Hörner matt schimmern. Noch extremer erschien mir der Kontrast der bösartigen Schwärze der Höhle gegen die blumengeschmückte helle Unschuld der Mädchen die auf die Höhle zugeführt wurden. Wieder faszinierte mich der verzweifelte Blick des schwarzgelockten jungen Mannes der flehentlich seine Arme nach der unerreichbaren Liebsten ausstreckte. Nun würde ich bald wissen, ob mein hiesiges Erlebnis nur meiner Phantasie zuzuschreiben war, oder ob es sich wiederholen würde. Als ich die mir schon vom letzten Mal bekannte Mattigkeit über mich kommen fühlte, versuchte ich mich zu wehren, aber irgendwann ließ meine Konzentration nach und der Widerstand schwand.


Im Tempel des Gottes

Vor einer von blühendem Efeu umrankten Säule saß Elena im Schatten des Tempels. Schon vor zehn Tagen hatten die Mutter und die Schwestern sie in die riesigen Tempelanlagen des Minotaurus begleitet und sie der Obhut der Priesterinnen übergeben. Es hatte einen tränenreichen Abschied von der Mutter gegeben und die Schwestern hatten sie zum Abschied umarmt und mit zum Teil neidischen zum Teil mitleidigen Blicken bedacht. Die beiden jungen Frauen mussten die Mutter fast gewaltsam aus dem Tempel drängen. Immer wieder stockte ihr Fuß und sie wandte sich mit brennendem Blick wieder zu ihrem zurückgelassenen Kind um. Elena war bei den Priesterinnen geblieben und hatte nichts in sich gefühlt als eine große Leere und eine unbestimmte Angst, die ihr Herz umfing. Doch die Tage vergingen und bald hatte die Routine des Tempelalltags sie vereinnahmt und mit ihrer beruhigenden Regelmäßigkeit von ihrem Kummer abgelenkt. Gerade hatte sie eine der wenigen Stunden, in der sie etwas Zeit für sich hatte. Sie hatte kaum mehr Muse zum Nachdenken gefunden, denn meistens stand sie ja unter der strengen Aufsicht der Priesterinnen und wurde mit Aufgaben regelrecht überhäuft. Wie die anderen Mädchen, die dem Minotaurus geweiht waren, mußte auch sie den Hauptteil des Tages mit Tempeldiensten und Beten verbringen. Demütig mußte sie allen Befehlen der Priesterinnen gehorchen. In den ersten Tagen hatte sie noch ihrem neugierigen Naturell nachgegeben und den Frauen verschiedene Fragen gestellt, doch meistens hatte sie nur ausweichende oder gar keine Antworten bekommen. Als sie es gar gewagt hatte freiheraus zu fragen, warum die Mädchen, die in die Höhle des Minotaurus gingen nie mehr herauskamen, hatte sie eine strenge Strafe erhalten. Da sie die anderen Mädchen in helle Aufregung versetzt hatte, wurde sie von den Priesterinnen in einen dunklen unterirdischen Raum gebracht, der sich in den tiefsten Gewölben des Tempels befand, und mußte dort einen ganzen Tag – ohne Essen – nur mit Beten verbringen, um Buße zu tun für ihre Zweifel. Es gab jedoch eine Seite ihres Tempeldienstes, die ihr gut gefiel, obwohl sie sehr gefährlich war. Die jungen Mädchen und auch die jungen Männer, die wie sie dem Gott versprochen waren, mußten mit den Stieren tanzen. Das heißt, tanzen war nicht der richtige Ausdruck. Sie mußten die Tiere erst beobachten, bis sie ihre Reaktionen und Bewegungen in– und auswendig kannten und dann mußten sie lernen, auf deren Rücken zu springen und dort akrobatische Kunststücke zu vollführen. Sie lernten aber auch die Tiere zu versorgen und mit ihnen umzugehen, was für Elena eine ganz neue Erfahrung war. Also freute sie sich immer auf die Stunden des Tages, die sie mit den Stieren verbringen durfte.


Der schöne Jüngling

Sie wurde aus ihren Gedanken aufgeschreckt, als sie Geräusche auf der anderen Seite der Mauer hörte, die das Tempelgelände der Frauen begrenzte. Neugierig näherte sie sich und kletterte, nachdem sie sich vorsichtig umgeschaut hatte, ob sie auch niemand beobachtete, auf einen kleinen Olivenbaum. Dieser wuchs an der Begrenzung hinauf und von dort aus konnte sie ungehindert auf das „verbotene“ Areal spähen. Auf der anderen Seite befand sich nämlich der Teil des Geländes, das den Männern vorbehalten war. Elena erblickte einige Jünglinge, die ihre gefährlichen Übungen mit den Stieren absolvierten. Sie duckte sich so gut es ging, um hinter der Mauer und dem Laub des Baumes vor deren Blicken verborgen zu sein. Hatte sie doch keinerlei Ambitionen ihren „Posten“ zu verlassen, bei dem interessanten Schauspiel, das ihr hier geboten wurde. Ihre Angst vor Entdeckung wurde zigmal übertrumpft von Neugierde. Es war faszinierend zuzuschauen, wie die sehnigen muskulösen Körper der jungen Männer sich vom Boden abschnellten, um mit geübten Sprüngen auf den Rücken der kraftstrotzenden Tiere zu landen. Einer der Jünglinge allerdings zog ihre Blicke deutlich öfter auf sich als alle anderen. Er bewegte sich am geschicktesten und elegantesten und machte die kühnsten Kunststücke. Er hielt sich zum Beispiel mit den Händen an den Hörnern des Stieres fest und schwang sich dann zu einem Handstand auf während das Tier wütend durch die Sandarena raste. Elena hatte die Luft angehalten, denn der Stier hatte während des wilden Ritts zornig seinen Kopf geschüttelt, so daß der junge Mann fast das Gleichgewicht verloren hätte. Bevor er stürzen konnte, stieß er sich jedoch kraftvoll ab und landete elegant und unverletzt auf dem sandigen Boden. Elena atmete erleichtert aus und bemerkte plötzlich, daß der schwarzlockige Junge sie unverwand ansah. Röte überzog ihre Wangen und bevor sie hastig von ihrem hohen Sitz glitt sah sie noch, wie ein freches Lächeln über das Gesicht des Jünglings glitt und sie meinte zu erkennen, daß er ihr – ohne daß die aufsichtführenden Priester etwas bemerkten – zuzwinkerte.

                *

Elena eilte zwischen den vielen bunten Säulen hindurch, die das flache Dach der großen Halle trugen, in der das Abendgebet stattfand. Der Boden der Halle war aus blankpoliertem rosa Marmor. Nach der Hitze im Hof war er an ihren bloßen Füßen angenehm kühl. Sie kniete sich in die Reihe ihrer Kameradinnen und ließ wie diese ihren Oberkörper in ehrfürchtiger Anbetung nach vorn sinken bis sie mit dem Gesicht und den ausgestreckten Armen den Boden berührte. Vor ihr, an der Kopfseite der Halle, befand sich eine riesige silberne Statue des Minotaurus, von den durch die Säulen dringenden Sonnenstrahlen in diffuses goldenes Licht eingehüllt. Der Minotaurus hatte den Körper eines mächtigen Mannes, aber den Kopf eines Stieres. Seine roten Rubinaugen glühten unheimlich und die gewundenen Hörner schimmerten in mattem elfenbeinernem Glanz. Er saß auf einem goldverzierten Thron und war mit Edelsteinen geschmückt. Elena konnte einen Schauder nicht unterdrücken, wenn sie daran dachte irgendwann dem Stiergott von Angesicht zu Angesicht gegenüberzustehen. Nachdem die Priesterinnen ihren Lobgesang zu Ehren des Gottes beendet hatten, durften die Mädchen sich in ihre Räume zurückziehen. Es waren schlichte Kammern in einem Nebengebäude des Tempels. Die hohen gewölbten Decken und die nur mit Stoffstreifen verhängten Fenster ließen die Räume, auch in sehr heißen Nächten, immer angenehm kühl bleiben. Für die kalten Nächte standen flache Kohlebecken auf verzierten Füßen bereit. Elena teilte sich ihr Zimmer mit zwei anderen Mädchen. Manchmal sprachen sie abends noch miteinander die Erlebnisse des Tages durch, doch heute legte sich Elena still auf ihre Matratze und tat, als ob sie schliefe. Ihre Gedanken kreisten immer noch um den schönen Jüngling, den sie heute nachmittag beobachtet hatte. Seine dunklen Augen und das spitzbübische Lächeln gingen ihr nicht aus dem Sinn und als sie endlich in einen unruhigen Schlaf fiel, nahm sie sein Bild mit sich in ihre Träume.


Das Wiedersehen

Eine von Elenas Aufgaben bestand darin, der Priesterin, die für die medizinische Versorgung zuständig war, zur Hand zu gehen. Sie hatte ein spezielles Talent für die Zubereitung von Kräutertränken und Medizin gezeigt und fiel auch nicht in Ohnmacht, wenn sie bei der Versorgung von blutenden Wunden helfen mußte. Als sie an diesem Morgen die Stiere versorgte, wurde sie zu den Priesterinnen beordert und erfuhr, daß sie mit der Medizin-Priesterin in den anderen Teil des Tempels gerufen wurde. In den Teil, der den Männern vorbehalten war. Normalerweise hatten die Männer natürlich ihren eigenen Heilkundigen, aber dieser war heute nach Knossos gerufen worden, da ein reicher Kaufmann einen Unfall erlitten hatte. Es war unvermeidlich, daß bei den gefährlichen Übungen mit den Stieren immer wieder mehr oder weniger schwere Verletzungen auftraten. Als sie nun den Hof überquerten und durch eine Pforte in der Mauer den anderen Teil des Tempels betraten, schaute Elena sich immer wieder neugierig um. Sie gingen durch einen von Säulen gestützten Gang und kamen an der Arena vorbei, in der Elena gestern die Übungen der jungen Männer beobachtet hatte. Nachdem sie einen großen Tempel durchquert und etliche Gänge durchwandert hatten, erreichten sie endlich einen Raum in einem ähnlichen Nebengebäude wie dem, in dem die Mädchen wohnten. Fast wäre Elena einen Schritt zurückgetaumelt, als sie plötzlich in das Gesicht sah, das sie in ihren Träumen verfolgt hatte; sie konnte sich gerade noch zusammennehmen und eine unbeteiligte Miene zur Schau stellen. Die Priesterin eilte an die Liege, auf welcher der Verletzte lag und besah sich einen tiefen Riß, der von der Schulter des jungen Mannes bis zum Oberarm reichte. Sie packte ihren Medizinkorb aus und begann mit geübten Bewegungen die Wunde zu reinigen, während sie sich von Elena immer wieder Instrumente und Heilsalben reichen ließ. Während sie routinemäßig die Wunde verband, bat sie den Patienten den Hergang des Unfalls zu erzählen. Er schilderte anschaulich, wie er bei einem Kunststück auf den Hörnern des Stieres abgerutscht war und sich am Horn des Tieres diese Verletzung zugezogen hatte. Während er sprach ruhten die dunklen Augen unverwandt auf dem Antlitz des jungen Mädchens. Zum Glück war die Priesterin beschäftigt und bemerkte weder dies, noch wie sich Elenas Wangen vor Entrüstung über diese freche Musterung mal rot mal blaß verfärbten. Trotz ihrer Verärgerung ertappte sie sich dabei, dass sie fasziniert der angenehmen Stimme des jungen Mannes lauschte und ihn immer wieder heimlich unter gesenkten Wimpern betrachtete. Die Priesterin verließ kurz das Gemach, um frisches Wasser für einen Trank zu holen und Elena wolle ihr schon folgen, da fühlte sie ganz sacht die Hand des Jünglings an ihrem Gewand zupfen und er machte ihr mit einer Geste klar, daß sie bleiben solle. Als sie alleine waren nahm er ihre Hand, obwohl sie sie ihm zu entziehen versuchte, und sah ihr tief in die Augen. „Ich habe nur auf diese Gelegenheit gewartet,“ sagte er mit einem strahlenden Lächeln zu ihr, „ich stürze normalerweise nie.“ Leicht gereizt entzog ihm Elena nun endgültig ihre Hand und sagte mit ironischem Unterton: „Du wirst mir ja wohl nicht erzählen wollen, daß du so einen gefährlichen Sturz nur herbeigeführt hast, um mich kennenzulernen?“ Er hüllte sich in geheimnisvolles Schweigen und zuckte mit den Schultern, verzog dann aber schmerzlich das Gesicht, da er nicht an seine Verletzung gedacht hatte. Verlegen wollte Elena wieder den Raum verlassen, doch er faßte noch einmal nach ihrer Hand und hielt sie zurück. Diesmal sah er sie ernst an und sagte drängend: „ Komm bitte morgen nach den Übungen in den Olivenhain, ich muß dich wiedersehen.“ Es lag eine solche Intensität in seiner Bitte und in seinem Blick, dass Elena ihn einen Moment lang verwirrt und fasziniert zugleich anstarrte. dann entriss sie ihm zum zweiten Male ihre Hand, die sich plötzlich seltsam heiß anfühlte und trat von der Liege weg. In diesem Moment kam die Priesterin zurück und war überrascht, als Elena an ihr vorbei eilte und sagte, daß sie im Hof auf sie warten würde. Dort stand sie dann im Schatten zweier Säulen und fühlte sich schwindlig. Sie konnte ihre Gedanken nicht ordnen und presste instinktiv die von dem jungen Mann berührte Hand, die sich immer noch seltsam prickelnd anfühlte, gegen das wild pochende Herz. Als sie an diesem Abend zu Bett ging, konnte Elena lang nicht einschlafen, denn sie mußte immer wieder mit einer Mischung aus Unglauben und Neugierde an diesen frechen jungen Mann denken und konnte sich nicht das ungewöhnliche Gefühl von Wärme erklären, das ihr Herz durchströmte, wenn Ihre Gedanken bei ihm waren.


Verwirrende Gedanken

Als ich an diesem Abend nach Hause kam, setzte ich mich mit einem Glas Wein in einen tiefen Sessel und machte weder den Fernseher, noch die Stereoanlage an. Ich mußte erst einmal meine Gedanken analysieren und herausfinden, was mein Erlebnis im Museum zu bedeuten hatte. Ich hatte keine Ahnung von Hypnose dachte aber, dass sich eine Person die in Trance fällt, ähnlich fühlen müsste, wie ich bei meinem Museumserlebnis. Ich konnte nach diesem zweiten Vorfall unmöglich weiterhin alles auf meine Einbildung abschieben. Ich wußte auch, daß ich griechische Vorfahren hatte, konnte aber keinen Zusammenhang herstellen mit meinen seltsamen Visionen. Als meine Gedanken immer wieder im Kreis liefen und ich zu keinem Ergebnis kam, rief ich Alex an. Schneller als ich erwartet hatte, stand er vor der Tür. Ich bat ihn herein und unser Begrüßungskuß fiel seltsam kurz aus, da er mich schnell von sich schob und mich forschend ansah. Alex nahm mich bei der Hand und zog mich zum Sofa. Er drückte mich in die Polster, ging vor mir in die Knie und legte seine Hände über meine. Er machte einen ehrlich besorgten Eindruck als er nun mit mir sprach. „Tina, ich mache mir jetzt wirklich Sorgen um dich. Diese sogenannten Visionen scheinst du ernster zu nehmen, als dir gut tut.“ Ich fragte ihn, ob er auch ein Glas Wein haben wolle und er bejahte. Ich erhob mich, holte Wein und Glas und nahm wieder Platz. Alex übernahm das Einschenken, setzte sich dann mir gegenüber in einen Sessel und nippte schweigend an seinem Getränk. Nach einer Weile des Schweigens fragte ich ihn zögernd und mit einer Ablehnung rechnend, ob er mir nicht helfen wolle, der Sache auf den Grund zu gehen. Zu meiner freudigen Überraschung sah er mich ernst an und sagte: „Tina, ich kann dein Erlebnis immer noch nicht ganz ernst nehmen. Da ich aber merke, daß dir viel daran liegt hinter das Geheimnis dieser Geschichte zu kommen, will ich dir helfen, wenn ich es kann. Es liegt mir viel daran, was du denkst und fühlst, auch wenn ich manchmal den Eindruck erwecke, dich nicht ernst zu nehmen.“ In diesem Moment fühlte ich mich so erleichtert und geborgen, daß ich aus meinem Sofa aufsprang und Alex umarmte, so daß wir beide beinahe mit seinem Sessel umgestürzt wären. „Halt, halt! Nicht so stürmisch!“ rief er lachend, „Ich habe nicht gesagt, daß ich an all diese übersinnlichen Dinge glauben kann, ich habe nur gesagt, daß ich dir helfe und das aber auch nur, solange du mich nicht zu irgendwelchen Zauberern, Hexen oder Wahrsagern schleifst.“ Meine gute Laune war jetzt nicht mehr zu zerstören und ich war zuversichtlich das Rätsel irgendwie lösen zu können, auch ohne einen Irrenarzt zuziehen zu müssen. Alex schaute mir stirnrunzelnd hinterher, als ich aufgekratzt davonsurrte und nahm einen tiefen Schluck aus seinem Glas.

                *

Ich begann damit, daß ich den Dachboden des kleinen Häuschens auf den Kopf stellte, um irgendwelche Sachen von meinen „Ahnen“ zu finden. Ich hatte das Haus von meiner Mutter, wie diese es von ihrer Mutter, geerbt und es mußten eigentlich noch einige Erinnerungen und Unterlagen da sein. Das einzige, was ich aber fand, war eine kleine Schmuckschatulle und ein Bündel alter Briefe, um die ein rosa Band geschlungen war. Die Schatulle schien auf den ersten Blick leer zu sein, aber als ich genauer hinsah, entdeckte ich ein kleines Perlenarmband, das in die Nische des Futters gerutscht war. Es war ein entzückendes altes Schmuckstück, das aus hellblauen unregelmäßig geformten Naturperlen gefertigt war und aus drei umeinandergeschlungenen Reihen dieser Perlen bestand. Ich nahm Armband sowie Briefe mit ins Wohnzimmer, wo ich meinen Fund triumphierend vor Alex hinlegte, der mich mit schicksalsergebener Miene ansah und den Krimi ausschaltete, den er gerade angesehen hatte. Begeistert setzte ich mich auf seinen Schoß und hielt ihm das Perlenband vor die Nase. Bei dieser Gelegenheit sah ich, daß wieder die freche Strähne seines dunkelblonden Haares in seine Stirn hing und konnte nicht widerstehen, sie zärtlich wegzustreichen. Dies hatte zur Folge, daß er mich an sich zog und begann mich zu küssen. An diesem Abend kam ich nicht mehr dazu, die Briefe zu sortieren oder anzusehen.


Der Traummann aus der Vergangenheit

Am Dienstag der folgenden Woche hatte ich wieder ein seltsames Erlebnis. Ich war nach der Arbeit in ein kleines Kaffeehaus in der Fußgängerzone gegangen, um mich etwas zu entspannen und danach noch einkaufen zu gehen, als ich IHN sah. Er saß keine fünf Meter von mir entfernt und las in einer Zeitung, während er ab und zu an seiner Tasse nippte. Ich muß ihn wohl angestarrt haben, denn nach einer Weile sah er mich konsterniert an. Es waren dieselben Augen, dieselben lockigen dunklen Haare, es war der junge Mann aus meinem Bild. Ein seltsamer Schimmer, fast wie ein Erkennen war in seinem Blick, als er mich ansah. Wie unter einem inneren Zwang erhob er sich und kam auf mich zu. In diesem Augenblick versperrte mir plötzlich jemand die Sicht. Es war meine dickliche gesprächige Nachbarin, die mich soeben entdeckt hatte. Obwohl ich mir fast den Hals verrenkte, konnte ich keinen Blick mehr auf meinen geheimnisvollen Unbekannten, oder sollte ich besser sagen „Bekannten„ erhaschen. Als sich Frau Maier endlich mir gegenüber gesetzt hatte und ihr komisches Gebilde von Hut - ein riesiges grünes Ding mit Getreide und Vögeln darauf - abgenommen hatte, war der Mann verschwunden. Ich konnte mich kaum auf das Gespräch konzentrieren, was aber zum Glück auch nicht notwendig war, da diese Dame sowieso redete ohne Punkt und Komma.

                *

An diesem Abend war ich allein zuhause, da Alex einen Fortbildungskurs besuchte, der zwei mal wöchentlich stattfand. Ich aß nur einen kleinen Snack zum Abendbrot und machte es mir wieder in meinem Sessel gemütlich. Ich trug das Perlenarmband, seit ich es gefunden hatte, ständig um das rechte Handgelenk und setzte nun meine Nachforschungen fort, indem ich mir die Briefe vornahm. Ich legte sie vor mir auf den kleinen Glastisch und sah mir die Umschläge an. Sie waren in der zierlichen Handschrift meiner verstorbenen Großmutter beschriftet aber es stand kein Empfänger darauf, nur der Name „Stavros“. Ich kam mir fast unanständig vor, denn es handelte sich offensichtlich um Liebesbriefe. Zögernd öffnete ich die Umschläge und legte die Blätter vor mir auf den Tisch. Es waren tatsächlich die Briefe eines verliebten jungen Mädchens an seinen Liebsten. Großmutter mußte sie damals von einem Boten überbringen lassen haben, da ja nur der Vorname des Mannes auf den Umschlägen stand. Nachdem ich drei der fünf Briefe gelesen hatte, hatte ich einiges über die Beziehung zwischen Beata, meiner Großmutter und Stavros, dem Mann den sie damals liebte, erfahren. Stavros war ein armer Fischer und die gutsituierte angesehene Familie meiner Großmutter duldete natürlich keine Verbindung zwischen ihm und der behütet aufgewachsenen Beata. So konnten sie sich nur heimlich treffen und sich immer wieder gegenseitig ihrer Liebe versichern. Als ich den dritten Brief gelesen hatte, wußte ich, daß sich der junge Mann und die junge Frau so sehr liebten, daß sie sich zu einer heimlichen Heirat entschlossen hatten, auch auf die Gefahr hin, daß Beata dann von ihrer Familie verstoßen werden würde. Ich war noch ganz in der Vergangenheit meiner Großmutter gefangen, als es klingelte. Ich sprang auf und öffnete die Tür. Hinter einem überdimensionalen Strauß roter Rosen kam Alex` grinsendes Gesicht zum Vorschein. „Hallo mein Fräulein! Der Kurs hat früher aufgehört und da hab ich mir gedacht, das ich dich zum Essen einladen könnte und danach gehen wir noch in die neue Tanzbar. Nun?“ Begeistert umarmte ich ihn, wobei die Rosen sehr im Weg waren und uns beide piekten. Als ich den Rosenstrauß in eine Vase verfrachtet hatte, konnte ich meiner Freude endlich ausgiebig Ausdruck verleihen. Alex schob mich ein Stück von sich und sagte lachend: „Du freust dich nur so, weil ich recht vermutet habe und du vor lauter Brieflesen noch nicht zum Essen gekommen bist, nicht wahr?“ „Natürlich,“ sagte ich todernst, „nur deswegen.“ Danach küßte ich ihn und er spürte, das mein Hunger nicht nur dem Essen galt.

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Es wurde ein wunderschöner Abend und ich zögerte das Nachhausegehen immer weiter hinaus, bis wir schließlich um zwei Uhr früh gehen mußten, da das Tanzlokal schloß. Alex ging mit zu mir und ich fragte ihn, ob er noch ein Glas Wein mit mir trinken würde, da ich ihm unbedingt die Briefe meiner Großmutter zeigen wollte. Interessiert las er die drei bereits geöffneten durch und fragte mich dann nach dem Nachnamen meiner Großmutter. Ich erwiderte, daß sie Beata Rallis geheißen hatte, ich aber ihren Mädchennamen nicht kannte, da sie nie über ihre Familie oder die Zeit vor ihrer Heirat mit meinem Großvater gesprochen hatte. Wachsam sah mich Alex an, „aber dein Großvater war nicht dieser Stavros aus den Briefen?“ „Nein, das wäre mir gleich aufgefallen, mein Großvater lebt noch und er heißt Nikos Rallis.“ Alex überlegte kurz und sagte dann: „Aber vielleicht könnte uns dein Opa irgendwie weiterhelfen?“ Mit ironischem Lächeln gab ich zurück: „Oh ja, klar. Ich geh hin und sage – hallo Opa, du, ich möchte gern etwas über Oma`s Lover, den sie hatte bevor sie mit dir zusammenkam, erfahren – höchstwahrscheinlich wird er begeistert sein, wenn er überhaupt etwas davon weiß.“ Alex zuckte die Schultern. „Na ja, war ja bloß eine Idee.“ Ich fuhr erklärend fort: „Es wäre, selbst wenn ich es versuchen wollte, schwierig. Mein Großvater ist nach Omas Tod, vor fünf Jahren, Zurück nach Griechenland in seinen Heimatort gezogen und ich verbringe nur ab und an ein paar Tage Urlaub bei ihm.“ Alex kam zu meinem Sessel und zog mich auf die Beine. „Komm laß uns jetzt zu Bett gehen und die Vergangenheit vergessen. Ich möchte heute mit dir noch ein wenig die Gegenwart genießen.“ Das ließ ich mir nicht zweimal sagen. Einige Zeit später fiel ich in einen tiefen unruhigen Schlaf.


Sehnsucht

Elena spähte immer wieder nach dem Stand der Sonne, ob sie nicht endlich den Zenit überschritten hätte und es auf den Abend zuginge. Sie war so in Gedanken, daß sie sich beinahe bei den schwierigen Kunststücken mit den Stieren verletzt hätte. Endlich waren die Übungsstunden vorbei und die Mädchen durften sich zurückziehen. Elena begab sich in ihren Raum und wartete, denn es war üblich, daß sich die Mädchen nach den Übungen ausruhten und die Priesterinnen sich in der großen Halle trafen um mit den Priestern die Veranstaltungen zu besprechen. Es wurden regelmäßig große Feste auf dem Tempelgelände abgehalten, auf denen die jungen Diener und Dienerinnen des Minotaurus ihre Geschicklichkeit zur Schau stellten, um dem Publikum zu zeigen, daß sie des Gottes würdig waren. Nur die Besten würden am Ende zu den sieben Opfern gehören und in diesem Jahr würden es sieben Mädchen sein. Endlich waren die zwei Zimmerkameradinnen von Elena eingeschlafen und sie schlich sich leise aus dem Raum und den Arkadengang hinunter. Als sie durch eine kleine Pforte in der das Tempelareal umgebenden Mauer ins Freie schlüpfte, duckte sie sich gleich hinter die blumenüberwachsenen Natursteinwälle, welche die angrenzenden Obstgärten umgaben und schlich so bis zum etwas weiter entfernten Olivenhain. Kurz vor dem Ziel zögerte sie. Eine unbestimmte Furcht brachte sie beinahe dazu umzukehren und das ganze Abenteuer abzubrechen. Sie hatte den ganzen Tag schon nachgedacht, war hin und hergerissen zwischen einem komischen Gefühl des Sehnens und der Angst vor Strafe, wenn sie erwischt würde, wie sie etwas Unerlaubtes tat. Dann plötzlich überwog die Sehnsucht in ihrem Herzen alle Zweifel und sie ging leichten Schrittes weiter. Wieder stockte ihr Fuß, als sie am Stamm eines der silbrig belaubten Olivenbäume den jungen Mann lässig zurückgelehnt sitzen sah, auf einem Grashalm kauend. Elena wurde es ganz seltsam zumute und am liebsten wäre sie nun doch umgekehrt und den ganzen Weg zurückgerannt. Als aber ein strahlendes Lächeln das Gesicht des Jünglings erhellte und sie den sehnsüchtigen Ausdruck in seinen Augen sah, kam sie doch, wie von unsichtbarer Macht getrieben, vorsichtig näher. Er klopfte auf das hohe Gras neben sich und sie nahm Platz. „Ich habe auf dich gewartet.“ Sagte er und sah sie intensiv an. Sie senkte den Blick auf ihre Hände, mit denen sie nervös eine Blume zerpflückte, die sie gerade abgebrochen hatte. Sie hatte keine Ahnung, wie sich eine Frau zu einem Mann verhalten sollte, wusste nur, dass die dem Stiergott Geweihten nur für diesen bestimmt waren, so sprach sie leise: „Ich mußte doch warten, bis die Mädchen schliefen und die Priesterinnen beschäftigt waren. Vorher konnte ich mich nicht davonschleichen.“ Elena sah ihn mißtrauisch an. „Warum willst du mich überhaupt unbedingt sehen? Es ist gefährlich und nicht erlaubt.“ Vorsichtig nahm er ihr die zerpflückte Blume aus der Hand und umfaßte ihre Hände mit den seinen. Er sah ihr wieder auf seine intensive Art in die Augen und sie meinte, er müsse mit seinen sanftem Blick bis in ihr Herz sehen, das wild zu klopfen begann. „Seit ich dich gesehen habe kann ich nur noch an dich denken. Selbst im Schlaf sehe ich dein schönes Gesicht vor mir, deine leuchtenden Augen verfolgen mich durch den Tag. Ich konnte nicht anders, ich mußte dich einfach wiedersehen.“ Er hob ihre Hände an sein Gesicht und schmiegte seine Wange an ihren Handrücken. Elena schloß wie unter Zwang die Augen und erschrak vor dem tiefen Schmerz, der ihr Herz durchzuckte, wie die Vorahnung einer kommenden Katastrophe. Trotz aller Angst war das Gefühl von so einer melancholischen Süße, dass sie nicht wagte sich zu rühren, weil sie fürchtete diesen wunderbaren Augenblick zu zerstören. So saßen sie lange ruhig nebeneinander. Es war kein unangenehmes Schweigen, sondern so, als ob sie sich ohne Worte verstünden. Nach langer Zeit unterbrach er mit sanfter Stimme die Stille und sagte: „Ich habe zwar über einen jungen Priester herausgefunden, daß du der Heilpriesterin hilfst, aber ich weiß immer noch nicht deinen Namen. Ich bitte dich, sage ihn mir, damit ich weiß, wie ich das Mädchen aus meinen Träumen nennen darf.“ Elena sagte leise: „Mein Name ist Elena, aber du mußt mir auch deinen sagen.“ „Angelo heiße ich, denn mein Großvater heißt so und er kam von Italien als Händler übers Meer. Ihm muß es ergangen sein wie mir, denn er traf hier ein wunderbares Mädchen, kehrte nie mehr in seine Heimat zurück und blieb bis zu ihrem Tode hier bei ihr.“ Erschrocken ließ Elena plötzlich seine Hände los und sprang auf. Die Abendröte hatte den Himmel überzogen und es mischten sich leuchtende violette Streifen hinein, die bereits die Nacht ankündigten. „Ich muß sofort gehen, das Abendessen ist schon vorbei und die Andacht hat begonnen, hoffentlich hat man meine Abwesenheit nicht bemerkt.“ Sie eilte davon, nicht ohne einen sehnsüchtigen Blick zu Angelo zurückzuwerfen. Er rief ihr nach: „Ich werde jeden Abend hier auf dich warten, bis ich dich wiedersehe!“ Dann war ihre schlanke Silhouette hinter den Mauern der Gärten verschwunden.


Die Strafe

Elena schlich sich durch die Dämmerung und glitt vorsichtig an den Säulen vorbei, die die große Halle säumten, in welcher die Abendehrung des Gottes stattfand. Ganz leise kroch sie, zwischen den Säulen hindurch, in die Reihe der Mädchen, die sie mit keiner Silbe verrieten. Sie wollte schon erleichtert aufatmen, als sie vor ihrem auf den Boden gesenkten Haupt die Sandale einer Priesterin sah, die wütend mit den Zehen den Boden klopfte. „Wo kommst du so spät her? Du beleidigst den Gott zuerst mit deiner Neugierde und jetzt mit deiner Unpünktlichkeit.“ Es war die Hohe-Priesterin selbst, eine strenge ältere Frau, die Elena schon öfters zurechtgewiesen hatte. Elena hatte das Gefühl, daß diese Priesterin sie nicht besonders mochte und schickte ein Stoßgebet zur Göttin Athene, daß diese sie vor einer gar zu schlimmen Strafe beschützen sollte. Die Priesterin packte sie am Arm und riß sie unsanft von Boden hoch. Sie zog sie mit sich durch die Säulen ins Freie und fuhr sie dann an: „Du hast Glück! Normalerweise würde ich dich für deine Unpünktlichkeit zwei Tage in den Kerker sperren. Aber ich brauche dich, denn du bist eine der besten Akrobatinnen aus deiner Gruppe. In zwei Tagen haben die Priester des Minotaurus ein Fest anberaumt und die Arena wird umringt sein von vielen hohen Persönlichkeiten, die sich von der Geschicklichkeit der Gottgeweihten überzeugen wollen. So ganz ohne Strafe wirst du jedoch nicht ausgehen. Du wirst den Todessprung auf dem Stier vorführen und du hast nur diese zwei Tage um ihn zu üben.“ Mit funkelndem Blick, in dem leiser Triumph schwelte, drehte sich die Priesterin um und ließ das Mädchen stehen. Elena wußte nicht, ob sie erleichtert oder ängstlich sein sollte. Erleichtert, daß die Hohe-Priesterin gar nicht nach dem Grund ihres Zuspätkommens gefragt hatte, oder ängstlich, denn der Todessprung trug seinen Namen nicht umsonst! Sie wußte, daß sie sehr geschickt war in den Übungen mit den Stieren, aber diesen Sprung hatte sie noch nie versucht. Es war derselbe, bei dem sie Angelo das erste Mal gesehen hatte. Die Übung war so gefährlich, da man dicht neben den Kopf des Tieres springen mußte und man nie wußte, ob eine plötzliche Wendung des Stieres während oder nach dem Kunststück einen vor seinen gesenkten Hörnern landen ließ. Als sie an diesem Abend auf ihrer Matratze lag, dachte Elena an den jungen Mann, der umsonst auf sie warten würde, da sie die nächsten Tage nur mit Üben verbringen mußte und Trauer befiel ihr Herz.

                *

Es blieb ihr wirklich kaum Zeit für ihre eigenen Gedanken, aber jede freie Sekunde dachte sie an zwei schwarze Augen, die sie mit seltsamer Intensität ansahen. Und bei Nacht, wenn sie schlief, meinte sie seine Wangen an ihren Händen zu spüren, so wie im Olivenhain.

                *

Es war der Tag des großen Festes. Elena`s Furcht hatte nachgelassen, denn sie hatte den Todessprung geübt und geübt, bis sie ihn perfekt beherrschte. Nun konnte fast nichts schiefgehen; es kam nur noch darauf an, daß sich der Stier nicht außergewöhnlich verhielt. Sie war in letzter Zeit sehr schweigsam und nachdenklich gewesen und die anderen Mädchen hatten sie schon ein paarmal nach der Ursache gefragt. Elena hatte dann immer ihre Angst vor dem gefährlichen Auftritt als Grund angegeben und die anderen hatten sich damit zufriedengegeben. Das Stadion hatte sich bereits gefüllt. Es umgab mit seinen Sitzreihen ungefähr zwei Drittel der Arena, das andere Drittel war den Tempelangehörigen vorbehalten. Auf einem erhöhten Platz - neben einem Seiteneingang - von dem aus man über die die Arena umgebende Mauer sehen konnte, waren Holzbänke aufgestellt. Von diesen aus konnten die Mädchen und Jungen, die auf ihren Auftritt warteten, das Geschehen in der Arena verfolgen. Die Mädchen mußten zuerst einen Tanz mit Gesang vorführen, der den Gott milde stimmen sollte. Auf der Bank saßen die jungen Männer, die erst nach den Auftritten der Mädchen an der Reihe waren, da sie normalerweise die gefährlicheren Kunststücke vorführten. Auch Angelo saß auf einer dieser Bänke und starrte gebannt auf die in fließende weiße Gewänder gekleideten Mädchen hinunter, bis seine Augen die gefunden hatten, die er gesucht hatte. Er beobachtete jede der anmutigen Bewegungen und glaubte ihre klare Stimme aus all den anderen herauszuhören. Als der Tanz vorbei war, kam das erste Mädchen in die Arena, um mit dem Stier zu „tanzen“. Ein Tor in der Arenamauer wurde geöffnet und mit gereizt gesenktem Kopf und peitschendem Schwanz trabte der Stier durch den Sand der Bahn. Sein dunkelbraunes Fell glänzte, denn die Mädchen hatten ihn vor dem Fest stundenlang geputzt und gestriegelt. Der Stier trabte an der Mauer entlang und eine gewisse Routine war ihm trotz seiner Nervosität nicht abzusprechen, denn auch er hatte das Spiel ja vorher oft genug über sich ergehen lassen. Nur die ungewohnte Menge der unruhigen lauten Zuschauer brachte ihn offenbar auf. Das Mädchen lief leichtfüßig neben ihm her und schwang sich dann gekonnt auf seinen Rücken. Das Tier bremste kurz verwirrt und trabte dann doch weiter seine Runden. Das Mädchen stützte sich mit den Händen ab und stand dann mit abgespreizten Armen auf dem Rücken des Stieres, von wo aus es schwungvoll wieder auf den Boden sprang. Gleich nach diesem Auftritt kam die Reihe an Elena. Der braune Stier wurde aus der Arena getrieben und ein mächtiges schwarzglänzendes Tier wurde durch das Tor in die Arena gejagt. Elena, die hinter einer halbhohen Schutzwand an der Arenamauer auf ihren Auftritt waretet, war überrascht, denn der schwarze Stier hatte bei weitem nicht soviel Übung in diesen Veranstaltungen wie der andere und sie hatte nicht damit gerechnet, daß er eingesetzt würde. Nun, zum Zögern war es jetzt zu spät und sie betrat mit leichten Schritten die Arena. Irgendjemand mußte vorzeitig bekanntgegeben haben, daß sie den Todessprung vorführen würde, denn die Menge begann unruhig zu murmeln. Es war das erste Mal, daß ein Mädchen diesen gefährlichen Sprung wagte. Auch Angelo hatte das Geflüster gehört und er schaute ungläubig zur Hohen Priesterin hinüber, doch diese stand mit steinernem Gesicht ungerührt an ihrem Platz. Elena lief nun neben dem aufgeregt schnaubenden Tier her und schwang sich elegant auf seinen Rücken. Er machte ein paar wilde Sprünge, fiel dann aber wieder in seinen schnellen Trab zurück. Angelo hatte die Hände um die Kante der Bank gekrallt, so daß seine Knöchel weiß hervortraten. Voller Angst verfolgte er das Geschehen auf dem Rund, welches er nicht beeinflussen konnte. Kurz flog sein Blick wieder zu der Hohe-Priesterin hin und er dachte, daß er sie wohl erwürgen müßte, wenn dem Mädchen etwas passieren würde. Auch war er sich bewußt, daß wahrscheinlich er mit Schuld daran trug, daß man ihr diese schwere Aufgabe gestellt hatte. Bestimmt war es eine Art Strafe für ihre Verspätung an dem Tag, als er sie in den Olivenhain gelockt hatte. Sein Blick war wieder zu Elena zurückgekehrt die sich gerade zu einem Handstand auf den Hörnern des Stieres aufschwang. Bis jetzt lief das Tier noch ruhig seine Bahn. Elena stieß sich von den Hörnern ab und landete mit Salto an der Seite des Tieres, daß zwar kurz erschreckt zur Seite sprang, sie aber nicht verletzte. Nach einer kurzen Schrecksekunde sprang das Publikum von seinen Sitzen und der Jubel tönte laut durchs ganze Stadion; am lautesten aber jubelte ein schwarzgelockter junger Mann, dem Tränen der Erleichterung über die Wangen liefen, die er aber vor Freude gar nicht bemerkte.


Träume ohne Ende

Ich wurde wach, weil mich jemand an der Schulter rüttelte. Alex hatte sich auf einem Arm aufgestützt und sah mich mit hochgezogenen Augenbrauen an, während er seine Hand noch immer auf meiner Schulter liegen hatte. „Also Tina, ich haben dir ja noch nie ein relativ großes Maß an Temperament abgesprochen, aber daß du jetzt Turnübungen im Bett machst, ist doch zuviel des Guten. Wenn es der Fall wäre, solange ich wach bin, aber so......“ Ich sah ihn erstaunt an und konnte mir selbst ein Lachen nicht verkneifen, als er mir mit ansehnlichen Gesten vorführte, wie ich versucht hatte, einen Handstand mit einer Hand auf dem Kopfkissen und einer auf seinem Auge zustande zu bekommen. Daß Alex aber doch besorgt war merkte ich, als er mich an sich zog und mich bat zu erzählen, was ich geträumt hätte. Ich kuschelte meinen Kopf an seine Schulter und überlegte erst einmal, bis ich die Bilder wieder klar vor Augen hatte. Nachdem ich ihm die Geschichte erzählt hatte sah er micht erstaunt und ungläubig an. „Diese Geschichte wird immer fantastischer. Tina, du mußt mir versprechen, daß du, wenn das nicht aufhört, irgendwo Hilfe suchst. Bitte. Ja?“ Ich hatte keine Lust mitten in der Nacht eine Diskussion über Träume, Visionen und Einbildung anzufangen und außerdem war ich, obwohl noch immer steinmüde, doch selbst äußerst beunruhigt, daß mich diese Visionen jetzt sogar im Schlaf heimsuchten. Also nickte ich nur mit dem Kopf und Alex schaltete das Nachtischlämpchen wieder aus, das er eingeschaltet hatte, als ich mit meinen Turnübungen begonnen hatte.


Unverstanden

Am nächsten Morgen waren wir beide unausgeschlafen und nicht gerade bester Laune. Nach einem spärlichen Frühstück, weder Alex noch ich hatten morgens viel Appetit, machten wir uns gemeinsam auf den Weg zur Arbeit. Der Tag schien nicht vorbeigehen zu wollen; aber das ist meistens dann der Fall, wenn man aus irgendeinem Grund keine große Lust zu arbeiten hat, oder aber so müde ist, wie ich es an diesem Mittwoch war. Als ich endlich abends nach hause kam, rechnete ich fest damit, daß Alex vorbeikommen und mich vor dem Alleinsein retten würde. Ich hatte doch zugegebenermaßen auch ein wenig Angst vor meinen seltsamen Visionen und ganz tief in meinem Inneren hörte ich ab und zu eine ganz leise Stimme fragen, ob mit mir auch wirklich alles in Ordnung sei. Geflissentlich ignorierte ich diese Stimme und sagte zu mir selbst: „Du spinnst nicht, Tina!“ Es war schon beinahe einundzwanzig Uhr, als das Telefon klingelte. Ich war in meinem Fernsehsessel eingeschlafen und sprang nun erschrocken auf. Es war Alex. „Hallo Tina, du, ich werde heute nicht mehr vorbeikommen können. Ich war nach der Arbeit noch mit ein paar Kollegen essen und es wurde doch später, als ich gedacht hatte.“ Ich schwieg. „Tina, sei nicht böse. Ich verspreche dir, daß ich dich morgen gleich nach der Arbeit treffe und du kannst dir dann aussuchen, was wir unternehmen.“ Ich war bitter enttäuscht, denn gerade zur Zeit fühlte ich mich doch ziemlich verloren und konnte die Geborgenheit, die mir Alex geben konnte, so gut gebrauchen. „Ach Alex. Das wäre alles ganz anders, wenn du bei mir leben würdest. Wir könnten es uns so gemütlich machen und gerade zur Zeit brauche ich dich wirklich sehr. Diese ganzen geheimnisvollen Geschehnisse machen mich noch ganz fertig.“ Ich war nahe am Weinen und sprach nicht mehr weiter. Alex schwieg eine Weile und sagte dann leicht gereizt: „Tina, nun fang doch nicht schon wieder mit dieser Zusammenziehgeschichte an. Ich habe dir schon so oft gesagt, daß das alles seine Zeit braucht und ich will momentan meine Freiheit noch nicht soweit aufgeben. Es ist nicht so, daß ich mich nicht um dich sorge und ich liebe dich auch, das weißt du. Aber laß mir doch noch Zeit.“ Dieses Thema war das einzige, was unsere sonst so gute Beziehung trübte. Immer wieder schien sich Alex von mir bedrängt zu fühlen, wenn ich ihm zu nahe kam. Ich weiß nicht, was für ein Teufel mich ritt, als ich die folgenden Sätze zu Alex sagte: waren es meine angegriffenen Nerven? Oder war es meine Enttäuschung, daß er jetzt, wo ich ihn so brauchte, nicht für mich da war? „Alex ich habe die Schnauze voll. Zeit, wieviel Zeit willst du denn? Eine Woche, ein Jahr, hundert Jahre? Es reicht mir. Du kannst mich nicht so liebhaben, wie ich dich, sonst würdest du genauso mit mir zusammensein wollen, wie ich mit dir.“ Alex versuchte zu beschwichtigen: „Tina, bitte. Reg dich doch nicht so auf. Ich rufe dich morgen im Büro an. Wenn wir uns beruhigt haben, können wir alles noch mal in Ruhe durchsprechen.“ Aber inzwischen hatte ich mich so in Rage gesteigert, daß es kein Einsehen meinerseits gab, jetzt nicht. „Alex, nein! Ich will dich nicht morgen sehen und auch nicht übermorgen. Tut mir leid, aber laß mir jetzt eine Weile meine Ruhe. Jetzt brauche ich Zeit, um über alles nachzudenken und alles wieder auf die Reihe zu kriegen.“ Inzwischen zitterte meine Stimme und Tränen quollen unter meinen Wimpern hervor. Da legte ich auf.


Traumbegegnung

Alex rief tatsächlich in den nächsten Tagen nicht an, was ich zum Teil mit Genugtuung, zum Teil mit Besorgnis zur Kenntnis nahm. Obwohl ich es nicht zugab, hoffte ich doch insgeheim jedesmal wenn das Telefon klingelte, daß es Alex wäre. Am Samstag hatte sich meine depressive Stimmung dann in Trotz verwandelt und ich beschloß, daß ich den Abend nicht in trübsinniger Einsamkeit zuhause herumhocken würde. Nein, ich würde ausgehen und mich amüsieren! Basta!! Ich machte mich sorgfältig zurecht und als ich dann in den großen Spiegel im Schlafzimmer sah, war ich recht zufrieden mit dem Ergebnis. Meine Dauerwelle hatte sich inzwischen von Pudellöckchen in große weiche Wellen verwandelt und den Rotschimmer im Haar etwas intensiver gemacht. Die braunen Augen glänzten unternehmungslustig und meine schlanke Figur wurde durch den Jeansminirock und die weiße Rüschenbluse betont. Ich fuhr zu der Tanzbar, wo ich mit Alex gewesen war. Als ich dann vor der Tür stand, verließ mich beinahe der Mut. Es war doch was anderes, ob man in netter Begleitung ausging, oder trotzigerweise alleine vor der Tür stand. Aber nein, ich würde mich nicht unterkriegen lassen. Mutig stieß ich die Tür auf, eilte blindlings hinein ehe mich die momentane Courage wieder im Stich lassen konnte und rempelte prompt und heftig einen jungen Mann an, der anscheinen gerade das Haus verlassen wollte. Ich stolperte, da ich an diesem Abend ausnahmsweise hochhackige Schuhe trug und der junge Mann konnte mich gerade noch am Arm fassen, so daß ich nicht stürzte. Mit hochrotem Kopf und sehr peinlich berührt strich ich meinen Rock glatt. Als ich es endlich wagte, den Kopf zu heben um mich bei ihm zu bedanken, verschlug mir die Überraschung beinahe die Sprache und um mich vollends zu blamieren konnte ich nur stammeln: „Was tun Sie denn hier?“ Es war nämlich kein anderer als der schwarzgelockte Doppelgänger von Angelo aus meinen Visionen, der vor mir stand und mich frech angriente. Falls sich meine Röte noch vertiefen konnte, so tat sie es wohl, denn mir fiel ein, daß ich ihn ja eigentlich gar nicht kennen durfte. In der Cafeteria, wo ich ihn gesehen hatte, hatten wir ja schließlich nicht miteinander geredet. Jetzt wußte er also, sofern er mich damals wirklich wahrgenommen und ich mir das nicht eingebildet hatte, daß er mir aufgefallen war. Da es wohl das beste wäre mich zu entfernen, bevor ich in noch mehr Fettnäpfchen treten konnte, drängte ich mich an ihm vorbei und eilte den Gang entlang, der in das Lokal führte. Ich betrat erleichtert den schummrig beleuchteten Raum. Es gab dort eine lange Bar, ein paar runde Tische mit Hockern und eine bunt beleuchtete Tanzfläche. Die Musik hatte mir letztes Mal ganz gut gefallen, denn sie hatten vor allem Oldies gespielt, was ich zwischen meinen Hardrockphasen ganz gerne höre. Ich setzte mich an einen Tisch und bestellte, als die Kellnerin kam, ein Glas Wein. Nervös holte ich mir eine Zigarette aus meiner Handtasche und als ich nach dem Feuerzeug kramte, leuchtete vor meiner Nase eines auf und eine tiefe angenehme Stimme sagte: „Erst rette ich Ihnen das Leben und dann lassen Sie mich einfach stehen.“ Seine fast schwarzen Augen sahen mich so treuherzig an, daß ich einfach lächeln mußte. „Tut mir leid, ich hab mich wohl vorhin ziemlich blöd verhalten.“ Sagte ich. „Darf ich mich zu Ihnen setzen?“ Fragte er und deutete auf den freien Hocker neben mir. Mit einer Geste lud ich ihn ein Platz zu nehmen. Er flüsterte kurz mit der Kellnerin, als diese nach seinen Wünschen fragte und wenig später brachte diese zwei Gläser und eine Flasche süßen Rotweins. „Finden Sie mich unverschämt oder freuen Sie sich?“ Wieder sah er mich mit seinen unwiderstehlichen Augen an. Ich betrachtete die Flasche und es war genau der Wein, den ich bevorzugte. Noch ehe ich ihn etwas fragen konnte, sagte er: „Ich wußte, daß Sie ihn mögen.“ Seltsam berührt sah ich ihn an, doch er zerstreute meine Zweifel mit seiner charmanten Art sofort wieder. Wir stellten uns gegenseitig vor und bald unterhielten wir uns wie alte Bekannte. Mir fiel gar nicht auf, wann wir angefangen hatten uns zu duzen. Irgendwann fragte er mich, warum ich so komisch auf seinen Rettungsversuch an der Eingangstür reagiert hätte. Ich drehte mein Weinglas zwischen den Fingern und sah darauf nieder, während sich das Schweigen ausdehnte. Vorsichtig legte er seine Hand um meine, so daß das Glas wieder ruhig stand und sagte mit seltsamer Dringlichkeit: „Tina, bitte erklär es mir, es ist sehr wichtig für mich.“ Ich zögerte noch, aber dann überwand ich meine Scheu und fing an zu erzählen. Als ich erst einmal begonnen hatte, sprudelten die Worte über meine Erlebnisse wie ein Wasserfall über meine Lippen und ich war froh, daß ich sie endlich jemandem erzählen konnte, den sie wirklich zu interessieren schienen. Andi, so war der Name meines neuen „alten Bekannten“, hörte fasziniert zu und unterbrach mich kein einziges Mal. Als ich mit meinem Bericht fertig war, nahm er wieder meine Hand in die seine und irgendwie wirkte er fröhlicher und ruhiger als vorher. Er sah mich ernst an und erklärte mir, daß es manch sonderbare Dinge gäbe, die sich mit dem gesunden Menschenverstand nicht erklären ließen. Daß aber unsere Welt wohl auch sehr langweilig und unromantisch wäre, wenn es nichts außer der nüchternen Realität geben würde. Wir führten danach noch eine angeregte Unterhaltung, aber er ging nie genau auf meine Fragen ein, wenn sie ihn persönlich betrafen. Als ich auf meine Armbanduhr sah war ich überrascht, wie schnell die Zeit verflogen war. Es war fast zwei Uhr früh. Andi hatte meinen Blick bemerkt und sofort erhob er sich galant und bot mir an, mich zu begleiten, falls ich wirklich schon gehen wolle. „Was heißt schon?“ fragte ich lachend und deutete auf die Kellnerin, die begann aufzuräumen und dann auf den fast leeren Raum. Die meisten Gäste hatten das Lokal bereits verlassen. Andi kam um den Tisch und bot mir seinen Arm. Mit einem amüsierten leichten Senken des Kopfes nahm ich sein Angebot an und hängte mich bei ihm ein. Er fragte mich, ob ich mit dem Wagen hier sei und ob er mich gleich hinbringen solle, oder ob ich noch ein klein wenig Zeit hätte. „Es wartet niemand zuhause auf mich.“ Sagte ich und hoffte, daß man meiner Stimme nicht anhörte, daß Enttäuschung über diesen Zustand darin mitschwang, „also kann ich mir meine Zeit einteilen wie ich will. - Oh, ich habe gelogen, mein Kater Nicky hat Anspruch auf meine Zeit, aber um diese frühe Stunde faulenzt er sowieso und vermißt mich nicht.“ Andi lächelte und meinte: „Ich will dich deinem Kater nicht allzu lange vorenthalten, nur zu einem kleinen Spaziergang durch den Park möchte ich dich noch entführen.“ Ich erklärte mich einverstanden und Arm in Arm gingen wir über die Straße und durch den romantisch beleuchteten Park. Die Nacht war lau und brachte einen Hauch des Frühlings mit sich. An den Bäumen blühte schon das erste helle Grün und schimmerte silbern im Licht der Laternen. Es herrschte ein angenehmes Schweigen zwischen Andi und mir und die ganze Situation kam mir immer wieder ein bißchen unwirklich vor. Die Sterne funkelten über uns und fast war ich enttäuscht, als wir wieder an der Straße ankamen, nachdem wir auf einem Rundweg den Park durchwandert hatten. Andi begleitete mich zu meinem Wagen. Wir standen sehr eng beieinander und fast meinte ich, er würde mich küssen. Doch er zog mich nur näher und hauchte einen Kuß auf die Innenfläche meiner Hand. Dann drehte er sich abrupt um und ging eilig die Straße hinunter. Bald war er im Dunkel verschwunden und ich stand immer noch verwirrt neben meinem Auto. Hastig schloß ich die Tür des Wagens auf und stieg ein. Dann lehnte ich meine Stirn an das kühle Lenkrad des Wagens und schloß kurz die Augen. Nein, ich hatte Alex nicht vergessen, denn beim Gedanken an ihn fuhr mir sofort ein kleiner Stich durchs Herz. Aber das Geheimnisvolle dieses Fremden und doch nicht Fremden hatte mich sofort in seinen Bann gezogen, und ich konnte die verwirrenden und tiefen Gefühle nicht erklären, die er in mir weckte. Endlich hatte ich mich soweit beruhigt, dass ich den Wagen starten und nach Hause fahren konnte, wo ich noch lange schlaflos und nachdenklich im Bett lag, bis ich schließlich einschlief und träumte:


Liebe ohne Chance

Mit eiligen Schritten hastete die schmale Gestalt zwischen den Mauern entlang, bis Sie den Olivenhain erreichte. Ihr Herz machte einen freudigen Sprung, als sie ihn zwischen den silbernen Bäumen stehen sah. Er rannte auf sie zu, sobald er sie gesehen hatte und sie sanken sich zu einem langen Kuß in die Arme. Elena und Angelo hatten sich inzwischen schon oft getroffen und, seit sie herausgefunden hatten, daß es besser war sich nachts zu treffen, wenn die Mädchen und die Priesterinnen bereits schliefen, hatte es keine Komplikationen mehr gegeben. Sie sanken nebeneinander ins Gras und Elena schmiegte Ihren Kopf an Angelos Schulter während er ihr zärtlich übers Haar strich. „Elena, ich möchte nie wieder ohne dich sein. Ich wüßte nicht, wie so ein Leben aussehen würde. Es wäre, als ob keine Sonne mehr die Tage erwärmen und kein Stern die Dunkelheit der Nacht erhellen würde. Als ich auf dem Fest sah, wie du den Todessprung vorführen mußtest, dachte ich nur noch daß, wenn dir etwas passieren würde, mein Leben zu Ende wäre.“ Elena richtete sich auf und strich zart über seine Wange. „Aber Angelo, du weißt, daß es nicht sein kann. Wir sind dem Minotaurus geweiht und gehören ihm. Ich sehne mich genauso sehr nach einem Leben mit dir, aber ich kann mein Gelübde nicht brechen.“ Mit einem tiefen Seufzer legte er seinen Kopf in ihren Schoß und umfing ihren Leib mit seinen Armen, als ob er sie nie wieder loslassen wollte. „Wenn die Götter wirklich gütig sind, dann haben sie vielleicht Mitleid mit uns und zeigen uns einen Weg.“


Sieg der Versuchung

Am Sonntag überfiel mich eine seltsame Stimmung, die ich nicht definieren konnte. Ich schwankte zwischen Depressionen und einem melancholischen inneren Glücksgefühl, das ich absolut nicht einordnen konnte. Ich blieb fast den ganzen Tag im Bett liegen und wurde von Nicky getröstet, der sich auf meinen Füßen zusammenrollte, während ich trotzigerweise auch noch Liebesromane las, welche meiner außergewöhnlichen Stimmung nicht gerade guttaten. Gegen sechs Uhr abends klingelte das Telefon, ich war schon halb aus dem Bett gesprungen, als ich es mir anders überlegte. Ich hatte das sichere Gefühl, daß es Alex war, der versuchte mich zu erreichen. Obwohl mein Herz zum Zerspringen klopfte und die Sehnsucht fast übermächtig wurde, versuchte ich das Klingeln zu ignorieren. Ich preßte die Hände auf meine Ohren und vergrub den Kopf in den Kissen des Bettes. Als ich endlich einsah, daß ich mich ziemlich kindisch benahm und beschloß doch das Bett zu verlassen, hatte der Anrufer aufgegeben und es herrschte wieder Ruhe. Ich lehnte mich zurück und zog die Decke hoch bis ans Kinn. Nicky sah mich vorwurfsvoll an, aber nein, das bildete ich mir sicherlich blos ein. „Und wenn er es wirklich war, dann hat er es nicht anders verdient. Basta!“ Nicky zwinkerte und legte seinen Kopf auf die Pfoten. Endlich hielt ich es nicht mehr aus. Nicky sah mir nach, als ich aus dem Bett sprang und unruhig, wie der Tiger im Käfig, im Schlafzimmer auf und ab ging. Dann legte er sich wieder bequem hin und schloß gelangweilt die Augen. In genervtem Ton sagte ich zu ihm: „Du brauchtest mich gar nicht so anzusehen. Ich weiß genau, daß du denkst ich spinne.“ Da das Gespräch mit meinem Kater aber eine ziemlich einseitige Sache war, beschloß ich spontan mich anzuziehen und spazierenzugehen. Es war zwar schon dämmrig, aber – obwohl das Wetter nicht besonders gut war – nicht allzu kalt. Ich verließ das Haus und ging ziellos durch die Straßen des Vorortes. Bis zur Tübinger Stadtmitte war es über eine Stunde zu gehen und ich war überrascht, als ich mich plötzlich in der Altstadt wiederfand. Anscheinend hatte mich das alte Museum magisch angezogen, denn ich befand mich keine zwanzig Meter mehr davon entfernt. Ich ging langsamer, da es sowieso schon geschlossen haben mußte und ich mir überlegte, wann ein Bus nach Hause fahren würde, da ich keine Lust hatte bei Dunkelheit den ganzen langen Weg wieder zurückzugehen. Als ich auf der Höhe des Einganges zum Museum war, blieb ich überrascht stehen: Alles war hell erleuchtet, ich sah Leute, die geschäftig aus und ein gingen und die Tür stand weit offen. Neugierig trat ich ein und fragte „meinen“ Wärter, der zum Glück wie immer in dem Gang hinter der Tür saß, was denn heute hier los sei. Es erkannte mich sofort und sagte lächelnd: „Ah, unsere kleine Schläferin. Es ist heute eine Ausstellung. Aber wenn die Sie nicht interessiert, macht das gar nichts, denn sie findet nur in den oberen Räumen statt.“ Er zwinkerte mir zu und nachdem er sich kurz umgesehen hatte, um sich zu überzeugen, daß uns niemand zuhörte, winkte er mich mit dem Zeigefinger näher und sagte leise: „Sie müssen auch keinen Eintritt bezahlen, aber sagen Sie es niemand weiter.“ Ich bedankte mich freundlich bei ihm und ging gewohnheitsmäßig den Gang entlang zu „meinem“ Bild. Irgendwie fühlte ich mich längst nicht mehr so aufgewühlt wie die Stunden vorher. Das Bild hatte wirklich einen nicht zu leugnenden sonderbaren Einfluß auf mich. Obwohl es mir manchmal die Gedanken durcheinander wirbelte und mir bis in den Schlaf folgte, beruhigte es mich doch, sobald ich in seiner Nähe war. Ich konnte mir das nur damit erklären daß ich wußte, daß ich nur durch dieses Bild das Ende meiner geheimnisvollen Vision erfahren konnte. Ich setzte mich also auf den Stuhl und versank in der Betrachtung des Bildes. Bald kam die gewohnte Müdigkeit über mich und ich wollte mich auch nicht mehr dagegen wehren – im Gegenteil – ich sehnte mich danach, meine beängstigende Odyssee zu beenden.


Verbotene Pfade

Es war sehr dunkel, als Angelo heute das Gelände des Tempels heimlich verließ. Der Mond hatte sich hinter einer Wolkenbank versteckt und nur vereinzelt blinkte ein Stern. Niemand durfte seine Abwesenheit bemerken, er würde sonst hart bestraft werden. Es war nicht so, daß sich die Gottgeweihten niemals vom Tempel entfernen durften. Nein, sie durften ihre Freunde und Angehörigen schon besuchen, aber nur mit Genehmigung der Priester und während des Tages. Derjenige aber, den Angelo besuchen wollte, war weder das eine noch das andere. Auch würden die Priester es strikt verboten haben, daß er überhaupt mit diesem Mann sprach. Angelo hatte als Kind durch seinen Großvater von Perikles gehört und musste ihn unbedingt sehen. Er schien ihm die einzige Rettung vor dem Abgrund zu sein.

                *

Angelo hatte als kleiner Bub von fünf Jahren die Schafe seiner Eltern gehütet, als er bemerkte, daß eines der Lämmchen fehlte. Er machte sich sofort mit seinem Hirtenhund auf die Suche und hatte es auch bald auf halber Höhe eines Berges zwischen Felsen und Gestrüpp gefunden. Erleichtert kletterte er hinauf und hob das Lämmchen auf seine Arme. Völlig unerwartet tauchte da ein großer hagerer Mann hinter den Büschen auf. Erst jetzt bemerkte Angelo, daß dort eine verwahrloste, fast völlig von Gestrüpp und wildem Wein überwucherte Hütte stand. Der Mann jagte ihm Angst ein, obwohl er keinen Ton von sich gab, oder gerade deswegen. Der große schwarze ansonsten immer furchtlose Hütehund, der zuerst wie verrückt gebellt hatte, hatte sich auf eine herrische Geste des Mannes winselnd auf den Boden gelegt und verhielt sich nun mucksmäuschenstill. Der Mann trug eine weiße lange Kutte und unter der Kapuze hing langes graues Haar hervor. Die tiefliegenden Augen blitzten unheimlich und der lange Bart, der bis auf die Brust hing, verdeckte fast das ganze Gesicht. Langsam rückwärtsgehend entfernte sich Angelo, mit dem Lamm auf den Armen, von dem Alten. Als dieser dann einen Schritt auf ihn zumachte, drehte er sich um und rannte schrill nach seinem Hund pfeifend den Berg hinab. Fast wäre er gestürzt, denn sein Hund hatte es mindestens so eilig wie er und versuchte auf der rasanten Flucht zwischen den Beinen des Jungen durchzurennen, was bei seiner Größe ein schwieriges Unterfangen war. Heute konnte er über diese Erinnerung lächeln.

                *

Eben dieser Mann, vor dem er sich so gefürchtet hatte, konnte heute sein Schicksal sein. Aus diesem Grund wollte er ihn jetzt aufsuchen. Sein Großvater hatte ihm, nachdem er damals sein Erlebnis geschildert hatte, von dem Einsiedler berichtet. Er war einmal ein mächtiger Priester und Zauberer, aber die anderen Priester waren mit seinen Methoden und Ansichten nicht einverstanden gewesen. Er hatte von gütigen Göttern gesprochen und davon, daß man von Menschenopfern absehen sollte und die Götter lieber mit guten Taten und Verehrung gnädig stimmen. Daß das Befolgen der Gesetze und das Unterlassen von Sünden einem die Himmelstore öffnen würde und nicht die größte Spende von irgendwelchen wertvollen Gütern. Genau konnte sich Angelo natürlich nicht mehr an die Worte seines Großvaters erinnern, aber das wichtigste hatte er im Gedächtnis behalten. Diese für damalige Verhältnisse revolutionären Gedanken, die der heilige Mann auch noch öffentlich auszusprechen wagte, brachte die anderen Priester gegen ihn auf. Würde nämlich das Spenden von Opfergaben aufhören, könnten auch diese sich nicht mehr bereichern. Wie jeder wusste, doch natürlich niemand zugeben würde, kamen die meisten Gaben den Priestern zugute und nicht umsonst lebten diese in Saus und Braus. Also sorgten die Priester dafür, daß der weise Mann von König Minos verbannt wurde, was sie mit Intrigen und Lügen erreichten. Seither lebte er einsam in den Bergen und hatte sich von allen Menschen zurückgezogen. Angelo konnte nur hoffen dass Perikles, als Gegner der alten Wege, so gegen den Minotaurus eingestellt war, dass er bereit war etwas für ihn zu tun. Das Lächeln war Angelo inzwischen vergangen, denn er hatte nur herausfinden können, daß niemand etwas vom Ableben des Mannes gehört hätte. Es war also nicht sicher, daß er noch lebte. Er mußte jetzt ja wohl ein sehr gesegnetes Alter erreicht haben. Sein Großvater war fünfundsechzig Jahre alt und als sein Großvater noch ein junger Mann war, hatte dieser Priester bereits die vierzig überschritten gehabt. Zumindest hatte sein Großvater es ihm so erzählt. Angelo schickte ein Stoßgebet zu allen Göttern, ihn den Weisen lebend antreffen zu lassen. Er wusste noch nicht genau wie, aber entweder durch Zauber oder magische Tränke erhoffte er sich Hilfe von ihm. Er sah in dem alten Priester die letzte Chance für sich und Elena und hatte beschlossen, sich diesem notfalls bettelnd und flehend zu Füßen zu werfen, denn für ihn ging es um alles. Erschrocken blieb Angelo stehen. Vor lauter Grübeln hatte er nicht auf den Weg geachtet und als er schon dachte, er hätte sich verlaufen, sah er plötzlich sein Ziel vor sich. Die Hütte war kaum mehr zu erkennen, so hatte die Natur sich um sie geschlossen. Angelo näherte sich vorsichtig. Zum Glück hatten sich inzwischen die Wolken verzogen: der runde Mond beleuchtete die Szenerie und der ganze Berg schien wie mit Silber übergossen. Angelo fand zwischen wildem Wein und Efeu die alte Holztüre und klopfte leise an. Lange tat sich nichts im Inneren der Hütte. Schweiß trat dem jungen Mann auf die Stirn. Er durfte nicht aufgeben, es war zu wichtig. Wichtig für ihn, für seine Zukunft und für Elena, denn sie war seine Leben und ohne sie würde es für ihn keine Zukunft geben. Er klopfte nochmals, diesmal lauter. Endlich hörte er Geräusche in der Hütte. Hinter einem von Ranken überwachsenen Fenster sah er ein Licht aufflammen. Die Tür wurde geöffnet und fast hätte ihn der Mut verlassen, als er den von gedämpftem Licht umflossenen großen Schatten sah. Er fühlte sich wieder wie der kleine Junge von fünf Jahren. Die dunkle Gestalt im Türrahmen stand unbeweglich und abwartend da. Nein, er durfte nicht aufgeben, sein Glück, sein ganzes Sein hing davon ab, was die heutige Nacht ihm brachte. Er sah mutig in das Gesicht des schwarzen Umrisses, der zum Greifen nahe vor ihm stand, aber erst als der Mann eine leichte Bewegung machte und ein Strahl des Mondlichtes auf ihn fiel, konnte Angelo etwas erkennen. Verwundert trat er näher, aber auch im Licht der Fackel, die der Mann dann hochhielt um seinen späten Gast zu betrachten, blieb der Eindruck bestehen: das Gesicht des Mannes war dasselbe, das er vor Jahren schon gesehen hatte und schien – bis auf die inzwischen schlohweißen Haare und den weißen Bart – kaum gealtert. Er wich nun doch leicht verunsichert wieder einen Schritt zurück. Da hörte er eine Stimme, die sich anhörte, als ob sie seit Jahren nicht mehr gebraucht worden wäre, sagen: „Mein Sohn, was wünschst du von mir, was so wichtig ist, daß du mitten in der Nacht, die voller Geister stecken könnte, zu mir auf den Berg steigst?“ Angelo glaubte ein belustigtes Zucken der Mundwinkel des Mannes gesehen zu haben, aber er hatte sich sicherlich getäuscht. Zögernd trat er in die Hütte, nachdem der Mann ihn mit einer Geste dazu aufgefordert hatte. Der Mann namens Perikles steckte die Fackel in eine Wandhalterung und nahm auf einem schlichten Holzhocker vor einem grob behauenen Tisch Platz. Er deutet auf einen primitiven Stuhl ihm gegenüber und bat Angelo Platz zu nehmen. „Im Sitzen redet es sich leichter, mein Junge. Ich würde dir gerne etwas anbieten, aber außer frischem Quellwasser habe ich nichts zu geben.“ Angelo verneinte dankend und raffte sich endlich dazu auf, seine Anwesenheit zu erklären. „Edler Priester, mein Großvater hat mir von Euch erzählt und Ihr seid meine einzige Hoffnung!“ stieß er aufgeregt hervor. Nun überzog doch ein Schmunzeln das Gesicht des Weisen und er erwiderte: „Nun, das hört sich aber sehr dramatisch an. Um was handelt es sich denn?“ Angelos Stimme wurde eindringlich, während er seine Lage schilderte. „Es geht um den Stiergott, den Minotaurus.“ Umgehend verschwand das Schmunzeln aus dem Gesicht des alten Mannes und seine buschigen weißen Augenbrauen zogen sich finster zusammen. „Was willst du über ihn wissen, über den Grausamen, der das Blut seiner Opfer trinkt und von dem es heißt, dass ihn sogar der König fürchtet. Nicht umsonst ist er in seine Höhle verbannt worden und darf sie niemals verlassen.“ „Ich muß wissen, was mit den Opfern passiert, die dem Minotaurus in seine Höhle gebracht werden.“ Angelos Stimme war zum Flüstern herabgesunken und Verzweiflung stand in seinen Augen. Der alte Mann bemerkte es wohl, während sich ein langes Schweigen zwischen den beiden Männern ausdehnte und Angelo dachte schon, der Eremit würde das Gespräch nicht fortführen; da sprach er plötzlich. Seine Augen waren verhangen, als ob sie in andere Sphären schauen würden und seine Stimme klang wie aus weiter Ferne. „Niemand hat ihn je gesehen und der ihn gesehen hat, kann nicht mehr davon erzählen. Mein Junge, ich weiß nicht, ob er eine von den Göttern gesandte Strafe ist, oder nur ein Ungetüm, ein Monster, ein Raubtier, daß eingesperrt im Labyrinth auf seine Nahrung wartet. Ich spüre dass, wenn ich an in denke, Kälte über mich kommt und ich das Grauen seiner Anwesenheit in meinem Sinn fast nicht ertragen kann. Es heißt, dass der König Minos als sehr junger Mann mit seinen beiden Brüdern haderte, wer den Thron besteigen dürfe. Um den Streit zu gewinnen, bat Minos den Meeresgott Poseidon um ein würdiges Opfertier. Dieser schickte ihm einen prächtigen Stier, womit die Thronfolge entschieden war. Das Tier war allerdings so außergewöhnlich, dass Minos sich nun als König weigerte, es zu opfern. Die Götter waren erzürnt und legten einen Bann auf Minos Gemahlin Pasiphae, so dass sie sich in den Stier verliebte. Auf magischen Wegen wurde sie von ihm schwanger und gebar ein Ungeheuer, halb Mensch, halb Tier. Dies war die Strafe für Minos` Frevel.“ Der alte Mann schüttelte sich, als ob er ekliges Getier von sich abwerfen müsste und sein Blick wurde wieder klar. „Als diese Geschichte in Umlauf kam, war ich noch nicht am Hof des Königs, viel davon mag stimmen, aber das Ungeheuer hat wohl noch niemand gesehen. Es heißt, das Minos von Daidalos dem Baumeister ein Labyrinth in den Berg bauen ließ, um das Monster einzusperren, als er merkte, wie blutrünstig es war.“ Angelo senkte resigniert den Kopf, Tränen traten in seine Augen, als er daran dachte, was seiner über alles Geliebten in dieser furchtbaren Höhle geschehen könnte. Dann schüttelte er die Lethargie ab, hob den Kopf und sprach mit fester Stimme: „Edler Herr, ich und das Mädchen meines Herzens, ohne die ich nicht weiterleben möchte, sind dem Stiergott geweiht. Aber ich möchte nicht dem Gott gehören, ich möchte nur ihr gehören ihr dienen und alles tun, um sie glücklich zu machen.“ Finster sah der Alte Angelo an. Dieser wusste jedoch, dass sein Unmut nicht ihm sondern seinem festgelegten Schicksal galt. Perikles malte mit den Fingern ein paar seltsame Zeichen in die Luft, dann nahm er fest Angelos Hand und drehte die Innenfläche nach oben, so daß das Licht der Fackel darauf leuchtete. „Ich selbst kann dir nur sagen, daß er kein Gott sein kann. Kein guter Hirte fordert das Leben seiner Untertanen. Götter erschaffen das Leben, warum sollten sie es auf solche Weise wieder zerstören? Aber dies sind nur die Ansichten eines törichten alten Mannes, der aufgrund eben dieser schon einmal verurteilt und verbannt wurde. Die Priester haben den Taurus zum Gott erklärt, damit sich die Opfer nicht sträuben. Wenn man ihnen erzählt, was für eine Ehre es ist, einem Gott zu dienen, gehen sie gleich einem Opferlamm geduldig in den Tod. Würde man ihnen sagen, was in der Höhle wirklich passiert, dass der Taurus sie als Nahrung will, würde es sicherlich bald zum Aufstand kommen, zumal auch die Eltern der Opfer sich dann weigern würden, ihre Kinder ziehen zu lassen. Ich kann dir nur raten, was du wirklich tust, liegt an dir und in der Hand des Schicksals. Ich kann in deinen Linien lesen, daß du meinen Rat beherzigen wirst. Aber bis zu der Ausführung eurer Flucht, wird es schon fast zu spät sein.“ Plötzlich zuckte er zurück, als ob ihm ein Schmerz in die Augen gefahren wäre. Er bedeckte das Gesicht mit den Händen und als er sie wieder fort nahm, sah Angelo eine Träne, welche die Farbe von Blut hatte, über eine Wange des Alten rinnen. Besorgt sprang er auf und wollte dem Mann seine Hilfe anbieten, doch er wies ihn an sich wieder zu setzen. Ein schmerzliches Lächeln lag um seinen Mund, als er sagte: „Der Minotaurus hat es nicht gerne, wenn man sich in seine Angelegenheiten mischt. Es stehen ihm einige Mittel zur Verfügung. Er kann sehen oder spüren, wenn jemand versucht, ihm etwas abspenstig zu machen und demjenigen Schmerzen schicken. In mir hat er einen ständigen Widersacher und das weiß er. Ich kann dir nur raten: verliere keine Zeit. Fliehe mit deiner Liebsten und wenn du sie wirklich liebst zwinge sie notfalls mit dir zu kommen.“ Vertrauensvoll sah der junge Mann den älteren an: „Sie glaubt, sie dürfte ihr Gelübde nicht brechen aber ich kann und darf sie nicht verlieren. Es muß einen Weg geben.“ Beinahe wütend sagte nun der alte Weise: „Ich erzählte das, was ich jetzt dir erzähle noch keiner Menschenseele. Dir sage ich es nur, damit du es deiner Liebsten erzählen kannst und sie erkennt, was der Minotaurus ist.“ Eine Weile versank er in dumpfes Brüten, dann sprach er mit monotoner Stimme weiter. „Es war zu der Zeit, als ich noch Priester war und meinen Dienst versah, wie jeder andere auch. Es war der Tag nach einem großen Fest. Man hatte getanzt, gefeiert und am Abend zum Abschluß des Festes sieben junge Mädchen als Opfer in die Höhle des Gottes geführt. Es begab sich aber nun, daß eines der Mädchen mir sehr am Herzen lag. Ich hatte ihr meine Gefühle noch nie offenbart, denn als Priester war mir dies nicht erlaubt. Trotzdem ließ mir meine Angst um dieses Mädchen keine Ruhe. Ich wartete also, bis die anderen Priester sich zurückgezogen hatten und schlich mich zum Labyrinth. Vorsorglich hatte ich eine Amphore mit Wein mitgenommen, denn ich wußte, daß man nach der Opferung immer Wachposten vor dem Eingang der Höhle postierte, für was auch immer. Wahrscheinlich waren die Wächter für eben solche Fälle gedacht, wie diesen. Ich hatte in weiser Voraussicht ein harmloses Betäubungsmittel in den Wein gemischt um mir die Wächter vom Halse zu halten. Diese waren auch überhaupt nicht mißtrauisch, als sie in mir den Priester erkannten. „Hier, ihr pflichtgetreuen Soldaten. Wenn alles feiert, sollt ihr auch nicht leer ausgehen.“ Sagte ich mit lallender Stimme, so daß die Soldaten annehmen mußten, ich wäre selbst nicht mehr ganz nüchtern. Sie nahmen den Wein dankend an und ich setzte mich zu ihnen um das Ergebnis abzuwarten, wobei ich vermied von dem gepantschten Wein zu trinken. Bald sah ich, daß mein Gebräu seine Wirkung tat, denn die Soldaten sanken nacheinander in seligen Schlummer. Selbst kräftiges Rütteln machte sie nicht mehr wach. Ich schlich zaudernd in die dunkle Öffnung der Höhle. Ich hatte ein Stück Kreidestein und ein Fackel bei mir. Der Kreidestein rettete mir später das Leben, denn ohne ihn hätte ich niemals den Weg zurück aus dem tödlichen Labyrinth gefunden. Ich entzündete also meine Fackel und begab mich auf den Weg immer tiefer in die Höhle hinein. Wenn ich Kreuzungen und Abzweigungen erreichte, machte ich mit meinem Stein einen Pfeil, der den Rückweg markierte. Ich war schon ziemlich tief in die verwinkelten Gänge vorgedrungen, als mein Fuß unversehens gegen etwas Weiches stieß.“ In Erinnerung an das unbegreiflich Schreckliche lief ein Zittern durch den Körper des alten Mannes. „Ich senkte meine Fackel und fuhr entsetzt zurück. Ich kann dir den Schrecken und das Grauen nicht beschreiben, welches mich befiel, über den Anblick, der sich mir bot. Auf dem dunklen staubigen Höhlenboden lagen wild durcheinander die zerrissenen blutüberströmten Glieder der jungen Mädchen. Es war, als hätten Kinder ihre Puppen zerrissen und durcheinandergeworfen. Ich schloß die Augen und mußte sie doch wieder öffnen, um Gewißheit zu bekommen. Tränen traten mir in die Augen, denn unter dem Rumpf eines der Mädchen, deren Bein abgerissen war und deren Kopf nur noch an einer Sehne hing, erkannte ich das rötliche Haar und das schreckverzerrte Gesicht, der einen, die ich gesucht hatte. Nun übermannte mich das Entsetzen und ich wich zurück, bis ich die Höhlenwand in meinem Rücken spürte. Zuerst dachte ich, es wäre nur mein wild klopfendes Herz, doch dann erkannte ich, daß es die ungleich lauten Schritte eines schweren Menschen waren, die ich hörte. Als mir dann klar wurde, daß es kein Mensch, sondern die Bestie sein mußte, die dieses Blutbad hier angerichtet hatte, ließen sich meine vorher vor Schreck gelähmten Beine wieder bewegen und ich begann eine wilde Flucht. Hinter mir dröhnten die Schritte und ich stellte mir vor, daß deren Ungleichheit davon herrührte, daß der Minotaurus einen Menschenfuß und einen Stierhuf hat. Als ich schon dachte meine Flucht würde nie ein Ende finden, fand ich die Markierungen wieder und erreichte mit letzter Kraft den Ausgang der Höhle. Als ich in sicherer Entfernung ins Gras sank, um erst einmal wieder zu Atem zu kommen, sah ich eine Bewegung in der Höhle. Es war mir, als sähe ich den matten elfenbeinernen Glanz gewundener Hörner und das teuflische Leuchten rotglühender Augen. Ein dumpfes Grollen, das sich anhörte wie Gelächter, ertönte aus der Tiefe, doch es konnte wohl auch ein Donnerschlag gewesen sein, denn über den Gipfeln der Berge hatten sich dunkle Wolken zusammengezogen und verdeckten die Sterne. Ich sprang nun auf und raffte meinen Umhang fest um mich. Mich fror, obwohl es eine warme Sommernacht war. Ich beeilte mich nach Hause zu kommen. Doch seit dieser Nacht finde ich selten einen ungestörten Schlaf. Niemanden wünsche ich solch ein schreckliches Erlebnis und ich möchte es vor allem dir und deiner Liebsten ersparen. Kein Gott kann so grausam sein, wie diese Kreatur. Brecht euer Gelübde und flieht in ein fremdes Land. Ein Land mit gütigen Göttern, die von Liebe reden und nicht vom Tod.“ Mit diesen Worten erhob sich der weise Mann. Angelo stand ebenfalls auf und setzte zu fragen an, da legte Perikles den Finger an die Lippen. Verschwörerisch sah er ihm in die Augen und sagte eindringlich: „Wenn du keinen anderen Weg mehr siehst, komm zu mir und ich werde dir helfen.“ Dann schob er Angelo durch die Türe in die Nacht hinaus.


Angst

Ich erwachte aus meinem Traum und obwohl ich noch von Grauen geschüttelt wurde, fühlte ich doch eine ungewohnte Geborgenheit. Als ich vollends zu mir kam, merkte ich, daß mein Kopf an einer kräftigen Schulter ruhte und ein Arm sanft um mich geschlungen war. Verblüfft hob ich den Kopf und erwartete hoffnungsvoll Alex` Gesicht zu sehen. Ich war überrascht aber seltsamerweise nicht enttäuscht, als ich in schwarze besorgte Augen blickte. „Hallo Träumerin! So kreuzen sich also unsere Wege schon wieder.„ Seltsam berührt fragte ich ihn, was er denn hier täte. „Kannst du das nicht ahnen?“ Geheimnisvoll lächelnd sah er auf mich nieder. „Ich wollte das Bild sehen,“ sagte er, als ob es im ganzen Museum nur dies eine gäbe, „und dann sah ich dich hier sitzen. Du hattest einen so furchtsamen Ausdruck auf deinem Gesicht, daß ich mir einen Stuhl hierher rückte um dir nahe zu sein, wenn du aufwachst.“ Irgendwie war ich durch seine einfühlsame Geste gerührt und ich bedankte mich sehr ernsthaft bei ihm und immer noch in meinem Erlebnis befangen fragte ich ihn: „Andi, sag mir, träumst du auch von der Vergangenheit?“ Er versuchte schon wieder leicht ironisch vom Thema abzulenken. „Wer träumt nicht irgendwann mal irgendwas aus der Vergangenheit? Aber Gegenwart und Zukunft beschäftigen mich mehr und das sollte bei dir genauso sein.“ Ich erhob mich mit einem Anflug von Wut und deutete auf den schwarzhaarigen Jüngling auf den Bild. „Jetzt behaupte, daß dir die Ähnlichkeit zwischen Angelo und dir noch nicht aufgefallen ist.“ Er trat näher an das Bild heran und betrachtete nachdenklich das hübsche Gesicht des jungen Mannes. „Woher willst du wissen, wie der Junge heißt....egal...ich danke dir sehr, daß du mich so anziehend findest, wie diesen jungen Mann. Tatsächlich ist eine gewisse Ähnlichkeit festzustellen. Aber dasselbe trifft auch auf dich und das schöne Mädchen zu, welches der Junge so sehnsüchtig anstarrt.“ Ungläubig trat nun auch ich näher, aber ich konnte mich seiner Meinung nicht anschließen. Wenn auch die Haarfarbe und die dunklen Augen übereinstimmten, so hörte doch bei den exotisch hohen Wangenknochen und den vollen Lippen die Ähnlichkeit zwischen dem Mädchen und mir auf. Bevor ich jedoch eine Diskussion mit ihm beginnen konnte, nahm er mich an der Hand und zog mich einfach den Gang entlang Richtung Ausgang. Es waren immer noch viele Leute anwesend, was mich überraschte, denn nichts hatte meine tiefen Träume oder Visionen gestört. Außerdem war es bereits viertel nach neun Uhr, was mir klarmachte, daß ich wieder sehr lange geistig abwesend gewesen war. „Wo rennst du eigentlich mit mir hin?“ Rief ich, als Andi mich aus dem Museum und die Straße entlang zog. „Ich gehe mit dir Pizza-Essen.“ Sagte er kurz und bündig und mir wurde klar, daß er wieder genau erkannt hatte, was ich brauchte. Inzwischen knurrte mein Magen nämlich wie ein Wolf und eine Pizza war genau das Richtige. Andi ging mit mir in ein richtig typisches italienisches Lokal, das mir noch nie aufgefallen war, da es versteckt in einer Nebenstraße lag. Auf den Tischen lagen rotkarierte Tischtücher und an den Wänden hingen goldgerahmte Bilder mit Meeresszenerien und venezianischen Palästen. Als wir an einem kleinen Tisch in einer Ecke Platz genommen hatten, kam eilfertig ein dunkler Kellner an unseren Tisch. Kaum hatte er unsere Bestellung aufgenommen, eilte er zur Theke, wo er eine hohe Kerze entzündete, die er uns sofort auf den Tisch stellte. Während des Essens waren wir ziemlich schweigsam. Doch endlich konnte ich mich nicht mehr zurückhalten und schoß meine ganzen unbeantworteten Fragen auf Andi ab. „Warum hast du mich so angesehen, in der Cafeteria, wo wir uns zum ersten Mal sahen? Warum bist du mir im Tanzlokal nachgegangen? Warum warst du heute im Museum und warst du schon öfters da? Ich werde noch verrückt, wenn ich nicht endlich ein paar Antworten erhalte!“ Amüsiert zog er eine Augenbraue hoch und sagte dann: „Ein bißchen viele Fragen auf einmal! Also warte mal.“ Er stützte sein Kinn in die aufgestützten Hände und tat so, als ob er angestrengt überlegen würde. „Andi!“ ermahnte ich ihn, denn ich fand das gar nicht spaßig. Für mich ging es darum, ob ich an meinem Verstand zweifeln mußte, oder ob diese Erlebnisse irgendeinen erklärbaren Hintergrund hatten. „Nun gut. Erstens: dein Selbstbewusstsein muß stark angeknackst sein, wenn du nicht verstehst, daß dich fremde Männer in Cafeterias anstarren. Zweitens: Ich wollte dich ganz einfach kennenlernen, nachdem ich dich schon am Eingang in meinen Armen gehalten hatte, noch bevor ich deinen Namen wußte. Drittens: ich war heute im Museum, weil es mich immer wieder wie magisch anzieht, was auch gleichzeitig deine letzte Frage beantwortet.“ Ich war noch nicht zufrieden mit den Antworten, aber ein Anfang war es jedenfalls.

                *

Später fragte mich Andi, wie ich denn hierher gekommen sei, da er meinen Wagen nirgends hätte entdecken können und ich erzählte ihm, daß ich von zuhause ganz unbewußt den Weg zum Museum eingeschlagen hätte. „Gut, Madame.“ Mit einer ironisch-galanten Verbeugung hielt er mir meinen Mantel bereit, nachdem er die Rechnung bezahlt und mir den Stuhl zurückgezogen hatte. „Dann werden Sie mir also die Ehre geben, Sie nach hause fahren zu dürfen in meinem unwürdigen Fahrzeug.“ Lachend fragte ich: „Noch unwürdiger, als mein rostiger Fiesta?“ Dann gingen wir untergehakt die Straße entlang. Ich war froh, daß ich Andi getroffen hatte, denn es ging meiner vordem gedrückten Laune jetzt viel besser und nach Haus wurde ich auch gebracht. Die Wolken hatten sich inzwischen verdichtet und im Licht der Straßenlaternen blitzten erste Regentropfen auf. Wir beeilten uns und ich war erstaunt, als Andi einen schönen weißen BMW aufschloß und mir höflich die Türe aufhielt. Auf der Heimfahrt mußte ich dann doch die Frage noch mal stellen, die mir auf der Zunge brannte. „Andi, weißt du etwas über das Bild? Bitte sage es mir bevor ich doch noch an meinem Verstand zweifle. Ich weiß bald nicht mehr, was Realität und was Fantasie ist.“ Eine Weile schwieg er zögernd, dann sagte er in ganz anderem Ton als sonst: „Ich kann dir leider nicht sagen, was es mit dem Bild auf sich hat aber ich denke nicht, dass du dir Sorgen um deinen Geisteszustand machen mußt.“ Er nahm kurz die Augen von der Straße und sah mich mit tiefem Blick an. Dabei strich er kurz mit seinen Fingerspitzen über meine Hand. Wir hatten jetzt die Straße vor meinem Haus erreicht und noch ehe ich ihn fragen konnte, woher er eigentlich wisse, wo ich wohne, deutete er auf mein Perlenarmband und sagte: „Schau dir nächstes mal das Bild genauer an, vor allem das Mädchen.“ Damit stieg er aus und öffnete mir die Autotüre. Zum Abschied zog er mich kurz an sich und hauchte einen Kuß auf meine Wange. Ein aufregendes Kribbeln überzog meine Haut und dann war er auch schon weggefahren. Er hatte mich wieder so abgelenkt, daß ich beinahe vergaß, daß er fast alles von mir wußte und ich nichts von ihm. Als ich die Haustür aufschloß fiel ein weißes Stück Papier vor meine Füße, welches in der Ritze gesteckt haben mußte. Neugierig hob ich es auf. Aufgeregt faltete ich es auf dem Weg ins Wohnzimmer auseinander und mein Herz schlug schneller, als ich Alex energische Handschrift erkannte. „Liebe Tina. Ich habe dich weder telefonisch erreicht, noch warst du hier, als ich bei dir vorbeischauen wollte. Laß uns noch einmal über alles sprechen. Ich will dich nicht verlieren! Ich muß ständig an dich denken, auch wenn ich es mir nicht eingestehen will. Lach mich nicht aus, aber vor lauter Kummer hab ich schon zwei Kilo abgenommen und du sagst doch immer, daß ich sowieso zu dünn sei. Also bitte tu etwas für mein körperliches und seelisches (Gleich)Gewicht und melde dich bei mir. Alex“ Mit einem Lächeln und doch gerührt drückte ich den Brief an meine Brust, als ob er ein Ersatz für seinen Schreiber wäre und drehte mich glücklich tanzend damit durchs Zimmer. Dabei wäre ich beinahe über den Kater gestolpert, der Andis gute Meinung über meinen Geisteszustand nicht wirklich zu teilen schien, denn er sah mich an, schüttelte den Kopf und versteckte sich unter dem Sofa. Ich setzte mich in meinen Sessel und zog das Telefon zu mir. Schon hatte ich den Hörer in der Hand, als ich ihn mit einem Blick auf die Uhr und einem Seufzer wieder auflegte. Es war ja schon halb Zwölf Uhr nachts, da konnte ich Alex nicht mehr stören. Aber meine gute Laune war jetzt durch nichts mehr zu erschüttern und nachdem ich auch noch den sich sträubenden Nicky unterm Sofa hervorgezogen, umarmt und geküßt hatte, ging ich ausnahmsweise zufrieden und glücklich zu Bett. An nächsten Morgen konnte ich es kaum erwarten das Büro zu betreten und meine Mitarbeiterinnen machten sich über mich lustig, denn wer ging schon pfeifend und singend zur Arbeit? In meiner Pause um halb neun rief ich die Nummer von Alex` Arbeitsplatz an und er meldete sich sofort. „Ich habe gewußt, daß du es bist Tina, endlich. Ich hab es fast nicht mehr ausgehalten ohne dich; wann können wir uns sehen.“ Lachend erwiderte ich: „Ich muß erst in meinen Terminkalender sehen. Moment - da wäre vielleicht was frei in ungefähr einem halben Jahr. Im Ernst. Ich habe dich auch vermißt und ich glaube, ich habe damals bei unserer Debatte überreizt reagiert. Allerdings werde ich meine Meinung zu gewissen Punkten eben dieser Diskussion nicht ändern.“ Alex unterbrach meinen Redefluß und meinte sanft: „Bevor wir wieder anfangen zu streiten, ich warte bei deinem Wagen auf dich. Tschüß, paß auf dich auf.“ Schon hatte er aufgelegt. Das war jetzt so ein Arbeitstag, der wie im Flug vorbeigeht, denn meine Laune war so sonnig, wie ein heißer Augusttag. Als ich um viertel nach drei den Parkplatz betrat, sah ich Alex schon an meinem Prachtstück von Auto lehnen. Als ich auf in zuging, mußte ich den Impuls unterdrücken loszurennen und mich in seine Arme zu stürzen. Allerdings tat er das nicht, was mich überraschte und freute, denn er eilte auf mich zu und nahm mich so fest in die Arme, daß ich kaum mehr Luft bekam. Oft hatte es mich gestört, daß Alex in der Öffentlichkeit seinen Gefühlen nicht freien Lauf ließ und sich zurückhaltend gab. Das schien sich nun zu meiner großen Freude geändert zu haben. So hat doch jeder Streit seine Vor– und Nachteile. Immer wieder zog er mich an sich und bedeckte mein Gesicht und meinen Hals mit Küssen, bis ich ihn lachend von mir stemmte und außer Atem sagte: „Halt, halt! du benimmst dich ja, als ob wir uns Jahre und nicht nur Tage nicht gesehen hätten.“ „Waren es nur Tage? Niemals, es kam mir wie Jahre vor, wie Jahrtausende.“ Endlich brachte ich ihn dazu sich brav in meinen Wagen zu setzen, wo ich dann unschlüssig fragte, wo wir denn jetzt hinfahren wollten. „Zu mir.“ Kam die Antwort und er sah mir tief in die Augen. „Was tun wir da?“ fragte ich mit unschuldigem Augenaufschlag und er erwiderte: „Laß dich einfach überraschen, ja?“ Als wir die Treppe hinaufgestiegen waren und vor seinem Apartment standen, bat er mich, kurz vor der Türe zu warten. Als ich ihn fragen wollte warum, legte er mir nur den Finger auf die Lippen und verschwand durch die Türe. Es waren kaum 5 Minuten vergangen, als er mich hereinrief und ich klatschte entzückt in die Hände. Er hatte den antiken Tisch im Wohnzimmer mit einer wunderbaren bestickten Tischdecke bedeckt und darauf stand ein silberner vielarmiger Kerzenleuchter der einen warmen Schein auf die ganze Szenerie warf. Da stand auch eine funkelnde Flasche Rotwein und zum Essen waren kleine Snacks zurechtgemacht. Er mußte das alles bereits in der Frühe, bevor er zur Arbeit ging, vorbereitet haben. Er hätte es sonst nicht in dieser kurzen Zeit schaffen können alles so fantastisch zu arrangieren. Ich nahm seine Hand und küßte ihn sanft auf die Wange, denn ich war sehr angetan von der Mühe und Arbeit, die er sich gemacht hatte, nur um mir eine Freude zu bereiten. Er zog einen der hochlehnigen Stühle zurück und ich setzte mich und wartete, bis auch er sich mir gegenüber niedergelassen hatte. Wir redeten nicht viel während des Essens und erst, als wir uns bequem auf dem alten Sofa zurücklehnten und von unserem Wein tranken, sagte Alex: „Tina, ich möchte nie mehr mit dir streiten. Jedenfalls nicht wenn es so endet, wie dieses mal. Auch wenn ich zögere, den vorletzten Schritt zu tun, nämlich mit dir zusammenzuziehen, heißt das nicht, daß ich dich nicht liebe und mit dir zusammensein will. Vielleicht liegt meine Angst vor dem gemeinsamen Wohnen und auch vor dem Heiraten in der schmutzigen Scheidung meiner Eltern begründet. Nur ein Psychologe könnte das wahrscheinlich ergründen.“ Als er merkte, daß ich ihn unterbrechen wollte, fuhr er hastig fort: „Nein, unterbrich mich jetzt bitte nicht. Später finde ich vielleicht nicht mehr den Mut das alles zu sagen, was ich dir jetzt sagen will. Diese kurze Zeitspanne ohne dich hat mir klargemacht, wie einsam ich bin, wenn du nicht in meiner Nähe bist. Deshalb habe ich beschlossen, mir selbst eine Frist zu setzen. Gib mir noch Zeit bis Juni, das sind eineinhalb Monate, dann werde ich mit dir zusammenziehen, wenn du mich dann noch willst.“ Eigentlich wollte ich zu Alex sagen, daß ich ihn immer wollen würde und daß ich auf ihn warten würde, aber irgendwie konnte ich die Worte gerade jetzt nicht aussprechen. Es kam mir vor, als ob sie nicht von Herzen kommen würden, wenn ich sie in diesem Augenblick sagen würde. Als Alex mein Schweigen zu lange wurde, beeilte er sich zu sagen: „Tina, du brauchst mir nicht jetzt gleich zu antworten. Überlege es dir, aber laß mich bitte nicht zu lange warten. Eines muß ich aber sofort wissen – hast du mir verziehen? Sind wir wieder zusammen?“ Als ich den ängstlichen Ausdruck in seinen Augen sah, den er zu verbergen versuchte, nahm ich ihn als Antwort in die Arme und schmiegte mich an ihn. Alex neigte sich mir zu und küßte mich leidenschaftlich. Als er aber begann, mich zärtlich zu streicheln und seine Lippen meinen Hals berührten und tiefer wanderten, schob ich ihn impulsiv von mir. Ich wußte selbst nicht, was es war, aber etwas stand zwischen uns und hinderte mich daran, auf seine Zärtlichkeiten einzugehen. War es vielleicht die Frist, die Alex sich selber gesetzt hatte? Oder doch das kurze Aufblitzen von fast schwarzen intensiven Augen in meinen Gedanken, als Alex mich geküßt hatte? Aber nein, ich schob den Gedanken gleich wieder von mir. Ich brauchte eben noch ein wenig Zeit, um den Streit zu vergessen, tröstete ich mich selbst. „Alex, sei mir bitte nicht böse, aber ich brauche ein wenig Zeit zum Nachdenken. Es liegt nicht nur an dir, auch ich hätte nicht so drängen dürfen. Außerdem haben mich meine außergewöhnlichen Erlebnisse in den letzten paar Tagen sehr durcheinander gebracht.“ Zart nahm er meine Hand und fragte, ob ich ihm nicht alles erzählen wollte, was während der Tage passiert war, an denen wir uns nicht gesehen hatten. „Ich werde dir wirklich zuhören, es liegt mir viel zu viel an dir, um diese geheimnisvollen Begebenheiten nicht ernst zu nehmen, die dir in letzter Zeit passiert sind.“ Aber ich schüttelte den Kopf und sagte ihm, daß ich jetzt nach Hause wollte. Traurig begleitete er mich zu meinem Wagen zum Abschied küßte er mich auf die Wange und sagte, wie um sich selbst aufzumuntern und zu überzeugen: „Morgen sieht wieder alles besser aus, nicht wahr? Ich rufe dich gleich morgen früh im Büro an.“ Ich strich ihm sanft über die Wange und stieg in meinen Wagen. Das schon bekannte melancholische Gefühl überkam mich, als ich den Zündschlüssel umdrehte und losfuhr. Im Rückspiegel sah ich Alex noch lange am Eingang des Hauses stehen und mir nachsehen. Beinahe wäre ich umgekehrt aber ich ließ es dann doch bleiben, da ich erst einmal mit mir selber ins Reine kommen mußte. Ich mußte meine wechselnden, nicht zu definierenden Emotionen ordnen und ergründen, bevor ich die Antworten auf Alex Fragen wußte. Ein bißchen quälte mich doch mein schlechtes Gewissen. Es war das erste Mal, daß ich Geheimnisse vor Alex hatte. Warum nur hatte ich ihm nicht ganz offen von Andi erzählt? „Weil ich selbst noch nicht weiß, was ich für Andi empfinde, und weil es eigentlich nicht viel zu erzählen gibt, da ich nichts über ihn weiß.“ So beantwortet ich mir meine Frage selber. Hätte ich zu Alex sagen sollen: „Ach ja. Da ist dieser Typ, der aussieht wie der Junge von dem Bild. Er heißt Andi und er läuft mir immer wieder über den Weg, wobei er mir Handküsse gibt!“ Außerdem gestand ich mir ein, daß ich Angst hatte Alex zu verlieren, wenn ich ihm die Wahrheit über meine verworrenen Gefühle erzählen würde. Ich kam mir reichlich unfair vor, deshalb schwor ich mir daß ich, sobald ich mir über mich selbst im Klaren war, mit Alex offen reden würde. Dieser Beschluß beruhigte mein Gewissen ein wenig, wenn auch nicht genug. Als ich nach Hause kam, nahm ich mir vor einen spannenden Film anzusehen, damit ich meine Gedanken mal auf etwas anderes lenken konnte, als ständig auf diese zermürbenden Fragen über das Warum und Wieso meiner Erlebnisse. Es gab auch tatsächlich einen Krimi, den ich mir antun wollte und der recht spannend begann. Während der Werbepause fiel mein Blick auf die Ablage unter dem Couchtisch. Dort entdeckte ich die Briefe von meinem Dachboden, welche ich in der Hektik der letzten Tage total vergessen hatte. Zögernd streckte ich die Hand aus, schüttelte dann aber den Kopf. Nein, ich würde sie heute nicht mehr lesen. Endlich ging der Film weiter. Bis zur nächsten Werbepause hielt ich es aus, dann konnte ich nicht mehr widerstehen und nahm die Briefe zur Hand. Die bereits gelesenen legte ich zu Seite und begann die restlichen zu lesen. Als ich den letzten Brief gelesen hatte, legte ich ihn wie in Zeitlupe aus der Hand. Ich konnte noch gar nicht richtig fassen, was ich erfahren hatte. Aus den beiden letzten Briefen ging hervor, daß meine Großmutter tatsächlich mit ihrem Stavros geflohen war und sie sich heimlich von einem neutralen gutmütigen Pfarrer hatten trauen lassen. Als sie jedoch glücklich als Paar in ihr Dorf zurückgekehrt waren, hatte die Familie meiner Großmutter sie aus dem Haus geworfen und sie ohne Pardon verstoßen. Allerdings waren nicht alle aus der Familie so engstirnig und borniert, denn die Urgroßmutter meiner Oma, die am Rande des Ortes in einem kleinen Häuschen lebte, verabschiedete sich liebevoll von ihr und gab ihr - trotz ihrer Proteste - einen großen Teil ihrer Ersparnisse mit. Auch ein wertvolles Perlenarmband hatte sie ihr zur Erinnerung geschenkt. Stavros Familie gab ihnen auch alle guten Wünsche mit auf die Reise, allerdings waren sie zu arm, um ihn finanziell zu unterstützen. Stavros hätte das auch gar nicht gewollt, denn er war ein stolzer Mann und wußte, daß er es auch ohne Hilfe schaffen würde. Diese beiden Briefe waren an eine Freundin meiner Großmutter adressiert, aber nie abgeschickt worden. Warum das so war, würde ich wohl nie mehr erfahren. All das war zwar interessant, doch es war nicht das, was mich jetzt wie elektrisiert aus meinem Sessel springen und in hastigen Schritten das Wohnzimmer auf und ab gehen ließ. Es war der Name der Urgroßmutter meiner Großmutter, der mir keine Ruhe mehr ließ, denn er schien mich der Lösung des Rätsels nahezubringen. Wie in glühenden Lettern stand er vor meinem geistigen Auge - Hestia Simeriotakis - der Nachname, den Elena in meinen Visionen trug! Konnte das Zufall sein? Erlebte ich vielleicht diese Träume, weil ich eine Nachfahrin dieses Mädchens war, oder war das zu weit hergeholt? Ich hatte schon viel gelesen, über Wiedergeburt, über Hypnose, die einen in ein früheres Leben versetzte, über unerklärliche Verbindungen zwischen Doppelgängern oder natürlich zwischen Zwillingen. Hatte ich vielleicht diese Erlebnisse, weil ich früher einmal dieses Mädchen war? Oder ging jetzt doch langsam aber sicher mein Verstand flöten? Schließlich war Simeriotakis in Griechenland kein ungewöhnlicher Name und meine Story war um die 3000 Jahre alt. Ich schüttelte den Kopf...nein, das alles war nun doch zu unwahrscheinlich. Nicky war vom Sessel gesprungen auf dessen Lehne er vor sich hingedöst hatte und hatte sich auf den Boden gesetzt, von wo aus er mit mißtrauischer Miene beobachtete, wie ich durchs Zimmer raste. „Du hast recht,“ sagte ich, Nicky legte den Kopf schief, „es hat keinen Sinn, wenn ich mir den Kopf zerbreche. Ich muß es einfach laufen lassen und abwarten, was dabei herauskommt“ – oder mich ins Irrenhaus begeben – vervollständigt ich in Gedanken den Satz. Nicky hatte mir aufmerksam zugehört und lief dann zielstrebig zu seinem Futternapf. Soviel dazu, daß Tiere verstehen, was man zu ihnen sagt. Lachend gab ich ihm etwas Trockenfutter. Immerhin hatte er mich abgelenkt. Ich beschloß, mir jetzt keine Gedanken mehr zu machen und setzte mich wieder in den Sessel vor dem Fernseher, wo mein Krimi sich bereits dem Schluß zuneigte. Danach begab ich mich mit einem meiner Liebesromane zu Bett, begleitet von meinem Kater, der sich wie immer am Fußende zusammenrollte und las, bis ich einschlief.


Höhle ohne Wiederkehr

Angelo ließ der düstere Bericht von Perikles keine Ruhe. Er konnte nicht erwarten, bis die Tage vergingen und er Elena wiedertraf. Er hatte ihr ein Perlenarmband gekauft, denn am Samstag, wenn sie sich treffen würden, war ihr fünfzehnter Geburtstag. Endlich war der ersehnte Tag gekommen und die Zeit schien nicht vergehen zu wollen. Als sich endlich die ersten Sterne am Himmel zeigten, schlich sich Angelo durch die mondbeschienenen Säulen des Tempels und durch die dunklen Gärten. Endlich hatte er ihren Treffpunkt im Olivenhain erreicht. Elena war heute schon vor ihm gekommen, stand an einen der Olivenbäume gelehnt da und sah zu den Sternen empor. Angelo blieb stehen und tat einen tiefen Atemzug. Sein Herz zog sich vor schmerzlicher Liebe zusammen während er das Bild auf sich einwirken ließ. Ein lauer Wind ließ das durchscheinende weiße Gewand des Mädchens flattern und zerzauste auch ihr dunkles Haar. Der Glanz der Sterne spiegelte sich in ihren zum Himmel erhobenen Augen und der silberne Mondschein umfloß wie leuchtender Nebel ihre Silhouette. Angelo wußte, daß er dieses Bild nie mehr vergessen würde. Es würde für immer in seinem Herzen sein, egal ob seiner Liebe Erfüllung gegönnt sein würde, oder ob der tödliche Einfluß des Minotaurus sie zerstören würde. Nun eilte er auf sie zu und schloß sie in seine Arme. Sie küßten sich wild und Angelo fühlte, genau wie Elena, daß es für sie beide immer schwieriger wurde, ihre Sehnsucht einander ganz zu gehören zu bezähmen. Als sie sich von einander lösten, sagte Angelo zärtlich: „Schließe deine Augen, Liebste, und öffne sie erst wieder, wenn ich es dir sage.“ Elena tat lächelnd, was er sie geheißen und er legte ihr das Perlenarmband um das zarte Handgelenk. Er hob ihre Hand an sein Gesicht und küßte die Innenfläche. „Jetzt darfst du schauen.“ In seiner ängstlichen Vorfreude auf ihre Reaktion auf sein Geschenk, sah er wie ein kleiner Junge aus, der nicht weiß, ob der Mutter der Blumenstrauß gefällt, den er für sie gepflückt hat oder nicht. Elena senkte den Blick auf das Schmuckstück und hob dann ihre vor Glück strahlenden Augen zu ihm empor. „Du hast es nicht vergessen, du hast an meinen Geburtstag gedacht. Oh Angelo.“ Vor Freude hätte sie fast geweint, denn ihre Gefühle waren sehr durcheinander, seit Angelo ihr gesagt hatte, daß er sein Leben ihr widmen wolle und sie gebeten hatte, ihr Gelübde dem Minotaurus gegenüber zu brechen und mit ihm zu fliehen. Sie liebte ihn ja auch und gerade heute hatte er mit diesem Geschenk wieder bewiesen, daß er immer an sie dachte und ihre Liebe vertieft und wertvoller gemacht. Sie fiel ihm um den Hals um die Tränen zu verbergen, die ihren Blick verschleierten. Angelo schob sie sanft von sich, nur um sich an den Baum gelehnt niederzulassen und sie auf seinen Schoß zu ziehen. „Elena, ich muß mit dir reden. Es ist sehr wichtig, denn es geht um unsere Zukunft. Bitte unterbrich mich nicht, sondern laß mich die Geschichte von Anfang bis Ende erzählen.“ Und er begann zu berichten, wie er den alten Perikles aufgesucht hatte, was Elena einen erschreckten Ausruf entlockte, denn der alte Mann war ja als gefährlicher Zauberer verschrien. Während Angelo seine Geschichte und die des alten Mannes erzählte, änderte sich jedoch ihre Meinung über Perikles und Mitleid sowie Bewunderung spiegelten sich in ihrem Blick. Als sich der Bericht dem Ende zuneigte, zitterte sie vor Entsetzen und Angelo preßte sie fest an seine Brust. „Das ist ja furchtbar! Die armen Mädchen, der arme Perikles!“ rief sie und schmiegte ihr Gesicht an Angelo`s Schulter. „Elena, ich habe dir dies nicht erzählt, um dir Angst einzujagen, sondern um dir klarzumachen, was für ein Ungeheuer der Minotaurus ist.“ Elena`s Miene verschloß sich. „Elena!“ rief Angelo verzweifelt, „Du mußt mit mir fliehen, ich kann nicht ohne dich sein. Wenn du dich in die Hände des Minotaurus begibst und er dich tötet, werde ich dich rächen, oder selbst vom Stiergott getötet werden.“ Leise und traurig sprach das Mädchen: „Angelo, versteh mich doch bitte. Meine Familie ist stolz auf mich. Ich bin dem Taurus versprochen und wurde speziell dafür ausgewählt ihm zu dienen. Du mußt doch wissen, daß wir in dem Gelübde versprechen müssen, dem Gott willig zu folgen, egal, was er von uns verlangt. Würde ich mich weigern, so würde ich getötet, oder zumindest sehr streng bestraft. Fliehen wir und werden erwischt so gilt dasselbe. Meine Familie würde mich verstoßen und selbst einen Makel davontragen und ich würde, wenn überhaupt, dann als Ausgestoßene der Gemeinschaft weiterleben können und dabei spielt es keine Rolle, ob der Minotaurus ein Gott oder ein Monster ist. Es zählt nur, was die Priester sagen und was die Menschen glauben.“ Angelos Stimme zitterte vor Erregung: „Aber Elena, der Bericht des Alten muß dir doch klargemacht haben, daß der Stiergott in Wirklichkeit kein Gott ist. Er ist eine Bestie und wird dich töten.“ Sie senkte resigniert den Blick und Tränen glänzten an ihren langen Wimpern als sie sprach: „Ich kann es meiner Familie nicht antun und außerdem kann ich mir nicht vorstellen, daß all die Familien, die ihre Kinder dem Gott dienen lassen, so etwas zulassen würden. Sie würden doch nicht ihre Kinder einem Monster vorwerfen lassen, daß sie auf solch grausame Art tötet!“ Elena`s Stimme war immer entsetzter geworden. „Ich glaube ja, daß dieser alte Mann wirklich meint, er hätte all diese verstümmelten Körper gesehen. Aber ist es nicht wahrscheinlich so, daß ihm die Dunkelheit, seine Angst und das schwankende Licht seiner Fackel einen Streich gespielt haben?“ Angelo rüttelte sie an den Schultern. „Elena, er hat sich nicht getäuscht. Du hättest sein Gesicht sehen sollen, als er mir die Szene beschrieb. Dieses Entsetzen in seinen Augen, das war nicht gespielt oder übertrieben. Und das mit den Familien....Sie erfahren doch gar nichts vom Schicksal ihrer Kinder. Die Priester hüten ihre Geheimnisse gut und werden sich hüten, die Menschen wissen zu lassen, auf welche Art und Weise der Minotaurus seine Opfer behandelt. Oder sie schweigen aus Angst vor einem Untier, das solch grausame Taten vollbringt, wenn sie überhaupt selber genau Bescheid wissen. Nur die ältesten von ihnen können über die Geschehnisse um den jungen König Minos Bescheid wissen, ist er doch inzwischen selber schon unglaublich alt. Wer weiß, ob die Priester Labyrinth und Höhle jemals genauer erforscht haben? Immerhin ist das sehr gefährlich. Nur ein verzweifeltes Herz mag den Mut aufbringen, in das dunkle Haus des Minotaurus einzudringen.“ Tief sah er in Elenas Augen und er bat sie mit drängender Stimme nochmals: „Flieh mit mir, ich bitte dich. Und wenn du dich nicht gleich entscheiden willst, dann überlege es dir. Aber überlege es dir bald, wer weiß, wieviel Zeit uns noch bleibt.“ Elena sah ihn traurig an und nickte wortlos.


Das Verließ

Als Elena in dieser Nacht zum Tempelgelände zurückschlich, war ihr Herz voller Kummer. Wie sollte sie sich entscheiden? Sie liebte Angelo von ganzem Herzen und wollte nichts lieber, als ihr ganzes Leben ihm zu gehören. Doch auf der anderen Seite war ihre Familie, die sie immer gut behandelt und geliebt hatte, und da war ihr Versprechen dem Gott gegenüber. Würde sie nicht eine furchtbare Strafe treffen, auch wenn sie sich dem Urteil der Priester durch Flucht entzog? Würde der Zorn des Gottes, wenn er denn wirklich einer war, sie nicht treffen, egal wo sie sich verbarg? Sie hastete durch den Säulengang, der zu ihrem Zimmer führte, als sie sich grob an den Armen gepackt im eisernen Griff der Hohe-Priesterin wiederfand. Sie versuchte erst gar nicht sich zu wehren, sondern ergab sich demütig in ihr Schicksal. Ohne ein Wort zog die Priesterin sie rücksichtslos hinter sich her. Sie eilte mit ihr die Treppen hinab, die unter den großen Saal des Gottes führten. Dort riß sie eine schwere alte Holztür auf und stieß Elena in den muffig riechenden Raum dahinter. Die Tür wurde zugeschlagen und sie hörte einen Riegel einrasten. Elena tastete sich durch die Dunkelheit und fand eine Pritsche an der Wand, auf die sie sich vorsichtig niederließ. Erst jetzt brach das Elend mit seiner ganzen Macht über sie herein und sie begann hemmungslos zu weinen, bis ihre Augen brannten und ihre Schultern krampfhaft zuckten. Irgendwann mußte sie wohl vor Erschöpfung eingeschlafen sein, denn sie schreckte hoch, als die Tür schwungvoll aufgestoßen wurde und die Hohepriesterin gefolgt von zwei Männern den Raum betrat. Im Licht der Fackeln, die sie trugen, erkannte Elena den Hohepriester und den Heilkundigen der Männer. Als sie den Mund öffnete, um etwas zu sagen, gebot ihr die Priesterin mit einer herrischen Gebärde zu schweigen. Der Hohepriester und die Priesterin traten neben die Pritsche, ergriffen die Arme und Beine des Mädchens und hielten sie fest. Elena wusste nicht, wie ihr geschah, als der Heilkundige ihre Beine auseinander drückte und mit grober Hand ihre intimste Stelle berührte.

                *

Später lag das Mädchen verzweifelt und noch immer voller Scham auf der Pritsche. Die Priester hatten untersucht, ob sie ihre Jungfräulichkeit noch besaß und sie hatte diese peinliche und schmerzhafte Prozedur wortlos über sich ergehen lassen müssen. Schließlich hatte sie ja gegen die Gesetzte des Tempels verstoßen und sich heimlich vom Gelände entfernt. Irgendwie verstand sie ja diese Handlung. Was sie aber erschreckt hatte, war der schadenfrohe Ausdruck, den das Gesicht der Hohepriesterin während dieser Untersuchung gezeigt hatte. Die Priesterinnen waren heilige Frauen und sollten sich nicht an solchen Strafaktionen erfreuen. Nein, sie sollten mitleidig über ihre Schützlinge wachen und solche Notwendigkeiten mit Gleichmut hinter sich bringen. Außerdem war Elena überzeugt, dass diese Untersuchung von der Heilkundigen der Frauen hätte durchgeführt werden müssen und dass die Hohe-Priesterin sich durch diese zusätzliche Peinlichkeit eine Art unnatürliche Genugtuung verschafft hatte. Nachdem sich die Priester von ihrem Unangetastetsein überzeugt hatten, zogen sie befriedigt von dannen. Die Priesterin hatte noch einen strengen Blick auf Elena geworfen und dann die Tür wieder von außen verriegelt, nachdem sie den Raum verlassen hatte.


Zwischen zwei Welten und zwischen zwei Männern

Die Woche schlich dahin und ich konnte mich zu nichts aufraffen. Meist lungerte ich vor dem Fernseher herum oder legte mich früh mit einem Roman und meinem Kater zu Bett. Alex hatte schon etliche Male angerufen, aber ich zögerte ein Zusammentreffen mit ihm hinaus. Das ganze Durcheinander von Gefühlen und Gedanken hatte sich immer noch nicht gelichtet obwohl, oder gerade weil ich es vermied mir allzuviele Gedanken über das alles zu machen. Meine Sehnsucht machte es mir beinahe unmöglich ein Wiedersehen mit Alex noch hinauszuzögern; aber solange ein Teil meiner Liebe, wie ich zugeben mußte, unerklärlicherweise dem mir nahezu fremden Andi gehörte, stand dieses Geheimnis wie eine unsichtbare Wand zwischen uns. Alex machte mir die vorübergehende Trennung auch wirklich nicht leicht, denn er war, was ich gar nicht schlecht fand, wieder auf dem Eroberungstrip und schickte mir Rosen, Pralinen und alle möglichen netten Sachen. Jeden Abend, wenn ich nachhause kam, lag etwas anderes vor meiner Tür, immer mit einem Zettel daran, auf dem stand: „Komm bald zu mir, Alex.„

                *

Es war Donnerstagabend und ich hielt es zuhause nicht mehr aus. Ich mußte etwas unternehmen. Ich mußte sehen, wie ich in dieser Geschichte weiter – und aus dieser ganzen Misere herauskam. Der erste Schritt dahin war wohl, zu sehen wie mein Minotaurustraum weiterging und vor allem wie er endete. Das hieß also: sich nicht drücken, sondern ab ins Museum! Ich zog also Jeans und einen warmen Pulli an, denn draußen herrschte eine neblig kühle Dämmerung. Der April hatte seine Mitte schon überschritten und ich hoffte, daß das wechselhafte Wetter sich bald in einen wirklich schönen Frühling verwandeln würde. Jetzt, da ich einen Entschluß gefaßt hatte, hatte ich es plötzlich eilig. Ich sprang die Treppen hinunter, sperrte die Haustür hinter mir ab und schloß meinen Wagen auf. Ich sah auf die Uhr am Armaturenbrett und atmete erleichtert auf, denn es war erst fünf Uhr nachmittags. Das Museum war also noch geöffnet.

                *

„Mein“ Wärter tippte sich grüßend an die Mütze, als ich an ihm vorbeiging und ich lächelte ihm zu. Ich ging zu meinem Bild, setzte mich diesmal aber nicht sofort auf den Stuhl, sondern blieb stehen und betrachtet das Bild aus nächster Nähe. Mir fiel ein, daß Andi erwähnt hatte, ich solle die Details des Bildes beachten und dabei einen bedeutsamen Blick auf mein Perlenarmband geworfen hatte. Ich vertiefte mich also in die Betrachtung des Mädchens namens Elena und konnte einen überraschten Ausruf nicht unterdrücken. An ihrem schmalen Handgelenk schimmerte in mattem Blau ein Perlenarmband, wie auch ich eines trug. Langsam aber sicher neigte ich dazu, wirklich an ein geheimnisvolles Band zwischen dem Mädchen auf dem Bild und mir zu glauben. Zuerst meine Visionen, die man vielleicht noch als fantastische Träume abtun konnte; dann aber die Namensgleichheit zwischen Elena und meiner Vorfahrin, die in den Briefen meiner Oma erwähnt wurde, und letztendlich das Armband, das ich gerade jetzt immer wieder betrachten mußte. Es war natürlich nahezu unmöglich, dass es sich um dasselbe Stück handelte, die Ähnlichkeit jedoch war frappierend. Ich sank auf den hölzernen Lehnstuhl und rief meine Gedanken zur Ordnung, die wie Schmetterlinge durcheinander flatterten. Langsam setzte die beruhigende Wirkung des Gemäldes auf mich ein und mein Gedankenreigen wurde träger und ruhiger, bis ich die gewohnte Mattigkeit fühlte..


Verzweiflung

Angelo hatte viele Nächte vergeblich unter den Olivenbäumen auf Elena gewartet. Seine Sorgen hatte sich verdoppelt, als sie bei den nächsten Festspielen nirgends zu entdecken war und auch nicht auftrat. Da Angelo ja keinen Kontakt zu den Mädchen haben durfte, war es ihm unmöglich etwas über ihren Aufenthalt herauszufinden. Sosehr er auch nachdachte, ihm fiel nicht ein, wie er mit ihr in Verbindung treten könnte. Sein Herz lag ihm wie ein Stein in der Brust und nachts wälzte er sich schlaflos auf seiner Matratze und hatte schreckliche Visionen von blutüberströmten Gliedmaßen und schreckverzerrten Gesichtern. Es gab keinen Trost für ihn. Er wußte, daß die nächste Opfergabe für den Minotaurus schon in vier Wochen bei Vollmond fällig sein würde. Die Priester hielten sich streng an ihr Programm.

                *

Elena lag wach und schaute blicklos durch das kleine Fenster, wo am dunklen Himmel die Sterne funkelten und die Sichel des Mondes glänzte. Ihr Blick war wohl auf das Firmament gerichtet, doch in Gedanken sah sie nur Angelo`s geliebtes Gesicht vor sich, seine intensiven schwarzen Augen, die in ihr Herz zu blicken schienen. Seit dem Tage, als die Hohe-Priesterin sie nach ihrem unerlaubten Ausflug erwischt hatte, war sie in einen anderen Trakt des Tempels verlegt worden und stand unter ständiger Aufsicht. Nach und nach war sie zu der Ansicht gelangt, daß Angelo und der weise Perikles gar nicht so falsch liegen konnten mit ihren Vermutungen über den Stiergott. Heimliche Zweifel hatte das Mädchen ja schon immer gehegt; die Schadenfreude und Unfreundlichkeit der Priesterin hatten diese jetzt genährt und viele der Fragen, die die Priesterinnen mit ihrer Strenge gleich am Anfang im Keim erstickt hatten, waren in Elenas Kopf wieder aufgetaucht. Warum wurden die dem Gott Geweihten hier wie Gefangene gehalten? Warum hatten sie keinen Kontakt, oder zumindest nur seltenen und streng beaufsichtigten, mit der Außenwelt? Warum durften sie die Tempelanlagen nicht verlassen? Und letztendlich – warum kehrte keines der Opfer je zurück oder wurde je wieder erwähnt? Wenn diese Jungen und Mädchen dem Minotaurus als Begleiter und Dienerinnen folgen würden, müßte man dann nicht irgendwann etwas über sie hören, und sei es nur in Geschichten? Wenn man als Opfer des Minotaurus dem Gott sein Leben schenken mußte, ging dann die unsterbliche Seele ins Gefolge des Gottes ein? Und wenn der Gott schon das Leben dieser seiner armen Kinder forderte, mußte er dann mit solcher Grausamkeit vorgehen, wie sie Perikles geschildert hatte? Immer mehr und mehr sträubte sich Elenas Geist gegen die ganze Unlogik in dieser Geschichte. Perikles hatte recht, warum sollte ein Gott, der Leben erschuf, dieses auf solche grausige Weise beenden wollen? Ihr Trotz begann sich zu regen. Nein, sie wollte nicht wie ein Lamm zur Schlachtbank geführt werden. Sie wollte leben, sie wollte lieben, sie wollte bei Angelo sein bis zu ihrem Tod. Ruckartig setzte sie sich auf ihrem Lager auf. Sie mußte Angelo eine Nachricht zukommen lassen, sie musste von hier fliehen. Fieberhaft überlegte sie, ihre Gedanken suchten panisch nach einem Ausweg, aber ihr fiel keiner ein. Resigniert ließ sie sich wieder zurücksinken und stille Tränen der Verzweiflung liefen über ihre Wangen, wo sie im Mondlicht glänzende Spuren hinterließen.


Geküsst von der Vergangenheit

Ich saß immer noch da und starrte auf das Bild. Diesmal war ich nicht einmal eingeschlafen, während ich das Schicksal von Elena miterlebte. Wie ein Film waren die Bilder vor meinem geistigen Auge vorübergezogen. Langsam stand ich auf und ging auf den Ausgang zu. Der Wärter winkte mir nach, als ich auf die Straße trat. Die Ereignisse um Angelo und Elena schienen sich zu einem schrecklichen Höhepunkt zuzuspitzen und ich konnte ihre Zukunft nicht beeinflussen, konnte sie nicht warnen oder ihnen helfen. Ich fühlte mich den beiden verliebten jungen Menschen und ihrem Schicksal mit jedem Mal, da ich ihnen „begegnete“, mehr verbunden und es machte mich verzweifelt und zornig, daß ich nur Zuschauer am Rande des Geschehens war. Wenn ich schon das alles miterleben mußte, wollte ich, ich hätte eingreifen und etwas verändern können. Ich konnte jetzt noch nicht gleich nach Hause zurückkehren, mußte mich erst einmal abregen. Ich bog also in eine Nebenstraße ein und betrachtete die alten, schön verschnörkelten Hausfassaden und die kleinen Schaufenster mit ihren Auslagen. Es war wärmer geworden und ein schönes Abendrot wurde von dem aufsteigenden Nebel in eine pastellrosarote Dunstigkeit verwandelt. Ich blieb abrupt stehen, weil ich glaubte, ich hätte Schritte gehört, die mir folgten. Blödsinn. Ich ging energisch weiter. Verfolgungswahn fehlte mir noch zu meinem Glück. Dann könnte ich tatsächlich zu einen Psychiater rennen und ihm von Stiergöttern, Handküsse verteilenden Unbekannten und nächtlichen Verfolgern erzählen. Er würde mir dann höchstwahrscheinlich eine schöne neue Jacke verpassen, die man hinten zubinden konnte. Unbewußt hatte ich doch immer wieder nach hinten gelauscht und jetzt war ich mir sicher, daß ich die Schritte wieder vernahm, die stehengeblieben waren, als auch ich vorhin stehengeblieben war. Ich versuchte ruhig weiterzulaufen aber der Nebel, der sich zwischen die Häuser senkte und dort wie ein grauer Vorhang hing und die sich langsam herabsenkende Dunkelheit, trugen nicht unbedingt zu meiner Beruhigung bei. Ich ging schneller und schneller, bis ich beinahe rannte. Als ich eine dunkle Einbuchtung zwischen zwei Häusern sah, bog ich schnell ab und hoffte, mich darin verbergen zu können. Zu meinem Pech, hörte der schmale Fußweg bereits nach wenigen Metern auf und ein hohes hölzernes Tor zu einem Hinterhof versperrte mir den Weg. Ich drehte mich hastig um, lehnte mit dem Rücken gegen das Tor und starrte in die wabernde Gräue. Jetzt saß ich in der Falle. Tatsächlich tauchte nur Sekundenbruchteile später eine undeutliche dunkle Gestalt am Eingang meiner Sackgasse auf. Ängstlich preßte ich mich an die Bretter hinter mir, aber es gab keinen Fluchtweg für mich. Da hörte ich eine bekannte Stimme mit verhaltenem Lachen sagen: „Rennst du mir schon wieder davon?“ Vor lauter Erleichterung warf ich mich in Andi`s Arme und brach in hysterisches Schluchzen aus, was normalerweise überhaupt nicht meine Art ist. Erschrocken und besorgt schloß Andi seine Arme zögernd um mich, doch plötzlich, als ob eine Barriere eingestürzt wäre, riß er mich an sich und überschüttete mein Haar und mein Gesicht mit Küssen. Ein undefinierbares Gefühl von Sehnsucht, Trauer und „Je ne sais quoi“ überkam mich und ich presste mich an ihn, als ob die Welt um uns versinken würde. Eine Weile standen wir so zwischen Raum und Zeit, dann schüttelte ich wie erwachend den Kopf und schob ihn von mir. Ich hatte mich jetzt wieder unter Kontrolle und hatte das eigentümliche Gefühl, als ob mich ein längst vergangener Traum geküßt hätte. Andi sah mich immer noch besorgt an und fragte mich jetzt ob alles in Ordnung wäre. Fast hätte ich gejubelt, denn in dem Moment, als er mich im Arm gehalten hatte, hatten sich meine ganzen verworrenen Gefühle geklärt: die Liebe, die ich für Andi empfand, entsprang aus einer längst vergangenen Zeit. Die Person, die ich heute war, empfand sie zwar immer noch, aber ich lebte ein ganz anderes Leben und in diesem Leben hatte Andi keinen Platz. Ich wollte eben versuchen, Andi alles zu erklären, als hinter mir ein Hund bellend von der anderen Seite gegen die Brettertür sprang. Erschrocken wirbelte ich herum, um mich zu überzeugen, daß die Tür geschlossen blieb. Als ich mich wieder umwandte, war Andi in der vollends herabgesunkenen Dunkelheit verschwunden. Ich rannte nach vorn und schaute die Straße links und rechts von mir hinab, konnte ihn aber nirgends mehr entdecken. Einen Moment blieb ich noch zögernd stehen, dann machte ich mich erst langsam dann immer schneller auf den Weg zurück zu meinem Wagen. Ich hatte es nun ziemlich eilig, denn nachdem ich mir über meine Gefühle klar geworden war, wollte ich unbedingt sofort mit Alex sprechen. Ich wollte ihm, selbst auf die Gefahr hin, daß er mir schlimme Vorwürfe machen würde, alles über Andi und die Erlebnisse, die ich hatte, während wir uns nicht getroffen hatten, erzählen. Ich musste reinen Tisch machen und vor allem auch mir alles von der Seele reden, was mich belastete. Als ich endlich zuhause angekommen war und, von einem hungrigen Nicky umkreist, ungeduldig Alex Nummer wählte, ertönte nur endloses Tuten. Alex war nicht zuhause. „Wahrscheinlich ist er bei einem seiner Fortbildungskurse,“ tröstete ich mich. Ich durfte nicht daran denken, wie ich ihn hatte warten und warten lassen. Wie ich ihm die Wahrheit verschwiegen hatte. Wie ich ihn hingehalten hatte. Alex war ein attraktiver Mann und wer weiß, wohin er heute Abend ausgegangen war....und mit wem? Nein, ich durfte mich nicht gleich verrückt machen. Sicher gab es eine harmlose Erklärung. Um mich abzulenken ging ich in die Küche und suchte das Katzenfutter. Nachdem ich den sich lautstark beschwerenden Kater gefüttert hatte, nahm ich die Karten zur Hand, die an den Geschenken gehangen hatten. So würde kein Mann handeln, wenn seine Gedanken und Gefühle nicht mehr bei mir wären. Von dieser Erkenntnis getröstet stellte ich noch kindischerweise den Strauß Rosen neben mein Bett und aß, Figur hin und her, noch mindestens fünf Stück von den süßen Pralinen, nur um mich Alex nahezufühlen. Danach mußte ich über mich selbst grinsen und schlief bald darauf ein. Ich schlief nach langer Zeit endlich wieder tief und traumlos und wachte erfrischt und tatendurstig auf, noch bevor der Wecker klingelte. Als ich im Büro ankam, fand ich einen Umschlag auf meinem Schreibtisch. Sofort erkannte ich Alex` Handschrift, riß halb ängstlich, halb erwartungsvoll den Umschlag auf und las den darin enthaltenen Brief.

                *

„Hallo Tina. Du hast dich leider immer noch nicht bei mir gemeldet. Aber ich gebe die Hoffnung nicht auf. Obwohl ich das komische Gefühl nicht loswerde, daß du mich demnächst dringend brauchen wirst, muß ich dich verlassen.“

                *

Erschrocken hatte ich das Blatt fallengelassen. Schnell hob ich es wieder auf und war froh, daß ich heute früher als alle Kolleginnen im Büro angekommen war. So sah niemand, daß ich mir zuerst über die Augen wischen mußte, bevor ich weiterlesen konnte.

                *

        

„Aber keine Sorge, es ist nur für zwei Tage. Ich fahre heute früh und bin Samstagnacht schon wieder da. Es ist nur, weil mein Vater ausnahmsweise mal für kurze Zeit in der Gegend ist. Auch wenn ich die schlimme Art und Weise der Trennung meiner Eltern hasse, so freue ich mich doch, wenn ich ab und zu einen von ihnen zu Gesicht bekomme. Vater hält sich gerade in Stuttgart auf und ich werde ihn da besuchen. Wenn ich am Samstag zurückkomme, egal wie spät es ist, werde ich bei dir vorbeikommen. Ich kann keinen Tag länger darauf warten dich zu sehen. Keine Ausreden mehr. Alex.“

                *

Ich kann meine Erleichterung und mein Glück nicht beschreiben. Eine Zentnerlast schien mir von der Seele genommen. Ich kann mir denken, daß meine Kollegin sehr überrascht war, die kurz darauf den Raum betrat. Sie ertappte mich nämlich dabei, wie ich meinen Schreibtisch küßte, auf dem der Brief von Alex lag. Sie warf mir einen fragenden Blick zu meinte aber lediglich leicht irritiert, ob ich nun unter die Moslems gegangen sei und ging mit einem belustigten Grinsen an mir vorbei. Dies war wieder so ein Tag, der wie im Flug verging und als ich abends heimkam, hielt meine gute Laune immer noch an. Ich nahm meinen Kater, der mir hungrig miauend entgegengeeilt war, an den Vorderpfoten und drehte mich mit ihm im Kreis, was aber seine Laune keineswegs verbesserte. Also unterließ ich das und gab ihm lieber etwas zu fressen. Ich dachte, daß die Nacht am schnellsten vorbeigehen würde, wenn ich früh zu Bett gehen und sie einfach verschlafen würde. Also aß ich nur ein wenig zu Abend, las noch eine halbe Stunde und machte bereits um sieben Uhr abends meine Nachttischlampe aus. Tatsächlich ließen mich meine Ruhe und Zufriedenheit ziemlich schnell einnicken. Allerdings sollte dieser Schlaf nicht sehr erholsam sein.


Das Ende naht

Elena hatte an den Übungen mit den Stieren teilgenommen. Ihr Leben im Tempel verlief jetzt fast wieder normal. Nur bei Nacht teilte sie jetzt das Zimmer mit einer Priesterin, so daß ihr keine Chance blieb, den heiligen Bezirk heimlich zu verlassen. Für sie bedeutete es schon eine große Erleichterung, daß sie nicht mehr ständig die inzwischen verhaßten Augen der Hohe-Priesterin in ihrem Rücken spüren mußte. Sie hatte Angelo jetzt schon seit drei Wochen nicht mehr gesehen. Sie war sicher, daß er sich um sie sorgte. Aber es war ihr einfach nicht gelungen, das Tempelgelände unbemerkt zu verlassen. Auch wenn die Hohe-Priesterin sie nicht mehr ständig beobachtete, so war doch immer eine der anderen Frauen zur Stelle, wenn Elena sich vorsichtig umsah. Sie hatte sich in einen der Gärten zurückgezogen und saß nachdenklich auf einer von wildem Wein überwachsenen Mauer. Während sie geistesabwesend auf die Fülle von bunten Blumen schaute, sah sie wieder nur Angelos geliebtes Antlitz vor sich. Der Tempel des Minotaurus lag an einem Hang und auf dieser Seite der Anlagen waren die Gärten terrassenförmig angelegt und senkten sich wie riesige blumenüberwachsene Stufen den Hügel hinab. Hinter weiteren Mauern, die die Terrassen stützten, und einem flacheren Hügel konnte Elena das blaugrüne Glitzern des Meeres sehen. Sehnsüchtig starrte sie auf die Freiheit versprechende schimmernde Fläche hinaus. Von ihrem erhöhten Platz konnte sie kleine Fischerboote sehen, die fleißig die See nach Beute durchpflügten und sie wünschte sich, mit Angelo auf so einem Boot zu sein und nie mehr zurückkehren zu müssen. Sie war noch nicht lange im Garten, als sie die leichten Schritte einer jungen Priesterin vernahm, die ihr gefolgt war. „Darf ich mich zu dir setzen?“ Fragte diese überflüssigerweise und Elena gab resigniert ihr Einverständnis. Der Moment der Ruhe und des Träumens war vorbei. Auf die Versuche der Priesterin mit ihr ein Gespräch anzufangen, reagierte Elena respektvoll aber reserviert und erhob sich bald darauf von ihrer Mauer. Langsam schlenderte sie zurück zum Tempel, gefolgt von der jungen Priesterin. Als sie am großen Standbild in der Säulenhalle vorbeikam, stockte plötzlich ihr Schritt, denn vor ihr stand unvermittelt die Hohepriesterin. „Folge mir!“ Befahl diese ihr knapp. Sie ging mit Elena in den Trakt, der den Priesterinnen vorbehalten war und führte sie in ein Atrium. Es war ähnlich wie das, welches das Haus von Elena`s Vater besaß, nur bedeutend größer. Das Benehmen der Priesterin änderte sich plötzlich und sie wurde irritierend freundlich. Lächelnd bat sie Elena auf einer Steinbank Platz zu nehmen und setzte sich neben sie. Elena warf unter den demütig gesenkten Lidern einen mißtrauischen Blick auf ihre Feindin, deren freundlichem Verhalten sie keinen Schritt weit traute. „Mein liebes Kind,“ begann sie in gekünstelt wohlwollendem Ton, „Du hast deine Familie schon lange nicht mehr gesehen. Möchtest du sie nicht gerne besuchen?“ Vor Überraschung fehlten Elena die Worte. Als sie sich endlich wieder gefaßt hatte antwortete sie schnell: „Es wäre mir eine große Freude, wenn es mir erlaubt würde, meine Familie aufzusuchen.“ Sie überlegte bereits, wie sie diesen Besuch für eine Nachricht an Angelo oder für eine Flucht nutzen könnte, da fuhr die strenge Frau mit katzenhaftem Lächeln fort: „Du wirst natürlich von mir begleitet.“ Damit waren Elenas Pläne zunichte gemacht bevor sie überhaupt entworfen waren und die Miene, die man nur als bösartig bezeichnen konnte verriet, daß die Priesterin das auch genau wußte. Die Frau nickte Elena zu und diese wußte, daß das Gespräch damit beendet war. Sie erhob sich und machte widerwillig eine kleine Verbeugung. Als sie das Atrium schon fast verlassen hatte, hörte sie nochmals die Stimme der Verhaßten: „Ich werde morgen früh mit dir zum Hause deines Vaters gehen, denn auch ich habe etwas mit ihm zu besprechen.“ Bedrückt kehrte Elena in den großen Säulensaal zurück, wo sie betend vor dem Standbild des Stiergottes niedersank. Sie hatte Angst, daß die bösartige hohe Frau ihrem Vater von ihrem Fehlverhalten erzählen würde. Und ihr Vater war ein strenger Mann. So flehte Elena alle Götter um Hilfe an. Fast alle, denn den Minotaurus verachtete sie inzwischen fast genauso sehr wie seine höchste Dienerin. In dieser Nacht fand sie keine Ruhe. Angst und Sorge plagten sie und wenn sie kurz in einen unruhigen Schlummer fiel, schreckte sie bald mit Angstschweiß auf der Stirne aus schrecklichen Alpträumen wieder auf. Endlich schickte der Morgen sein rötliches Licht durch das Fenster herein. Noch bevor die Priesterin, mit der sie den Raum teilte, erwachte, war Elena fertig gekämmt und angezogen. Sie wollte der Hohe-Priesterin auf keinen Fall einen Grund zu irgendeiner Kritik liefern. Diese erschien auch schon kurze Zeit später und bedeutete Elena wortlos ihr zu folgen. Die hohe Frau ritt auf einem geschmückten Esel, während das Mädchen zu Fuß nebenherging. Als sie das Gelände des Tempels hinter sich ließen und durch die blühende Landschaft wanderten, atmete Elena auf und für einen Moment kam ihr all das Böse, das sie erleben mußte wie ein schlechter Traum vor. Doch sobald sie auf die reitende Gestalt neben sich blickte, wußte sie wieder, daß alles nur allzu wahr war. Bald hatten sie die gepflasterten Straßen des Ortes erreicht und hielten kurz darauf vor der Türe des Hauses der Familie Simeriotakis. Überrascht und erfreut wurde sie von ihrer Mutter begrüßt. Ihr Vater gab sich zurückhaltend, aber ein stolzes Leuchten verriet, daß auch er seine Tochter mit Wohlwollen betrachtete. Elena`s Schwestern und ihr jüngerer Bruder waren nicht anwesend. Die Priesterin zog sich mit Elena`s Vater bald darauf in dessen Geschäftsgemach zurück und Elena wurde wieder von Furcht befallen. Die Mutter schien das zu bemerken und fragte sie, um sie von ihren Gedanken abzulenken, gekünstelt fröhlich über ihr Leben im Tempel aus, während sie ihr Speise und Trank reichte. Automatisch gab Elena die richtigen Antworten, während ihr Blick wie festgenagelt an der geschlossenen Türe zum Arbeitszimmer ihres Vaters hing. Nach einer ihr endlos scheinenden Zeit, öffnete sich die Tür und während die Priesterin sich nun zu ihrer Mutter setzte, winkte der Vater Elena zu sich. Er führte sie durch den Raum, von dem eine Tür ins Atrium führte. Wie schon einmal saß sie ihm nun gegenüber. Diesmal aber war Elena nicht unbefangen, sondern die Angst schnürte ihr beinahe die Kehle zu. Ihr Vater trug auch eine sehr ernste Miene zur Schau, aber als er zu sprechen begann, merkte Elena, daß die Priesterin das von ihr gefürchtete Thema nicht zur Sprache gebracht haben konnte. Ihr Vater nahm nämlich ihre Hand in die seine und sprach wohlwollend, wenn auch traurig zu ihr: „Tochter! Die Zeit des Abschieds ist nun gekommen. Die Hohe-Priesterin hat mir mitgeteilt, daß schon in fünf Tagen beim großen Vollmondfest zu Ehren des Stiergottes, deine Zeit gekommen sein wird. Du wirst mit sechs der anderen Mädchen die Ehre haben, dem Zeremonienmeister in das Labyrinth zu folgen und eine Braut des Stiergottes zu werden. Die hohe Frau hat dich heute zu deiner Familie gebracht, damit wir uns ein letztes Mal allein sehen können. Solange ich jetzt mit dir rede, spricht sie mit deiner Mutter, um sie auf die Trennung vorzubereiten.“ Elena war aufgesprungen und sah entsetzt ihren Vater an. Dieser betrachtete stirnrunzelnd seine Tochter, die sich nicht wie erwartet benahm und anstatt Freude Angst zu zeigen schien. „So bald schon!“ der Gedanke hämmerte in Elena`s Kopf und für eine Sekunde blitzte die Idee in ihr auf, sich dem Vater zu Füßen zu werfen und ihn um Hilfe anzuflehen. Aber als sie in seine ungehalten dreinblickenden Augen sah, begrub sie ihre Hoffnung sofort. Er würde sie nicht verstehen. Im Gegenteil, er würde sich ihrer schämen und sie eher bestrafen, als ihr beizustehen. Für ihn war der Minotaurus ein Gott und seinem Kinde wurde eine hohe Ehre zuteil, wenn sie seine Dienerin werden durfte. Wie bei den meisten Religionen wußten auch hier die Verantwortlichen, in diesem Falle die Priester, wie sie zu verhindern hatten, daß die Gläubigen hinter die Kulissen schauten. Mit strengen Strafen für Zweifler und hohem Ansehen und Reichtum für Anhänger wußten sie die Integrität der Götter zu wahren und unbequeme Fragen im Keime zu ersticken. All diese Gedanken waren Elena im Bruchteil von Sekunden durch den Sinn gegangen und sie hatte erkannt, daß ihr nichts anderes übrig blieb, als sich demütig vor dem Vater zu verbeugen und sich in ihr Schicksal zu ergeben. Der Vater schien nun durch den Gehorsam der Tochter wieder beruhigt und führte sie, mit wieder wohlwollender Miene, ins Haus zurück, wo sie bereits von einer in Tränen aufgelösten Mutter erwartet wurden. Weinend schloß diese ihre Tochter in die Arme. Stiergott hin und Glaube her, diese Frau war eine Mutter sie fühlte instinktiv, daß sie ihr Kind dem Tod als Geschenk versprochen hatte. Sie weinte nicht, wie eine glückliche Brautmutter, die ihre Tochter in die Hände eines sie liebenden Mannes gibt. Nein, dieses Weinen war von Verzweiflung geprägt. Schließlich mußte der Vater die sich sträubende Frau festhalten, während die Hohe-Priesterin die Tochter aus ihren Armen zog. Noch lange wurde Elena von dieser Szene verfolgt und in dieser Nacht preßte sie ihr verweintes Gesicht auf ihr Lager, bis sie der Schlaf übermannte.


Der Weg zur Freiheit

Ich fuhr aus dem Schlaf und schaute verwirrt um mich. Das gedämpfte Licht des Mondes schien ins Schlafzimmer und das grünleuchtende Ziffernblatt meines Weckers zeigte fünf Uhr früh. Ich legte mich zurück und versuchte mich zu entspannen. Ich spürte, Elenas Angst, die Trauer und die Sehnsucht in mir selbst, als ob ich sie wäre und es dauerte einige Zeit, bis ich ruhiger wurde. Mir wurde bewußt, daß jetzt schon Samstag war. Noch heute würde ich Alex wiedersehen. Dieser Gedanke freute und tröstete mich derart, daß ich doch noch einmal einschlief. Als ich das nächste mal aufwachte, schien eine wunderbare Frühlingssonne durchs Fenster und ich räkelte mich wohlig in meinen Kissen. Nicky sprang vom Fußende und sah mich auffordernd an. „Ja, ja! Ich komme ja gleich!“ Gähnte ich ihn an und stieg langsam aus dem Bett. Während ich den Futternapf füllte, sah ich aus dem Küchenfenster und bemerkte, daß der April heute seinem Namen Ehre machte. Denn im Gegensatz zu den letzten paar trüben Tagen brach heute ein frühlingshaft schöner Tag an. Nachdem ich Toilette gemacht und mich angezogen hatte, beschloß ich, das sonnige Wetter auszunutzen und in die Stadt zu fahren. Ein kleiner Schatten wollte auf meine Laune fallen, als ich an meinen Traum von letzter Nacht denken mußte. Aber ich verscheuchte einfach den Gedanken daran und verließ pfeifend das Haus. Als ich in der Stadt angekommen war, beschloß ich erst einmal einen Spaziergang durch den Park zu machen. Das leuchtende Frühlingsgrün der Bäume und die zaghaft hervorlugenden Blumen erinnerten mich zum Glück nur wenig an eine andere Gelegenheit, als ich im silbernen Mondschein durch den Park promeniert war und in ein Paar schwarzer Augen geblickt hatte. Später ging ich durch die Fußgängerzone und kaufte Lebensmittel ein. Als auch dies erledigt war, ergriff mich der schon bekannte Zwang, der mich in eine bestimmte Richtung drängte. Ich wehrte mich erfolgreich und ging in Richtung meines Autos. Ich wollte heute nicht ins Museum, denn ich wollte mir die Vorfreude auf den heutigen Abend nicht verderben lassen. Ich war schon bei meinem Wagen angekommen, hatte die Einkäufe verstaut und den Zündschlüssel halb gedreht, als ich ihn wieder abzog, ausstieg und die Tür verschloß. Mir war wieder eingefallen, dass ich mir selbst versprochen hatte, reinen Tisch zu machen und dazu gehörte auch, dass ich meinen Minotaurustraum bis zu seinem Ende durchstand. Ich hatte das sichere Gefühl, erst dann wieder richtig „frei“ zu sein. Also gab ich meinen Widerstand auf und schlug ergeben den Weg zum Museum ein.

                *

Es war nur noch ein Tag bis zum großen Fest. Die anderen Mädchen waren aufgeregt und bei weitem nicht so still und in sich gekehrt wie es bei Elena der Fall war. Sie hatte ihre Hoffnungen begraben und war in tiefe Resignation verfallen. Die anderen freuten sich an den neuen Gewändern, die sie zu diesem Anlaß aussuchen und anprobieren durften. Nur Elena konnte dem ganzen Trubel und der freudigen Aufregung nichts abgewinnen. Wenn sie die Augen schloß, sah sie nicht Angelos` geliebtes Gesicht vor sich, sondern ein dunkles schreckliches Labyrinth und rotleuchtende bösartige Augen.


Gegenwart und Vergangenheit dem Tode nah

Voller Furcht fuhr ich aus dem Stuhl hoch und glaubte immer noch die blutdurstigen roten Augen vor mir zu sehen. Ich war traurig und durcheinander, meine gute Laune vom Morgen zerstört. Wäre ich nur nicht hierher gekommen. Aber das hätte im Endeffekt auch nichts genutzt, da mich die Visionen inzwischen ja sogar zuhause im Schlaf heimsuchten. Ich hatte es auf einmal sehr eilig, das Museum und das Bild hinter mir zu lassen und ging eilig Richtung Ausgang. Als ich auf den Gehsteig trat, stellte ich überrascht fest, daß ein Gewitter aufgezogen war. Die Frühlingssonne war düsteren schwarzen Wolken gewichen und Blitze zuckten nieder, während der Regen wie aus Kübeln prasselte. Unentschlossen blieb ich unter dem Torbogen stehen und sah über die Schulter zurück. Nein, ins Museum wollte ich jetzt auf gar keinen Fall mehr zurückkehren. Also zog ich, bevor ich es mir doch noch anders überlegen konnte, meine dünne Jeansjacke über den Kopf und machte einen hastigen Satz auf die Straße, um sie so schnell wie möglich zu überqueren. Dann überstürzten sich die Ereignisse. Ich hörte das Quietschen von Reifen, und sah einen Wagen quer auf mich zuschleudern. Vor Schreck wie gelähmt fühlte ich mich plötzlich am linken Arm gepackt und zurückgerissen, während ein stechender Schmerz durch meine rechte Seite raste. Dann umfing mich tiefe Dunkelheit. Als ich noch einmal halb aus meiner Ohnmacht auftauchte, sah ich in schwarze Augen, die liebevoll und doch traurig auf mich nieder sahen. Mit erlöschenden Sinnen klammerte sich mein Blick an dieses Gesicht, wie ein Ertrinkender sich ans rettende Ufer. Während ich von zwei Sanitätern auf einer Trage in einen Krankenwagen gehoben wurde, glaubte ich zu hören, wie ein dunkler Jüngling flüsterte: „Auf Wiedersehen, vielleicht in einem anderen Leben.“ Als ich schon wieder in das stille Dunkel zurückglitt, spürte ich noch warme Lippen auf meiner Stirn, dann wurde es schwarz um mich.

                *

Der Tag des großen Festes war angebrochen. Die ganze Tempelanlage, die umliegenden Städte und Dörfer, brodelten vor Betriebsamkeit und Aufregung. Die Vorbereitungen waren beendet und gegen Mittag sollte das Fest mit einem Tanz der jungen Dienerinnen des Minotaurus beginnen. Bei dieser Gelegenheit würden nur die sieben für das heutige Opfer vorgesehenen Mädchen tanzen. Das Wetter schien es gut mit dem Gott zu meinen. Es versprach ein ausgesprochen warmer Frühlingstag zu werden, denn schon am Morgen brannte die Sonne heiß von einem strahlend blauen Himmel. Elena hatte am Gottesdienst für den Minotaurus teilgenommen. Danach war sie mit den anderen in die Gemächer der Priesterinnen gebracht worden, wo die jungen Frauen fürs Fest vorbereitet wurden. Elena war schmäler geworden, und die großen Augen in ihrem schmalen Gesicht sahen teilnahmslos die Freude und Aufregung der anderen jungen Mädchen mit an, während sie angekleidet, frisiert und geschmückt wurden. Sie war sich nun sicher, ihr Schicksal zu kennen. Die Bilder aus der Erzählung des Perikles hatten sie in ihren Träumen verfolgt und sie hatte inzwischen keine Zweifel mehr an der Wahrheit dessen, was der alte Mann Angelo berichtet hatte. Sie hatte die stumme Verzweiflung, die in ihrem Inneren wühlte, zurückgedrängt und verbarg sie vor den anderen. Elena wußte ja, daß ihr niemand helfen konnte. Die meisten würden ihre Zweifel nicht einmal verstehen, geschweige denn unterstützen. Die Zeit schien ihr wie Sand durch die Finger zu rinnen; die Sonne hatte bereits ihren höchsten Stand erreicht. Demnächst würde der Tanz den Beginn des Festes einleiten. Die Menschenmassen strömten bereits in das Stadion. Selbst auf den Hügeln und Bäumen vor der Mauer, eben überall, von wo aus man einen Blick auf das Spektakel werfen konnte, drängten sich die Menschen. Nun wurden die sieben Mädchen von den Priestern, die sie auch später in die Höhle des Gottes begleiten würden, zur Arena geführt. In durchscheinende kurze Gewänder gekleidet boten sie einen unwiderstehlichen Anblick mit den schlanken durchtrainierten Gliedern und den langen, im milden Wind wehenden Haaren. Eine wilde und doch melancholische Melodie, die von Panflöten gespielt wurde, war für diese Gelegenheit ausgewählt worden. Sie setzte ein, als die Opfer des Taurus die Mitte des Platzes erreicht hatten und der Tanz begann. Wie in Trance begann sich Elena zur Musik zu bewegen. In ihren wilden und doch graziösen Bewegungen und Gesten kam ihre ganze Verzweiflung zum Ausdruck und auch ihre heiße Sehnsucht nach Leben; nach einem Leben, daß nicht in der dunklen Höhle des Minotaurus enden mußte. Durch ihre Traurigkeit war ihr Tanz ausdrucksvoller und rührender als der der anderen Mädchen. Sie wirbelte zum Klang der Flöten durch den Sand der Arena, drehte sich dass ihre dunklen Strähnen flogen, sprang, als ob sie die einengenden Mauern hinter sich lassen und davon fliegen wollte. Die Musik endete und Elena sank in einer Flut schwarzer Haare erschöpft zu Boden. Für sie und die anderen Opfer war die Vorführung beendet. Sie mußten beim heutigen Fest nicht an den gefährlichen Stiertänzen teilnehmen, da man Verletzungen der Dienerinnen des Gottes vermeiden wollte. Sie wurden nach dem Tanz in den großen Säulensaal gebracht, wo sie stundenlang unter dem unheimlichen Blick der Minotaurusstatue umgekleidet, geschmückt und frisch frisiert wurden.

                *

Angelo hatte wieder auf der Bank gesessen, wo er und die anderen jungen Männer auf ihren Auftritt mit den Stieren warten mußten. Er hatte die ganze letzte Zeit fieberhaft versucht, etwas über Elena`s Schicksal herauszufinden. Nachdem all seine Versuche an Informationen zu kommen gescheitert waren, war seine Aufregung und Verzweiflung heute auf dem Höhepunkt angelangt. In banger Erwartung hatte er schon viel zu früh auf seinem Rang gesessen. Voller Angst hatte er gewartet, bis sich das Tor öffnete, durch das die für heute vorgesehenen Opfer des Minotaurus kommen mußten. Ein tiefes Stöhnen hatte sich seiner Brust entrungen, als es endlich soweit war, und er Elena unter ihnen entdecken mußte. Der junge Priester, der neben ihm saß, hatte ihn neugierig angesehen und Angelo wußte, er mußte sich zusammennehmen und durfte sich seine Verzweiflung nicht anmerken lassen. Mit fiebrigem Glanz hingen seine Augen an der geliebten Gestalt, die sich grazil wie eine Feder zu der schwermütigen Musik der Panflöten bewegte. Die Verzweiflung und die Sehnsucht nach Freiheit, die in jeder ihrer Bewegungen zum Ausdruck kamen schnitten ihm ins Herz. Nein, er konnte nicht zulassen, das dieses süße Leben von dem Ungeheuer, das sich Gott nannte, zerstört wurde. Es mußte einen Ausweg geben. Angelo wurde nun ganz ruhig. Er mußte vernünftig und rationell überlegen, wenn er Elena aus dieser irrsinnigen Gefahr befreien wollte. Schon einmal hatte es jemand geschafft, unerlaubt und unbemerkt das Labyrinth zu betreten. Er mußte Elena dort erreichen, bevor sie in die Hände des Minotaurus fiel. Angelo`s Gedanken drehten sich wild im Kreis und er mußte sich immer wieder zur Ruhe mahnen. Er wußte genau, daß wenn er in Panik verfiel, alles für ihn und die Geliebte verloren war. Eine Befreiung während des Festes war unmöglich, denn die Mädchen waren unter ständiger Aufsicht von Priestern und Priesterinnen. Auch auf dem späteren Weg zum Labyrinth wurden sie streng bewacht. Kräftigere Priester hatten die Aufgabe die Zuschauer, die den Weg der Prozession säumten, zurückzudrängen und den Weg freizuhalten. Es gab wirklich nur eine einzige Chance: in die Höhle einzudringen, wenn das Fest auf seinem Höhepunkt war, wenn die Priester und die Zuschauer zur Arena und in die Orte zurückgekehrt waren, wo festlich getafelt und getrunken wurde und nur die Wachen und vereinzelte Betrunkene noch vor Ort waren. Die Wächter, die vor dem Eingang der Höhle postiert waren, mussten außer Gefecht gesetzt werden. Angelo mußte noch einmal den alten Perikles aufsuchen, ihn bitten sein Versprechen einzulösen und ihm einen Betäubungstrank zu mischen. Er mußte ihm einfach helfen, sonst war alles verloren. Die Mädchen hatten ihren Tanz nun beendet und Angelo und die anderen jungen Männer kamen mit ihrem Stiertanz an die Reihe. Er sah mit brennendem Blick der schmalen Gestalt seiner Geliebten nach, als sie mit gesenktem Kopf hinter den anderen Mädchen aus der Arena schritt. Kurz bevor sie das Tor passierte, hob sie den Blick und sah ihn direkt an. Die verzweifelte Sehnsucht und die tiefe Resignation, die aus ihren Augen sprachen, schnitten Angelo tief ins Herz. „Ich werde dich retten, koste es was es wolle.“ Er sprach diesen Gedanken nicht laut aus, aber er konzentrierte sich mit aller Macht seines Herzens und seiner Sinne darauf und hoffte, daß seine seelische Botschaft zu Elena durchdringen würde. Beinahe schien es ihm, als ob in ihrem Blick ein Hoffnungsschimmer aufglimmen würde, aber in diesem Moment durchschritten die Mädchen, mit ihnen Elena, das Tor und er war sich nicht mehr sicher, ob nicht sein hoffendes Herz ihm dies nur vorgegaukelt hatte. Die jungen Männer erhoben sich der Reihe nach, um ihre lebensgefährlichen Kunststücke zu absolvieren. Als Angelo mit seinem Stiertanz an der Reihe war, war er so nervös und abgelenkt, daß er beim Absprung von dem Tier zu dicht neben dessen Hörnern landete und beinahe verletzt worden wäre. Im letzten Augenblick konnte er sich zur Seite abrollen und unter dem Applaus der aufgesprungenen Menge die Arena verlassen.

                *

Elena stand in Gedanken versunken vor einem polierten kupfernen Schild, in dem sie ihr Spiegelbild betrachten konnte, während sie für die Zeremonie geschmückt wurde. Sie nahm kaum wahr, wie entzückend sie aussah. Die Mädchen waren für diese einmalige Gelegenheit in lange weiße Gewänder aus weichfließenden Stoffen gekleidet und ihr Haar war mit bunten Blumen geschmückt worden. Elena fuhr nur immer wieder zärtlich mit dem Finger über das blauschimmernde Perlenband an ihrem Handgelenk. Während des Tanzes hatte sie nicht gewagt, ihren Blick zu den Bänken gleiten zu lassen, auf denen die jungen Diener des Minotaurus auf ihren Auftritt warteten. Aber beim Verlassen der Arena hatte nichts mehr sie davon abhalten können, ihren suchenden Blick zu dem Platz zu erheben, wo sie den Geliebten vermutete. Ihre Verzweiflung und Resignation waren einer Hoffnung gewichen, die doch so unerfüllbar und unerreichbar war wie ihre Liebe. Und doch hatte in Angelo`s schwarzen Augen ein so intensives Versprechen gelegen, daß sie einfach daran glauben mußte. Der Nachmittag war der Dämmerung gewichen und die Stunde der Wahrheit rückte immer näher. Bald würde Elena dem Gott von Angesicht zu Angesicht gegenüberstehen. Die Hoffnung und der Glaube an Angelo hielten sie aufrecht, hätte sie sich nicht mit aller Macht daran geklammert wäre sie vor Verzweiflung auf die Knie gesunken und hätte alle Götter um Hilfe angefleht. So aber folgte sie, als die Priester kamen um sie zum Labyrinth zu begleiten, der Prozession mit stolzer Gelassenheit.

                *

Die Dämmerung war angebrochen und Angelo mußte versuchen, seinen Zeitplan einzuhalten. Es ging um Leben und Tod. Es war ein weiter Weg bis zum Labyrinth und Angelo wußte, daß die Prozession mindestens eine Stunde brauchen würde, um es zu erreichen. Auch die Menge der Schaulustigen, die den Weg säumten, würde das Vorankommen der Anhänger des Minotaurus verzögern. Dann würde vor der Höhle noch ein Gebet und das Segnen der Opfer von den Hohe-Priestern stattfinden. Erst dann würden zwei der Priester mit Fackeln die Mädchen ein Stück in die finsteren Gänge begleiten, um dann eilig zurückzukehren zum Ausgang. Das Ganze dauerte mindestens eineinhalb Stunden, aber auf keinen Fall länger als zwei. Diese Zeit mußte Angelo genügen. Er musste den Tempelbezirk unbemerkt verlassen, was bei dem Trubel des Festes für ihn als Nichtmitwirkenden nicht allzu schwer sein dürfte, dann mußte er auf den Berg steigen und die Hütte des alten Weisen erreichen. Dort mußte er diesen um den Betäubungstrank für die Wachen bitten und dann, rechtzeitig nach dem Verschwinden der Menge, am Eingang der Höhle auftauchen. Jede Verspätung konnte für die Geliebte den Tod bedeuten.

                *

Stumm schritten die Mädchen in der Prozession voran, in Begleitung der kräftigen Priester. Immer wieder mußten diese die schaulustige Menge zurückdrängen. Elena entdeckte auch kurz die Gesichter ihrer Familie in der Masse, die ihr zuwinkte. Der Vater mußte die Mutter stützen, die mit tränenblindem Blick ihrer Tochter nachsah. Obwohl der Nachmittag dem Abend gewichen war, war es noch immer stickig heiß und die Mädchen waren erschöpft von den Anstrengungen des langen Tages und des jetzt schon eine Stunde dauernden Marsches. Endlich kam die dunkle Öffnung der Höhle des Gottes in Sicht. Die Mädchen atmeten erleichtert auf. Nur Elena verzögerte unmerklich ihren Schritt und ihre Furcht kehrte zurück. Suchend sah sie sich um, konnte aber keine bekannten Gesichter in der Menge erkennen. Sie war ganz allein. Die Leute jubelten und warfen Blumen auf die Prozession, für sie war es nur einer der Höhepunkte eines sich wiederholenden prunkvollen Festes.


Der letzte Ausweg

Angelo war in Schweiß gebadet, als er endlich die beinahe in der Natur verschwundene Hütte des Perikles erreichte. Im Zwielicht des Abends hatte er fast den Weg verfehlt, als er plötzlich ein Licht aufleuchten sah, das ihm den Weg wies. Überrascht sah er den Alten vor der Hütte stehen, in der erhobenen Hand strahlte eine Fackel. Wie schon einmal bat er Angelo mit einer Geste einzutreten und Platz zu nehmen. „Ich habe dich schon erwartet, Junge.“ Er reichte Angelo ein kleines, mit Wachs verschlossenes Tongefäß. „Aber woher ......„“ noch ehe Angelo seine Frage stellen konnte, hatte der alte Mann seine Hand genommen und sagte: „Keine Zeit für Fragen, jede Sekunde zählt. Du darfst nicht zu spät kommen, so wie ich damals.“ Der junge Mann fiel auf die Knie und küßte voller Verehrung die Hand des Weisen, die er dankbar ergriffen hatte. Der Alte zog Angelo vom Boden der Hütte und schob ihn zur Tür. „Nimm die Fackel mit, Junge, und viel Glück.“ Ehe Angelo noch etwas sagen konnte, hatte er ihm die Fackel in die Hand gedrückt, sich in die Hütte zurückgezogen und die Türe hinter sich geschlossen. Angelo warf einen letzten dankbaren Blick zur Hütte und rannte dann, so schnell es in der fortschreitenden Dämmerung möglich war, den Berg hinunter. Er hatte sein Ziel schneller erreicht, als er es für möglich gehalten hatte. Die Götter mußten auf seiner Seite sein. Die Prozession hatte eben den Vorplatz des Labyrinths erreicht. Angelo löschte die Fackel und versteckte sie hinter einem Felsen. Dann rannte er auf die Menge zu und stürzte sich einfach hinein. Er mußte Elena sehen, mußte ihr zeigen, daß er hier war, daß sie nicht allein war und es Hoffnung gab. Endlich war er bis in die vordersten Reihen der Menge vorgedrungen. Er achtete nicht auf die Knüffe und Stöße, die ihm diejenigen verpaßten, die er zur Seite drängte und endlich konnte er einen Blick auf die Mädchen erhaschen, die durch die Priester von der Menge abgeschirmt wurden. Es gelang ihm, Elena`s suchenden Blick einzufangen. Als er ihre Angst erkannte, streckte er flehend die Hände nach ihr aus, wurde aber sofort von den kräftigen Priestern zurückgedrängt. Die Menge schloß sich wieder um ihn und er konnte keinen Blick mehr auf die Geliebte werfen. Er mußte jetzt auch ganz nach seinem Plan vorgehen. Keiner der anderen jungen Stiertänzer, und auch keiner der Priester des Gottes, durfte ihn sehen oder erkennen. Also zog er sich zurück aus der Menge und verschwand in der Dunkelheit der hereinbrechenden Nacht.

                *

Das Gebet zum Minotaurus war beendet und Mädchen, Priester und die Menge der noch anwesenden Zuschauer erhoben sich aus ihrer kauernden Stellung. Der Hohepriester trat vor die Mädchen hin und legte ihnen nacheinander seine Hände segnend auf die Stirn. Währenddessen sprach er eine Zauberformel, in einer uralten Sprache, die heute kein Mensch mehr verstand. Danach trat er zurück und winkte mit einer gebieterischen Geste die anderen Priester zu sich. Er hob die Fackeln auf, die vor der Höhle bereitlagen und reichte sie herum. Die Priester entzündeten sie, und während einige von ihnen zurücktraten und mit den anderen Zuschauern einen Halbkreis um den Eingang der Höhle bildeten, traten zwei von ihnen vor die Mädchen hin und wiesen sie an, ihnen zu folgen. Inzwischen, waren auch die anderen Mädchen von Angst befallen und drängten sich zitternd aneinander. Auf einen harten Befehl des Oberpriesters hin aber beeilten sie sich, den Priestern zu folgen. Die zurückgebliebenen Priester stimmten einen monotonen Singsang an, der die Opfer verabschiedete. Die Mädchen und die zwei Priester ließen das von Sternen und Mond silbern beschienene Land der Menschen hinter sich und betraten stockenden Fußes eine andere, unheimliche Welt. Die Welt des Minotaurus. Nur schwach beleuchteten die unruhig flackernden Fackeln der Priester die schwarzen, feucht schimmernden Wände der Höhle. Die zuckenden Flammen schufen immer neue Schattengestalten und die Mädchen fürchteten sich sehr. Jedesmal, wenn der Umriß eines Tropfsteines plötzlich aus der Finsternis gerissen wurde, oder einer der Priester ein unbedachtes Geräusch verursachte, zuckten sie erschrocken zusammen und drängten sich noch dichter aneinander. Von Menschenhand geschaffene grobe Wände wechselten mit Felsgestein ab und Elena musste an die Geschichte des Perikles denken, nach der das Labyrinth des Taurus von einem Baumeister namens Daidalos gebaut worden war. Nach einer den Mädchen endlos scheinenden Zeit verbreiterte sich der Gang zu einer Art Saal. Die Decke war hier sehr hoch und gewölbt. Die Wände waren zurückgewichen, und im roten Licht der Fackeln sahen die Tropfsteine wie die Säulen eines Tempels aus. Einer der Priester steckte seine Fackel, mit Hilfe des anderen Priesters, in eine hohe alte Halterung an der Wand. Die Wände waren hier von einem dunklen Grau, aber die Tropfsteine glühten in einem roten Licht. Sie mußten wahrscheinlich fast weiß sein um im Feuerschein so zu leuchten, dachte sich Elena, die sich furchtsam umblickte. Sie sah sich noch aufmerksamer um, denn irgendwie mußte sie sich selber von ihrer Angst ablenken um nicht verrückt zu werden. Der eine Priester, der seine Fackel in die Halterung gesteckt hatte, schloß sich nun dem anderen an. Ohne ein Wort drehten sie sich um und verließen, mit der übriggebliebenen Fackel, durch einen anderen Zugang zu diesem`Saal` die Mädchen. Entsetzt schrien diese auf, als sie sich allein zurückgelassen fanden. Nur Elena blieb ruhig. Es war eigenartig, aber alle Panik war nun von ihr abgefallen und sie versuchte die anderen Mädchen zu trösten. Es war kalt und feucht in der unheimlichen Höhle und Elena hätte gern die Fackel von der Wand genommen, um näher am Licht zu sein. Allerdings mußten die Priester mit solchen Ideen schon in früheren Zeiten gerechnet haben, denn die Halterung war soweit oben im Fels angebracht, daß Elena sie nicht erreichen konnte. Sie wollte eben die anderen Mädchen darauf hinweisen, daß sie ja schließlich alle akrobatisch geübt waren und in Zusammenarbeit die Fackel erreichen müßten, als plötzlich alle erschrocken schwiegen. Sie hörten ein seltsames Geräusch. Es klang wie schwere Schritte, aber ungleichmäßig und durch den Hall in den dunklen Gängen der Höhle seltsam verzerrt. Einmal ein harter scharfer Klang wie von einem Tierhuf, dann ein dumpfer Ton, wie von einem Menschenfuß. Ein furchtbares Schnauben erfüllte unversehens die Höhle wie mit Donnergrollen, denn sein Echo hallte durch die unendlichen Gänge und Flure des riesigen Gewölbes. Voll entsetzlicher Angst schauten sich die Mädchen um. Es war unmöglich auszumachen, aus welcher Richtung die schrecklichen Geräusche kamen. Es gab vier große Höhlenmündungen in diesem „Saal“ und vielleicht noch mehr. In dem schwindenden unruhigen Licht der herunterbrennenden Fackel war das nicht so genau auszumachen. Die ungleichmäßigen Schritte wurden zu einem lauten Stampfen und der schnaubende Atem fuhr wie Sturmwind durch die Gänge. Die Fackel warf nur einen schwachen Schein auf die stockfinsteren Einmündungen, nicht genug, um irgend etwas dahinter zu erkennen. Die Mädchen hatten sich wieder eng zusammengedrängt, nur Elena stand unter der Fackel mit dem Rücken zur Wand und starrte wie gebannt auf eine der Höhlen. Sie glaubte eine Bewegung in der tiefen Dunkelheit wahrgenommen zu haben. Da plötzlich brach das Ungeheuer, ohne jede Vorwarnung, wie ein Orkan über sie herein. In der inzwischen fast völligen Finsternis kam es Elena vor, als ob eine schwarze Wand auf sie zugerast käme, anders war die mächtige Silhouette nicht zu beschreiben. Ein schauerliches Gebrüll dröhnte in ihren Ohren und sie sah verzerrte, blutrote und bösartig leuchtende Augen. Die Mädchen schrien laut vor Angst, rannten durcheinander und versuchten der dunklen Masse zu entkommen. Die Dunkelheit war ihr zusätzlicher Feind, denn sie stürzten über am Boden liegende Steine oder verletzten sich an scharfkantigen Tropfsteinen. Sie schienen bald zu spüren, daß ihnen auf Dauer jede Chance verwehrt war. Ihre Schreie gingen in ein leises Wimmern über. Fünf von ihnen drängten sich wieder in der Nähe der blakenden Fackel zusammen. Die zwei anderen aber versuchten sich in den dunklen Gängen zu verbergen. Abrupt wurden zwei der Mädchen bei der Fackel von riesigen Klauen gepackt, die unvermittelt aus der wabernden Düsternis schossen, eines am Bein, das andere am Arm. Elena griff nach einem der noch unverletzten Mädchen, das sich wimmernd an ihre Beine klammerte und zog es an den Schultern hoch. Sie rüttelte sie grob und schrie, um das Gebrüll des Monsters und der beiden umklammerten Mädchen zu übertönen: „Hilf mir die Fackel zu erreichen!“ als das Mädchen sie nur angsterfüllt und verständnislos ansah, gab ihr Elena eine schallende Ohrfeige und befahl: „Tu sofort, was ich dir sage!“ Ergeben hielt ihr die andere die ineinander verschränkten Hände hin und Elena konnte sich darauf stellen und so endlich die Fackel erreichen. Sie nahm sie von der Wand und riß hastig einen Streifen Stoff von ihrem Gewand, den sie darumwickelte, damit die Flamme nicht erlosch. Das aufflackernde Licht riß eine Szene aus der Dunkelheit, wie sie schrecklicher nicht hätte sein können: das dunkle Ungeheuer schleifte die schreienden verzweifelten Mädchen über den steinigen Boden hinter sich her. Blut troff aus den langen tiefen Kratzern, die die Klauen des Taurus ins Fleisch der Opfer gerissen hatten. Elena schrie verzweifelt auf und mit dem Mut der Verzweiflung warf sie die Fackel nach dem dunklen Etwas, um es zu vertreiben und vielleicht doch noch die Mädchen zu retten. Der Minotaurus gab nur ein gereiztes Fauchen von sich und zog die Mädchen, deren blutende Fingernägel sich in den Boden krallten, noch schneller hinter sich her in die vollkommene Dunkelheit seines Reiches. Die Fackel erlosch mit einem zischenden Laut. Schluchzend ließ sich Elena an der Wand entlang zu Boden gleiten. Sie umklammerte ihre Knie mit den Armen, ließ den Kopf darauf sinken und weinte hemmungslos. Die beiden übrigen Mädchen tasteten sich in der jetzt totalen Dunkelheit zu ihr heran. Verloren saßen sie im Finsteren und hielten sich gegenseitig umschlungen, während sie auf den furchtbaren Gott des Todes warteten. Gräßliche Geräusche ließen sie immer wieder zusammenzucken und noch enger zusammenrücken. Da war immer noch das grollende Atmen, daß durch die Gewölbe tönte. Die Schreie und das Wimmern der weggeschleiften Mädchen hatten aufgehört, nur um von einem Knacken und Reißen abgelöst zu werden, daß noch furchtbarer war. Wußten die Mädchen doch, daß es vom Brechen der Knochen und vom Reißen des Fleisches der armen Opfer herrührte. Am allerschlimmsten für die Mädchen war es jedoch, als eine unheimliche Ruhe eintrat und dann mit unaufhaltsamer Ungleichmäßigkeit wieder die seltsamen Schritte zu hören waren und das schnaubende Atmen näherkam. Sie sahen nicht die Hand vor Augen, so daß eine Flucht absolut sinnlos gewesen wäre. Sie konnten nichts anderes tun, als ihr Ende stillschweigend zu erwarten, sich in das Schicksal ergebend. Elena dachte an Angelo, an die Welt da draußen und nahm innerlich Abschied. Sie hatte keine Tränen mehr und ihr Herz schien ohne die Hoffnung auf ein Wiedersehen mit ihrer einzigen Liebe bereits so gut wie tot zu sein. Immer näher kam das Getöse und sie sahen bereits die verzerrten roten Augen in der Dunkelheit leuchten. Mina und Lela, so waren die Namen der beiden anderen Mädchen, klammerten sich verzweifelt an Elena fest. Schon waren die schrecklichen Augen direkt über ihnen und der heiße faulige Atem des Untiers streifte ihre Gesichter. Mina begann zu schreien und Elena fühlte, wie das Mädchen weggezerrt wurde und sie mitriß. Elena ließ die Hand von Lela los, um nicht diese auch noch mit in den Tod zu schleifen. Mina klammerte sich mit aller Kraft an Elena fest, als ob diese sie retten könnte. In ihrer fürchterlichen Angst wurde ihr nicht klar, daß sie damit das Schicksal der anderen besiegelte. Gegen die unbändigen Kräfte des Stiergottes hatten die Mädchen nicht die geringste Chance einer Gegenwehr. Elenas Beine und ihr Rücken waren blutig vom Gezerrtwerden über den steinigen harten Grund. Sie hing immer noch in der tödlichen Umklammerung von Mina`s verkrampften Armen, als sie plötzlich und unverhofft wieder Luft bekam. Ein entsetzliches Brüllen durchtoste die Höhle und während die Arme der anderen sich von ihr lösten, sah Elena für einen kurzen Augenblick das ganze Ausmaß des unglaublichen Schreckens.


Der Kampf

Von seinem Versteck aus, hinter den die Höhle umgebenden mächtigen Felsen, hatte Angelo die feiernden Menschen beobachtet. Einige hatten sich auf einer Wiese nicht weit von der Höhle niedergelassen. Von denen drohte dem jungen Mann jedoch keine Gefahr. Sie aßen, tranken und tanzten im Übermaß und hatten nur ihr Vergnügen im Sinn. Allerdings befanden sich noch ein paar Nachzügler der Priester unter den Leuten, was Angelo sehr beunruhigte. In einem unbeobachteten Augenblick, während der Besitzer sich hinter einem Busch erleichterte, hatte er einen schönen großen Krug mit rotem Wein mitgehen lassen. Das Schimpfen des wiedergekehrten Bestohlenen hatte ihn kaltgelassen. Der würde heute nacht noch genug zu trinken bekommen. Den Betäubungstrank und die Fackel hatte er hinter sich bereitliegen. Fehlte nur noch eine Waffe. Die mußte er sich wohl oder übel später von einer der betäubten Wachen `borgen`. Die Zeit schien ihm unter den Nägeln zu brennen, aber endlich hatten sich die Priester und die anderen Menschen zurückgezogen, um in den Orten und auf dem Tempelgelände mit den Massen weiterzufeiern. Nur noch die beiden Wachen standen vor der Höhle. Angelo gedachte des Rates von Perikles und mimte den Angetrunkenen. Laut singend und seinen Krug schwenkend, in den er eben das Schlafmittel gemixt hatte, stieg er den Hang hinab und torkelte auf die Wachen zu. Diese gaben ihm den strengen Befehl stehenzubleiben. Doch er ging singend weiter und lehnte sich, die Lanzen, die die Männer ihm entgegenhielten nicht beachtend, an einen von ihnen. Mit schwerer Zunge sagte er zu ihnen: „Arme Wachleute! Alle dürfen feiern, nur ihr nicht. Hicks!“ Wankend hielt er ihnen den Krug hin. Die Männer schmunzelten und ihre Wachsamkeit ließ schnell nach. Ein harmloser Betrunkener und ein Krug Wein. Es war ja auch wirklich eine Ungerechtigkeit, daß man sie hier, fern vom Trubel und vom Fest, Wache stehen ließ. Nicht einmal eine Ablösung hatte man ihnen zugesprochen. „Nun gut, gib rüber den Krug.“ rief einer der Wachmänner und ließ seine Lanze ins Gras fallen. Ängstlich beobachtete nun der junge Mann, wie die Männer wieder und wieder den Krug von einem zum andern reichten. Er hatte sich an einen Baumstamm gelehnt und tat so, als ob er vom Wein beseligt eingeschlafen wäre. Ab und zu ließ er ein lautes Schnarchen hören und die so getäuschten Männer kamen nicht auf die Idee, ihm von `seinem` Wein etwas anzubieten. Die Zeit schien ihm unendlich langsam zu vergehen, bis die beiden Wachmänner endlich zu Boden sanken und zu schnarchen anfingen. Er nahm eine der Lanzen an sich, holte seine Fackel und vorsichtshalber noch eine von denen, die vor dem Eingang lagen. Neben dem Zugang zur Höhle flackerte ein Feuer in einem Kohlebecken. Daran entzündete er eine der beiden Fackeln, steckte die andere hinter seinen Ledergürtel, ebenso die Lanze und sah sich in ihrem Licht suchend den Boden um die Höhle an. Endlich hatte er gefunden, was er suchte. Einen Kreidestein, um den Rückweg zu markieren. So ausgerüstet machte sich Angelo auf den Weg in das tödliche Labyrinth des Minotaurus, immer wieder seinen Weg mit Kreide markierend. Sein Schritt stockte plötzlich, als er in nicht allzu weiter Entfernung unerklärbaren Lärm hörte. Seine Nackenhärchen stellten sich vor Grauen auf, als er automatisch den Geräuschen Bilder zuordnete. Es klang wie Donner und Sturm, und dann hörte er die schrillen Schreie der Mädchen. Er schüttelte das Grauen ab und stürmte voran, so schnell er konnte. Der Kreidestein war ihm aus der Hand geglitten, als er die Lanze aus dem Gürtel gezogen hatte und sie umklammerte. Angelo hielt die Fackel vor sich in der linken, die Lanze in der rechten Hand. Er versuchte der Richtung der schrecklichen Geräusche zu folgen. Während er die dunklen Gänge entlang eilte betete er zu allen Göttern, daß er nicht zu spät kommen würde. Ihm wurde klar, daß er mit einer simplen Lanze dem Minotaurus höchstwahrscheinlich nicht viel schaden könne. Also riß er, während er weitereilte, Streifen von seinem Gewand, die er dann um die Lanze wand. Als er dem Tosen und Schreien immer näher kam, entzündete er mit der Fackel die umwickelte Spitze der Lanze und holte zum Wurf aus. Er platzte mitten in eine Szene des Schreckens. Im Lichte seiner Fackel sah er einen riesigen dunklen Schatten, der ein blutüberströmtes Mädchen hinter sich herzog, und in der Umklammerung der Unglücklichen sah er seine Geliebte. Sein Herz wollte beinahe Stocken vor Angst aber der Mut der Verzweiflung trieb ihn voran und, ohne zu zögern, rannte er mit einem wütenden Schrei in das tropfsteinbestandene Gewölbe und warf mit aller Kraft seine Lanze.

                *

Die brennende Waffe hatte sich in den mächtigen fellbewachsenen Körper des Ungeheuers gebohrt und beleuchtete zusätzlich zu Angelos Fackel das grausige Geschehen. Der Minotaurus hatte ein entsetzliches Brüllen ausgestoßen und die geschwächte Mina hatte ihre Arme von Elena gelöst. Minas Bein war bis zur Hüfte entzweigerissen und der Blutverlust allein mußte sie schon an den Rand des Todes gebracht haben. Von Entsetzen geschüttelt lag Elena auf dem steinigen Boden und sah in das Antlitz des Todes. Sie sah den mächtigen Huf eines Stieres neben dem blutigen Körper von Mina stehen der andere Fuß wurde von dem Mädchen verdeckt. Der riesige massige Körper wurde vom zuckenden Schein der brennenden Lanze beleuchtet. Elena hatte sich auf die Ellbogen aufgestützt und begann sich mit Armen und Beinen rückwärts von der furchtbaren Erscheinung wegzuschieben. Die verzerrten roten Augen waren jetzt deutlich zu sehen und im flackernden Feuerschein sah sie riesige gewundene Hörner und lange glänzende Raubtierzähne. Sie wagte nicht, dem Untier den Rücken zu kehren. Sie mußte es weiterhin anstarren. Nun stieß es wieder ein wütendes Brüllen aus, das die Höhle erzittern ließ und riß mit seiner Klaue den brennenden Schaft aus seinem Leib. Er schleuderte die Lanze von sich und sie zerbrach wie ein Spielzeug an der Wand. Dann ergriff der Taurus wieder das leblose Mädchen und stampfte zurück in die Dunkelheit. Seine übrigen Opfer ließ er unbeachtet zurück. Sie waren ihm sowieso sicher.....oder nicht? Ein grollendes Schnauben, das wie ein höhnisches Lachen klang war noch zu hören, dann war es still und Elena wurde von Schwäche übermannt.

    *        

Sie kam zu sich, als sie unsanft gerüttelt wurde. Sie hörte die geliebte Stimme und konnte es doch nicht glauben. Zögernd schlug sie die Augen auf und im Licht der Fackel sah sie Angelo`s vor Angst verzerrtes Gesicht über sich. Erleichterung zeigte sich auf seinen Zügen, als er merkte, daß sie erwachte. Er riß sie an seine Brust und flüsterte immer wieder: „Den Göttern sei Dank, den Göttern sei Dank,“ während Tränen der Freude über seinen Wangen liefen. Nicht lange dauerte die Umarmung, denn Angelo wusste: sie waren noch lange nicht außer Gefahr. „Liebste, bitte steh auf.“ Drängte er. „Wir müssen das Labyrinth verlassen, ehe das Monster zurückkommt und nach uns sucht.“ Er half ihr auf die Füße und Lela, die den Angriff des Minotaurus unbeschadet überstanden hatte, stützte sie. Nachdem Elena ein paarmal tief durchgeatmet hatte ging es ihr wieder leidlich gut und die drei jungen Menschen eilten in panischer Flucht den Weg zurück, den Angelo gekommen war. Sie waren noch nicht lange unterwegs, als sie hinter sich ein enttäuschtes zorniges Brüllen hörten. Der Taurus mußte inzwischen den Tropfsteinsaal erreicht und festgestellt haben, daß einige seiner Opfer entkommen waren. Eine kurze Stille trat ein, dann hörten sie wieder das infernalische Gebrüll und die ungleichmäßigen schwerfälligen Schritte nahmen eilig ihren Weg auf. So schnell sie im Licht der Fackel konnten, eilten die drei Flüchtlinge weiter. Näher und näher kamen die unheimlichen Schritte und das schaurige Gebrüll ließ sie erzittern. Elena dachte schon sie hätten sich hoffnungslos im Labyrinth verlaufen, als Angelo auf ein weißes Zeichen an der Wand deutete. „Wir sind auf dem richtigen Weg,“ erklärte er atemlos. Die Mädchen waren zu Tode erschöpft, nur die Angst vor dem Furchtbaren, das hinter ihnen war, trieb sie immer weiter voran. Von den zwei Mädchen, die sich in den Gängen verkrochen hatten, hörten und sahen sie nichts auf ihrem Weg. Angelo`s Zuversicht begann zu schwinden, je länger sie durch die Finsternis hasteten. Die Mädchen würden bald zusammenbrechen. Er starrte angestrengt nach vorn, seiner Ansicht nach müßten sie schon längst zumindest in Sichtweite des Ausgangs der Höhle sein. Er betete zu den Göttern, wollte fast aufgeben, aber er durfte sich nichts anmerken lassen, um den Mädchen nicht die letzte Hoffnung zu rauben. Selbst bei Nacht hätte das Licht des vollen Mondes durch den Eingang hereinfallen müssen um ihnen den Weg zu weisen. Das Stampfen des Stiergottes erschallte nun im Gang direkt hinter ihnen und als Angelo einen Blick über seine Schulter riskierte, sah er die teuflischen roten Augen triumphierend glühen. Schon glaubte er den fauligen Atem des Untiers in seinem Nacken zu spüren, als sie völlig unerwartet ins Freie taumelten. Angelo zog die Mädchen noch ein Stück mit sich, dann ließen sie sich alle drei atemlos und völlig erschöpft ins Gras sinken. Im Inneren der Höhe war eine Bewegung wahrzunehmen und ein immer schriller werdendes Gebrüll brach sich an den Wänden des Labyrinths. Dann war der Spuk vorbei. Am Eingang der Höhle war nichts mehr zu sehen und Ruhe kehrte ein. Angelo lag im Gras und schaute zum Himmel empor, wahrend er versuchte wieder zu Atem zu kommen. Kein Wunder, daß kein Mondlicht ihnen die Richtung gewiesen hatte. Dunkle Wolken hatten sich zusammengeballt und ab und zu zuckte ein Blitzstrahl über den Himmel. Erst langsam konnte er erfassen, dass sie wirklich überlebt hatten. Sie waren den Taurus entkommen! Das ganze Leben lag nun vor ihnen – ein Leben mit seiner über alles Geliebten! „Wir haben es geschafft!“ jubelte er und griff nach Elena`s Hand. Vor Erleichterung weinend sank sie an Angelos Brust. Er hielt sie fest, als ob er sie nie mehr loslassen wollte und bedeckte ihr Gesicht mit Küssen. Nach einer Weile holte sie Lela`s verzweifelte Stimme wieder in die Wirklichkeit zurück. „Was sollen wir denn jetzt tun? Nach Hause zurückkehren können wir nicht. Niemand darf wissen, daß wir unser Gelübde gebrochen haben und vor dem Gott geflohen sind.“ Sie schlug die Hände vors Gesicht und schluchzte lautlos. Angelo erhob sich. Er reichte Elena die Hand und zog sie zu sich empor. Dann legte er Lela tröstend die andere Hand auf die Schulter und sagte: „Ich habe mir alles genau überlegt. Die Wachen habe ich betäubt. Sie werden bestimmt bis zum Morgen schlafen und werden niemand erzählen können, was sich hier abgespielt hat. Wir können zu keiner von euren Familien. Sie würden uns nicht helfen, weil ihr in ihren Augen Schande über eure Angehörigen gebracht habt. Aber mein Großvater kam aus Rom hierher. Elena ich glaube, ich hatte dir davon erzählt, auch dass er Fischer ist und ein Boot besitzt?“ Elena nickte und wartete, daß er fortfuhr. „Er gehört also nicht dem kretischen Glauben an und ich bin mir sicher, daß er uns beistehen wird.“ „Wir müssen aber sehr vorsichtige sein, damit uns auf dem Weg dorthin niemand sieht und erkennt.“ Gab Elena zu bedenken. Angelo schlug vor: „Wir meiden die Straßen und schleichen uns um den Ort herum. Zum Glück wohnt mein Großvater etwas außerhalb. So wird es niemand bemerken, wenn wir mitten in der Nacht bei ihm auftauchen.“ Lela hatte die ganze Zeit nur schweigend zugehört nun fragte sie zögernd: „Und was wird mit mir?“ „Du gehörst jetzt zu uns.“ Sagte Angelo fest. „Als du mit uns beiden entkamst, haben sich unsere Schicksale miteinander verbunden. Hier kannst du auf keinen Fall bleiben.“ Das Mädchen schüttelte abwehrend den Kopf. „Ich will diesen verfluchten Ort sowieso niemals wiedersehen. Auch den Schmerz über den Verlust meiner Familie werde ich vergessen können, wenn ich daran denke, welch grausames Los sie für mich angenommen hatten.“ Angelo sah von einem Mädchen zum anderen und sagte: „Gut, dann ist jetzt alles geklärt. Machen wir uns auf den Weg.“ Drei dunkle Gestalten huschten durch die Nacht. Sie hätten sich keine Sorgen zu machen brauchen. Die Menschen der Insel hatten anscheinend alle bis zum Umfallen gefeiert und lagen längst in ihren Betten oder da, wo sie eben der Schlaf übermannt hatte. Niemand sah sie, niemand begegnete ihnen. Als sie den Ort auf einem schmalen Ziegenpfad umrundeten begann es leicht zu regnen und entferntes Donnergrollen erinnerte an das zornige Brüllen des Minotaurus. Sie kamen am Garten des Hauses von Elena`s Vater vorbei und Elena blieb unvermittelt stehen, so daß Lela, die als letzte von ihnen gegangen war, auf sie prallte. Als Angelo merkte, daß die beiden Mädchen ihm nicht mehr folgten, hielt er an und drehte sich ungeduldig nach ihnen um. Als er jedoch Elena`s sehnsüchtigen Blick erkannte, ging er zu ihr und legte ihr seine Hände auf die Schultern. Sie sah ihn um Verständnis flehend an und sage leise: „Liebster, bitte versteh mich. Ich möchte das Armband, das du mir geschenkt hast, meiner Mutter geben. Ich habe nichts anderes bei mir und als ich sie besuchen durfte, hat sie es gesehen. Wenn ich ganz leise bin wird niemand aufwachen. Ich weiß genau, wie ich unbemerkt ins Haus komme. Und wenn Mutter morgen aufwacht, und das Armband findet, wird sie wissen von wem es kommt und sie wird wissen, daß ich am Leben bin.“ Angelo nahm ihre Hände und drückte sie. „Ich werde dir ein neues kaufen.“ Aufmunternd nickte er ihr zu und sie eilte durch den Garten auf ein Fenster zu. Es bedeutete keine große Mühe für das Mädchen, hineinzuklettern. Vorsichtig schlich sie in den Schlafraum ihrer Eltern. Eine kleine Weile blieb sie andächtig vor der Schlafstatt stehen, um sich die Gesichter ihrer Eltern einzuprägen. Sie wusste, sie würde sie nie wiedersehen. Ihr Vater schlief tief und fest und schnarchte laut vor sich hin. Die Mutter bewegte sich unruhig im Schlaf und ein gequälter Ausdruck stand in ihrer Zügen. Vorsichtig legte Elena das Perlenband um das schmale Handgelenk der Mutter. Dann zog sie sich still zurück und eine Träne lief ihr über die Wange. Sie sah nicht mehr, wie der Atem ihrer Mutter ruhiger wurde und ihre Züge sich entspannten. Sie hatte im Schlaf das Armband berührt. Lela und Angelo hatten sie schon ungeduldig erwartet und als sie die beiden erreicht hatte, machten sie sich sofort wieder auf den Weg.


Angst um Tina

Als Alex am Samstag gegen zehn Uhr nachts bei Tina an der Haustüre klingelte, mit einem riesigen Strauß roter Rosen, öffnete ihm niemand. Er versuchte es wieder und wieder. Endlich fuhr er enttäuscht zu seinem Appartement. Er versuchte mehrmals Tina telefonisch zu erreichen und als er um Mitternacht immer noch niemand erreicht hatte, wurde er immer unruhiger. Sicher war es Blödsinn, redete er sich ein, aber ein beklemmendes Gefühl der Angst überkam ihn sobald er an sein Mädchen dachte. Bald hielt er es nicht mehr aus und rief zuerst die Polizei, die ihm nicht weiterhelfen konnte, dann das Krankenhaus an. Dort wurde er fündig. Noch bevor die Dame an der Auskunft fertiggesprochen hatte, hatte er aufgelegt und war in rasendem Tempo die Treppe hinab und in seinen Wagen gesprungen. Sämtliche Geschwindigkeitsbegrenzungen mißachtend fuhr er in Rekordzeit zur Klinik, stellte sein Auto einfach ins Halteverbot und stürmte in die Halle. Die Dame an der Information konnte ihm nur mitteilen, daß Tina auf der Unfallstation lag und er schoß atemlos die Treppen in den zweiten Stock empor. Er rannte beinahe zwei Schwestern um, die ihm zum Glück sagen konnten, wo er den behandelnden Arzt finden konnte. Erschöpft und voller Angst klopfte Alex schließlich an eine Zimmertür mit der Aufschrift „Privat“. Eine sonore, angenehme Stimme bat ihn herein. Ein älterer kräftiger Mann mit grauen Haaren, einem gestutzten grauen Bart und einer dicken Brille erhob sich hinter einem eleganten Schreibtisch. „Wie kann ich Ihnen helfen, junger Mann.“ Fragte er freundlich und von seiner Ruhe ging ein wenig auf Alex über. Der Doktor wies auf einen Besucherstuhl und Alex setzte sich unruhig auf die Kante. „Ich bin Doktor Brecht,“ stellte der Arzt sich vor, „und mit wem habe ich die Ehre?“ Alex, der in der Hektik ganz seine gute Kinderstube vergessen hatte, sprang wieder auf und reichte dem Älteren die Hand. „Alexander Benz. Angenehm. Bitte sagen sie mir, was mit meiner Freundin ist.“ Wenig später hatter Alex alles erfahren, was er wissen wollte. Tina hatte in der Straße vor dem Museum einen Unfall gehabt. Sie war von einem zu schnell fahrenden Wagen gestreift worden und hatte den rechten Oberarm und zwei Rippen gebrochen. Daß sie nicht schlimmer verletzt worden war, hatte sie einem jungen Mann zu verdanken, der sie auf den Gehsteig zurückgerissen hatte, bevor das Auto sie vollends hatte erfassen können. Erleichtert und dankbar fragte Alex den Doktor: „Wer ist dieser junge Mann, ich würde mich sehr gerne bei ihm bedanken?“ Bedauernd schüttelte der Arzt den Kopf. „Wir kennen den Ablauf des Unfalls nur von den Aussagen von einigen Passanten her, die zufällig Zeugen des Herganges wurden. Der junge Mann ist unmittelbar nach der Rettung ihrer Freundin vom Ort des Geschehens verschwunden und niemand kannte seinen Namen oder seine Adresse.“

            

                *

Wenig später betrat Alex leise das nur schwach beleuchtete Krankenzimmer. Schmal und blaß lag Tina in den Kissen. Ihr rechter Arm war eingegipst und ein elastischer Verband umspannte ihren Brustkorb. Er wußte vom Doktor, daß sie seit ihrer Einlieferung noch nicht zu sich gekommen war. Zuerst war sie ohnmächtig gewesen und dann hatte sie ja , bevor der Oberarmbruch gerichtet wurde, eine Narkose erhalten. Alex zog sich einen Stuhl zum Bett. Er strich sanft über das bleiche Gesicht und zog die verrutschte Decke zurecht. Dann lehnte er sich in den Stuhl zurück und wartete.


Flucht in eine neue Welt

Lela, Angelo und Elena hatten nun die Küste erreicht. Im blasser werdenden Licht der Sterne lag vor ihnen das kleine Haus von Angelo`s Großvater. Verlassen und dunkel lag es inmitten eines kleinen Kräutergartens. Eine kurze Angst überkam Angelo, daß der Großvater gar nicht zuhause sein könnte. Dann würden seine ganzen Pläne nicht aufgehen und sie wären wieder in großer Gefahr. Sie schlichen durch den Vorgarten und Angelo klopfte vorsichtig an die Türe. Zum Glück stand das Haus ziemlich abseits und kein neugieriger Nachbar konnte die nächtliche Störung wahrnehmen. Es dauerte einige Zeit, bis eine mürrische Stimme aus dem Inneren des Gebäudes ertönte. „Verdammt, wer stört mich zu so früher Stunde.“ Die Türe wurde einen Spalt geöffnet und eine alter Mann streckte seinen Kopf heraus. Seine dicken grauen Haare standen wirr vom Kopf ab und eine seltsame Zipfelmütze thronte darauf. Sein Ziegenbärtchen zitterte kurz vor Überraschung über die Gäste. Als er seinen Enkel erkannte, wich er jedoch augenblicklich in den Flur des Hauses zurück und winkte die drei Flüchtigen herein. Der alte Mann brauchte nicht viele Fragen zu stellen, denn Angelo erzählte ihm atemlos die ganze Geschichte von Anfang an. Während Angelo`s Großvater mit zusammengezogenen Augenbrauen lauschte, zog er sich eine alte Hose und einen dicken Mantel über sein Schlafgewand. Als Angelo schwieg, sagte der alte Mann: „Ich habe deine Eltern gewarnt. Ich habe versucht, sie davon abzubringen, dich dem Minotaurus zu geben. Ich habe einen anderen Glauben und auch wenn ich nicht die ganze Geschichte von Perikles gekannt habe, so haben mir doch die Bruchstücke schon genügt, die er mir einmal erzählt hatte.“ Der alte Italiener schob einen Schrank zur Seite und begann dahinter herumzustöbern. Fragend sahen die beiden Mädchen zu Angelo auf, doch der zuckte nur hilflos die Schultern. Da drehte sich sein Großvater auch schon zu ihm herum und reichte ihm eine kleine verzierte Schatulle. Zögernd nahm Angelo die Schachtel entgegen und blickte seinen Großvater um Antwort bittend an. „Das ist alles, was ich euch mitgeben kann. Es ist nicht viel, aber für den Anfang wird es reichen, mein Junge.“ Angelo wollte etwas sagen und hob die Schatulle seinem Großvater entgegen. Dieser wies sie mit strenger Gebärde zurück. „Es bleibt nicht viel Zeit. Die Sonne wird bald aufgehen und vorher müßt Ihr verschwunden sein. Folgt mir.“ Vier schweigende Gestalten eilten aus dem Haus an der Küste. Die Nacht würde bald zu Ende sein und kühle Nebel wallten über dem dunklen Meer.

                *

Als glühend rote Scheibe ging die Sonne am Horizont auf. Der Himmel leuchtete violett und wurde von goldenen Adern und rosa durchscheinenden Wolken durchzogen. Der gleißende Feuerball zeichnete eine rotgoldene Straße auf das Meer und ließ das Segel des Fischerbootes rötlich aufleuchten. Während Angelo`s Großvater das Ruder hielt, saßen Angelo und Elena engumschlungen auf der hölzernen Bank im Heck des Schiffes. Sie sahen sich tief in die Augen und wußten, daß ihre Liebe nun in Erfüllung gehen würde. Im Bug des Bootes lehnte Lela an der Reling. Sie schaute kurz zurück, wo das Land der Insel Kreta im leichten Dunst des Morgens verschwand. Dann wandte sie sich wieder dem Meer zu und sah mit zuversichtlichem Blick dem Sonnenaufgang und einem neuen Leben entgegen.


Ende eines Traums und ein neuer Anfang

Meine Lider schienen schwer wie Blei zu sein und ein Zentnergewicht schien auf meinem Brustkorb zu liegen. Als ich versuchte, mich zu bewegen, schoß ein dumpfer Schmerz durch meinen rechten Arm. Endlich schaffte ich es, die Augen zu öffnen. Ich wandte den Kopf nach rechts und sah aus einem Fenster. Wo war ich hier? Eine weiße schmucklose Wand und hinter dem Fenster eine im Licht des frühen Morgens schimmernde Parklandschaft. Was war denn mit mir geschehen? Ich kniff die Augen zusammen und überlegte, was mir nicht unbeträchtliche Kopfschmerzen bereitete. Plötzlich war die Erinnerung wieder da. Das Museum, das Auto, das viel zu schnell auf mich zuraste und Andi, der mich zurückriß. Auch die Erinnerung an meinen Traum war noch da, der nun wohl endlich sein Happy End gefunden hatte. Ich wagte es ganz vorsichtig meinen immer noch schmerzenden Kopf zu drehen und hätte gleich darauf vor Rührung und Erleichterung fast geweint. In einem unbequemen Stuhl, links neben meinem Bett, schlief in unmöglicher Haltung zusammengekauert Alex. Mit meiner unverletzten linken Hand griff ich nach ihm und strich ihm die obligatorische Strähne aus dem Gesicht. Eine tiefe innere Ruhe breitete sich in mir aus und nach langem hatte ich endlich das Gefühl, daß alles gut werden würde und meine Visionen-Odyssee vorüber war.



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©Elena Merz
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