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Die Dienerin des Echnaton

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Roman

 
Vorwort
Die Sklavenjäger
Mit unbekanntem Ziel
Theben
Die Auktion
Der Pharao
Im Palast
Die Königin
Der Umbruch
Die Lauscherin
Der Umzug des Hofes
Die Stadt des Horizonts
Der unfreiwillige Stadt..
Die Krankheit der Gött..
Die Verschwörer
Der neue Glaube und ein..
Der Kuss
Die kämpferische Teje
Intrige gegen Nofretete
Die Spionin
Die Trennung
Tempel
Der Mord und die Gefang..
Der Retter in der Not
Die Heimkehr
Der Angriff
Das Ende einer Äera
Die Entführung
Unerwartete Hilfe
In der Wüste
Verzweifelte Suche
Nefer in Angst
Beinahe gerettet
Auf der Flucht
Entkommen
Ein makabres Versteck
Der Hartnäckige gewinnt
Beinahe verloren
Abschied

Eine Geschichte über eine junge Frau, die das Ende einer Äera miterlebt und in einen Strudel aus Intrigen, Gefahr und Liebe gerissen wird.

 
 

Die Dienerin des Echnaton

Ein Roman von E. Merz


Vorwort

Nur kurz ruhte sein flackernder Blick auf der zusammengekauerten Gestalt neben seiner Ruhestatt. Ein Lächeln, das mehr einer Grimasse glich, verzerrte seine scharfgeschnittenen Züge. „Nefer,“ kam es fast unhörbar über seine aufgesprungenen Lippen. Ungläubig hob die junge Frau den Kopf und sprang hastig auf. War es möglich, daß Pharao tatsächlich wach war? „Mein König,“ Sie legte einen Fächer aus Straußenfedern zur Seite, mit dem sie dem Kranken Luft zugefächelt hatte und griff vorsichtig nach seiner trockenen heißen Hand, die auf einer dünnen Leinendecke ruhte. Müde hatte er die Augen inzwischen wieder geschlossen. Sein Atem ging flach und war kaum wahrnehmbar. Die junge Frau, die er Nefer genannt hatte, begann zu zweifeln; hatte ihr von Sorge und Hoffnung zerrissenes Bewußtsein ihr einen Streich gespielt? Doch da vernahm sie wieder das heißere Flüstern und sah, daß der Pharao kaum merklich die ausgetrockneten jedoch immer noch vollen Lippen bewegte. Sie brachte ihr Ohr so nahe an sein Gesicht, daß sie es fast berührte. Mißtrauisch starrte der Wachposten, welcher die Tür zum Schlafraum bewachte, zu ihr herüber. Er war einer der wenigen, die übriggeblieben waren. Die meisten Soldaten hatten sich schon zurück nach Theben oder in eine der anderen Städte des Reiches abgesetzt, nur die dunkelhäutigen Medjay und wenige reguläre Soldaten waren noch in Achetaton verblieben. Die Medjay waren direkt General Haremhab unterstellt und ihm treu ergeben. Solange der Kämpe zu seinem Pharao stand, würden die Krieger in der fast verlassenen Stadt ausharren. Wieder setzte der geschwächte König zum Sprechen an und diesmal verstand Nefer die Worte: „Nefer, du bist zu mir gekommen?“ wieder verzerrte das angestrengte Lächeln seine leidenden Züge. „Es ist zu gefährlich.....du mußt....“ Die restlichen Worte gingen in einem Seufzen unter und der Kopf des Kranken kippte auf seiner kunstvoll aus Holz und Elfenbein gearbeiteten Nackenstütze zur Seite. Angstvoll tastete die junge Frau nach dem Puls, auch der Soldat hatte einen beunruhigten Schritt in das Gemach getan, wich aber an seinen Platz zurück, als Nefer ihm ein Zeichen machte, daß alles in Ordnung sei. Es war ihr schmerzlich bewußt, daß sie für ihren früheren Herrn nichts mehr tun konnte. Oh, sie war verzweifelt und wütend, hilf- und machtlos. Sie konnte das Unrecht, welches hier seinen Lauf genommen hatte, nicht mehr aufhalten. Obwohl sie von ihrer Kindheit an viel über Gifte, Kräuter, Heilmittel und medizinische Kniffe gelernt hatte, versagte hier ihr Wissen. Das langsam wirkende Gift, welches hier offensichtlich eingesetzt worden war, war ihr nicht bekannt. Keines der Symptome die der Pharao zeigte, half ihr irgendwie weiter. Als sie merkte, daß er wieder zurück in die tiefe Bewußtlosigkeit glitt, aus der er nur kurz aufgetaucht war, ließ sie sich auf den polierten Kalksteinboden zurücksinken. Er war mit bunten Blumen und gold- und silberglänzenden Fischen verziert. Nur kurz ließ sie noch ihren abwesenden Blick über die mit Lotus und anderen bunten Pflanzen bemalten Wände gleiten, nickte dem Wachposten zu, der eben eine Fliege von seinem polierten Brustharnisch wischte und legte dann müde den Kopf auf die angezogenen Knie. Nefer hatte lange neben ihrem kranken Herrscher gewacht und wurde nun von Müdigkeit übermannt. Wirre Gedanken durchzuckten ihren Kopf und um sich zu beruhigen, begann sie an die Vergangenheit zu denken – daran, wie dies alles begonnen hatte.


Die Sklavenjäger

Das kleine Mädchen spielte mit den anderen Kindern am Ufer des breiten, trägen Flusses. Das grelle Sonnenlicht spiegelte sich golden in den leichten Wellen, die flußabwärts in ein stetiges Brodeln übergingen, wo der Fluß von Felsen und Inseln durchbrochen wurde. Es fiel auf, daß sich die anderen Kinder von ihr fern hielten und sie zwischendurch immer wieder etwas ängstlich und abschätzend betrachteten. Während die dunkelhäutigen Kinder mit ihrem wolligen Haarschopf mit Strohpuppen und bunten Steinen spielten, hantierte das einsame Kind mit verschiedenen Kräutern, die es sehr konzentriert und nach einem nicht erkennbaren System ordnete. Schon allein ihr Aussehen differenzierte sie vom Rest der Kinderschar. Ihre Haut war von einem hellen Braun, ihre Augen nicht schwarz oder dunkelbraun, wie die der sie beobachtenden Jungen und Mädchen, sondern gelb, wie die einer Löwin. Auch ihr Haar war anders; es war nicht gekräuselt, sondern floß in rötlichen Wellen sanft bis auf die runden Kinderschultern herab. Obwohl das Mädchen so tat, als mache es ihr gar nichts aus ignoriert zu werden, warf sie doch gelegentlich der Kinderschar am Ufer verstohlene sehnsuchtsvolle Blicke zu. Als sie mit dem Sortieren ihrer Kräuter fertig war, verstaute sie diese in einem mitgebrachten Binsenkorb und ging mit eiligen Schritten dem vom Fluß aus zu sehenden Dorf zu. Die Ansiedlung lag im das Wasser säumenden Grüngürtel, doch schon die letzten Hütten standen im gelben Sand der beginnenden Wüste. Das Kind durchquerte den Ort in dessen Mitte es eine Art Dorfplatz gab. Am Rande dieser kleinen runden Fläche stand eine schilfgedeckte Rundhütte, welche die anderen Bauten des Dorfes etwas überragte. Das Mädchen klappte eine aus Palmwedeln geflochtene Tür zur Seite und betrat den düsteren Raum. Es gab nur ein kleines Fenster, welches mit einem dünnen Leinenstreifen verhängt war, um nicht zu viele Fliegen einzulassen. Das Gebäude war von einer Art Vorhang in zwei Bereiche abgetrennt. Im Vordergrund hantierte eine große, schlanke Nubierin mit Tiegeln und Töpfchen. Lächelnd wandte sie sich dem Kind zu und nahm die mitgebrachten Kräuter in Empfang. Der Vorhang hinter der Frau stand einen Spalt breit offen, und man konnte zwei primitive Lagerstätten erkennen. Die Frau schob dem Mädchen einen Holzhocker hin und bat sie Platz zu nehmen. Neugierig und bewundernd beobachtete die etwa Fünfjährige ihre Mutter bei der Zubereitung von Salben und Tränken. Ihre klugen gelben Augen verpaßten keine Bewegung. Während die Frau hantierte fuhr sie hin und wieder liebevoll durch das weiche Haar ihrer Tochter und erklärte ihr nebenbei, was sie gerade braute. Das Kind sah schweigsam noch eine gute Zeit lang der schönen schwarzen Frau zu, dann fragte es mit leiser aber fester Stimme: „Mutter, warum spielen die anderen Kinder nicht mit mir?“ Die Frau warf ihr einen langen, nachdenklichen Blick zu, ehe sie zu einer Antwort ansetzte. Es war ihr klargewesen, dass diese Frage irgendwann auftauchen würde und sie überlegte eine Weile ehe sie bedächtig anfing zu reden: „Ich muß weiter ausholen, um dir das zu erklären,“ sagte sie behutsam, „denn es hängt mit deiner Abstammung und deiner Geburt gleichsam zusammen.“ Nefer machte eine ungeduldige Geste und die Mutter fuhr fort zu erzählen: „Es ist einige Jahre her, da verschlug es einen Handelsreisenden in unser Dorf.“ Während sie mit leiser Stimme sprach, ging sie automatisch weiter ihrer Arbeit nach. „Er war von seiner Route weit abgekommen und hatte in einem verzweifelten Kampf mit der Strömung am Katarakt sein Schiff mitsamt Mannschaft verloren. Manche Kapitäne unterschätzen die wütende Kraft des Wassers, wenn es um die Inseln und Felsen schießt. Nur bei Hochwasser kann man die Schnellen relativ gefahrlos überwinden. Erschöpft und schwer verletzt konnte er sich bis hierher schleppen. Der Dorfrat war umgehend zusammengetroffen und hatte beratschlagt, was mit dem Fremden zu geschehen habe, denn er war nicht wie wir...“ Sie unterbracht sich kurz, als ob sie einen Blick in die Vergangenheit werfen würde. „Da er aber alleine war, war er nicht als Gefahr eingestuft worden und man hatte ihn mir, der Medizienfrau Dalaya, übergeben.“ Ein verträumtes Lächeln spielte bei diesen Worten um ihre Lippen. Wieder betrachtete sie ihre Tochter, als ob sie abwägen würde, ob das Mädchen mit ihren fünf Jahren die Geschichte ihrer Abstammung wohl verstehen würde. Allerdings waren die Mädchen hier in diesem rauhen Land mit fünf Jahren anderen in ihrem Alter normalerweise schon weit voraus und so war es auch bei ihrer Tochter. Dalaya fuhr fort: „Ich war vom ersten Augenblick an fasziniert von dem außergewöhnlichen Fremden. Er war so ganz anders, als all die Männer aus dem Dorf oder der Umgebung. Er hatte helles Haar, fast von der Farbe der Sonne, helle Haut und Augen von der Farbe des Nils am frühen Morgen. Während ich ihn also gesund pflegte, habe ich mich in ihn verliebt, obwohl ich so gut wie nichts von ihm wußte, und wir uns auch kaum verständigen konnten. Er beherrschte nur wenige Worte in der Sprache Kemets, die ich auch verstand, und gebrauchte ansonsten eine mir fremde Sprache. Vor dem restlichen Dorf mußten wir unsere Beziehung geheimhalten, denn der Reisende wurde von allen weiterhin mit Mißtrauen betrachtet. Ich genoß die Zeit des Glücks, die uns vergönnt war, nicht wissend wie schnell sie enden sollte. Eines Tages lagerte eine von Khartum kommende Karawane nach Kemet heimkehrender Händler in der Nähe des Dorfes. Als ich des morgens erwachte, war mein Geliebter verschwunden und der Lagerplatz der Reisenden verlassen.“ Eine leichte Melancholie lag in Dalayas Blick. Mit großen Augen hatte das Mädchen zugehört und fragte jetzt mit kindlicher Neugierde: „Ist er denn heimlich mit der Karawane gezogen.“ Die Miene der Nubierin verschloß sich und mit gleichgültig klingender Stimme meinte sie: „Ich weiß es nicht, Kind.“ Damit wandte sie sich wieder ihren Tränken und Kräutern zu und nur ein leichtes Zittern ihrer rührigen Hände verriet ihre emotionale Betroffenheit. Das Mädchen kannte sie gut genug, um zu wissen, daß das Gespräch hiermit eigentlich beendet war. Allerdings hatte Dalaya nicht mit der Hartnäckigkeit ihrer, für ihr Alter schon recht altklugen, Tochter gerechnet. „Aber Mutter!“ rief diese zurechtweisend: „Du hast meine Frage nicht beantwortet!“ Mit einem Seufzer drehte sich Dalaya um und mußte ob des verbissenen Gesichtchens, welches ihr zugewandt war, und der trotzig vorgeschobenen Unterlippe des Kindes lächeln. „Gut! Um auf deine Frage zurückzukommen: die Beziehung zu dem schönen Fremden war nicht ohne Folgen geblieben und in einer Gewitternacht, in der laut dem Glauben der Dörfler die Dämonen auf Seelenjagd waren, schenkten mir die Götter ein Kind: dich, kleine Nefer. Die Dorfbewohner standen dir schon mißtrauisch gegenüber, da du meine Tochter warst. Kinder von Medizienfrauen werden meist mit Argwohn aber auch Respekt behandelt. Dann kam dein außergewöhnliches Aussehen dazu und die dämonische Nacht deiner Geburt. Es hat mir immer leid getan, daß du es so schwer hast, von den anderen akzeptiert zu werden. Aber glaube mir, mein Kind, ich habe nie einen Augenblick bereut, daß es dich gibt.“ Liebevoll strich die Medizienfrau ihrem Kind abermals übers Haar. Dies war also die Geschichte ihrer Geburt; nachdenklich blickte das Mädchen vor sich hin und begann zu verstehen, warum es für sie es so schwer war Anschluß zu finden. Ein Topf fiel scheppernd zu Boden und wie erwachend blickte das Mädchen um sich. Ihre Mutter stand wie erstarrt und lauschte mit schräggelegtem Kopf, wie ein Wild, welches das Raubtier wittert. Plötzlich hob sie das erschrockene Mädchen hoch, preßte es an sich und rannte, die Pendeltüre fast aus den Halterungen reißend, aus der Hütte. Auf dem Dorfplatz blieb sie erst einmal geschockt stehen und sah sich fassungslos um. Überall wimmelte es von schreienden durcheinanderlaufenden Frauen und Kindern, verfolgt von hellhäutigeren Männern mit ledernen Wadenschienen, polierten Brustharnischen und Lederhelmen, die bronzene Schwerter und Speere schwangen. Es waren nur wenige ältere Männer des Dorfes da, die sich in sinnlosem Verteidigungsversuch den Soldaten entgegenwarfen. Dem Kind, dass starr vor Schreck in den Armen der Mutter hing, fiel ein, daß die jungen Männer auf die Jagd gegangen waren. Dalaya schüttelte ihre Bestürzung ab, stürzte sich verzweifelt in die Menge und versuchte in Richtung des dichten Schilfdickichts am Ufer des Flusses zu entkommen. Nach wenigen Metern schon hatte sie ein lachender Soldat eingeholt und stellte sich vor sie hin, mit ausgebreiteten Armen, als ob er ein Huhn einfangen wollte. Dalaya richtete sich mit dem Kind auf den Armen auf und stand still und stolz vor ihm. Er ließ die Arme sinken, nach seinem im Gürtel steckenden Schwert griff er gar nicht. Anscheinend schien ihm die große schwarze Frau nicht gefährlich genug zu sein. Doch er hatte sie unterschätzt. Im Bruchteil einer Sekunde hatte Dalaya das Kind auf den Boden gesetzt und war mit einem fauchenden Laut dem Soldaten mit den Fingernägeln ins Gesicht gefahren. Vor Schmerz und Überraschung schlug der Kämpe die Hände vor seine zugerichtete Wange und Dalaya hatte Zeit, sich die Kleine wieder zu schnappen und loszurennen. Doch allzuschnell hatte sich der Soldat von seinem Schrecken erholt und rief einen Kameraden zur Hilfe. Zu zweit hatten sie bald die flüchtenden Gestalten eingeholt und warfen sie grob zu Boden. Immer mehr Soldaten sammelten sich am Ufer des Flusses und sie begannen, Kinder und Frauen zu trennen. Das Dorf und der Fluß hallten wieder von verzweifelten Schreien der Frauen, denen man ihre Söhne und Töchter entriß und vom lauten Weinen der mutterlos gewordenen Kinder. Dalaya wand sich wie eine Schlange in den Armen des kräftigen Soldaten, der sie umklammert hielt, und voller Angst rief sie immer wieder den Namen ihrer Tochter: „Nefer! Nefer.......Nefer!“.


Mit unbekanntem Ziel

Nefer erwachte mit trockener Kehle und schmerzenden Gliedern und sah verwirrt um sich. Ihr Kopf tat höllisch weh und einen Moment lang hatte sie keine Ahnung, wo sie sich befand. Die Wände waren aus Holz und sie waren nicht gerade sondern verjüngten sich nach unten zu. Es gab keine Fenster und das einzige Bisschen Helligkeit sickerte durch eine Art vergitterter Luke in der Decke, zu der eine Holzleiter hochführte. Um sie herum wimmelte es von Kindern und herumkugelnden Gefäßen. Stöhnend schloß sie die Lider und die Bilder ihrer Entführung tauchten vor ihrem geistigen Auge wieder auf. Tränen kullerten über ihre runden Kinderwangen, als sie sich erinnerte, wie man die sich wie wahnsinnig gebärdende Dalaya auf ein Schiff gezerrt hatte und sie, Nefer, auf ein anderes. Sie hatte sich so verzweifelt gewehrt und nach den Soldaten getreten und gebissen, daß einer von ihnen sie mit einem groben Schlag auf den Kopf betäubt hatte. Nefer hörte auf zu weinen und sah sich genauer um. Es lag nicht in ihrer Natur einfach aufzugeben, also mußte sie versuchen, das Beste aus der Situation zu machen. Als erstes drängte es sie, ihren Durst zu stillen und ihren knurrenden Magen zu beruhigen. Sie erhob sich und machte einige taumelnde Schritte. Dies war gar nicht so einfach, da sich die Planken unter ihren Füßen mit der Strömung des Flusses bewegten. Aber bald hatte sie es geschafft, ihre Schritte dem schwankenden Untergrund anzupassen. Sie näherte sich den anderen gefangenen Kindern, doch diese wichen selbst in dieser verzweifelten Lage vor ihr zurück. Schließlich entdeckte Nefer einen an der Wand des Schiffes befestigten Lederschlauch, welcher brackiges, aber trinkbares, Wasser enthielt und löschte den schlimmsten Durst. Stunden später, es kam Nefer wie Tage vor, brachte einer der Soldaten den Kindern trockenes Fladenbrot und etwas gedörrten Fisch. Hungrig stürzten die Kleinen sich auf das unansehnliche Essen und Nefer, als Außenseiterin, bekam nicht mehr viel davon ab. Der Aufenthalt auf dem Schiff verging in trostloser Eintönigkeit und Nefer hatte keine Ahnung, ob es Tag oder Nacht war, geschweige denn, wieviel Zeit überhaupt verging. Das wenige Licht, das durch die Luke fiel, veränderte sich kaum, ob es von der Sonne am Tag oder von den das Schiff bei Nacht beleuchtenden Fackeln stammte. Auch die Temperatur im Schiffsrumpf blieb annähernd gleich, da er ja im Wasser lag. Die einzigen Unterbrechungen der Trostlosigkeit waren die schlechten Mahlzeiten oder die sehr kurz gehaltenen Besuche am Oberdeck des Schiffes, bei denen sich die Kinder erleichtern durften. Es standen zwar auch im Schiffsrumpf Gefäße für die Notdurft herum, aber es war bequemer für die Soldaten und auch für deren Diener, wenn die Kinder ihr Geschäft über die Bordwand erledigten. Jedesmal, wenn Nefer das Glück hatte, mit an Deck gelassen zu werden, schaute sie sich mit heißem suchenden Blick um, doch selbst einer Fünfjährigen mußte bald klar werden, daß sie sich immer mehr von der Heimat entfernten. Die Gegend hier hatte wenig mit der um das Dorf gemeinsam. Der Ort hatte von der Jagd gelebt und nicht viel von Ackerbau und Viehzucht gehalten. Hier aber, je weiter sie den Nil hinabfuhren, erstreckten sich immer öfter die grünen Felder und die Äcker, auf denen die Landarbeiter werkten, zum Teil bis zu den immer wieder den Horizont begrenzenden Sanddünen und Felsformationen. Kleinere und größere Ansiedlungen säumten sporadisch das Ufer. Wenn das Schiff die unruhigen Wasser um ein Katarakt umschiffte, wurden die Kinder streng unter Deck gehalten, ansonsten wurden sie nicht allzu schlecht behandelt. Nefer war schon bald klargeworden, daß sie alle den Weg in die Sklaverei gehen würden. Im Dorf hatte man hinter vorgehaltener Hand immer wieder Geschichten von Kriegern aus dem Lande Kemet erzählt, die Frauen und Mädchen entführt hatten. Ein Teil des Landes Wawat gehörte dem Pharao und die ägyptischen Soldaten eroberten immer wieder kleine Teile des Landes dazu. Für Nefer jedoch waren dies eben Geschichten gewesen, wie die Märchen, welche die alten Dorfweiber manchmal abends am Feuer erzählten und denen sie heimlich, hinter Büschen verborgen, gelauscht hatte.


Theben

Die Zeit auf dem Schiff schien nicht vorübergehen zu wollen, doch eines Tages brach jubelnde Unruhe an Bord aus. Das Glück der Soldaten über die bevorstehende Heimkehr war so groß, dass sie die Kinder an ihrer Freude teilhaben lassen wollten. Zwei Soldaten holten sie an Deck und deuteten mit stolzgeschwellter Brust auf eine vor ihnen auftauchende größere Ansiedlung. Die Männer sprachen munter auf die Kinder ein und obwohl Nefer die Sprache nicht verstand, war ihr doch klar, daß die Kämpfer ein Loblied auf diesen Ort sangen. Immer wieder wiederholten sie das Wort „Theben“ und Nefer wurde klar, daß dies der Name der Ortschaft sein mußte. Zuerst tauchten nur die üblichen kleineren, flachen Bauten am Ufer auf; dann wurden die Augen der Kinder immer größer. So etwas hatten sie noch nie gesehen und nicht einmal in den kühnsten Geschichten ihrer Großmütter- und Väter davon gehört. Inmitten des den Nil umgebenden Grüns lagen Tempel, Paläste, Villen, bunt bemalte Säulen, bis in den Himmel reichende Steinspitzen deren Enden, mit Elektron überzogen, wie helles Gold im Licht der aufgehenden Sonne glänzten, das alles umgeben von endlosen gewaltigen Stadtmauern unterbrochen von unzähligen mächtigen Toren. Später sollte Nefer erfahren, das man die spitzen Säulen Obelisken und die Tore Pylonen nannte. Der Himmel und der Fluß wurden von den frühen Strahlen des Re in ein Spektrum von Farben getaucht, von Gold bis zum tiefsten Violett. Es war einfach überwältigend. Nefer konnte sich von dem Anblick nicht losreißen, doch bald wurden die Kinder nach unten gebracht und so sorgfältig wie möglich gewaschen und gekämmt. Man zog ihnen neue, fremdartige Gewänder an und Nefer wurde klar, dass man sie für den Verkauf herrichtete. Als sie wieder an Deck getrieben wurden, hatte man bereits eine Planke zu einem Anlegesteg ausgefahren, über welche die Kinder jetzt gehen mußten. Mehr neugierig als ängstlich sah sich Nefer immer wieder um. Sie befanden sich irgendwo inmitten der riesigen Ansiedlung die, wie Nefer nun klar war, die Stadt „Theben“ war. Vom Anlegesteg kamen sie über breite Steinstufen und durch ein großes bunt bemaltes Pylonentor auf eine breitere, das Ufer des Nils und den Hafen säumende Straße, dann in ein Gewirr von kleineren und größeren Gässchen. Dicht an dicht standen ein- bis zweistöckige Häuser von deren flachen Dächern neugierig Frauen und Männer Blicke auf die kleine Prozession von Soldaten und Kindern warfen. Nefer stellte fest, daß die Dächer meist wie kleine Gärten angelegt waren und zu einem Aufenthalt direkt einluden. Da sie nur zögernd weiterging, wurde sie von einem der Soldaten grob geschubst, so daß sie beinahe gestürzt wäre. Endlich hatten sie ihr Ziel erreicht. Ein kleiner runder Platz mitten zwischen den beigefarbenen Häusern, auf dem anscheinend ein größerer Markt stattfand. Nefer blieb stehen und sog tief die duftende Luft in ihre Lungen. Mit geschlossenen Augen versuchte sie, die verschiedenen Gerüche zu sortieren: da waren die Düfte verschiedenster Parfüms, die von den Ständen der Düfte- und Parfümmacher zu ihr herüber wehten. Neugierig blinzelte sie und spähte auf die mit verschiedenen Utensilien hantierenden Frauen, denn von daheim kannte sie kein Duftwasser, nur duftende Öle. Auch Myrrhe nahm sie wahr, deren Duft sie kannte, denn auch in ihrem Land huldigte man damit den Göttern. Es roch auch nach gebratenem Fleisch aus den offenen Garküchen, nach allerlei Gewürzen und – nicht ganz übertüncht von den vielen Wohlgerüchen – nahm Nefer auch den Geruch von Latrinen wahr. Die Kinder wurden an bunten Schmuckständen und anderen Händlern vorbeigeführt und wurden schließlich vor einem großen Podest versammelt.


Die Auktion

Über ein paar Holzstufen wurden sie hinaufbugsiert und Nefer bemerkte, daß immer mehr Leute von den anderen Verkaufsständen neugierig in ihre Richtung strömten. Schnaufend und prustend schubste ein sehr korpulenter Mann die grinsenden Soldaten beiseite und erklomm watschelnd die Stufen zum Podest. Seine faßartige Figur wurde von einem kostbaren weißen Gewand eingehüllt, welches in der Mitte von einem arg strapazierten perlenbesetzten Gürtel zusammengehalten wurde. Sein kahlgeschorener Schädel glänzte über zwei in Speckwülsten fast verschwindenden Äuglein und die Hängebacken rahmten einen sehr weichen, fast weiblichen Mund ein. Auch die Ohrringe, die vielen Ketten und Armbänder, sowie die Tatsache, daß der Mann stark geschminkt war, brachte die erheiterten Soldaten zu Bemerkungen und Pfiffen, die selbst Nefer, in ihrem kindlichen Alter, als normalerweise eher Frauen zugedacht erkannte. Der dicke Mann trug eine lange Peitsche mit sich herum die, man hätte es ihm schwerlich zugetraut, plötzlich mit einer überraschenden Zielsicherheit durch die heiße Luft zischte und einem der sich lustig machenden Kämpen den ledernen Helm vom Kopf riß. Der so Gedemütigte griff sich an die entblößte Stelle und wollte schon wütend den Holzbau erklimmen, wurde aber von seinen lachenden Kameraden zurückgehalten. Diese wollten es sich mit dem Auktionator nicht verderben, da sie ja auf ihren Anteil aus dem Verkauf der Kinder warteten. Nefer versuchte sich so weit als möglich im Hintergrund zu halten und eine Zeit lang gelang ihr das auch recht gut; als aber immer mehr von den anderen Kindern gegen dem Auktionator übergebene Kupferdheben eingetauscht wurden, lichteten sich die Reihen und sie konnte sich nicht mehr verbergen. Sie bemerkte, daß bei ihrem Anblick einige der versammelten kunterbunten Gestalten in Aufregung gerieten. Anscheinend hatte ihre Mutter recht gehabt und sie war selbst hier, unter den von hell- bis dunkelhäutig gemischten Einwohnern Thebens, eine Rarität. Ängstlich starrte das Mädchen in die sie zum Teil neugierig, zum Teil lüstern betrachtenden Gesichter. Da waren vom Bettler bis zum Adligen alle Gesellschaftsschichten vertreten. Die Angebote begannen sich zu überschlagen, der Auktionator schien aufs Höchste erfreut. Ein großer stämmiger Mann mit kantigem Kopf und brutalen Gesichtszügen drängte sich schließlich durch die Menge und warf dem Verkäufer ein paar Goldstücke zu. Der Dicke schob Nefer an die Kante des Podests und der große stämmige Mann hob sie herunter und sah sie von allen Seiten, auf selbst einem Kind ungehörig erscheinende Weise, an. Schließlich stieß er ein zufriedenes Grunzen aus und zerrte sie einfach mit sich. Während Nefer hinter ihm herstolperte, sah sie sich den Mann näher an. Er trug, ähnlich wie der Auktionator, ein feines weißes Gewand und war, wenn auch nicht so übertrieben wie dieser, so doch auch insoweit mit Schmuck behangen, daß man ihm ansah, daß er kein armer Mitbürger war. Nefer ließ sich schicksalsergeben mitziehen. Sie erreichte im Schlepptau des reichen Mannes die breite Straße, welche am Nil entlang zum Villenviertel der Stadt führte. So hatte sie es von der Herfahrt mit dem Schiff jedenfalls in Erinnerung. Der Mann passierte eine Nische zwischen zwei der Häuser und plötzlich zog er sie hinein und drückte sie gegen die heiße Wand. Anscheinend konnte er es nicht erwarten, die erworbene Ware auszuprobieren. Das Kind wußte nicht, wie ihm geschah als er begann, sie überall anzufassen und sein Geschlechtsteil halb entblößte. Das Temperament ihrer Mutter und das Gefühl daß das, was hier vor sich ging nicht rechtens war, ließ sie sich jedoch mit Händen und Füßen zur Wehr setzen. Der Kaufmann meinte mit einer kleinen Wildkatze zu ringen und als Nefer ihn schließlich in letzter Verzweiflung deftig in sein Gemächt biß, ließ er stöhnend von ihr ab. Das kleine Mädchen schaffte es allerdings nicht, mehr als ein paar Schritte zwischen sich und ihren Peiniger zu bringen, als er sie schon wieder einholte, am Arm packte und ihr eine schallende Ohrfeige gab. Unter lautem Schimpfen und Murren zog er sie weiter hinter sich her immer wieder die schmerzende Stelle zwischen seinen Beinen reibend. Plötzlich blieb er mit einem überraschten Atemzug stehen. Nefer rannte prompt gegen ihn und fiel dann unsanft auf ihre Sitzfläche. Parallel zur Straße verlief hier ein langer Anlegesteg, welcher aber nicht am Wasser endete, sondern in Holzstufen zu einer dicken, hohen Mauer emporführte. Auf dieser Mauer drängten sich armselige Gestalten und wurden von Soldaten mit Peitschen und Schwertern immer wieder vorwärts getrieben, wenn sie in Panik von der Mauer zurück und auf den Steg drängten. Nefer war zuerst nicht klar, was da vor sich ging; dann stürzte unter heißerem Schreien eine der Gestalten, nur mit einem schmutzigen Lendenschurz bekleidet, von der Mauer in das braungrüne Wasser und plötzlich fing der Fluß zu brodeln an. Die spitzen Schreie des Mannes verhallten bald, als die riesigen Krokodile ihn in Stücke zerrissen und sich das Wasser des Nils blutrot färbte. Entsetzt und doch fasziniert hatte Nefer keinen Blick von der Szene wenden können und stand viel zu sehr unter Schock, um sich zu wehren, als ihr erster Besitzer sie über den Steg und die Stufen hinaufschob. Mit wütender Miene redete er auf einen der Soldaten ein. Aber erst, als er mit ein paar Kupferstücken nachhalf, reihte dieser das kleine Mädchen in die Schlange der Opfer für den Krokodil-Gott Sobek ein. Eigentlich war es keine Opferhandlung im üblichen Sinn, sondern ein Bestrafungsakt. Diebe, Betrüger und Kleinkriminelle, welche wiederholt straffällig geworden waren, wurden heute hier mit dem Tode durch die Krokodile bestraft. Allerdings war auch ein einfacher Priester zugegen, der rituelle Gebete zitierte, da im Endeffekt diese Hinrichtungen dann zwei Zwecken zugleich dienten. Um ihre Angst zu verbergen, hatte Nefer sich hoch aufgerichtet und trotzig die Arme vor der Kinderbrust verschränkt. Hämisch grinsend stand der Kaufmann am Ufer und beobachtete das entsetzliche Geschehen. Natürlich wollte er der kleinen Wilden nur Angst einjagen, um ihr den Schneid abzukaufen und sie gefügig zu machen. Im letzten Moment gedachte er sie wieder von der Mauer zu holen. Der bestochene Soldat wusste über seine Absicht Bescheid. Das die ganze Geschichte eine total andere Wendung nehmen würde, das konnte der Mann natürlich nicht wissen. Die Reihe wurde immer kürzer und Nefer konnte bereits den Geruch nach Wasser, Angstschweiß und Blut riechen. Ein Zittern lief durch ihren kleinen Körper, doch sie unterdrückte es, so gut es ging. Es standen nun nur noch drei zerlumpte Gestalten vor ihr und es schien ihr unmöglich, ihrem Schicksal zu entrinnen.


Der Pharao

Die prunkvolle Prozession wälzte sich langsam durch die breiten Straßen der Stadt. Voran gingen die kahlgeschorenen Priester. Die niedrig gestellten waren gekleidet in weißes gefälteltes Leinen und trugen aus Schilf geflochtene Sandalen; die Hohepriester waren gehüllt in Leoparden- oder Pantherfell und die Ledersandalen an ihren Füßen waren vergoldet. Es waren sicher ein halbes Hundert, das hier seine Gefäße mit Weihrauch und Myrrhe schwenkte, um Pharao, dem Sohn des Horus, zu huldigen. Hinter den Priestern tanzten in mindestens der gleichen Anzahl die Tempeltänzerinnen und bedeckten die Steine der Straße mit bunten duftenden Blumen, die sie aus Körben verstreuten, damit der Weg des Königs von ihnen bedeckt sei. Sie waren in fast durchsichtige Gewänder gehüllt, die unter dem Busen in Gürteln aus bunten Perlen endeten und die Brüste und die mit Henna rot gefärbten Brustwarzen freiließen. Ihre Hand- und Fußgelenke waren mit Reifen geschmückt, an denen Glöckchen hingen, welche bei jeder Bewegung ein feines Geläut von sich gaben. Manche von ihren schüttelten Sistren und sangen dazu. Erst dann folgte, auf blumenumwundenen Stangen getragen, der Thron des Herrschers – eingerahmt von seiner berittenen Leibwache, den Kriegern des Aton. Unter Amenophis III, dem Vater des derzeitigen Pharao, war es in Mode gekommen, Pferde auch zu reiten und sie nicht nur vor den Kampfwagen zu spannen. Mehrere Stufen führten zu dem eindrucksvollen Herrschersitz hinauf. Er war aus Gold und Silber gefertigt; seine Armlehnen endeten in juwelenbesetzen Elfenbein-Pantherköpfen und der Baldachin bestand aus einer goldenen Nachbildung der Sonnenscheibe, des Symbols des Aton, deren Strahlen in segnenden und gebenden Händen endeten. Die Straßen wurden vom Volk gesäumt, das abwechselnd hinkniete und mit der Stirn den Boden berührte, dann wieder aufstand und in Hochrufe auf den Pharao ausbrach. Amenophis IV saß steif auf dem Thronsessel, gekrönt von der blauen Doppelkrone Ober- und Unterägyptens. Seine Miene war undurchdringlich, seine – für einen Mann zu vollen – Lippen zu einem abwesenden, nur den jubelnden Menschen geltenden Lächeln verzogen. Seine ernsten Augen erreichte es nicht. Die nachdenklichen Züge, trotz seiner Jugend von tiefen Falten durchzogen, wirkten unzufrieden. Er war erst heute von einem Feldzug gegen die Hethiter zurückgekehrt. Die königliche Gemahlin, Nofretete, begleitete den Triumphzug nicht, da sie Gewalt strikt ablehnte und Amenophis selbst war nur widerwillig mit seinem Heer in diesen Krieg gezogen. Da aber eine seiner Nebenfrauen eine Mitanni-Prinzessin war, hatte er den Hilferuf ihres Vaters nicht mißachten können. Die Hethiter hatten die Grenzen des mitannischen Reiches angegriffen und Amenophis war gezwungen gewesen, sie zurückzutreiben und seinen Verbündeten zu helfen. Es war sein erstes Regierungsjahr und er durfte die Erwartungen des Volkes nicht gleich am Anfang seiner Herrschaft enttäuschen. Auch wenn es sich nur um ein kleineres Grenzscharmützel gehandelt hatte, jubelten ihm die Bürger Thebens begeistert zu. Amenophis aber schwor sich, daß dies sein erster und letzter Feldzug gewesen sein sollte. Er warf einen Blick auf Haremhab und gedachte in Zukunft dem geschickten Kämpfer und Strategen dieses Handwerk zu überlassen. Haremhab, der Oberbefehlshaber seines erfolgreichen Heeres, ritt in schimmerndem Brustharnisch und mit poliertem Lederhelm, die Arme mit breiten Kupfer- und Perlenarmbändern geschmückt, vor der Schar der Leibwächter und das Volk schien insgeheim mehr ihm, als dem stillen Pharao zu applaudieren. Inzwischen hatte die Prozession die breite Promenadenstraße entlang des Nils erreicht und war in diese eingebogen. Amenophis wurde aus seinen Gedanken gerissen, als die ganze Zurschaustellung seiner Macht mit einem Mal ins Stocken geriet. Die Tempeltänzerinnen rannten in die Priester hinein, die nicht weiterkamen, da eine Gruppe von Leuten die Straße blockierte. Alle machten neugierig lange Hälse in alle Richtungen und selbst Amenophis IV richtete sich – gar nicht königlich – in seinem Sitz auf um zu sehen, was immer es zu sehen gab. Überrascht stellte er fest, daß die Neugierigen gar nicht in Richtung der Prozession blickten, sondern aus lauter Sensationsgier diese kaum bemerkt hatten. Haremhab und die Leibgarde hatten sich, sobald der Pulk durcheinandergeriet, in Erwartung eventueller Gefahr um den Thron gruppiert. Als Haremhab den Grund der Verzögerung sah, verzog er unwirsch das Gesicht. Auch Amenophis wurde nun klar, was die Leute so ablenkte, daß sie selbst den Anmarsch Pharaos nebst sämtlicher Nebenerscheinungen übersehen hatten. Er beugte sich nach vorne und kniff die Augen gegen die blendende Sonne zusammen. Nun konnte er die Gestalten, welche auf der Mauer am Nil standen, näher erkennen. Wütend schlug er mit dem Krummstab, mit dem er eine größere Reichweite hatte, Haremhab auf die lederbedeckte Schulter und wies mit der Geißel auf die Mauer. Haremhab wandte sich unwillig auf der Decke seines edlen Pferdes um und betrachtete, sein kantiges und markantes Gesicht weiterhin mißbilligend verzogen, seinen König. Dieser stand, überhaupt nicht seiner steifen Hofetikette folgend, aufgerichtet auf den Stufen seines Throns und mißbrauchte aufgebracht die Zeichen der Macht, Krummstab und Geißel, zum Schubsen und Deuten. „Bei Seth, dem Gott des Chaos, hatte ich nicht die Hinrichtungen, auch wenn sie scheinheiliger Weise als Opfer des Sobek stattfinden, verboten?“ Brüllte er wütend und sehr laut, um das Stimmengewirr um sich herum zu übertönen. „Kaum bin ich ein paar Wochen außer Landes, brechen hier Ordnung und von mir erlassenes Gesetz wohl völlig zusammen. Reite hinüber, Haremhab, und bringe mir die übriggebliebenen Opfer, sowie die verantwortlichen Soldaten und Priester!“ Eine goldene Sandale klopfte ungeduldig die Stufe der Thronsänfte: „Und beeil dich!“Haremhab machte einigen der Krieger der Leibwache ein Zeichen beim Pharao zu bleiben, die anderen befahl er hinter sich. Rücksichtslos bahnte er sich, die Kraft der Pferde nutzend, mit seinen Gefährten einen Weg durch Tänzerinnen, Priester und Neugierige hindurch und kehrte wenig später mit den gewünschten Personen zurück. Vor dem Thron hatte sich ein leerer Platz gebildet, auf den nun Haremhab die Soldaten von der Mauer, den Priester und drei zerlumpte Gestalten trieb, sie abwechselnd mit dem stumpfen Ende seines Speeres vorwärts schiebend. Als diese den Pharao sahen, welcher inzwischen wieder ganz konservativ mit unnahbarer Miene, Geißel und Krummstab vor der Brust gekreuzt, auf dem Thron saß, warfen sie sich sofort zu Boden – mit dem Gesicht zur Erde. Ein überraschtes, leicht amüsiertes Raunen ging durch die Menge der Zuschauer und Haremhab bemerkte erst jetzt, da die anderen Gestalten alle niedergekniet waren das Kind, welches sich hinter den anderen verborgen gehalten hatte. Hart befahl er ihm niederzuknien, doch es blickte ihn nur trotzig und verständnislos an. Der Heerführer trieb sein tänzelndes Pferd auf das Mädchen zu, doch es wich nicht einen Schritt zurück obwohl in seinen Augen Angst aufblitzte. Er hob seinen Fuß, um die Kleine damit zu schubsen, damit sie auf die Knie fallen sollte. Er hatte allerdings übersehen, daß er nicht sein stabiles Kampfschuhwerk trug, sondern die nur zu Vorführzwecken geeigneten goldenen Sandalen. So kam es, daß das kleine braune Mädchen unverhofft die Möglichkeit bekam, sich seinen ihr zu nahe gekommenen Fuß zu schnappen. In trotziger Verzweiflung, sich von lauter Feinden umgeben fühlend, umklammerte sie ihn mit ihren kleinen Händen und, unter dem unterdrückten Gekicher des neugierig nähergekommenen Volkes, biß sie den General Haremhab deftig und anhaltend in den großen Zeh. Er versuchte unter Fußschütteln und Fluchen das schmerzhafte Anhängsel loszuwerden, doch es hing an seiner Sandale wie angewachsen. Ehe der wütende Krieger, welcher tapfer versuchte nicht zu stöhnen, und die wehrhafte Gefangene sich weitere Gefechte liefern konnten, ertönte ein scharfer – doch von einem kaum unterdrückten Grinsen begleiteter Befehl des Pharao: „Schluß jetzt! Eine der Tempeltänzerinnen soll sich der Kleinen annehmen und sie zu der Königsgemahlin Nofretete bringen. Diese soll dann entscheiden, was mit ihr zu geschehen hat.“ Er versuchte ein strenges Gesicht zu machen, während eine der Frauen das sich arg wehrende Mädchen mit einigen Schwierigkeiten von Haremhabs Fuß löste und sich mit einer Leibgarde von zwei seiner Krieger entfernte, beobachtet vom immer noch kichernden Volk und einem nun äußerst ungehaltenen Haremhab. Dann fuhr er fort: „Ich, Amenophis, Pharao von Ägypten, verkünde nun die Urteile für die mir Zuwiderhandelnden. Eigentlich hätten die, welche meinen Befehlen nicht gehorchten, den Tod verdient, doch ich will Gnade vor Recht ergehen lassen. Aton ist ein gnädiger Gott, deswegen sollen die Soldaten nicht getötet werden, sondern nur aus dem königlichen Dienst entlassen und ich will sie nicht mehr innerhalb der Stadtmauern von Theben sehen. Der Priester, der im Namen eines der Götter, die ich wie allgemein bekannt ablehne, diese Freveltaten gutgeheißen hat, soll im Haus des Todes den Balsamierern zur Hand gehen, die sich um die Toten kümmern. So wird er ab und an die Reste der Leichen derer zu Gesicht bekommen, die seinem Gott Sobek begegnet sind. Möge deren Bah (Seele) ihn des nachts heimsuchen. Die übriggebliebenen Gefangenen sollen frei sein, außerdem will ich wissen, wer für die Verurteilung dieser Leute verantwortlich ist.“ Durch eine Geste mit der Geißel wies er Haremhab an, die Straße zu räumen, und den Zug wieder in Bewegung zu setzen. Die Blicke eines verdutzten Kaufmanns folgten der Prozession, mit der seine teure Neuerwerbung verschwand. Resigniert zuckte er die Schultern, mit einem Pharao konnte man sich nicht anlegen.


Im Palast

Staunend blickte Nefer um sich, während die Tänzerin sie durch die Menge bugsierte, welche immer noch die Straße säumte. Die kleine Gruppe um sie herum kam schneller voran, als die große Prozession des Königs. Das Kind hatte aufgehört sich zu wehrend, da ihr ureigenster Instinkt ihr sagte, dass ihr Schicksal sich von nun an zum Besseren wenden würde. Nefer war viel zu dankbar und erleichtert dem Schicksal als Krokodilfutter entronnen zu sein, um sich zu fragen, was jetzt genau aus ihr werden würde. Bewundernd blickte sie auf die Häuser, welche die eine Seite der Prachtstraße säumten. Während vorher, mehr in der Stadtmitte, die Häuser zwar adrett, aber relativ klein gewesen waren, standen hier große, eindrucksvolle Villen. Sie wurden umzogen von weißgekalkten Mauern, hinter denen man die Spitzen von allerlei Palmen und anderen, Nefer nicht bekannten, Bäumen sehen konnte. Dann bog die Tänzerin mit ihrem Anhängsel von der Straße ab und stieg ein paar Treppenabsätze zwischen blühenden Gärten hinab. Als die Stufen sich immer mehr verbreiterten sah Nefer Wasser blitzen und merkte, daß sie sich wieder dem Fluß näherten. Bald erreichten sie einen kleineren anscheinend privaten Hafen, an dessen Steg ein buntbemaltes Fährschiff festgebunden war. Nefers Führerin balancierte mit ihr über eine Planke an Deck und erst nach einer heftigen Debatte mit dem herbeigeeilten Kapitän legte das Boot ab. Ruhig glitten sie über die grünen Wasser des Nils. Nefers Neugier kannte jetzt, wo sie der unmittelbaren Gefahr entronnen war, keine Grenzen mehr und ihre Augen flitzten von einem Objekt zum nächsten, hatten kaum Zeit all das Neue in sich aufzunehmen. Am anderen Ufer sah Nefer nun die Umrisse majestätisch schöner Gebäude auftauchen. Sie erreichten einen großen Anlegesteg aus Stein und stiegen, mit Hilfe des mürrischen Kapitäns, an Land. Der Hafen war von einer über mannshohen Mauer gesäumt, die ein prächtiges von breiten Pylonen gesäumtes Tor besaß und mit bunten Figuren und Zeichen bemalt war. Die Frau und das Kind, welches sich immer wieder neugierig und fasziniert umsah, durchschritten den eindrucksvollen Zugang, die begleitenden Soldaten blieben zurück. Hinter dem Tor begann eine breite Allee, die von Olivenbäumen, Palmen und Sykomoren gesäumt wurde. Zwischen den Bäumen standen in Reih und Glied dutzende von Statuen – widderköpfige Sphingen, Abbilder des Amenophis III und anderer Pharaonen, die kühl auf die Besucher herabblickten. Nach kurzem Marsch erreichten Die Frau und das Mädchen den Vorplatz des „Palastes der leuchtenden Sonne“, wie ihn Amnophis III genannt hatte. Das aus den obligatorischen Pylonen bestehende Tor wurde flankiert von wieder zwei riesigen steinernen Abbildern des Amenophis III. Sie hielten streng blickend links und rechts des Tores Wacht. Der Vater des jetzigen Pharao hatte diesen Palast erbauen lassen, um sich von der Priesterschaft Thebens zu distanzieren. Es hatte Geraune und Verwunderung hervorgerufen, zumal die Gebäude am anderen Ende Thebens und am anderen Ufer des Flusses errichtet worden waren. Etwas eingeschüchtert versteckte sich Nefer hinter dem wehenden Gewand der vorauseilenden Frau und betrachtete mit vorsichtiger Neugier die vielen fremden, gefährlich aussehende Gestalten, die vor dem Palast herumlungerten. Da waren Männer, die sie unschwer als Krieger erkannte. Einige waren hellhäutig, trugen gestreifte Kopfputze und eckige Schilder aus verschiedenfarbiger Kuhhaut. Andere waren von dunklerer Hautfarbe; sie trugen lange Umhänge und waren über und über tätowiert. Auch ein paar nubische Krieger, in Leopardenfell gekleidet und mit Federn auf dem Kopf, schienen hier auf einen lukrativen Auftrag zu warten. Nefer starrte sie sehnsuchtsvoll an, erinnerten sie sie doch an die weit entfernte Heimat. Die Tänzerin zog Nefer weiter. Es ging zwischen den hohen weiß glänzenden Obelisken hindurch, die das Pylonentor in der Palastmauer einrahmten, welches von Soldaten bewacht wurde. Breite Sandsteinstufen führten zu der mächtigen Front des Palastes empor. Sie war von Säulen gesäumt, die in den Himmel zu reichen schienen und mit wunderbaren bunten Malereien verziert. Es blieb ihr leider nicht viel Zeit, sie zu betrachten, denn sie wurde eilig vorübergeschoben. Zwei Soldaten öffneten die große goldverzierte zweiflüglige Ebenholztür als sie die Tänzerin erkannten und sie traten in eine kühle hohe Halle. Bogenfenster ließen das Licht hereinfluten und tauchten die herrlichen Malereien an den Wänden, welche Jagdszenen im grünen Papyrusschilf darstellten, und den Boden aus buntglasierten Fließen in ein warmes, golden angehauchtes Licht. Auch hier gab es wieder wundervolle, diesmal gold- und silbergestreifte Säulen, die das Dach trugen. Nefer folgte ihrer Führerin ergeben durch den Saal und durch ein weiteres, diesmal offenstehendes, Tor. Sie durchquerten lange Gänge und blieben schließlich vor einer der Türen stehen. Die Tänzerin unterhielt sich mit einem bewaffneten Soldaten, der hier offensichtlich Wache hielt. Der Mann verschwand hinter der Türe und tauchte wenig später wieder auf. Er wies mit der Hand auf den Eingang und nickte zustimmend.


Die Königin

Während der Soldat zur Seite trat, machte die Tänzerin vorsichtig einen Schritt in das Gemach und zog Nefer wieder hinter sich her. Nun doch wieder etwas ängstlich geworden, duckte sich das Kind hinter den Röcken der Frau. Sie hörte die ihr schon bekannte Stimme der Tänzerin reden und dann eine sehr schöne, sanfte Stimme antworten. Neugierig geworden streckte sie den Kopf an der Hüfte der Tänzerin vorbei und riskierte einen Blick. Sie befand sich eindeutig im Gemach einer edlen Dame. Der Boden war mit gold- und silbergemusterten Matten bedeckt, überall lagen bunte, glänzende Kissen herum und die Wände waren mit Tiermotiven und Pflanzenornamenten geschmückt. Die schmalen Bogenfenster waren mit buntgefärbten hauchdünnen Leinenvorhängen verhängt, welche in einer leisen Brise in den Raum wehten. Das eindrucksvollste im ganzen Raum aber war die Frau, welche auf einer goldenen Ruhebank saß, mit einer schlanken beigefarbenen Katze auf dem Schoß. Noch nie hatte Nefer einen so schönen Menschen gesehen. Dementsprechend starrte sie nun auch die Königin mit offenem Munde an. Entgegen der herrschenden Mode hatte die Schöne nicht den Kopf geschoren und mit einer Perücke bedeckt, sondern trug das dichte schwarzglänzende Haar glatt bis auf die Schultern. Der Pony endete über an der Stirne leicht nach oben gebogenen schmalen Brauen und wunderschönen, schrägstehenden, fast schwarzen und sehr sanften Augen. Sie waren mit Kohle schwarz umrandet und die Lider grün bemalt. Die formvollendeten vollen Lippen verzogen sich zu einem leicht amüsierten Lächeln, während sie Nefers Begleiterin einige Fragen stellte. Die Antworten der Frau riefen ein glockenhelles Lachen der schönen Königin hervor, bei dem sie leicht die hübsche gerade Nase krauste. Sie setzte sanft die sich lautstark beschwerende Katze auf den Boden, erhob sich und kam mit gleitenden eleganten Bewegungen auf Nefer zu. Nefer fragte sich, wer sich geschmeidiger bewegte, die sich entfernende Katze, oder die auf sie zuschreitende Frau? Vor dem Kind ging sie in die Hocke und reichte ihr mit aufmunterndem Nicken die Hand. Zögernd griff Nefer zu und das erste Mal, seit ihrer gewaltsamen Entführung aus ihrem Land, fühlte sie eine gewisse Art von Geborgenheit.


Der Umbruch

Das junge Mädchen saß zu Nofretetes Füßen und spielte auf einer Laute. Ihre Stimme klang bittersüß und Nofretete sah von ihrem erhöhten Sitz auf dem Rande eines der ummauerten Teiche des Palastgartens nachdenklich auf sie hinab, während sie eine der Palastkatzen kraulte, die es sich neben ihr auf der sonnenwarmen Mauer bequem gemacht hatte. Die Tiere spürten Nofretetes Zuneigung und erwiderten sie uneingeschränkt. Es war das sechste Regierungsjahr ihres Gemahls Amenophis IV und Nefer war jetzt elf Jahre alt. Sie war schon beinahe eine junge Frau. Ihre großen mandelförmigen Augen hatten etwas nachgedunkelt und waren jetzt bernsteinfarben. Ihre Haut war immer noch relativ hell und die Haare immer noch von dunklem Rot. Die Nase war kurz, aber schmal und nicht breit, wie es der nubischen Rasse gern eigen war. Die Lippen waren voll, aber nicht aufgeworfen, was ebenfalls auf das Erbe ihres fremden Vaters hinwies. Ihre hohen Wangenknochen und das schmale Kinn gaben ihr etwas Unschuldiges. Selbst im Knien erkannte man, daß sie lange wohlgeformte Beine hatte und unter ihrem gefältelten Leinengewand deuteten sich schon deutlich die kleinen Brüste ab. Mit warmem Blick beobachtete die Königin das Mädchen. Sie hatte sie von Anfang an gern gehabt und hatte sie mit der jüngsten ihrer Töchter auf- und erziehen lassen. So war aus dem nubischen Wildfang eine kleine Dame der Gesellschaft geworden, deren etwas wildes Temperament nur noch selten mit ihr durchging. Mit großer Zuneigung wurde Nofretete ihre Fürsorge gedankt, aber mit fast hündischer Liebe hing ihr Schützling an ihrem Gemahl, dem sie schließlich ihr Leben zu verdanken hatte. Nefer legte die Laute beiseite und sah zu ihrer Königin auf. Wieder einmal mußte sie denken, daß sie ihren Namen zurecht trug: Nofretete – die Schöne ist gekommen. „Soll ich dir noch ein Lied spielen, meine Königin?“ Erwartungsvoll hing ihr Blick an dem schönen Antlitz, während sie eine Hand hob um ebenfalls zärtlich über das weiche Fell der kleinen Katze zu streicheln, die sich ihr inzwischen genähert hatte. Die Königin wollte eben antworten, als es in den Büschen raschelte und mit langen ungestümen Schritten Pharao herangestürmt kam. Es sah immer etwas ungelenk aus, wenn Amenophis so in Eile war, da er eine unfertig wirkende schlaksige Figur besaß. Die zierliche Katze suchte erschrocken das Weite, während sich Nofretete mit einem zärtlichen Lächeln erhob und ihrem, sich wie immer total unkonventionell aufführenden, Gemahl entgegenging. „Die Arbeiten gehen viel zu langsam voran!“ Sprach er ungehalten, während er seine Königin geistesabwesend auf die Nase küßte. Nofretete fuhr ihm sanft durch die wirren dunklen Locken und seine braunen Augen verloren ihren wütenden Glanz und sahen mit verliebtem Ausdruck auf sie herab. Die Vögel in den Dattelbäumen und Palmen, die ob des Pharaos wilden Auftritts erschrocken verstummt waren, begannen wieder zu zwitschern. Sie zog ihn zu der Teichmauer und sie ließen sich beide auf dem sonnenwarmen Stein nieder. Nofretete ließ ihre Hand in das kühle Naß hängen und ein paar goldene Karpfen kamen neugierig herbei, verschwanden aber wieder unter den Seerosenblättern als sie merkten, daß sie nicht gefüttert wurden. Erst jetzt schien der König Nefer zu bemerken, deren anhimmelnder Blick schon die ganze Zeit auf ihm geruht hatte. Als er sie ansah, ließ sie sich auf die Knie sinken und berührte mit der Stirn in der allgemeinen Anbetungshaltung den Boden. Amenophis ergriff lachend ihre Hand und zog sie hoch. „Mein Kind, diese Anstandsregel mußt du nur in der Öffentlichkeit befolgen. Hier, wenn wir unter uns sind, braucht es das nicht.“ Er wandte sich wieder seiner schönen Frau zu und fuhr fort mit seiner Klage: „Achetaton, die Stadt des Horizonts, wird nie fertiggestellt werden. Ich habe die Sklaverei verboten, weil Aton nicht will, daß ein Mensch dem anderen gehöre.“ Er schlug sich mit der flachen Hand auf den Schenkel. „Dabei habe ich allerdings nicht bedacht, daß freie Arbeiter auch faule Arbeiter sein können.“ Nofretetes helles Lachen erklang und sie tröstete ihn mit ihrer sanften Stimme: „Nur Geduld, Liebster, die Villen und Paläste sind doch schon fast fertig. Es kann nur noch ein paar Wochen dauern, bis wir zu Ebene von Amarna reisen werden.“ Sie betrachtete liebevoll ihren etwas unberechenbaren König. Seine vorher aufgebrachten Züge hatten sich nun geglättet und trotz der scharfen Konturen hatte sein Gesicht etwas jungenhaftes an sich. Wie sein Verhalten, war auch seine Kleidung unkonventionell. Er trug nur einen gefältelten, weißen Lendenschurz und einen Schmuckkragen, der die goldene Atonscheibe darstellte und in den segnenden Strahlenhänden endete. An einer seiner, ledernen Sandalen war auf seinem eiligen Herweg ein Riemen gerissen und als er nun aufstand und davonging, mußte er einen Fuß nachziehen, um den Schuh nicht zu verlieren. Nachsichtig lächelnd sah Nofretete ihm hinterher, als er – sie anscheinend einfach vergessend – enteilte. Als er sich seines unhöflichen Verhaltens bewußt wurde, stoppte er abrupt und kehrte noch einmal an den Teich zurück. Er küßte seine Frau auf die roten Lippen und klopfte Nefer die Wange, wie einem kleinen Hündchen. Im Weggehen brummte er vor sich hin: „Man könnte meinen, die Arbeiten würden sabotiert .....“ Der Rest seiner Worte ging in ein Gemurmel über. Nefer schaute ihrem Lebensretter noch hinterher, bis er ihren Blicken entschwand, dann wandte sie sich wieder ihrer Königin zu: „Wer könnte etwas gegen unseren Pharao haben, und ihm den Bau seiner Stadt mißgönnen?“ so fragte sie mit unwillig verzogenem Gesicht. Nofretete erhob sich und ging langsam ein paar Stufen empor zu dem kleinen Flüßchen, welches sich in künstlichen kleinen Wasserfällen in den Teich ergoß und diesen speiste. Hartnäckig folgte ihr Nefer und ihre Geduld wurde schließlich mit einer Antwort der Königin belohnt: „Ich glaube nicht, daß Pharao diese Anspielung auf eine Sabotage ernst gemeint hat......obwohl...“ schweigend ging sie weiter dem Wasserlauf entlang und strich geistesabwesend über die Blüten der aus allerlei fremden Ländern importierten exotischen Pflanzen. Nefer folgte ihr auf den Fersen und wartete, daß sie fortfuhr. Nachdenklich vollendete Nofretete ihren angefangenen Satz: „Obwohl einige der Priester, welche heimlich noch die alten Götter verehren und sicher auch einige der Edlen, die der Pharao abgesetzt hat, nicht sehr gut auf ihn zu sprechen sind.“ Nefer ballte die kleinen Fäuste und rief: „Die sollen nur kommen. Wenn ich dahinterkomme, daß jemand meinem König schaden will, dann.....dann......!“ „Dann wirst du ihn in den Fuß beißen.“ Vollendete Nofretete mit einem Lachen den Satz. Auch Nefer mußte lächeln. Die alte Geschichte ihrer Attacke gegen Haremhab wurde immer noch oft und gerne erzählt. Sie hatten einen großen, grün schimmernden See erreicht, aus dem der kleine Kanal abgeleitet war, welcher in den Teich mündete. Sykomoren umstanden das Ufer und ließen ihre Äste wie dürstend in die Wellen des Sees hängen. Die Bäume spendeten angenehmen Schatten und die Dame Nofretete sagte zu Nefer: „Kind, geh zum Palast zurück und hole mir frische Gewänder, ich werde inzwischen ein erfrischendes Bad im See nehmen.“ Als die Königin begann, ihr golddurchwirktes, nur durch eine Edelsteinspange in Form eines Skarabäus über einer Schulter gehaltenes Gewand auszuziehen, drehte sich Nefer um und ging den Weg in Richtung des Palastes zurück. Viele Gedanken gingen ihr durch den Sinn. Es war ihr nicht unbekannt, daß Pharao viele Feinde hatte. Er hatte einen wahren politischen Umsturz herbeigeführt, indem er begonnen hatte, sämtliche alten Götter zu entmachten und den Sonnengott Aton als Reichsgott einzusetzen. Die neue Struktur hatte Auswirkungen auf das ganze politische Gefüge Kemets. Das niedere Volk hatte sich zu Anfang gefreut, da viele von ihnen unfrei waren, der Pharao keine Leibeigenschaft oder Sklaverei mehr duldete und sie infolgedessen freikamen. Auch bekam jeder von ihnen ein eigenes kleines Stück Land zugewiesen, das er bewirtschaften konnte. Bald wurde jedoch klar, daß man die Freiheit nicht so gut genießen konnte, wenn man hart für sein Brot arbeiten mußte. Manch einer der Freigelassenen hatte vorher als Diener eines hohen Herrn oder einer edlen Dame ein bequemeres und satteres Dasein geführt und daher griff bald die Unzufriedenheit um sich. Die Geschäftsleute schädigte die Zurücksetzung der Götter, da viele von ihnen vom Verkauf kleiner Götterstatuen für den Hausgebrauch, kleiner Schreine für die Götter und von der Veräußerung von Grabbeigaben gelebt hatten. All die Rituale und Opferfeste, zu denen dies benötigt wurde, wurden durch den Kult um Aton vernachlässigt. Am härtesten aber traf es die Priesterschaft von Theben. Diese gebildeten Männer lebten von den Abgaben an die verschiedenen Tempel in Reichtum und Wohlstand. Sie hatten sich stets ihren Anteil am Gold, an den Speiseopfern und am Wein gesichert und waren dabei faul und verwöhnt geworden. Die Opferbereitschaft der Bürger ließ in Folge des Atonkultes stark nach und wer hatte am meisten darunter zu leiden? Die Priester. Einige von ihnen waren zwar zu den neu erbauten Atontempeln der Stadt abberufen worden – aber die anderen, die befürchten mußten früher oder später ihre Götter ganz aufgeben zu müssen, begannen heimliche Treffen abzuhalten um zu beratschlagen und zu intrigieren. Auch war die Macht selbst derjenigen Priester beschnitten, welche sich jetzt dem Dienst an Aton weihten, da Aton nur indirekt mit ihnen zu tun hatte. Der Einzige, der direkten Kontakt durch Gebete und Opfer zu ihm aufnehmen konnte und durfte, war der Pharao selber. Je mehr Nefer darüber nachdachte, desto besorgter wurde sie. Es war gut daß der König, um eben diesen ewigen Konflikten den Rücken zu kehren, die Stadt Achetaton gebaut hatte. Wenn Nefer an den Umzug nach „Horizont des Aton“ dachte, wurde ihr ganz leicht ums Herz. Dort würde ihr Herr nur noch von seinen Anhängern und den von ihm ausgewählten Gefolgsleuten umgeben sein und es würde endlich Friede herrschen. Nefer hatte den hinteren Eingang erreicht, durch den man von den Gärten aus den Palast betreten konnte. Sie schlüpfte in den Lotussaal. Während sie ihn durchquerte betrachtete sie die in tausend verschiedenen Varianten abgebildeten Blüten, welche Wände und Säulen bedeckten. In Wandnischen standen goldene Statuen, welche Amenophis, Nofretete und andere Mitglieder der königlichen Familie darstellten und dazwischen immer wieder große Vasen mit duftenden Lotusblüten. Hier fanden von Zeit zu Zeit rauschende Feste statt, an denen sie aber noch nicht teilnehmen durfte. Sie versteckte sich dann manchmal hinter einer der Säulen und beobachtete mit glänzenden Augen die Menschen und die Akrobaten und Tänzer, welche für Unterhaltung sorgten.


Die Lauscherin

Sie hatte nun das Ende des Saals erreicht und hatte schon die Tür einen Spalt breit geöffnet, als sie eine Stimme vernahm, die sie zögern ließ. Den Riegel noch in der Hand überlegte sie, ob sie sich nicht in den Garten zurückziehen und warten sollte, bis der Besitzer eben dieser Stimme verschwunden wäre. Sie hatte die Stimme von Eye erkannt. Er war Hohepriester des Falkengottes Horus gewesen und hatte es durch seine einschmeichelnde Art geschafft, den Pharao zu überzeugen, daß er jetzt mit Freuden dem Aton diene. Er war immer noch Hoher Priester und war auch noch zum politischen Berater avanciert. Auch wenn Nefer keinerlei Gründe dafür hatte, sie mißtraute diesem Eye von Grund auf. Während sie noch überlegte, kam eine zweite Stimme dazu und augenblicklich ließ Nefer ihre Fluchtgedanken fallen. Die zweite Stimme gehörte Tutu, dem persönlichen Berater Amenophis`. Diesen Mann hatte Amenophis von seinem ersten und einzigen Feldzug nach Mitanni mitgebracht, da er sich ihm zu Füßen geworfen hatte und darum gebeten hatte, dem Gottkönig dienen zu dürfen. Nefers Ansicht nach handelte es sich bei ihm um einen Spion, der für die Mittanni oder sogar für die Hethiter agierte. Schon sein Aussehen machte ihn ihr unsympatisch. Er war Asiat und seine kleinen geschlitzten Augen dunkel wie die Finsternis. Sie standen eng beieinander und waren von schmalen, diabolisch nach oben gezogenen, Brauen beschattet. Er war klein und zierlich und erinnerte Nefer immer an eine Ratte vor allem mit seinem geschorenen Kopf, der nur in der Mitte eine lange geflochtene Strähne trug – den Rattenschwanz! Als sie diese Vermutung aber einmal Nofretete gegenüber geäußert hatte, war diese in Gelächter ausgebrochen und hatte ihr untersagt, dem König mit solchen Ammenmärchen zu kommen. Nefer hatte die Türe so gut es ging zugezogen und drückte nun das Ohr dagegen. Es kam ihr einfach sonderbar vor, daß gerade diese beiden, die sich ständig um die Gunst Pharaos stritten und harte Konkurrenten waren, hier Geheimnisse zu wälzen schienen. Allerdings konnte sie durch das dicke Holz der Türe nur Bruchstücke der Unterhaltung verstehen. „.......Unruhen unterstützen?“ das war Eyes Stimme. Nefer preßte das Gesicht noch fester gegen das harte Holz. „......zu früh......warten...........Achetaton.“ Das war die Antwort von Tutu. Eine Hand legte sich auf Nefers Schulter und erschrocken wirbelte sie herum. Sie blickte in das markante, von einem glänzenden Helm eingerahmte Gesicht des Haremhab. „Was tust du da?“ Brummte er. Feine Röte überzog ihr Gesicht, als sie stockend antwortete: „Ich..ich hole frische Gewänder für meine Königin, die.. die im See badet!“ Amüsiert zog Haremhab eine dichte, schwarze Augenbraue nach oben. „So, so.“ Seine hellbraunen Augen glänzten erheitert. Auch er hatte den Vorfall vor vielen Jahren nicht vergessen, aber immer wenn er die kleine Narbe an seinem Zeh betrachtete, erinnerte er sich auch daran, wie der Mut und der Kampfgeist des kleinen rothaarigen Mädchens ihm imponiert hatten. „Hm, wenn du also zu den Gemächern Nofretetes willst, warum öffnest du nicht diese Tür und gehst deiner Wege?“ Mit herausforderndem Blick versuchte Haremhab nach dem Türknauf zu greifen. Trotzig preßte Nefer den Rücken gegen die Bohlen und sagte: „Das werde ich, aber ich hab es nicht so sehr eilig!“ Sanft aber unerbittlich schob Der Heerführer sie beiseite und öffnete schwungvoll die Tür. Wie ertappte Sünder fuhren Tutu und Eye, welche auf einer der in die Wand eingelassenen Steinbänke gesessen hatten, auseinander und erhoben sich. Mißtrauisch betrachtete Haremhab das Pärchen und mit einem undefinierbaren Blick zurück auf das junge Mädchen verließ er mit festen Schritten die Szene. Der Asiat musterte Nefer finster und der dickliche, kahle Eye mit seinen Schweinsäuglein und der Geiernase blitzte sie zornig an. Allerdings wurde der strenge Eindruck beeinträchtigt, von seinem ständigen Zwinkern, da ihm der Schweiß in die Augen lief. Nefer schlängelte sich gelenkig zwischen den beiden Männern hindurch und war verschwunden, ehe diese sie ansprechen konnten. Warum, so fragte sie sich, war Haremhab so überrascht gewesen? Aus demselben Grund wie sie? Und warum war Eye so ins Schwitzen geraten, als ob man ihn bei etwas Unrechten ertappt hätte? Nefer hatte nun die Räume der Königin erreicht und begann, in der großen schwarzen Truhe, die mit Einlegearbeiten aus Elfenbein versehen war, nach frischen Gewändern zu suchen.


Der Umzug des Hofes

Die Flotte glitt majestätisch nilabwärts und wo sie auftauchte, säumten neugierige Bauern oder Einwohner von Städten und Dörfern die Ufer. Die Segel waren eingeholt und die prächtigen buntbemalten Schiffe trieben mit der trägen Strömung flußabwärts. Die Ruder waren eingezogen und die Männer konnten sich ausruhen. An den Masten waren königlichen Flaggen mit dem goldenen Atonsymbol auf blauem Hintergrund gehißt. Auf den breiten Decks waren zeltartige Gestelle mit Baldachinen zu sehen, die bei geschlossenen Vorhängen komfortable abgeschlossene Gemächer für die edlen Passagiere bildeten. Bug und Heck des prunkvollsten Schiffes waren mit Gemälden des Pharao im Kampf versehen und die große Kabine mittschiffs, die der königlichen Familie oder den höchsten Würdenträgern vorbehalten war, war mit blaugelbem Fischgrätmuster bemalt. Nicht jedes Boot besaß diese speziell ausgestattete Kabine. Auf dem ersten der zehn Prunk-Barken befand sich Haremhab mit seinen Medjay, der Palastpolizei, um den Weg gegen Piraten oder andere Gefahren zu sichern. Die Soldaten zogen einfachere Unterkünfte vor. Dann folgte das Gefährt der Königin, welches natürlich über die prächtigste Kabine verfügte. Wie ein Fliegenschwarm umschwirrte ständig eine ganze Anzahl kleinerer Fischerboote und Händlerbarken den Aufmarsch königlicher Pracht, sobald man sich einer größeren Stadt näherte. Manchmal verließ Nofretete den Aufbau und ihre Diener und Dienerinnen rannten, um ihr einen bequemen Faltstuhl hinterherzutragen, auf dem sie dann am Bug des Schiffes Platz nahm und ungeduldig mit den Augen dem Verlauf des Flusses folgte, als ob sie damit die Reise beschleunigen könnte. Mit Fächern aus Straußenfedern wurde von ihren Dienerinnen ihr Haupt beschattet und mit Luft befächert, damit ihr unter der glühenden Atonscheibe nicht zu heiß wurde, welche den juwelenbesetzten Schmuckkragen der Königin gleißen und glänzen ließ. Auch das Kobra-Diadem auf ihrem Haupt ließ die aus Diamanten bestehenden Augen im Sonnenlicht leuchten, als ob die Schlange lebendig geworden wäre. Haremhab betrachtete vom Heck seines Schiffes aus dieses Treiben mit Widerwillen; ihm schien es manchmal zu gefährlich, sich so zur Schau zu stellen. Er war sowieso schlecht gelaunt. Es war alles nicht so gelaufen, wie er es gerne gehabt hätte. Amenophis IV war schon vor Wochen mit seinem königlichen Prunkschiff vorausgereist und hatte, auf Haremhabs Bitte ihn begleiten zu dürfen, lächelnd darauf hingewiesen, daß ihn seine ganze Leibgarde und auch Eje und Tutu, sowie der halbe Hofstaat, begleiten würden. Außerdem wäre es viel wichtiger, für die sichere Reise der später nachfolgenden Königsgemahlin, Nofretete, zu sorgen. Haremhab schob bei diesen Gedanken unwillig das Kinn vor, dann ging er zurück zum Bug des Schiffes und hielt nach Gefahren Ausschau. Nach dem Schiff der Königin folgten noch die vielen mit Beamten, Edlen und Kaufleuten besetzten Barken, die alle die Stadt des Aton bewohnen wollten. Auch gab es noch ein paar abgenutzt aussehende Lastkähne, welche Pferde, Wagen, Möbel und andere Utensilien enthielten.

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Nefer stand neben Nofretete und fächelte ihr mit dem Fächer Luft zu. Die Königin hob den Kopf und lächelte. „Ich kann es kaum erwarten, die heilige Stadt zu erreichen. Bisher hat mich mein Gemahl ja nie zu seinen Besichtigungen mitgenommen; ich habe also keine Ahnung, was mich erwartet. Außer ein paar Karten und Plänen habe ich von Achetaton noch nichts zu Gesicht bekommen.“ Nefer bewunderte die Königin, die immer kühl und schön wirkte, so als ob ihr weder Hitze noch Erschöpfung etwas anhaben könnten, während sie sich verstaubt und verschwitzt fühlte. „Nicht ungeduldig werden, meine Königin,“ meinte Nefer, „Wir sind ja schon vier Tage unterwegs. Lange kann es also nicht mehr dauern.“ Nefer blickte auf das vorüberziehende Ufer und für einen Augenblick erinnerte sie sich an ihre erste, unfreiwillige Reise auf einem Schiff und ein Schauder überlief sie. Papyrusschilf säumte den Fluß und nach einem nicht allzubreiten grünen Uferstreifen begann die heiße gelbe Wüste, nur unterbrochen, von kleineren bizarren Felsen in Grau und Rot und einem weiter entfernten Felsmassiv. Nofretete unterbrach ihre Gedanken indem sie sagte: „Ich weiß, ich sollte mich in Geduld üben. Aber ich vermisse meinen Gemahl...“ hastig fügte sie hinzu: „Und natürlich meine Kinder.“ Noch ehe Nefer, die schon den Mund geöffnet hatte, ihre Meinung kundtun konnte, fuhr die Königin schon fort: „Ich weiß, ich weiß. Er ist nur voraus gereist, um alles für meinen Empfang und Einzug perfekt zu machen ... und doch...“ Nofretete winkte lächelnd ab. „Anscheinend bin ich schon genauso nervös wie meine Katzen.“ Nefer warf einen Blick auf die große Kabine mittschiffs. Ein komfortabler Käfig stand im Schatten hinter dem Eingang und die Palastkatzen, welche die Königin nicht hatte zurücklassen wollen, beschwerten sich hin und wieder lautstark über die unfreiwillige Reise in Gefangenschaft. Nofretete schien wieder ihren Gedanken nachzuhängen und verfiel in Schweigen. Nachdenklich schwang Nefer die großen Federn hin und her. Sie ließ den Blick wieder über das entfernte Felsmassiv gleiten und plötzlich weiteten sich ihre Augen. Da war eine hellgolden glänzende Lanze, die vor dem Berggrat in den Himmel ragte – und da, da tauchte noch eine auf. Aufgeregt ließ sie den Fächer fallen und rannte an das vergoldete Geländer, welches das Schiff umzog. Gänzlich undamenhaft war Nofretete ebenfalls aufgesprungen und hatte den engen, gefältelten Goldrock gerafft, um schneller die Reling zu erreichen; ihre Armbänder und der Schmuckkragen klirrten bei der schnellen Gangart und ihr Diadem saß ihr schief auf dem lackschwarzen Haar, als sie ihr Ziel erreichte und sich ebenfalls gefährlich weit über das Geländer lehnte.


Die Stadt des Horizonts

Die beiden Frauen beschatteten die Augen mit den Händen gegen die grelle Mittagssonne und jetzt waren die wie goldene Lanzen aussehenden Objekte immer deutlicher zu erkennen. Es handelte sich um Obelisken, deren Spitzen mit Elektrum überzogen waren. Diese Mischung aus Silber und Gold mochte Amenophis besonders gern, da sie ihn an das Licht Atons erinnerte. Immer näher kam die Flotte der Hochebene, auf der Achetaton lag. Da es von der Höhe auf den Nil herabsah, konnte man von den Schiffen aus nur die Dächer einiger Gebäude und natürlich die alles überragenden Obelisken sehen. Vor lauter Freude fiel die Königin Nefer um den Hals und sie konnte erkennen, daß ihr Tränen der Freude in den Augen standen. Die Ruder wurden ausgefahren und das Anlegemanöver begann unter den lauten Kommandos der jeweiligen Kapitäne. Als die Schiffe nacheinander anlegten, war die Arbeit zu erkennen, die hier schon geleistet worden war. Es gab einen breiten, gemauerten Kai mit kleineren und größeren Anlegestellen. Riesige, hölzerne Hebekräne erinnerten daran, daß die glänzenden Obelisken in Schwerstarbeit herbeigeschafft hatten werden müssen. Allerdings gab es hier kaum Wohngebäude, nur ein paar Baracken und Lagerhallen, da die Stadt ja weiter oben erst begann. Eine breite gepflasterte Straße führte bergan durch ein Tor aus mit goldenen Atonscheiben verzierten Pylonen und als sich die Schiffe leerten, ergoß sich eine wahre Menschen- und Wagenflut über den Zugang nach Achetaton. Allen voran wurde Nofretete in einer ebenhölzernen Sänfte mit silbernen und goldenen Sonnenintarsien getragen. Ungeduldig klopfte sie mit ihrem kleinen goldbeschuhten Fuß auf den Boden derselben und schob immer wieder neugierig den goldenen Vorhang zur Seite um sich umzusehen. Schräg neben ihr ritt auf einem tänzelnden schwarzen Pferd, daß genauso ungestüm zu sein schien wie sein Reiter, Haremhab, umgeben von seinen Medjay. Hinter ihnen folgten die Sänften mit den Hofdamen und den anderen Edlen. Nefer fühlte sich sehr geehrt, daß sie in einer der Sänften mitreisen durfte, welche der königlichen folgten. Dieser Luxus war den Privilegierten vorbehalten. Der Status, den sie am königlichen Hof einnahm, war eigentlich nicht definierbar. Er glich eigentlich dem einer Hofdame, denn Amenophis hatte ihr schon bald nach ihrer Ankunft im Palast die Freiheit geschenkt. Allerdings war sie durch ihre Jugend der Königin eher wie eine ihrer Töchter ans Herz gewachsen. Ihre Abstammung, ob edel oder nicht, spielte am Hofe von Amenophis keine Rolle. Für ihn gab es keine Standesdünkel. Nefer richtete sich immer wieder halb auf und streckte den Kopf zwischen den Vorhängen hindurch, um wie ihre Königin die neue Heimat zu betrachten. Hinter ihr folgte die endlose Karawane der Beamten, Soldaten in Kriegswagen, Diener, Handwerker und Arbeiter. An den Seiten der breiten Allee, welche von Schatten spendenden Sykomoren und Dattelbäumen gesäumt wurde, dehnten sich die Arbeitersiedlungen aus; einstöckige weißgekalkte Häuser, viele davon mit einem kleinen ummauerten Garten und Innenhöfen. Selbst die weniger Begüterten schienen hier in gewissem Luxus zu leben. Wenn sie nach vorne sah, wuchsen mit jedem Meter, den sie zurücklegten, die prachtvollen Gebäude von Achetaton in den Himmel empor. Keine Stadtmauer engte den „Horizont des Aton“ ein und endlich, im goldenen Licht der untergehenden Sonne, lag die Stadt frei und übersichtlich vor ihr, nur im Osten beschattet von dem hoch aufragenden Felsrücken. Sie passierten die Villen der Vornehmen – prächtige Bauten, oft komplett mit poliertem Kalkstein verkleidet. Sie wurden von schimmernden Säulen gesäumt, die exotischen Gärten von niederen Mauern umgeben, die zum Teil mit Papyrusschilf- zum Teil mit anderen bunten Motiven bemalt, oder mit bunten Steinmosaiken verziert waren. Bald verbreiterte sich die Straße zu einem Platz und der erste der prachtvollen Sonnentempel tauchte vor ihnen auf. Nefer stand wieder aufrecht in ihrer Sänfte und erhaschte durch das mächtige Pylonentor einen Blick auf das Wunderwerk. Wie in seinem Glauben und in seinem Verhalten war der Pharao auch beim Bau seiner Tempel total vom alten Konzept abgewichen. Um Aton huldigen zu können, besaßen die Sonnentempel keine Dächer. Sie waren wundervoll luftige von in den Himmel ragenden, teils mit Elektron überzogenen- teils mit Mosaiken geschmückten Säulen umstandene Höfe. Auch der Boden war mit glänzenden Mosaiksteichen verziert, welche immer wieder Motive des Sonnengottes darstellten. Zwischen den Säulen hatte man Palmen und allerlei bunte Blumen gepflanzt, so daß kein fußbreit des Tempelbodens ohne Blüten oder Mosaikzier war. In der Mitte des großen viereckigen Platzes erhob sich, über Stufen zu erreichen, der große steinerne Altar, auf dem Aton Blumen, Myrrhe- und Weihrauchopfer dargebracht wurden. Der Opferstein war komplett mit Einlegearbeiten aus Gold, Silber- und Kupfer bedeckt und es ging ein Glanz von ihm aus, der regelrecht blendete. Um den Hauptaltar herum erhoben sich in Reih und Glied unzählige kleinere Ebenbilder desselben, für die vielen Opferwilligen der Stadt. Vor dem, von den riesigen blumengeschmückten Pylonen flankierten, breiten Eingang hatten sich die Anhänger Amenophis` versammelt, welche schon vor der Königin mit ihrem Gefolge angekommen waren, um den Rest des Hofstaates willkommen zu heißen. Nach vielen Umarmungen und Begrüßungen bildete sich eine Gasse und Nofretete, die ihre Sänfte verlassen hatte, um ihre Schwester Mutbenret und ihre Töchter Meritaton, Maketaton und Anchesenpaaton zu begrüßen, schritt hindurch. Sie ließ die breiten Pylone hinter sich und mußte sich sehr beherrschen, um nicht gänzlich undamenhaft die Röcke zu schürzen und auf ihren so lange schmerzlich vermissten Gemahl zuzurennen. Vor dem Altar des Aton, auf der obersten Stufe stand die einsam wirkende Gestalt des Pharao. Während sie immer schneller auf ihn zuschritt, überlegte sich Nofretete, daß er seltsamerweise immer einen einsamen Eindruck machte, selbst wenn Tausende von Menschen ihn umgaben. Vielleicht liebte sie ihn gerade deshalb so sehr und wollte ihn ungern allein lassen. Der Pharao hielt sich ausnahmsweise an die Etikette und reichte seiner schönen Frau zur Begrüßung nur die Hände; in seinen Augen jedoch konnte man die große Liebe lesen, die ihn mit ihr verband. Nefer stand mit den anderen Menschen noch immer vor den Pylonen und als sich Nofretete jetzt neben ihren Gatten stellte und sich beide dem Volk zuwandten, erhob sich ein großer Jubel unter den Leuten – endlich war die Stadt Achetaton perfekt – die Königin hatte sich wieder mit Pharao vereint. Wie von Zauberhand erhoben sich plötzlich Tausende von weißen Tauben, von unsichtbaren Helfern freigelassen, in den von Aton erleuchteten Himmel empor. In staunendem Schweigen folgten die Blicke der Menschen den himmelwärts strebenden Vögeln, während Pharao eine Dankeshymne an Aton anstimmte, um für die Wiedervereinigung mit seiner Königin zu danken. Danach strömte die Menge in den Tempel und auch Nefer wurde von der Menschenmasse mitgerissen. Von draußen hatte Nefer gar nicht gesehen, daß um den Altar in einem sicher fünfzig Fuß breiten Kreis der Fußboden mit einer Schicht von Amenophis` Lieblingsmaterial – Elektrum – überzogen war und der goldene Kreis gleißte und glänzte in allen Tönen, von Rot bis Violett, im Licht der bereits den Horizont berührenden Sonne. Aus einer verborgenen Tür zwischen den Säulen waren nun zehn Priester getreten, allen voran der Hohepriester und politische Ratgeber Pharaos – Eye. Würdevoll in seine Leopardentracht gekleidet und von einem langen, dunkelrot schimmernden Umhang umflossen, führte er die Prozession an. Einige der Priester schwenkten silberne Gefäße mit Weihrauch, andere trugen Blumen und Speiseopfer für den Gott herbei. Mit zum Himmel erhobenen Händen stimmte Amenophis eine weitere selbstgedichtete Hymne zu Ehren Atons an und die Priester fielen in den Gesang mit ein. Amenophis angenehme Stimme übertönte das leise Gemurmel der Menschen und ließ sie vollends verstummen. Er betete in seinem Lied: „Am Morgen bist du aufgekommen im Horizont und leuchtest als Sonne am Tage; du vertreibst die Finsternis und schenkst deine Strahlen. Seit du die Welt gegründet hast, erhebst du sie für deinen Sohn, der aus deinem Leib hervorgegangen ist, der König beider Ägypten, Nefercheprure Uanre, den Sohn des Re, der von Maat lebt, den Herrn der Diademe, Echnaton, groß in seiner Lebenszeit.“ Nefer horchte auf, als sie vernahm, daß Amenophis sich in seiner Hymne Echnaton benannte. Sie hatte schon öfter vernommen, daß der Pharao seinen Namen in einen Aton gefälligeren umwandeln wollte. Echnaton bedeutete: „Der Sonnenscheibe wohlgefällig“. Aber auch seiner Gemahlin tat er Ehre an: auf den immer etwas zerzaust wirkenden Locken trug er heute nicht die Chepresch – die blaue Krone – sondern Nofretete zu Ehren die goldene Uräusschlange, die er als einzigen Gott neben Aton duldete. Die Uräusschlange war seit alten Zeiten als weibliche Göttin und Beschützerin des Sonnengottes mit ihm verbunden. Nefer hatte ein schlechtes Gewissen, denn sie sehnte sich das Ende des Gottesopfers herbei, da sie langsam von der Müdigkeit eines langen, anstrengenden Tages übermannt wurde. Endlich war dann auch das letzte Opfer dargebracht und die Edlen brachen auf, um die Nacht in ihren Villen und Palästen zu verbringen, die Arbeiter und Händler in ihren bescheideneren Domizilen. Nefer schloß sich Nofretetes Gefolge an, welches von den sich hier bereits auskennenden Töchtern der Königin geführt wurde. Sie verließen den Tempel nicht durch das Haupttor, sondern durch eine ähnliche Nebenpforte wie die, durch welche die Priester vorhin hereingekommen waren. Mit Entzücken bemerkte Nefer, daß sie eine steinerne Brücke betraten, die in elegantem Bogen eine Straße und dann einen angrenzenden riesigen Garten zum Teil überspannte. Die Sonne war jetzt untergegangen und durch den Park schwirrte eine Menge Bediensteter. Sie steckten Fackeln in die Erde und entzündeten kupferne Kohlebecken, die die Wege beleuchteten. Leider konnte Nefer in ihrem flackernden Licht nicht mehr allzuviel von der Landschaft erkennen und sie nahm sich vor, gleich morgen früh mit der Erkundung der Umgebung anzufangen. Vor ihr erhob sich ein heller Gebäudekomplex mit unzähligen Säulen, aber auch diesen konnte Nefer nicht mehr deutlich erkennen. Am Ende der Brücke befand sich wieder ein großes, kupferbeschlagenes Tor mit zwei Flügeln, welches sich wie von Geisterhand vor ihnen öffneten. Nefer wurde durch ihr endlos scheinende Gänge in ein Gemach geführt und fiel, ohne sich umzusehen und ohne sich auszuziehen, auf ein wunderschönes, einladend aussehendes Himmelbett. Sie war eingeschlafen, kaum daß ihr Kopf die Liegestatt berührt hatte.

                *

Ausgeschlafen und entspannt räkelte und streckte sich Nefer in den weichen Decken. Sie wühlte den Kopf noch einmal in das Daunenkissen, welches ein ungewohnter Luxus war, denn sonst benutzte man hierzulande immer diese unbequemen Nackenstützen, welche Nefer noch nie hatte leiden können. Sie öffnete blinzelnd die Augen und sah sich um. Letzte Nacht hatte sie vor lauter Müdigkeit die Eleganz des von ihr bewohnten Raumes gar nicht bemerkt. Eine polierte große Kupferscheibe, welche als Spiegel diente, hing dem Bett gegenüber an der Wand. Darunter stand ein zierlicher Holztisch mit einer Elfenbeinplatte. Auf ihm standen verzierte Kassetten und Tiegel mit, wie Nefer vermutete, Kosmetik und Parfüm. Eine Alabasterschale sowie eine dazu passende Kanne enthielten parfümiertes Wasser. Die Wände waren in Blautönen gehalten und mit bunten Fischen bemalt. Auch der Boden war aus bläulichem Mosaik gelegt und so bekam man fast den Eindruck, sich unter Wasser zu befinden. Eine große Truhe aus demselben hellen Holz wie das Tischchen stand an einer Wand bereit, um ihre Garderobe aufzunehmen und neben dem Bett sowie vor dem Tischchen standen fein geschnitzte zierliche Hocker. Durch einen gerahmten Durchgang erhaschte sie einen Blick auf einen gefließten Baderaum mit Wanne und Abort. Die Sonne schickte ihre bereits warmen Strahlen durch die Bogenfenster und Nefer erkannte, daß man sie wohl ausschlafen lassen hatte, denn nach ihrem Stand mußte es schon auf Mittag zugehen. Sie verließ das bequeme Bett, welches von einem hellblauen Baldachin überspannt und von feinstem, die Fliegen abhaltenden, Leinen umhangen war und ging auf die Truhe an der Wand zu. Die Dienerschaft mußte, während sie geschlafen hatte, aktiv gewesen sein, denn die notwendigsten Kleidungsstücke und Schuhe waren bereits eingeräumt. Sie machte ihre Morgentoilette, umrandete ihre Augen mit Kohle, schlüpfte in ein einfaches Leinengewand und verließ den Raum.


Der unfreiwillige Stadtführer

Etwas hilflos stand sie dann auf dem breiten von Türen gesäumten Gang und sah sich um. Sie hörte Schritte auf dem blanken Boden klappern und als sie sich dem Geräusch zuwandte, erblickte sie ihren Herrn (in Gedanken nannte sie ihn immer noch so). Sie fiel auf die Knie, doch noch bevor sie mit der Stirn den Boden berühren konnte, beugte sich der Pharao nieder, ergriff ihre Hand und zog sie wieder auf die Füße. Nefer konnte ihre Freude ihn zu sehen kaum verbergen und er bemerkte, daß ihre Hand in der seinen zitterte. Mit einem von Sorgen umwölkten Lächeln sagte er zu ihr: „Na, meine kleine Nefer, du scheinst eine der wenigen Personen in meinem Umfeld zu sein, die sich wirklich freut, mich wiederzusehen.“ Verlegen senkte sie den Blick, als sie merkte, daß sie ihn wieder einmal in beinahe unverschämter Weise angestarrt hatte. „Ja, mein Pharao,“ murmelte sie leise. „Ich habe dich wirklich sehr gern.“ Sein Lächeln wurde warm, als er sagte: „Das weiß ich doch, aber sag, wo wolltest du denn hin? Du kennst dich doch noch gar nicht aus hier.“ Mit abenteuerlustig funkelnden Augen antwortete das Mädchen: „Ich wollte in den schönen Garten, den wir gestern überquert haben und ich wollte den Palast von außen sehen. Außerdem wollte ich auch die Stadt erkunden und ...“. „Halt, halt!“ Der König hob lachend die Hände. „Nicht so schnell, junge Dame. Weißt du was? Ich werde Haremhab sagen, daß er dich auf seiner Kontrollfahrt durch Achetaton mitnehmen soll, dann kannst du dir wenigstens einen kleinen Überblick verschaffen.“ Ehe Nefer noch protestieren konnte, war der Pharao in seinem üblichen eiligen Schritt zur Ecke des Gangs gehastet und winkte jemanden zu. Eine Palastwache trat zu ihm und er sprach kurz auf ihn ein, wandte sich dann noch einmal Nefer zu und bedeutete ihr auf einer der obligatorischen, in die Wände des Flurs eingelassenen Bänke Platz zu nehmen. Wenig später hörte sie Waffengeklirr und Haremhab schoß um die Ecke. Am liebsten hätte Nefer sich gesträubt, doch einem Wunsch des Pharao mußte man Folge leisten. Man sah es Haremhab auf hundert Schritt Entfernung an, daß er ähnliche Gedanken wälzte, während er wütend den Lederhelm mit den Händen zerknautschte. „Also gut, kommt mit!“ Bellte er knapp und Nefer erhob sich gottergeben und folgte ihm. Sie mußte beinahe rennen, um sich seinem Schritt anzupassen. Sie erreichten eine Pforte, die hinaus in den Garten führte und aufatmend blickte sich Nefer um. Weiter hinten sah sie die Brücke, die zum Tempel führte. Sie war ein elegantes überdachtes Gebilde und die Geländer waren aus geweißtem Holz und mit geschnitzten Blumenornamenten verziert. Der Garten, welchen sie jetzt im Stechschritt durchquerten, war ein wahres Paradies. Überall Palmen, Blütenpracht, Obstbäume und dazwischen verteilt wunderbare kleine Seen und Bachläufe, die der Bewässerung dienten. Die Gewässer waren von Schilf umwachsen und von Sykomoren beschattet. Seerosen bedeckten Teile davon und bunte Fische tummelten sich darin. Die Wege waren mit Platten belegt und die Bäche von kleinen Stegen überspannt. Haremhab erreichte vor ihr ein schmuckloses aber adrettes langgezogenes Gebäude und betrat es durch ein offenstehendes großes Tor. Nefer folgte ihm und hatte schon an den Geräuschen und dem Geruch erkannt, daß es sich um den Marstall des Pharao handelte. Auch dieses Gebäude war großzügig angelegt, wie alles in Achetaton. Die Pferde konnte frei laufen in geräumigen Boxen, welche durch große viereckige Fenster mit Licht und Luft versorgt wurden. Das Gebäude war rechteckig und besaß an beiden kurzen Seiten ein Tor. Die Boxen der Tiere liefen an den langen Seiten entlang und in der Mitte befand sich ein großer Innenhof, der zum Putzen und einspannen der Pferde genutzt wurde. Dort stand auch schon, auf Hochglanz poliert, der Streitwagen von Haremhab mit zwei edlen Rappen davor. Sie wurden von einem Soldaten gehalten, während Haremhab den Wagen erklomm, sich breitbeinig hinstellte und die Zügel in die Hand nahm. Nefer war ganz aufgeregt, sie war noch nie auf einem Streitwagen gefahren und es war auch ziemlich unüblich, dies Frauen zu gestatten. Da aber Nofretete einen Ausnahmestatus gegenüber vergangenen Herrschergattinnen einnahm und Amenophis gleichgestellt war, wurde den Frauen während der Regierungszeit von Amenophis IV so gut wie alles erlaubt, was Männer durften – sofern sie es überhaupt wollten oder konnten. Vorsichtig betrat sie den engen Wagen und Haremhab wandte ihr sein grantiges Gesicht zu. „Halte dich an dem Geländer fest und stell dich hin wie ich!“ Sprach`s und schon ging es los. Immerhin war er so rücksichtsvoll die Pferde nur im Trab laufen zu lassen. Trotzdem war das eine holprige Angelegenheit und Nefer klammerte sich anfangs ängstlich am Rand des Kampfwagens fest. Sie fuhren durch das andere Tor aus dem Stall hinaus, das einer der Soldaten unter Salutieren seinem Heerführer öffnete. Es führte durch die den Palast umgebende Mauer direkt auf eine der üblichen sehr breiten schimmernden Straßen der Stadt. Nefer dachte, daß sie wohl aus poliertem Kalkstein bestehen müsse, um so zu glänzen. Zwischen den Villen und Gärten, die durch eine breite Straße von der Palastanlage getrennt wurden aber alle noch dazugehörten, gingen Diener mit tönernen Gefäßen einher, die eigens dafür zuständig waren die Straßen zu befeuchten, damit sie nicht zu heiß wurden und die Edlen Achetatons beim Promenieren womöglich einstaubten. Die Fahrt begann Nefer Spaß zu machen. Sie entspannte sich zusehends und sah sich immer neugieriger um. Eine ganze Weile ging es der Palastmauer entlang. Auf der anderen Straßenseite lagen kleinere Paläste und Villen. Später, als die Mauer endete, setzten sich die Prachtbauten, Tempel und Obelisken auch auf dieser Straßenseite fort. Fasziniert war Nefer vor allem von den vielen, vielen Pflanzen. Die ganze Stadt war eine einzige blühende Oase mitten in der trockenen felsigen Wüste. Alle Wände, die nicht geschmückt oder bemalt waren, waren mit Bougainvillea in prächtigem Lila oder anderen blühenden Rankgewächsen überwuchert. Als sie nach einer guten Weile durch das Stalltor wieder heimkehrten, schwirrte ihr Kopf von den vielen Eindrücken. Vier Sonnentempel hatte sie gezählt, alle im gleichen Stil angelegt. Dann mehrere kleine Privattempel und unzählige Villen und Paläste. Ganz in der Nähe des Echnatonpalastes hatte sie ein ähnlich prächtiges von üppigen Gärten umgebenes Gebäude gesehen und Haremhab danach gefragt. Dieser hatte in seiner kurzangebundenen Art geantwortet, daß dies ein separater Palast für Nofretete sei, den sie aber nicht bewohne. Nefer hatte kurz darüber nachgedacht und war zu dem Schluß gekommen, daß es ob der Gleichberechtigung, die Nofretete von Echnaton erhalten hatte, wohl eine Prestigesache sei, einen eigenen Palast zu besitzen. Auch hatten Nofretete, sowie ihre Töchter und auch die Mutter des Pharaos – Teje –, obwohl diese noch gar nicht geruht hatte, der Stadt des Horizonts einen Besuch abzustatten, jeweils einen kleineren Privattempel. Diese Tempelchen wurden „Sonnenschatten“ genannt. Überall und ständig aber war man auf die schmalen, sehr hohen und eleganten Obelisken mit elektrumüberzogenen Spitzen getroffen, die mit ihrem Glanz den Eindruck vermittelten, daß die ganze Stadt dem Himmel zutrebte. Die Arbeiter- und Händlerviertel hatten sie nur gestreift und Nefer hatte es nicht gewundert, denn in den etwas engeren Straßen dort, hatte es von Leuten gewimmelt und es wäre mit dem Wagen ein schlechtes Durchkommen gewesen. An jeder Ecke schienen kleinere Märkte stattzufinden und es roch nach Gewürzen, Duftwässerchen und gebratenem Fleisch. Diese Gedanken erinnerten Nefer daran, daß sie vor lauter Entdeckungseifer noch gar nicht gefrühstückt hatte und wie zur Bestätigung begann ihr Magen zu knurren. Haremhab hatte sich an ihr vorbeimanövriert, war vom Wagen gesprungen und hatte die Zügel einem herbeigeeilten Soldaten übergeben. Er machte zwei lange Schritte, dann schien er sich seiner Pflichten zu erinnern, machte kehrt und reichte Nefer grinsend eine Hand, um ihr herunterzuhelfen. Er schien gar nicht mehr so viel gegen sie zu haben, denn er zwinkerte ihr zu und meinte: „Ganz so unangenehm war diese Ausfahrt gar nicht. Wenigstens bist du keine von den Weibern, die immer nur reden und reden.“ Damit wandte er sich ab und ließ sie endgültig stehen. Nefer lächelte still vor sich hin. Dieser seltsame Krieger konnte anscheinend ganz nett sein. Sie setzte sich in Bewegung, durchquerte den Stall und ging dann langsam durch den riesigen Palastgarten. Das Areal war nicht auf einen Blick zu übersehen. Es gehörte nicht nur die Wohnstatt des Pharao zum Gelände, es standen hier auch die Paläste und Häuser vieler Edler und Beamter, welche nicht im Palast wohnen konnten oder wollten; auch gab es separate Küchen und Dienstbotentrakte. Nefer erkannte nun die Rückseite des Palastes. Sie hatte am Vorabend nicht gesehen, daß das ganze Gebäude aus rosafarbenem Naturstein bestand. Sämtliche Mauern und Säulen waren damit überzogen. Die Säulen schmückten nicht nur die Front, sie umzogen das gesamte Gebäude. Nefer stieg auf eine der kleinen Brücken, welche Bäche und zum Teil auch Teiche überspannten, um einen Blick auf das flache Dach des zweistöckigen Gebäudes zu erhaschen. Von ihrem leicht erhöhten Aussichtsplatz konnte sie sehen, daß der Palast einen großen Innenhof besitzen mußte, denn dem Dach fehlte in der Mitte ein beachtliches, viereckiges Stück. Ein lautes Knurren ihres Magens erinnerte Nefer wieder an ihr versäumtes Frühstück und sie beeilte sich nun, den Palast zu erreichen. Als sie das kühle Gebäude betreten hatte, fragte sie eine Dienerin nach den Gemächern der Königin und machte sich auf den Weg. Nofretete hatte sie schon erwartet. Sie bewohnte einen mit ähnlichen Motiven bemalten Raum wie Nefer, doch war er um vieles größer und viel luxuriöser ausgestattet. Außerdem war die Decke mit dem obligatorischen Sonnenmotiv in Gold geschmückt. Sämtliche Einrichtungsgegenstände waren aus Gold und Elfenbein gearbeitet und das Bett war geradezu überwältigend groß. Es war mit einem Baldachin versehen, den ebenfalls die Sonnenscheibe schmückte. Die Königin saß in goldenen Gewändern auf einem bequemen Kissen und hatte auf einem Tablett am Boden einige Speisen stehen, die Nefer das Wasser im Mund zusammenlaufen ließen. Auch einige Katzen hatten sich, in Erwartung eines Leckerbissens, den ihnen die Königin nie verweigerte, um das Sitzkissen versammelt. Nofretete bedeutete ihr, Platz zu nehmen und bot ihr belustigt von den gebratenen Stücken einer Gans an, als sie das laute Knurren ihres Magens hörte, welches sogar das Miauen der anderen Gäste übertönte. „Nun, Nefer, hast du deine Erforschung der Gegend beendet?“ Anscheinend hatte die Königin bereits von ihrem Ausflug gehört. Mit vollem Mund konnte diese nur zustimmend nicken und Nofretete lächelte hintergründig. „Ich habe gehört, daß der große Heerführer Haremhab dich herumgeführt hat? Das hat ihm sicher Vergnügen bereitet?“ Nefer verschluckte sich an ihrem Fleisch und erlitt einen Hustenanfall. Nofretetes Lächeln wurde breiter und als Nefer, durch Rückenklopfen seitens der Königin, sich erholt hatte und inbrünstig antwortete: „Mindestens genausoviel wie mir!“ Brach sie in helles Lachen aus, welches abrupt abbrach als der, über den sie eben noch gelacht hatten, nach nur kurzem heftigen Anklopfen ins Gemach stürmte.


Die Krankheit der Götter und Nefers Begegnung mit Antef

Er salutierte militärisch knapp und keuchte atemlos: „Meine Königin, der Pharao......!“ Nofretete schien zu ahnen um was es ging und erhob sich eilig, um dem Heerführer zu folgen. Nefer hatte den korrekten Haremhab noch nie so aufgeregt gesehen und so folgte sie still und hastig den Davoneilenden. Die Räume des Pharao lagen nicht weit entfernt; er wollte sich immer in der Nähe seiner schönen Gemahlin befinden. Die Türen standen offen und eine Menge Menschen umstanden einen prunkvollen Diwan. Nofretete bahnte sich mit Hilfe von Haremhab einen Weg und fiel neben der Liege auf die Knie, nicht beachtend, daß das steife Goldkleid dabei rettungslos zerknittert wurde. Amenophis IV lag mit schweißüberströmtem blassem Gesicht da, nur mit einem knielangen Schurz bekleidet. Seine Lider waren geschlossen, und Speichel war an seinen Mundwinkeln getrocknet. Nofretete ließ sich eine Schüssel mit frischem Wasser und ein Tuch reichen, kühlte seine Stirn und reinigte den Mund. Haremhab scheuchte währenddessen alle Unbefugten und Neugierigen hinaus. Als er sich jedoch Nefer zuwandte, blickte ihn diese so flehendlich an, daß er sie gottergeben bleiben ließ. Es befanden sich jetzt nur noch sechs Personen im Raum. Der Pharao und seine Gemahlin, Haremhab, Eye, ein junger Arzt und Nefer. Nefer verfolgte mit dem Rücken an der Wand und ängstlich aufgerissenen Augen das Geschehen. Haremhab stand mit grimmiger Miene, wie ein Rachegott, an der Tür und bewachte seinen Herrscher. Nofretete unterhielt sich mit dem jungen Arzt, während sie immer wieder sanft mit feuchten Tüchern über Amenophis Gesicht und Glieder fuhr. Eye hatte eine Schale mit Weihrauch entzündet und zitierte Gebete an Aton. Verstohlen beobachtete Nefer den jungen Arzt, der leise auf die Königin einredete: „Der Pharao hatte einen Anfall. Er wurde von der Krankheit der Götter heimgesucht. Die Krämpfe sind aber jetzt vorbei und er braucht nur noch Ruhe.“ Das Äußere des Mediziners faszinierte das junge Mädchen auf Anhieb: er hatte ein schmales Gesicht, aus dem die großen Augen auffällig Wach und ernst blickten und von dichten, eckigen Brauen noch betont wurden. Die übliche Perücke trug er nicht und das schwarze Haar war kurz geschnitten, was seine hohen Wangenknochen und das energische Kinn noch betonte. Die Lippen waren voll, doch die leichten Falten an ihren Seiten ließen ihn trotz seiner Jugend zynisch wirken. Er war groß und sehnig, was man deutlich erkennen konnte, da er anscheinend in aller Eile nur einen knappen gefältelten Schurz übergeworfen hatte. Als der junge Arzt einen Blick an Nofretete vorbei auf Nefer warf und sie fragend ansah, wurde ihr bewußt, daß sie ihn – ihrer Unart gemäß – angestarrt hatte und sie wandte sich errötend ab. Aus den Augenwinkeln bemerkte sie aber noch, daß sich die zynischen Lippen zu einem spöttischen Lächeln kräuselten und sie dachte bei sich: „Eingebildeter Pinsel.“ Nofretete war ein letztes Mal zärtlich mit dem feuchten Tuch über das Gesicht ihres Gatten gefahren, erhob sich und wandte sich nun nochmals dem Arzt zu. „Er hatte schon einmal einen Anfall der Götterkrankheit aber das ist Jahre her. Was kann man tun, um ihm Erleichterung zu verschaffen?“ Der Mediziener hob hilflos die Schultern. „Es gibt nicht viel, was wir tun können. Während der Krämpfe muß ihm ein Stück Holz oder Stoff zwischen die Zähne geschoben werden, damit er sich nicht in die Zunge beißt. Haben die Zuckungen nachgelassen, kann ich ihm – wie ich es vor eurem Eintreten bereits getan habe – einen Beruhigungs- und Schmerztrank verabreichen. Während der Krämpfe ist dies aber unmöglich; er könnte sich verschlucken und ersticken. Wir können nur hoffen, daß die Anfälle nicht in immer geringeren Abständen kommen, was bei dieser Krankheit ein häufiger Verlauf ist. Wollen wir beten, daß Aton das verhindert.“ Nofretete ließ sich von Nefer einen Klappstuhl reichen und setzte sich wieder neben das Lager des Königs. Haremhab machte zwei Schritte in den Raum und bedeutete dem Arzt und Nefer mit Gesten, als ob er irgendwelches Getier verscheuchen wolle, den Raum zu verlassen. Nefer war ganz durcheinander und folgte unbewusst und ohne nachzudenken dem Arzt, welcher zielstrebig vorausging. Er durchquerte einige helle Gänge und plötzlich schien durch ein offenstehendes Tor die Nachmittagssonne herein. Nefer schritt hinter dem jungen Mann ins Freie und fand sich im riesigen Innenhof des Palasts wieder. Mit immer noch eiligen Schritten hastete ihr Vordermann voran. Nefer wurde bewusst, dass sie ihm immer noch wie ein junger Hund nachlief. Sie drosselte ihr Tempo ein wenig und begann über ihn nachzudenken. Sie hatte schon mal von ihm gehört; wie hieß er nochmal? Intef,....nein Antef. Ja, so hatte der Name gelautet. Nefer hatte gehört, wie sich einige Bedienstete unterhalten hatten, während sie ihr Gemach aufgeräumt hatten. Sie hatte herausgehört, daß Pharao wieder einmal seinem revolutionären Charakter gemäß drei von vier der alten konventionellen Ärzte – denen er nicht mehr vertraute – abgesetzt hatte und nur einen vertrauenswürdigen namens Siamun behalten hatte. Zu dessen Unterstützung hatte er einen, wegen seiner neuartigen Methoden viel beredeten, jungen Arzt an den Hof geholt – Antef. Über diesen Schritt wurde viel geredet. Der junge Antef hatte das Glück aus einer edlen Familie zu stammen, was Amenophis aber nicht interessierte; das er ehrgeizig war und lange im Haus des Lebens gelernt hatte, welches sich im großen Amun-Tempel in Theben befand, war ihm viel wichtiger. Er hatte eine Prüfung für den untersten Priestergrad ablgelegt, um in das Haus des Lebens eintreten und den hochangesehenen Beruf des Arztes erlernen zu dürfen, hatte viel studiert und war in seinem jungen Alter bereits durchs Land gereist, um von anderen Ärzten, Heilern und Weisen zu lernen. Wie bei vielen Mitgliedern des Hofstaates hatte der Pharao auch bei Antefs Anstellung nach Sympathie entschieden. Viele derer, die insgeheim den neuen Pharao ablehnten, machten sich hinter vorgehaltener Hand über diesen Umstand lustig. Mit einem harten Ruck war Nefer auf ein Hindernis geprallt. Vor lauter Nachdenken hatte sie nicht bemerkt, daß der junge Arzt gestoppt und sich neugierig nach seinem Verfolger umgewandt hatte. Nun klebte sie an seiner nackten Brust und sah erschrocken zu ihm auf. Amüsement blitzte in seinen ernsten Augen auf, als sie eilig einen Schritt zurück machte und dabei über ihre eigenen Beine stolperte, so daß er sie am Ellbogen ergreifen mußte, damit sie nicht stürzte. Mit einem erheiterten Blick auf ihre langen braunen Beine meinte er grinsend: „Was willst du denn von mir, kleiner Ibis?“ Mit hochrotem Kopf nahm Nefer den ihr verpassten Spitznamen zu Kenntnis. „Ich bin kein Ibis und ich bin auch nicht krank, also gar nichts!“ Rief sie, ihren Zorn über ihre eigene Ungeschicktheit in ungerechter Weise an ihm auslassend. Wütend wandte sie sich um und rannte planlos einen schmalen Weg entlang, nicht wissend, wohin sie wollte ... nur weg von diesem überheblichen Antef. Schon bald verdeckten ein paar mittelgroße Oleanderbüsche die Sicht auf den jungen Mann, dessen leises Lachen aber noch in Nefers Ohren klang. Wütend kickte sie einen winzigen Stein davon und folgte dem Pfad, der immer weiter in den mit üppigen Pflanzen bewachsenen Innenhof führte. Hier gab es Dattelbäume, Palmen, Akazien und Nefer unbekannte Gewächse mit riesigen leuchtend bunten Blüten, die aus fremden Ländern importiert waren. Auch nichtblühende, Nefer unbekannte Pflanzen wuchsen hier und sie begann sich dafür zu interessieren. In ihrem Räumen mixte sie auch heute noch manchmal einfache Salben oder Kräutergetränke, die sie noch von ihrer Mutter kannte. Allerdings war sie hier in Ägypten mit ihrem Wissen hängengeblieben, da sie viele der Pflanzen und damit ihren Zweck oder ihre Wirkung nicht kannte. Sie erreichte einen Wasserfall, der von einer kleinen Mauer stürzte und krabbelte unter einen danebenstehenden kleinwüchsigen Baum mit hängenden Zweigen, um sich an dessen Stamm zu lehnen. Vom Weg aus war sie kaum zu sehen. Das Murmeln des Baches, das Zwitschern der Vögel und die gefilterten angenehm warmen Strahlen Atons, die durch das Blätterdach fielen, beruhigten sie und machten sie schläfrig.


Die Verschwörer

Erschrocken hob sie den Kopf; sie mußte wohl eingenickt gewesen sein. Die Abendsonne warf ihren roten Schein durch die Äste, die Vogellaute waren verstummt aber das war es nicht, was sie geweckt hatte. Nun hörte sie es wieder: es war die ihr verhaßte Stimme von Tutu. Sie sah jetzt auch zwei Paar mit Sandalen bekleideter Füße, die in der Nähe des Wasserfalls standen. Sie spitzte unwillkürlich die Ohren, aber durch das Rauschen des Wasserfalls konnte sie nur undeutlich verstehen, was gesprochen wurde. „...Der Anfall des Pharao..... vielleicht fällt .... gar nicht auf...“ Das war Tutu. „Aber.......wird es merken.“ Nefer zuckte zusammen, als sie merkte, daß es wieder die zwei mutmaßlichen „Verschwörer“ Tutu und Eye waren, die hier ihre Intrigen schmiedeten. „.......Von alleine...“ Das war wieder Eye und Tutu antwortete: „Man wird den Unterschied nicht.....Pst!“ Auch Nefer hatte die Schritte auf den Steinplatten gehört. Sie blickte vorsichtig unter den Hängezweigen hindurch und erspähte einen unschuldig vor sich hinpfeifenden und ausnahmsweis langsam dahinschlendernden Haremhab. Nefer mußte lächeln. Anscheinend war sie nicht die einzige, die dem sauberen Pärchen da draußen mißtraute.


Der neue Glaube und ein großes Fest

Es war über ein Jahr vergangen und niemand sprach mehr vom Anfall des Pharao. Sein achtes Regierungsjahr war angebrochen und alle hofften, daß er von weiteren Anfällen der Götterkrankheit verschont bleiben würde. Nefer hatte sich lange Sorgen gemacht und war wo immer es möglich war, um den König herumgeschlichen, bis er schließlich genervt aber lachend zu ihr gesagt hatte: „Nefer, selbst wenn ich nie wieder einen Anfall bekomme, sterbe ich sicher bald weil ich irgendwann über dich stolpere und mir das Genick breche!“ Danach und nach mehreren Mahnungen Nofretetes, hatte sie die Verfolgung langsam aber sicher wieder eingestellt. In letzter Zeit hatte sie zum Glück auch weniger Zeit gehabt, über Pharaos Krankheit nachzudenken, weil sie mit etwas anderem beschäftigt war. Sie war jetzt über zwölf Jahre alt und demnächst stand ein großes Fest an. Nofretete hatte angedeutet, dass Nefer jetzt alt genug wäre, um an solchen Veranstaltungen teilzunehmen und die Gedanken des Mädchens kreisten nun häufig um das bevorstehende Ereignis. Das Fest fand zu Ehren von Echnatons göttlichem Vater statt. Amenophis IV hatte seinen alten Namen endgültig abgelegt und ließ sich nun nur noch „Echnaton“ nennen. Auch Nofretete hatte ihren Namen geändert, um den Gott Aton zu ehren. Sie nannte sich nun „Neferneferuaton“ was soviel bedeutete wie: „Der Schönste ist Aton“. Auch hatte Pharao in letzter Zeit massiv daran gearbeitet, daß die alten Götter nicht nur abgesetzt, sondern auch gesetzlich verboten wurden und ihre sämtlichen Namen aus Tempeln und Palästen von Stehlen und Obelisken und an allen öffentlichen Plätzen getilgt wurden. Wer gegen das Gesetz verstieß und bei der Anbetung des Amun, der Isis, des Osiris oder sonst eines abgeschafften Gottes erwischt wurde, wurde in den Kerker geworfen. Viele der konservativen Priester, die weiterhin auf ein großzügiges „Darüberhinwegsehen“ gehofft hatten, wurden nun eines Besseren belehrt und mußten sich in den Untergrund zurückziehen. In Achetaton allerdings bekam man von den der Namensänderung und den neuen Gesetzen folgenden Unruhen so gut wie nichts mit. Das anstehende Fest jedenfalls sollte an die Errichtung des neuen Reiches des Aton erinnern und dessen Erfolge feiern.

                *                

Nofretete gestattet Nefer tatsächlich, am großen Namensfest teilzunehmen und fieberhaft sah sie, die vorher nie besonders eitel gewesen war, sich jetzt nach Schmuck, Sandalen und Kleidungsstücken um. Zu diesem Zweck begleitete sie Anchesenpaaton, die jüngste Tochter von Nofretete in das Händlerviertel. Nefer war mit Anchesenpaaton erzogen worden, deswegen verbanden die Mädchen freundschaftliche Gefühle. Allerdings war es schwierig, mit einer Königstochter tiefere Freundschaft zu knüpfen, da diese vorwiegend mit anderen Mitgliedern der königlichen Familie verkehrte und vom Rest der Welt doch ziemlich abgeschirmt wurde. Natürlich wurden sie von zwei Medjay begleitet, das war das wenigste an Geleitschutz, welchen eine Königstochter in Anspruch nehmen mußte. Amüsiert dachte Nefer, daß wenigstens von dieser lästigen Pflicht Haremhab verschont blieb und konnte sich ein Lächeln nicht verkneifen, als sie sich den kräftigen Krieger mit bunten Paketen beladen und ihnen schimpfend hinterhereilend vorstellte. Sie schlenderten dann durch die schmalen Straßen und auf die kleinen Marktplätze. Nofretete hatte beiden einen Dheben Gold und einige Kupferstücke zugesteckt, so daß sie sich auch ein paar Schmuckstücke und Stoffe leisten konnten. Nefer wußte aus Erzählungen, daß früher der Besitz von Gold ihr gar nicht erlaubt gewesen wäre. Erst Echnaton hatte die Gesetze entschärft. Vor seiner Regierungszeit durfte nur das Staatswesen, also der Pharao selbst und die Tempel, Gold besitzen. Allen anderen war es bei hoher Strafe verboten das edle Metall sein eigen zu nennen. Echnaton aber verteilte bei seinen Gottesdiensten höchstselbst Gold und Kupferstücke unter dem Volk, da sein Glaube ja auf Gleichheit und Gerechtigkeit basierte. Nefer jedenfalls war sehr froh über ihre Barschaft, die ihr erlaubte unter den teuersten Waren auszusuchen. Sie entdeckte bei einem Tuchhändler einen Stoff, der ähnlich der feinen Leinenstoffe war, welche die Betten umgaben, um Fliegen abzuhalten. Er war fast durchsichtig und glänzte kupfern, was zum Ton ihres Haares genau paßte. Den mußte sie natürlich haben und sie begann, während Anchesenpaaton einen Stoff prüfte, der wie Gold schimmerte, hartnäckig mit dem Kaufmann um den Preis zu feilschen. Wenig später gingen sie an einem Gewürz- und Kräutergeschäft vorbei, als eine Gestalt herauseilte und prompt Nefer rammte. Ihr Stoffballen fiel zu Boden und sie bückte sich danach; gleichzeitig hatte sich auch ihr Schädiger hinabgebeugt und sie stießen unsanft mit den Köpfen zusammen. Nefer richtete sich, mit der Hand die schmerzende Schläfe haltend gleichzeitig mit ihrem Gegenüber auf, warf ihm einen ungläubigen Blick zu und stöhnte mit zusammengebissenen Zähnen: „Nicht schon wieder du!“, als sie erkannte, um wen es sich handelte. Grinsend reichte ihr Antef den Stoffballen und fragte übertrieben besorgt: „Hast du dich verletzt? Soll ich einen kühlenden Verband anlegen?“ Mit einer überraschend sanften Hand strich er über Nefers angeschlagenen Kopf und sie war kurz so überrascht von dem seltsamen Gefühl, welches sie bei der Berührung überkam, daß eine freche Antwort ausblieb. Als Antef merkte, daß sie kurz sprachlos war, meinte er augenzwinkernd: „Wirst du mir die Ehre geben und heute abend auf dem Fest mit mir einen Spaziergang durch die Gärten unternehmen? Ich verspreche auch, daß ich artig sein werde.“ Mit treuherzigem Blick schaute er auf sie herab. Der Gedanke sie einzuladen war ihm ganz spontan gekommen und er war über sich selbst erstaunt. Als er jedoch die junge Frau vor sich näher betrachtete, bereute er sein Angebot nicht. Aus dem schlaksigen Ibis war eine kleine Schönheit geworden. Die Goldaugen blitzten kämpferisch, doch leicht verwirrt, die rote Mähne war zerzaust von ihrem Zusammenstoß und die zierliche Figur war an den richtigen Stellen fraulich gerundet. Inzwischen hatten sich Nefers Gefühle wieder normalisiert und sie antwortete hochnäsig: „Das weiß ich noch nicht; ich muß erst meine anderen Angebote prüfen.“ Lachend drehte sich der junge Arzt um und ging davon. Anchesenpaaton, die das Zwischenspiel mit fragendem Blick verfolgt hatte, fragte erstaunt: „Was war denn nun das?“ „Ach nichts.....“ Nuschelte Nefer verlegen. „Schau mal da vorn, die wunderbaren Türkis-Skarabäen!“ Sie eilte zu einem am Straßenrand aufgebauten Schmuckstand und war damit erfolgreich weiteren Fragen der Königstochter aus dem Weg gegangen. Als die beiden Mädchen sehr viel später vom Einkaufen zurückkehrten waren sowohl sie, als auch die beiden unzufrieden blickenden Soldaten über und über mit Stoffen und Schmuckstücken beladen. Nofretete trat gerade aus ihren Räumen, als die Kavalkade an ihr vorüberzog. Lächelnd folgte sie ihnen und winkte unterwegs eine Dienerin zu sich. In Anchesenpaatons Gemächern trafen dann alle zusammen und es wurden Pläne für die Kleider der Mädchen, Schmuck, den sie tragen sollten und alles mögliche andere geschmiedet. Auch Nofretete beteiligte sich lebhaft an den Ideen für Kleiderschnitte und Haartrachten für den morgigen Abend. Während die anderen Frauen aufgeregt durcheinander redeten, war Nefer auffällig still. Sie dachte über das Gespräch nach, das sie vor nahezu einem Jahr im Innenhof belauscht hatte. Immer wieder hatte sie versucht, Eye oder Tutu unauffällig zu beschatten, doch anscheinend waren die beiden inzwischen vorsichtiger geworden. Es war Nefer nicht gelungen, sie irgendwann zusammen zu ertappen. Der einzige, dem sie regelmäßig bei ihren Verfolgungsgängen begegnete, war der ihr jedesmal verschwörerisch zuzwinkernde Haremhab. Sie wurde von ihren Gedanken abgelenkt, als die Königin sie fragte: „Nefer, möchtest du heute abend gerne am Tisch meiner Töchter sitzen?“ „Es wäre mir einen große Freude.“ Antwortete sie mechanisch, während unweigerlich das Bild des überheblichen Antef vor ihrem geistigen Auge auftauchte – sicher würde er als Leibarzt ganz in der Nähe der königlichen Familie sitzen. Trotzig dachte sie bei sich, daß es ja nicht schaden könnte, wenn sie ihn sich etwas näher ansah. Zumindest würde er ihr sicher mit Auskünften über Heilpflanzen und Kräuter behilflich- und ihr somit von Nutzen sein können.

                *

Endlich war der Abend hereingebrochen. Die untergehende Sonnenscheibe sandte nur noch ein paar dunkelrote Strahlen über den Horizont. Im Palastgarten und im Innenhof eilten die Diener umher, um hunderte von Fackeln und Kohlebecken zu entzünden welche die hereinbrechende Nacht erhellen sollten. Auch in den vielen Teichen und Seen schwammen, auf kleinen hölzernen Flößen, winzige Öllämpchen und spiegelten sich tausendfach gebrochen in den von der leichten Brise gekräuselten Wasseroberflächen. Nefer war unter dem Gekicher und hektischen Schaffen der Dienerinnen von Anchesenpaaton, welche ihr diese ausgeliehen hatte, für das Fest hergerichtet worden. Als sie nachher in die polierte Kupferscheibe an der Wand ihres Gemachs blickte, erkannte sie sich selbst nicht wieder. Sie bedankte sich bei den Mädchen und sah nachdenklich ihr Spiegelbild an. Das rötliche Haar war nach Art der Perücken geschnitten worden, die der derzeitigen Mode entsprachen und man hatte es mit Perlenfäden durchflochten, so daß es im Licht des Alabasteröllämpchens, welches auf ihrem Waschtisch stand, in allen Rot- und Rosatönen schimmerte. Ihre Lieder waren mit Goldstaub gepudert, der grüne Malachit hatte nicht zu dem Bernsteinton der Iris gepaßt. Die Augen und die Brauen waren mit schwarzer Kohle nachgezogen. Die Lippen hatten sie nicht gefärbt, da sie eine natürliche frische Röte besaßen. Alles in allem war Nefer recht zufrieden mit ihrem Aussehen. Nur zwei Sachen hatten einen Schatten auf ihre Vorfreude das Fest betreffend geworfen: die eine war, daß sie den ihrer Ansicht nach unbequemen und mit der Zeit ekelhaft öligen Parfümkegel auf dem Kopf tragen musste, die andere, daß ihr feines goldenes Gewand unterhalb der Brust endete. Es schloß in einem, passend zum Haar, perlenbesetzten Gürtel ab. Das Mädchen wusste wohl, dass dies der momentanen Mode entsprach und die meisten Damen es so trugen; ihre jugendliche Schamhaftigkeit konnte sich jedoch einfach nicht mit dem Gedanken anfreunden, den Busen so frivol zur Schau zu stellen. Nefer hatte mit der Schneiderin, die stur auf diesem Schnitt bestand, gestritten, hatte geweint und schließlich Nofretete angefleht. Endlich hatte die Königin mit mildem Lächeln den Raum verlassen und war kurz darauf mit einem sehr breiten, ebenfalls mit bunten Perlen besetzten, Schmuckkragen wiedergekommen und hatte Nefer diesen um den Hals gelegt. Glückstrahlend war das Mädchen auf die Knie gesunken und hatte ihre Wange dankbar in Nofretetes Hand geschmiegt. Lachend hatte die Königin sie wieder auf die Füße gezogen und gemeint: „Ich hoffe, du wirst die arme Schneiderin nun nicht mehr malträtieren. Sie kann nichts dafür, daß der Stoff zu knapp war und die Mode erlaubt, daß man den Busen zeigt.“ „Ich werde jetzt ganz zufrieden und glücklich sein, meine Königin, und nach dem Fest gebe ich dir das Pektoral zurück.“ Nofretete winkte nur ab und verließ lächelnd Nefers Gemach. Später wurde Nefer von Anchesenpaaton, Maketaton und Meritaton, den Töchtern der Nofretete abgeholt. Als sie ihnen durch die, heute mit tausenden von Lotusblumen geschmückten, Gänge folgte dachte sie bei sich: „Sie sind alle durchweg sehr hübsche Mädchen, aber keine hat die strahlende Schönheit ihrer Mutter geerbt.“ Die Mädchen erreichten den Aton-Saal von der Innenseite des Palastes her, durch ein großes offenstehendes Tor. Man konnte ihn auch durch verschiedene Torbögen vom Garten aus erreichen, welche nur mit durchsichtigen Vorhängen verhängt waren. Als sie eintraten, wurde Nefer fast geblendet von der sie umgebenden Pracht. Der Aton-Saal machte seinem Namen alle Ehre. Die hohe Decke des Raumes war mit hunderten golden glänzender Sonnenscheiben verziert, deren Strahlen sich über die Kante an den Wänden fortsetzten und in Atons segnenden Händen endeten. Zwischen den Strahlen waren alle möglichen Familienmitglieder, doch vor allem immer wieder Echnaton und Nofretete abgebildet, wie sie Aton Opfer darbrachten und ihn ehrten. Die Säulen, welche die Decke trugen und die, die den Saal säumten, waren allesamt vergoldet und das Licht der Kerzen und Öllampen brach sich tausendfach in ihnen. In Nischen und auf kleinen Söllern waren Statuen aus Gold und Alabaster aufgestellt und überall befanden sich flache Tischchen, mit wahren Bergen von Köstlichkeiten überladen. Um sie herum waren bequeme große Kissen verteilt und zwischen den schon anwesenden Gästen gingen Dienerinnen mit Schalen herum, die parfümiertes Wasser zum Reinigen der Hände enthielten. Nefer folgte etwas kleinlaut den Königstöchtern, die ganz in der Nähe der beiden Thronsessel an einem etwas längeren Tisch auf den einladende Kissen Platz nahmen. Ihr fiel ein, daß sie heute vor Aufregung kaum etwas gegessen hatte und ihr lief das Wasser im Mund zusammen, als einige Diener begannen, auch ihren Tisch mit Leckerbissen zu bestücken. Da gab es gebratene Tauben, gebackene Gänse, Rindfleisch – was ein seltenerer Genuß war – und jede Menge süßer Kuchen und in Honig eingelegter Früchte. Ungeduldig und hungrig schob Nefer Anchesenpaatons Hand beiseite, als diese sie vorsichtig stupfte. Erst als sie nicht nachgab und immer wieder den Ellbogen in Nefers Seite stieß, ließ diese den Blick von den Köstlichkeiten und schaute auf. Auf der Stelle war ihr der Appetit vergangen und ein seltsamer Knoten bildete sich in ihrem Hals – oder war es mehr die Herzgegend? Der junge Arzt Antef und sein Kollege Siamun hatten sich, von Nefer die in die Anbetung der köstlichen Speisen versunken gewesen war unbemerkt, mit Zustimmung von Meritaton an ihren Tisch gesetzt. Antef grüße ehrerbietig die anderen jungen Frauen und zwinkerte Nefer frech zu. In Gesellschaft wagte sie nicht, ein passendes Kontra auf diese Anzüglichkeit zu geben und wandte ärgerlich den Kopf in Richtung des Podests, wo Pharao mit der Königin und seinen engsten Beratern und Beschützern erhaben saß. Man hatte vor den Thronsesseln einen Tisch mit bequemen Stühlen aufgestellt und dort saßen Echnaton und Nofretete, Eye und Tutu sowie Haremhab. Zu diesem Fest hatte sich Nofretete auserbeten, daß auch ihre Schwester Mutbenret und ihre Amme Tiji mit am königlichen Tisch sitzen durften. Tiji war die Frau Eyes und somit von hohem Adel. Haremhab hatte von seinem erhöhten Platz aus Nefer schon längst entdeckt. Da ihm die freche Kleine inzwischen irgendwie ans Herz gewachsen war, schwenkte sein amüsierter Blick immer wieder zum Tisch der Königstöchter und wanderte zwischen dem jungen Arzt und Nefer hin und her. Ihm war bald klar, daß der fast Dreizehnjährigen nur ihr kindlicher Stolz im Wege stand, denn wenn sie sich nicht zusammennahm und sich unbeobachtet fühlte, wandelte sich ihr Blick von Ablehnung zu stiller Bewunderung. Der Blick von Antef war für Haremhab als Mann sowieso eindeutig.


Der Kuss

Das Festessen war vorbei und auf einer, an der Seite des Saales entlang laufenden Estrade, waren Tänzerinnen und Musiker aufgetaucht. Die sanfte Musik einer Laute wurde beschwingt vom Klappern der Rasseln und dem Geläut der Glöckchen an den Beinen der Tanzmädchen. Nefer hatte gehört, daß früher in Theben unter den Vorgängern des Echnaton solche Feste oft obszön und in Exzessen von Alkohol und sexuellen Ausschweifungen geendet hatten; der Pharao jedoch lebte nach anderen Regeln und hatte für solche Verlustierungen nicht viel übrig. Als die Musiker eine Pause einlegten, winkte Nofretete Nefer zu sich und bat: „Tu mir den Gefallen, Kind, und sing mit etwas vor. Deine Stimme ist so hübsch anzuhören.“ Verlegen ließ sich Nefer von einem der Diener eine Laute reichen und setzte sich zu Füßen ihrer Herrscherin. Die meisten Menschen hier, die sie jetzt neugierig ansahen, waren ihr egal; aber wegen einem ernsten dunklen Augenpaar, das unverwandt auf ihr ruhte, hätte sie am liebsten das Instrument weggeworfen und wäre davongerannt. Nefer schüttelte trotzig den Kopf – schließlich spielte sie für ihre Königin. Sie stimmte eine melancholisch Weise an und begann, mit sehnsuchtsvoll vibrierender Stimme, ein altes Lied aus ihrer Heimat zu singen. Antefs Blick hing wie gebannt an der zierlichen Sängerin, deren betörende Stimme direkt in sein Herz zu dringen schien. Auch die anderen Gäste waren verstummt und lauschten fasziniert dem ungewöhnlichen Gesang des fremdartigen Mädchens. Als Nefers Lied endete blieb es kurz still im Raum, dann brandete begeisterter Applaus auf. Schüchtern erhob sie sich und verbeugte sich vor der zustimmend lächelnden Nofretete. Dann schlich sie möglichst unauffällig zurück an ihren Platz, die Laute wie zum Schutz vor die Brust haltend. Inzwischen hatte die Musik wieder eingesetzt und die Gespräche setzten sich fort. Unvermittelt fühlte sich Nefer bei der Hand genommen und vom Kissen hochgezogen. Sie wollte schon protestieren, als ein Blick in die tiefen, ernsten Augen des jungen Mannes sie verstummen ließ. Er nahm ihr sanft die Laute aus der Hand und legte sie auf ein Kissen, dann folgte Nefer ihm still durch die verhangenen Torbögen ins Freie. Lange schlenderten sie schweigend nebeneinander her durch den von tausend Lichtern erhellten Park. Nefers Gefühlswelt stand Kopf. Schließlich hielt sie es nicht mehr aus, blieb abrupt stehen, schaute zu Antef auf und fragte mit tiefem Ernst in der Stime: „Was willst du von mir?“ Er wandte sich ihr zu, hob zärtlich mit dem Finger ihr Kinn und schaute ihr tief in die Bernsteinaugen in denen sich die Lichter der Nacht spiegelten, dann antwortete er kurz und bündig: „Dich!“ Seine direkte Art hatte ihr wieder einmal die Sprache verschlagen und das nutzte er aus und legte sanft seine Lippen auf die ihren. Seine Hände lagen auf ihren Schultern, aber er zog sie nicht an sich, als ob er sie nicht erschrecken wollte. Nefer war viel zu überrumpelt, um überhaupt zu reagieren, und als sie es gekonnt hätte, wollte sie`s nicht mehr. Er hatte seine Zunge sanft zwischen ihre Lippen geschoben und begann mit ihr zu spielen. Instinktiv ließ sich Nefer auf die Neckereien ein und erst, als sie ein diskretes Räuspern aus ihren Träumen riß, machte sie sich hastig von Antef los. Bei dieser Aktion kam ihr vom Küssen schon in arge Schräglage geratener Parfümkegel vollends ins Rutschen und Nefer konnte ihn gerade noch vor ihrem Gesicht auffangen. Wütend schleuderte sie ihn in ein Gebüsch, aus dem prompt eine fauchende Palastkatze schoß. Die Hände auf dem Rücken verschränkt, ein harmloses Lächeln auf den Lippen, so stand Haremhab vor ihnen und meinte ganz nebenbei, mit unterdrücktem Lachen in der Stimme: „Eine wunderbare Nacht heute, nicht?“ Damit ging er weiter und erst als er dem Paar den Rücken zugekehrt hatte, hörten die beiden ein leises Kichern. Nefer wusste nicht, wie sie sich jetzt verhalten sollte und begann verlegen und hastig dem jungen Arzt Fragen nach irgendwelchen Pflanzen und Tränken zu stellen, welche er bereitwillig und mit leichtem Amüsement beantwortete. Kurz darauf wurden sie wieder unterbrochen, denn Anchesenpaaton kam auf sie zu. „Ich habe dich gesucht, Nefer, die Königin hat gesagt, es wird zu spät für uns, wir sollen uns zurückziehen.“ Schon hatte Nefer, ihrem Temperament gemäß, einen Widerspruch auf den Lippen, doch in Anbetracht dessen, dass der Wunsch von Nofretete, ihrer geliebten Königin kam, schluckte sie ihn hinunter. Kurz blickte sie zu Antef auf und murmelte eine leises „Gute Nacht.“ Er lächelte nur liebevoll auf sie herunter und, auch wenn sie noch sehr unerfahren war, ließ der Blick in seinen Augen sie doch vor Wonne erschauern. Hastig schloß sie sich Anchesenpaaton an und sie zogen sich durch einen Hintereingang in ihre Gemächer zurück. In dieser Nacht schlief Nefer tief und fest und wurde von angenehmen Träumen heimgesucht, in denen immer wieder ein schönes Gesicht mit ernsten Augen und einem zu zynischem Mund auftauchte. Antef und Nefer war allerdings nur eine kurze Zeit für ihre knospende Liebe vergönnt, denn bald nach dem Fest wurde der junge Arzt von Pharao zuerst nach Theben und dann in weiter entfernte Städte geschickt, um nach neuen Methoden und Arzneien zu suchen, die ihn von der Krankheit der Götter heilen, oder sie zumindest lindern könnten.


Die kämpferische Teje

Die Jahre vergingen in Achetaton als ob es Tage wären und die Tage wie Jahre. Irgendwie schien die Stadt zeitlos zu sein. Auch die immer stärker werdenden Unruhen, vor denen Haremhab häufig warnte, gingen hier spurlos vorüber. Haremhab war immer wieder für längere Zeit nach Theben gereist, um die politische Situation zu beobachten, oder er hatte an den Landesgrenzen kleinere feindliche Einfälle mit seinem Heer zurückgeschlagen. Vor allem Schuppiluliuma, der hethitische König machte ihm Sorgen, immer wieder griff er die Grenzen des mitannischen Reiches an, versuchte aber, nicht so weit vorzudringen, daß Ägypten sich einmischten mußte. Auch Aziru, ein syrischer Fürst riß immer mehr Städte an sich, hielt sich aber auch vorerst an die Regel, Ägypten nicht in die Quere zu kommen. Sie betrachteten aus sicherer Distanz, wie die Grundfesten des Reiches unter einem kranken Pharao zu bröckeln begannen und warteten wie Aasgeier darauf, sich auf ein waidwundes wehrloses Opfer zu stürzen. Solange jedoch der Pharao lebte und vom starken Heerführer Haremhab beschützt wurde, blieb es bei kleineren Grenzscharmützeln. Es war das vierzehnte Regierungsjahr Echnatons angebrochen und seit sich die Anfälle der Krankheit der Götter bei Pharao immer häufiger gezeigt hatten, schien er manchmal sehr geistesabwesend zu sein und kümmerte sich immer weniger um seine Regierungsgeschäfte. Mehr und mehr zog er sich in seinen Glauben zurück und verbrachte Stunde um Stunde allein in den Palastgärten um Hymnen an Aton zu verfassen. Selbst seine einst so geliebte Gemahlin vernachlässigte er zusehends. Nicht nur die Feinde außerhalb des Landes, auch die abgesetzten Priester in und um Theben, die natürlich nach negativen Neuigkeiten lechzten, hörten davon und sahen langsam ihre Zeit gekommen verstärkt zu agieren. Allen Warnungen Haremhabs zum Trotz weigerte sich Echnaton die Grenzscharmützel oder die inländischen Intrigen ernst zu nehmen und regierte weiter friedlich und ohne Gewalt in seiner heiligen Stadt, ohne sich groß um die Politik zu kümmern. Er empfing wohl Abgesandte aus den entfernten Grenzgarnisonen, doch nahm er deren Bitten um Schutz und Verstärkung der Besatzung nicht ernst. Briefe seiner Festungskommandeure blieben oft ungeöffnet liegen oder wurden verlegt, was manchen Leuten gar nicht unpassend erschien. Speziell von Eye und Tutu wurde Echnaton regelrecht vom Rest der Welt abgeschirmt, so daß man den Eindruck haben konnte, es läge gar nicht in ihrem Interesse, wenn Pharao aus seiner Weltabgeschiedenheit zurückkehren würde. Haremhab wußte sich nicht mehr anders zu helfen und sandte, als sozusagen letzte Hoffnung, eine Nachricht an Teje, die energische kämpferische Mutter des Pharao. Vielleicht würden ihre Intelligenz und Vernunft bis zu einem gewissen Grad auch den Pharao beeinflussen.

                *

Prompt erhielt Echnaton die Ankündigung des erlauchten Besuchs seiner Mutter. Nefer hielt sich zu dieser Zeit, wie meistens, im Gemach der Königin auf. Sie salbte gerade deren Körper, gemeinsam mit der Amme Tiji, mit duftenden Ölen ein, als im üblichen ungestümen Stil der Pharao in den Raum stürmte. Er zeigte auch keinerlei Verlegenheit, als er seine schöne Frau in ihrer nackten Pracht da stehen sah, sondern begann unverzüglich in seiner hastigen Art zu reden: „Meine Mutter kommt, sie macht sich in den nächsten Tagen auf den Weg hierher.“ Nefer konnte nicht erkennen, ob er erfreut oder nur aufgeregt war. Bei Nofretete verhielt es sich anders: Nachdem sich ihre Überraschung über den Besuch ihres Gemahls gelegt hatte – schließlich hatte er sie in letzter Zeit selten aufgesucht – zog sie, was sehr selten vorkam, konsterniert die Augenbrauen hoch und es war ziemlich klar, daß sie über diesen überraschenden Besuch der Schwiegermutter nicht erfreut war. Sie schien eine Weile zu überlegen und meinte dann diplomatisch: „Wir sollten ihr in aller Eile einen eigenen Palast einrichten; sie wird sich sicher nicht mit ihrem ganzen Gefolge und all den Leuten in unserem herumdrängen wollen.“ Echnatons Gesicht hellte sich auf und er beugte sich vor und hauchte einen Kuß auf die Wange seiner Königin. „Du hast doch immer für alles eine Lösung parat.“ Damit eilte er wieder davon und ließ eine befriedigt lächelnde Nofretete zurück. Nefer verteilte weiter das duftende Öl auf dem immer noch wunderschönen Körper der Königin und überlegte, daß sie die Mutter des Pharao noch nie zu Gesicht bekommen hatte. Nun, ihr Wissensdurst würde ja schon bald befriedigt werden und die Königsmutter nach Achetaton kommen. Nefer hatte gehört daß Teje, aus ärmlichen Verhältnissen stammend, es trotzdem bis zur Hauptgemahlin von Amenophis III geschafft hatte und auf diesen, sowie auch auf ihren Sohn, einen gewaltigen Einfluß ausübte. Eine sehnsüchtige Hoffnung stahl sich immer wieder in Nefers Gedanken und ließ ihr keine Ruhe mehr. Teje würde sicher mit einem großen Aufgebot an Schiffen und Gefolge anreisen, vielleicht bestand ja eine Chance...Allein daran zu denken ließ ihr Herz schneller schlagen. Seit fünf Jahren hatte sie Antef nicht mehr gesehen, aber vergessen hatte sie den jungen Arzt und ihren ersten Kuß nie – obwohl er bald darauf nach Theben gereist war. Echnaton hatte ja damals, nach dem Fest und einem weiteren schlimmen Anfall, den jungen Arzt gebeten, dorthin und gegebenenfalls auch weiter zu reisen, um seine ärztlichen Künste speziell in Richtung der Krankheit des Pharao weiterzubilden. Seitdem hatte Nefer nur ab und an von ihm gehört. Die erste Zeit hatte sie sehr gelitten, obwohl sie sich gar nicht ganz darüber klar gewesen war, warum eigentlich. Mit der Zeit hatte der Kummer nachgelassen, aber vergessen konnte sie nie. All die jungen Männer, die sie umworben hatten, oder auch nur mit ihr geflirtet, hatte sie immer nach kurzer Zeit abgewiesen. Mit ihnen hatte nicht einmal das Geplänkel, geschweige den das Küssen solchen Spaß bereitet, wie mit Antef. Der Arzt hatte ihr immer wieder Grüße ausrichten lassen, wenn er dem Pharao Berichte über seine Forschungen schickte, aber es war eine so lange Zeit vergangen. Was, wenn er inzwischen verheiratet war? Was, wenn er zehn Kinder hatte? Nefer rieb so heftig an Nofretetes Haut, daß diese sie verwundert ansah.

                *

Es waren hektische Tage, die auf die Ankündigung des Besuchs der Königsmutter folgten. Etliche Arbeiter waren von ihren momentanen Arbeitsstellen abberufen worden und Echnaton schaffte es tatsächlich innerhalb von einer Woche einen prächtigen Palast einzurichten. Natürlich waren noch nicht alle Arbeiten beendet, als bereits einen Tag später Teje eintraf, doch einige Zimmerfluchten waren schon zum Bezug bereit. Vom Palastdach aus hatte ein Aussichtsposten den langen Troß von Schiffen gesichtet und sofort Bescheid gegeben. Wie schon bei der Ankunft von Nofretete, vor vielen Jahren, so wartete der Pharao auch jetzt vor dem Altar des Sonnentempels auf die Ankunft seiner Mutter. Der Hofstaat mitsamt der königlichen Familie und auch Nefer befanden sich bereits an Ort und Stelle, als Teje endlich den Platz betrat, gefolgt von ihrem Hofstaat und dem Volk von Achetaton. Die dunkelhäutige Frau umarmte Pharao, als ob er noch ein Junge sei. Leicht verlegen machte er sich nach einer Weile los und es wurde ihr zu Ehren ein Opfergottesdienst abgehalten. Nefer hatte weder Augen für die rührende Szene vor dem Altar noch für den Gottesdienst. Nur kurz hatte sie die kräftige dunkle Frau gemustert, ihre Neugierde in dieser Richtung konnte später befriedigt werden, dann ließ sie fieberhaft ihre Blicke über die Menschenmenge schweifen. Es war hoffnungslos. Zu viele Leute waren hier versammelt, um einen einzelnen zu erkennen. Plötzlich legte sich von hinten ein kräftiger Arm um ihre Hüfte. Nefer hatte schon ausgeholt um einem vermeintlich frechen Verehrer eine Ohrfeige zu verpassen, als sie im Herumwirbeln den sie Belästigenden erkannte. „Antef!“ seufzte sie. Die Knie wurden ihr weich, und jetzt mußte dieser starke Arm sie wirklich stützen. Für den Rest des Gottesdienstes standen sie schweigend aneinandergelehnt, nur näher beachtet von einem grinsenden Haremhab, der am Torbogen in der Nähe des Altars Wache stand. Endlich war der Gottesdienst vorüber und in verschiedenen Prozessionen bewegten sich die Menschen ihrem jeweiligen Viertel zu. Nefer und Antef folgten langsam dem Gefolge des Pharao und er flüsterte ihr zu: „Hast du mich vermißt?“ Als Antwort kniff sie ihn in den Arm und fauchte: „Meinst du, ich habe umsonst all die Bewerber um meine Gunst abblitzen lassen?“ Grinsend rieb er sich seinen Arm und antwortete: „Es müssen hunderte gewesen sein, bei deinem sanften anschmiegsamen Wesen.“ Sie zwickte ihn nochmal und meinte: „Tausende!“ Nefer fand es schade, daß sie jetzt am Bankett zu Ehren von Teje teilnehmen mußten, so viel lieber hätte sie sich stundenlang mit Antef unterhalten.... und nicht nur das, sie sehnte sich danach, ihn zu berühren, zu küssen... Aber auch dieser kleine Aufschub konnte ihrem momentanen Glück nichts mehr anhaben. Sie war viel zu selig darüber, daß die sie belastende Furcht, daß sie und Antef sich nach so langer Zeit nicht mehr verstehen könnten, unbegründet gewesen war. Es war, als wäre er nur einen Tag fortgewesen. Sie saßen sich an einem vollbesetzten Tisch direkt gegenüber und so konnten sie immer wieder Blicke wechseln und sich unter dem Tisch mit den Füßen berühren. Zwischendurch hatte Nefer nun doch ihre Neugierde befriedigt und sich die Königsmutter genauer angeschaut. Sie war keine Schönheit im üblichen Sinn, aber das Alter sah man ihr nicht an. Sie war von strenger, zeitloser Attraktivität. Ihre Haut war fast so dunkel wie die von Nefers Mutter. Ihre Augen waren mandelförmig und tiefschwarz. Sie standen weit auseinander und gaben ihr einen gerissenen Ausdruck. Die vollen Lippen wurden von strengen Falten eingerahmt, das Kinn war energisch vorgeschoben. Es war klar daß diese Frau wußte, was sie wollte und dies auch durchzusetzen verstand. Nefer wandte ihren Blick wieder Antef zu und konnte es kaum erwarten, daß das Bankett beendet würde und die Sitzordnung aufgehoben. Kaum hatten die Musiker zu spielen begonnen, schlichen die beiden sich davon. Als Antef die Richtung des Gartens anstrebte, schüttelte Nefer den Kopf und zog ihn mit sich. In den letzten Jahren hatte sie den Palast kennengelernt und so führte sie den Arzt zielstrebig in den Innenhof und zu dem inzwischen groß gewachsenen Baum mit den hängenden Zweigen. Sie schlüpfte unter das Laub und zog ihn mit sich zu Boden. Er landete auf ihr und sie versanken in einem wilden Kuß. Als Antef kurz Atem schöpfte, sah er Nefer seltsam ernst an und flüsterte: „Schwester, meine geliebte Schwester.“ Nefer stockte der Atem und ein heißes Gefühl preßte ihr Herz zusammen ob dieser Liebkosung. Es gab kaum stärkere Worte um seiner Liebe zu einer Frau Ausdruck zu verleihen, als sie Schwester zu nennen. Fest preßte sie ihren Körper gegen den seinen, während seine Hände mit sanfter Intensität darüberstrichen. Keiner von beiden konnte sich jetzt noch zurückhalten. Zu lange hatten sie aufeinander gewartet und nun wurden sie von der Liebe und dem Verlangen mitgerissen wie vom wilden Wasser um die Katarakte.

                *

Als Nefer viel, viel später in Richtung ihrer Gemächer schlich, war sie so glücklich wie noch nie. Die Sterne funkelten am dunkelblauen Firmament und schickten ihren matten Schein durch die Bogenfenster des Ganges, den Nefer mehr entlang tanzte als ging. Ihre zierlichen Sandalen hielt sie in den Händen, damit sie auf dem Steinboden nicht klapperten und ihre späte Heimkehr verrieten. Sie hatte zwar schon andere junge Frauen davon reden hören, aber daß die Liebe und das Verlangen etwas so Wundervolles waren, hatte sie nicht geahnt.


Intrige gegen Nofretete

Sie wollte eben leise an den Gemächern Echnatons vorbeigehen, als sie laute Stimmen vernahm und instinktiv innehielt. „Sie hat dich verhext. Du kannst so nicht weitermachen. Du versteckst dich vor der Welt und siehst nicht, wie deine Feinde sich dein Land Stück für Stück einverleiben!“ Nefer hatte die Stimme kurz auf dem Bankett gehört und würde sie überall wiedererkennen. Diese tiefen, guttural gesprochenen Worte kamen von Teje. Nefer sah sich um, konnte aber keinen Wachposten in der Nähe des Gemachs des Pharao entdecken. Wahrscheinlich hatte Teje die Wachen weggeschickt, um sich ungestört mit ihrem Sohn unterhalten zu können. „Ich habe schon an Aton geglaubt, bevor ich mit Nofretete verheiratete war! Bereits mein Vater war ein treuer Anhänger des einzigen Gottes und ich verschließe nicht die Augen vor der Realität, sondern ich lebe nach Gottes Wunsch in Frieden und ohne Gewalt!“ Konterte der Pharao. „Aber sie hat dich in dem Glauben bestärkt und dich zu übertriebenen Racheakten gegenüber derer verleitet, welche den alten Göttern treu geblieben sind.“ Sie verfiel jetzt in eine sanftere Redensart und meinte bittend: „Mein Sohn, komm zur Vernunft. Du sagst selbst, daß dein Gott Gewalt haßt, und daß er nicht will, daß jemand unterdrückt wird. Laß die alten Götter wieder leben, laß sie friedlich neben deinem Aton existieren, dann wird Kemet wieder in seiner alten Stärke erstehen und von anderen Völkern mit dem gebührenden Respekt behandelt werden.“ Nefer wußte, daß sie sich unmöglich betrug, aber sie konnte nicht aufhören zu lauschen. Sie hatte sich in die dunkelste Ecke einer der Marmorbänke des Ganges gedrückt und hielt den Atem an. Wieder ertönte die Stimme Tejes: „Und diese beiden sich einschmeichelnden Nattern von Berater, die du an deinem Busen nährst und die keinerlei politische Informationen an dich heranlassen, die mußt du absetzen. Sie sind nicht gut für dich!“ Nefer hörte, daß der König aufsprang und unruhig im Gemach auf und abging. „Mutter, ich bin erschöpft, laß uns morgen weiterreden.“ Die Schritte näherten sich der Tür. Anscheinend wollte der Pharao Teje hinauskomplimentieren. Noch ehe Nefer sich aus ihrem Versteck davonschleichen konnte, bemerkte sie, daß sie nicht die einzige Lauscherin gewesen war. Aus dem Schatten hinter dem breiten Steinrahmen der Tür zum Gemach des Königs huschte eine dunkle Gestalt und verschwand über den Gang durch eine der Türen. Der kurze Augenblick, in dem sich die Person durch den schwach erleuchteten Gang bewegt hatte, genügte. Nefer hatte die kleine wendige Gestalt von Tutu erkannt. „Hoffentlich hat er mich nicht gesehen." Murmelte sie inbrünstig vor sich hin, ehe sie jetzt in äußerster Eile in Richtung ihrer Gemächer davonrannte. Nachdem Nefer sich zu Bett begeben hatte, konnte sie lange nicht einschlafen, weil sie immer über das erlauschte Gespräch nachdenken mußte. Nofretete hatte also nicht umsonst eine Abneigung gegen Echnatons Mutter. Teje hatte massiv versucht, Pharao gegen seine Gemahlin aufzuhetzen. Das einzig Gute war, daß sie Eye und Tutu anscheinend schon von Anfang an durchschaut hatte. „Vielleicht sollte ich Nofretete warnen?“ Murmelte Nefer in ihr Kissen. Sie nahm sich vor, zumindest eine Anspielung fallenzulassen. Schließlich konnte sie ja nicht erzählen, daß sie Pharao und seine Mutter belauscht hatte. Damit hatte sie ihr Gewissen beruhigt und schlief im Gedanken an ihr Erlebnis unter dem Hängebaum doch noch glücklich ein.

                *

Nefer konnte ihr Vorhaben, Nofretete zu warnen, nicht wahrmachen. Sie wurde tagelang nicht zu ihrer Königin gerufen und auch die Bediensteten wussten nichts zu berichten. Anchesenpaaton schien zwar etwas zu ahnen, aber auch sie rückte nicht mit der Sprache heraus. Nefer ging täglich stundenlang in den Gärten spazieren und fütterte und streichelte die anhänglichen Palastkatzen um sich abzulenken und die Zeit zu überbrücken, bis zu den seltenen Treffen mit Antef, die sie ein wenig über die Ungewissheit hinwegtrösteten, was Tejes Anwesenheit für einen Einfluß auf ihr bisher friedliches Leben in Achetaton haben würde. Auch der Arzt zuckte nur ratlos die Schultern, wenn Nefer ihn nach den Ereignissen um das Königspaar fragte. Endlich, nach vier langen Tagen ohne Nachricht, wurde sie zu Nofretete bestellt. Während sie zu den königlichen Gemächern eilte fiel ihr ein, daß Antef ihr doch eine Information gegeben hatte: er hatte über zu wenig Zeit geklagt. Anscheinend hatte sich Echnaton, nach dem Gespräch mit Teje, sehr aufgeregt und hätte beinahe wieder einen Anfall erlitten, deswegen hatte der Arzt nicht gewagt, ihn über längere Zeit alleine zu lassen. Ob zu einem späteren Zeitpunkt ein Gespräch mit Nofretete stattgefunden hatte, konnte er jedoch nicht sagen. Das alles hörte sich nicht gut an und so betrat Nefer schon in gedrückter, Übles ahnender Stimmung den Raum und wurde fast von ihrer Königin umgerannt. Nofretete hastete durch die Zimmer daß ihr leichtes goldenes Gewand flatterte und warf wütend hier ein Gewand zu Boden, dort ein Paar Schuhe. Ihre Amme, Tiji, folge ihr jammernd und eine Dienerin sammelte die verstreuten Utensilien wieder auf und legte sie sorgsam in zwei bereitstehende große Truhen. Als die Königin Nefer sah, unterbrach sie ihre hektische Tätigkeit und kam auf sie zu. Sie atmete tief durch um sich zu beruhigen und sprach: „Nefer, mein Kind,“ sie nahm ihre beiden Hände in die ihren, „es tut mir sehr leid, was ich dir jetzt mitteilen muß.“ Sie zog die junge Frau mit sich auf einen goldenen Diwan und fuhr fort: „Ich werden mich in meinen eigenen Palast – das „Atonhaus“ – zurückziehen und ich möchte gerne, daß du mich begleitest. Wenn du hierbliebst, wäre deine Position nicht gesichert. So bleibst du meine Hofdame.“ Zärtlich blickte die Königin auf sie herab. „Außerdem kann ich mir nicht vorstellen, ohne meine kleine Adoptivtochter zu sein.“ Nefer brachte zuerst keinen Laut über die Lippen, dann fragte sie kleinlaut und mit Tränen in den Augen: „Und Pharao?“ Nofretetes Gesicht verschloß sich. „Er bleibt hier.“ Sie versuchte, ihre Gefühle zu verbergen, doch Nefer sah die tiefe Traurigkeit in ihren Augen. „Also hat sie es geschafft.“ Murmelte sie vor sich hin. „Was hast du gesagt?“ Aufmerksam betrachtete die Königin ihr Gesicht, da konnte sich Nefer nicht mehr zurückhalten. Weinend fiel sie vor ihrer Herrin auf die Knie und legte ihre tränennasse Wange auf ihren Schoß. Dann sprudelte die ganze Geschichte von dem zufällig erlauschten Gespräch und ihrer nicht mehr rechtzeitig gekommenen Warnung aus ihr hervor. Erst als sich das Schweigen in die Länge zog, hob sie voller Angst vor der eventuellen Mißbilligung Nofretetes vorsichtig den Kopf und sah zu ihrer grenzenlosen Überraschung, daß die Königin lächelte. Tröstend strich sie der jungen Frau über die weichen Locken und sagte: „Meine kleine Nefer, die du immer glaubst, du könntest alles Schlechte verhindern und die Welt retten. Nicht du bist zu spät gekommen, sondern ich. Ich hätte viel früher merken müssen was vorgeht und hätte dagegen ankämpfen müssen. Pharao hatte sich langsam aber sicher immer mehr von mir entfernt. Nun ist Teje gekommen und hatte leichtes Spiel, mir die Schuld an allem zuzuschieben. Nun ja, irgendeinen Sündenbock braucht man immer.“

                *

So war Nefer mit Nofretete, deren Amme Tiji und ein paar Dienern und Dienerinnen in den Palast der Königin übergesiedelt. Anfangs hatte Nefer sich gewundert daß Tiji, die ja schließlich die Gemahlin des Eye war, den Palast Echnatons verließ, um bei Nofretete zu bleiben. Später war ihr allerdings klargeworden, daß die Amme an der Königin wie an einer Tochter hing und diese nie alleine gelassen hätte. Auch besuchte Eye, zu Nefers Mißvergnügen, häufig seine Frau und sie verbrachte auch immer wieder ein paar Tage im Königspalast. Die Töchter der Königsgemahlin und sämtliche Nebenfrauen mit deren Kindern waren natürlich im großen Palast Echnatons geblieben und versuchten sich mit Teje gutzustellen, die sich zwar in ihrem noch immer im Weiterbau begriffenen Palast eingerichtet hatte, aber die meiste Zeit mit Echnaton hofhielt, als wäre sie die Königsgemahlin und nicht seine Mutter. Selbst Mutbenret, Nofretetes Schwester, hatte es vorgezogen zu bleiben. Es gingen Gerüchte, daß die Schöne Schwester Nofretetes ein Auge auf Haremhab geworfen hätte, da war es für sie natürlich wichtig, im Palast Pharaos zu bleiben, da sie den Heerführer dort natürlich öfter antraf. Für Nefer waren die Tage anfangs grau in grau. Es wurde besser, als Antef sie offiziell besuchte und ihr mitteilte, daß es Echnaton gerade recht gut ginge und er nun öfters kommen könne. Von da an war er ein täglich gern gesehener Gast in Nofretetes Palast. Auch wußte er natürlich immer die neuesten Neuigkeiten und sämtlichen Hofklatsch zu berichten, so daß auch die Königin und ihre Amme sich gerne zu Nefer und Antef gesellten, wenn diese durch die Gärten schlenderten und die von den Bäumen gefilterte Sonne genossen. Die Wochen wurden zu Monaten und Nefer war jetzt einundzwanzig Jahre alt. Es war das sechzehnte Regierungsjahr Echnatons und das Land wurde immer unruhiger. Nefer lauschte ängstlich jedem Bericht, den Antef überbrachte. Seit drei Jahren waren er und sie jetzt schon ein Paar und er hatte schon vor Monaten um ihre Hand angehalten. Immer wieder jedoch verschoben sie ihre Hochzeit, da die Berichte aus Theben ständig alarmierender wurden.


Die Spionin

Eines Tages winkte die Königin Nefer im Garten zu sich. Sie saß von Sonnenlicht umflossen auf dem gemauerten Rand eines Teiches und Nefer überkam ein ganz seltsames Gefühl. Die Szene erinnerte sie an einen Tag vor langer, langer Zeit. Genau wie damals hatte es sich auch an diesem Tag eine der vielen Katzen neben Nofretete auf der, von der Sonne gewärmten Mauer, gemütlich gemacht. Es schien Nefer, als ob jene glücklichen sorglosen Tage endlos weit zurücklagen und nie wiederkehren sollten. Nefer ließ sich im Gras zu Füßen der Königin nieder und sah sie erwartungsvoll an. Nofretete strich gedankenverloren über den schmalen Kopf der Katze. Sie schien zu zögern, doch dann überwand sie sich und begann schnell zu sprechen, so als ob sie Angst hätte, es sich anders zu überlegen, wenn sie noch länger über ihre Gedanken nachdächte. „Nefer, ich weiß gar nicht wie ich dich fragen soll.....aber du bist die Einzige, zu der ich noch Vertrauen haben kann. Selbst meine eigenen Kinder haben mich verlassen – eine meiner Töchter ist inzwischen sogar zur Gemahlin Echnatons geworden.“ Große Bitterkeit klang aus ihren Worten. „Da wäre noch Tiji, aber sie ist zu alt und außerdem Eyes Frau. Sie ist mir zwar ergeben, wird aber sicher nichts unternehmen, was ihrem Gemahl schaden könnte. Auch kann ich ihr diese Anstrengungen nicht zumuten.“ Inzwischen war Nefer neugierig geworden und sagte: „Meine Königin, sag was ich für dich tun kann! Du weißt, daß ich für dich und Pharao alles tun würde.“ Ein schmerzliches Lächeln huschte über die immer noch schönen Lippen. „Auch wenn mein Gemahl mich seit Jahren nicht mehr beachtet, ich liebe ihn immer noch. Und jetzt hör zu, Nefer. Haremhab hat mich aufgesucht. Er ist zwar nicht der treueste Anhänger von Aton, jedoch dem Lande Kemet treu ergeben. Er würde Echnaton nie verraten und würde auch keinen Verrat dulden. Ich habe also erfahren, daß die Unruhen im Lande Kemet beunruhigende Ausmaße angenommen haben und daß Eye und Tutu vor wenigen Wochen Achetaton verlassen haben, um nach Theben zu reisen unter dem Vorwand, sich um die Politik und um Medizin für Pharao zu kümmern. Inzwischen ist Tutu zwar zurückgekehrt, um seinen Platz als Berater an Echnatons Seite nicht zu verlieren und sich bei Teje einzuschmeicheln, Aber Eye ist noch in Theben und laut Haremhabs Vermutungen stehen die beiden in Verbindung und planen irgendeine üble Sache. Ich weiß, es ist sehr viel verlangt, aber ich möchte dich nach Theben schicken um auszukundschaften, was die beiden vorhaben. Du wirst nicht alleine sein, aber ich kann dir noch nichts Näheres sagen, das wäre zu gefährlich. Du hast einen wachen Verstand und du wirst nicht auffallen. Deine Intelligenz hat sogar Haremhab gelobt, dadurch sind wir auf dich verfallen. Er sagt, du hattest Eye und Tutu schon immer im Verdacht, etwas im Schilde zu führen.“ Nefer neigte den Kopf. „Ich werde tun, was immer ich muß um zu verhindern, daß dir oder Pharao ein Leid geschieht.“


Die Trennung

Traurig stand Nefer am Bug des Schiffes. Schon bald würde sie die alte Hauptstadt Theben erreichen. Der Abschied von Antef war ihr sehr schwer gefallen vor allem, da sie dem Geliebten nichts von ihrer gefährlichen Mission erzählen durfte. Offiziell reiste sie in die Stadt, um für den Pharao seltene Heilkräuter abzuholen. Antef hätte sie gerne begleitet, aber er war Pharao unabkömmlich. Nofretete hatte sich mit trauriger Herzlichkeit von Nefer verabschiedet, ihr Glück gewünscht und ihr eines von ihren Schiffen für die Reise stromaufwärts überlassen. Es war ein schlankes Segelschiff, welches schnell und wendig war. Der Wind stand gut, doch da sie sich gegen die Strömung bewegen mußten, dauerte die Reise länger als gedacht, da man meist die Ruder einsetzen mußte. Nefer kam sich sehr einsam vor und ließ sich immer wieder die Anweisungen, die sie durch die Königin erhalten hatte, durch den Kopf gehen. Sie würde am Hafen von Theben an einer bestimmten, kleineren Anlegestelle von Bord gehen und dort auf weitere Instruktionen warten. Mehr vom Plan wollte Nofretete nicht preisgeben. Sie hatte nur gesagt: „Wenn ich dir nichts verrate, kannst du dich niemanden gegenüber verplappern. Ich traue dir zwar zu, daß du schweigen kannst, aber es gibt Mittel und Wege sogar die treuesten Freunde zum Verrat zu zwingen.“ Nun war die junge Frau also auf sich allein gestellt. Nach fünf langen Tagen und Nächten, in denen sie vorwiegend an Antef gedacht hatte, kamen die ersten Häuser der Stadt der tausend Tore in Sicht. Das schlanke Schiff fuhr eine unscheinbare etwas abgelegene Anlegestelle an und wenig später stand Nefer im Gedränge der Hafenarbeiter, Fischfänger und anderer Einwohner und wußte nicht, was sie tun sollte. Die feinen Haare in ihrem Nacken stellten sich auf; sie hatte das bestimmte Gefühl, daß sie beobachtet wurde. Plötzlich, wie schon einmal vor langer Zeit im Lotussaal, fühlte sie eine kräftige Hand auf ihrer Schulter. Als sie erschrocken herumwirbelte, sah sie in die funkelnden Augen des General Haremhab. Als er ihren bestürzten Gesichtsausdruck bemerkte, begann er leise zu lachen. „Wen hast du denn erwartet? Deinen hübschen Arzt?“ Nefer lag schon eine freche Antwort auf der Zunge, doch die Erleichterung über Haremhabs Auftauchen ließ sie diese verschlucken. Er wurde wieder ernst und fuhr fort zu reden: „Ich habe lange mit der Königin beratschlagt und wir sind zu dem Schluß gekommen, daß ich mich nicht zum Spionieren eigne. Jeder kennt mich und Eye ist mir gegenüber sowieso schon mißtrauisch. Bei dir sieht es anders aus.“ Er blickte sie abschätzend an. „Allerdings müssen noch ein paar Veränderungen vorgenommen werden.“ Damit zog er die verwunderte Nefer hinter sich her.

                *

Tränen liefen ihr über die Wangen, als sie auf die rote Lockenpracht blickte, die nach und nach den Fußboden des Raumes bedeckte. Der Mann, der den Schaden anrichten mußte, schimpfte und zeterte vor sich hin, was es für eine Schande sei, das schöne Haar abzuschneiden. Man sah ihm allerdings an, daß hinter seiner Stirn schon die Rechnung aufgestellt wurde, wieviel er für eine Echthaar-Perücke aus dieser Pracht verlangen könnte. Die vornehmen Damen Thebens würden sich um eine Solche in dieser seltenen Farbe regelrecht reißen. Ungerührt lehnte Haremhab an der Wand und sah zu, wie Nefer kahlgeschoren wurde. Der Haareschneider war fertig und hielt ihr einen kleinen bronzenen Spiegel hin. Nefer warf nur einen kurzen Blick hinein, dann sprang sie zornig auf und warf dem feixenden General einen vorwurfsvollen Blick zu. Er gab dem Mann einen Kupferdheben und folgte der jungen Frau, die wütend aus dem Salon stürmte. „Niemand hat mir gesagt, daß ich mich verstümmeln lassen muß!“ Schrie sie, sich auf der Straße kämpferisch dem Krieger zuwendend. Haremhabs kantiges Kinn erbebte unter einem unterdrückten Lachanfall. Entschuldigend meinte er: „Es war nötig. Ich kann dich nicht anders im Haus des Lebens unterbringen. Frauen dürfen dort nicht lernen; nur jungen männlichen Priestern ist es gestattet, den Heilberuf zu ergreifen. Da du vom Priesterdasein auch keine Ahnung hast, müssen wir dich als Helfer einschleusen, das ist der einzige Weg. Ich weiß, daß Eye im Haus des Lebens ein- und ausgeht, angeblich um sich über Gegenmittel für Pharaos Krankheit kundig zu machen. Aber es liegt irgendwas in der Luft. So wie du jetzt aussiehst, wird er dich jedenfalls nicht wiedererkennen und ich hoffe, daß du es schaffst, an wichtige Informationen zu kommen.“ Nefer zog die Schultern hoch. „Aber wie soll ich dir mitteilen, wenn ich etwas herausgefunden habe?“ Haremhab erklärte: „Ich werde dir auf dem Weg zum Haus des Lebens die Pension zeigen, in der ich mir ein Zimmer genommen habe. Natürlich wohne ich im Palast, wie Eye auch, aber ich werde jeden Tag die Stunde des Sonnenuntergangs in der Pension verbringen. Dort kannst du mich dann erreichen.“ Haremhab bugsierte Nefer durch die engen Straßen der Innenstadt und besorgte ihr in einem Laden zwei schlichte gelbliche Leinengewänder mit Kapuze. Nur zwei Straßen vom Haus des Lebens entfernt befand sich ein größeres relativ vornehmes Haus, welches ihr Haremhab als seine Pension erklärte. Er öffnete ein kleines Tor in der Gartenmauer und sie erreichten durch einen gepflegten Garten eine Hintertür, die direkt zu Haremhabs gemieteten Räumen führte. Er hatte mit der Inhaberin, einer reichen Kaufmannswitwe vereinbart, daß er seinen privaten Eingang brauchte und ihr für ungestörten Ein- und Ausgang ein paar Kupferstücke extra zugesteckt. Haremhab zog Nefer herein. Es war ein schlichter, doch sehr sauberer und zweckmäßig eingerichteter Raum. Haremhab ließ ihr jedoch kaum Zeit sich umzusehen. Er schob sie hinter einen mit Papyrusschilf bemalten Sichtschutz und befahl ihr, sich umzukleiden. Mürrisch befolgte Nefer seinen Befehl und verschwand hinter dem Paravent. Als sie wieder hervorkam, musterte der General sie unzufrieden. „Nein.“ Murrte er kurz und sah auf Nefers kleinen festen, aber nicht zu übersehenden Busen. Er schien eine Idee zu haben, schnippte mit den Fingern und verließ überstürzt das Zimmer, eine ratlose Nefer zurücklassend. Wenig später kehrte er aber schon wieder zurück und zog triumphierend eine Art Bandage aus seinem Lederwams. „Hier, binde dir das um. Nefer verzog unwillig das Gesicht, fügte sich dann aber doch in das wohl Unvermeidliche. Als sie diesmal hinter dem Paravent hervorkam, nickte ihr Betrachter zufrieden. Vor ihm stand ein junger Mann, in ein schlichtes helles Gewand gekleidet, mit kahl geschorenem Kopf. Zwar war das Gesicht etwas zu fein für einen Jungen, doch im Schatten der Kapuze fiel das nicht auf. Nefer fand nicht viel Zeit zum Nachdenken, denn Haremhab zog sie schon wieder mit sich fort. Während sie die von Sphingen gesäumte Allee entlangschritten, die zum Tempel führte, erklärte er ihr noch: "Ich habe ein Empfehlungsschreiben für dich von einer hochgestellten aber relativ neutralen Persönlichkeit. Die Dame heißt Rapia und ist die verwitwete Gattin eines meiner Truppenführer. Sie hat geschrieben, daß du ihr Neffe bist und dich für den Heilberuf interessierst. Das müßte genügen. Laß dich auf wenig Gespräche ein, dann kannst du nichts falsch machen. Die Ärzte und Priester interessieren sich nicht für eine junge Aushilfe. Es wäre wahrscheinlich sowieso unter ihrer Würde sich mit dir groß zu unterhalten. Hältst du aber Augen und Ohren offen, kannst du bestimmt einiges herausfinden.“ Sie hatten jetzt ihr Ziel erreicht und Haremhab drückte ihr eine versiegelte Papyrusrolle in die Hand. „Weiter kann ich dich nicht begleiten, mich kennt hier jeder.“ Er hatte sich schon halb abgewandt, als er sich ihr ruckartig wieder zukehrte und sich mit der flachen Hand an die Stirn schlug. Mit angespannter Miene griff er sie am Arm und fragte besorgt: „Du kannst doch die Zeichen lesen und schreiben? Sonst fällt die ganze Mission ins Wasser! Es könnte sein, daß du irgendwelche Rezepte oder andere Schriften lesen mußt.“ Hochmütig zog Nefer eine Augenbraue hoch und meinte: „Edler Haremhab, ich wurde mit der Prinzessin Anchesenpaaton ausgebildet und habe mich weit mehr für die Schreibkunst interessiert als sie.“ Haremhab ließ grinsend ihren Arm los. Er salutierte spöttisch in ihre Richtung und war kurz darauf in der Menschenmenge, die den Vorplatz des Amuntempels bevölkerte, verschwunden.


Tempel

Nefer näherte sich zögernd dem riesigen von Obelisken gerahmten Pylonentor, das von zwei steinernen Pharaonen beschützt wurde, stieg dann aber entschlossen die breiten Steinstufen hinauf. Ein Wachposten stand davor und ließ lässig seinen Speer vor ihre Brust schwenken. Als sie ihm die Papyrusrolle reichte, öffnete er kurz das Tor und überreichte es einem vorbeikommenden Priester. Dieser erbrach das Siegel, überflog den Inhalt und winkte Nefer zu, ihm zu folgen. Sie durchquerten zuerst einen hohen, prunkvoll ausgestatteten überdachten Säulengang, dann den nach oben offenen, von drei Reihen Säulen umgebenen Sonnenhof und bogen vor den Räumen, welche zum Allerheiligsten gehörten und in denen früher der widderköpfige Gott Amun verehrt worden war, durch eine Seitenpforte ab. Diesen Tempel hatten die zerstörerischen Tilgungen der Götternamen und Bilder am ärgsten mitgenommen, da Amun und seine Priester die schlimmsten Konkurrenten des Sonnengottes Aton waren. Überall auf den buntbemalten, mit vielen Intarsien aus Gold und Elektrum versehenen Wänden klafften Löcher, durch die das rohe Baumaterial des Tempels zu sehen war. Nefer folgte dem Priester und über einen weiteren Säulengang erreichten sie einen großen Saal. Dort sah sie überall jüngere und ältere kahlgeschorene Männer hantieren. Einige behandelten gerade Patienten, andere arbeiteten an irgendwelchen Mixturen; wieder andere zogen Zähne oder behandelten kleinere Wunden. Der Priester erklärte Nefer, daß sie einfach nur herumgehen und die Ärzte und Auszubildenden fragen solle, bei was sie behilflich sein könne. Er würde dann am Abend wieder kommen und ihr das Quartier zeigen. Nefer legte das kleine Bündel, welches ihre gesamte momentane Habe enthielt, in eine Ecke und begann ihre Arbeit.

                *

Als sie abends von dem ihr bereits bekannten Priester abgeholt und in ihr Quartier geführt wurde, fühlte sie sich wie gerädert, aber auch zufrieden. Sie hatte sehr interessiert beim Zubereiten von Kräutertränken und verschiedenen Salben geholfen, was ihr ja aus der Kindheit noch bekannt war. Auch Antef hatte viele ihrer Fragen beantwortet und ihr einiges beigebracht. So war sie nicht gänzlich unvorbereitet in das Haus des Lebens gekommen. Sie hatte auch beim Bandagieren von Gliedmaßen geholfen, oder beim Säubern von Wunden. Insgesamt gesehen war es ein sehr interessanter, abwechslungsreicher Tag gewesen und die Ärzte und Auszubildenden waren sehr zufrieden gewesen mit ihrer Arbeit. Nefer hatte auch ihren Auftrag nicht vergessen und hatte versucht, immer wieder einmal unauffällig den Hohepriester Eye zu erwähnen. So hatte sie erfahren, daß der edle Eye jeden Tag einen speziellen Raum der Ausbildungsstätte aufsuchte, in dem die verschiedensten Mittel auf ihre Wirkung getestet wurden. Während sie sich in dem kleinen kahlen Raum umsah, in den der Priester sie geführt hatte, nahm sie sich vor gleich morgen früh zu versuchen, in eben diesem Forschungsraum eine Arbeit zu finden. Der Priester verließ sie und ließ im Hinausgehen den schlichten groben Leinenvorhang vor dem Durchgang zufallen. Der kleine weißgekalkte Raum enthielt lediglich einen Tisch mit einer Waschschüssel, eine Holztruhe und eine schlichte Pritsche als Bettstatt. Nefer ließ ihr Bündel in die Truhe fallen und setzte sich auf das Lager. Eigentlich hatte sie noch über so vieles nachdenken wollen, aber die Müdigkeit übermannte sie und sie sank seufzend auf die grobe Strohmatratze. Trotz der ungewohnten Unterlage war sie binnen kurzer Zeit eingeschlafen. Ihr Gewand hatte sie vorsichtshalber anbehalten; man konnte ja nie wissen, wann jemand unangemeldet den Raum betrat. Am nächsten Morgen erwachte sie erfrischt und zu neuen Taten bereit. Sie wusch sich das Gesicht, lüpfte ihr Gewand und reinigte auch den Körper mit frischem Wasser, dann zog sie ihren Kapuzenkittel mitsamt Brustbandage wieder zurecht. Sie begab sich in den großen Behandlungsraum und hielt Ausschau nach dem Arzt Siut. Ihm hatte sie gestern bei der Zubereitung verschiedenster Arzneien aus Kräutern und Pulvern zur Hand gehen dürfen, daher nahm sie an, daß er auch öfters den von ihr als Arbeitsplatz begehrten Forschungsraum benutzte. Bald hatte sie ihn gefunden und als sie ihn nach dem Zimmer fragte, antwortete er ihr freundlich: „Ich muß heute sowieso einige neue Tränke und Arzneien ausprobieren, dazu muß ich in den Forschungsraum. Du kannst gerne mitkommen und mir dabei helfen.“ Freudig nickte Nefer und folgte dem Arzt, der kurz darauf den großen Behandlungsraum verließ. Das Gelaß befand sich nur ein paar Gänge weiter. Es war fast so groß wie der Behandlungsaal und mit unzähligen Pulten, Tischen, Tiegeln, Töpfen und Röhrchen vollgestopft. Es hantierten schon ein paar Ärzte aber trotz intensiver Umschau konnte Nefer keine Spur von Eye entdecken. Es war schon einige Zeit vergangen und es mußte wohl auf Mittag zugehen, als Nefer aus dem Augenwinkel bemerkte, daß der von ihr Erwartete durch die Tür trat, sofort zu erkennen durch ein prächtiges rot-goldenes Gewand. Nefer versuchte von diesem Zeitpunkt ab, immer dem Arzt zur Hand zu gehen, mit dem sich Eye gerade beschäftigte. Am Anfang befürchtete Nefer noch, daß der Hohepriester sie wiedererkennen könnte; aber bald vergaß sie diese Angst. Eye beachtete sie kaum, und wenn dann zeigte er keinerlei Zeichen eines Erkennens. Er hielt sich gute vier Stunden im Labor auf, aber Nefer konnte nichts Verdächtiges feststellen. Er erkundigte sich nur bei den verschiedenen Ärzten nach ihrem jeweiligen Forschungsgebiet und interessierte sich anscheinend tatsächlich vorwiegend für jedwede Medizin, welche eine Linderung bei der Krankheit der Götter bewirken könnte. Beinahe jeden Tag tauchte Eye im Haus des Lebens auf und immer schaffte es Nefer, sich unauffällig in seiner Nähe herumzudrücken. Es dauerte allerdings über zwei Wochen, ehe ihre hartnäckige Geduld belohnt wurde. Es war noch sehr früh am Morgen aber Nefer hatte sich schon auf den Weg ins Labor gemacht. Sie bog gerade um eine Ecke des Ganges, als sie Eye entdeckte. Sie schnellte zurück hinter die Biegung der Mauer und spähte vorsichtig hervor. Der Hohepriester betrat den Forschungsraum und sah sich, bevor er endgültig durch die Tür schritt, noch einmal aufmerksam um. Als er verschwunden war, schlich sich Nefer zum Eingang des Zimmers. So leise es ging, öffnete sie die Türe einen winzigen Spalt und versuchte einen Blick ins Innere des Labors zu erhaschen. Sie hatte Glück; Eye stand mit dem Rücken zu ihr vor einem Pult am anderen Ende des Zimmers und unterhielt sich mit einem Arzt. Nefer hatte ihn schon öfter gesehen und wusste, dass sein Name Geb war. Eine Gänsehaut kroch ihr über den Rücken, denn inzwischen war ihr sehr wohl bekannt, daß dieser Geb vorwiegend für die Erforschung der verschiedensten Gifte eingesetzt wurde. Hatte Haremhab doch recht mit seiner Vermutung? Nefer sah noch, wie Geb Eye ein kleines Säckchen übergab, dann mußte sie sich hastig zurückziehen, denn Eye kam eiligen Schrittes in ihre Richtung. Nefer war schon um die Ecke gehuscht, hatte sich in eine Nische gedrückt und bemerkte somit nicht mehr, wie der Hohepriester zögerte, als er bemerkte, daß die Tür nicht richtig geschlossen war. Ärgerlich schüttelte er den Kopf und blickte mißtrauisch den Gang herauf und herunter. Dann verschwand er immer noch kopfschüttelnd den Flur hinunter. Nefer wartete in ihrem Versteck noch eine kleine Weile, dann eilte sie Eye nach. Sie achtete darauf, ihm nie zu nahe zu kommen was einfacher wurde, nachdem sie den Amuntempel verlassen hatten. Die Wache am Tor interessierte sich vorwiegend für Leute, die in den Tempel hinein- und nicht für die, welche hinauswollten, so hatte Nefer problemlos das Tempelareal verlassen können. Der Vorplatz und die breite von den riesigen steinernen Sphingen gesäumte Straße wimmelten von Leuten, Marktständen und Händlern. Nefer mußte sehr aufpassen, daß sie Eye nicht aus den Augen verlor. Manchmal schien er ihr schon entwischt zu sein, doch dann tauchte sein auffälliges rotgoldenes Gewand wieder im Menschengewühl auf. Plötzlich sah sie nur noch kurz einen roten Zipfel in einer schmalen Gasse zwischen zwei Häusern verschwinden, dann war der Hohepriester weg. Nefer näherte sich vorsichtig der Abzweigung und spähte um die Ecke. Sofort prallte sie wieder zurück und lehnte sich heftig atmend gegen die Wand des Eckhauses. Sie wollte ihren Augen nicht trauen und so warf sie noch einmal einen längeren Blick in die schmale düstere Gasse. Nein, sie hatte sich nicht getäuscht. Dort, hinter einigen Topfpflanzen halb verborgen, standen Eye und ......... Tutu heftig gestikulierend. Nefers beide Verschwörer waren mal wieder an einem Platz. Nefer sah noch, wie das kleine Säckchen von Eye zu Tutu wechselte, dann beeilte sie sich, den Ort des Geschehens zu verlassen. Die beiden Männer blickten sich um und verschwanden, Tutu in Nefers – Eye in die entgegengesetzte Richtung. Was Nefer nicht mehr sah war, daß Tutu sehr schnell die Hausecke erreicht hatte, hinter der sie sich verborgen gehalten hatte und suchend die Straße in beide Richtungen entlang spähte. Er erhaschte noch einen Blick auf eine sich auffällig hastig entfernende Gestalt im Kapuzengewand. Tutus listiges Gesicht verzog sich zu einem wissenden Grinsen.

                *

Nefer ging nicht gleich zurück ins Haus des Lebens, sie eilte direkt zur Pension des Haremhab. Sie hatte Glück, denn niemand sah, wie sie durch die Gartenpforte und die Hintertür das Gemach betrat. Nefer schaute durch ein winziges Fenster. Die Sonne stand hoch am Himmel. Es würde noch Stunden dauern bis zum Sonnenuntergang. Sie überlegte angestrengt und verließ noch einmal die Pension. Sie wollte versuchen, im Forschungsraum das Rezept von Geb zu finden. Es wäre sicherlich von Nutzen, wenn man den Inhalt des Säckchens kannte. Nefer eilte durch die Straßen und wurde ohne aufgehalten zu werden in den Amuntempel eingelassen. Die Wache kannte sie bereits. Ohne Störung erreichte sie den gesuchten Raum. Vorsichtig öffnete sie die Türe und sah sich um. Erleichtert stieß sie den Atem aus. Der Raum war leer. Hastig durchstöberte sie den Pult, an dem Geb und Eye hantiert hatten, konnte aber zu ihrer Enttäuschung nichts finden. Anscheinend war Geb umsichtig gewesen und hatte das Rezept entweder vernichtet oder versteckt. Als Nefer entfernte Geräusche auf dem Gang vor dem Forschungszimmer hörte, beeilte sie sich, unerkannt das Gemach zu verlassen. Wieder hatte sie Glück und durchquerte den Tempel und die Straße bis zur Pension ohne Unterbrechung. Inzwischen senkte sich die Atonscheibe bereits dem westlichen Horizont entgegen. Es konnte nicht mehr allzu lange dauern, bis Haremhab eintraf. Erschöpft von dem eilig zurückgelegten Weg zum Tempel und zurück setzte sie sich auf einen halbwegs bequemen Sessel und wartete. Sie mußte wohl irgendwann eingeschlafen sein, denn sie erwachte mit einem erschrockenen Schrei, als sie jemand an der Schulter berührte. Beruhigt sank sie auf den Sessel zurück, als sie Haremhab erkannte. Er setzte sich in einen Faltstuhl ihr gegenüber und nickte ihr aufmunternd zu: „Und, kleiner Spion, was hast du herausgefunden?“ Nefer begann hastig, aber auch mit einem Anflug von Stolz, zu erzählen: „Zuerst hab ich Eye fast zwei Wochen lang beobachtet; es geschah nie etwas besonderes. Aber heute ..... heute hat er von Geb – das ist der Arzt, der für die Gifte zuständig ist – heimlich etwas in Empfang genommen.“ Nefer holte aufgeregt Luft und fuhr fort: „Und was denkst du, mit wem sich der Hohepriester getroffen hat?“ Haremhab zog nur fragend die Augenbrauen hoch. „Mit Tutu!“ Platzte Nefer triumphierend heraus. Haremhabs Reaktion war nicht die erwartete. Er stützte lediglich das Kinn in seine Hand und nickte bedächtig. Nefer sah ihn enttäuscht an und fragte: „Du hast es schon gewußt?!“ „Nein, ich habe lediglich von meinen Informanten gehört, daß Tutu schon vor Tagen Achetaton verlassen hat, angeblich um sich in Theben über die Unruhen um das mitannische Reich und natürlich auch über die inneren Querelen im Land umzuhören.“ Er schüttelte erbost den Kopf. „Aber daß es schon soweit fortgeschritten ist...... Wir müssen umgehend die Rückreise antreten. Vielleicht ist noch was zu retten. Hast du sonst noch etwas herausgefunden?“ Gespannt blickten seine hellbraunen Augen sie an. Nefer senkte bedrückt den Kopf. „Nein, Herr. Ich hab noch nach dem Rezept des Arztes für den Inhalt des Säckchens gesucht, aber er muß es mitgenommen haben.“ Haremhab drückte Nefer ein paar Kupferdheben in die Hand und sagte tröstend: „Du hast dein Bestes gegeben und auch Einiges herausgefunden. Hör zu! Ich werde versuchen bis morgen früh ein Schiff zum Auslaufen fertig machen zu lassen und sofort einen Berittenen losschicken. Kauf dir Kleidung und Schuhe und schau, daß du bei Sonnenaufgang am Hafen bist. Diese letzte Nacht wirst du noch im Tempel verbringen müssen. Es wird dir nichts geschehen. Dich hat doch niemand wiedererkannt, oder?“ Nefer schüttelte den Kopf. „Gut, dann bis morgen.“ Als Nefer mit besorgten Gedanken und gesenktem Kopf das Zimmer verließ hörte sie ihn noch leise murmeln: „Und paß auf dich auf.“ Auf dem Weg zum Haus des Lebens kaufte Nefer ein paar unauffällige Frauengewänder, ein Paar einfache, aus Schilf geflochtene Sandalen und – mit Leichenbittermiene – eine Perücke. Im Tempel schien man ihre Abwesenheit kaum bemerkt zu haben. Sie brachte ihre Einkäufe in ihr Zimmer, dann arbeitete sie noch eine Weile im großen Behandlungssaal und zog sich schließlich in ihren kleinen Raum zurück. Es war eine sehr schwüle Nacht, so zog sie ihr Gewand aus, behielt nur die Bandage an und legte sich auf ihr unbequemes Lager. Schlaflos wälzte sie sich auf der Liegestatt herum. Es war drückend heiß und irgendwann gab Nefer es auf einschlafen zu wollen. Sie erhob sich, zündete eine kleine steinerne Öllampe an und zog sich ihr Kapuzengewand wieder über. Sie wollte im Tempelgarten spazierengehen bis sie müde war, vielleicht würde sie dann einschlafen können. Leise ging sie durch die Gänge und Innenhöfe bis sie eine kleine Pforte erreichte. Da der Tempelgarten zum riesigen Palastgelände gehörte, stand hier keine Wache. Nur die äußeren großen Tore waren bewacht, so daß normalerweise niemand ohne Genehmigung das Areal betreten konnte. Nefer schlüpfte hinaus und ging über den im Lichte Chons, des Mondgottes, weiß leuchteten Kiesweg. Es war die Zeit des Überschwemmungsgottes Hapi. Der Nil hatte Hochwasser und die Luft war feucht und schwer. Nefer erinnerte sich, einmal eine Abbildung des Gottes Hapi gesehen zu haben. Es war zu ihrer Kinderzeit in Theben, als Echnaton die alten Götter noch geduldet hatte. Hapi wurde als Mann mit einer Lotospflanze auf dem Haupt und weiblichen Brüsten, welche die Fruchtbarkeit symbolisieren sollten, dargestellt. Meist wurde er in seiner Verbindung mit dem Wasser des Nils in grün oder blau abgebildet. Nefer konnte ein Lächeln nicht unterdrücken als sie daran dachte, daß der Pharao in den letzten Jahren sie immer mehr an diese – halb männliche, halb weibliche – Götterdarstellung erinnert hatte. Echnaton hatte mit den Jahren seine schlaksige Figur verloren und an Hüfte und Oberkörper fast feminine Rundungen angenommen. Tränen traten ihr in die Augen, als sie an ihren kranken Herrscher dachte, den sie so lange nicht mehr gesehen hatte. Sie blickte zum dunklen Firmament und seinen leuchtenden Sternen auf, atmete tief den Duft der vielen blühenden Blumen des Gartens ein und zwinkerte trotzig die Tränen weg.


Der Mord und die Gefangennahme

Plötzlich stockte Nefers Fuß. Sie war mit den nackten Zehen gegen etwas Weiches gestoßen. Sie senkte den Blick und preßte sich die Hand auf den Mund, um den Schrei zu unterdrücken, der ihr in der Kehle aufstieg. Vor ihren Füßen, von Chons blassem Licht übergossen, lag die Leiche des Arztes Geb. Seine blicklosen Augen schienen sie vorwurfsvoll anzustarren, sein ehemals weißes Gewand war mit Blut besudelt, welches aus einer tiefen Wunde in der Brust gequollen war. Nefer wich rückwärts gehend in den Schutz einiger Oleanderbüsche zurück und sah sich die ganze Zeit wie gehetzt um. Wo war der Mörder? Geb konnte noch nicht lange tot sein. Das Blut war noch frisch und glänzte feucht. Sie hatte sich gerade vollends in den Schatten zurückgezogen, als sie auch schon Schritte und flüsternde Stimmen hörte. Nefer hielt entsetzt die Luft an und lauschte. „Es ging nicht anders, er wollte mich erpressen.“ Nefer versuchte flach weiterzuatmen aus Angst, selbst ihren Lebenshauch könnte man hören. Diese Stimme, Eye .......“Aber mußte es ausgerechnet auf dem Tempelgelände sein? Hier bringen wir die Leiche niemals unbemerkt weg.“ Nefer hatte schon beinahe damit gerechnet; die zweite Stimme gehörte Tutu. Eine Weile schwiegen die beiden Männer und Nefer riskierte einen Blick zwischen den Oleanderblättern hindurch. Sie standen nachdenklich vor dem Toten und schienen zu überlegen, was mit ihm zu geschehen hatte. Tutu brach schließlich das Schweigen. „Wir werden ihn hier irgendwo vergraben müssen. Es wird eine Weile dauern, bis man ihn findet und bis dahin sind wir schon längst aus Theben verschwunden. Man wird seinen Tod nicht mit uns in Verbindung bringen.“ Die beiden Männer hoben Geb hoch, einer an den Armen, einer an den Beinen und Nefer zog sich wieder tiefer in die Büsche zurück. Hektisch sah sie sich nach einem Fluchtweg um, denn die Feinde Echnatons kamen genau in ihre Richtung. Anscheinend hatten auch sie erkannt, daß unter den Oleanderbüschen ein optimales Versteck war. Wie eine in die Enge getriebene Katze kroch Nefer auf allen Vieren rückwärts, doch irgendwann blieb ihr nichts anderes übrig, als hochzuschnellen und loszurennen. Sie hörte Geräusche hinter sich, wagte aber nicht sich umzusehen. Unversehens wurde sie an der Hüfte gepackt und schlug der Länge nach auf den Boden. Noch ehe sie schreien konnte, wurde sie auf den Rücken gedreht und eine schmale aber kräftige Hand preßte sich auf ihren Mund. Sie sah mit Entsetzen in die schwarzglänzenden bösartigen Augen Tutus. Er grinste sie an und zischte leise: „Da haben wir ja den Spion im Kapuzenkittel. Schon als du so unvermittelt aus Achetaton verschwunden bist, kam mir das seltsam vor. Als ich dann einen Blick auf den Lauscher in den Gassen von Theben erhaschte, konnte ich mir einiges zusammenreimen – obwohl du einen ganz passablen jungen Mann abgegeben hast, was ich mit Anerkennung zugeben muß.“ Inzwischen war auch ein atemloser Eye aufgetaucht, dessen Gesicht vom eiligen Lauf so hochrot angelaufen war, daß es selbst im blassen Licht Chons zu erkennen war. „Hast du ihn erwischt?“ Keuchte er, blieb dann stehen und warf einen fragenden Blick auf Nefers liegende Gestalt. Tutu kniete auf ihren Armen, so daß sie sich nicht rühren konnte und hielt ihr immer noch den Mund zu. „Erkennst du sie nicht wieder?“ Höhnisch sah er zu Eye auf. Dieser beugte sich tiefer über Nefer und zog überrascht die Luft durch die Nase. „Das ist doch die kleine Freundin von Nofretete. Was treibt die denn hier?“ „Was wohl, spioniert hat sie.“ Tutus Worte trieften vor Hohn. „Wir werden sie beseitigen müssen.“ Meinte Eye, als ob es sich um eine lästige Fliege handeln würde. Tutu wandte Nefer sein zynisches Gesicht zu und sie sah, wie er die freie Hand erhob und sie zur Faust ballte. Es gab eine gewaltige funkensprühende Explosion in ihrem Kopf, dann wurde es Nacht um sie.

                *

Aton erhob sich gerade hinter dem grünen Land, daß den Nil säumte und verwandelte den Fluß in flüssiges Gold, als Haremhab schon in seinem üblichen Soldatenton am Hafen herumbrüllte. Das alles dauerte ihm zu lange; das Schiff würde kaum vor Mittag auslaufen können. Zwischendurch sah er sich um, ob seine kleine Spionin schon in Sicht wäre und wurde immer unruhiger. Er hatte Nefer inzwischen als mutiges zuverlässiges Mädchen kennengelernt und es paßte nicht zu ihr sich zu verspäten. Die Sonne stieg höher und höher und der Vormittag war schon deutlich fortgeschritten, als ein berittener Bote in rasantem Tempo auf Haremhab zugeritten kam. Kurz vor dem Heerführer parierte er das schwitzende Pferd durch, salutierte und reichte ihm eine versiegelte Papyrusrolle. Haremhab erbrach das Siegel und begann zu lesen. Mit jeder Zeile verfinsterte sich seine Miene mehr und als er fertig gelesen hatte schwieg er einige Augenblicke. Dann brach er wieder in hektische Betriebsamkeit aus. Er rief den Hauptmann seiner Medjay, dem er vollstes Vertrauen entgegenbringen konnte und wies ihn an, mit dem Schiff und einigen der Medjay baldmöglichst nach Achetaton aufzubrechen und dort dem Pharao mitzuteilen, daß er keinerlei Nahrung oder Getränk ohne Vorkoster mehr zu sich nehmen solle. Dann machte er sich auf den Weg in die Kasernen Thebens, um das Heer zu versammeln. Anscheinend hatte sich die Nachricht über die fortschreitende Krankheit Echnatons schon über Ägyptens Grenzen hinaus verbreitet, denn Aziru der Syrierfürst und Schuppiluliuma der Hethiterkönig wagten sich immer weiter ins Grenzgebiet des Landes Kemet vor. Hohe politische Beamte, welche zum Glück nicht wie Pharao die Augen vor dem nahenden Unglück verschlossen, hatten Haremhab den Brief, mit der dringenden Bitte die Grenzen des Reiches zu schützen, geschickt. Es blieb Haremhab nichts anderes übrig, als sich auf einen Feldzug vorzubereiten. Was würde es nützen, wenn er jetzt Pharao zur Hilfe eilte und dieser dann kein Reich mehr zu regieren hatte? Außerdem war für diese Aufgabe sein Stellvertreter, der Hauptmann Huya, genausogut geeignet. In der ganzen Hektik der Vorbereitungen hatte Haremhab jedoch nie ganz seine kleine Spionin vergessen und mit jeder Stunde, die verging, wurde er besorgter. Als er schließlich gegen Mittag desselben Tages die Nachricht erhielt, daß das Schiff auslaufbereit sei, verließ er den Kasernenhof, wo sich immer noch nach und nach Truppen einfanden. Er ritt zum Hafen, doch niemand hatte Nefer gesehen. Er wendete sein Pferd und trieb es in Richtung der Sphingenallee.

                *

Nefer erwachte mit einem Brummschädel. Sie wagte nur langsam die Augen zu öffnen und faßte sich stöhnend an den Kopf, als sich alles zu drehen begann. Das Zimmer wurde langsamer und hielt schließlich an. Nefer ertastete einen blutverkrusteten Riß an ihrer Schläfe, wo sie Tutus feiger Hieb getroffen hatte. Vorsichtig setzte sie sich auf und sah sich um. Sie befand sich in einem winzigen Raum. Die Wände waren grau und feucht, ein Fenster gab es nicht, lediglich eine rußende kleine Öllampe auf einem wackligen Tisch, die kaum Licht gab. Nefer merkte, daß sie auf einer Strohunterlage saß und sich sonst keinerlei Möbel im Raum befanden. Die Tür war aus massivem Holz. Nefer erhob sich und rüttelte daran; sie war natürlich von außen verriegelt. Sie sah sich nach irgendwelchen Gegenständen um, welche als Waffe zu gebrauchen wären, konnte aber nichts finden. Der Eimer für die Notdurft war aus eingefettetem Leder und somit nicht hart genug. Geschirr gab es nicht. Das Einzige, was Nefer noch entdeckte waren in die Mauer getriebene bronzene Halter für Fackeln. Sie zerrte und zog verzweifelt an ihnen herum, doch keiner ließ sich auch nur lockern, geschweige denn lösen. Mutlos sank sie wieder auf ihr Lager und begann zu warten. Sie wußte nicht, wieviel Zeit vergangen war, als sie Schritte hörte. Sie mußte sich auf Äußerste zusammennehmen um nicht in Panik auszubrechen. Ihr war klar, daß Eye und Tutu sie töten mußten. Sie wußte eindeutig zu viel. Sie konnte nicht verhindern, daß ein Zittern sie überlief, als die Schritte auf dem Gang vor der Türe ihrer Zelle verhielten. Sie hatte keinen Plan, konnte nur hoffen, dass ihr eine Chance zum Improvisieren gegönnt sein würde. Langsam wurde die Tür aufgedrückt und Tutu streckte den schmalen Kopf herein. Er betrat das Gelaß und grinste sie frech an, während seine Schlitzaugen höhnisch auf sie herabblickten. „So du kleiner Spion, jetzt hat es sich ausspioniert. Bis man dich hier unten oder den Arzt unter den Oleanderbüschen findet, bin ich längst über alle Berge und habe mir bei meinem Verbündeten Aziru meine Belohnung für die Beseitigung Pharaos abgeholt. In dem Echnatons Tod folgenden Chaos durch innere Unruhen und Rebellion wird es für Aziru ein Leichtes sein, sich sämtliche begehrte Grenzstädte anzueignen, ohne daß irgend jemand eingreifen wird. Ägypten wird viel zu sehr damit beschäftigt sein, den inneren Frieden wiederherzustellen.“ Während dieser Worte war Tutu immer näher gerückt und hatte hinter seinem Rücken einen breiten bronzenen Dolch hervorgezogen. Nefer hatte sich aufgerichtet, wie eine Maus vor der Schlange, den Blick immer in Tutus böse Augen versenkt. Fieberhaft überschlugen sich die Gedanken in Nefers Kopf und schließlich blieben ihre Augen, wie auch ihre Gedanken an einem Objekt hängen: Tutus „Rattenschwanz“. Nefer wich an der Wand entlang zurück, bis sie direkt neben ihrem Kopf den Fackelhalter spürte, dann wartete sie. Tutu kam auf sie zu, triumphierend hob er den Dolch, doch noch bevor er ihn niedersausen lassen konnte, hatte Nefer seinen Zopf gepackt, und ihn mit einer eleganten Bewegung um den Halter geschlungen. Durch den Ruck war Tutu vorwärts gestolpert und mit der Wange gegen die Wand geknallt. Nefer wand sich unter seinem unbewaffneten Arm hindurch und war im Dämmerlicht des Gangs verschwunden, noch ehe der fluchende Asiat seinen langen Zopf vom kupfernen Gestell gelöst hatte. Voller Angst raste Nefer den Gang entlang; sie hatte keine Ahnung, wo sie war. Sie wußte nur, daß sie sich noch immer auf dem Palastgelände befinden mußte, da Eye und Tutu sie unmöglich unbemerkt herausgeschafft haben konnten. Sie erreichte eine Treppe und hastete keuchend hinauf. Eine Tür! Nefers Panik wuchs, aber sie hatte Glück: die Tür ließ sich problemlos öffnen. Nun erkannte sie auch den breiten Flur wieder. Er war bunt bemalt, doch die leeren Stellen, wo der Gott getilgt worden war zeigte ihr, daß sie auf dem Weg zur großen Halle des Amuntempels war. Dorthin wollte sie; sie wollte das große Tor zur Allee erreichen, wollte nur noch irgendwie das Tempelgelände verlassen. Als sie atemlos durch den großen Saal rannte, sahen ihr einige Priester vorwurfsvoll nach, doch es hielt sie niemand auf. Hilfe wollte sie sich auch nicht erbitten, wie hätte sie schließlich ihre ganze Rolle in dieser Sache erklären sollen? Also rannte sie weiter, riß das Tor auf und stürzte hinaus. Hinter sich, auf dem Fußboden der Halle hörte sie schon die Schritte ihres Verfolgers hallen. Der Soldat, der den Ausgang bewachte, war so perplex daß jemand aus dem Tempel aus- und nicht einbrach, daß er Nefer nur verständnislos nachblickte. Nefer rannte über den Vorplatz, als sie die Sphingenallee erreichte, ging ihr immer mehr der Atem aus. Schließlich blieb sie stehen und lehnte sich, erschöpft nach Luft ringend, gegen eine der mächtigen Statuen. Sie sah ihrem Verfolger entgegen, der sie siegessicher betrachtete. Tutu hatte den Dolch in den Falten seines Gewandes verborgen. Er würde sie wohl nicht hier auf offener Straße töten, aber wenn er sie mitschleifte, was sollte sie schon machen? Er war ein mächtiger Mann, ihm würde schon eine glaubwürdige Geschichte einfallen, um ihre Entführung zu rechtfertigen.


Der Retter in der Not

Er hatte sie schon fast erreicht, als daß Grinsen von seinem Gesicht wich. Ungläubig starrte er auf einen Punkt hinter Nefers Rücken. Sie wandte sich um und sah ein Pferd in rasendem Tempo über die Allee sprengen, einen äußerst grimmig blickenden Haremhab tragend. Er ließ sein Kampfroß so dicht vor Tutu anhalten, daß dieser einen Sprung zur Seite machen mußte, was sich mit seiner sonst so gehegten Würde nicht gut vertrug. Wütend starrte er zum Heerführer empor. „Ich wollte die Hofdame der Königin abholen – oder hast du was dagegen?“ Fragte Haremhab herausfordernd. Tutu schluckte seine Einwände hinunter und machte eine gleichgültige Geste in Nefers Richtung. Dann wandte er sich ab. Nefer wußte, daß er sie nicht einfach so laufen lassen wollte, aber im Moment konnte er nichts gegen sie unternehmen. Haremhab hob sie lachend vor sich aufs Pferd und ritt mit ihr zum Hafen hinunter. „Erzähl mir, was passiert ist!“ Rief er ihr über dem Stimmengewirr des Hafenviertels zu. Seine Miene verfinsterte sich zusehendes mit jedem Wort von Nefers Bericht. Als er den Anlegesteg mit dem Schiff nach Achetaton erreicht hatte stieg er vom Pferd, hob Nefer herab und fluchte laut vor sich hin, als er die Verletzung an ihrer Stirn sah. „Ich sollte diesem Hurensohn den dürren Hals umdrehen!“ Zischte er, winkte dann einen seiner Medjay herbei und drückte ihm Kupferstücke in die Hand. „Geh, kauf der jungen Frau Kleidung und Schuhe.“ „Und eine Perücke!“ Fügte Nefer finster hinzu und der Heerführer konnte schon wieder grinsen. Der Soldat verschwand schweigend in den Hafengassen.


Die Heimkehr

„Für dich wäre es zu gefährlich noch einmal in die Stadt zu gehen, was zu beweisen war.“ Mit diesen Worten wandte er sich wieder ernstgeworden der jungen Frau zu. Während er Nefer nachdenklich ansah fuhr er fort: . „Du bist ein mutiges Mädchen. Und du mußt weiterhin deinen Mut beweisen. Ich kann dich nicht nach Achetaton begleiten. Ich muß das Heer sammeln und die Grenzen verteidigen. Ich habe Huya, meinen Hauptmann in unser Geheimnis eingeweiht und werde dich unter seinen persönlichen Schutz stellen.“ Bedauernd sah er sie an. „Es bleibt mir keine Wahl.“ Er ging mit eiligen Schritten auf einen großen dünnen aber athletischen dunkelhäutigen Mann zu und sprach kurz und heftig auf diesen ein, während er auf Nefer deutete. Dann ging er zurück zu seinem Pferd, stieg auf und ritt ohne ein weiteres Wort davon. Der Mann kam auf Nefer zu und stellte sich ihr als Huya vor. Inzwischen war auch der ausgesandte Soldat mit einem Packen Kleidung, einem Paar Sandalen und der Perücke aus den engen Gassen zurückgekehrt. Der Hauptmann ließ ein Pferd bringen und schickte den Mann gleich weiter, um Pharao zu warnen, falls der am Vortag geschickte Reiter sein Ziel nicht erreichen würde. Mit dem Schiff würden sie wahrscheinlich länger brauchen, da sie bei Nacht ankern mussten. Als der Reiter außer Sicht war schob Huya Nefer mitsamt dem ihr überreichten Paket auf die Planke zum Schiff und machte Gesten, wie um Federvieh zu scheuchen. Kaum hatten beide das Deck erreicht, zog man die Planke ein und setzte Segel um auszulaufen. Nefer warf noch einen suchenden Blick über den Hafenplatz, doch sie konnte keinen Blick mehr auf Haremhab erhaschen. Innerhalb kürzester Zeit hatte das schlanke Schiff die Strommitte erreicht und segelte nilabwärts.

                *

Huya war ein äußerst vorsichtiger Mann. Da er mit Attentaten auf sich oder Nefer als Informationsträger rechnete ließ er sogar nachts, wenn das Schiff aus Vorsicht vor Untiefen oder Felsen pausieren mußte, in der Mitte des Flusses ankern, damit vom Ufer aus kein Angriff erfolgen konnte. So vergingen die ersten zwei Tage der Reise ohne besondere Vorkommnisse. Am dritten Tag jedoch erkrankte einer der Soldaten am Fieber und da sie sich ganz in der Nähe des Ortes Siut befanden, legten sie abends an einem kleinen Steg am Ufer an. Aus Angst vor Ansteckung ließen sie den Soldat in der Obhut des Dorfarztes zurück, welcher über das Goldstück, welches er als Entlohnung erhielt, nicht unglücklich war. Nefer hatte sich angeboten, bei der Pflege zu helfen, aber Huya hatte es ihr verboten: „Du wirst für eine andere Mission gebraucht, hast du das vergessen?“ Verlegen hatte sie den Blick gesenkt. Huya ließ sicherstellen, daß eine Feluke bereitstand um den Mann weiterzubefördern, sobald er wieder auf den Beinen war. Als er mit den Soldaten, die ihn begleitet hatten, zum Schiff zurückkehrte war es bereits so dunkel, daß ein Ablegen gefährlich geworden wäre. Es blieb ihnen also nichts anderes übrig, als über Nacht am Steg vor Anker zu bleiben. Nefer schlief unter einem gespannten Segeltuch, aber der Schlaf brachte ihr keine Entspannung. Sie wälzte sich von einer Seite auf die andere und erwachte immer wieder mit einem unguten Gefühl. Sie beruhigte sich erst wieder, wenn sie Huyas sehnige Gestalt, sein Profil mit der gebogenen Adlernase dem Ufer zugewandt, als Wache am Bug des Schiffes sitzen sah.


Der Angriff

Als sie wieder erwachte, verblaßte das Licht Chons bereits um bald dem Morgen Platz zu machen. Nefer warf einen obligatorischen Blick zum Bug des Schiffes und setzte sich sofort ruckartig auf. Huya war verschwunden, doch noch ehe Nefer eine Warnung rufen konnte, brach schon die Hölle über sie herein. Schwarze Gestalten, vom Mondlicht nur kurz aus der Dunkelheit gerissen, stürmten unter lautem Geschrei über das Deck der Barke. Sie schwangen Messer und Speere. Doch Haremhabs Medjay waren eine Elitetruppe und von einem Moment auf den anderen hellwach. Es entbrannte ein wütender Kampf auf Leben und Tod. Eine der Gestalten rannte auf Nefer zu. Sie wich bis an die Bordwand zurück und starrte stumm auf den Mann. Über den Horizont krochen bereits die ersten schwachen Strahlen Atons und Nefer konnte in der roten Morgendämmerung erkennen, daß es sich wohl um räuberische Nomaden handelte. Ihr Angreifer, sowie auch die anderen Männer, trugen Turbane und ihre Gesichter wurden von einem Streifen Tuch verhüllt, so daß nur die Augenpartie freiblieb. An dieser aber und an den Händen erkannte Nefer, daß es sich um dunkelhäutige Wüstenbewohner handelte. Der Mann hatte Nefer fast erreicht und schwenkte seinen blitzenden Dolch. Im letzten Moment wurde er ruckartig von den Beinen gerissen und Nefer sah mit Erleichterung den total durchnäßten Huya sich vom Boden erheben, von wo aus er dem Räuber die Füße weggezogen hatte. Er mußte wohl eben über die Bordwand gekrochen sein, und ihre mißliche Lage erkannt haben. Mit einem zufriedenen Laut stieß er dem Nomaden eine Lanze ins Herz. Nefer bemerkte, daß Huja eine blutende Wunde an der Schulter hatte und dass das Blut sich mit dem Wasser vermischte, welches ihm vom Körper troff. Wahrscheinlich hatten ihn die Räuber überrascht, verletzt und in den Fluß geworfen. Zum Glück war er offensichtlich den Krokodilen entkommen. Der Kampf tobte nur kurz, dann suchten die Nomaden ihr Heil in der Flucht. Allerdings stellten die Soldaten im Nachhinein fest, daß der Angriff nur zur Ablenkung gedient hatte. Während sie in den Kampf verwickelt gewesen waren, hatten einige der Räuber Löcher in den Schiffsrumpf geschlagen und die Barke begann zu sinken. Verzweifelt saßen die Männer und Nefer im frühen Morgenlicht an der Anlegestelle und blickten auf das halb gesunkene Schiff. Es war klar, dass die Angreifer gedungen gewesen waren, um ihre Ankunft in Achetaton zu verzögern. Da sie diesmal ohne Begleitschiff, das heißt auch ohne Pferde und Wagen, unterwegs waren, saßen sie hier fest. Als erstes besah sich Nefer die Verletzungen der Soldaten und versorgte sie so gut es möglich war. Mit Hilfe der Anwohner und einiger Stücke Kupfer wurde dann die Barke über Holzrollen ans Ufer gezogen und man begann sie, so gut es eben möglich war, auszubessern. Während die Soldaten am Ufer Zelte aufschlugen um dort zu lagern, trieb Huja im Ort ein halbwegs taugliches Pferd auf und schickte einen seiner Männer mit Haremhabs Anweisungen zum Pharao. Er war sich nach diesem Attentat sicher, dass die anderen berittenen Boten den Hof des Königs nicht lebend erreicht hatten und hoffte, dass es der nächste schaffen würde. Trotzdem sich alle viel Mühe gaben und selbst Nefer half so gut es ging, dauerte die Reparatur doch zwei Tage; schließlich waren die Männer Soldaten und keine Schiffsbauer. Endlich war es soweit und sie holten die Männer aus dem Ort zur Hilfe um daß Schiff wieder über Holzrollen langsam zurück ins Wasser gleiten zu lassen. Eine Weile beobachteten alle still und abwartend, was passieren würde. Dann, nachdem das Schiff nach längerer Zeit keine Ansstalten machte zu sinken oder zu kippen, brachen die Männer am Ufer in Begeisterungsrufe aus und klatschten in die Hände. Nun wurde in aller Eile die Weiterfahrt vorbereitet.


Das Ende einer Äera

Nefer stand den letzten Tag der Reise ständig an der Reling und blickte den Fluß hinab. Ein Gefühl tiefer Hoffnungslosigkeit hatte von ihr Besitz ergriffen. „Wir werden zu spät kommen.“ Sagte sie zu Huya, der seine Verletzung gut überstanden hatte. Finster blickend stand er neben ihr und nickte nur. Am Nachmittag des sechsten Tages, nachdem sie Theben verlassen hatten, kam endlich Achetaton in Sicht. Als sie am Hafen anlegten und das Schiff verließen, fiel ihnen sofort die unheimliche Ruhe auf, die über der Landschaft hing. Am Hafen lagen keine Schiffe vor Anker, die breite Straße, die nach Achetaton hinein führte, war verlassen. Langsam näherten sie sich den leuchtend aufragenden Mauern, die vom abendlichen Schein Atons in ein unwirklich golden schimmerndes Licht getaucht waren. Auch in den Straßen des Arbeiterviertels herrschte auffällig wenig Betrieb und im Palastviertel angelangt herrschte eine Ruhe, als ob Mensch und Tier abwartend die Luft anhielten. Die Soldaten hatten sich als Truppe formiert, angeführt von ihrem Hauptmann Huya. Nefer wurde, was sie selbst verwunderte, in einer hastig gebauten provisorischen Sänfte hinter Huya hergetragen. Sie hatte sich in ein schlichtes weißes Gewand gehüllt und sich auf dem Schiff so gut es ging gewaschen, geschminkt und dann widerwillig die schwarze Perücke aufgesetzt. Es war nur das nötigste vorhanden gewesen; schließlich handelte es sich um eine Militärbarke und nicht um ein Prachtschiff der Königin. Nefer blickte die schimmernden Straßen entlang auf die ihr bekannten Paläste und den Sonnentempel. Als sie diesen passierten und sich Echnatons Palast näherten, schnürte sich ihr vor Angst und Besorgnis das Herz zusammen.

                *

Nefer hob den Kopf von den Knien und schaute sich kurz verwirrt um. Sie fuhr sich wie erwachend mit der Hand über die Stirn und streifte dabei die bereits gefährlich schief sitzende Perücke von ihrem Haupt. Es dauerte eine Weile, bis sie von der Vergangenheit wieder in die Gegenwart zurückfand. Sie warf einen Blick auf den schlafenden Pharao. Die Wache an der Tür war inzwischen abgelöst worden und Huya, der übernommen hatte, zwinkerte ihr zu. Nefer war sofort nach ihrer Ankunft in der Stadt des Horizonts in den Palast geeilt. Man hatte sie durch die beinahe menschenleeren Gänge geführt und auch sofort zum Pharao vorgelassen, zudem sie sich ja auch noch in Begleitung des Hauptmannes Huya befand. Sie hatte Echnaton in tiefer Bewußtlosigkeit vorgefunden, aus der er erst dieses eine mal für kurze Zeit erwacht war. Nefer erhob sich entschlossen und ging hinüber zu Huya. „Ich werde mich im Palast umsehen- und hören. Weißt du etwas über Eye und Tutu?“ Huya verzog verächtlich das Gesicht. „Eye, dieser Verräter, hat sämtliche Zusammenarbeit mit Tutu abgestritten und seine Treue zu Echnaton beschworen. Tutu ist von Theben nur kurz hierher gekommen und danach sofort untergetaucht. Wahrscheinlich hat er den Überfall auf unsere Barke organisiert um uns aufzuhalten; so hatte er Zeit, uns einzuholen und dem arglosen Pharao das Gift zu verabreichen. Wie ich bereits befürchtete haben die Boten Achetaton nie erreicht. Eye können wir die Beschaffung des Giftes nicht nachweisen, da der Arzt Geb tot ist und dann dein Wort gegen das eines Hohepriesters stünde.“ Nefer nickte bedrückt. Eben als sie das Gemach verlassen wollte, öffnete sich die Türe und Antef trat ein. Nefer wurden die Knie schwach, als sie das geliebte Gesicht so unerwartet vor sich sah. Sie hatte seit ihrer Ankunft vor Stunden den König noch kein einziges mal verlassen. Jetzt sank sie mit einem Seufzer dem ebenso überraschten wie erfreuten Verlobten an die Brust. Er hielt sie eng an sich gepreßt und Huya begann verlegen mit einem riesigen Dolch seine Fingernägel zu reinigen. Mit einem schiefen Lächeln strich ihr Antef über den Kopf, wo sich, anstatt der langen Mähne, jetzt rote kurze Stoppeln erhoben. „Nicht nur innerlich, sondern jetzt auch äußerlich – widerborstig – ?“ Grinste Antef sie an, doch die Tränen in seinen Augen straften seinen scheinbaren Zynismus Lüge und zeigten wie aufgewühlt er war. Nach einer langen Weile schob er Nefer sanft von sich und näherte sich Echnatons Schlafstatt: „Wie geht es ihm?“ Er legte eine Hand auf die Stirn des Kranken. „Seit ich da bin, unverändert. In den letzten vier Stunden ist er nur einmal kurz aufgewacht. Er hat mich erkannt und angesprochen, bevor er wieder zurück in die Ohnmacht glitt.“ Antwortete Nefer. Resigniert schüttelte Antef den Kopf. „Ich kann ihm nur Linderung verschaffen, helfen kann ich nicht." „Ich weiß.“ Nefer ließ den Kopf an seine Schulter sinken und ihre Tränen benetzten sein weißes Gewand. Nefer wartete bis der Arzt den Pharao routinemäßig untersucht hatte, dann verließen sie gemeinsam das Zimmer. Nefer zog Antef durch die Gänge und zielstrebig in „ihren“ Innenhof. Auf einer Steinbank in der Nähe des Hängebaumes und des kleinen Wasserfalls ließen sie sich nieder. „Wir haben auch noch andere Ärzte hinzugerufen aber Siamun sagt, sie wissen alle nicht weiter. Sogar Teje hat ihren Sohn verlassen. Sie hat erkannt, dass es zu Ende geht und ist nach Theben gereist, um zu retten, was zu retten ist.“ Nefer legte Antef zärtlich die Hand auf die Schulter und sagte mit tiefer Trauer in der Stimme: „Es ist meine Schuld. Ich bin zu spät gekommen.“ Stürmisch riß er sie in seine Arme. „So etwas darfst du nicht sagen, ja nicht einmal denken. Wie kommst du nur auf so etwas? Echnaton ist vergiftet worden, niemand hätte das verhindern können!“ Nun brach Nefer endgültig in verzweifeltes Schluchzen aus, ihre mühsam aufrechterhaltene Fassade der Stärke brach vollkommen zusammen. „Doch,“ weinte sie, „ich hätte es verhindern können.“ Und dann begann sie, Antef die ganze Geschichte ihres abenteuerlichen Auftrages in Theben zu erzählen. Als sie geendet hatte strich er sanft über ihre tränennassen Wangen. „Ich hab ja gewußt, daß du mutig und stark bist, aber du hast für deine Königin und für Echnaton dein Leben riskiert. Sie wissen wahrscheinlich gar nicht, was sie an dir haben.“ Nefer schniefte und wischte sich über die Augen. Mit zittriger Stimme fragte sie Antef: „Was ist überhaupt mit der Königin? Warum ist sie nicht bei ihrem Gemahl in diesen Stunden der Not? Und was ist mit seinen Töchtern und all den Nebenfrauen und Kindern? Wo sind die Soldaten? Ich habe nur ganz wenige gesehen außer denen, die mit Huya und mir gekommen sind.....“ „Langsam, langsam, eines nach dem anderen.“ Antef lächelte. „Mir scheint, daß es dir langsam besser geht. Jedenfalls ist die alte Neugier wieder erwacht.“

                *

Im Laufe des Gesprächs erfuhr Nefer, was sich in ihrer Abwesenheit in Achetaton zugetragen hatte. Antef hatte eine Weile überlegt und dann bedächtig zu erzählen begonnen: „Nachdem du Achetaton verlassen hattest, hat sich die Lage immer mehr zugespitzt. Nofretete hat offen ihr Mißtrauen gegenüber Eye geäußert. Daraufhin hat dieser die Amme der Königin, Tiji seine Gemahlin, von der Seite Nofretetes abberufen. Widerwillig und mit vielen Tränen ist diese der Aufforderung gefolgt. Nofretetes Schwester, Mutbenret, hatte inzwischen die Intrigen Tejes, der Mutter Echnatons, satt und begab sich mit ihrer Dienerschaft zu ihrer Schwester in den Palast. Als deine Freundin und inzwischen königliche Gemahlin Anchesenpaaton eines Morgens ihre Mutter besuchen wollte, fand sie den Palast leer. Niemand weiß, wohin die Königin und ihre Schwester gegangen sind. Es fehlte allerdings eines der königlichen Schiffe und es wird gemunkelt, dass Haremhab aus dem Hintergrund die Aktion unterstützt hat um Mutbenret, mit der er sich verheiraten will, in Sicherheit zu bringen. Er weiß wohl am besten, auf welch wackligen Beinen die Regierung des Landes in letzter Zeit steht. Das Nofretete ihre Schwester begleitet hat, war voraussehbar, so unglücklich wie sie in ihrer ganzen Ausgeschlossenheit war. Sie hatte, nach Aussage Anchesenpaatons, viel geweint in der Zeit vor ihrem Verschwinden. Sie hat anscheinend die Hoffnung aufgegeben, daß Echnatons wankelmütiger Charakter unter Tejes Einfluß noch einmal die Stärke aufbringen würde, die er einst besaß. Ein Dasein am Rande der königlichen Gesellschaft und vom Pharao verstoßen wollte Nofretete wohl nicht weiterhin führen. Sie hat den Giftanschlag auf ihren Gemahl gar nicht mehr mitbekommen und meiner Ansicht nach ist es gut so. Nach Tutus kurzem aber tragischen Auftritt warf es Echnaton, dessen Gesundheit vorher schon stark angegriffen war, sofort nieder. In den letzten zwei Tagen seit er darniederliegt sind seine sämtlichen Kinder und Nebenfrauen, außer Anchesenpaaton, Teje nach Theben gefolgt im Bewusstsein, dass Achetaton mit Echnaton sterben wird. Hier herrscht die Stille des eintreffenden Todes. Was die Soldaten betrifft, so sind die meisten ebenfalls nach Theben geeilt um Haremhab nachzufolgen, der an die Grenzen des Landes abberufen wurde.“ Nefer schwieg eine Weile; sie mußte das alles erst verarbeiten. Ihre Königin verschwunden? Der Pharao von allen verlassen? Was war aus der perfekten Welt geworden, die sich Echnaton erträumt hatte? „Aber was ist mit der Stadt? Es sind kaum noch Menschen in der Stadt!“ Nefer sah Antef fragend an. „Viele der Arbeiter und auch viele der Vornehmen haben Achetaton verlassen. Sie haben Angst. Es sind Unruhestifter aufgetaucht, die im Namen der Amunpriester die Angst vor dem Niedergang Achetatons und der darauf folgenden Plünderung schüren. Nefer, du erlebst hier die letzten Stunden eines verlorengegangenen Traumes!“ Antef senkte traurig den Kopf und diesmal war es Nefer, die ihm tröstend über die kurzen Haare strich.

                *

Die Stunden Pharaos waren gezählt. Er war nicht mehr aus seiner tiefen Ohnmacht erwacht und sein Atem ging immer flachen. Etliche Ärzte, unter ihnen auch Antef, hatten sich um sein Lager versammelt und konnten doch nichts mehr ausrichten. Der einzige der Getreuen, außer Nefer, der noch anwesend war, war der Hohepriester Eye. Mit scheinheiliger Anteilnahme rezitierte er Gebete und Hymnen an Aton und verbrannte Myrrhe, teuren Weihrauch und irgendwelche Heilkräuter. Immer wieder warf er einen wissenden Blick zu Nefer, die auf einen Holzstuhl an der Wand saß und den Kopf in den Händen verborgen hatte. Gegen Morgen des dritten Tages nach Tutus Giftanschlag hauchte Echnaton sein Leben aus. Die noch in Achetaton Verbliebenen erstarrten in Trauer und Angst. Diejenigen, die keine wirklichen Anhänger Echnatons waren und noch in der Stadt weilten, verschwanden still und heimlich. Alle anderen warteten resigniert auf die angekündigten Plünderungen und den Umsturz. Nefer schlich geknickt durch die leeren hallenden Gänge des Palastes, nicht einmal Antef konnte sie jetzt trösten. Stundenlang saß sie im Innenhof an „Ihrem Wasserfall“, streichelte und fütterte die einsamen Palastkatzen, die ihre Herrin Nofretete suchend umherstrichen, und erinnerte sich an die guten Zeiten.

                *

Pharao war bereits seit zwei Tagen tot und die Hinterbliebenen stritten sich, ob Echnaton nach der traditionellen Einbalsamierung eine einfache Grabkammer in den Felswänden, die Achetaton östlich begrenzten, bekommen, oder ob man ihn irgendwo ganz im Verborgenen bestatten sollte. Schließlich stand zu befürchten, dass seine Feinde den Leichnam, wenn sie ihn fanden, schänden könnten. Auf jeden Fall sollte er jedoch östlich ruhen, da war man sich einig. Echnaton hatte auch mit der Tradition gebrochen, die ewigen Wohnungen im Westen zu bauen, da für ihn der Osten der Ort des ewigen Aufganges war. Ein Grund für die heimliche Ablehnung des Aton-Glaubens war die Unklarheit über das Leben nach dem Tode. Das ägyptische Volk legte sehr viel Wert auf die Nachwelt. Nefer hatte ihre eigenen Ansichten. Obwohl sie Echnatons Glauben im Großen und Ganzen zustimmte, glaubte sie doch auf andere Art an ein Leben nach dem Tode, als es von den Aton- oder Amunpriestern dargestellt wurde. Nefer wunderte sich, daß die Unruhen, die bereits das restliche Land ergriffen, Achetaton noch nicht erreicht hatten. Anscheinend gönnte man der Stadt noch eine Atempause und dem toten Pharao eine kurze Ruhe. Das Einzige was sich bis jetzt ereignet hatte war, daß sich etliche Hohepriester aus Theben um Eye versammelt hatten und versuchten, das Ruder des Staates wieder an sich zu reißen. Das taten sie, indem sie einen Knaben, geboren von einer von Echnatons Nebenfrauen, auf den Thron zu setzten gedachten. Durch dessen Kindlichkeit hofften sie, über ihn regieren zu können, ihn zur königlichen Marionette degradierend. Eye wollte nur noch das Begräbnis Echnatons abwarten, um dann mit den anderen Priestern nach Theben zurückzukehren und den neuen Pharao zu krönen.


Die Entführung

Nefer schlief schlecht in den Nächten nach Echnatons Tod. Sie ging oft bei Dunkelheit in den Gärten oder im Innenhof spazieren. Dann trug sie den mit bunten Perlen besetzten Kragen, den ihr Nofretete zum Namensfest Echnatons geschenkt hatte. Liebevoll strich sie immer wieder über das Schmuckstück und erinnerte sich an die sonnigen Tage, bevor Intrigen und Verrat den Untergang des Reiches Atons besiegelt hatten. Wenn sie dann die Erschöpfung übermannte, begab sie sich in ihre Räume. Am Abend dieses dritten Tages war sie wieder in den Gärten unterwegs. Als sie eine der kleinen Pforten zum Palast passierte sah sie, daß der Hauptmann Huya dort Wache stand. Sie wollte ihn, um sich von ihren düsteren Gedanken abzulenken, nach Neuigkeiten fragen. Als sie jedoch näher trat merkte sie, daß er auffällig starr und verkrümmt an der Tür lehnte. Voller Angst näherte sie sich dem Mann und erkannte, von Grauen geschüttelt, daß er von einem Pfeil mitten durchs Herz an den Bohlen festgenagelt war. Nefer stieß einen hohen schrillen Schrei aus der abrupt abbrach, als sich eine Hand auf ihren Mund preßte. Der andere Arm des Angreifers legte sich wie eine Klammer um ihren Hals und drückte zu. Nefers Welt begann im Nebel zu versinken.

                *

Sie erwachte, weil sie einen unerträglichen Druck auf ihre Magengegend verspürte und sich übergeben mußte. Sie dachte zuerst, sie befände sich wieder auf dem schlingernden Sklavenschiff, welches sie aus der Heimat entführt hatte; dann klärten sich ihre Gedanken und sie öffnete vorsichtig die Augen. Der Morgen war bereits angebrochen. Unter sich sah sie schwankenden gelben Wüstensand und lange, behaarte Beine. Es wurde ihr klar, daß sie bäuchlings auf einem Kamel festgebunden war. Sie hob den Kopf ein wenig höher, was zur Folge hatte, daß sie sich beinahe zum zweiten Male übergeben mußte. So konnte sie aber die Umgebung grob überblicken. Sie sah mehrere vermummte Gestalten, die ebenfalls auf Kamelen ritten. Falls sich ihre Angst noch steigern konnte, so tat sie es in dem Augenblick, in dem sie auf dem Kamel neben sich den bösartig grinsenden Tutu erblickte. „So sehen wir uns also wieder. Freust du dich nicht? Ich habe mit dir noch einiges abzurechnen.“ Nefer versuchte die Panik niederzukämpfen und fuhr sich mit der Zunge über die trockenen Lippen. „Was hast du mit mir vor?“ Ihre Stimme gehorchte ihr nicht so recht und klang leise und heißer. „Oh, das muß ich mir noch genau überlegen.“ Tutu maß sie mit abschätzendem Blick. „Dein Haar beginnt schon wieder nachzuwachsen.... bald siehst du wieder wie eine echte Frau aus.“ Er lachte gehässig. „Vielleicht mache ich dich meinem Gönner Aziru zum Geschenk – natürlich erst, wenn ich mich ausgiebig mit dir vergnügt habe. So gefährlich du auch bist, so schön bist du. Diese Tatsache kann ich nicht leugnen.“ Nefer unterdrückte das Zittern, das sie überlief und fragte weiter: „Wie bist du auf das Palastgelände gelangt?“ Er lächelte gelangweilt und antwortete: „Das war absolut kein Problem. Der Palast war schon vorher schlecht bewacht und nach dem Tod des Pharao war nur noch spärlich Wachpersonal vorhanden... aber das weiß du ja selber. Es kam mir nur dieser Huya in die Quere, er ist – beziehungsweise „war“ – fast genauso lästig wie Haremhab. Überall müssen diese Schnüffler ihre Nasen hineinstecken. Nun ja, für Huja jedenfalls hat es sich ausspioniert!“ Er musterte Nefer wieder mit seinem hinterhältigen Lächeln. „Oh, ich vergaß, im Spionieren kennst du dich ja aus!“ Nefer schloß kurz die Augen und versuchte die wiederaufsteigende Übelkeit zu überwinden. „Warum hast du Echnaton vergiftet? Es bringt dir doch gar keinen Nutzen?“ Sie hob den Kopf wieder höher, um ihn fragend anblicken zu können. Gleichmütig antwortete er: „Es nützt mir sehr wohl etwas. Ich bekomme eine großzügige Belohnung von Aziru, dem ich mit dieser Tat den Weg zu etlichen Eroberungen geebnet habe.“ Nefer widersprach: „Aber Haremhab ist an die Grenze gezogen und er wird es sich nicht gefallen lassen, wenn Aziru die ägyptischen Grenzstädte angreift!“ Tutu lachte laut und erklärte herablassend. „Haremhab wird sicher bald von den Grenzen des Landes Kemet abberufen werden um die inneren Unruhen zu bekämpfen. Wenn nicht, wird es einen nie gekannten Aufruhr im Land am Nil geben. Überlege dir doch einmal: Das von Echnaton neu errichtete Reich mit seinen sämtlichen Gesetzen und seinem einen einzigen Gott bricht mit seinem Tod in die Knie. Die Amunpriester und die anderen Feinde Pharaos, welche sich seither kleinlaut im Hintergrund gehalten haben, werden sich jetzt erheben und es wird eine Art Bruderkrieg ausbrechen. Haremhab wird alle Hände voll zu tun haben, um die Ordnung wiederherzustellen und mit den anderen Politikern die Nachfolge des Pharao zu sichern. Währenddessen kann Aziru in aller Ruhe tun und lassen, was ihm beliebt und der gute Tutu kann seine Belohnung kassieren.“ Selbstzufrieden sah er auf Nefer herab. „Bis Haremhab dazu kommt, sich um andere als politische Angelegenheiten zu kümmern, sind wir beide längst im syrischen Reich angelangt und somit außerhalb seiner Reichweite. Du brauchst dir also keine Hoffnungen zu machen, daß dir irgend jemand zur Hilfe eilt. Diesmal gibt es nur dich und mich.“ Nefer ließ den Kopf wieder gegen den Bauch des Kamels sinken und schloß resigniert die Augen.


Unerwartete Hilfe

Antef betrat den Garten. Er wußte, daß Nefer hier gerne ihren Erinnerungen nachhing. Es tat ihm leid, daß er ihr nicht eine größere Stütze sein, ihr mehr Trost spenden konnte. Ihre ganze Welt war aus den Fugen geraten, ihre liebsten Menschen verschwunden. Ihre Stärke würde ihr auch hier wieder helfen alles zu überwinden, da war Antef sich sicher. Er konnte sie nur seiner Liebe versichern und ihr nahe sein. Immer wieder sah er sich um und ängstliche Unruhe überkam ihn allmählich. Er hatte den Innenhof bereits nach Nefer durchsucht, jetzt waren die Gärten dran. Er schritt suchenden Blickes die schimmernden Kieswege ab. Trotzdem die Nacht hereingebrochen war und das Personal spärlich, war der Park erleuchtet. Die Kohlebecken und Fackeln verbreiteten ein angenehmes rötliches Licht und auch das Licht der unzähligen Sterne trug zur Beleuchtung bei. Antef erkannte die ihm bekannte Gestalt des Hauptmannes Huya und näherte sich ihm. Im Gegensatz zu Nefer wurde der Arzt nicht von Entsetzen übermannt, sondern griff routiniert an den Hals des Mannes, um seinen Puls zu ertasten. Resigniert zog er die Hand zurück. Die blicklosen offenstehenden Augen und das viele Blut auf Gewand und Erde hatten ihm eigentlich schon bestätigt, was er nun überprüft hatte. Antef war sich nicht sicher, ob dieser Mord bereits den Anfang der Plünderungen bedeutete, oder ob er andere Hintergründe hatte. Allerdings wuchs seine undefinierbare Angst um Nefer ins Unermessliche. Er blickte sich um und rief laut nach der Palastwache. Es dauerte eine ganze Weile, bis sich einer der Soldaten bequemte zu erscheinen. Antef hatte das Gefühl daß, seit die meisten Medjay sich auf den Weg zu Haremhabs Heer gemacht hatten, der Rest der Soldaten fast nur noch von Huya unter Kontrolle gehalten worden war. Als dieser Soldat nun seinen Hauptmann an der Pforte festgenagelt fand, war er nahe daran, in Panik auszubrechen. Antef befürchtete, daß er einfach umkehren und davonrennen würde. Doch der Mann schien sich seiner militärischen Pflichten zu erinnern und straffte die Schultern. Er fragte Antef was passiert sei, doch dieser konnte ihm natürlich nicht weiterhelfen. So machten sich die beiden Männer auf Spurensuche. Antef nahm es anscheinend genauer damit, denn er war es auch, der die einzige und für ihn äußerst beängstigende Spur in einem Gebüsch ganz in der Nähe des getöteten Huya fand. Es war der zerrissene Perlenkragen den Nefer – seine Nefer – so gerne trug. Antef rannte auf den Soldaten zu und hielt ihm in verzweifelter Geste das Schmuckstück unter die Nase. Dieser zuckte nur hilflos die Schultern. „Wir brauchen einen Wagen, ein Pferd, einen Suchtrupp.....“ Stieß Antef hervor. „Dieses Pektoral gehört meiner Verlobten, der Hofdame Nefer. Man muß Huya getötet haben, um sie entführen zu können.“ Der Soldat zuckte wieder hilflos mit den Schultern. „Wir können nicht einfach über die Pferde und Wagen des Heeres bestimmen. Huya war der Hauptmann und Huya ist tot.“ Vielsagend blickte er auf die Leiche des Hauptmanns. Antef lief verzweifelt die Hände spreizend auf dem Kiesweg hin und her. Schließlich blieb er ganz dicht vor dem Soldaten stehen, blickte ihm in die Augen und sagte ernst und entschlossen: „Wenn du mir nicht hilfst, die Spur zu verfolgen, werde ich es alleine tun. Und wenn Haremhab wieder da ist, werde ich ihm von deinem „Eifer“ berichten. Ich denke, daß es sich auch bis zu dir herumgesprochen hat, daß Nefer Haremhab bei seinen Ermittlungen in Theben sehr nützlich war.“ Der Soldat druckste herum und erklärte sich schließlich bereit, mit Antef ein Stück in die hinter den Palästen beginnende Wüste hineinzufahren. Heimlich atmete der Arzt auf. Er hätte in Wirklichkeit keinen Fuß weit alleine mit einem Wagen fahren können, da er von Pferd und Fahrzeug keinerlei Ahnung hatte. Während ihm düstere Gedanken durch den Kopf schwirrten, wies er den Soldaten an, den Wagen anzuspannen und auf ihn zu warten. Antef war zu dem Schluß gekommen, daß nur zwei Personen für die Entführung von Nefer in Frage kommen konnten und die eine davon würde er jetzt aufsuchen. Er eilte durch die, zur Zeit nur spärlich beleuchteten glänzenden Straßen Achetatons und wurde von der Wache ohne Bedenken in den Palast der Königsmutter Teje eingelassen. Er mußte nicht lange suchen. In einem Innenhof, neben einem Springbrunnen, lag auf einer pompösen rotgoldenen Liege der dicke Hohepriester und ließ sich von einer hübschen Sklavin Wein und Trauben reichen. Sein golddurchwirktes, weißes Priestergewand war von Weinflecken gesprenkelt und sein Blick ruhte lüstern auf den unbedeckten, im Lichte der Fackeln schimmernden Brüsten der nubischen Dienerin. Antef trat unter einer Palme hervor und schickte mit einer Handbewegung das Mädchen fort. Unwillig setzte Eye seine Massen in Bewegung und erhob sich. Finster blickte er den Arzt an. „Wie kannst du es wagen......was willst du?“ Mit einem Schritt war Antef dicht vor den Priester getreten und hatte ihm einen glänzenden Dolch unter das wabbelige Kinn gedrückt. „Wo ist Nefer?“ Eyes hochmütige Miene war einer ängstlichen gewichen, doch er fragte mit unwissender Stimme: „Welche Nefer?“ Der Dolch ritzte die Haut, so daß ein kleiner Blutstropfen über den wulstigen Hals kullerte. Eye schluckte und flüsterte heißer und hastig: „Schon gut, schon gut, ich weiß wen du meinst. Aber ich kann dir nicht viel weiterhelfen. Tutu ließ mir vor ein paar Stunden eine Nachricht zukommen und ich half ihm, das Palastgelände unbemerkt zu betreten, was zur momentanen chaotischen Zeit gar nicht schwierig war. Ich mußte dem Asiaten helfen. Er besitzt brisante Informationen, die mich betreffen. Ich weiß allerdings nur, daß er aus Rache und was weiß ich, diese Nefer mitnehmen wollte. Er erzählte nicht viel. Nur, daß er zu Aziru reisen und seine Belohnung für treue Dienste einfordern würde.“ Schweißtropfen perlten auf Eyes kahlem Schädel und er murmelte hastig: „Mehr weiß ich wirklich nicht, bei Amun!“ Antef ließ lächelnd den Dolch sinken. „So, so! bei Amun. In der Not vergißt man das Lügen, was Priester?“ Antef wandte sich ab, drehte aber noch einmal den Kopf in Eyes Richtung, als er aus dem Augenwinkel eine Bewegung wahrnahm. Dieser machte Anstalten mit einer Glocke, die auf dem Rande des Springbrunnens gelegen hatte, Hilfe herbeizurufen. „Ich würde mir das an deiner Stelle gut überlegen, Hohepriester Eye. Ich weiß über die Giftgeschichte Bescheid und noch ist nicht ganz sicher, wer Echnatons Nachfolger wird und ob es ihn vielleicht interessiert, ob er Attentäter am Hof beherbergt und, falls es der Knabe Tutanchaton wird, wer beim Tod seines Vaters die Finger im Spiel hatte. Auch wenn mir vielleicht nicht alles geglaubt werden würde, mit Haremhabs und Nefers Aussagen könnte ich gewaltig an deinem hohen Stuhl sägen.“ In aller Ruhe entfernte sich Antef nach dieser Drohung aus Eyes Gesichtskreis. Erst als er Tejes Palast verlassen hatte, begann er zu laufen. Der Soldat erwartete ihn bereits mit Pferd und Wagen. Breitbeinig, wie er es bei öffentlichen Auftritten des Heeres bei anderen gesehen hatte, stellte sich Antef hinter den Wagenlenker und hielt sich am Geländer des Wagens fest. Er ließ sich von einem Diener noch eine brennende Fackel, welche zur Spurensuche bei Nacht unerläßlich war, reichen und los ging`s. Das Gefährt setzte sich mit einem Ruck in Bewegung und Antef hatte Mühe, nicht herunterzustürzen. Sie fuhren im Galopp durch das Tor, dann durch die breite Straße und erreichten schließlich deren Ende. Hier ging sie in einen nicht befestigten sandigen aber ausgefahrenen Weg über. Der Soldat parierte das Gespann durch und wandte sich fragend Antef zu. Zwar wurde die Nacht von Chons hell erleuchtet, aber Spuren zu finden in diesem trockenen Wüstensand war fast unmöglich. Noch dazu wußten sie nicht, auf welcher Seite der ausgedehnten Stadt sie die Suche beginnen sollten. Antef ließ sich langsam durch die Wüste fahren, immer in der Nähe des Palastes. Er glaubte nicht, daß der Angriff von der anderen Seite aus erfolgt war. Tutu hatte schließlich einen Boten an Eye geschickt und sich aufs Palastgelände schmuggeln lassen. Sicherlich hatten seine Helfer in der Nähe gewartet. Nach etwa drei Stunden gab Antef die verzweifelte Suche auf. Er hatte immer wieder anhalten lassen und den Boden mit der mitgebrachten Fackel abgeleuchtet, war aber auf keinerlei Hinweis gestoßen.

                *

Der Soldat stieg erleichtert, Antef enttäuscht und verzweifelt, im Stall vom Wagen. Mit schlechtem Gewissen, weil er Nefer nicht helfen konnte, und mit Angst um sie im Herzen begab sich Antef in seine Gemächer, zündete eine Lampe an und legte sich nieder. Schlaflos wälzte er sich auf seinem Lager hin und her. Er hatte nicht einmal die Kleider ausgezogen, hatte sich einfach verzweifelt auf die Decken geworfen. Antef wußte nicht, ob er geschlafen hatte oder nicht, auf jeden Fall war er plötzlich hellwach. Die Öllampe auf dem Tisch neben dem Bett war fast heruntergebrannt und gab kaum noch Licht. Er hörte eine tiefe befehlsgewohnte Stimme brüllen, vernahm das Geklirr von Waffen und die Schritte vieler Männer auf dem Flur vor seinem Zimmer. Plötzlich flog die Türe so schwungvoll auf, daß sie polternd gegen die Wand knallte und eine muskulöse Gestalt eilte mit zielstrebigen Schritten auf sein Bett zu. Antef sprang auf und griff nach dem Dolch, den er neben der Öllampe abgelegt hatte. Als er das dröhnende Lachen vernahm, ließ er ihn jedoch erleichtert wieder sinken und erkannte im schwachen Licht seiner langsam erlöschenden Lampe den Feldherren Haremhab. „Willst du mich erstechen, Antef? Eigentlich bin ich gekommen um deine kleine Wildkatze von einer Verlobten zu suchen und nebenbei einer Ratte namens Tutu den Gar aus zu machen!“ Antef ließ sich auf sein Lager zurücksinken und stieß einen tiefen Seufzer aus: „General Haremhab, Aton sei Dank.“ „Danke nicht Aton, danke den inneren Unruhen, die mich nach Achetaton eilen ließen um bei der Thronfolge ein Wort mitzureden und danke Anchesenpaaton, die dein Gespräch mit Eye heimlich belauscht hat, und mir gleich nach meiner Ankunft den Befehl gegeben hat, ihre Freundin Nefer zu suchen!“ Mit mildem Lächeln sah er auf den verzweifelten Arzt hinab. Er würde nie verstehen, wie man sich wegen einer Frau so zum Narren machen konnte. Sicher, auch er begehrte die schöne Mutbenret, aber bei ihm musste alles in geordneten Bahnen verlaufen. „Ich habe gehört, daß du meine Männer durch Drohungen gefügig gemacht und nach Spuren gesucht hast?!“ Grinste er und fragte dann ernster geworden: „Erzähl mir, ob du etwas entdeckt hast und erklär mir dann nochmal die ganze Geschichte.“ Stumm hörte er dann Antefs Bericht über den Tod Huyas, über den Fund von Nefers Perlenkragen und über die nutzlose Spurensuche in der Wüste. Haremhab ging im Gemach auf und ab. Dann warf er einen Blick durch das Bogenfenster und meinte: „Antef komm mit!“ Zu seinen auf dem Flur wartenden Männern polterte er: „Macht die Streitwagen fertig und eine Truppe von zwanzig Mann. Das wird fürs erste genügen. Gleich wird es Tag und dann können wir mit der Spurensuche ernsthaft beginnen.“ Er wandte sich wieder Antef zu, der den Dolch an seinem Gürtel befestigte und sagte mit Humor seine leichte Niedergeschlagenheit überspielend: „Da bin ich ja gerade zur rechten Zeit gekommen. Echnaton ist tot, deine Verlobte entführt, Nofretete verschwunden und die restlichen Soldaten nahe daran, sämtliche Disziplin zu vergessen. Ich hatte bei meinem Eintreffen das sichere Gefühl, daß die Männer am Überlegen waren, ob nicht sie mit der Plünderung Achetatons beginnen sollten, bevor der Mob anrücken würde. Allerdings werde ich beides zu verhindern wissen. Den Aufstand des Mobs ebenso, wie die Disziplinlosigkeit der Armee.“ Mit seinem üblichen überlegenen Grinsen packte Haremhab Antef am Ellbogen und schob ihn vor sich her in Richtung der Stallungen.


In der Wüste

Nefer zog ihr dünnes Leinengewand so fest es ging um sich zusammen. Die Nächte in der Wüste waren bitterkalt. Tutu hatte sie abseits vom Lagerfeuer, an dem die Nomaden und er saßen, an einen in den Boden getriebenen Holzpflock gebunden. Ihre Hände waren vor der Brust gefesselt und dann mit einem längeren Strick am Pfahl befestigt. Es war gar nicht so einfach für sie, sich zu bewegen. Zuerst hatte Tutu sie mit ans Feuer gezerrt; als er jedoch bemerkt hatte, mit welch gierigen Blicken sie einige der Nomaden verschlungen hatten, hatte er es vorgezogen, sie abseits zu halten. Die Wüstenbewohner waren ein wildes Volk und Tutu war sich nicht sicher ob das Gold, das er ihnen für ihre Hilfe bezahlt hatte, ihm ihren Gehorsam sicherte. Auch das Vergnügen, daß er sich von Nefers Zähmung versprach, würde noch warten müssen. Er durfte sich nicht ablenken lassen und mußte auf der Hut sein. Mißtrauisch warf er immer wieder Blicke um sich und beschloß, heute Nacht mit einem wachen Auge und mit dem Dolch in der Hand zu ruhen. Schließlich mußte er einige Tage und Nächte überstehen, ehe die Karawane die Gegend um Memphis erreichen würde und er per Schiff die Weiterreise würde antreten können. Nefer hatte Tutus Unsicherheit bemerkt. Sie hatte das Gefühl, daß die Nomaden dieselben waren, die auch für den Überfall auf das Schiff verantwortlich waren und somit ziemlich skrupellos. Letztendlich machten sich die Anstrengungen und Strapazen des Rittes durch die Wüste doch bemerkbar und Nefer schlief ein.

                *

Am nächsten Morgen erwachte sie durchgefroren auf dem kalten Wüstensand als Aton seine ersten Strahlen über die Sanddünen schickte. Sie erblickte Tutu, der ganz in ihrer Nähe seine Decke ausgebreitet hatte und mit dem Dolch in der Hand eingeschlafen war. Langsam kam Leben in die Gestalten der Nomaden die, etwas weiter weg, um das heruntergebrannte Lagerfeuer herum geschlafen hatten. Tutu fuhr mit einer erschrockenen Bewegung auf, als er die ersten Geräusche vernahm. Die Nomaden beachteten ihn nicht und die Karawane machte sich, nachdem sie nur etwas kalten gedörrten Fisch und Fladenbrot gegessen hatten, zum Aufbruch bereit. Die Kamele wurden beladen, Nefer wieder auf ihr Kamel gebunden – diesmal allerdings durfte sie zu ihrer großen Erleichterung aufrecht darauf sitzen. Bald brannte unbarmherzig die Sonne auf die Gruppe von Menschen und Tieren nieder und Tutu schlang Nefer ein weißes Leinentuch um den Kopf. Er tat es nicht aus Mitleid, sondern aus Selbstsucht. Eine durch die Hitze krank gewordene sonnenverbrannte Sklavin würde ihm wenig Freude bereiten. Gegen Abend, als Nefer vor Erschöpfung von ihrem Reittier gefallen wäre, wäre sie nicht festgebunden gewesen, erreichten sie eine Oase. Nefer öffnete mühsam ihre mit Sand verklebten Augen und erblickte ein Traumgebilde. Mitten im trockenen heißen Wüstensand erhoben sich Dattelbäume, Tamarisken und Palmen. Ein wunderschöner türkisfarbener kleiner See war von Papyrus und weichem Gras umwachsen. Ein paar Ruinen standen nahe dem Ufer und als Nefer näher hinsah erkannte sie, daß es sich um einen verfallenen kleinen Hathortempel handelte. Die Karawane versammelte sich im Schatten der Palmen und sie wurde von Tutu losgebunden und vom Kamel gehoben. Die Nomaden luden ihre Zelte und Decken sowie das Kochgeschirr von den Tieren und begannen, nachdem sie alles aufgestellt und verteilt hatten, ein Feuer zu entfachen. Tutu ließ Nefer einfach ungefesselt stehen. Hier unter aller Augen könnte sie sowieso keinerlei Fluchtmöglichkeit nutzen. Er ging hinüber zu den Tempelruinen und ging bedächtig mit dem Kopf nickend um sie herum. Nefer fragte sich, was er wohl vorhabe, konnte sich aber keinen Reim auf sein Verhalten machen. Wenig später kehrte Tutu zu den Kamelen zurück und Nefer beobachtete mit wachsendem Unbehagen, was für Aktivitäten er entwickelte. Er trug seine Decken und Fackeln zur Ruine und begann sich darin häuslich einzurichten. Nefers Verdacht wurde zur Gewißheit, als er grinsend zu ihr herüber schlenderte und ihr zuflüsterte: „Heute Nacht werden wir viel Spaß haben, meine Schöne. Wenn wir uns in diesen Ruinen aufhalten, werden die Nomaden kaum etwas mitbekommen und sie werden mich auch nicht überraschend angreifen oder überwältigen können. Der alte Tempel hat zwar kein Dach, aber die Wände sind intakt. Außerdem werden ich ihnen von meinen Vorräten einige Schläuche mit Wein abgeben, dann werden sie feiern und bald in trunkene Träume sinken.“ Vielsagend blinzelte er ihr noch zu, dann wandte er sich dem inzwischen brennenden Lagerfeuer zu, um sich seinen Anteil an einer erlegten Antilope zu holen, die über den Flammen briet. Bald kehrte er zurück und hielt Nefer ein Stück Fleisch vor die Nase. Provozierend ließ er es hin und her baumeln. Wild- oder Rindfleisch war selbst am Hof ein nicht alltäglicher Genuß, doch Nefer drehte angewidert den Kopf zur Seite. Tutu lächelte und biß in das triefende Stück Antilope. „Ich will dich nicht zwingen zu essen. Wenn der Hunger anfängt an deinen Eingeweiden zu nagen, wirst du noch um Nahrung betteln.“


Verzweifelte Suche

Haremhab hatte seine zwanzig Mann mit Pferden und Wagen rund um Achetaton nach Spuren suchen lassen. Es handelte sich bei der Truppe vorwiegend um seine dunklen Medjay, welchen er den besten Spürsinn zutraute. Jetzt, im Licht des frühen Morgens, standen die Chancen weit günstiger als für Antef in der letzten Nacht. Es dauerte trotzdem mehrere Stunden, in denen Antef wie ein eingesperrtes Raubtier durch die Stallungen rannte, ehe einer der Soldaten mit der Nachricht zurückkehrte, daß er einen verlassenen Lagerplatz entdeckt hätte. Zufrieden nickte Haremhab und befahl, die patrouillierenden Medjay zurückzurufen. Es dauerte nochmal zwei Stunden, bis sich alle zwanzig Kämpfer wieder um ihren Heerführer versammelt hatten. Antef rang verzweifelt die Hände, bis die Truppe endlich zur Abfahrt bereit war. Dann sprang er hinter Haremhab auf dessen Streitwagen, den zwei Soldaten für diesen freimachten, und die Kämpfer trieben ihre Pferde mit kurzen strengen Lauten an. Sie fuhren im Trab durch die Stalltore direkt auf die glänzende Straße hinaus. Als sie das Ende der ausgebauten Strecke erreichten, warf Antef einen traurigen Blick zurück auf die von der Frühsonne in Gold getauchten Tempel- und Palastanlagen, die zum Himmel strebenden Säulen und Obelisken; er hatte das bestimmte Gefühl, daß er Achetaton das letzte Mal sah. Wenig später wirbelten die Wagenräder den gelben Wüstensand auf und Achetaton war bald hinter Dünen und rotgoldenen Felsformationen verschwunden. Antef blickte sich noch einmal um, aber er konnte nichts mehr von der Stadt des Horizonts erkennen. Er ließ seinen Blick über die neun nachfolgenden Wagen wandern und hoffte, daß sie einem Zusammenprall mit Tutu und seinen Gefolgsleuten gewachsen sein würden. Jeder Wagen war mit zwei Männern besetzt; einer lenkte den Wagen, der andere stand hinter dem Fahrer und hatte die Aufgabe bei einem Angriff mit Pfeil und Bogen oder dem Schwert umzugehen. Antef betrachtete die Wagen näher und entdeckte, daß an deren Wände Köcher befestigt waren, die Bogen und Pfeile enthielten. So mußten die Schützen, in den engen Kriegswagen, ihre Waffen nicht am Körper tragen und hatten sie doch ständig griffbereit. Antef wandte den Blick wieder nach vorne und blickte über Haremhabs breite muskulöse Schulter hinweg einem ungewissen Ziel entgegen.


Nefer in Angst

Nefer rollte sich in ihrer Ecke der Tempelruine so klein wie möglich zusammen und hoffte, daß Tutu zuviel von seinem eigenen Wein erwischen würde, den er mit den Nomaden am entfernten Feuer trank, und daß er einfach einschlafen und ihm entfallen möge, was immer er mit ihr vorhatte. Die Nacht war hereingebrochen und Nefer zitterte, was aber weniger an der Kälte der Wüstennacht lag, als an dem Gedanken von Tutu berührt zu werden. Sie blickte durch das fehlende Dach der Ruine auf die funkelnden Sterne und den Mondgott Chons und betete zu Aton und – egal ob sie an diese glaubte oder nicht – allen anderen Göttern die sie kannte, daß sie irgendwie errettet werden würde. Nach einer langen Zeit, in der sie keinen Schlaf gefunden hatte, stand Nefer auf und schaute durch eines der kleinen unregelmäßigen Fenster hinaus in Richtung des Lagerfeuers. Nur noch wenige der Nomaden hielten sich aufrecht. Die meisten waren in seligem Rausch zu Boden geglitten und in süße Träume versunken. Nefer versuchte im Licht des Feuers Tutu unter den noch sitzenden Gestalten zu erkennen und machte unweigerlich einen Schritt vom Fenster weg, als sie sein scharfes Profil erkannte. In diesem Moment wandte er sein Gesicht dem Tempel zu und prostete ihr hämisch grinsend mit der Weinschale zu. Nefer lief in ihre Ecke zurück und stürzte sich weinend auf die grobe Palmwedelmatte. Er konnte sie natürlich vom Feuer aus gar nicht gesehen haben, aber allein die Geste zeigte schon, daß er sie nicht vergessen hatte. Nefer zog die Beine an den Körper und umschlang sie mit den Armen. So zusammengekauert wartete sie auf das Unvermeidliche.

                *

Tutu warf immer öfters einen begehrlichen Blick auf die Tempelruine. Er hatte die Nomaden ausgetrickst indem er ihnen den schweren honiggesüßten Dattelwein pur eingeschenkt, seinen eigenen jedoch heimlich immer mit Wasser verdünnt hatte. So kam es, daß nacheinander sämtliche Räuber erschöpft und betrunken umgekippt waren, während er noch hellwach war und nur darauf wartete, daß auch der letzte von ihnen sanft entschlummerte. Es würde nicht mehr lange dauern; nur der Anführer der Karawane ließ sich noch einmal eine Schale mit Wein füllen. Tutu prostete ihm zu und trank sein Gefäß in einem Zug leer. Der Anführer tat es ihm grinsend nach und stellte die leere Schale zum Nachfüllen vor den Asiaten hin. Noch bevor dieser jedoch den Weinschlauch heben konnte, verdrehte der Nomade die Augen und kippte zur Seite. Augenblicke später begann er tief und laut zu schnarchen. Tutu stand eilig auf und warf seine Schale einfach in die Glut des herunterbrennenden Feuers. Er ergriff eine Fackel, entzündete sie und hastete auf die Ruine zu, als könne er nicht mehr erwarten, was ihn hinter den Mauern empfangen würde.

                *

Nefer schloß einen Moment die Augen; das Licht der Fackel blendete sie. Tutu steckte sie in den Sand, so daß der mauerumstandene Raum in ein rötliches Licht getaucht wurde. Er kniff die Schlitzaugen zusammen und spähte in die düstere Ecke, in der sich Nefer verkrochen hatte. „Nanu, meine Schöne, hast du mich denn nicht erwartet?“ Er näherte sich ihr und leckte sich mit der Zunge über die vollen Lippen, wie in Erwartung einer erlesenen Süßigkeit. „Wir sind jetzt ganz für uns. Alle anderen schlafen; niemand wird uns stören.“ Mit einem lüsternen Ausdruck im schmalen Gesicht näherte er sich der zusammengekauerten Gestalt. Er packte sie an den Oberarmen und zog sie auf die Füße. Er war nicht sonderlich groß und sein bösartiger von Verlangen verhangener Blick senkte sich direkt in Nefers panikerfüllte Augen. Er ließ seine Hände von ihren Oberarmen zu ihren Schultern wandern und zog sie mit einem Stöhnen an sich. Sein weindurchdrungener Atem streifte ihre Wange, er preßte sie noch fester an sich, dann senkte er seine Lippen auf die ihren. Nefer machte sich vollkommen steif und preßte den Mund fest zusammen. Wütend stieß er sie von sich, so daß sie gegen die Mauer prallte, dann schien er sich wieder zu beruhigen und flüsterte mit sardonischem Grinsen: „Du riechst nicht besonders gut, meine Blume. Ich werde dich zuerst mit zum See nehmen und dort wirst du baden. Falls du daran denkst jetzt, beim Baden oder auch später zu schreien, so tu es nur. Damit wirst du die Nomaden wecken, die dir die ganze Zeit schon begehrliche Blicke zuwerfen und wenn dir das lieber ist, so überlasse ich dich ihnen. Was danach noch von dir übrig ist wird gerade den Geiern zum Frühstück genügen.“ Nefer erschauerte änstlich bei dieser Vorstellung. Mit einer Geste forderte Tutu Nefer auf, vor ihm herzugehen und jeglichen Widerstand aufgebend gehorchte sie. Resignierend und mit Tränen im Blick dachte sie, daß es immer noch besser war von Tutu mißbraucht zu werden, als von einer ganzen Horde Räubern. Ihr Schicksal schien sowieso besiegelt zu sein und sie würde wahrscheinlich den Rest ihres Lebens Männern zu Diensten sein müssen, die sie verabscheute oder gar haßte. Einen winzigen Augenblick schoß Nefer der Gedanke durch den Kopf, freiwillig in den Tod zu gehen, doch ihre kämpferische Natur verdrängte diesen sofort wieder aus ihrem Sinn. Tutu ließ sie durch die Tür treten, dann nahm er die Fackel vom Boden und ging neben ihr her, um den Weg zu beleuchten. Am Ufer des Sees steckte er die Fackel wieder in den Boden und setzte sich mit provozierendem Grinsen nieder. Schaudernd schaute sich Nefer um. Bei Nacht wirkte die Oase bei weitem nicht mehr wie ein Märchenbild. Die Fackel warf nur eine feurig-goldene Bahn auf das schwarze unheimliche Wasser und beleuchtete den Rest der Landschaft kaum. Die Bäume waren geisterhafte Schatten, das Schilf sich windende Schlangen. Die Glut des Lagerfeuers war weiter entfernt, als Nefer gedacht hatte und ihr schwacher Schein reichte nicht mehr weit über die sie umgebenden schlafenden Gestalten hinaus. Mit einer Geste in Richtung der Nomaden flüsterte Tutu: „Wirst du jetzt wohl baden oder sollen wir warten, bis die da drüben wieder aufwachen?“ Nefer stieg gottergeben die flache Uferböschung hinunter und ging langsam in den See, dessen Wasser wärmer war, als die kühle Wüstennacht. Ihr Kleid ließ sie an, was Tutu ein unwilliges Schnauben entlockte. Als sie jedoch nach kurzer Zeit wieder aus dem Wasser stieg, hielt er anerkennend den Atem an. Im Lichte Chons wirkte sie wie eine Göttin. Die feuchten rötlichen Kringel des kurzen Haars lagen wie angegossen an ihrem wohlgeformten Kopf. Die großen Augen schienen das Glitzern der Sterne wiederzuspiegeln und die vollen Lippen zitterten ängstlich. Das dünne Leinengewand schmiegte sich wie eine zweite Haut an ihren langbeinigen, wohlgeformten Körper und die Brustwarzen hatten sich in der kühlen Luft aufgerichtet. Tutu sprang auf und mußte sich beherrschen, sie nicht gleich hier am Ufer des Sees zu nehmen. Sein Begehren war offensichtlich, denn der weiße knielange Schurz wölbte sich über seinem erregten Glied Allerdings siegten seine Vernunft und Gerissenheit. Zu groß wäre das Risiko, von einem der Räuber entdeckt und überwältigt zu werden. Er mußte warten, bis sie die schützenden Mauern des verfallenen Tempels erreicht hatten. Tutu hob die Fackel auf, griff nach Nefers Arm und zog sie grob hinter sich her. Sie wagte keinen Ton mehr von sich zu geben – immer wieder ängstlich einen Blick auf die Lagerglut und die Schläfer werfend. Tutu schob sie ungeduldig durch die Türöffnung und stellte die Fackel ab. Wieder kam er auf sie zu und zog sie an sich. Gierig zwang er ihre Lippen auseinander, schob seine Zunge dazwiscen und preßte eine Hand auf ihre kühlte Brust, während er mit der anderen ihr Gesäß an sein Becken preßte. Entsetzt spürte Nefer sein Verlangen an ihren Lenden und versuchte zurückzuweichen. Dies fachte Tutus Begehren nur noch mehr an und er warf sie grob auf die Palmwedelmatte nieder. Mit einem Knie dränge er ihre Beine auseinander während er mit einem Ruck das feuchte Gewand zerriß. Seine Zähne senkten sich in ihren Hals und eine gierige Hand wanderte von ihrer Brust zu ihrem Schoß, die andere lag vorsichtshalber auf ihrem Mund. Tutu war sich nicht sicher, ob sie nicht doch vor Verzweiflung oder Schmerz irgendwann schreien und die Nomaden alarmieren würde. Doch Nefer lag jetzt ganz still, hatte jeden Widerstand aufgegeben. Sie blickte nach oben zu den Gestirnen und versuchte, den Geist vom Körper zu trennen. Tutu keuche vor Erregung. Nefer wußte, es konnte nicht mehr lange dauern, bis er in sie eindringen und ihr ihre Ehre und Würde rauben würde. Einen Augenblick stieg Antefs geliebtes Antlitz vor ihrem geistigen Auge auf und eine Träne stahl sich auf ihre Wange. Wie sanft war seine Liebe gewesen. Nie wieder würde sie ihm in die Augen blicken können, wenn Tutu sein Werk vollendet haben würde. Nie wieder würde er sie „Schwester“ nennen.


Beinahe gerettet

Haremhabs Männer hatten Glück. Die Wagen waren ausgeschert, soweit es der Wüstensand erlaubte, um keine Spuren zu übersehen. Haremhab fuhr mal hinter, mal vor, mal neben der Kolonne um den breiten Reiseweg zu sondieren und die Gefahr zu vermeiden, daß Pferde oder Wagen im Sand stecken blieben. Bis jetzt war allerdings alles gut gegangen. Der Heerführer mußte auch darauf achten, in keinen eventuellen Hinterhalt von Tutus Nomaden oder anderen Wüstenbewohnern zu geraten. Meist waren die sandigen Dünen und kleineren Felsansammlungen übersichtlich. Manchmal allerdings durchbrachen rötliche Gesteinsformationen die gelbe Einöde der Wüste mit ihren spitzen Zinnen. Dann schickte Haremhab einen Späher voraus, oder er übernahm es selbst, die Gegend zu prüfen und zu sichern. Wie Haremhab vermutet hatte, hielt sich die Karawane in Richtung Memphis und diese Route war so häufig benutzt, daß die Wege breit und der Sand festgestampft von den vielen Hufen und Füßen war, die ihn begingen. Natürlich wäre die Reise über den Fluß bequemer gewesen, aber das konnte Tutu nicht wagen. Inzwischen konnte er sicher sein, daß er von den Truppen wegen der Ermordung Echnatons gesucht wurde und das Risiko auf dem Fluß kontrolliert und gefaßt zu werden war ungleich höher als das, in der Wüste gefunden zu werden. Auch hatte er wahrscheinlich nicht mit einer so schnellen Entdeckung von Nefers Entführung gerechnet, welche eine Verfolgung forcierte. Schon gegen Mittag des ersten Tages brach unter den vorausgefahrenen Wagenlenkern ein Triumphgeschrei aus. Als Haremhab sich näherte stellte er fest, daß sie den verlassenen Lagerplatz der Karawane entdeckt hatten. Haremhab sprang vom Wagen und folgte dem ihm aufgeregt vorauseilenden Antef. „Aber woher wissen wir, daß es die richtige Karawane ist!“ Rief Antef dem Heerführer zu. Haremhab grinste sein selbstsicheres Grinsen und antwortete ruhig: „Es ist keine andere hier unterwegs.“ Antef zweifelte, doch als er Haremhabs Miene erblickte, die der eines Jagdgeparden glich, der sich seiner Beute sicher ist, wurde auch er ruhiger. Haremhab klopfte seinen Männern, welche das Lager entdeckt hatten, auf die Schultern und meinte: „Das war ihr Nachtlager. Wir haben schon einen halben Tag gutgemacht. Wir können sie einholen. Hoffen wir nur, daß sie nicht ins Hinterland abbiegen, sonst kommen wir mit Pferd und Wagen nicht weiter.“ Haremhab bestimmte, daß nur während der dunkelsten Nachtstunden gerastet würde, um einer Verletzungsgefahr der Pferde durch Fehltritte vorzubeugen; bei der ersten Morgendämmerung sollte die Gruppe wieder aufbrechen und auch die glühend heißen Mittagsstunden durchhalten, um so viel Zeit wie möglich aufzuholen.

                *

Nefer hatte die Augen geschlossen. Sie spürte, wie Tutu seine eine Hand kurz von ihrem Schoß entfernte um seinen Schurz zur Seite zu schieben. Sein Knie drückte ihre Beine noch weiter auseinander, sein steifes Gemächt preßte sich heiß an die Innenseite ihres Schenkels und sie wünschte, daß alles schon vorüber wäre oder sie augenblicklich sterben dürfte. Seine gierigen Lippen glitten feucht über ihre Brustwarzen und sein Penis verlangte brutal nach Einlaß. Ein kurzer heftiger Schmerz durchzuckte Nefers Unterleib; doch noch bevor Tutu sein Werk fortführen konnte, wurde seine Aufmerksamkeit abgelenkt. Mit einem Fluch zog er sein erst halb eingedrungenes Glied wieder zurück und sprang, seinen Schurz in Ordnung bringend, auf die Beine. Nefer wußte nicht, ob sie lachen oder weinen sollte. Zwar fühlte sie sich erniedrigt und gedemütigt, doch hatte Tutu seine entwürdigende Tat nicht vollenden können. Er hatte den Geschlechtsakt nicht mit ihr vollzogen und ihr somit nicht seinen Samen einpflanzen können. Zitternd rappelte sie sich auf die Knie hoch und zog das zerrissene Gewand um ihren Körper. Tutu stand im Schatten des Türrahmens und spähte in die schwindende Nacht hinaus. Erst jetzt, nachdem ihre Panik nachgelassen hatte, hörte auch Nefer die Unruhe, die draußen herrschte. Sie kroch auf den Knien zum Fenster der Ruine und spähte vorsichtig über den Rand. Die Dunkelheit war bereits von den ersten nebelhaften Waben der Morgendämmerung durchzogen und es herrschte ein diffuses rötliches Licht. Man konnte gut die Umrisse der Nomaden erkennen, die in einer unerklärlichen Betriebsamkeit umherhuschten. Nefer versuchte all ihre Sinne zu konzentrieren und dann sah und hörte sie es: Weit hinten in der Wüste, sicher noch eine Wegstunde entfernt, wurde der rötliche Dunst des Morgenlichts von einer helleren Wolke unterbrochen und Nefer hörte nun auch das Geräusch. Es war das Geräusch von vielen Hufen und von Wagen. Nefer wurde sofort klar: Die helle Wolke war der aufgewirbelte Sand, der in der noch kühlen Luft über den Kriegswagen hing. Haremhab mußte gekommen sein, um sie zu befreien. Mit einem Jauchzen sprang sie auf und begann zu laufen. „Antef“, jubelte ihr Herz, „Antef ich werde dich wiedersehen.“ Vor lauter Überraschung über ihre plötzliche Aktivität hätte Tutu sie fast die Türe passieren lassen. Erst im letzten Moment ergriff er sie am Arm und riß sie zurück. Hart prallte Nefer mit dem Rücken gegen die rauhe Wand und für kurze Zeit blieb ihr der Atem weg. Tutu hatte sich mit wutverzerrter Miene vor ihr aufgebaut und zischte: „So, du denkst also du hättest gewonnen? Aber du sollst dich täuschen. Du wirst mir nicht entkommen und ich werde mein Werk an dir vollenden und das nicht nur einmal!“ Grob ergriff er sie wieder am Arm und zog sie mit sich durch die Tür der Ruine ins Freie. Tutu blickte sich immer wieder vorsichtig um, aber die Nomaden waren vollauf damit beschäftigt, ihr Gepäck und was sie sonst noch fanden als Schutzwall aufzuhäufen, damit sie den Angriff der inzwischen schon als kleine Punkte auszumachenden Kriegswagen abwehren konnten. Die Kamele trieben sie zwischen die Bäume der Oase, wo sie vor verirrten Pfeilen relativ sicher waren. Eine Flucht wäre sinnlos, da die Höckertiere ungleich langsamer waren, als die schnellen kriegserprobten Pferde von Haremhabs Horde. Nefer wagte nicht zu schreien während Tutu sie mit sich zog, denn ihr Schicksal bei den Nomaden, falls sie in deren Gewalt geriete, würde sicher noch schlimmer aussehen als das, was sich Tutu für sie ausgedacht hatte. Tutu zog Nefer um die Ecke des alten Tempels und Nefer empfand fast so etwas wie Achtung für den scharfen vorausblickenden Verstand des Königsmörders. Hinter dem Gebäude, versteckt zwischen ein paar Büschen und Palmen, hatte er zwei Kamele festgebunden. Soweit Nefer es beurteilen konnte, war eines davon als Reit- und das andere als Lasttier gedacht. Sie waren fertig bepackt und gesattelt, so daß man jederzeit mit ihnen aufbrechen konnte. Anscheinend hatte Tutu sowohl mit einer möglichen Flucht vor den Nomaden, als auch mit der Verfolgung durch Soldaten gerechnet. Tutu band das Packtier mit einem langen Seil am Sattel des Reitkamels fest und befahl dem Reittier, sich zu legen. Mit einem seltsamen Stöhnen ging das Kamel in die Knie und Tutu schwang sich auf seinen Rücken. Er zog Nefer vor sich in den Sattel und ließ das Tier sich wieder erheben. Eilig verschwanden Mensch und Tier in den Schatten der Oase, die bereits langsam von der aufsteigenden Sonne verschlungen wurden.

                *

Haremhab hatte den Wagen angehalten und die Hand erhoben, zum Zeichen, daß sich die anderen um ihn sammeln sollten. Nicht mehr weit vor ihnen lag eine Oase und die Männer hatten auch die Nomaden bemerkt, welche in offensichtlicher Abwehr einen kleinen Wall aufgeschichtet hatten. „Sie müssen es sein!“ Brüllte Haremhab mit seiner Befehlshaberstimme. „Sie würden sonst nicht schon einen Verteidigungswall errichten, bevor sie überhaupt wissen, wer wir sind.“ Die Männer nickten zustimmend nur Antef hielt seinen Blick stumm auf das vor ihnen liegende Lager gerichtet. Er kniff die Augen zusammen und starrte in das stärker werdende Licht des Morgens bis ihm die Augen in der trockenen staubigen Wüstenluft tränten, aber es war ein unmögliches Unterfangen zu versuchen, auf diese Entfernung einzelne Gestalten zu erkennen. Haremhab arbeitete mit seinen Männern eine Strategie aus, wie sie mit möglichst wenig Verlusten ins Lager der Nomaden einfallen könnten. Zwischendurch spähten sie immer wieder zur Oase hinüber und konnten inzwischen abschätzen, daß es sich um höchstens zwanzig Mann handelte. Haremhab und seinen Männer grinsten geringschätzig. Jeder von Haremhabs Medjay war sich sicher, daß er es mit fünf Nomaden aufnehmen könnte. Am liebsten wären sie einfach unter Kriegsgeheul direkt auf das Lager zugerast, doch Haremhab behielt einen kühlen Kopf und gab seine Befehle. „Ich starte mit fünf Wagen einen Scheinangriff und wenn wir sie abgelenkt haben, kommt ihr anderen von hinten um die Oase herum und wir nehmen sie in die Zange. Zustimmendes Gemurmel war die Antwort seiner Männer und sie begannen sofort, die Pfeile und Bögen zu überprüfen und ihre Dolche zurechtzurücken. Erwartungsvoll blickten sie dann von ihren Streitwagen auf ihren General. Dieser ließ in einer knappen Geste die Hand herabsausen und die Wagen setzten sich in einer aufsteigenden Staubwolke in Bewegung. Mit einem etwas angestrengt wirkenden Grinsen drehte sich Haremhab nach Antef um und brüllte über den Lärm der dahinrasenden Wagen hinweg: „Ich hoffe doch, daß du wenigstens ein bißchen mit Pfeil und Bogen umgehen kannst? Den Wagen werde ich dich ja wohl nicht lenken lassen können, oder?“ Entsetzt schüttelte Antef den Kopf. „Nein, mit Pferden kenne ich mich überhaupt nicht aus; aber als Kind und als Knabe war ich der beste beim Bogenschießen!“ Brüllte Antef zurück. Haremhab nickte ihm zu und drückte ihm einen vergoldeten Bogen in die Hand, der an der Innenseite des Wagens befestigt gewesen war. Antef entdeckte die dazugehörigen Pfeile in einem ebenfalls am Wagenrand befestigten Köcher. Es war äußerst problematisch für Antef eine Stellung in dem holpernden und springenden Streitwagen zu finden in der er, ohne sich mit den Händen abzustützen, aufrecht stehen konnte. Schließlich stemmte er sich mit dem Rücken gegen die seitliche Wand des Gefährts und stützte sich mit einem Fuß auf dem Boden, mit dem anderen an der gegenüberliegenden Wand ab. So hatte er endlich die Hände frei und konnte einen Pfeil einlegen. Es war auch höchste Zeit gewesen, denn die Oase mit den Nomaden lag höchstens noch einen Steinwurf von ihnen entfernt. Die Nomaden hatten sich hinter ihrem provisorischen Wall in Deckung gelegt und warteten bis die Wagen näherkamen. Nur vereinzelt flogen Pfeile, die aber ihre Ziele um einiges verfehlten. Anscheinend hatten die Männer nicht viele Bögen und mußten es auf einen Nahkampf ankommen lassen. Haremhab fuhr mit seinen Männern bis knapp vor die Anhäufung von Gepäck und Steinen, nur um dann mit einem knappen Befehl die ganze Gruppe abdrehen zu lassen. Verdutzt erhoben sich die Nomaden und blickten den sich zurückziehenden Wagen nach. Antef hatte den Oberkörper gedreht und erwischte im Wegfahren einen der überraschten Nomaden mit seinem Pfeil. Zufrieden beobachtete er, wie der Mann zu Boden sank. Nein, er hatte es nicht verlernt. Andere Bogenschützen hatten es Antef gleichgetan und die Reihen der Nomaden hatten sich bereits sichtlich gelichtet. Antef hatte als junger Mann einige Zeit bei den Fußtruppen im Heer des Horus gedient, ehe er sich für den Arztberuf entschieden hatte. Er hatte es Haremhab nicht erzählt, weil er nicht angeben hatte wollen und seine Militärzeit recht kurz gewesen war. Inzwischen hatte Haremhab seine Männer anhalten und wiederum wenden lassen. Er weidete sich an der totalen Ratlosigkeit der Nomaden, die nicht wußten, was er vorhatte. Erst als in ihrem Rücken das Getrappel der Hufe laut wurde, wurde ihnen klar, daß man sie überlistet hatte. Haremhab begann schon das ganze Spiel als unter seiner Würde zu betrachten, als die restlichen Nomaden plötzlich begannen sich in eine bestimmte Richtung zurückzuziehen. Während seiner rasenden Fahrt lenkte der Heerführer seine Pferde mit einer Hand, mit der anderen schlug er sich gegen die Stirn. „Die Ruine, ich hab nicht an die Ruine gedacht.“ Antef schielte über die breiten Schultern des Mannes und erblickte nun ebenfalls die vorher gar nicht beachteten Mauern, die am Rande der Oase aufragten. Die Nomaden hatten begonnen, sich in ihrer Not ins Innere des Tempels zu flüchten. Haremhab trieb seine Männer zur Eile an und sie konnten mit ihren Pfeilen noch einige der Nomaden erledigen, bevor sie im Schutze der Mauern verschwinden konnten. Als die Wagen jedoch dem Gebäude zu nahe kamen, wurden sie mit Speeren und Pfeilen abgewehrt. Haremhab wich zurück bis zum See und versammelte seine Männer wieder um sich. Er stieg hinter Antef vom Wagen. Wütend schleuderte er seinen Dolch zu Boden und maulte in seiner üblichen Lautstärke: „Ich bin doch der Sohn eines Esels! War das nicht offensichtlich, daß sich die Hurenlsöhne in diesen Wänden verkriechen würden?“ Mit angespannter Miene stemmte er die Hände in die Hüften und starrte auf die Ruine, als ob er sie allein durch seinen Blick zum Einstürzen bringen könnte. Antef ging das alles nicht schnell genug und seine Gedanken überschlugen sich. Wie konnte man die Mäuse aus dem Loch kriegen? „Feuer,“ rief er triumphierend, „man muß sie ausräuchern!“ Zustimmende Rufe klangen auf und Haremhab schlug ihm so begeistert auf den Rücken, daß er ein paar Fuß vorwärts stolperte. Sofort begannen die Männer alles aufzusammeln was brennbar war, angefangen bei gewissen Gepäckstücken, die den Abwehrwall bildeten, bis zu trockenen Ästen von den Bäumen der Oase. Sie banden alles zu Bündeln zusammen und dann begann ein gefährliches Spiel. Die Bündel mußten irgendwie nahe an die Ruine herangebracht werden; also näherten sich abwechselnd einer oder zwei der Streitwagen dem Gebäude im vollen Galopp, während die anderen versuchten, durch einen Pfeilhagel zu verhindern, daß die Nomaden von den Fenstern aus Speere oder Pfeile abfeuerten und die Medjay verletzten. Doch wieder hatte Haremhab Glück und nur einer seiner Männer bekam einen Pfeil in die linke Schulter, was aber nur eine Fleischwunde zur Folge hatte. Endlich hatten sie es geschafft. Rund um das Tempelgebäude lagen trockene Bündel, die darauf warteten in Brand gesetzt zu werden. Einzelne Nomaden, die versuchten durch die Fenster mit Speeren die Bündel wegzuschieben, erledigten die Medjay sofort mit ihren Pfeilen. Antefs einzige Sorge war: Wo war Nefer? Was, wenn sie in dem Tempel war. Haremhab schien seine Sorgen zu erraten und meinte beruhigend: „Antef, egal wer in dem Loch sitzt, wenn der Rauch dicht genug wird, kommt er rechtzeitig raus. Und wenn dieser Verräter Tutu herausgekrochen kommt, haben wir immer noch genug Zeit deine Nefer lebend herauszuholen. Antef schickte ein Gebet zu Aton empor, damit er seine Geliebte schützen solle und legte einen mit Stoff umwickelten Pfeil auf den Bogen, den er in der Glut des verlassenen Nomaden-Lagerfeuers entzündet hatte. Die anderen Männer taten es ihm nach und nach wenigen Minuten brannten die Bündel lichterloh. Es dauerte auch nicht mehr lange und die übriggebliebenen Nomaden kamen hustend und um Gnade winselnd aus dem qualmenden Gebäude. Die Medjay nahmen die rußigen sechs Gestalten gefangen und endlich konnte Antef in den Tempel stürmen. Die Männer waren schon dabei, das Feuer mit Sand zu löschen und Antef trat unter Hustenanfällen durch die Tür. Trotz der Rauchschwaden erkannte er, daß seine Hoffnung umsonst gewesen war; Nefer war nicht hier. Mit gesenktem Kopf trat er wieder ins Freie und beantwortete Haremhabs fragenden Blick mit einem Kopfschütteln. Haremhab zögerte nicht lange. Er packte einen der gefangenen Nomaden und warf ihn grob auf den Boden. Mit der Sohle seiner Sandale drückte er sein Gesicht in den Sand, bis der Mann zappelte und kaum noch Luft bekam, dann ließ der General locker und fragte den nach Luft Japsenden: „Die Frau, wo ist die Frau? Und wage nicht zu lügen oder zu leugnen!“ Der Mann war so verschüchtert und auf sein Leben bedacht, daß er redete wie eine sprudelnde Quelle. Als er geendet hatte, gab ihm Haremhab einen Tritt und er rappelte sich auf und versteckte sich schnell hinter den anderen Gefangenen. Haremhab und Antef blickten sich an, der eine mit unzufriedener, der andere mit ängstlicher Miene. Der Mann hatte erzählt, daß Tutu mit seiner Gefangenen unmittelbar vor dem Angriff der Streitwagen geflohen sein mußte; jedenfalls hatte sie keiner der Männer seitdem mehr gesehen. Mehr wußte er nicht. Nicht einmal nach einem drohenden Blick Haremhabs. Der Krieger dachte kurz nach, dann wandte er sich energisch an seine Männer. Anscheinend hatte er einen Entschluß gefaßt. „Männer, wir werden uns aufteilen müssen. Zwölf von euch werden mit den gesamten Streitwagen und den Gefangenen zurückkehren nach Achetaton um dort auf mich zu warten und für Ordnung zu sorgen. Antef, ich und die restlichen Männer werden uns Kamele der Nomaden nehmen, um den Spuren der Flüchtigen zu folgen. Tutu wird sicher versuchen uns in unwegsames Gelände zu locken und dort würden uns die Streitwagen nur behindern. Ihr helft uns noch, die Kamele mit allem Nötigen zu beladen, dann trennen sich unsere Wege.“ Antef warf einen besorgten Blick zum Himmel und stellte fest, daß die Sonnenscheibe schon fast den Zenit erreicht hatte. Der ihm so kurz erscheinende Kampf mit den Nomaden hatte sie also doch mehr Zeit gekostet als gedacht. Der Vorsprung von Tutu wurde mit jeder Minute größer. „Laß uns aufbrechen, General, wir müssen diesen Schuft einholen!“ Stieß er ungeduldig hervor und der Heerführer beeilte sich, seine letzten Anweisungen zu erteilen.


Auf der Flucht

Gnadenlos trieb Tutu die Kamele durch die staubige flirrende Hitze der Wüste. Nefer war so erschöpft und ausgelaugt, daß sie trotz ihrer Angst und des holprigen Rittes immer wieder in einen ohnmachtähnlichen Schlaf sank. Tutu machte keine Pause und reichte lediglich ab und zu einen Schlauch mit Wasser zu seiner Gefangenen nach vorn, um den schlimmsten Durst zu stillen. Immer wieder sah er sich wie gehetzt um, ob nicht bereits eine Staubwolke in der dunstigen Ferne seinen Verfolger ankündigte. Erst als die Sonne bereits den Zenit überschritten hatte und von Haremhabs Bataillon immer noch nichts zu sehen war, beruhigte er sich und gelangte zu der Überzeugung, daß die Nomaden die Soldaten zwar nicht besiegt, aber zumindest lange genug aufgehalten hatten, um ihm einen sicheren Vorsprung zu verschaffen. Vorsichtshalber ritt Tutu trotzdem die Nacht hindurch. Kamele waren vorsichtiger und trittsicherer im Wüstensand als Pferde und das Risiko, daß sie sich die Beine verletzten, weitaus geringer. Auch leuchteten in der Wüsten der Mond und die Sterne so klar und hell, daß der Weg gut zu erkennen war. Nefer war viel zu schicksalsergeben und erschöpft um zu bemerken, daß Tutu von der Karawanenroute abwich. Allerdings schlug er nicht, wie von Haremhab vermutet, den Weg ins unwegsame Gelände der steinigen Wüste ein, sondern hielt sich schon bald in Richtung des Nils. Tutu war sich bewußt, daß er in der Wüste früher oder später von Haremhabs Trupp eingeholt werden würde. Die Chance, daß die erfahrenen Medjay von den Nomaden besiegt worden waren, war verschwindend gering. Haremhabs Männer hatten sicher von den Nomaden genügend Wasser und Vorräte mitgenommen, um ohne größere Pausen Tutus Verfolgung durchzuhalten. Es war auch äußerst unwahrscheinlich, daß die erfahrenen Spurenleser Tutus Fährte verlieren würden, außer ein Sandsturm käme ihm zur Hilfle. Nefers Aufmerksamkeit wurde erst erregt, als sie am Abend des zweiten Tages im Licht der untergehenden Sonne die Silhouetten von Gebäuden in der Ferne aufragen sah. Sie richtete sich etwas im Sattel vor Tutu auf und beschattete ihre Augen mit der flachen Hand. Sie leckte ihre trockenen Lippen und fragte mit heißerer Stimme: „Wo sind wir? Wohin bringst du mich?“ Tutu hatte zu seinem sadistischen Grinsen zurückgefunden und antwortete: „Wir werden noch bevor die Nacht hereinbricht Schmun erreichen, die Stadt des ibisköpfigen Weisheitsgottes Thot.“ Inzwischen hatte Nefer erkannt, daß sich der im Sonnenuntergang golden glänzende Nil zwischen ihnen und den Gebäuden der Stadt dahinwand. Tutu blickte zufrieden in dieselbe Richtung wie Nefer und fuhr fort: „In Schmun werden wir uns ein Segelschiff mieten und in Richtung Memphis reisen. Wir werden auf dem Fluß viel schneller sein, als dein Arztfreund und der Heerführer an Land. Kurz vor oder hinter Memphis werden wir uns an Land setzten lassen, in irgendeinem kleineren Ort, um den Hafenkontrollen der Stadt aus dem Weg zu gehen. Dann werden wir über Land mit all den vielen Händlern, Reisenden und Besuchern nach Memphis kommen und uns dort mit allem versorgen, was wir für eine längere Schiffsreise brauchen. Schließlich werde ich mich nach einem großen Handelsschiff umsehen, auf dem wir unter den vielen Mitreisenden und Schiffsleuten kaum auffallen werden und wir werden endlich Richtung meiner Heimat reisen – natürlich werde ich mit dem Kapitän wiederum aushandeln, daß er uns ein Stück außerhalb der Stadt an Bord nimmt, wegen der Kontrollen.“ Tutu wirkte sehr zufrieden mit sich und seinem Plan und Nefer senkte traurig den Kopf. Er hatte wirklich an alles gedacht; sie konnte keine Lücke in seinem Plan finden. Wenn sie nicht über den Hafen in Memphis einreisten, würden sie kaum kontrolliert werden und eine Entdeckung war so gut wie ausgeschlossen. Auch würde hier sicher nicht so intensiv nach Tutu gesucht werden, wie in Theben und Umgebung, da der Atonkult an dem weit entfernten Memphis fast spurlos vorübergegangen war. Hier wurde, wie schon eh und je, der Gott der Handwerker „Ptah“ verehrt und sein Kult wurde eifrig betrieben. Nefer blieb nur eine Chance, sie mußte auf eine Gelegenheit warten, die Flucht zu ergreifen. Als sie Schmun erreichten, war die Sonne untergegangen. Nur noch ein breiter roter Streifen über der Wüste, der den Fluß wie flüssiges Feuer aufleuchten ließ verriet, wo Aton den Horizont überschritten hatte. Von den Häusern am anderen Ufer des Nils konnte Nefer nur schwache Umrisse und ein paar erleuchtete Fenster wahrnehmen. Tutu stieg von seinem Kamel und führte es, gefolgt von dem Packtier, am Ufer entlang. Nefer mußte sich immer wieder über das Glück des Mannes wundern. Hatte sie schon gehofft, vor Einbruch der Dunkelheit nicht mehr über den Fluß zu kommen und eine Gelegenheit zu finden um zu fliehen, so hatte sie sich getäuscht. Schon nach wenigen hundert Fuß hatte Tutu eine Bauernkate entdeckt vor der eine kleine Barke vertäut lag. Rücksichtslos klopfte er gegen die alten Bohlen der hölzernen Tür und schon bald stand ein verschlafen wirkender älterer grauhaariger Mann vor ihm im schwach erleuchteten Türrahmen, nur mit einem zerknitterten Schurz bekleidet. Als Tutu ihm jedoch für eine simple Überfahrt die beiden Kamele anbot, wurde dieser hellwach und machte in Rekordgeschwindigkeit das Boot startbereit. Ein letzter rötlicher Dunst hing über der Wüste und den Felsformationen, als Tutu mit seiner Gefangenen die Stadtmauern von Schmun erreichte. Die Wachen waren eben dabei, die Tore zu schließen und ließen die beiden späten Gäste mit Murren, aber ohne Kontrolle ein. Schließlich freuten sie sich auch auf ihren Feierabend in irgendeiner Schenke und mit einem dickflüssigen Bier, welches den Staub der täglichen Arbeit aus den Kehlen spülte. Tutu hatte nur wenig Gepäck zurückbehalten, das er in einem Bündel auf dem Rücken trug. Nefer hatte er am Arm gepackt und zog sie grob hinter sich her. Die flachen sandfarbenen Gebäude der Stadt lagen zumeist schon dunkel vor ihnen. Nur in wenigen Fenstern sah man noch den Schein von Öllampen erglühen. Als sie dem Ortskern näherkamen, wurden die Straßen belebter, die Gebäude größer. Einige Freudenhäuser und Schenken waren hell beleuchtet. Soldaten und Betrunkene gingen ein und aus und Tutu zog Nefer in einen der Eingänge. Während sie sich schaudernd umsah, verhandelte Tutu mit einer schwarzhäutigen übergewichtigen Nubierin, die mit Schmuck über und über behangen war. Allerdings trug sie außer dem Schmuck fast nichts am Leibe. Nefer sah einen schäbigen Raum. Die einst geweißten Wände waren vom Rauch der Öllampen grau und schmierig, die Regale waren schief und mit unordentlich aufgestapelten Tongefäßen vollgestellt. Einige Tische und klapprige Stühle vervollständigten die Einrichtung. Es gingen mehrere Nebenräume vom Hauptraum ab. Die sich darin abspielenden wollüstigen Szenen wurden von dünnen durchlöcherten Vorhängen nur halb verborgen. Das Gekicher der Freudenmädchen, die von Soldaten, Arbeitern und Schiffern beglückt wurden, war nicht zu überhören. Es war klar, daß es sich bei diesem Etablissement um ein Freudenhaus handelte. Tutu packte Nefers Arm wieder fester; anscheinend war er mit der dicken Nubierin handelseinig geworden. Sie watschelte ihm voraus und zog einen etwas blickdichteren Vorhang zur Seite. Dahinter kam eine steile Holzstiege zum Vorschein. Die Nubierin trat zur Seite und Tutu schob Nefer vor sich her die Treppe hoch. Oben befand sich ein kleines Gelaß mit nur einer Tür und ohne Fenster. Auf dem Boden lag eine aus Palmwedeln geflochtene Matte und in der Ecke, auf einem Schemel, stand eine tönerne Öllampe. Tutu zog Nefer in den Raum und ließ sie kurz los, nur um die Lampe zu entzünden. Nefers Blick schoß sofort zu der offenen Tür und der Treppe, aber unten am Treppenabsatz versperrte mit einem hämischen Grinsen die dicke Dame des Hauses den Weg. Nefer wich an die Wand zurück als Tutu sich ihr näherte; doch er streifte sie nur absichtlich mit seinem Körper und verließ das Zimmer. Sie hörte, wie draußen ein Riegel einrastete und atmete auf. Für den Moment war sie Tutu los. Nefer setzte sich auf die Matte und schrak zusammen, als der Riegel knarrte und die Tür noch einmal aufflog. Es war allerdings nur die dicke Nubierin. Sie brachte einen Teller mit einem undefinierbaren Gericht und ein Tongefäß mit einem dicken Gebräu und stellte beides vor Nefer auf den Boden. Als sie den Raum wieder verlassen hatte, beäugte Nefer mißtrauisch den Tonkrug näher. Sie roch daran und stellte fest, daß es sich um Bier handelte. Es war sogar noch relativ frisch, denn man roch noch das Brot, aus dem das Getränk hergestellt worden war. Da im Lande Kemet das Getreide für Notzeiten aufgespart wurde, durfte nichts verschwendet werden. Daher wurde das Bier aus hart gewordenem Brot hergestellt, das man mit Flüssigkeit und Zucker zum Gären brachte. Nefer aß den eintopfartigen Brei aus Bohnen, Zwiebeln und Geflügel und trank das Bier. Sie hatte ja seit Tagen kaum etwas gegessen und es war ihr nun relativ egal was es war, Hauptsache es füllte den Magen. Sie stellte das leere Geschirr beiseite und legte sich auf die Palmwedelmatte. Sie versuchte noch eine Weile wachzubleiben, um sich gegebenenfalls gegen Tutu wehren zu können, aber schon bald fielen ihr nach all den Strapazen die Augen zu. Erschrocken fuhr sie aus dem Schlaf hoch, als sie die Türe gehen hörte. Sie versuchte wieder ruhig zu liegen und tat, als wenn sie schliefe. Diesmal schien ihre Sorge unbegründet gewesen zu sein, denn Tutu legte sich neben sie auf die Matte und schlief augenblicklich ein. Sein lautes Schnarchen und der Bierdunst, den er ausströmte, beruhigten Nefer. Wahrscheinlich hatte er seine Lust mit den Freudenmädchen gestillt und sich danach betrunken. Sie entspannte sich und schlief wieder ein. Am nächsten Morgen erwachte Tutu früh. Nefer wachte schon länger und hatte sich ängstlich an die Wand gepreßt. Tutu beachtete sie allerdings wenig. Erfreut entdeckte er eine Schüssel mit frischem Wasser, welche die Wirtin wohl leise in den Raum gebracht haben mußte und begann, sich zu waschen. Nachdem er mit gleichgültiger Miene das Waschgefäß an Nefer weitergegeben hatte, schulterte Tutu sein Gepäck und zog Nefer wieder hinter sich her die Treppe hinab. Er drückte der grinsenden Nubierin noch einen Kupferdheben in die wulstigen Hände und sie verließen das Haus. Tutu machte sich auf den Weg zum kleinen Hafen des Ortes und wurde bald handelseinig mit dem Kapitän eines kleinen Segelschiffes. Wieder wechselten einige Dheben den Besitzer und Nefer war überzeugt, daß Tutu, bevor er den Palast Echnatons verlassen hatte, sich an dessen Besitz gütlich getan hatte. Das Schiff segelte zügig den Nil hinab und Nefer hörte aus den Gesprächen zwischen Tutu und dem Kapitän heraus, daß sie in spätestens zwei Tagen Memphis erreicht haben würden. „Kannst du mich kurz vor oder nach der Stadt an Land setzen, in irgend einem kleineren Ort?“ Fragte Tutu den Kapitän. Dieser grinste verstehend und hielt ihm die offene Hand entgegen. Mit mürrischem Gesicht ließ Tutu noch einen Dheben hineingleiten und der Kapitän antwortete: „Bei den Pyramiden und Grabstätten von Saqqara, kurz hinter Memphis, gibt es eine kleine Stadt, die dem Ort den Namen gab. Dort sind die Grabpflege-Priester zuhaus. Auch gibt es dort Einbalsamierer und Handwerker, die Grabbeigaben und Schmuck herstellen. Dort wirst du sicher an Land gehen können und bestimmt auch Esel für die unauffällige Weiterreise nach Memphis bekommen. Oder du reist direkt von Saqquara aus mit dem Schiff weiter. Etliche kleinere Handelsschiffe machen einen Abstecher nach Saqqara um Waren aufzunehmen, ehe sie nach dem Delta segeln.“ Mit einem Augenzwinkern fügte der Kapitän hinzu: „In Saqqara sind die Soldaten recht nachlässig, wie man hört, und nehmen es mit den Kontrollen von Passagieren und Ladung nicht sehr genau.“ Zufrieden nickte Tutu und blickte erwartungsvoll den Fluß hinab. „Wir werden uns den Besuch in Memphis sparen können.“ Mutmaßte er. Nefer mußte sich in der folgenden Nacht keine Sorgen machen. Tutu, sie und der Kapitän schliefen nebeneinander während der kurzen Nachtpause, die sie einlegen mußten, und selbst Tutu machte keine Anstalten ihr zu nahe zu kommen, solange ein dritter neben ihnen lag. Außerdem wäre bei einer solchen Aktion das kleine Segelboot sicher ins Schaukeln geraten, was sie den Krokodilen gefährlich nahe gebracht hätte. Bereits in der Morgendämmerung fuhren sie an den prächtigen Hafenanlagen von Memphis vorüber. Tutu hatte darauf bestanden, das frühe Zwielicht zu nutzen, um möglichst wenig gesehen zu werden. So konnte Nefer auch von den Villen und Tempeln, welche die Ufer nach dem Hafen säumten, wenig erkennen. Als die Sonne vollends über dem östlichen Horizont aufging bot sich ihr allerdings ein anderes prächtiges Bild. Die letzten Häuser der Stadt waren außer Sicht da erhoben sich, hinter dem den Nil stetig säumenden breiten Grünstreifen und ein paar sandigen Dünen, die Spitzen der riesigen wie weiße Edelsteine schimmernden Pyramiden vor ihren Augen. Sie waren vom flirrenden Sonnenlicht in solch einen gleißenden Schein getaucht, daß es die Augen blendete. Je näher sie Saqqara kamen, desto weiter wuchsen sie in den Himmel, eingerahmt vom goldenen Wüstensand und grünen Palmen. Nefer konnte die Augen gar nicht von der riesigen Stufenpyramide des König Djoser und den sie wie drei kleinere Geschwister umgebenden Grabmählern des Snofru losreißen und mit einem herablassenden Grinsen beobachtete sie Tutu, der diese Kulisse schon öfters gesehen hatte. Nefer hatte wohl von diesen Häusern der Ewigkeit gehört, aber sie hatte sich nie vorgestellt, daß sie so überwältigend schön sein könnten. Eine große Ehrfurcht vor den Erbauern überkam sie und sie dachte, daß die Pharaonen, welche in solch faszinierenden Bauten beigesetzt worden waren, wirklich göttergleich gewesen sein mußten. Als sie die Steingiganten auf dem Fluß passierten sah Nefer, daß die Zeit und der heiße Wüstenwind, der den Sand wie Schleifpapier benutzte, die Kalksteinüberzüge bereits angefressen hatten. Dennoch tat es der Majestät dieser Monumente keinen Abbruch. Nachdem sie die Pyramiden längst passiert hatten lehnte Nefer weiterhin am Heck des Bootes und behielt die beeindruckenden Bauten so lange im Blick, wie es ihr möglich war. Wenig später erreichte das Schiff die Ansiedlung Saqqara und Nefer wunderte sich, daß es sich um eine richtige Stadt handelte. All diese Leute waren irgendwie dem Dienst an den Toten verpflichtet. In Theben und Achetaton war zu Echnatons Zeiten dem Totenkult bei weitem nicht mehr die Bedeutung zugemessen worden, die er seit Alters her im Lande Kemet genossen hatte. Hier aber blühten der alte Glaube und das Geschäftemachen mit der Hoffnung auf das Leben nach dem Tode weiter. Das Boot legte an und Tutu ging mit ihr über die ausgelegte Planke auf den steinernen Pier. Schon hier am Hafen begannen sich die Menschen zu drängen. Bevor sie weitergingen, band Tutu Nefers Hände zusammen und das andere Ende des Stricks um seine Hüfte. Damit war der Gedanke an Flucht in die Menschenmenge vereitelt. Niemand nahm hier groß Anstoß an einem Herrn, der eine gefesselte Sklavin bei sich führte. Es herrschte Marktbetrieb. Kaum hatten sie das von Pylonen gesäumte Tor durchschritten, welches Hafen von Stadt trennte, allerdings vom Erscheinen des Herren Re am östlichen Horizont bis zu seinem Untergang im Westen geöffnet war, wurden sie vom Gewühl der Menschen und der Vielfalt der Düfte fast überwältigt. Überall gab es Stände mit Uschebtis, den kleinen Menschenfiguren, die den Edlen mit ins Grab gegeben wurden, um ihnen nach ihrem Tode zu dienen. Auch Grabschmuck, Totenbücher mit heiligen Sprüchen und andere Beigaben gab es zu Hauf. Hier gab es Kanopen aus Ton, die billigeren Ausführungen der Gefäße für die Innereien, welche den Toten entnommen und separat in den Grabkammern aufbewahrt wurden. Daneben wurden die für normale Bürger kaum erschwinglichen Ausführungen aus schimmerndem Alabaster angeboten. Dazwischen gab es Ziegen, Esel, Enten und alles mögliche Getier zu erstehen. Direkt neben Ständen, an denen Gebratenes angeboten wurde warben Balsamierer für ihre Kunst. Obwohl Nefer einiges hier makaber vorkam, atmete sie tief und hungrig den Duft von Zwiebeln, Bohnen, Linsen Lauch, frischgebackenem Brot und gebratenem Geflügel ein, der hier allgegenwärtig war. Diesmal blieb Nefer sogar die Zeit sich alles genauer anzuschauen, da Tutu sich an etlichen Ständen aufhielt und mit den Händlern feilschte. Zwischendurch wandte er sich seiner Gefangenen zu und meinte: „Ich hatte recht, wir brauchen Memphis gar nicht aufzusuchen. Alles was ich für die Weiterreise brauche, finde ich auch hier. Gegen Abend werde ich mich dann am Hafen umsehen und eine Schiffspassage mit einem der Kapitäne aushandeln. Wir werden dann sehr früh, mit all den Waren, dem Gepäck und den anderen Reisenden an Bord gehen. Die Soldaten hier in dieser kleinen Stadt werden viel mehr Augenmerk auf geschmuggelte Waren als auf irgendwelche Passagiere haben.“ Als Tutu seinen Einkaufsbummel beendet hatte, hatte er alles mögliche für eine bequeme Weiterreise erstanden. Nefer mußte ihm ein paar Sachen abnehmen, da er sie alleine gar nicht tragen konnte. Da gab es ein Paar dicke bequem aussehende Binsenmatten für die Übernachtungen auf dem Schiff, getrocknete und gesalzene Fische, Früchte und Brot als Wegzehrung, einige Schläuche mit Wasser und ein paar versiegelte Krüge mit Bier. Sogar an Kleider und Kosmetik hatte er gedacht und Nefer dachte mit Erleichterung, daß sie nun bald das verdreckte, halb zerrissene Gewand loswerden würde, das sie schon seit ihrer Entführung aus Achetaton trug. Die inneren Mauern der Stadt, sowie die vielen ein- bis zweistöckigen Gebäude, welche die Straßen säumten, strahlten weiß im grellen Licht der inzwischen hochstehenden Sonne. Fast jedes Haus hatte irgendwelche Auslagen mit den jeweils hergestellten Waren auf Holztischen vor der Türe, oder einfach auf Matten auf dem Boden ausgestellt. Man merkte, daß hier das Geschäft mit dem Tod und dem Leben danach blühte. Bald hatte Tutu eine halbwegs sauber aussehende Pension gefunden. Im Erdgeschoß befand sich ein Gastraum, wo Bier ausgeschenkt wurde und es auch einen Stand mit Gegrilltem gab. Nach oben führten zwei Treppen aus jeder hinteren Ecke des Gebäudes. Der Wirt, ein untersetzter muskulöser Mann mit einem kahlen Kopf, starrte zuerst leicht angewidert doch dann, nachdem er die Schönheit unter der Staubschicht und dem zerlumpten Gewand erblickt hatte, mit wachsendem Interesse auf Nefers schlanke Gestalt. Tutu, dem dies nicht verborgen blieb, schob sie hinter sich und verlangte mit hochmütigem Gesicht und mit ein paar Dheben klimpernd nach einem angemessenen Gemach. „Ich möchte eine abschließbare Türe und höchstens ein kleines Fenster.“ Merkte er noch streng an. Der Wirt nahm die Dheben in Empfang und starrte nachdenklich hinter dem seltsamen Paar her, als es den von ihm angewiesenen Treppenabsatz hochstieg. Ihm war nicht entgangen, daß der kleine Asiat ständig auf der Hut war und keinen Blick von der jungen Frau ließ. Auch die Angst des Mädchens war ihm nicht verborgen geblieben und dass sie gefesselt war – um ein glücklich verliebtes Paar handelte es sich hier sicher nicht.


Entkommen

Mit einem schmierigen Lächeln wischte er sich über den wulstigen Mund. Vielleicht könnte er sich mit der Befreiung dieser jungen hübschen Frau einen Gefallen von ihr erkaufen, oder noch besser: er würde sie irgendwo verstecken, dem Asiaten erzählen, dass sie geflohen sei und sie für sich selbst behalten. Sie würde ihm sicher viel Vergnügen bereiten und wenn er von ihr genug hatte, nun seine Gäste würden sich sicher nicht lumpen lassen. Er zog seinen Schurz glatt, der sich schon beim alleinigen Gedanken an eine solche Gelegenheit über seinem erregten Glied zu wölben begann, und beeilte sich den bereits ungeduldig wartenden Gästen an den Tischen Nachschub an Bier zu bringen.

                *

Tutu hatte Nefer die Fesseln abgenommen und sie mit frischem Brot und gebratenem Geflügel versorgt. Nefer weigerte sich auch gar nicht, das Essen anzunehmen, denn schon in Schmun war ihr klargewesen, daß sie für eine eventuelle Flucht ihre ganzen Kräfte brauchen würde und sie weder Stolz noch Dickkopf in dieser Sache weiterbringen würden. Ängstlich wartete sie, nachdem sie das Mahl beendet und sich die Finger in einer Schale mit duftendem Wasser gereinigt hatten – man mußte es Tutu lassen, wenn es Komfort gab, dann stellte er ihn auch bereit – auf Tutus nächsten Schritte. Er erhob sich von den Binsenmatten, auf denen sie kniend gegessen hatten und wies sie kurz an: „Ich werde nun zum Hafen gehen, um für unsere bequeme Weiterreise zu sorgen. Du bleibst hier.“ Grinsend blickte er auf das einzige schmale Fenster des Raumes, das nicht einmal ein Kind durchschlüpfen hätte lassen und fuhr fort: „Auf irgendeinem Schiff werde ich bestimmt eine ruhige Ecke für uns alleine bekommen. Wenn ich nur genügend bezahle, wird etwas Abgeschiedenheit kein Problem sein und dann können wir uns endlich unserem Vergnügen widmen.“ Mit schmierigem Grinsen flüsterte er: „Du wirst es sicherlich genauso sehnsüchtig erwarten wie ich, nicht wahr?!“ Mit einer lüsternen Geste strich er ihr im Vorübergehen über die Hüfte, dann wandte er sich zur Tür. Wenig später hörte Nefer den Riegel einrasten. Sie wartete eine Weile, bis sie sicher sein konnte, daß Tutu die Pension wirklich verlassen hatte, dann begann sie mit einer gründlichen Untersuchung der Tür und des Fensters. Mutlos ließ sie sich nach einer Weile auf die Matten sinken. Es hatte keinen Sinn. Die Tür war massiv und verriegelt, das Fenster viel zu klein. Eine Flucht war unmöglich. Nefer legte das Gesicht in die Hände und ein wildes Schluchzen schüttelte ihren zarten Körper. Ihre ganze Welt war zerstört. Alles, was sie gekannt – an was sie je geglaubt hatte, war verschwunden, die zarten Keime eines neuen Glaubens an eine bessere Welt unter dem unerbittlichen Wüstensand Kemets begraben. Die königliche Familie, die einzige Familie die sie jemals gekannt hatte, sie waren tot, fort, verschwunden. Und Antef, ihr Geliebter, sowie Haremhab der ihr immer wieder aus der Klemme geholfen hatte, waren so unerreichbar für sie wie das ferne Wawat, ihre einstige Heimat. Nefer weinte hemmungslos und so überhörte sie, daß der Riegel der Tür leise zurückgeschoben wurde und schwere Schritte in den Raum tappten. Erst als sie eine schwielige Hand auf ihrer Schulter spürte, schrak sie zusammen und sprang hastig auf. Als sie den großen korpulenten Wirt erkannte wich sie vorsichtig bis an die Wand zurück. Bei ihren zurückliegenden Erfahrungen mit Männern konnte sie sich nicht vorstellen, daß er ihr freundlich gesinnt sein könnte. Mit einem scheinheiligen Lächeln näherte er sich ihr und sprach, während seine dunklen in Speckschwarten fast verschwindenden Augen sie hungrig musterten: „Na, meine Schöne, kann ich dir mit irgend etwas behilflich sein?“ Als Nefer sich nicht rührte und das Schweigen zwischen ihnen sich unangenehm ausdehnte fuhr er fort: „Ich werde das Gefühl nicht los, daß du mit deinem Begleiter nicht freiwillig Zimmer und Schlafstatt teilst?“ Ohne auf ein Antwort zu warten machte er ihr sein Angebot. „Ich wäre durchaus bereit, dich hier herauszulassen und dich solange zu verstecken, bis er verschwunden ist. Dafür müßtest du nur eine Weile für mich arbeiten und ein bißchen freundlich zu mir sein... das ist doch nicht zuviel verlangt für so einen wertvollen Dienst. Es wird für mich ja auch nicht einfach werden, deinem Herrn zu erklären, wie du mir entwischt bist. Aber mir wird da schon was einfallen.“ Mit einem dicken Finger strich er über Nefers Wange und ließ ihn weiterwandern, bis er fast ihren Busen erreicht hatte. Sein Atem beschleunigte sich zu einem kurzatmigen Keuchen und Nefer wandte angewidert den Kopf zur Seite, als er sich an sie drängte. Die Gedanken rasten durch Nefers Kopf: die Tür stand offen und dies war wahrscheinlich ihre letzte Möglichkeit zur Flucht. Sie mobilisierte all ihre Kräfte und zog mit einer ruckartigen Bewegung ihr Knie hoch. Sie spürte, wie ihre Kniescheibe genau die beiden Rundungen unter des Wirtes Schurz traf, die sie im Visier gehabt hatte. Der Atem wich mit einem Stöhnen aus seinen Lungen, sowie die Farbe aus seinem Gesicht. Er sank zusammen, wie ein leerer Sack und griff sich mit seinen wulstigen Händen in den Schritt. Wie eine Gazelle sprang Nefer über das Häuflein Elend hinweg und hastete die Treppe hinab. In der Gaststube waren zum Glück nicht viele Männer anwesend und die, welche würfelnd oder trinkend an den Tischen saßen, beachteten sie kaum. Sie rannte durch die Tür, verschwand in einer der umliegenden schmalen Gassen und rannte, bis ihr der Atem wegblieb. Nach Luft ringend lehnte sie sich gegen einer rauhe Hausmauer und versuchte Klarheit in ihre durcheinanderwirbelnden Gedanken zu bringen. Was sollte sie tun? Wo sollte sie hin? Ihr war nur klar, daß sie sich irgendwo verstecken mußte, bis Tutu am nächsten Tag mit irgendeinem Schiff die Weiterreise angetreten hatte. Langsam beruhigte sich ihr Atem und sie konnte ihre Gedanken ordnen. Während sie immer wieder ängstlich die schmale Gasse auf und ab spähte, überlegte sie: „Tutu wird seine Abreise nicht verschieben. Dieses Risiko kann er nicht eingehen. Er wird lieber auf mich verzichten, als seine Freiheit oder sogar sein Leben aufs Spiel zu setzen.“ Mit diesen Gedanken fühlte sie sich schon ein bißchen sicherer und sie spann den Faden fort, während sie langsam die Gasse hinunterging in die Richtung, wo sie die Stadtmauer und die das Tor flankierenden weißen Wehrtürme aufragen sah. „Ich muß nur ein Versteck finden, wo ich mich für einen oder sicherheitshalber für zwei Tage versteckt halten kann.“ Sinnierte sie weiter. Sie würde Wasser brauchen und vielleicht ein paar Früchte. Ein Dattelbaum reckte, als hätte er ihre Gedanken erraten, seine mit süßen Früchten begangenen Zweige über eine niedrige Gartenmauer und Nefer pflückte ein paar und ließ sie in einer Falte des alten Gewandes verschwinden. Als sie die Fetzen verknoten mußte, um nicht alle Datteln zu verlieren, oder plötzlich ohne Hüllen dazustehen bereute sie, daß ihr in der Pension nicht mehr die Zeit geblieben war, eines der neuen Gewänder anzuziehen, welche Tutu auf dem Markt erstanden hatte. Inzwischen hatte sie die Stadtmauer erreicht und ging ein Stück an ihr entlang, um das Tor zu finden. Ein Brunnen befand sich auf ihrem Weg und sie klaubte einen halb zerbrochenen Tonkrug auf, um ihn mit Wasser zu füllen. Das mußte einfach genügen um für ein- zwei Tage im Verborgenen zu überleben.


Ein makabres Versteck

Sie durchschritt das Tor, das von zwei Soldaten bewacht wurde, welche aber der zerlumpten Gestalt keinen zweiten Blick gönnten, die mit einem zersprungenen Krug auf dem Haupt an ihnen vorbeiging. Nefer folgte eine Weile dem ausgetretenen breiten Pfad und bog dann in Richtung Westen ab, wo sie ein paar von Höhlen durchbrochene Felswände aufragen sah. Den fruchtbaren Ufern des Nils hatte sie schon lang den Rücken gekehrt und sie schmeckte die sandige Trockenheit der Wüste auf ihrer Zunge. Aton hatte den Zenit schon deutlich überschritten und im diffusen goldenen Licht des späten Nachmittags und dem vom leichten Wüstenwind aufgewirbelten Schleier des gelben Sandes verschwammen die Konturen der Felsen und der Stadt hinter ihr. Je näher sie allerdings den Felsen kam, je deutlicher wurden die Umrisse ihrer Zinnen und Spalten. Nefer entdeckte nun auch die sandfarbenen hausähnlichen Gebäude, welche sich vor der Felswand erhoben. Sie blieb stehen, schützte ihre Augen mit der flachen Hand gegen das Sonnenlicht und spähte angestrengt auf die ihr unerklärlichen Häuser. Plötzlich fiel ihr eine der Geschichten wieder ein, die ihr Antef in ihren vielen Stunden im Palastgarten mit amüsiertem Grinsen erzählt hatte: „Vor vielen, vielen Jahren, als Ober- und Unterägypten noch nicht einmal ein gemeinsames Reich waren, ließen sich die Könige der unteren Hauptstadt Gräber bauen, die Wohnhäusern nachempfunden waren. Wenn ich richtig informiert bin, besaßen sie sogar einen Abort und Baderäume.“ Bei der Erinnerung schloß Nefer kurz die Augen und fast war ihr, als ob sie die Düfte der exotischen Blumen des Palastgartens und Antefs leichte Berührung wahrnehmen könnte und ein wehmütiges Lächeln huschte über ihre Lippen. Als sie die Augen wieder öffnete, umgab die jedoch weithin nur die von der Sonne verblichene gelblich goldene Wüste mit ihren wenigen rötlichen oder grauen Felsformationen und ihrer trockenen Hitze. Mit neuem Mut schritt sie auf die im wahrsten Sinne des Wortes „Häuser der Ewigkeit“ zu und begann mit ihrer Suche nach einem geeigneten Versteck. Die meisten der Gebäude waren schon vor langer Zeit geplündert worden und viele der Eingänge lagen auch schon unter dem ewig wehenden Sand begraben. Endlich fand Nefer, was sie gesucht hatte: Ein halb im Wüstensand versunkenes Gebäude, von dem nur ein winziger Teil des Eingangs noch frei lag. Sie stellte ihren Krug neben sich in den Sand und begann bäuchlings, wie eine Schlange, durch die winzige Öffnung zu kriechen. Als sie das Innere des Hauses erreicht hatte, langte sie hinaus und zog den Krug zu sich herein. Der schmale Streifen Licht, der hereindrang, erhellte nur spärlich den Raum. Das Gebäude war größer als Nefer gedacht hatte, da es nach unten hin in den steinigen, vom Sand nur überdeckten Boden geschlagen war. Nefer sah sich ängstlich um aber es gab nichts, wovor sie Angst hätte haben müssen. Die Wände waren mit verblichenen Malereien verziert, deren Einzelheiten sie aber im Dämmerlicht nicht erkennen konnte und wenig beachtete. Vorsichtig setzte sie einen Fuß vor den anderen und erreichte einen Durchgang zu einem weiteren Raum. Nefer blieb wie angewurzelt im Türrahmen stehen, denn dahinter befand sich die Kammer mit den Sarkophagen und die wollte sie nicht betreten. Nur ein winziger Strahl verblassenden Lichtes erreichte noch die Ruhestätte der Toten und machte sie noch unheimlicher. Sie wich zurück und wandte sich dem schmalen Durchlaß nach draußen zu. Sie schob mit den Händen Sand hinein, bis nur ein winziges Guckloch übrigblieb, dann setzte sie sich auf den sandigen Boden und wartete.

                *

Tutu kehrte kurz vor Sonnenuntergang zur Pension zurück. Er hastete die Treppe zu seinem Zimmer empor und konnte es kaum erwarten, seine Gefangene wiederzusehen. Er hatte sich die ganze Zeit kaum auf seine Verhandlungen mit den jeweiligen Kapitänen konzentrieren können, weil ihm ständig Bilder von Nefers prachtvollem Körper durch den Sinn gegeistert waren. Endlich war er mit dem Kapitän eines großen Fracht- und Passagierschiffes einig geworden, welches am nächsten Morgen auflaufen sollte und er hatte mit ein paar Dheben mehr sogar eine Kabine für sich und Nefer ergattert. Während er den langgezogenen Rumpf des Schiffes am Pier entlanggeeilt war und den mit Götterbildern bemalten Bug passiert hatte, dachte er nur noch daran, daß er ja heute Nacht schon alleine mit seiner Gefangenen sein würde. Er würde nicht warten müssen, bis sie auf dem Schiff waren, nein, er würde sie heute Nacht noch besitzen. Mit einem erwartungsvollen Grinsen stieß er den Riegel zurück und öffnete die Tür. Ungläubig starrte er in den leeren Raum. Dann stieß er eine Tirade von Flüchen aus und polterte die Treppe wieder hinunter. Er hetzte durch den Gastraum und die dahinterliegende Küche; der Wirt war genausowenig aufzutreiben wie Nefer. Tutu ließ ein paar Kupferstücke klimpern, was ihm sofort die ungeteilte Aufmerksamkeit der Spieler und Trinker sicherte. Einige der Gäste saßen, zum Glück für Tutu, schon länger und konnten ihm berichten, daß die junge Frau wie vom Seths Dämonen gehetzt aus dem Haus gelaufen war, während der Wirt deutlich später und sehr blaß aussehend aus der Pension schlich. Tutus Augenbrauen zogen sich finster zusammen. Er konnte sich zusammenreimen, was da passiert war, denn er erinnerte sich deutlich an den lüsternen Blick, mit dem der Wirt Nefer gemustert hatte. Er ließ sich auf einen Schemel an einem freien Tisch sinken und griff nach einem der Bierkrüge, die hier massenhaft herumstanden. Anscheinend hatten sich die Gäste, nach dem Verschwinden des Wirtes, einfach selber bedient. Tutu ärgerte sich maßlos über sich selbst. Wo hatte er nur seine sonstige Umsicht gelassen, als er Nefer allein mit diesem brünstigen Wildschwein von einem Wirt in der Pension gelassen hatte? Wo sollte er jetzt mit der Suche beginnen? Das Mädchen konnte überall und nirgends sein. Nach ein paar Schlucken des lauwarmen Gebräus klärte sich Tutus messerscharfer Verstand und er überlegte, daß ihr wohl nur ein Fluchtweg geblieben war. Sie war fremd hier. Jeder bei dem sie Unterschlupf suchen würde hätte sie verraten oder ihr noch Schlimmeres antun können als er. Trotzdem war er für sie die ärgste Gefahr. Sie mußte also die Stadt verlassen und sich irgendwo versteckt haben um abzuwarten, bis er ohne sie abreisen würde. Entschlossen erhob sich Tutu und verließ die Pension. Er beeilte sich, das Stadttor zu erreichen und fragte die Wächter, wie lange es noch geöffnet bleiben würde. Zufrieden mit der Antwort ließ er einen Kupferdheben in die Hand eines jeden Posten gleiten und fragte gleich weiter nach einer zerlumpten jungen Frau, die einige Zeit vor ihm das Tor passiert haben mußte. Auch mit dieser Antwort schien er zufrieden zu sein, denn er ging mit dem Ausdruck eines Jagdhundes, der die Witterung des Wildes aufgenommen hat, den breiten Pfad entlang, der zu den Gräbern führte.


Der Hartnäckige gewinnt

Haremhab war unerbittlich der Fährte Tutus gefolgt. Einmal hätten er und seine Männer beinahe die Spur verloren, als ein zum Glück schwächerer Sandsturm über die Wüste gefegt war. Doch wie immer blieb ihm sein Glück treu und nach einer intensiven Suchaktion, bei der sich die Männer wieder gefächert bewegt hatten, hatten sie den noch mäßig frischen Dunghaufen eines Kameles gefunden. Da dieser etwas vom Karawanenweg entfernt lag, mußte Haremhab nur kurz überlegen, um zu dem Schluß zu gelangen, daß Tutu nun seine Reise doch noch auf dem Nil fortzusetzen gedachte. In Schmun tauschten sie die „geliehenen“ Kamele gegen eine Passage auf einem Schiff ein und ließen sich in Memphis an Land setzen.


Beinahe verloren

Nefer begann zu frieren. Die kalte Wüstennacht würde nicht mehr lange auf sich warten lassen. Die letzten glutroten Strahlen der Sonnenscheibe strichen über den westlichen Horizont und hinterließen dort ein rotgoldenes Mosaik aus Himmel, Licht und Wolken. Nefer schlang die Arme um die angezogenen Knie und starrte nach draußen. Plötzlich wurde ihre Luke von einem Schatten verdunkelt und noch ehe sie reagieren konnte, hatte eine Hand ins Innere gegriffen und sie beim Oberarm gepackt. Mit einer Lawine aus Sand und Steinen landete Tutu böse lachend im Inneren des Totenhauses und zog Nefer im Fallen auf sich. In einer Wolke aus Staub kamen sie zum Liegen. Nefer saß mit entsetzt aufgerissenen Augen auf Tutus Bauch, der immer noch ihren Arm umklammert hielt. „So sieht man sich wieder, meine Schöne!“ Seine Zähne blitzten im Abendlicht, das sich nun eine breite Bahn ins Innere des Grabes gebrochen hatte. Nefer riß sich los, sprang auf und hastete in die einzige Richtung, die ihr nicht verwehrt war, in die Kammer mit den Sarkophagen. Völlig ohne Eile erhob sich Tutu aus dem Sand und klopfte seine Kleider ab, dann folgte er Nefer in aller Ruhe in den hinteren Raum. Er mußte sich nicht beeilten, er war sich seiner Beute sicher. Nefer hatte sich hinter einem der vier Sarkophage verschanzt und blickte sich wie gehetzt nach einem weiteren Fluchtweg um. Sie sah im jetzt helleren Licht einen winzigen Nebenraum mit einem Thronähnlichen Abort und einen weiteren Durchgang, den sie nicht weiter einsehen konnte. Tutu näherte sich ihr gemächlich. „Komm zu mir, meine Taube, du kannst mir hier nicht entkommen. Eigentlich hatte ich mir unser Zusammensein im bequemen Zimmer der Pension vorgestellt, aber das hier,“ er blickte sich neugierig um, „das hier ist auch ganz reizvoll.“ Nefer stieß sich von der steinernen Ruhestätte ab und hastete auf den Durchgang zu. Verzweifelt erkannte sie, daß es sich um einen Baderaum handelte, welcher keine weiteren Zugänge besaß. Sie wandte sich um und sah Tutu auf sich zukommen. Sie wußte, es gab kein Entkommen mehr. Der drahtige Asiate packte sie bei den Schultern, drehte sie mit dem Rücken zum Sarkophag und drückte sie mit seinen Hüften dagegen. Dann begann er sie wild zu küssen. Seine Hände wanderten abwärts und glitten fieberhaft über ihre Brüste und ihre Hüften. Nefer schloß gequält die Augen; sie schien am Ende ihrer Flucht angelangt zu sein. Ein letztes Mal begehrte sie auf und versuchte Tutu mit beiden Händen von sich zu stoßen, was diesem nur ein wütendes Zischen entlockte. Seine Faust landete auf ihrer Wange und halb ohnmächtig gab sie jede weitere Gegenwehr auf. Tutu ließ ein triumphierendes Lachen hören, während er ihr den zerschlissenen Stoff des alten Gewandes über die Schultern gleiten ließ. Bewundernd ließ er einen Augenblick seine Augen auf den perfekten Brüsten ruhen, ehe er sie mit den Lippen berührte. „Jetzt bist du mein, niemand kann mich mehr aufhalten!“ Stieß er siegessicher hervor.

                *

Nefer kam langsam wieder zu sich, als sie im roten Abendlicht in Antefs Armen lag, welcher immer wieder verzweifelt ihren Namen rief. Er kniete auf dem noch warmen Sand vor dem Grabhaus und starrte verzweifelt auf die stille Gestalt in seinen Armen herab. Sämtliche medizinischen Kenntnisse, welche er als Arzt eigentlich besitzen sollte, waren ihm anscheinend im Moment abhanden gekommen. Weder dachte er daran, Nefers Puls zu fühlen, noch ihren Atem zu prüfen. Er war einfach hilflos. Sie versuchte ihm zu antworten, brachte aber nur ein Krächzen zustande. Dieses leise Geräusch genügte allerdings, um ihn in zitternder Freude erkennen zu lassen, daß sie noch lebte und er drückte sie so fest an sich, daß sie beinahe gleich wieder in Ohnmacht gesunken wäre. Antef hielt ihr einen Schlauch mit Wasser an die trockenen Lippen und gierig stillte sie ihren Durst. Er benetzte auch ihre Stirn und Wangen um sie zu erfrischen. Langsam wurden ihre Gedanken klarer und die Erinnerung kehrte zurück.

                *

Als sie sich eben hatte in ihr Schicksal ergeben wollen, war eine brüllende geharnischte Gestalt wie ein Kriegsgott durch die sandige Öffnung des Grabes gestürmt, gefolgt von einer Horde nicht weniger gefährlich und verstaubt aussehender Männer. Tutu hatte von ihr abgelassen und seinen Dolch aus dem Gürtel gezogen, mußte aber sofort erkennen, daß jede Gegenwehr sinnlos gewesen wäre. Entmutigt ließ er die Waffe sinken und ließ sich von Haremhabs Männern gefangennehmen, nicht ohne Nefer noch einen gemeinen Stoß zu verpassen, der sie gegen die Wand knallen und ohnmächtig zu Boden sinken ließ. Er hatte zu schnell gehandelt, so daß weder Haremhab, noch seine Krieger den Angriff hatten verhindern können. Antef hatte sich inzwischen durchs Gewühl gekämpft, hatte mit glühender Wut im Vorbeieilen Tutu einen mächtigen Kinnhaken verpaßt und dann Nefers leblose Gestalt vorsichtig auf seine Arme genommen um sie nach draußen zu tragen. Tränen standen in seinen Augen; er war überzeugt, daß Nefer all diese Quälereien und Widrigkeiten nicht überlebt haben konnte. Als er sie vor dem Totenhaus sanft zu Boden gleiten ließ und merkte, daß sie noch am Leben war, konnte er es kaum glauben. Er hielt sie in den Armen, als ob er sie nie wieder loslassen wollte und vor Freude und Aufregung begannen beide gleichzeitig von ihren Abenteuern, ihren Kämpfen und ihrer Verzweiflung zu erzählen, bis sie von einem halb belustigt, halb grimmig dreinschauenden Haremhab unterbrochen wurden: „Wollt ihr hier im Wüstensand Wurzeln schlagen, oder wäre es den Herrschaften genehm, mit ihren unwürdigen Rettern zurück in die Stadt zu reiten?“ Mit Antefs Unterstützung erhob sich Nefer mühsam und legte ihre Hand auf den Arm des rauhen Kriegers. „Mein jetziges Leben und zehn weitere werden niemals ausreichen, um dir zu danken, General Haremhab.“ Mit Tränen in den Augen blickte Nefer zu dem Krieger auf. Dieser tätschelte verlegen ihre Hand, nahm diese dann und drückte sie in Antefs. „Schon recht,“ murmelte er, „war mir ein Vergnügen.“ Damit wandte er sich ab und ließ sich von seinem Männern die Pferde bringen die sie, um nicht frühzeitig entdeckt zu werden, ein Stück weiter weg an einem trockenen Busch angebunden hatten. Auf dem Weg zurück nach Saqqara, bequem an Antefs Brust gelehnt, der sie vor sich auf den Rücken seines Pferdes gesetzt hatte, ließ sie sich von ihrem Geliebten die Geschichte der endlosen Verfolgungsjagd erzählen. „Selbst ein Schnellkurs im Reiten eines Pferdes blieb mir am Ende nicht erspart.“ Grinste er. Er schien wieder zu seinem üblichen Humor zurückgefunden zu haben und deutete mit übertrieben schmerzlichem Gesicht auf seinen verlängerten Rücken. Antef berichtete Nefer auch, daß Haremhab in Memphis beinahe ihre Spur verloren hätte. Erst als er mit allen Männern die ganze Stadt durchkämmt hatte und mit dem ihm eigenen Glück zufällig auf den Kapitän stieß, der Tutu und Nefer von Schmun nach Saqqara gesegelt hatte, hatte er mit Verspätung die Verfolgung wieder aufnehmen können, von der Angst gequält, nun endgültig zu spät zu kommen. Von Saqquara aus war die Verfolgung wiederum kein Problem gewesen, da sie die Stadt gar nicht hatten betreten müssen. Alles was sie wissen wollten, erfuhren sie von den beiden Wachposten am Stadttor. Sie mußten sich nur noch ein paar Pferde besorgen, um ihren Auftrag vollends erledigen zu können.

                *

Die Sterne erhellten bereits den Himmel mit ihren zahllosen Lichtern und Chons hatte sein Gesicht erhoben, als sie endlich wieder die Tore der Stadt erreichten. Sie waren ausnahmsweise noch nach Einbruch der Dunkelheit geöffnet. Einen Befehl des Heerführers Haremhab konnte niemand mißachten. Die Gruppe suchte sich eine anständige Schenke, wo noch lange im Gastraum bei Bier und Dattelwein über die hinter ihnen liegenden Strapazen und Abenteuer geredet wurde. Nur Nefer und Antef schienen es relativ eilig zu haben, endlich in einem Zimmer alleine miteinander zu sein und Haremhab sah ihnen grinsend nach, als sie nach oben über die Treppe in den Gastzimmern verschwanden.


Abschied

Antef und Nefer standen eng aneinandergeschmiegt im Schatten der großen Pylonen, die das Tor zum Hafen flankierten. Die glühende Scheibe des Aton stand gleißend über dem grünbraunen Wasser des Nils. Die klaren Strahlen, die rot und golden zur Erde strebten, schienen wie mit sanften Fingern die hell leuchtenden Segel des zum Ablegen bereiten Kriegsschiffes zu berühren. Sie erinnerten Nefer schmerzlich an die Bilder des Herren Aton mit seinen segnenden Händen und an den längst verlorenen Traum eines einst großen Königs. Sie hob wehmütig winkend die Hand und auch Antef blickte etwas verloren drein, als das Schiff majestätisch in die Fluten hinausglitt. Es entfernte sich vom ins Wasser ragenden Anlegesteg aus Stein und seine Ruder bewegten sich im gleichmäßigen Rhythmus, um es zur Mitte des Stroms zu bewegen. Am buntbemalten Bug stand die stolze, kräftige Gestalt des Heerführers und er warf ihnen noch einen letzten, zwinkernden Blick zu, ehe er sich nach vorn wandte, neuen Aufgaben und Abenteuern zu.



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©Elena Merz
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