Schmökerstube ebooks4free Literaturagentur und Onlineverlag
 
Neuerscheinungen:
per eMail benachrichtigen:
eMail:

An den Tagen zuvor

eBooks, Romane, Kurzromane,
Kurzgeschichten & Sachtexte hier
vollständig online lesen.

Kurzromane

 
1
2
3
4
5
6
7
8
9
10
11
12
13
14
15
16
17
18
19
20
21
22
23
24
26
25

Maya ist eine junge Frau, die zwischen dem was sie hat und dem was sie will gern den falschen Weg einschlägt.
Gemeinsam mit Mark, Henry und Danny, eher zufällige Gefährten, als wahre Freunde, versucht sie, ihren Platz im Leben zu finden. Nacht für Nacht schwankt sie zwischem Selbstmord und der Hoffnung, dass es irgendwo da draußen, den Einen für sie gibt. Bis eine Nacht alles verändert.

 
 

An den Tagen zuvor

von Sandra Hanke

                    

1



Ein Friedhof. Wir hätten uns keinen besseren Ort für eine letzte Zusammenkunft aussuchen können. Ein Friedhof. Zugegeben, ruhig ist es hier ja schon und das Wetter hält sich auch ganz gut zum Sonntag. Immerhin haben wir März. Aber ein Friedhof? Ich dachte ja eher an sowas wie ein Café oder den Park. Obwohl, wenn man sich die Grabsteine wegdenkt, dann könnte man schon annehmen, dass wir im Park sind. Ein Friedpark. Ja wir haben uns die Dinge immer so zurecht gedreht, wie sie uns am besten passten. Es ist schon irgendwie komisch. So richtige Freunde waren wir nie. Wir haben nie stundenlag miteinander telefoniert oder Videoabende gemacht, aber irgendwie konnte der eine nicht ohne den anderen. Und es ist auch irgendwie schön zu sehen, dass wirklich alle da sind. Das war ja schließlich nicht immer so. Und heute, wo es darum geht, dass wir zum letzten Mal alle zusammen sein werden, sind wir auch wirklich alle zusammen. Schade, dass wir uns erst auf einem Friedhof treffen mussten, um zu erkennen, dass wir vielleicht doch mal den ein oder anderen Videoabend hätten machen sollen. Stattdessen haben wir uns volllaufen lassen, sind praktisch mit der Nadel im Arm durch die Nacht gerannt und haben aneinander beim Kotzen zugesehen. Die Jungs meinten immer, ich sei zu emotional und würde den ganzen Spaß durch meine Gefühlsduselei kaputt machen. Es ist aber auch verdammt schwer gegen drei Halbstarke zu bestehen. Frauen sind nunmal so. Es gehören eben auch ein paar Gefühle dazu. Auch wenn man sich gerade auf offener Straße am helllichten Tag übergeben hat und weiß, dass das wahrscheinlich noch öfter vorkommen wird, an diesem Tag, in den nächsten Minuten. Und dennoch, jeder von uns hatte einen Traum, wenn auch nur für einen Tag. Jeder von uns hatte einen Wunsch, nur einen einzigen. Aber den schon das halbe Leben lang. Vier junge Menschen, denen die Welt zu Füßen liegen sollte. Ich kann gar nicht genau sagen, was passiert ist. Wir wurden erwachsen, innerhalb von zehn Tagen.
Vielleicht auch elf.
Wobei Mark wahrscheinlich nur neun Tage gebraucht hat. Er war ja schließlich einer von den ganz Harten. Hat sich von nichts erschüttern lassen und immer alles bekommen was er wollte und wie er es wollte. Man wusste nie so recht, ob er einen wirklich mag oder nur die Zeit totschlagen wollte und das nach Möglichkeit nicht allein. Er war immer derjenige, der die Frauen abschleppen wollte, teilweise hat das auch funktioniert, aber wenn wir mal ehrlich sind, am Ende haben die Weiber ihn abgeschleppt. Er war ein Sprücheklopfer, der bereits betrunken war, bevor der Wecker das erste Mal gegen die Wand geschmissen wurde. Und kurz danach hing er bereits über der Kloschlüssel. Er nannte dies immer sein heiliges Morgenritual. Er stritt sich regelmäßig mit allen Menschen. Die, die er kannte und die, die er zu kennen glaubte. Sein Vater, sein Vermieter, sein Chef, der Busfahrer, der Pizzabote, die Kassiererin an der Tankstelle um die Ecke, seine Nachbarn, der Penner, der immer in den Mülltonnen nach Pfandflaschen gesucht hat und natürlich wir. Wobei, streiten kann man das nicht nennen. Es war mehr ein Monolog seinerseits, während alle anderen nur dastanden und sich gefragt haben, was sie wohl zum Abendessen kochen sollten und ob man Spinat wirklich nicht wieder aufwärmen soll. All diese Fragen konnte Mark auch nicht beantworten. Aber das würde er nie zugeben. Er rettet irgendwann den Planeten und die Menschheit und dann heißt der Mensch nicht mehr Mensch, sondern Marksch.
Henry war ganz anders. Er war sehr introvertiert und hatte große Probleme sich auszudrücken. Er konnte ja nicht mal eine Packung Zigaretten kaufen. Das lag allerdings auch daran, dass die Kassiererin an der Tankstelle ihn nicht beachtete, da sie gerade Marks Vorträgen über die Rettung der Welt in Verbindung mit Riesentitten ausgeliefert war. Henry war das, was man als armes Schwein bezeichnen kann. Er war nicht sonderlich attraktiv, eigentlich gar nicht. Er hatte ständig zerzauste Haare, war unrasiert, hatte eine Brille und nicht gerade sehr gepflegte Zähne. Er war.... ein Spinner. Nein, besser gesagt, er war ein Träumer. Einer der es immer schaffen wollte. Bei dem man aber auf den ersten Blick erkennen konnte, dass er es nie zu mehr als zum Assistenten der Assistentin der Kassiererin an der Tankstelle bringen würde. Immerhin.
Ich kann nicht genau sagen, ob ich ihn bemitleidet hab und deshalb nett zu ihm war oder ob ich ihn wirklich mochte. Selbst heute, an unserem letzten Tag, weiß ich es nicht.
Henry ist Mark immer hinterher gelaufen, wollte genau so ein cooler Typ wie er sein. Immer mit Kippe im Mund und einem flotten Spruch auf den Lippen, egal ob dieser einer dahergelaufenen Tussi galt oder der netten Oma die beim Bäcker zwei Straßen weiter jeden Mittwoch und Freitag den Fußboden wischte. Sie starb vor einem Jahr. Aber wir alle glauben, dass Mark nicht daran Schuld ist. Wissen tun wir es natürlich nicht.
Danny hat immer gesagt, dass man im Leben nichts bereuen und alles mal ausprobieren soll. Wahrscheinlich hat er deshalb so früh angefangen irgendwelches Zeug einzuschmeißen und es war ihm egal, was es aus ihm machte. Ihm gings gut. Solange er das Zeug nahm, gings ihm gut. Er sagte, das seie das Einzige, was ihn rebellisch wirken lässt und nicht sofort von den anderen erkannt wird. Immerhin musste er in seinem Job bei der Bank ja ein sehr gefasstes Auftreten haben. Er nannte es Ausbrechen aus seinem Spießerleben und hätte am liebsten bei jedem Kredit gleichzeitig ein Abo auf Spritzen mitverkauft. Er war derjenige, der uns zusammen gebracht hatte.
Vor Jahren hat er sich im Drogenrausch mit Mark vor einem Kino geprügelt und statt Mark Henry die Nase gebrochen. Dann kamen alle drei zu mir auf die Station und ich konnte mich nie wieder losreißen. Ich wollte es auch gar nicht. Ich war fasziniert von der Art, wie sie alle ihr Leben gestalteten. Praktisch gar nicht. Auch wenn der Tag an sich so geregelt war, dass man zum Beispiel früh aufsteht um zur Arbeit zu gehen, schafften es diese drei Idioten, die simpelsten Dinge durcheinander zu bringen. Anfangs war ich davon total beeindruckt. Ich hatte es nicht geschafft, mir eine Scheißegal-Einstellung zu basteln und plante mir die nächsten zehn Jahre zusammen. Aber diese drei Typen, wie sie da so standen, der eine mit einer blutverschmierten Nase, der andere total betrunken und wieder am Philosophieren und der letzte mit glasigen Augen und so geweiteten Pupillen, dass sie fast das ganze Gesicht bedeckten, diese Drei haben mir an diesem Abend gezeigt, dass man in Gedanken ruhig mal mit geschlossenen Augen auf einen heranfahrenden Zug zulaufen konnte, ohne gleich als Psycho zu gelten.

                   

2


Letztendlich trafen wir uns nur häufiger, weil ich ein paar Mal mit Mark im Bett gelandet bin. Warum? Es gibt Dinge, die lassen sich nicht erklären und man sollte es auch gar nicht erst versuchen. War es ein Fehler? Nun wie ich schon gesagt hatte, man sollte im Leben nichts bereuen.
Wir verbrachten die Abende damit, uns zu betrinken, miteinander zu schlafen, während Danny im Nebenzimmer mit seinen bunten Pillen spielte und Henry am Telefon versuchte seiner Mutter zu erklären, dass er die Nacht bei einem Freund schlafen würde, da sie gerade ein neues Computerspiel testeten. Lügen gehörte mit dazu. Wir haben nicht nur alle anderen angelogen, sondern auch uns selbst. Meine größte Lüge war, dass ich glaubte, irgendwann würde jemand in mein Leben treten und mich davon abhalten, mich von einem Hochhaus zu stürtzen. Wenn ich nicht gerade mit den Jungs unterwegs war oder Nachtschicht hatte, saß ich auf dem Dach der großen Bibliothek in der Innenstadt und überlegte, was passieren würde, wenn ich wirklich springe. Wie würde es sich anfühlen? Der Fall. Welches wären meine letzten Gedanken? Gibt es tatsächlich Selbstmörder, die sich irgendwo runterstürtzten haben und in dem Moment, indem es kein Zurück mehr gab, sich dachten, "Scheiße, was mach ich eigentlich hier?".
Würde ich das auch denken? Und vorallem, würde in letzter Sekunde jemand hinter mir stehen und sagen,"Tu es nicht?".
Ich saß so oft auf diesem Dach. Drehte mich um, wollte sehen, ob ich tatsächlich ganz allein bin. Feststellen, dass ich ganz allein bin. Ich hab so manchesmal zwischen dem Gedanken nach Hause zu gehen oder mich einfach fallen zu lassen geschwankt. Wer würde um mich trauern? Würde es überhaupt jemandem auffallen?
Danny sagte dazu immer, dass ich es nie erfahren werde, wenn ich es nicht ausprobiere. Allerdings gäbe es auch nur einen Versuch. Mark hatte dazu natürlich auch seine ganz eigene Meinung.
"Wieso legst du dich nicht auf die Schienen und wartest auf einen Zug? So kannst du dich mit dem Gefühl vertraut machen, wie es ist, vielleicht gleich zu sterben. Je näher der Zug kommt, desto schneller musst du dich entscheiden. So ist es auch mit dem Springen. Je weiter du dich nach vorn lehnst, desto schwieriger wird es, nicht zu fallen."
"Wieso beschäftigst du dich eigentlich damit? Du willst dich doch nicht umbringen?"
Henry hatte so eine Art die Dinge immer furchtbar zu dramatisieren.
"Es geht doch nicht um das Sterben oder darum, dass ich mich umbringen möchte. Natürlich will ich das nicht. Es geht um das Gefühl, dass vielleicht doch in letzter Sekunde jemand kommt und mich davon abhält."
"Aber wenn du nicht springen willst, wieso willst du dann davon abgehalten werden? Wovor denn überhaupt? Davon auf dem Dach eines Hochhauses zu sitzen? Setz dich nicht auf das Dach, das könnte dein Tod sein!"
Wenn er Drogen genommen hatte, war Danny ein Meister darin, in sämtliche Wunden eine extra Portion Salz zu streuen.
"Vielleicht will ich ja in Würde sterben und nicht wie du langsam vor mich hin vegetieren mit irgendwelchem Zeug, das durch meine Adern fließt."
"Versuchs mal Baby, dann würdest du dich nie wieder auf irgendein Dach setzen wollen."
"Solange sie sich auf mich setzt, ist mir das egal."
"Danke Mark."
"Außerdem kann man nicht in Würde sterben. Wenn man tot ist, ist man tot. Man verrottet. Was ist daran würdevoll?"
"Maya, du bist doch Krankenschwester, du siehst das doch tagtäglich. Vielleicht denkst du deshalb so oft darüber nach. Weil dir der Tod ständig begegnet."
"Dann bestell ihm doch beim nächsten Mal einen schönen Gruß. Er kann mich mal!"
So oder so ähnlich liefen die meisten unserer Gespräche ab. Aber wir hatten auch Spaß miteinander. Besonders immer dann, wenn Henry sich in irgendwelche wirren Erklärungen verstrickte. Dies passierte immer dann, wenn seine Mutter ihn anrief und wissen wollte, wann er denn nach Hause kommt und ob er was gegessen hätte.
"Das weiß ich noch nicht. Ja Mama, hab ich. Wir haben uns eine Pizza bestellt. Mama du weißt, dass ich kein Obst esse. Mach nicht meine Ernährung für meine Brille verantwortlich. Was soll das denn heißen? Nenn mich nicht immer Kleiner. Ich weiß es noch nicht. Ich bin bei Mark. Wir spielen Computer und sehen uns einen Film an. Ich frag Mark nicht, ob er mal bei uns übernachten möchte. Weil er nicht möchte. Das weiß ich eben. Mama nun hör aber auf."
Es war großartig, besonders wenn Mark oder Danny immer noch irgendwelche Kommentare ins Telefon schrien. Sie benahmen sich wie Kinder. Sie waren Kinder. Wir waren es. Aber auch solche Abende, bei denen die Witze meist auf Henrys Kosten gemacht wurden endeten teilweise wieder in leeren Gesprächen.
"Henry Alter, du bist der beschissenste Lügner, den die Welt je gesehen hat. Sieh mich an, mir glauben alle den Scheiß, den ich erzähle."
"Das wird wohl daran liegen, dass man bei dir nicht zwischen Lüge und Wahrheit unterscheiden kann."
"Halt du doch das Maul Maya. Sitzt Nacht für Nacht auf einem Hochhaus und wartest auf den Ritter, der dich mit auf sein Schloss nimmt. Spring doch endlich, wirst ja sehen, ob dich jemand rettet oder nicht."
"Hör auf Mark. Wir haben doch alle so unsere kleinen Macken."
"Ja. Der eine sucht seinen ganzen Körper nach einer freien Stelle zum Fixen ab und der andere ist ein schwachsinniges Muttersöhnchen. Und die Einzige, mit der ich mich wenigstens etwas vergnügen kann, will sich vom Dach stürzen. Es ist kein Wunder, dass in der Flasche kein Apfelsaft ist. Ihr seid alle völlig daneben. Wieso springt ihr nicht gleich alle gemeinsam? Ich werd auch euren Retter spielen, indem ich euch einen kräftigen Schups gebe und dann auf euren tollen Flug anstoße."
"Arschloch. Der Einzige, der hier einen kräftigen Schups braucht bist du. Wieso rennst du nicht solange mit dem Kopf gegen Wand bis er blutet? Aber ich werd dir die Wunde nicht nähen. Eher lass ich dich verrecken."
In solchen Momenten war es meist Danny, der uns mit seinen seltsamen Lauten, die er immer von sich gab, nachdem er sich einen Schuss gesetzt hatte, davon abhielt uns gegenseitig umzubringen.
Sterben wollte niemand so wirklich von uns. Da bin ich mir sicher. Obwohl wir so gelebt haben. Wir tranken bis uns der Magen ausgepumpt werden musste, allerdings nie in dem Krankenhaus, indem ich arbeitete. Die Jungs prügelten sich mit allen möglichen Typen und wenn gerade keine da waren, dann gingen sie eben gegenseitig aufeinander los.

                   

3


Nie hätte ich gedacht, dass mein Leben so verlaufen würde.
Ich bin recht bescheiden in einem Vorort aufgewachsen. Meine Eltern verdienten beide Geld und wir hatten ein tolles Haus. Ich ging zur Schule, ganz normal. Geschwister hatte ich keine. Meine Mutter wollte nicht noch ein Kind und mein Vater musste irgendwann nachgeben und sich fügen. Er musste sich oft meiner Mutter fügen. Er tat es, immer.
Während meiner Schulzeit hatte ich ein gutes Verhältnis zu meinen Eltern. Ich war die perfekte Tochter, gute Noten, tolle Freunde, keine Skandale.
"Maya wird irgendwann mal Ärztin.", sagte meine Mutter immer. Sie erzählte es jedem. Auch denen, die es gar nicht interessierte. Maya wurde keine Ärztin. Prompt erzählte meine Mutter niemandem mehr etwas über mich. Ich zog mit 18 in die Stadt, machte eine Ausbildung zur Krankenschwester und seitdem verlief mein Leben geordnet und war randvoll mit Disziplin und Rechtfertigungen aller Welt gegenüber. Besonders gegenüber meinem Vater. Nachdem ich die Familie in den Schmutz gezogen hatte, weil ich keinen Doktortitel erhielt, musste er sich noch mehr den Launen meiner Mutter fügen. Sie kann nichs dafür. So ist sie nunmal. Ihr gebe ich keine Schuld. Ihm schon. Ich dachte, ich bilde mir das nur ein und mein Vater wäre trotzdem stolz auf mich und hätte Verständnis für meine Entscheidung. Kurze Zeit nachdem ich ausgezogen war, wollte er sich mit mir treffen, allein. In einem Lokal.
"Mir ist ganz gleich, wo wir uns treffen. Aber wir müssen miteinander reden Maya."
Also saßen wir irgendwo in einem Straßencafé. Ich trank einen Espresso, er einen Orangensaft.
"Und du bist dir wirklich sicher, dass das das Richtige war? Nicht zu studieren und ewig für Ärzte zu arbeiten, statt selber einer zu sein?"
"Ich habs euch doch schonmal erklärt. Ich habs mir eben anders überlegt. Hab jetzt andere Ziele."
"Und welche wären das? Lass, du musst es mir nicht erklären, es interessiert mich nicht. Aber deine Mutter ist seitdem völlig durcheinander. Und das lässt sie an mir aus. Sie macht mir das Zusammenleben mit ihr immer schwerer. Und das alles hat angefangen, als du dich dazu entschieden hast, alles hinzuschmeißen."
"Du gibst mir die Schuld dafür? Hast du vielleicht mal daran gedacht, dass euer Zusammenleben euretwegen so unmöglich ist? Jetzt wo ihr euch nicht mehr auf mich fixieren könnt, erkennt ihr, dass ihr euch nichts mehr zu sagen habt und überlegt, wie ihr am besten aus der Nummer wieder rauskommt."
"Sprich nicht in diesem Ton mit mir. Deine Ausbildung, dein Studium, deine Karriere, das war alles, was für uns wichtig war. Und du hast es mit Füßen getreten und bist verschwunden."
"Gott sei Dank hab ich das gemacht. Schön, dass euch meine berufliche Zukunft wichtiger ist als mein persönliches Glück."
"Ach persönliches Glück, so ein Unsinn. Maya du wirst endlich zur Vernunft kommen und dich zum Studium anmelden. Dafür haben wir nicht so hart gearbeitet."
"Ich habe gearbeitet. Tag für Tag, um euch zu genügen. Aber egal was ich tat, es hat nie gereicht, niemals. Aber wenn ich euch als Tochter nicht gut genug bin, dann braucht ihr euch auch nicht mehr um mich zu kümmern."
Ich legte einen phenomenalen Abgang a la Kitschkinofilm hin und ließ ihn sitzen. Ich habe noch nie vor meinem Vater geweint und ich tat es auch an diesem Tag nicht. Die Tränen schossen erst aus mir raus, als ich zwei Straßen weiter an der Haltestelle stand.
Ich habe seit diesem Tag nur noch selten etwas von meinen Eltern gehört. An Weihnachten oder zum Geburtstag. Meist ging ich nicht ran, ließ sie auf den Anrufbeantworter sprechen und hörte dann diese gespielte Zuneigung.
"Hallo Schatz, ich bins. Papa ist auch da, er steht neben mir. Wir wünschen dir ein frohes Fest. Komm doch morgen zu uns zum Essen. Es gibt Ente, so wie du sie am liebsten magst. Aber ruf vorher an. Wir würden uns freuen. Die Benckes kommen auch. Deren Tochter hat vor kurzem geheiratet, einen Architekten. Ein ganz toller Mann soll das sein. Na ich leg jetzt auf, ich muss nach dem Vogel sehen. Machs gut Schatz."
Besonders interessant war auch immer, dass es in den Gesprächen nur etwa zwei Sekunden um mich ging und dann war nur noch wichtig, was die Nachbarn taten oder die restliche Vewandtschaft. Wir waren keine Familie. Zumindest nicht im klassischen Sinne. Wir waren nur Menschen, die zufällig miteinander verwandt waren. Die Jungs waren meine Familie. Irgendwie. Sie waren wenigstens ehrlich, na ja bis auf Mark. Aber er versuchte es zumindest ab und an. Manchmal wenn ich bei ihm war, da war er richtig nett. Fast schon liebevoll. Manchmal.

                   

4


Wir lagen im Bett und sahen zur Decke. Mark sah einen nur selten an, wenn er mit einem sprach, aber das störte mich nicht. So konnte ich ihm in Ruhe zuhören und die kahle weiße Decke verwandelte sich in viele Bilder. Ich als Königin in meinem eigenen Schloss.
"Würdest du mich auch vom Dach der Stadtbibliothek retten?"
"Lass doch den Scheiß. Du fängst jedesmal damit an. Was fasziniert dich so an dem Gedanken? Wieso steigst du Nacht für Nacht darauf?"
"Ich weiß nicht. Ich schaue mir die Stadt an, beobachte die Leute, die noch spät auf den Straßen sind und denke nach."
"Und worüber?"
"Darüber wie mein Leben hätte aussehen können, wenn ich den Weg gegangen wäre, den meine Eltern für mich geplant hatten. Darüber, ob das nicht vielleicht auch mein Wunsch war. Vielleicht wollte ich wirklich Ärztin werden und habe dann einfach aus Trotz alles hingeschmissen, um auch einmal nicht die brave Vorzeigetochter zu sein."
"Und? Zu welchem Ergebnis bist du gekommen?"
"Zu gar keinem."
"Und deshalb sitzt du jede verdammte Nacht da oben, solange, bis du die Antwort kennst."
"Jede Nacht sitz ich da gar nicht, heute zum Beispiel. Aber ja, wenn ich weiß, ob meine Entscheidung richtig oder falsch war, höre ich auf, mich auf Hochhausdächer zu setzen."
"Wenn du ehrlich bist, willst du es doch gar nicht wissen. Du hast Angst davor, zu sehen, dass du möglicherweise doch die falschen Entscheidungen getroffen hast."
"Denkst du denn, dass ich das hab?"
"Ich weiß nicht, es ist dein Leben. Aber wenn du richtig drüber nachdenken würdest, dann wäre dir bereits einiges klar geworden. Du hattest als Einzige von uns eine Chance. Du hättest alles werden können. Wenn nicht Ärztin dann vielleicht Anwältin oder eine von diesen Typen, die in der Wüste Knochen ausgraben. Du hast alles weggeschmissen, nur weil du nicht nach deren Pfeife tanzen wolltest? Ich bitte dich, mach dich doch nicht lächerlich."
"Wieso denk ich gerade, dass ich soeben mit meinem Vater geschlafen hab? Wer bist du eigentlich, dass du so mit mir redest. Du weißt nichts von mir, gar nichts."
"Du weißt doch selber nichts von dir. Kuck dich doch an. Du hängst mit drei versoffen Verlierern ab, statt dich um dich und deine Zukunft zu kümmern. Ich weiß von was ich rede glaub mir. Ich bin 32, mein Leben lässt sich so leicht nicht mehr ändern. Ich sauf wie ein Loch, hab seit über zehn Jahren den gleichen beschissenen Job im gleichen beschissenen Laden und werd hier wahrscheinlich nie rauskommen."
"Ach und was ist mit deinen großen Reden, die du immer schwingst. Dass jeder was leisten kann und mit jeder noch so kleinen Geste die Welt verändern kann. Bemitleidenstwert bist du. Hälst dich für erwachsen und dabei ist das schon dein achtes Bier heute. Du bist hier derjenige, der anscheinend nur die falschen Entscheidungen getroffen hat."
"Noch ein Wort und ich schmeiß dich persönlich vom Dach und danach kratz ich dich von der Straße, nur um ganz sicher zu gehen. Blöde Kuh. Dein Leben hätte perfekt sein können und jetzt? Du säufst genauso, gehst mit so jemandem wie mir in die Kiste und wer weiß, mit wem sonst noch und es ist nur eine Frage der Zeit, bist du dir zusammen mit Danny ordentlich das letzte bisschen Hirn wegballerst."
"Scheißkerl. Mir doch egal. was du denkst. Ich gehe."
"Wohin? Vom Dach springen?"
"Das geht dich nichts an. Du kannst mich mal."
Es ging dann noch ein paar Minuten so weiter, wir schrien uns an und beleidigten uns. Ich war froh, als ich aus seiner Wohnung raus war. Eine Wohnung konnte man allerdings erst auf den zweiten Blick erkennen. Es waren nur zwei kleine Zimmer, in denen alles mögliche rumlag. Klamotten, Müll, leere Pappschachteln, Aschenbecher, leere Flaschen. Es war ein einziges Chaos. Und ich mittendrin. Die Wohnung spiegelte in etwa mein Leben wieder. Wenn man sich nur ein wenig angestrengt hätte, dann wäre das ein toller Platz zum Essen und Schlafen gewesen. Aber da man ja gegen den Strom schwimmen wollte, fällt alles um einen herum ganz langsam zusammen, ohne dass man es wirklich bemerkt. Erst dann wenn es zu spät ist.
Ich lief durch die Straßen. Es war zwei Uhr morgens und dementsprechend nicht viel los. Ein paar Autos fuhren an mir vorbei, hier und da eine Straßenbahn mit einem vereinsamten Fahrer und einem Passagier. Beide sind so sehr darauf bedacht, dass der eine den anderen nicht bemerkt, nur um in Frieden gelassen zu werden, dass sie sich die Gelegenheit auf ein nettes Gespräch oder irgendwas, was diese triste Nacht etwas heller gemacht hätte verderben. So sind sie, die Städter. Leben in der Stadt, weil man hier soviele interessante Leute kennenlernen kann und doch laufen die meisten mit gesenktem Blick durch die Straßen. So wie ich in dieser Nacht und an den Tagen zuvor.

                   

5


Ich musste wieder an meinen Vater denken, wie er vor mir saß bei unserem letzten Gespräch. Er hat auf mich so klein gewirkt und verletzlich, fast wie ein Kind. Hatte er etwa wirklich Angst vor meiner Mutter? Bat er mich vielleicht um Hilfe und ich hab es in meiner Wut und meinem falschen Stolz nicht gesehen? Aber was er sagte klang nicht danach. Ich verwarf diesen Gedanken wieder. Es würde sich eh nichts ändern. Selbst wenn ich zu diesem dämlichen Weihnachtsessen gefahren wär. Wir hätten alle stumm um den Tisch gesessen und irgendjemand hätte das Eis gebrochen, indem man ein schwachsinniges Thema anschneidet, wie etwa die Renovierung der alten Turnhalle. Das ganze Spektakel hätte für ungefähr 40 Sekunden einer gepflegten Konversation geähnelt und danach hätten wieder alle stumm auf ihren Teller geschaut. Fröhliche Weihnachten!
An Silvester war ich zum ersten Mal high. Danny hatte mir Stoff besorgt. Nicht das was er immer nahm, aber es wirkte ordentlich und ich verfiel in eine Art Trance. Die Bilder verschwammen und es sah aus, als würden die Farben ineinander verlaufen. Die Musik in dem Klub, in dem wir waren wurde dumpfer und langsamer. Ich steuerte einfach nur so durch die Gegend. Rannte gegen alles und jeden und kotzte auf alles und jeden. Mal abgesehen von den ekligen Nebenerscheinungen, fülte ich mich doch ganz leicht, wie eine Feder. Eine Feder, die ganz für sich allein durch einen Raum voller Menschen schwebt. Die nur durch die Bewegungen der anderen ihre Richtung ändert und dabei ihren eigenen Rythmus hat. So fühlte ich mich, wie eine Feder.
Ich torklte durch die Bar und rempelte wahrscheinlich jeden an, der mir im Weg stand und wahrscheinlich auch die, die nicht mal in meiner Nähe waren.
Ein paar Leute pöbelten mich an, aber ich ignorierte sie. Nicht, weil ich mich nicht auf Diskussionen einlassen wollte, sondern weil meine Wahrnehmung immer mehr schwand und ich damit beschäftigt war, mich auf den Beinen zu halten. Ich wusste weder, wo ich war, noch wo ich hinwollte. Was war nochmal für ein Tag? Was machte ich gleich nochmal hier? Mir war egal, wie ich auf die anderen wirkte oder ob mich vielleicht sogar jemand erkannte. Ich suchte verzweifelt den Ausgang und öffnete jede Tür, die ich fand und die sich auch öffenen ließ. Obwohl ich wahrscheinlich einige Zeit lang damit beschäftigt war, an etwas zu rütteln und zu ziehen, von dem ich nicht mehr Eindruck habe, dass es eine Tür war.
Hätte ich den Weg ins Freie nicht irgendwann selber gefunden, hätte man mich eh bald rausgeschmissen.
Endlich draußen angekommen viel ich erstmal auf alle viere und übergab mich auf den teuren Designerschuhen irgendeiner Tussi, die noch draußen anstand.
Sie schrie mich an und faselte irgendwelchen unverständlichen Müll.
"Ja genau, scheiß Stimmung hier!", schrie ich und lief einfach weiter.
Ich war nicht in der Lage mich zu schämen, geschweige denn mich zu entschuldigen. Wofür denn? Dass ich an Silvester ein wenig über die Strenge geschlagen hatte? Oh bitte, würde man deshalb eine Hotline einrichten, bei der sich jeder für sein Benehmen an Silvester entschuldigen kann, dann wär man am nächsten Silvester noch nicht fertig. Der letzte, der an der Reihe wäre mit entschudigen, könnte dann bereits die Vergehen der letzten sechs Jahre aufzählen.
Ich lief ohne jede Orientierung einfach weiter und irgendwann fiel ich hin und blieb einfach liegen.
Es wäre schön gewesen, wenn ich mich auch am nächsten Tag noch wie eine Feder gefühlt hätte. Nachdem ich vollkommen die Orientierung verlor, bemerkte ich nur noch, wie mich jemand packte und dann war ich auch schon weg. Ich erlebte nicht mal den Jahreswechsel.
Meine Erinnerung kam auch nach mir endlos erscheinenden Minuten nur ganz langsam wieder. Und das, was mir wieder einfiel, war nicht gerade viel.
Ich lag im Bett. Nicht in meinem Bett. Wo zum Teufel war ich? War ich nackt? Nein. Gott sei Dank. Ich schaute mich um. Es sah aus wie ein ganz normales Schlafzimmer. Ein Bett, ein Schrank, ein Schreibtisch mit Computer. Ordentlich. Ich hiefte mich langsam aus dem Bett und sah, dass ich nicht meine Klamotten trug. Ich hatte igendjemandes Shirt an. Ich lauschte, ob von irgendwoher Geräusche kamen. Aber es war ganz still. Ich ging aus dem Schlafzimmer und stand im Flur. Ein riesiger Flur mit dunklem Parkett und einem Spiegel an der Wand. Ich traute mich aber nicht hinein zu schauen. Wenn ich so aussah, wie ich mich fühlte, dann wollte ich das lieber nicht sehen. Ich ging weiter und kam ins Wohnzimmer mit allem möglichen Highteckkram. Es hingen keine Bilder an den Wänden, es waren auch nirgendwo Pflanzen zu sehen. Nicht mal Kunstblumen. Jemand sehr unkreatives musste hier wohnen. Trotzdem war es sehr ordentlich und das bisschen Deko, was ich durch meine noch immer nicht komplett geöffneten Augen sehen konnte, war zwar schlicht, aber doch irgendwie passend.
Hier wohnte irgendjemand, der genug Geld verdiente, sich so eine Wohnung zu leisten und genug Zeit hatte, diese auch in Schuss zu halten.
Die Tür fiel ins Schloss und ich hörte Schritte.
"Ah. Guten Morgen. Frohes Neues. Gott, du siehst ja furchtbar aus."
"Ist das deine Wohnung?"
"Allerdings. Schick nicht wahr."
"Aber wie bin ich..."
"Ich hab dich ins Taxi gesetzt und bin mit dir her gefahren. Ich weiß ja nicht wo du wohnst und du warst nicht mehr in der Lage, es mir zu sagen."
"Aber du....  Hast du mich ausgezogen?"
"Ja. Musste ich doch. Du hast dir schließlich auf die Klamotten gekotzt. Übrigens war der Taxifahrer sehr verärgert, weil du ihm auch ins Taxi gekotzt hast."
"Und.... hast du, ich meine haben wir..."
Oh lieber Gotte, bitte nicht.
"Nein. Du warst völlig weggetreten. Ich hab auf dem Sofa gepennt."
Danke. Das hätte ich jetzt nicht auch noch gebrauchen können. Das hätte den Start ins neue Jahr ziemlich chaotisch werden lassen und ich hatte auch momentan nicht die Kraft, darüber nachzudenken, doch das blieb mir zum Glück erspart.
"Frühstück?"
Danny hielt mir eine Tüte Brötchen vors Gesicht und der Duft war in meinem Zustand alles andere als angenehm.
"Ich hatte dich ewig gesucht. Dachte erst du seist mit Mark abgehauen, aber als ich rauskam und ihn mit so einer Tussi knutschend hab stehen sehen, hab ich nach dir gesucht."
"Will ich wissen, wo du mich gefunden hast? Und in welchem Zustand."
"Nein. Ich sag nur Strauch und Erbrochenes."
"Oh. Wie peinlich."
"Mach dir nichts drauß. Nach meinem ersten Schuss war ich so high, dass ich gleich mehrere Tage durch die Stadt gelaufen bin. Im Gegensatz zu mir, war dein Auftritt ein Kindergeburtstag."
Er reichte mir ein Glas Wasser und zwei Pillen.
"Sieh mich nicht so an, das sind nur Kopfschmerztabletten. Kaffee?"
"Unbedingt. Kann ich mal ins Bad?"
Er zeigte auf eine Tür neben dem Schlafzimmer und ich wollte mich am liebsten für immer in diesem Raum einsperren. Danny hatte mich mit zu sich genommen. Er hatte mich gesucht. Er hatte mich ausgezogen und in seinem Bett schlafen lassen. Hatte er mich etwa nackt gesehen? Egal. Ich wusch mein Gesicht und so langsam kam Maya wieder zum Vorschein. Er hatte sogar eine zweite Zahnbürste hingelegt und frische Handtücher. Für mich?
"Ich hab dir was zum Anziehen rausgesucht. Das sind noch Klamotten von meiner Ex, deine sind noch nicht trocken. Sie müssten dir eigentlich passen."
Er hatte meine Sachen gewaschen. Danny hatte meine Sachen gewaschen. Hoffentlich nicht im Drogenrausch, sonst kann ich die nie wieder anziehen.
"Kaffee ist gleich fertig."
"Danke.", sagte ich während ich mich an den Esstisch setzte. Ein 26jähriger Bankangestellter mit einem Esstisch im Wohnzimmer.
"Wie kannst du dir den Kram leisten? Von deinem Job bei der Bank?"
"Natürlich nicht. Ich verdien nicht schlecht, aber für sowas reicht es niemals. Ich verdien mir was dazu."
"Womit denn?"
"Mit kleinen Aufträgen von Kunden."
"Was denn für Kunden?"
"Solche wie du."
Ich verstand. Danny vertickte Stoff. Ich saß am Esstisch einen Drogendealers und trug die Klamotten seiner Ex-Freundin. Und ich gehörte zu seinen Kunden. Tatsächlich.
"Ich hätte nicht gedacht, dass du so lebst."
"Ach wie denn dann?"
"Na ja.. ich weiß nicht. Anders eben. Nicht so groß."
"Schmuddelig. Weil ich Drogen nehme und selber welche verticke? Ich passe nicht ins Bild, des Dealers von heute. Genauso wie du keine typische Krankenschwester bist."
"Wieso?"
"Ich bitte dich. Du musst doch wissen, wie das Zeug auf deinen Körper wirkt. Du wusstest, was es mit dir anstellen kann und du hast es trotzdem genommen."
Ich schämte mich. Weil er Recht hatte. Ich wusste es und gerade weil ich es wusste, hatte ich ihn darum gebeten. Wir redeten nicht weiter. Er brachte Kaffee und Brötchen und wir saßen uns still gegenüber.
Ich verließ seine Wohnung und ihn ohne mich großartig zu verabschieden. Ich bedankte mich nochmals bei Danny und sagte so passende Floskeln wie "machs gut" und "bis dann". Gott war mir das alles peinlich. Was wenn mich auf der Straße jemand von gestern erkennt? Was wenn mich jemand bei der Arbeit erkennt und es alles im Krankenhaus erzählt? Wieso hab ich das nur getan? War ich denn wirklich schon kaputt, hasste ich mich und mein Leben so sehr, dass ich nur noch auf diese Weise damit umgehen konnte? Wie war das nur möglich und wie konnte ich es nur soweit kommen lassen? Gut, auf der anderen Seite, was sollte schon großartig passieren. Das sind Dinge die tut ein junger Mensch in meinem Alter nunmal. In vielen Jahren ist dies eine Geschichte auf die man dann gern zurückblickt und dabei ein freches Schmunzeln auf den Lippen hat. Natürlich würde ich meinen Kindern gegenüber immer abstreiten, je Drogen genommen zu haben und ihnen sogar verbieten, sich schrille Cartoons im Fernsehen anzuschauen. Kinder... meine Kinder. Ein Gedanke, den ich sofort wieder verwarf. Soweit wollte ich mich noch nicht in die Zukunft hervorwagen. Ich musste erstmal den heutigen Tag überstehen. Genau, einfach den Tag überstehen, das wäre für heute eine lösbare Aufgabe, hoffte ich.

                   

6


Als ich nach Hause kam, blinkte die Lampe meines Anrufbeantworters. Ich ignorierte es und trank erstmal einen großen Schluck Wasser. Mein Mund fühlte sich an, als hätte ich Sand gegessen. Ich ging nochmals duschen und bereitete mich auf meine Schicht vor. An den Feiertagen war im Krankenhaus immer viel los und ich wusste, dass es eine endlose Nacht werden würde. Aber auf der anderen Seite, was hätte ich sonst anderes gemacht? Ich hatte keinen Freund, meine Familie war ein durchgeknallter Haufen Irrer, meine Freunde waren keine wirklichen Freunde, ich hatte ja nicht mal eine Katze. Vielleicht sollte ich mir eine Katze kaufen? Oh ja super, genau. Und dann? Nehm ich die Katze halt mit aufs Hochhaus. Habe ich überhaupt noch vor, diese Geschichte weiterhin durchzuführen? Vielleicht sollte ich wirklich damit aufhören, auf Dächer zu klettern und einfach mal vor dem Fernseher sitzen oder mal wieder ein Buch lesen. Aber in keinem Buch der Welt würde ich lesen, ob es jemanden da draußen für mich gab. Seltsamerweise glaubte ich nach wie vor, die Antwort zu finden, wenn ich nur lange genug auf dem Dach der Stadtbibliothek sitzen würde. Vielleicht hatte ich ihn schon gefunden oder er mich? Aber wer sollte es sein? Mark, auf keinen Fall. Ich glaubte nicht, dass er besonders gut für mich war. Mal abgesehen von den Kreisen in denen er verkehrte und wie er sein Leben gestaltete, waren wir, außer dass wir öfter Sex hatten doch eh nur dabei, uns gegenseitig vorzuführen, wie wir nicht sein wollten. Wollte ich wirklich so weiterleben?
Wieder dachte ich an meine Eltern und zum ersten Mal hatte ich das Gefühl, sie zu verstehen. Ich musste mich setzen. Diese ganzen wirren Gedanken in meinem Kopf und dazu noch der pochende Schmerz der gestrigen Nacht. Ich versuchte all die Dinge aus meinem Kopf zu streichen. Ich lass einfach alles auf mich zu kommen. Er wird schon kommen. Er wird mich schon finden. Wie? Er kennt mich, er weiß wo er mich finden kann. Und dann wird er da sein. Es wird eine perfekte Nacht sein, der perfekte Moment. Es wird leicht schneien und der Himmel wird duch den Schnee rot leuchten. Ich werde mich umdrehen und in seine Augen sehen. Er sieht mich an. Ich stehe auf. Wir gehen aufeinander zu. Er reicht mir seine Hand. Ich nehme sie dankend an und wir gehen gemeinsam in die Nacht und in ein neues Leben. In mein neues Leben. In unser neues Leben. Furchtbar melancholisch, aber doch ein schöner Gedanke.
Bevor ich zur Arbeit ging, blieb ich nochmal kurz neben dem Anrufbeantworter stehen. Die Lampe leuchtete immernoch. Es war als wollte sich mich mit ihrem Leuchten verhöhnen. Als wollte sie sagen "Schau mal wie schön ich leuchten kann und wenn du nichts unternimmst, dann lechte ich immer so weiter.".
Eine Nachricht. Das Krankenhaus? Bestimmt nicht. Die sprechen nicht auf den AB. Es konnten nur meine Eltern sein. Ich wusste, ich würde nicht drumrum kommen, mir die Nachricht anzuhören. Sicher, ich könnte sie sofort löschen und würde vielleicht nie erfahren, wer mich erreichen wollte. Aber meine Neugier war doch stärker. Meine Gefühle mischten sich plötzlich. Ich war voller Spannung und gleichzeitig auch genervt, da ich nur meine Eltern im Kopf hatte. Wieso hatte ich soviel Angst davor, diese eine blöde Nachricht abzuhören. Ich musste es tun, noch bevor ich zur Arbeit ging. Ich drückte den Wiedergabeknopf.
"Eine neue Nachricht. Empfangen heute um 4:36 Uhr: Maya hier ist Danny. Ich ruf nur an, falls wir uns heute morgen nicht mehr sehen und du dich wunderst, wo du aufgewacht bist. Du warst bei mir. Nachricht beendet."
Danny? Seltsam, ich war sogar etwas enttäuscht darüber, dass meine Mutter nicht angerufen hatte. Immerhin war es bereits 15 Uhr. Sie wird mich doch wohl nicht mit Ignoranz bestrafen wollen, weil ich nicht zum Essen gekommen bin? Und weil ich nicht angerufen hatte. Weil ich nie anrufe. Weil ich wohl die schlimmste Tochter der Welt bin und sie sich meinetwegen nicht mehr auf die Straße traut. Nein halt, der letzte Punkt ist Unsinn, daran ist sie selbst Schuld. Ich musste los.

                   

7


Im Krankenhaus war das selbe wie jedesmal an Neujahr los. Idioten, die sich mit Feuerwerk gegenseitig abgeschossen hatten.
"Na du scheinst ja ordentlich gefeiert zu haben gestern."
"Was? Wie kommst du darauf?"
Toll, meine Kollegin sah mir sofort an, dass ich gestern mächtig daneben war. Muss sie ja. Sie ist ja auch Krankenschwester. Man entwickelt einen Blick für Süchtige. War ich süchtig? Ach was, das war doch nur einmal.
"Du siehst ziemlich gerädert aus. Zuviel getrunken was? Kenn ich, hab gestern auch zu tief ins Glas geschaut."
"Ja, genau. Der Alkohol."
Ich lächelte zaghaft und versuchte möglichst cool und gleichzeitig ein wenig ironisch zu wirken.
"Aber man gönnt sich ja sonst nichts. Silvester ist doch schließlich zum Feiern da."
"Ja und wenn du erstmal Kinder hast, dann ist jeder Tag zum Feiern da."
"Wegen den Kindern?"
"Nein. Wegen dem Alkohol."
Ich sagte nichts darauf. Ich schaute sie nur an.
"Ich geh rauf in die Zwei und hole die Krankenakten."
Ich stand noch eine kurze Weile so da und sah ihr hinterher. Ihre Worte halten in meinem Kopf nach. Meinte sie das ernst? Ich entschied, so zu tun als hätte ich diesen Satz nicht gehört. Am Ende macht eh jeder was er will und jeder trägt die Verantwortung für sich selbst. Ich war nie gut darin, mich in fremde Angelegenheiten einzumischen und bislang fuhr ich damit auch ganz gut. Schließlich hatte ich genug mit mir selber zu tun. Sicher, ich machte mir teilweise das Leben schwerer als es war, aber ich konnte nicht anders. Immer wenn ich erkannte, dass ich mir unnötig Sorgen gemacht hatte oder mir vielleicht hätte welche machen sollen, war es zu spät. Meistens erhielt ich dann auch schon die Quittung für mein Handeln. Gott, ich war 23. Warum jetzt irgendwas ändern, wozu ich noch genug Zeit hatte. Ich werde also weiterhin jede freie Nacht mit den Jungs verbringen und ansonsten auf dem Dach der Stadtbibliothek sitzen. Aber vorher musste ich Silvesterwunden versorgen.
Die Arbeit war anstrengend, keine Frage und ich wäre manchmal gern diejenige gewesen, die sich behandeln lässt. Aber es gab auch Methoden, sich den Arbeitstag zu versüßen, auch in einem Krankenhaus.
Ab und an wurde ich von Patienten angemacht. Meist recht plump und nicht sonderlich einfallsreich und meist ignorierte ich das auch, aber ab und an, tat es mir schon gut. Da war mir die Meinung eines betrunkenen Penners auf einmal extrem wichtig und ich bildete mir teilweise recht viel darauf ein, wenn er mir mit seiner Fahne und mit nur noch einem Zahn im Mund sagte, wie schön doch meine Augen seien.
Einer hat auch mal zu mir gesagt, er wolle meine Augen essen, weil sie so schön dunkel seien. So schwarz wie Oliven. Da hab ich eine von den Schwesterschülerinnen weitermachen lassen. Eine mit blauen Augen.
Es gab aber jemanden, dessen Meinung mir tatsächlich ziemlich wichtig war. Und ich konnte mir selber nicht mal erklären weshalb.
Dr. Chris Jahnes. Ein Assistensarzt im vierten Jahr. Er war groß und hatte stahlblaue Augen. Er sah wirklich gut aus. Und er war immer extrem nett und meistens plauderten wir kurz miteinander. Manchmal hatte ich richtiges Herzklopfen und dann wollte ich stundenlang einfach nur mit ihm im Krankenhausflur stehen und reden. Manchmal gingen wir zusammen eine rauchen oder er setzte sich zu mir in der Mittagspause. Er konnte mir mit seiner bloßen Anwesenheit den Tag versüßen und er konnte ihn auch ruinieren. Entweder weil er nicht mit mir Dienst hatte oder doch und wir uns aber nicht sahen oder wir hatten zusammen Dienst, sahen uns auch und er sprach mit einer anderen. Sowas dummes. Natürlich sprach er mit anderen Frauen, er ist Arzt, er muss ja mit seinen Patienten reden oder mit den anderen Schwestern. Aber wie er es tat. Ich hatte immer das Gefühl, dass ich die Einzige bin, die er so ansieht, mit der er so redet und mit der er Zeit verbringen möchte. Allerdings saß er auch ziemlich oft mit den anderen Kolleginnen am Tisch, lachte mit ihnen und bemerkte mich nicht mal. Dieser Mann machte mich fertig.
Es fing damit an, dass wir irgendwann vor einem knappen Jahr gemeinsam Nachtschicht hatten und es war eine dieser Nächte, in denen nichts los war. Ich stand draußen und rauchte eine Zigarette, als er plötzlich neben mir stand.
"Ganz schön ruhig heute."
Ich hatte ja bereits öfters mit ihm gesprochen, allerdings nur wegen Infusionen oder Verbänden. Nie irgendwas Privates. Bis dahin interessierte mich das auch nicht.
Aber dann stand er neben mir, riesengroß in seinem weißen Kittel und mit seinem Namensschild. Dr. C. Jahnes.
29 Jahre alt, lebte schon immer hier und war während des Studiums mehr in irgenwelchen Bars, als im Hörsaal.
"Ja, das hat man selten, dass es so ruhig ist."
Das war eine glatte Lüge, aber was sollte ich sagen?
"Komisch, wo ich doch heute soviel Lust hatte, einigen Menschen Körperteile zu amputieren."
Ich fand das nicht witzig. Aber ich lachte.
"Musst du auch eine Doppelschicht schieben wie die anderen?"
Er hatte mich gedutzt.
"Nein. Wieso. Muss jemand etwa?"
"Ja, die beiden dort müssen bis morgen Nacht. Die Armen."
Er zeigte auf zwei meiner Kolleginnen und ich verfluchte meinen Dienstplan. Ich hatte mir noch nie so sehr eine Doppelschicht gewünscht, dann hätte ich Mitleid erregen können.
"Nein ich kann pünktlich gehen, sollte nicht noch etwas passieren."
"Ich denke nicht, dass noch was kommt. In letzter Zeit war wirklich wenig los. Zumindest nachts, ich weiß schon fast gar nicht mehr, wie es am Tag ist, ich hatte in letzter Zeit nur Nachtdienst."
"Ja. Das ist blöd."
Oh Gott wie bescheuert. Als ob man mit seinem Chef im Fahrstuhl steht. Kein Wunder, dass er sofort wieder reinging.
Von da an überlegte ich mir jedes Mal vor Dienstbeginn was ich anziehen sollte. Im Prinzip eine völlig überflüssige Überlegung, da ich ja auch einen Kittel trug, aber man konnte ja meistens die Ärmel und den Kragen meines Oberteils sehen und da war es schon wichtig, ob das nun blau oder braun war. Langärmlig oder Rollkragen? Wolle oder nicht. Werde ich heute viel zu tun haben? Werde ich vielleicht schwitzen, werde ich dann nicht doch frieren, werde ich ihn überhaupt sehen?
Meist lief es so ab, dass ich ihn an den Tagen, an denen ich das Gefühl hatte besonders gut auszusehen nicht sah. Mein ganzer Arbeitsalltag richtete sich plötzlich nach ihm. Und ich konnte nichts dagegen tun.
Ich wollte wie früher einfach irgendwas anziehen, irgendwas, da ich ja eh einen Kittel tragen würde. Ich wollte mich auf meine Patienten konzentrieren und nicht darauf von welchem Arzt sie behandelt wurden. Ich hatte ja bereits schon schlechte Laune auf dem Weg zur Arbeit, wenn ich wusste, dass er keinen Dienst hatte. Ich wurde jedesmal eifersüchtig, wenn er sich mit anderen Frauen unterhielt und plötzlich waren liebe Kolleginnen mir nur noch ein Dorn im Auge.
Manchmal unterhielten wir uns gut und lachten auch ab und zu gemeinsam. Das war dann ein guter Tag. Auch wenn alle Patienten gestorben sind und mein ganzer Körper sich so anfühlte, als hätte er sich komplett verformt, es war ein guter Tag.
Eine Zeit lang hoffte ich, dass Chris es sein würde, der mich auf dem Dach der Bibliothek findet. Jeder Mensch sucht nach Liebe. Jeder will geliebt werden und will Liebe geben. Warum legen wir uns dann alle selber Steine in den Weg? Es ist wichtig, dass derjenige gut aussieht, er muss witzig sein, intelligent, nach Möglichkeit bereits fest im Leben stehen, Ziele haben und so weiter. Sicher, das alles ist schon wichtig, aber durch diesen ganzen Anspruchskram erschwert man sich doch selber das Leben nur unnötig. Und mal ehrlich. Wer würde nicht seine Hand heben, wenn einer sagt, er sucht nach jemandem, der gut aussieht, witzig ist und intelligent. Ich wäre eine der ersten, die den Arm nach oben halten würde. Aber bei Chris würde das wohl nicht nützen.
Es fiel mir schwer zu erkennen, dass er ein Aufreißer war. Einer der jeder Frau schöne Augen machte, der zu jeder nett war, die ihm gefiel. Und ihm zu gefallen, war nicht sonderlich schwer. Für ihn war ich nichts besonderes. Eine hübsche, nette Krankenschwester.
Eine Kollegin erzählte mir auch, dass er bereits mit einigen anderen Kolleginnen was hatte, Schwestern und Ärztinnen. Ich wäre also auch nur eine von vielen gewesen. Nur eine mehr auf seiner Liste. So sehr ich mich auch darüber ärgerte, ein wenig wünschte ich mir das trotzdem. Aber ich wusste, dass ich nicht auf seiner Liste stand, auch nicht dann, wenn ich meinen Kittel ausziehen würde. Er schien sich mehr für die Art Frauen zu interessieren, die rosa Pullover trugen und sich immer bei einem Kaffee über die letzte Folge ihrer Lieblingsserie unterhielten. Zu denen gehörte ich nicht. Ich hatte keine Lieblingsserie und ich hasste rosa. Niemals würde ich einen rosa Pullover tragen oder auch nur einen mit einer rosa Naht.

                   

8


Es war noch dunkel als ich das Krankenhaus verließ. Ich wollte nur noch nach Hause. Nach ein paar Minuten bemerkte ich, dass ich in Richtung Bibliothek gelaufen war. Vielleicht ist er schon da? Immerhin war Neujahr, was für ein guter Zeitpunkt. Also lief ich die paar Straßen weiter und kletterte an der Feuerleiter hoch. Vor etwa drei Jahren, kurz nachdem ich die Jungs kennenlernte, hatte sich ein Mann vom Dach der Bibliothek gestürzt. Er muss Mitte 40 gewesen sein und in der Zeitung stand, dass man keinen Abschiedsbrief gefunden hatte. Er hatte wohl Familie und einen guten Job. Warum also ist er gesprungen? Ist er überhaupt gesprungen? Vielleicht ist er gefallen, konnte sich nirgends festhalten. Wahrscheinlich galt sein letzter Gedanke seiner Familie. Als er begriff, dass er nicht zurück kann, hatte er sie vor seinen Augen und sprach in Gedanken zu ihnen. Oder er war inmitten einer bösen Scheidung. Dann dachte er vielleicht nur an die Kosten, die auf ihn zukommen würden. Damals bin ich das erste Mal auf das Dach gestiegen. Ich wollte wissen, was er wusste, Wollte sehen, was er sah und fühlen, was er fühlte. Die Stadt spannte hohe Netze auf dem Dach, dass man nicht springen könnte. So was sollte schließlich nicht nochmal vorkommen. Hier wohnen nur glückliche Menschen! Ein Netz. Sowas Dummes. Da hätte man gleich ein Schild mit der Aufschrift "Bitte nicht springen" aufstellen können. Als ob ein simples Netz jemanden, der es auch wirklich will, davon abhalten könne. Aber die Leute wussten so, dass etwas unternommen wurde und konnten wieder beruhigt mit gesenktem Blick durch die Straßen gehen und alle anderen ignorieren. Anfangs war es echt anstrengend hochzusteigen. Mit der Zeit bin ich ziemlich schnell geworden.
Oben angekommen schaute ich mich um. Niemand außer mir war da. Ich lief zum Ende des Daches und setzte mich auf den Boden. Von hier aus konnte man über die ganze Stadt sehen. Vereinzelte Gestalten waren schon oder wie ich noch unterwegs. Ich schaute in den Himmel. Er leuchtete nicht rot. Er war bewölkt.  Ich saß nur da und starrte in die Nacht. Da fiel mir Dannys Anruf wieder ein. Er hatte bis dahin noch nie angerufen. Er scheint sich richtig Gedanken um mich gemacht zu haben. Danny... Ich wünschte ihm, dass er irgendwann nicht mehr auf Drogen angewiesen war. Er war dann immer völlig fertig. Er sagte zwar, dass das nur so aussehe und er im Gegenteil einen tollen Trip erleben würde, aber das Zeug ruinierte ihn. Ich glaube auch, dass er das wusste. Manchmal glaubte ich sogar, dass er das wollte. Er hatte mit den Drogen angefangen als seine Eltern gestorben waren. Das war vor sechs Jahren. Er hatte sie besucht und beim Verabschieden noch zu ihnen gemeint, man würde den geplante Ausflug auf das nächste Mal verschieben müssen. Er wusste nicht, dass es kein nächstes Mal geben würde. Sie waren keine 24 Stunden später tot. Ein anderes Auto fuhr frontal in ihres. Danny sagte, sie mussten nicht leiden. Dafür leidet er nun umso mehr. Er trägt nicht nur seinen, sondern auch den Schmerz seiner Eltern in sich. Er verschwindet nur, wenn er breit wäre. Und kommt dann doppelt zurück. In der ersten Zeit war er völlig hilflos. Wollte selber nicht mehr leben. Isulierte sich und alle Abläufe geschahen mechanisch. Er verfiel ständig in einen absolut leeren Zustand und konnte seine Wohnung kaum verlassen.
Das erste Mal nahm er Drogen, als er nach der Arbeit in einer Bar saß und sich besaufen wollte. Ein Typ sprach ihn an, dass er etwas ganz tolles für ihn hätte und er damit alles vergessen würde. Danny war alles egal. Er kaufte das Zeug. Und dann nochmal und nochmehr. Und jetzt ist er derjenige, der hilflose Menschen in einer Bar anspricht. Auf meine Frage, ob er jemals an ihrem Grab war schüttelte er nur den Kopf. Das könne er nicht. Er hatte Angst. Das sagte er zwar nicht, aber man sah es ihm an. Der Fahrer des anderen Wagens hatte überlebt. Danny sagte, er stellte sich immer vor, wie er an das Grab seiner Eltern geht und ihn dort stehen sieht. Er würde ihn umbringen. Und dann auch wieder nicht, denn seine gerechte Strafe sei es, für den Rest seines Lebens mit dieser Schuld zu leben. Deshalb solle dies solang wie möglich sein.
"Wäre ich nur einen Tag später losgefahren. Sie wollten nicht nochmal in die Stadt und so hätten sie auch nicht gemusst."
"Du hättest es nicht verhindern können. So etwas passiert, da kann man nichts daran ändern, auch wenn man noch so vorsichtig ist."
"Es waren die falschen. Es waren eindeutig die falschen Menschen, die es getroffen hat. Das hatten sie nicht verdient."
"Danny das hat niemand."
"Doch."
Seine Stimme wurde plötzlich ganz kühl und sein Blick schien mich zu durchbohren.
"Doch Maya. Es gibt Menschen, die so etwas verdienen."
Er ließ mir keine Chance etwas zu erwidern. Er stand einfach auf und ging. Das war das erste und das letzte Mal, dass wir daürber gesprochen hatten. Überhaupt wussten wir nicht wirklich viel übereinander. Ich wusste nicht mal, ob Henry überhaupt einen Vater hatte, weil er sich immmer nur mit seiner Mutter stritt. Wahrscheinlich hatte seine Mutter ihn allein großgezogen. Wenn man sich Henry so ansah, dann konnte man schon leicht vermuten, dass er nie wirklich eine männliche Führung erlebte. Deshalb klammerte er sich an Mark. Für Henry war Mark mehr als nur ein guter Freund. Er war eine Art Vaterfigur. Groß und stolz und jeder hatte Respekt vor ihm. Das war natürlich nicht so, aber für Henry sah es so aus. Wenn Mark ihn verletzen oder gar verlassen würde, wäre das für Henry sicherlich das Ende der Welt. Er war noch so jung, so unschuldig. Er war gerade 20 und hatte in seinem Leben noch nicht viel erreicht. Er war auf alles mögliche allergisch und hatte Asthma. Trotzdem versuchte er immer mitzuhalten. Trank ordentlich Alkohol und rauchte ungefähr eine Packung Zigaretten. Er starb zwar regelmäßig beinahe daran, aber er glaubte, nur so wollte Mark mit ihm was zu tun haben. Ich war mir nicht sicher, aber ich glaube, dass Mark ihn auch akzeptiert hätte, wenn Henry nicht all den Blödsinn mit ihm zusammen angestellt hätte. Sie waren beide irgendwie voneinandner abhängig. Henry, der immer zu Mark aufsah und Mark, der Henry brauchte, um sein Ego zu stärken. Als Henry 16 Jahre alt war, wurde er in einem Park von seinen Mitschülern abgefangen und beinahe zu Tode geprügelt. Mark kam ihm zu Hilfe und nachdem er ebenfalls ordentlich was abbekommen hatte, haben sie gemeinsam im Krankenhaus auf den Arzt gewartet. Henry hatte Mark als seinen Bruder vorgestellt, da dieser keine Krankenversicherung hatte. Und da beide ziemlich fertig waren stellte man an diesem Abend auch keine weiteren Fragen. Von da an war Mark Henrys großer Held und Mark fühlte sich auch irgendwie verantwortlich für ihn. Im Geiste fühlten sie sich tatsächlich wie Brüder. Sie tranken zusammen, prügelten sich zusammen, machten so gut wie alles zusammen. Ich glaube, auch wenn wir irgendwann die Schnauze voll voneinander haben, diese beiden würden ihren gemeinsamen Weg gehen. Mark hätte Henry wahrscheinlich irgendwann adoptiert und sie hätten glücklich bis ans Ende ihrer Tage in Marks Bude gelebt.

                   

9


Ich beschloss mir auf dem Nachhauseweg einen Kaffee zu holen und für den Rest des Tages nicht mehr aus meinem Bett zu kommen. Aber vorher musste ich noch was erledigen.
"Hallo?"
"Hallo Mama. Ich bins Maya. Frohes Neues."
"Oh Maya, danke dir auch. Willst du deinen Vater sprechen? Er ist im Moment leider nicht da."
"Nein, ich will mit dir reden."
Ich hielt kurz inne. Wollte ich das wirklich? Wollte ich wirklich mit meiner Mutter reden? Und das nachdem ich Drogen genommen und 12 Stunden Nachtschicht hinter mir hatte.
"Vielleicht kann ich in den nächsten Tagen mal vorbeikommen?"
"Oh eh, du möchtest uns besuchen? Tja weißt du, ich muss mal sehen. Ich weiß nicht genau, ob ich Zeit hab. Es ist ja so schrecklich viel zu tun. Weißt du die Nachbarn haben schon wieder..."
"Ach lass Mama, du ich ruf einfach später nochmal an. Ja? Machs gut."
"Aber Maya warte, ich...."
Ich legte auf. Was hatte ich da nur getan? Ich bin tatsächlich über meinen Schatten gesprungen und bat meine Mutter um etwas Zeit für mich. Ja bin ich denn verrückt? Was hatte ich denn erwartet? Dass sie zu mir sagt, dass das ihr innigster Wunsch ist, seitdem ich ausgezogen bin. Dass sie nur für mich extra nochmal eine Ente zubereitet und allen Nachbarn erzählt, dass ihre großartige Tochter Maya sie besuchen wird und dass das auch alle Menschen aus den umliegenden Städten erfahren sollen. Sämtliche Fernsehsender werden dieses Ereignis weltweit übertragen und alle Zeitungen werden jedes Jahr erneut darüber berichten.
"Heute jährt sich zum fünften Mal der Tag, an dem Maya ihre Mutter besuchte."
Selbst wenn sie sofort ja gesagt hätte. Worüber hätte ich mit ihr reden sollen? Über mich und unser tolles Verhältnis? Keine gute Idee. Genauso wie der Einfall, sie anzurufen. Ich hatte doch nur ein schlechtes Gewissen, weil ich sie nie anrief. Gut, das war dann damit vom Tisch. Ich hatte sie angerufen. Mein Gewissen war somit wieder rein. Ich werde sie nie wieder anrufen.
Die nächsten Tage verliefen extrem ruhig. Ich musste jede Nacht arbeiten und hatte nicht so wirklich das Bedürfnis mich mit den Jungs zu treffen. Danny hatte ich seit meinem Auftritt an Silvester auch nicht mehr gesprochen. Aber wieso auch. Er schien ja sehr gut allein zurecht zu kommen. Verkaufte irgendwelchen dummen Jugendlichen sein selbstgemixtes Zeug. Manchmal spielte ich mit dem Gedanken, ihn bei der Polizei zu verpfeifen. Aber ich war ja schließlich auch kein Engel. Selbst wenn ich gegen kein Gesetz verstoßen hatte, was aber defintiv der Fall war, so hatte meine Weste genauso dunkle Flecken, wie seine. Also hielt ich meinen Mund. Und so verstrichen die ersten Tage im neuen Jahr. Ich saß weiterhin auf meinem Dach. Nach über zwei Jahren, war ich der Meinung, dass es angemessen war, es mein Dach zu nennen.
Es war eine extrem kalte Nacht und man konnte die Sterne sehen. Es sah aus, wie ganz viele kleine Kerzen, die niemals ausgingen, es sei denn, jemand würde sie auspusten. Die Sirenen der Feuerwehr störten die Ruhe. Und überhaupt, ich fühlte mich nicht richtig in Stimmung. Gerade als ich gehen wollte hörte ich ein Geräusch.
"Sie sollten nicht immer allein hier sitzen."
"Wer ist da? Wer sind Sie?"
Mein Herz pochte fürchterlich schnell, so dass es weh tat. War es nun soweit? Hatte ich wirklich Recht behalten?
"Ich bin niemand."
Eine dunkle Gestalt trat hinter dem Notausgang hervor.
"Sie? Sie sind der Hausmeister hier. Hab ich Recht?"
"Das war ich. Bis zu dem Unfall vor zwei Jahren."
Ich musste kurz schmunzeln, als ich sah, dass er das Wort Unfall in Gänsefüßchen setzte.
"Was machen Sie hier?"
"Das gleiche könnte ich Sie auch fragen?"
"Ich komme nur manchmal hierher um nachzudenken."
"Manchmal, achso. Nicht etwa fast jede Nacht?"
"Wie bitte?"
"Verstehen Sie mich nicht falsch. Ich habe hier immerhin 35 Jahre als Hausmeister gearbeitet und als dieser Trottel sich dann vom Dach stürzte, meinten die ich hätte hier nichts mehr verloren. Schließlich war ich ja auch für die Sicherheit des Gebäudes verantwortlich."
"Als Hausmeister?"
"Einsparungsmaßnahmen. Jedenfalls komme ich häufig noch hier her, um nach dem Rechten zu sehen. Und jedesmal wenn ich hier bin, sehe ich Sie."
"Ich will mich nicht umbringen."
"Das sagt auch niemand. Sie sehen nicht aus, wie eine, die jeden Moment zum Sprung ansetzt. Aber sie wirken auch nicht, als hätten Sie das glücklichste Leben der Welt."
Ich schaute auf den Boden. Er kannte mich gar nicht und doch wusste er soviel über mich. Ich habe immer versucht, meine Gefühle in meinem Inneren zu verstecken und sie nicht nach Außen zu tragen. Anscheinend war mir genau das Gegenteil gelungen. Ich wusste nicht so recht, was ich jetzt tun sollte. Sollte ich gehen? Sollte ich mich rechtfertigen? Ich kam mir vor, wie ein kleines Mädchen, dass von seinem Vater beim Klauen erwischt wurde. Ich schämte mich vor mir selbst. Wir sahen uns direkt in die Augen. Er war ein kleiner alter Mann und obwohl man ihm mit seiner Stelle als Hausmeister vielleicht alles genommen hatte, konnte ich sehen, wie seine Augen leuchteten. Er war glücklicher als ich. Jeder war wahrscheinlich glücklicher als ich.
"Worüber denken Sie nach?"
"Ach über gar nichts. Nichts besonderes jedenfalls."
"Aha."
Er kam näher und setzte sich neben mich. Er wirkte so vertrauensvoll auf mich. Fast schien es so, als seie es nicht real.
"Ich denke auch immer an nichts. Das ist das beste. So muss man sich wegen nichts sorgen und kann sein Leben genießen."
"Ja genau."
"Und das kann man am besten auf dem Dach des größten Gebäudes der Stadt. Allein. Anstatt mit Freunden zu feiern."
Sein Sarkasmus blieb mir nicht verborgen, aber ich ignorierte ihn.
"Ich hab in meinem Leben genug gefeiert. Ich denke gerade darüber nach, das alles sein zu lassen und mich dem Wunsch meiner Eltern zu beugen."
"Und welcher ist das?"
"Ich sollte auf die Uni gehen und Medizin studieren. Irgendwann hätte ich eine erfolgreiche Ärztin werden sollen."
"Und das war so schlimm, dass Sie sich mit Händen und Füßen gewehrt haben?"
"Nein. Nein war es nicht."
"Wieso haben Sie dann gezögert? Vielleicht war das ja auch Ihr Wunsch und Sie hätten ihn einfach mal laut aussprechen sollen."
"Was hätte das geändert?"
"Er wäre real geworden, für Sie. Sie hätten erkannt, dass der Wunsch Ihrer Eltern auch Ihr Wunsch war."
"Sind Sie sicher? Ich weiß nicht, ob es tatsächlich auch mein Wunsch war."
"Haben Sie es mal laut ausgesprochen?"
"Nein."
"Was macht Sie dann so sicher, dass es nicht so ist?"
"Ich bin nicht sicher. Das habe ich nie gesagt."
"Sie sitzen jede Nacht hier oben, egal ob es regnet oder schneit. Sie sind sich sicher. Sie wissen, welcher Ihr Weg ist. Sie wollen Ihn nur noch nicht gehen."
Er stand auf.
"Wissen Sie, es gibt Menschen, die sehen Dinge, die niemand anderes sieht. Einhörner zum Beispiel."
"Einhörner? Ich verstehe nicht."
"Diese Menschen können auch niemandem erzählen, was sie denken und fühlen und doch sind sie etwas ganz besonderes."
"Weil sie Einhörner sehen?"
"Weil sie daran glauben es zu sehen. Denn dann ist es wirklich."
"Ich habe aber noch kein Einhorn gesehen und wenn dann würde ich es nicht glauben."
"Sie werden wohl noch viele Nächte hier oben sitzen."
Mit diesen Worten drehte er sich um. Klopfte sich den Schmutz von der Hose und verabschiedete sich. Ich sah ihm nicht nach. Ich versuchte zu verstehen, was seine Worte zu bedeuten hatten und vorallem, was sie für mich bedeuteten.
Ich ging an diesem Morgen nicht nach Hause.
"Wer ist denn da?"
"Ich bins Maya. Kann ich reinkommen?"
"Maya? Was machst du denn hier? Weißt du eigentlich wie spät es ist?"
"Ja tut mir Leid. Ich dachte wir können zusammen frühstücken."
"Was? Frühstück. Es ist mitten in der Nacht."
"Na und?"
"Was ist denn mit dir los?"
"Was meinst du?"
"Komm erstmal rein, aber sei leise. Henry schläft nebenan. Und pass auf die Flaschen auf. Setz dich."
"Mark, was soll mit mir los sein?"
"Du lässt tagelang nichts von dir hören und dann tauchst du mitten in der Nacht hier auf und veranstaltest einen riesigen Krach."
"Entschuldige mal, ich weiß doch, wie tief dein Schlaf ist. Du hättest mir nie die Tür aufgemacht."
"Richtig. Und du hättest nicht herkommen sollen. Jedenfalls nicht um die Uhrzeit."
"Ach komm schon. Es ist immerhin Sonntag. Du brauchst doch nicht zu arbeiten."
"Eben Maya. Eben. Genau deshalb wollte ich meinen Schlaf genießen."
"Gut dann geh ich wieder."
Ich stand vom Sofa auf und lief Richtung Tür. Mark hielt mich am Arm fest.
"Ach was solls. Setz dich wieder hin und erzähl mir was los ist."
"Nichts ist los. Ich wollte einfach noch nicht nach Hause."
"Warum hast du dich nicht auf dein Dach gesetzt."
Für einen kurzen Moment zögerte ich. Ich wusste nicht, ob ich ihm von meiner Unterhaltung mit dem Hausmeister erzählen sollte. Allerdings hatte ich ihm schon so oft etwas erzählt und er hatte mich immer ausgelacht.
"Ich war schon lang nicht mehr oben."
"Ach wirklich. Bist also doch endlich zur Vernunft gekommen."
"Wie meinst du das?"
"Maya. Siehs doch ein. Es ist pure Zeitverschwendung, sich auf einem Dach den Arsch abzufrieren, nur weil man hofft, dass jemand einen findet. Die Einzigen die dich irgendwann mal finden, sind die Polizei und der Notarzt, unzwar weil du da oben erfroren bist."
"Das kann dir doch egal sein."
"Ist es auch. Ich mein ja nur. Also, willst du hier auf dem Sofa pennen?"
Ich nickte. Langsam überkam mich nämlich auch die Müdigkeit und so schlief ich ein paar Stunden bei Mark.
Ich wurde allerdings sehr unsanft geweckt. Als ich wieder etwas bei mir war, hörte ich, wie Henry sich mit jemandem am Telefon unterhielt.
"Ja mach ich. Ist schon in Ordnung. Um acht, alles klar. Bis dann."
"Hey Henry. Deine Mutter schon wieder?"
"Was? Ja, sie ruft doch immer an."
"Was ist denn heute um acht?"
"Da gehen wir essen, zu meiner Tante, sie hat uns eingeladen."
"Klingt toll."
"Ja nicht wahr."
Er drehte mir den Rücken zu. Aber ich hatte plötzlich das Gefühl, dass nun die Gelegenheit da war, Henry alles zu fragen, was ich über ihn wissen wollte. Vielleicht würde ich ihn dann mit anderen Augen sehen.
"Henry, kann ich dich mal was fragen?"
"Klar."
"Wo ist dein Vater?"
Er sah mich mit großen Augen. Er schien nicht wirklich etwas mit der Frage anfangen zu können oder vielleicht mit dem Wort Vater.
"Henry?"
Keine Bewegung. Sein Blick schweifte an mir vorbei und er sah auf seine Füße.
"Tut mir Leid. Ich wollte nicht so neugierig sein."
"Er ist zu Hause."
"Was?"
Wir sahen jetzt beide auf seine Füße. Seine Stimme wurde ganz klar und er sprach die Worte ohne jede Betonung. Ganz ruhig.
"Mein Vater ist zu Hause."
"Bei deiner Mutter?"
Ich sah, wie er nickte, dann betrachtete ich wieder mit ihm zusammen seine Füße.
"Sie sind beide zu Hause. Mama und Papa. Sie sind immer zu Hause."
"Und wieso ruft dich dann nur deine Mutter an?"
"Papa sagt ihr immer, sie solle mich anrufen. Sie muss auf ihn hören. Er sagt immer, dass er schließlich der Mann im Haus sei. Mama hat Angst vor ihm."
"Was?"
Ich blickte ihn erschrocken an.
"Wieso hat sie Angst vor ihm?"
Ich kam mir vor, als redete ich mit einem kleinen Jungen, der krampfhaft seinen Teddybären festhielt.
"Henry wieso hat deine Mutter Angst vor deinem Vater?"
"Sie sagt, wenn ich nicht da bin, dann tut er ihr manchmal weh. Deshalb will sie auch immer, dass ich nach Hause komme. Aber ich hab dann auch Angst vor ihm."
"Wieso geht ihr nicht weg. Zieht aus?"
"Das geht nicht. Sie braucht ihn. Und außerdem, wo sollten wir denn hin? In eine andere Stadt? Und Mark? Nein. Es ist so ganz gut."
Ich wollte ihm so viele Dinge sagen, aber ich merkte, dass er mir gar nicht mehr zuhörte. Ich fühlte mich so hilflos. Der arme Henry. Kein Wunder, dass er so war, wie er war. Ich bereute es, ihn darauf angesprochen zu haben und beschloss es nie wieder zu tun.

                    

10


Ein Blick auf die Uhr verriet mir, dass es kurz vor elf Uhr war. Der halbe Tag war noch nicht mal rum. Ich ging langsam nach Hause. Es hatte frisch geschneit und überall standen Schneemänner an den Straßen und Stoppschilder waren mit Schneebällen beworfen wurden. Als Kind liebte ich es, nach dem Aufstehen aus dem Fenster zu blicken und alle Dächer waren weiß. Damals konnte ich es nicht erwarten, draußen im Schnee zu spielen. Schneemänner zu bauen und meinen Vater mit Schneebällen zu bewerfen. Ich musste lachen, bei dem Gedanken daran, wie er mich immer packte und in den Schnee warf. Dabei machte er immer solche Geräusche, als wäre er ein Monster. Irgendwann, wollte ich nicht mehr nach dem Aufstehen aus dem Fenster blicken.
Ich blieb stehen und sah den Schneeflocken beim Fallen zu. Beobachtete sie, wie die kleinen Sterne auf meinem Mantel und meinen Handschuhen landeten und schmolzen. Wenn sie wüssten, dass sie schmelzen, sobald sie irgendwo landen, würden sie wahrscheinlich ganz langsam vom Himmel fallen. Nicht nur, um ein längeres Dasein zu haben, sondern um sich auch in Ruhe alles anzuschauen. Die Stadtdächer und die Lichter von den Kaufhäusern. Die Menschen, die durch die Straßen liefen, weil sie ganz wichtige Dinge zu erledigen hatten. Und dann würden sie sich einen geeigneten Platz zum Landen suchen. Eine Mütze oder einen Schuh. Nach der Landung würden sie noch einen kurzen Moment alles betrachten und sich dann langsam von den anderen verabschieden.
Ich stand noch einen kurzen Moment so da und ging dann weiter in Richtung Zuhause. Dort angekommen machte ich mir einen Tee. Ich hatte schon lange keinen Tee mehr gekocht. Ich hatte mich gerade hingesetzt, als es an der Tür klopfte.
"Ich dachte mir, dass du hier bist."
"Ja Mark. Weil ich hier wohne. Willst du reinkommen?"
Er zögerte.
"Nein lass. Ich wollte dir nur sagen, dass ich mich heute früh wie ein Arsch benommen hab. Du kennst mich, ich bin nicht gut in solchen Dingen und du bist immer so gefühlsduselig und ich kann damit nicht umgehen."
"Schon gut. Ich hab es nicht persönlich genommen. Du willst wirklich nicht reinkommen?"
Wieder zögern.
"Nein. Ich muss gleich weiter. Sehen wir uns noch?"
"Klar. Wir sehen uns."
Ich schloss die Tür, setzte mich in den Sessel und trank meinen Tee.
Als ich das nächste Mal auf mein Dach kletterte, hoffte ich auf ein weiteres Gespräch mit dem Hausmeister. Ich wollte noch mehr darüber erfahren, wie er über mich dachte und was ein Blick von mir alles aussagte. Aber ich traf ihn nicht. Ich drehte mich häufig um, ging auch ein paar Mal die komplette Fläche ab, aber er war nicht da. Niemand war da. Genervt setzte ich mich.
Nie zuvor wünschte ich mir so sehr eine heiße Schokolade.
Meine Mutter machte mir immer welche, wenn ich als Kind genervt war von irgendwas. Meistens war es wegen der Schule. Sie sagte, auch wenn mich alles auf der Welt nervt, eine heiße Schokolade kann niemals nerven. Recht hatte sie. Aber ich hatte keine heiße Schokolade. Ich hatte nicht mal Geld einstecken. Jetzt war ich noch mehr genervt.
Ich kletterte nach unten und ging zur Haltestelle. Ich musste zur Arbeit und wollte bei der Kälte nicht zu Fuß gehen, als mir ein bekanntes Gesicht entgegenkam.
"Na musst du zur Arbeit?"
"Ja. Und du?"
"Ich komm gerade von meiner."
"Von welcher denn?"
"Von der offiziellen."
"Ah verstehe. Tja dann, ich muss weiter."
"Ja ich auch. Bis bald."
Wir gingen aneinander vorbei. Doch das war mir nicht genug, ich drehte mich nochmal um.
"Danny?"
Auch er drehte sich nochmal um.
"Ja?"
"Lust auf heiße Schokolade?"
Er lächelte und kam wieder auf mich zu.
Wir gingen ein Stück weiter in eine Bäckerei und tranken jeder eine heiße Schokolade, die Danny bezahlte.
"Ich kann mich nicht erinnern, wann ich das zuletzt getrunken hab."
"Ich finde, wir sollten das öfter machen."
"Was, heiße Schokolade trinken?"
"Nein, doch! Das auch, aber ich mein das hier. Einfach in einem Café mal was trinken, anstatt uns ständig die Birne wegzuknallen. Wir könnten auch mal zusammen was essen gehen oder mal ins Kino."
"Ins Kino? Wir? Du meinst uns alle vier? Bist du verrückt?"
"Wieso denn, das wär doch nett."
"Maya, wir sind aber nicht nett. Und wir machen auch nichts nettes. Wie stellst du dir das vor. Mark prügelt sich mit dem Typen, der hinter ihm sitzt, Henry lutscht am Daumen, weil er Angst vor dem Monster im Film hat und ich kann nicht lange stillsitzen oder... du weißt schon."
"Aber..."
"Wir sind nicht so, wir machen so etwas nicht. Maya, wir gehören nunmal nicht zu solchen."
"Zu welchen?"
"Zu Freunden. Wir sind keine Freunde."
"Aber du hast mich bei dir schlafen lassen. Du hättest mich einfach liegen lassen können."
"Immerhin war das eine Chance dich nackt zu sehen. Siehs mal von der Seite.
Er zwinkerte mir zu. Ich war völlig starr. Sah Danny mit großen Augen an und brachte kein Wort raus.
"Jetzt schau nicht so. Wir sind eben anders. Mach dir nichts drauß. So ich geh jetzt."
Danny trank seine Schokolade leer und verließ ohne ein weiteres Wort die Bäckerei. Ich wartete noch ein paar Minuten und lief dann zur Haltestelle, an der gerade meine Bahn losfuhr.
Ich ging also doch zu Fuß.

                    

11


Im Krankenhaus herrschte wieder das übliche Chaos. Ein schwerer Unfall auf der Autobahn forderte alle verfügbaren Kräfte. Der Rettungshubschrauber brachte im Akkord neue Verletzte und es wurde immer unübersichtlicher. Überall lagen oder saßen Menschen, die weder wussten wo sie waren, noch was passiert war. Sie waren verzweifelt, aufgelöst und einige weinten. Seltsam, mir begegneten solche Dinge fast jeden Tag und ich ließ mich davon runterziehen, dass ich beinah keine heiße Schokolade bekommen hätte. Ich machte mir selbst Vorwürfe, wie engstirnig ich war und dass ich nicht gesehen hatte, wie viel Glück ich eigentlich bisher in meinem Leben hatte. Trotz all der Dinge, die schief gelaufen waren. Trotz all der Fehler, die ich gemacht hatte, so konnte ich doch eigentlich glücklich sein. Ich war gesund, meine Familie war gesund. Das glaubte ich zumindest, aber obwohl wir nicht viel miteinander sprachen, wusste ich, dass sie es mir gesagt hätten, wäre einer von ihnen nicht gesund gewesen. Wir wären füreinander da. So wie wir früher immer füreinander da waren. Und ich wusste, dass Danny Unrecht hatte. Egal, wie er darüber dachte, wir gehörten zu denen. Wir waren Freunden. Irgendwie.
"Maya, wenn du Zeit hast, gehen wir dann für einen Kaffee in die Cafeteria?"
"Klar."
"Piep mich einfach an."
Man war ich cool und dass obwohl Chris mit mir Kaffee trinken wollte. Also es war ja keine Einladung zu einem Abendessen und der Kaffee in der Kantine war scheußlich, aber er hatte mich gefragt. Mich.
Und noch drei weitere Schwestern, mit denen er dann in der Kantine aufkreuzte. Ich musste mich ziemlich zusammenreißen, damit man mir meinen Missmut wegen dieser Situation nicht ansah. Da waren sie wieder. Die rosagekleideten Serienschauer und sie himmelten ihn an und er genoss es. Dieser Arsch. Er setzte sich grinsend neben mich.
"Endlich mal zehn Minuten Ruhe. Das war echt heftig heute."
"Du willst doch Arzt werden, da musst du sowas abkönnen."
Ich war ganz ruhig und nippte an meinem Kaffeebecher.
"Ich weiß, aber das war wirklich viel heute. Du warst doch dabei."
"Ja schon, aber das ist unser Job. Das ist deine Aufgabe und meine."
Ich blieb weiterhin total unnahbar. Mich würde er nicht rumkriegen.
"Ich mein ja nur. War ganz schön stressig. Ich bin jedenfalls erledigt."
Ich fasste es nicht. Da saß er nun, dieser eingebildete Typ und streckte sich. Dabei rutschte sein Oberteil hoch und wir konnten einen Blick auf die kleinen Härchen erhaschen, die um seinen Bauchnabel rumwuchsen. Ich konnte aber auch nicht wegschauen und er bekam es natürlich mit. Sofort beugte er sich zu mir.
"Bist wohl heut nicht gut drauf."
"Geht so."
"Ja das ist schon nicht leicht, hier ewig den Lebensretter zu spielen. Da kann man schonmal den ein oder anderen Moment haben."
Meine Laune wurde immer schlechter. Wovon redet der Kerl nur? Er rettet Leben und ich stehe nur dumm daneben und sehe zu? Das ich aber auch ganz andere Dinge getan habe, unzwar für ihn. Stundenlanges Anhübschen vorm Spiegel, ich bin extra eher aufgestanden. Habe mir die Beine rassiert und die Augenbrauen gezupft. Dafür sollte ich einen Orden bekommen. Und er redet nur über sich.
"Na ja, also ich muss wieder."
Er stand auf, nahm seinen Kaffee und seine Begleiterinnen taten es ihm gleich.
"Maya, wenn was ist, du kannst zu mir gekommen. Ich hör dir zu."
Und dann lächelte er und alles war vergessen. Natürlich hatte er Stress, er ist schließlich Arzt. Natürlich rettet er als solcher auch Leben und natürlich helfe ich ihm nur dabei.
Ich kam mir so dämlich vor. Da wollte ich einmal vollkommen unbeeindruckt sein und ganz sachlich mit ihm reden, ohne ihn dabei ständig anzustarren und benahm mich wie die Oberzicke. Ich hätte mich selbst ohrfeigen können. Ich wäre ihm auch nicht böse gewesen, wenn er es getan hätte. Und dabei roch er so gut. Ach verdammt, egal was ich anstellen würde, es würde jedesmal nach hinten losgehen. Ich hatte mir seit unserem ersten Gespräch schon so viele Eigentore geschossen und seine Reaktionen waren für mich teilweise echte Griffe ins Klo.
Einmal hatte ich ihm erzählt, es ginge mir nicht so gut wegen einem Mann. Wegen einem Mann, den es gar nicht gab.
"Denkst du, dass Männer Schweine sind?"
"Ja. Zwar nicht offentsichtlich, aber in jedem Mann steckt irgendwo ein Schwein."
"Und Frauen?"
"Frauen sind zickig und oft auch selber Schuld."
"Wieso?"
"Männer sind Schweine, weil sie Frauen verletzen. Egal ob bewusst oder nicht, sie tun es. Und Frauen sind selber Schuld, weil sie es zulassen und das oft auch mehrmals."
"Aber Frauen verletzen auch oft."
"Ja, sogar noch öfter als du glaubst, aber sie lassen sich seltener erwischen. Sie sind cleverer und können die Dinge besser vertuschen. Also wenn irgendwann mal jemand den perfekten Mord begeht......"
"..... dann eine Frau."
"So ist es."
"Hoffentlich bist du es nicht, dann hab ich keinen mehr zum Rauchen."
In diesem Moment hatte ich alles. Ich hatte seine Aufmerksamkeit, sein Mitgefühl, er machte mir ein Kompliment und ich erweckte den Eindruck, mich nur für den imaginären anderen Mann zu interessieren und nicht für Chris. Und ich wirkte auch begehrenswert, da es ja schließlich einen Mann gab, der mich wollte. Also es gab ihn ja nicht, aber in diesem Moment, glaubte ich es selber.

                    

12


Meine Schicht dauerte fast 15 Stunden und ich hatte jegliches Zeitgefühl verloren. Ich war völlig übermüdet und war froh, als ich endlich in der Bahn saß und auf dem Weg nach Hause war. Ich lehnte meinen Kopf gegen die Scheibe, schloss die Augen und verlor mich mal wieder in meinen Gedanken. Mark hatte sich bei mir entschuldigt. Das tat er sonst nie und ich wusste, er würde mich umbringen, wenn ich jemandem davon erzählte. Er sah nicht gut aus, wie er da so vor mir stand. Nicht, dass er jemals richtig gut ausgesehen hatte, aber irgendwas war anders. Sein Blick, die Art wie er mich ansah. Da war noch etwas. Etwas, was er mir nicht sagen wollte oder sagen konnte. Etwas, das ihn bedrückte. Ob er es mir igendwann erzählt? Waren wir schon soweit? Soweit, dass Mark tatsächlich über seine Gefühle reden würde. Obwohl, mit wem sonst. Henry hätte es wahrscheinlich gar nicht verstanden und Danny wäre wie immer zu breit gewesen und hätte nur komische Laute von sich gegeben. Jemand anderen außer mir hatte Mark nicht, um darüber zu reden. Er wollte es, doch ich war mir ganz sicher, er wollte es. Er wollte es mir sagen, er kam nicht nur, um sich zu entschuldigen, er wollte mit mir über etwas reden. Über etwas, dass für ihn sehr wichtig war.
Die Bahn hielt. Ich stieg schnell aus, zwar war es nicht meine Haltestelle, aber ich wollte plötzlich nicht mehr nach Hause. Ich lief über den Marktplatz Richtung Rathaus. Mark war extra bei mir vorbeigekommen, also konnte ich das selbe auch für ihn tun. Ich wollte für ihn da sein. Ich lief immer schneller. Mein Mantel war offen und mein Schal lag nur locker über meinen Schultern, doch mir war nicht kalt. Ich begann zu rennen. Rannte die Straßen entlang, vorbei an der Bäckerei, in der Danny und ich heute waren, vorbei an der alten Grundschule, die gerade für viel Geld saniert wurde, vorbei an der Kirche, vor der immer die Straßenmusiker saßen und alte Lieder spielten, vorbei an dem Stand, wo man für einen Euro eine Bratwurst kaufen konnte und vorbei an der Stadtbibliothek. Ich bog nach links auf die Hauptstraße, als ich plötzlich stehen blieb.
War das etwa ein Traum? Ich musste verrückt geworden sein oder mich in einer anderen Welt befinden.
Ich stand vor einem italienischen Restaurant und blickte durch das große Schaufenster hinein. Am vordersten Tisch, direkt neben der Bar, saß Henry. Mit einer jungen Frau. Nochmal. Henry mit einer jungen Frau. Ich ging näher ran, auch auf die Gefahr, von den beiden gesehen zu werden. Tatsächlich. War das seine Mutter? Unsinn. Was machte er da? Und wer war sie? Ich sah, wie sie sich unterhielten und immer wieder herzlichst lachten. Sie stießen gemeinsam an, mit Wein. Ich hatte Henry bisher nur Bier und Schnaps trinken sehen. Er hielt das Glas sogar am Stiel. Hatte er sie etwa dafür bezahlt, dass sie mit ihm essen ging? Oder war sie diejenige, mit der er sich um acht treffen wollte und er hatte mich belogen. Ich konnte ihm nicht mal böse sein. Ich war fasziniert, wie viel Spaß die beiden hatten.
"Kann ich Ihnen helfen?"
Erschrocken fuhr ich zusammen. Einer der Kellner hatte mich anscheinend stehen sehen und kam zu mir raus.
"Was, nein danke, ich schaue mich nur um."
"Das sehe ich. Aber wir verkaufen keine Sachen oder Schuhe."
"Ja natürlich, so war das auch nicht gemeint. Ich werde jetzt gehen."
"Ja. Sehr gut."
"Auf wiedersehen."
Der Kellner drehte sich mit rollenden Augen sofort wieder um und ging hinein. Ich hatte ihn also nicht mit meiner Süßes-Mädchen-Nummer überzeugen können. Aber das war auch kein Wunder. Ich sah aus wie eine Kleinkriminelle, die den Gästen aufs Essen schaut und bei einer günstigen Gelegenheit das Restaurant stürmt, um allen die Tagliatelle zu klauen. Ich knöpfte meinen Mantel zu und band meinen Schal richtig fest. Ich hatte ja schließlich ein Ziel. Marks Wohnung. Hoffentlich war er da. Hoffentlich war er nüchtern. Ich hämmerte gegen seine Tür. Laute Musik drang aus seiner Wohnung. Das hieß aber nicht, dass Mark auch wirklich da war. Er ließ öfter mal Licht und Musik an. Oder die Kaffeemaschine oder auch gern mal den Herd. Hoffentlich war er gut versichert. Ich hörte ein Murren von der anderen Seite der Tür. Diese wurde energisch aufgerissen.
"Verdammt, wer ist da? Oh Maya. Was isn los?"
Ich grinste ihn an und ging an ihm vorbei direkt ins Wohnzimmer.
"Ich weiß, wieso du bei mir warst."
Mark stand immer noch an der offenen Tür. Er zündete sich eine Zigarette an.
"Ich versteh nicht."
"Du warst nicht nur bei mir, um dich zu entschuldigen."
"Nein?"
"Nein. Da war nochwas. Und ich bin hier, weil ich mit dir darüber reden möchte."
"Du willst was?"
"Mit dir reden. Und wenns geht im Wohnzimmer und nicht an deiner Wohnungstür."
Er schloss die Tür und setze sich auf sein zugemülltes Sofa.
"Also Mark. Was ist los?"
"Ich weiß nicht, was du meinst. Was solln los sein?"
"Mit dir? Du hast irgendwas. Irgendwas bedrückt dich und du warst bei mir, weil du mir davon erzählen wolltest. Ich blöde Kuh hab das aber nicht geschnallt, aber jetzt bin ich hier und du kannst mir alles erzählen."
Er sah mich an und hatte seine Zigarette zwischen den Zähnen.
"Bist du jetzt völlig übergeschnappt? Was solln der Scheiß?"
"Ich versuche dir nur entgegenzukommen. Ich weiß, wie schwer es dir fällt über deine Gefühle zu sprechen. Deshalb dachte ich, dass ich den ersten Schritt mache."
"Den ersten Schritt, wohin denn? Verdammt Maya, bist du breit. Hat dir Danny was von seinem Zeug verkauft?"
"Das ist mir ernst Mark. Immerhin bist du derjenige, der etwas auf dem Herzen hat, also sollte es dir auch ernst sein."
"Ich versteh nur Bahnhof."
Er stand auf und holte zwei Flaschen Bier aus der Küche. Er reichte mir eine.
"Hier trink erstmal einen kräftigen Schluck und dann sagst du mir, was mit dir los ist."
"Ich bin deinetwegen hier."
"Oh wirklich. Vielen Dank. Dann lass uns gleich anfangen."
"Das doch nicht."
Ich seufzte leise und trank einen großen Schluck Bier.
"Da ist wirklich nichts, worüber du mit mir reden willst? Gar nichts?"
"Gar nichts."
"Nicht das kleinste Bisschen?"
"Da ist nichts. Mit mir ist alles in Ordnung. Hör auf jetzt."
Er setze sich wieder neben mich und schaltete den Fernseher ein.
"Hey, weißt du wo Henry heute Nacht ist?"
"Er meinte, er müsste heute zu Hause bleiben. Irgendwas wichtiges in der Familie."
"Richtig, er erwähnte so etwas."
Ich erzählte Mark nicht, was ich gesehen hatte. Er schien es nicht zu wissen und Henry hatte mit Sicherheit seine Gründe, ihm nichts davon zu erzählen. Er hatte Gründe uns allen nichts zu erzählen.
Ich blieb den restlichen Abend bei Mark. Wir sahen fern und irgendwann schlief ich ein.
Es war sechs Uhr morgens, als ich zu Hause ankam. Mein Kopf tat mir weh, ich hatte wohl das ein oder andere Bier zuviel. Es erstaunte mich, dass ich mich in den zwei Menschen, mit denen ich soviel Zeit verbrachte, so sehr geirrt hatte. Henry schaffte es anscheinend doch, irgendwas in seinem Leben richtig zu machen und sei es nur, eine Frau zum Essen auszuführen. Und Mark war eben einfach Mark. Wie dumm von mir zu glauben, dass er etwas auf dem Herzen hatte und ausgerechnet mit mir darüber sprechen wollte.

                    

13


Ich ging duschen und legte mich auf die Couch. Ich hatte keine Lust mich ins Bett zu legen. Da sah ich die Klamotten, die über meinem Stuhl hingen. Es waren Dannys. Also die von seiner Ex. Ob er die wohl wieder haben wollte? Sicher nicht. Er hätte bestimmt was gesagt. Wer will schon die Sachen seiner Ex zurück. Ich achtete nicht weiter drauf und schloss die Augen. Kurze Zeit später verfiel ich in einen traumlosen Schlaf.
Das Telefon ließ mich hochschrecken. Neun Uhr. Wer immer es ist, ich hasse ihn. Ich wollte erst nicht rangehen, aber der Anrufer, war sehr hartnäckig.
"Ja hallo?"
"Schatz?"
Oh je. Meine Mutter. Was jetzt? Ich hatte überhaupt keine Lust mit ihr zu reden. Sollte ich so tun, als sei ich der Anrufbeantworter oder als habe sie sich verwählt?
"Schatz? Hallo? Maya?"
"Ja, ich.. ich bin dran."
"Ach Schatz entschuldige, dass ich so früh anrufe. Ich hab über unser letztes Gespräch nachgedacht. Ich weiß nicht genau was es ist, aber irgendwas sagt mir, dass dich etwas bedrückt. Willst du mit mir darüber reden?"
Oh Gott. Diese Worte kamen mir bekannt vor. Das waren meine Worte, aus ihrem Mund und mit ihrer Stimme. War ich etwa wie meine Mutter? Nein, das ist ein Traum, ein Albtraum oder zumindest nur ein dummer Zufall.
"Maya?"
"Ja. Das ist lieb von dir Mama, aber ich hab nichts. Ehrlich nicht."
"Achso. Na weißt du, ich hab mir gedacht, dass ich dich mal zum Essen einladen könnte. So ein richtiges Mutter-Tochter Gespräch. Dein Vater braucht das nicht zu wissen und ich brauch nicht extra was kochen."
Ja mach dir nur nicht zuviele Umstände.
"Was hälst du davon?"
"Ich weiß nicht genau. Ich muss ziemlich viel arbeiten und hab kaum Zeit."
"Ich hab im Krankenhaus angerufen, weil ich nicht wusste, ob du dort oder zu Hause bist. Die haben mir gesagt, du hast die nächsten zwei Tage frei."
"Ja stimmt, hab ich."
"Na also. Dein Vater ist heute nicht da. Ich komm gegen eins bei dir vorbei und dann gehen wir zwei gemütlich was essen."
"Aber Mama ich kann....."
"Bis nachher Schatz."
Aufgelegt.
Ich hielt den Hörer noch einen Moment in der Hand und hörte das Geräusch des Telefons.
Meine Mutter holt mich zum Essen ab. Ich gehe heute mit meiner Mutter essen. Essen. Mit meiner Mutter. Ich brauchte eine heiße Schokolade.
Ich war wie immer zu spät dran. Es war kurz vor eins und ich konnte mich nicht entscheiden, was ich anziehen sollte. Schließlich wollte ich extrem erwachsen und verantwortungsbewusst aussehen. Nach unserem Telefonat konnte ich nicht wieder einschlafen. Ich habe lange hin und her überlegt, ob ich ihr dann wirklich die Tür öffnen sollte. Ich könnte sie doch ignorieren und später sagen, dass ich wegen eines Notfalls ins Krankenhaus musste. Aber da sie ja so gute Kontakte dazu hatte, würde sie die Wahrheit schon rausbekommen. Also blieb mir nichts anderes übrig.
Punkt eins klingelte es an meiner Tür. Ich hielt kurz inne, betrachtete mich nochmal kurz im Spiegel und holte tief Luft. Ich öffnete.
"Hallo Schatz. Lass dich ansehen."
"Hallo Mama."
Wir umarmten uns zaghaft und sie musterte mich von oben nach unten und andersrum.
"Gut siehst du aus, ein wenig dünn, aber gut. Ich hab wahnsinnigen Hunger, also lass uns gleich los."
Ich griff mir Mantel und Schal und ging mit ihr zum Auto.
Wir sprachen kein Wort auf der Fahrt zum Restaurant. Die Spannung war so dick, man hätte sie mit einem Messer schneiden können. Endlich angekommen, brachte uns der Kellner zu unserem Tisch. Ob der mich wohl auch für eine Nudeldiebin hält? Bestimmt nicht, schließlich bin ich zahlender Gast.
"So Liebling, erzähl."
"Was soll ich erzählen?"
Ich trank einen großen Schluck Wasser und bestellte gleich noch eins.
"Wie gehts dir?"
"Gut, bestens. Viel zu tun, aber sonst ist alles in Ordnung."
"Und wie kommst du zurecht? Hast du viele Freunde, ein paar Kollegen von der Arbeit?"
"Ja. Ich kenne einige Leute."
"Das ist schön."
Sie sah nach unten auf den Tisch und machte einen seltsamen Gesichtsausdruck.
"Ist bei euch alles in Ordnung?"
"Ja ja, uns gehts gut. Dein Vater hat jetzt ein neues Hobby. Eisangeln. Er fährt jedes Wochenende ganz früh los und kommt spät abends nach Hause. Bisher hat er noch nichts gefangen."
"Das ist schön. Ich meine, dass er ein Hobby gefunden hat."
"Ja, das ist sehr schön für ihn."
"Und du Mama?"
"Mir gehts auch bestens. Ich hab auch eine Menge zu tun. Die Arbeit, dann das Haus und der Garten."
"Also wie früher."
"Ja wie früher."
Ihr Blick galt immer noch der Tischdecke.
"Es hat sich nichts verändert."
"Du hast dich verändert."
Sie sah mich an und ergriff meine Hand.
"Maya, ich weiß du willst das nicht hören, aber wir machen uns Sorgen um dich. Du bist so jung und ganz allein hier in dieser schrecklichen Stadt."
"Mama bitte nicht jetzt."
"Ich werde nicht aufhören, ich bin noch nicht fertig. Sieh dich doch nur an."
"Du hast gesagt, ich sehe gut aus."
"Ich war höflich. Deine schönen Haare, diese schönen blonden Haare. Und deine Augen, sie leuchten nicht mehr."
"Sie leuchten nicht, weil ich mir immer wieder eure Vorwürfe anhören muss."
"Wir wollen doch nur dein bestes."
"Mir geht es sehr gut hier und ich bin glücklich. Bitte aktzeptiert das endlich."
"Nein. Das glaube ich dir nicht. Was ist nur los? Was ist denn nur passiert? Wo ist meine Maya?"
"Ich sitze vor dir Mama. Sieh mich an, ich bins."
"Mag sein. Aber wir merken sehr wenig davon."
"Weil ihr es nicht zulasst. Weil ihr euch immer wieder dagegen sperrt mich und mein Leben endlich so anzuerkennen."
"Weil es falsch ist."
"Nicht für mich."
"Doch Maya. Für dich. So kannst du nicht glücklich werden."
"Irrtum. So könnt ihr nicht glücklich werden. Aber da ihr mir mein Glück nicht gönnt, kann ich euch bei eurem auch nicht helfen."
Gerade als der Kellner unsere Bestellungen aufnehmen wollte, sprang ich vom Tisch auf. Ich legte ein paar Euro für das Wasser auf den Tisch und zog meinen Mantel an. Meine Mutter saß immer noch am Tisch und sah mich an.
"Was willst du jetzt tun?"
"Ich gehe nach Hause."
"Dein Zuhause ist bei uns."
"Niemals Mama. Sieh es endlich ein. Ich komme nicht wieder zurück. Ich werde nie die Tochter sein, die ihr euch gewünscht habt."
Nun stand auch sie auf und griff nach ihrem Mantel, legte ihn sich aber nur über den Arm.
"Da hast du Recht. Wahrscheinlich sind wir alle nicht so, wie wir uns gern hätten. Wenn das so ist, halte ich es für besser, wir bleiben eine Weile ohne Kontakt. Solange bis einer von uns zur Vernunft gekommen ist."
"Ihr könnt lange warten Mama. Ich werde meine Meinung nicht ändern."
"Ja, wie du meinst."
Sie drehte sich um und verließ das Restaurant.
Während ich noch mit meinem Schal beschäftigt war, sah ich durch die Scheibe, wie sie in ihr Auto stieg und wegfuhr. Der Kellner stand immer noch neben mir und sah mich mit großen Augen an. Ich beachtete ihn nicht und verließ ebenfalls das Restaurant. Was für eine Zeitverschwendung. Dabei hätte ich wissen müssen, das so etwas passiert. Ich kenne meine Eltern doch, es ist egal ob mein Vater oder meine Mutter mit dem Thema anfingen. Es stand nur fest, dass sie damit anfingen, jedesmal wieder von vorn und jedesmal endete das Gespräch in einer solchen Katastrophe. Wahrscheinlich würde es nie enden. Ich ging recht zügig zu meiner Wohnung, ich wollte jetzt keinen sehen.

                    

14


"Maya! Maya!"
Ich hörte meinen Namen von irgendwoher. Jemand schien mich zu rufen. Ich schaute mich um.
"Maya!"
Noch konnte ich niemanden erkennen. Hörte ich jetzt schon Stimmen?
"Hey Maya, hier drüben."
"Oh hey. Was machst du denn hier? Und woher weißt du, dass ich hier wohne?"
"Weiß ich nicht, ich war zufällig hier und da hab ich dich gesehen."
"Du hast mich gesehen, von da drüben?"
Ich zeigte auf die Häuser, welche von hier aussahen, wie Spielzeughäuser, von denen Henry auf mich zugerannt kam.
"Ja, ich hab dich erkannt. Dein Schal. Niemand hat so einen."
"Wirklich."
Ich betrachte kurz meinen Schal. Er war hellblau und ziemlich hinüber. Aber er hatte Recht, ich hatte noch niemanden gesehen, der denselben trug.
"Maya, ich muss dir unbedingt was erzählen."
"Hat das nicht Zeit Henry? Ich wollte gerade nach Hause und mich hinlegen."
"Oh, stimmt, du siehst nicht gut aus. Bist du krank."
Er fasste mir mit seinen dicken Fausthandschuhen an die Stirn. Ich schob seine Hand weg.
"Nein bin ich nicht. Ich bin nur erledigt."
"Aber es geht auch ganz schnell. Ehrlich."
Wieder sah ich den kleinen Jungen vor mir, der seiner Mutter unbedingt eine tolle Neuigkeit erzählen wollte.
"Ich kann jetzt wirklich nicht."
"Bitte Maya. Du bist die erste, der ich es erzähle."
"Na gut, schieß los."
"Ich hab eine Freundin."
Er strahlte mich an. Ich versuchte überrascht zu sein und machte große Augen.
"Na das ist doch toll. Glückwunsch."
Ich wollte an ihm vorbei, aber er stellte sich mir in den Weg.
"Was ist denn noch Henry?"
"Ich hab eine Bitte."
"Was?"
"Bitte erzähl es nicht Mark."
Wie bitte. Mark sollte davon nichts wissen? Mark wusste alles über Henry. Jetzt war ich tatsächlich überrascht.
"Komm mit rauf Henry. Wir reden oben weiter."
Henry erzählte mir von seinem gestrigen Abend, von dem tollen Essen und wie lustig sie sei. Sie hatten sich in der Apotheke kennengelernt, als Henry Pflaster einkaufte. Er kaufte Pflaster und sie ein Erkältungsbad. Romantischer gehts doch nun wirklich nicht. Das war schon das dritte Treffen der beiden und nicht mal seine Mutter wusste Bescheid. Er holte gar keine Luft und redete immer schneller.
"Stopp jetzt mal. Und wieso soll Mark es nicht erfahren? Er ist dein bester Freund."
"Ja das stimmt, aber er ist eben Mark. Er hat vor niemandem Respekt und will alles, was andere haben und er nicht kriegen kann."
"Moment, heißt das, du denkst, er würde dir die Freundin ausspannen? Henry?"
Er sah nach unten, er schien sich ein wenig zu schämen, dass er so über seinen besten Freund dachte. Ich hatte die selbe Meinung.
"Ich weiß es nicht. Sag niemals nie, ich will es jedenfalls nicht drauf ankommen lassen."
"Aber dir ist doch klar, dass du das nicht ewig so durchziehen kannst. Mark merkt doch, dass irgendwas ist. Auch wenn er noch so betrunken ist."
"Ich will das auch nicht für immer so lassen. Nur bis ich mir ganz sicher sein kann, dass sie mich so sehr liebt, dass sie mit Mark nichts anfängt."
"Du vertraust ihr noch nicht?"
"Ich vetraue beiden nicht. Nicht richtig zumindest. Mark ist mein bester Freund, er ist mein großer Bruder, aber ich weiß doch wie er auf Frauen wirkt."
"Oh bitte."
"Dich hat er auch rumgekriegt."
Das saß. Ich schwieg lieber und ließ ihn reden. Ich konnte das alles wirklich nachvollziehen. Henry hatte Recht. Wenn Mark mitbekam, dass Henry eine Freundin hatte, wollte er sie auch. Brüder teilen schließlich alles. Aber das konnte ich Henry nicht sagen, er war ohnehin schon völlig fertig. Der Gedanke erschien so abwägig, aber er war doch so real. Mark nahm sich das was er haben wollte, ohne Rücksicht auf irgendjemanden. Und es war wirklich nicht sicher, ob er diesmal, bei Henry seinem besten Freund, seinem Bruder, eine Ausnahme machen würde. Was war das nur für eine kranke Freundschaft, indem der eine dem anderen aus Angst und Misstrauen, die eigene Freundin und somit das eigene Glück verheimlichen wollte. Aber die beiden kannten nichts anderes. Schlimmer noch, sie hatten nichts anderes. Sie brauchten einander. Mehr als man zu glauben vermochte.
"Ich denke nicht, dass er dir sowas antun könnte."
"Ich will ja auch nicht so denken, aber es sitzt nunmal in meinem Kopf."
"Henry, sieh mich an."
Ich packte ihn an den Schultern und sah ihm tief in die Augen.
"Glaub mir, Mark wird sich zurückhalten. Ihr seid die besten Freunde und Freunde machen sowas nicht. Und Mark weiß das."
Ich wusste es nicht und ich konnte nicht von Henry verlangen, mir zu glauben, wenn ich selbst mir nicht glaubte.
"Sag es ihm bitte trotzdem nicht. Wenn, dann will ich es ihm sagen."
"Ok. Ich sags ihm nicht."
Henry lächelte mich an. Er sah auf die Uhr und sprang vom Sofa auf.
"Ich muss gehen. Ich hab noch eine Verabredung."
Er grinste wieder, wie ein Schuljunge. Henry war verliebt. Wie wollte er das vor Mark verstecken? Das konnte nicht klappen.

In den nächsten Tagen hörte ich weder was von meinen Eltern, noch sonst irgendjemandem. Und ich fühlte mich gut dabei. Ich genoss meinen freien Tag auf meinem Dach, in meiner Stadt, ganz allein mit meinen Gedanken. Ich fühlte mich gut. Ich fühlte mich wirklich gut. Es fing wieder leicht an zu schneien. Der Januar war fast vorbei und der Februar sollte nochmal richtig kalt werden. Ich liebte den Winter. Ich liebte einfach alles an ihm. Ich liebte die Kälte, wenn man sich so richtig in seine Sachen kuscheln konnte. Ich liebte es, dass es später hell und früher dunkel wurde. Ich liebte die klare Luft und die Gerüche während der Weihnachtszeit. Die Lichter der Stadt, alles war geschmückt und es roch überall nach Zimt und Orangen. Auch jetzt noch, Ende Januar konnte ich es riechen. Ich liebte es, abends durch die Stadt zu laufen. Wenn die Straßenlaternen angingen, weil es bereits dämmerte. Die Stadt hatte im Winter immer einen ganz eigenen Geruch und es kam mir immer so vor, als würde sie auch anders aussehen. Die Häuser wirkten anders und die Autos. Überall laufen Menschen mit vollgepackten Einkaufstüten durch die Gegend. Dann fällt die erste Flocke vom Himmel. Direkt vor meine Füße. Und dann eine zweite. Bis es schließlich unzählige sind. Dicke, bauschige, weiße Schneeflocken. Und ich mittendrin. Der perfekte Moment.
Ich saß zwar immer noch ziemlich lange auf meinem Dach, drehte mich aber immer seltener um. Nicht wie an den Tagen zuvor, als ich fast jede Minute nachschaute, ob mich jemand vielleicht gefunden hat. Ich hatte den Gedanken nicht verworfen, hielt es aber mittlerweile für überflüssig, mich jedesmal erneut davon zu überzeugen, dass da niemand war. Selbst wenn jemand hinter mir gestanden hätte. Wie dumm hätte er sein müssen, mich zu übersehen. Wo ich doch immer allein hier oben saß. Nein, selbst wenn er gewollt hätte, mich konnte man nicht übersehen. Immerhin trug ich auch meinen einzigartigen Schal.
Als der Schnee zu dicht wurde, kletterte ich vorsichtig wieder runter und fuhr mit der Bahn nach Hause.
Die Zeit verging recht schnell, war doch schließlich wieder allerhand zu tun. Aber das war gut so. So hatte ich keine Zeit mir über meine Eltern oder mich selbst Gedanken zu machen. Ich musste mich auf wichtigeres konzentrieren. Wobei ich manchmal schon etwas wehmütig wurde. Immer wenn neue Assistenzärzte kamen. Frisch von der Uni. Ich stellte mir vor, wie er gewesen wäre, mein erster Tag als Doktor. Ich hätte wahrscheinlich genauso die Hosen vollgehabt, wie die, aber ich wäre ein Doktor. Schluss damit, ich hatte es mir doch so ausgesucht und ich war gut in meinem Job. Wenn ich, statt zu arbeiten jetzt stundenlang in den Vorlesungen sitzen würde, hätten sich meine Gedanken mit Sicherheit schon zu eigenen Persönlichkeiten entwickelt.
"Doktor, sie haben da einen Fehler gemacht."
"Ja, das wissen wir."
Grauenvoll. Ich denke, den anderen gehts ähnlich, so wie jeder Psychologiestudent selbst in Therapie ist, hat auch jeder Medizinstudent mindestens eine schlechte Eigenschaft, die ihn eigentlich davon abhalten sollte, Arzt zu werden. Bei mir wären es eben die anderen Mayas gewesen. Hätte ich dann eigentlich bei den Prüfungen betrogen, wenn ich als mehrere Personen erschienen wäre? So ein Schwachsinn. Vielleicht bin ich ja diejenige, die eine Therapie nötig hat. Und ich hab immer noch keine Katze. Ich widmete mich wieder meiner Arbeit und versuchte, das alles zu vergessen. Die waren Ärzte, ich nicht.
Die Lampe meines Anrufbeantworters leuchtete wieder, als ich nach Hause kam. Diesmal hörte ich die Nachricht sofort ab.
"Eine neue Nachricht. Empfangen 12:25 Uhr. Maya hier ist Papa. Du bist bestimmt arbeiten. Ich ruf dich an, weil ich dich fragen wollte, ob du in letzter Zeit mit deiner Mutter gesprochen hast? Sie ist so komisch seit einigen Tagen. Vielleicht weißt du, was mit ihr los ist. Das wars schon. Sie kommt, ich muss auflegen. Nachricht beendet."
Natürlich weiß ich was los ist. Meine Mutter benimmt sich komisch und mein Vater denkt sofort an mich. Wenn sie fröhlich durch das Haus getanzt wäre, hätte er mich nicht angerufen. Das war so typisch. Ich löschte die Nachricht. Sie hatte ihm nichts von unserem Gespräch erzählt, ließ den armen Trottel im Dunkeln. Aber sie hatte gesagt, keinen Kontakt, bis ich zur Vernunft gekommen bin. In ihren Augen, war ich das noch nicht, also rief ich nicht zurück. Soll er sie doch selbst fragen, was mit ihr los ist. Oder vielleicht wussten es die Nachbarn.
Der Anruf meines Vaters ließ mir igrendwie keine Ruhe. Wir spielten unser Spiel jetzt seit fast fünf Jahren. Sollte es auch noch die nächsten fünf Jahre so weiter gehen? Oder die nächsten zehn. Es musste doch möglich sein, dass wir normal miteinander umgehen konnten. Ich kann mich doch nicht für den Rest meines Lebens für all meine Entscheidungen rechtfertigen oder gar entschuldigen. Ich hatte es so satt. Wut stieg in mir auf. Wut darüber, wie meine Eltern mich sahen, was sie in mir sahen. Ihre missratene Tochter, die ihr Leben wegwirft und allen großen Chancen aus dem Weg geht. Nochmehr aber, war ich darüber wütend, dass sie vielleicht Recht hatten. Immer öfter hatte ich an den Tagen zuvor daran gezweifelt, ob ich wirklich dieses Leben führen wollte. Mein Leben. Ich stand vor dem Spiegel und versuchte, dass zu sehen, was sie gesehen hatten. Damals, als ich noch klein war. Versuchte das zu sehen, was sie jetzt in mir sahen. Eine andere Maya. Eine junge Frau, die zwar aussah, wie ihre Tochter, es aber doch irgendwie nicht war. Und ich versuchte mich selbst zu sehen, so wie ich war. Ich konnte es nicht. Es war zu schwer. Dabei sollte es doch gar nicht schwer sein. Wenn ich doch wirklich so glücklich war in meiner kleinen Welt, dann konnte ich das sehr gut verstecken. Sogar vor mir selbst.

                    

15


"Mark, wie siehst du mich?"
"Ach Maya, fang doch jetzt nicht mit sowas an. Es ist Wochenende und ich will heut ordentlich einen drauf machen. Ständig hängst du mir mit deinen Gefühlen in den Ohren."
"Es interessiert mich aber."
"Vielleicht würde es dir besser gehen, wenn du nicht ständig über jeden kleinsten Scheiß nachdenken würdest."
"Du denkst also es geht mir schlecht."
"Das hab ich nicht gesagt."
"Aber gemeint."
"Dir ist doch eh egal, was ich sage. Du drehst dir die Worte doch sowieso nach der deiner Nase. Egal was ich zu dir sage, du findest sofort hunderte Varianten, die Dinge so zu legen, dass sie passen."
"So bin ich nunmal."
"Ja und das ist echt dämlich."
Mark drehte mir den Rücken zu und lief Richtung Bad. Doch plötzlich drehte er sich um und kam auf mich zu.
"Weißt du früher... früher da warst du cool und hast jeden Scheiß mitgemacht. Man konnte immer richtig Party mit dir machen ohne über jeden Mist erstmal ausführlich zu reden. Und jetzt, jetzt muss man sich in deiner Nähe echt zusammenreißen. Das nervt einfach."
"Ist schon gut. Ich habs geschnallt."
Ich stand auf und wollte gehen. Mark lief mir hinter her und fing mich an der Wohnungstür ab.
"Ach nun komm, so war das doch nicht gemeint. Lass uns den Scheiß vergessen und ordentlich einen heben. Danach sieht die Welt wieder ganz anders aus."
Ich zögerte. Eigentlich hatte ich überhaupt keine Lust mehr auf Party. Aber er hatte Recht. Was nützte es, mir sinnlos Gedanken zu machen. Also nickte ich nur und wir zogen los.
"Wo gehen wir hin?"
"Danny meinte, er hätte da ein tollen Klub gefunden. Wir treffen uns mit ihm davor."
"Und Henry."
Mark machte eine flüchtige Handbewegung und setzte sich seine Mütze auf.
"Keine Ahnung wo der schon wieder steckt. Hab in letzter Zeit nichts von ihm gehört."
Es war mittlerweile Anfang Februar und Henry hatte immer noch nichts erzählt. Ich wusste nicht, ob das gut war. Irgendwann musste er mit ihm reden. Irgendwann mussten alle miteinander reden.
Wir liefen weiter durch die Stadt. Es war ein typischer Samstagabend. Überall liefen die Menschen umher, einige hatten völlig mit sich selbst zu tun und liefen stumm durch die Straßen, andere kicherten und lachten laut. Ich beachtete sie nur kurz im Vorbeigehen und fragte mich, was diese Menschen wohl taten, wenn sie nicht gerade an einem Samstagabend ausgingen. Wie sah ihr Leben aus, hatten sie Familie? Welchen Job hatten sie? Im Prinzip war es egal, sie gehörten nur für einen winzigen Augenblick zu meinem Leben. Und ich gehörte nur einen winzigen Augenblick zu ihrem.
Wir sahen Danny schon weitem. Er stand vor einer Schlange aus Menschen, die endlos zu sein schien.
"Das könnt ihr vergessen, hier kommen wir nicht rein."
"Aber du hast doch gesagt, dass du uns reinbekommst."
"Ja dachte ich auch. Der Besitzer ist ein guter Kunde von mir, aber er meinte, er könne da leider nichts machen."
Danny drehte sich um und deutete auf die Schlange, die in den wenigen Sekunden, seit unserer Ankunft viel länger geworden war.
"Das darf doch nicht war sein. So eine Scheiße."
Mark riss sich die Mütze vom Kopf und trat immer wieder gegen einen hilflosen Mülleimer. Ich versuchte ihn zu beruhigen.
"Hey, was ist denn los mit dir? Beruhige dich. Dann gehen wir eben woanders hin."
Er trat noch ein letztes Mal zu. Dann setzte er sich seine Mütze wieder auf und sah uns beide an.
"Gut. Wohin?"
Wir gingen in irgendeine Kellerbar. Als wir die Treppe runtergestiegen waren, betraten wir einen riesigen dunklen Raum, in dem die Luft vor Rauch stand. Seichte Musik lief im Hintergrund. Sie war furchtbar. Ich sah mir die anderen Gäste an. Sie saßen nicht auf den dunklen Sofas, sie lagen halb. Niemand schien sich zu unterhalten. Alle lagen nur da und blickten ins Leere. Einige folgten uns mit ihren Blicken, die meisten nahmen aber nicht wirklich Notiz von uns.
Wir setzten uns auf ein freies Sofa ganz hinten in einer Ecke.
"Ich bestell uns erstmal was schönes zu trinken."
"Ich hab uns was mitgebracht, das haut euch um. Hab ich ganz neu reinbekommen und ihr seid die ersten, nach mir natürlich, die es ausprobieren dürfen."
Dabei klopfte sich Danny stolz auf die Brust. Er griff in seine Tasche und holte ein silbernes Etui raus.
"Muss ich mir das durch die Nase ziehen?"
"Nein, das steckst du dir in die Ohren. Natürlich ziehst du es durch die Nase. Maya, hab ich dir denn gar nichts beigebracht?"
Ich ließ den anderen beiden den Vortritt. Mark machte ein sehr zufriedenes Gesicht. All der Ärger von vorhin schien vergessen. Auch Danny wirkte extrem gelöst. Beide sahen mich an. Ich wollte keine Spielverderberin sein und außerdem, was hatte ich denn schon zu verlieren?
Also zog ich mir das Zeug durch die Nase, in dem Moment als unsere Getränke kamen.

"Hey Maya, Maya aufwachen, komm aufwachen."
Ich wurde unsanft aus meinem Schlaf geweckt. Ich wusste nicht, wie ich meinen Zustand anders umschreiben sollte.
"Maya, komm steh auf."
"Was? Lass mich."
"Steh auf verdammt."
"Wie spät ist es?"
"Weiß nicht."
"Wann sind wir denn abgehauen?"
"Weiß nicht."
"Wie sind wir denn..."
"Ich weiß es nicht. Ich weiß nichts mehr. Das ist es ja. Ich weiß gar nichts. Ist das nicht irre?"
Mark ließ sich neben mir aufs Sofa fallen und ich musste mich unweigerlich bewegen, um ihm Platz zu machen. Ich sah, dass er immer noch dieses Strahlen im Gesicht hatte.
"Man, auch wenn ich mich an nichts erinnern kann. Ich hab das Gefühl, dass es eine geile Nacht war."
"Wie du meinst."
Ich verkroch mein Gesicht in meinen Händen. Schön, dass es wenigstens einem von uns gut ging.
"Es ist doch Sonntag, oder?"
"Maya..."
"Schon klar, du weißt es nicht."
"Ganz genau und es ist mir auch egal."
"Wieso hast du mich dann geweckt?"
"Weil Henry gleich vorbei kommt."
"Und?"
"Er will etwas mit mir besprechen. Allein."
"Oh."
Ich wusste, weshalb er mit ihm reden wollte.
"Dann sollte ich wohl gehen."
Ich stand ganz langsam vom Sofa auf. Meinen Mantel musste ich nicht mehr anziehen, den trug ich nämlich die ganze Nacht über, sowie Mütze, Schal und Handschuhe. Ich wollte nur noch raus aus den Klamotten. Ich ging zur Tür, Mark blieb auf dem Sofa sitzen.
"Mark?"
"Was?"
"Du magst Henry doch? Ich meine, er ist doch wie ein Bruder für dich. Du könntest ihm doch nicht wehtun."
"Spinnst du? Natürlich nicht. Wieso?"
"Ach, nur so."
Er schaute wieder weg und nickte nur. Ich ging aus der Wohnung.
Ich konnte meinen Körper kaum fühlen und meine Zunge war irgendwie pelzig. Ich musste unbedingt aufhören, Dannys Drogen zu nehmen. Ich musste aufhören überhaupt Drogen zu nehmen. Wie sollte sich ein Mann für mich interessieren, wenn ich aussah wie eine Figur aus einem Horrorfilm. Es ist ja jedem bekannt, dass man direkt nach dem Aufstehen nicht immer den besten Eindruck macht, aber dieses Problem sollte sich nach einer heißen Dusche und etwas Make up eigentlich von selber lösen. Das tat es aber nicht. Ich hatte immernoch solche dunklen Augenringe, dass es aussah, als hätte ich mir Kohle unter die Augen geschmiert. Und ich musste in zwei Stunden zur Arbeit. Und Chris würde da sein. Nein, Schluss damit. Ist doch egal, ob er da ist oder nicht. Ich habe ja kein Interesse an ihm und deshalb speilt es keine Rolle, wie er mich sieht und ob er es überhaupt tut. Wie sinnlos, sich da irgendwas vorzustellen. Er ist ein Kollege. Allein diese Tatsache wirkt schon extrem abschreckend. Ich kann mir einfach nicht vorstellen, dass man das Berufliche und das Private wirklich trennen kann. Mag sein, dass es Paare gibt, die das können, aber ich könnte es nicht. Wenn man sich nach der Arbeit streitet und nach der Arbeit ist ja bekanntlich auch vor der Arbeit, dann könnte ich nicht darüber hinwegsehen. Die Situation wäre so. Ein Patient wird gebracht, mit einem offenen Beinbruch. Ich assistiere Chris. Wir heben den Patienten gemeinsam auf das Bett und Chris gibt mir irgendwelche Anweisungen. Sechs Stunden zuvor hatten wir uns allerdings noch gestritten. Meine Reaktion auf seine Anweisungen wäre trotzig, kindisch und dämlich. Aber ich würde nicht nachgeben.
"Sag mir nicht, was ich tun soll."
"Maya bitte, es geht jetzt nicht um uns."
"Es geht immer um uns."
"Hör auf, wir reden später darüber."
"Ich will aber nicht später darüber reden. Überhaupt ist das das Einzige was wir machen, reden. Du willst immer nur reden. Und du glaubst, mir immer und überall Befehle erteilen zu können. Jetzt schon wieder."
"Maya, der Patient braucht unsere Hilfe und ihm zu helfen ist nunmal unser Job, also tu bitte was ich dir sage."
"Das könnte dir so passen."
Dann würde ich ihm gekonnt meine Handschuhe ins Gesicht werfen, mich umdrehen und gehen.
Ich sag ja, trotzig, kindisch und dämlich. Also halte ich an meinem Plan fest, kein Interesse für Chris aufkommen zu lassen. Es ist ja nichts dabei, mal zusammen Kaffee zu trinken oder sich kurz zu unterhalten. Es ist auch nichts dabei, ihm in die Augen zu sehen, ihn anzulächeln und seine Hand zu berühren. Ich kriegs nicht hin. Ich hab Interesse an ihm und wenn ich ihn heut nicht sehe, dann wird es wieder ein schlimmer Tag.
Ich verbrachte noch die nächste Stunde damit, mich einigermaßen zum Menschen zu entwickeln und trank so starken Kaffee, dass man ihn mit Messer und Gabel hätte essen können. Dann verließ ich meine Wohnung.
Wieder war es eine nicht enden wollende Schicht. Eine Mutter war mit ihrem zweijährigen Kind in die Notaufnahme gebracht worden. Das Kind hatte plötzlich aufgehört zu atmen und sie stand weinend neben der Trage und hielt seine Hand. Sie ignorierte alles um sie herum völlig. Die Ärzte und die Schwestern. Die anderen Patienten, alles war ihr egal. Es gab nur sie und ihr Kind.

                    

16


Als ich ungefähr neun war, bekam ich hohes Fieber und musste ins Krankenhaus gebracht werden. Später erzählte mir meine Mutter, dass man mich in eine Wanne voll Eiswasser gelegt hatte und die Ärzte nicht wussten, ob ich die Nacht überstehen würde. Ich kann mich noch daran erinnern, wie ich aufwachte und meine Mutter neben mir saß. Das Gesicht völlig von Tränen übersäht. Sie schlief. Sie sah ganz friedlich aus. Sie sagte damals, dass dies der schlimmste und gleichzeitig der schönste Tag in ihrem Leben war. Einerseits, weil sie fürchterliche Angst um mich hatte, andererseits, weil ich wieder aufwachte und sie ansah. Ihre Augen begannen zu leuchten, als sie wach wurde und sah, dass ich es auch war.
"An dem Tag, wurdest du mir zum zweiten Mal geschenkt."
Sie hatte immer Tränen in den Augen, wenn sie diesen Satz zu mir sagte.
Ich saß eine ganze Weile im Umkleideraum und dachte darüber nach. Ob sie wohl auch manchmal daran zurück denkt und ob sie immer noch Tränen in den Augen hat? Vielleicht wünschte sie sich jetzt, dass alles anders ausgegangen wäre, damit ihr der Schmerz über mein Versagen erspart geblieben wäre. Plötzlich bekam ich ein schlechtes Gewissen. So sehr ich mich auch nicht mit meiner Mutter verstand, sowas würde sie nie denken.
Meine Schicht war zu Ende.
Chris hatte ich heute nicht gesehen. Seltsamerweise schien es mich nicht weiter zu kümmern. Trotz des ganzen Theaters heute morgen, war es mir beinah egal.  Dem Kind ging es einigermaßen besser. Ich lief an seinem Zimmer vorbei und sah, wie seine Mutter immernoch neben ihm saß und ihm über den Kopf strich.
Sie tat nichts anderes. Ich blieb einen Augenblick stehen. Sie rührte sich nicht, dass Einzige, was sie tat war, ihrem Kind über den Kopf zu streichen.
Ich ging Richtung Ausgang. Es war noch nicht dunkel.
"Henry? Was machst du denn hier?"
"Ich hab auf dich gewartet."
"Wie lange stehst du schon hier?"
"Eine Weile."
Er sah auf den Boden und malte mit seinem Fuß wirre Linien in den Schnee. Er sah furchtbar aus. Hatte die Hände in den Hosentaschen und wirkte sehr ernst.
"Was ist mit dir?"
"Ich habs ihm ezählt."
"Ich weiß. Mark hat mich deinetwegen rausgeschmissen."
"Ich glaub es war falsch."
"Wieso? Wie ist es denn gelaufen?"
"Nicht gut."
Wir gingen ein Stück und setzten uns in das Häuschen einer Bushaltestelle.
"Erzähl. Was ist passiert."
"Ich hab ihn angesehn und sagte, Mark, ich muss dir jetzt was sagen. Und es ist mir ernst, also lach mich nicht aus und überleg dir gut, was du zu mir sagst."
"Alle Achtung. Mutig mutig."
"Dann hab ich es ihm gesagt."
"Ja und?"
"Er will sie kennenlernen."
"Na das ist doch gut."
"Nein Maya, das ist es nicht. Er will sie doch nur kennenlernen, um zu sehen, ob er sie kriegen kann."
"Aber ihr seid doch verliebt. Wieso sollte sie mit ihm was anfangen?"
"Ich weiß nicht. Ich weiß im Moment gar nichts."
"Wieso bist du hier Henry?"
"Er will sich morgen mit uns treffen. Mit mir und ihr."
"Und weiter."
"Ich möchte, dass du mitkommst. Ich möchte, dass du ein Auge auf ihn hast."
Das konnte nicht sein Ernst sein. Ich sollte mit? Alles, nur das nicht.
"Maya bitte."
"Henry, also ich.... ich weiß nicht."
"Wenn er sie sieht, das wird.... ach ich weiß ja, dass das verrückt ist, aber ich brauch dich. Dieses eine Mal, bitte."
Er wirkte so verzweifelt. Ich konnte es ihm nicht abschlagen.
"Wo gehen wir hin?"
"In ein Restaurant."
"Was du gehst mit Mark in ein Restaurant?"
Ich konnte mir ein kurzes Schmunzeln nicht verkneifen.
"Nein, wir gehen dahin. Ich war da schonmal mit ihr, vor einigen Wochen."
"Du meinst aber nicht den Italiener beim Rathaus?"
"Doch. Du kennst es?"
"Kann man so sagen."
Auch das noch. Wenn der Kellner mich wieder erkennen würde, dann ruft er bestimmt sofort die Polizei.
"Um acht. Wir treffen uns davor."
"Ich werd da sein. Ich versprechs dir."
Henry ging ohne ein weiteres Wort.
Unglaublich. Wie aus etwas so Schönem eine solche Qual werden konnte. Am Anfang dachte ich noch, dass Henry übertreibt, aber je mehr ich darüber nachdachte, desto mehr musste ich ihm zustimmen, leider. Und ich hatte überhaupt keine Lust mir dieses Spektakel mitanzusehen. Was das anging, bevorzugte ich doch eher die Langeweile. Aber zu spät. Ich hatte es ihm versprochen.

                    

17


Ich war pünktlich um acht Uhr vor dem Italiener und versuchte möglichst unauffällig zu wirken.
"Na, hat Henry dich gebeten auf mich aufzupassen?"
"Wie kommst du darauf. Ich bin nur hier, weil ich Hunger hab."
"Erzähl mir nichts. Ich weiß, was er denkt."
"Und, hat er Recht?"
"Maya, komm schon. Du kennst mich."
"Eben."
Mark konnte darauf nicht antworten, weil Henry mit seiner Freundin um die Ecke kam. Sie sah ganz süß aus. Hatte dunkle, kurze Locken, blaue Augen und trug eine niedliche kleine Brille.
"Jenny, das sind Maya und Mark."
Ich gab ihr die Hand und sie lächelte mich an. Sie schien nicht zu wissen, was wir alle für Gedanken hegten.
"Also lasst uns reingehen."
Der Abend verlief recht normal. Wir bestellten etwas zu essen und zu trinken. Ich hielt die ganze Zeit Ausschau nach meinem mysteriösen Kellner, aber er schien nicht da zu sein. Gott sei Dank.
Wenn ich nicht gerade damit beschäftigt war, nach links und rechts zu schauen oder auf die Tischdecke, da mir die Situation nach wie vor unangenehm war, beobachetete ich Mark. Ich suchte nach etwas Auffälligem. Ein zu tiefer Blick, eine kurze Berührung oder eine versteckte Anmache. Aber nichts davon passierte. Er verhielt sich... tja fast normal. Henry suchte hin und wieder meinen Blick und ich versuchte ihm zu verstehen zu geben, dass meiner Meinung nach alles in Ordnung sei. Die beiden gingen so miteinander um, wie das frisch Verliebte nunmal taten. Auch wenn ich es immer noch nicht so recht verstehen konnte, wie Jenny sich für Henry interessieren konnte. Er hatte wohl auch so einiges mehr verschwiegen. Nicht nur, dass er seinen besten Freund von ihr eigentlich fernhalten wollte, sondern auch, was bei ihm zu Hause so los war und wie er einen ganz normalen Tag verbrachte. Nämlich damit, sich von einer erneuten Sauftour mit Mark zu erholen, um dann direkt in die nächste zu starten. Aber seis drum. Ich war nicht da, um Henry bloß zu stellen. Ich war hier, um ihn zu unterstützen. Und das Essen war auch nicht übel. Nach und nach wurde die Situation entspannter und ich traute mich dann endlich den Tisch zu verlassen.
Als ich von der Toilette wieder kam, schaute Mark mich mit einem Grinsen an.
"Wir haben gerade beschlossen, dass es doch ganz nett wär, wenn wir alle noch etwas feiern gehen würden."
Ich war davon nicht begeistert und ein Blick in Henrys Gesicht, verriet mir, dass es ihm genauso ging.
"Wollen wir das nicht ein anderes Mal machen. Jenny du musst doch morgen bestimmt auch wieder früh raus."
"Oh nein, kein Problem. Von mir aus können wir gleich los."
Henry und ich hatten keine Chance, es den beiden auszureden. Also zahlten wir und gingen in eine Bar.
Es war recht ordentlich gefüllt und wir drängten uns durch die Gäste an einen freien Tisch. Mark setzte sich neben Jenny und die beiden unterhielten sich angeregt. Henry ruckte näher zu mir.
"Siehst du, was ich meinte. Das gefällt mir gar nicht."
Ich wollte ihn nicht auch noch bestärken.
"Das ist doch ganz harmlos. Bis jetzt läuft es doch ganz gut. Du wirst sehen, du hast dir unnötig Sorgen gemacht."
Er drehte sich weg und wandte sich wieder den beiden zu. Sie schienen sich angeregt zu unterhalten. Ich wollte den armen Henry irgendwie aufmuntern.
"Komm mit an die Bar. Ich geb einen aus. Quasi zur Feier des Tages."
"Ich weiß nicht."
"Ach komm jetzt."
Ich zog ihn am Arm. Widerwillig gab er nach und wir zwengten uns durch die Massen bis an die Bar.
Wir standen eine ganze Weile, ehe wir unsere Getränke bekamen und als wir endlich wieder an unserem Tisch angekommen waren, waren Mark und Jenny weg.
Henry schmiss die Gläser beiseite und stürmte aus der Bar, vorbei an den anderen Gästen. Ich griff nach unseren Mänteln und rannte ihm hinterher.
"Henry warte. Wo willst du hin?"
"Ich habs dir gesagt. Ich habs von Anfang an gewusst."
"Warte doch. Bleib stehen und beruhige dich."
Er blieb wirklich stehen, so dass ich ihn beinahe umrannte.
"Ich habs gewusst. Ich wusste es. Ich bin so bescheuert."
"Ach Henry."
"Und du? Du sagst noch es sei alles in bester Ordnung und alles ganz harmlos."
"Was? Gib jetzt nicht mir die Schuld."
"Ich muss es wissen."
Er lief wieder weiter. Ich hatte immer noch unsere Mäntel im Arm.
"Was musst du wissen? Wo willst du denn jetzt hin?"
"Ich muss es wissen Maya."
"Aber du weißt doch gar nicht, wo du suchen sollst."
"Ich weiß, wo sie sind."
Ich wusste es auch.
Henry hatte nach all den Jahren einen Schlüssel zu Marks Wohnung bekommen und als er die Tür aufgeschlossen hatte, rannte er schreiend in die Wohnung.
"Mark? Jenny?"
Ich lief ihm hinterher. Er rannte zum Schlafzimmer und stieß die Tür auf.
Und tatsächlich, da lagen beide, kaum bekleidet mit jeweils einer Zigarette in der Hand. Mark sprang sofort auf und lief auf Henry zu.
"Alter komm, das ist nicht das wonach es aussieht."
"Ach nein. Was dann? Wonach siehts denn für dich aus. Auf mich macht es den Eindruck, als ob mein bester Freund gerade meine Freundin flachgelegt hat."
Henry versagte die Stimme und Tränen schossen in seine Augen. So hatte ich ihn noch nie gesehen. Selbst Mark wich einen Schritt zurück. Ich konnte nicht glauben, dass dies alles tatsächlich passierte. Beinahe hätte ich zugegeben, mich in Mark getäuscht zu haben, aber eben nur beinahe, denn das hatte ich nicht.
"Mann Henry, beruhige dich. Es tut mir.... ich weiß, dass das scheiße war. Aber hey, wir sind Brüder."
"Nichts sind wir. Ich wusste es von Anfang an, du wolltest sie kennenlernen, um sie dann ins Bett zu ziehen. Du hast es mir nicht eine Sekunde lang gegönnt, dass ich etwas hatte, was du nicht hattest."
"Ich versteh dich ja, aber weißt du...."
"Einen Dreck verstehst du. Du bist das aller Letzte. Du mieses Schwein."
"Du willst mich schlagen, gut komm, schlag kräftig zu."
"Nein. Ich werde dich nicht schlagen, denn ich würde dich umbringen."
"Was machst du für einen Aufstand, nur wegen so einer blöden Tussi."
"Es war meine Freundin. Sie war das Einzige von mir, was du in Ruhe lassen solltest."
"Ey Mann, tut mir echt Leid."
"Ich gehe und ich komme nicht wieder. Wir sind keine Brüder und wir waren auch nie welche. Von mir aus kannst du hier verrecken. Ihr beide."
Henry stürmte aus dem Schlafzimmer. Ich hatte die Szene vom Flur aus mitbekommen. Er blieb neben mir stehen. Ich gab ihm seinen Mantel.
"Machs gut Maya."
Ich konnte nichts mehr sagen. Er lief aus der Wohnung. Ich wusste auch nicht, was ich ihm hätte sagen sollen. Ich stand im Flur, Mark in Unterhose im Schlafzimmer und Jenny lag, anscheindend völlig betrunken noch im Bett. Mark sah mich an, ich schüttelte nur den Kopf und verließ auch die Wohnung.
Mark lief mir hinter her.
"Maya warte!"
Ich irgnorierte ihn. Ich konnte einfach nicht ihm reden. Er hatte es wirklich getan. Er hatte seinen besten Freund verraten.
"Maya!"
Mir war egal, was er zu sagen hatte. Ich wollte ihm nicht zuhören, nicht stehen bleiben, ihm in die Augen sehen oder versuchen ihn zu verstehen. Was gab es da zu verstehen?
Er holte mich ein und hielt mich am Arm.
"Maya komm, rede mit mir."
Ich drehte mich um. Er hätte sowieso keine Ruhe gegeben.
"Bitte Mark, mach es jetzt nicht noch schlimmer."
"Es tut mir Leid."
"Ich bin die falsche Person, der du das sagen musst."
"Ich... ich."
"Was hast du dir nur gedacht? War dir das wirklich so wichtig? Dass du mal wieder eine schnelle Nummer abgreifst und dabei eine jahrelange Freundschaft aufs Spiel setzt."
"Hör auf. Denkst du ich weiß das nicht."
"Was ist bloß mit dir los? Du hast soeben deinen besten Freund verloren."
"Denkst du das wirklich? Denkst du ich hab ihn verloren."
Ich sah ihm in die Augen. Er schien es ernst zu meinen. Sein Blick schien um Hilfe zu bitten.
"Was willst du jetzt von mir hören? Dass sich Henry schon wieder beruhigen wird, wenn du ihm nur ein paar Tage Zeit gibst."
"Er braucht mich."
"Ja. Er brauchte dich, gerade deshalb hat er dir vertraut. Er hat zu dir aufgeschaut. Kapierst du das? Er hat dich bewundert. Auch wenn mir schleierhaft ist weshalb."
"Ich konnte doch nicht ahnen, dass ihm das so wichtig ist. Ich dachte er macht den Spaß mit."
"So dumm kannst nicht mal du sein. Er hatte mich extra gebeten, dir nichts von ihm und Jenny zu erzählen, weil er Angst hatte, du würdest dich darüber lustig machen. Ihn nicht ernst nehmen."
"Du wusstest es. Vor mir. Er hat dich gebeten vor mir den Mund zu halten."
"Ja Mark. Hast du dich jemals wirklich ernsthaft mir ihm unterhalten? Weißt du überhaupt etwas von Henry? Warum seine Mutter immer möchte, dass er zu Hause bleibt und was mit seinem Vater ist? Weißt du das?"
"Er hatte mal irgendwas erwähnt."
"Ich bin sicher, er wollte mit dir darüber reden. Aber du hast ihm nie richtig zugehört oder ihn auch nur für eine Sekunde als den gesehen, der er wirklich ist. Und jetzt ist es zu spät."
"Nein sag das nicht. Rede mit ihm, bitte, sag ihm...."
"Nein. Du hast es kaputt gemacht. Du hast ihm alles genommen. Nicht nur seine Freundin. Vergiss Jenny. Henry ging es hierbei um mehr. Du warst sein Freund, sein Bruder, sein Vater, alles zusammen. Und du hast dich vor ihn gestellt und ihn ausgelacht. So wie jeder andere das bis jetzt mit ihm gemacht hat."
Mark blickte auf den Boden. Er wirkte völlig ratlos.
"Und jetzt?"
"Ich weiß nicht. Ich muss gehen."
"Was ist mit uns?"
"Was soll mit uns sein? Mark, es gab nie ein uns. Es gab immer nur dich und mich."
"Sehen wir uns noch? Du kommst doch vorbei."
"Du hast heute deinen einzigen Freund veloren, aus eigener Dummheit. Was machst du mit denen, die dir nicht so wichtig sind?"
Er schwieg.
"Es ist egal. Ich sag dir was, du bist denen nämlich auch nicht so wichtig. Sieh uns doch nur an. Du stehst bei Minusgraden in Unterhosen auf der Straße und bettelst, dein bester Freund möge zurück kommen."
Ich drehte mich um und ließ ihn stehen.
Ich wusste, dass Henry sich nicht mehr bei Mark melden würde und ich wusste ebenso, dass unsere Zeit zu Ende war.
Das Telefon klingelte, als ich zu Hause ankam. Ich nahm ab.
"Henry?"
"Nein ich bins, leg nicht auf. Bitte. Hör mir nur einen Moment zu."
"Ist gut."
"Neulich, als ich bei dir war und mich bei dir entschuldigte und du dann zu mir kamst, weil du dachtest, ich hätte irgendwas zu bereden, da hab ich gesagt es wär nichts."
"Und weiter?"
"Das stimmt nicht. Es ist was. Es ist alles. Ich weiß einfach nicht, wie ich aus dem ganzen Scheiß rauskomme. Jeden Tag der selbe Mist. Die Arbeit in der Werkstatt ist die Hölle für mich und ich hab keine Chance da jemals rauszukommen und nochmal von vorn anzufangen. Deswegen kippe ich mir die Birne zu. Deswegen markiere ich den großen Helden, weil ich es in Wahrheit nicht bin. Henry ist noch jung, er hat noch alle Möglichkeiten. Er sollte sie nutzen."
"Worauf willst du hinaus?"
"Ich wollte, dass er sauer auf mich ist, damit er geht. Verstehst du, er sollte gehen, er sollte nicht so werden wie ich. Ich will, dass er einen besseren Job findet, ein besseres Leben führt. Ich hab ihm das nur angetan, weil ich zu feige war, ihm das ins Gesicht zu sagen. Er wäre doch nie freiwillig gegangen."
"Du hast geschafft was du wolltest. Glückwunsch Mark."
"Verstehst du es jetzt?"
"Du hättest mit ihm reden können. Er hätte es schon verstanden."
"Haben deine Eltern jemals mit sich reden lassen, nachdem du dich gegen sie entschieden hattest?"
"Ich leg jetzt auf."
"Nein warte. Tut mir Leid. Das eine hat mit dem anderen nichts zu tun. Beantworte mir nur noch eine Frage."
"Welche?"
"Verzeihst du mir?"
"Machs gut Mark."
Ich legte auf.

                    

18


Es ist schlimm, wenn man erkennt, dass man vielleicht einen seiner größten Fehler begangen hatte. Noch schlimmer war es, wenn man mit den Auswirkungen nicht leben konnte. Mark hatte einen großen Fehler begangen, um an sein Ziel zu kommen. Aber er hatte es erreicht. Auch Mark würde Henry nicht mehr in sein Leben lassen. Es war einfach alles vorbei. Und ich?
Wann wollte ich endlich erkennen, dass auch ich einen großen Fehler begangen hatte und nicht länger mit den Konsequenzen leben konnte? Es hatte sich so viel verändert. Doch im Gegensatz zu den letzten Monaten, war ich die letzte, die an der Reihe war, etwas zu verändern.
"Schön Sie wiederzusehen kleine Lady."
Ich konnte nicht einfach zu Hause sitzen und länger grübeln, ob alles noch einen Sinn hatte. Zumindest konnte ich das nicht zu Hause. Das Nachdenken konnte ich nicht abstellen. Es war ein Teil von mir und begleitete mich, seitdem ich meinen Eltern und sowohl meinem alten als auch meinem eigentlichen neuen Leben den Rücken kehrte. Also saß ich wieder auf dem Dach der Stadtbibliothek. Diesmal allerdings nicht um auf ihn zu warten, sondern um hier oben auf eine Antwort zu hoffen. Eine Antwort, die nur ich mir geben konnte.
"Hey, ich hatte gehofft Sie nochmal zu sehen."
"Bevor was passiert?"
"Ich weiß nicht genau."
"Aber es wird etwas passieren?"
"Ja, ich denke schon."
Der Hausmeister setzte sich wieder neben mich. Er lächelte sanft und in seinen Augen konnte ich ein Leuchten sehen. Obwohl die Welt manchmal so schlecht ist und obwohl man ihn für etwas bestraft hatte, woran er keine Schuld trug, hatten seine Augen das Leuchten nicht verlernt.
"Erzählen Sie mir, warum Sie hier sind."
"Warum ich hier bin?"
Ich senkte den Kopf und lächelte verlegen.
"Ich suche nach etwas. Denke ich."
"Nach was?"
"Nach dem Glück. Nach jemandem, der mich davon abhält zu springen, wenn ich springen will, der mich aber auch einfach fallen lässt, wenn ich fallen will."
"Und der Sie fliegen lässt, wenn Sie fliegen wollen."
"Genau."
"Und?"
"Und?"
"Haben Sie ihn gefunden?"
"Nein."
"So wie Sie das sagen, klingt es, als hätten Sie ihn bereits gefunden und dann doch wieder verloren."
"Oh man, Sie sind gut."
"Ich sage Ihnen nur, was ich sehe."
"Ich dachte immer, ich könnte das alles ziemlich gut verstecken. Und dann kommen Sie und Sie sehen durch mich hindurch, als wäre ich aus Wasser."
"Sie sind auch ein bisschen so. Wasser kann man nicht aufhalten. Man kann es nicht bändigen, es bahnt sich seinen Weg. Man kann ihm nur zusehen, wie es immer weiter voran schreitet, mal schneller, mal langsamer, aber es steht niemals still."
"Sie denken, man kann mich nicht bändigen?"
"Ja. Sie wissen es jetzt vielleicht noch nicht, aber Sie sind das Wasser. Sie gehen den Weg, der nur für Sie vorgesehen ist."
"Nur für mich?"
"Jeder Mensch hat seinen eigenen Weg. Natürlich befinden sich die meiste Zeit über da noch andere Menschen, aber es kommt auf die Klenigkeiten an. Auch wenn alle in die selbe Richtung gehen, ist es doch immer nur ein Weg, den es für jeden von uns gibt. Und Sie haben Ihren gerade begonnen."
"Dazu müsste ich ihn erstmal finden."
"Das hatten wir doch beim letzten Mal schon. Ich dachte Sie hätten es verstanden."
"Habe ich auch."
"Was hält Sie dann auf? Wovor haben Sie solche Angst? Sie sitzen hier allein und suchen nach etwas, was Sie längst besitzen, was Sie auch schon länger hätten besitzen können, wenn Sie es eher zugelassen hätten."
"Ich... ich denke, dass..."
"Sie denken zu viel. Hören Sie auf damit. Dazu sind Sie jung."
Er stand auf und nahm meine Hand. Wieder leuchteten seine Augen.
"Kleine Lady, Sie sind etwas ganz besonderes. Doch zu allererst müssen Sie für sich selber etwas besonderes sein, dann werden das auch alle anderen erkennen."
"Sie haben Recht. Der einzige Mensch, der auf mich stolz sein müsste, bin ich."
"Und sind Sie es?"
"Im Moment nicht besonders, aber ich werde es sein."
"Damit sind wir schon zwei."
Er zwinkerte mir zu.
"Erzählen Sie mir etwas von sich."
"Von mir?"
"Ja. Wir reden die ganze Zeit über mich. Erzählen Sie mir etwas aus Ihrem Leben. Oder weshalb auch Sie fast immer hier sind oder auch für den Anfang nur, wie Sie heißen."
"Mein Name ist Carl Meyer und ich bin am 14. September 1941 geboren. 1952 kam ich mit meiner Familie hier her und blieb auch hier. Meine Frau Emmy lernte ich 1963 bei der Arbeit kennen. Damals war ich hier schon Hausmeister und noch ziemlich grün hinter den Ohren. Sie arbeitete im achten Stock und war für die An- und Auslieferungen sämtlicher Weltliteratur zuständig. Sie lief mir jeden Tag über den Weg und ich begann sie regelrecht zu verfolgen. Ganz harmlos natürlich. Ich half ihr ein paar Mal bei Lieferungen und trug dann die Kisten und Kartons. Sie lächelte mich an, es war ein Lächeln, das hatte ich noch nie gesehen und seither auch bei keinem anderen Menschen. Ich war starr in ihrer Nähe. Eines Abends fiel der Strom aus auf ihrer Etage und ich kam, um es zu reparieren. In dieser Nacht liebten wir uns das erste Mal. Und dann hab ich sie geheiratet. Sie hat noch genau das selbe Lächeln, wie früher und es verzaubert mich jedesmal. Und Sie könnten das auch. Sie haben auch dieses Lächeln, nur deshalb sitze ich hier und rede mit Ihnen."
"Nur deshalb? Soll das heißen, wenn ich es nicht hätte, dann hätten Sie mich gar nicht weiter beachtet?"
"Das tat ich ja die ganze Zeit über, bis ich Sie eines Abends hab lächeln sehen."
"Ich hab gelächelt?"
"Es hat geschneit. Sie lächeln immer, wenn es schneit."
"Und warum kommen Sie ständig her?"
"Dieser Ort birgt etwas besonderes in sich. Für die meisten ist es nur ein hohes Gebäude, wo viele Menschen jeden Tag ein und aus gehen. Aber für mich ist er ganz speziell. Hier treffen die Hektik und die Ruhe aufeinander und reichen sich die Hände. Hier kann man vor Freude weinen und vor Kummer lachen. Ich hab hier schon so einige Sorgen über die ganze Stadt geworfen. Spüren Sie das nicht?"
"Um ehrlich zu sein, brauchte ich nur einen Ort an dem ich meine Ruhe habe."
"Für jeden von uns bietet er etwas anderes schönes, für Sie ist das eben die innere Stille, die Sie nur hier oben erfahren können."
"Ja, so könnte man es ausdrücken. Ist schon seltsam, es kommt mir so vor, als wäre das ein gut behütetes Geheimnis, was Sie und ich entdeckt haben."
"Das ist es auch. Und Sie werden noch viele Geheimnisse entdecken und von einigen werden Sie vielleicht enttäuscht sein und andere werden zu Ihren ständigen Begleitern. Aber das ist das Schöne daran. Es bleibt immer spannend."
"Woher wissen Sie nur soviel?"
"Meine Liebe, sehen Sie mich an. Ich bin ein alter Mann, der sich auf einem Hochhaus mit einem jungen Ding unterhält, welches seine Enkelin sein könnte."
"Aber Ihr Leben ist doch noch nicht zu Ende, Sie können noch soviel erleben, mit ihrer Frau zusammen."
"Sicher, das werden wir auch. Aber Sie sollten das selbe tun. Für mich spielen die Antworten auf bestimmte Fragen keine Rolle mehr. Aber Sie sollten noch nicht aufhören danach zu suchen."
"Das ist nicht so einfach."
"Das ist es nie. Das wird es auch nie. Andere vor Ihnen mussten das bereits und auch die, die nach Ihnen kommen. Und jeder wird denken, dass er es nicht schafft und der oder andere wird es tatsächlich nicht schaffen, doch das entscheidet jeder für sich selbst, wie weit er bereit ist zu gehen."
"Und, schaffe ich es?"
"Sie sind auf dem besten Weg. Sie dürfen nicht immer soviel an sich zweifeln, sondern in jeden Augenblick soviel Freude legen, wie Sie es tun, wenn es anfängt zu schneien."
"Und wann bin ich fertig?"
"Das erkennen Sie dann schon, wenn es soweit ist."
"Was mach ich dann?"
"Dann bleiben Sie einfach stehen. Was machen Sie wenn Sie zu Hause ankommen oder hier?"
"Ich bleibe stehen."
"Und warum?"
"Weil ich am Ziel bin."
"Das ist es. Ganz genau. Sie wissen soviel und dabei sind Sie noch so jung. Sie werden es weit bringen."
"Schön, dass von Ihnen zu hören."
"Leben Sie wohl. Je weniger Sie vor Ihren Träumen davon laufen, desto mehr werden sie sich erfüllen. Achten Sie auf die Einhörner."
Er küsste meine Hand zum Abschied, setzte sich seine Mütze auf und wollte gehen.
"Wo gehen Sie jetzt hin? Ich meine, wo sind Sie die ganze Zeit über, wenn Sie nicht gerade hier sind?"
"Hier und dort. Wo sind Sie denn die ganze Zeit?"
"Hier und dort.", lächelte ich zurück.
"Sehe ich Sie wieder?"
"Wenn Sie es wollen. Ach und kleine Lady, Sie haben einen hübschen Schal."
Er stieg die Leiter zur Straße runter.
Ich atmete nochmal tief durch.

                    

19


Ich fühlte mich gut. Trotz, dass die Worte des Hausmeisters einen bitteren Beigeschmack trugen, fühlte ich mich richtig gut. Ich war endlich bereit neu anzufangen, alles hinter mir zu lassen und all die anderen Menschen auf meinem Weg willkommen zu heißen. Und doch fühlte ich mich schuldig, weil es mir gut ging und Henry nicht. Und auch weil es Mark ziemlich dreckig ging. Normalerweise war es mir egal, wie es ihm ging, wenn er sich mal wieder in einen völlig überflüssigen Schlamassel gebracht hatte, aber diesmal war es anders. Diesmal würde er nicht einfach ein paar Tage abwarten können und alles würde sich schon irgendwie von allein lösen. Es hatte alles verändert. Diese eine Nacht.
Es war als hätte die Erde für einen kurzen Moment inne gehalten, damit jeder noch einen letzten Moment in seinem alten Leben verweilen konnte. Und wenn sie sich dann wieder weiterdrehte, würde jeder etwas ganz neues erfahren.
Und es würde schön sein und unvergesslich.
Ich überlegte kurz, doch nochmal zu Mark zu gehen. Ich hatte ihn nicht gerade sehr freundlich behandelt und es tat mir Leid. Er hatte bereits einen guten Freund verloren, ich wollte nicht die nächste sein, die nicht mehr für ihn da sein würde. Ich ging also zurück zu seiner Wohnung.
Auf dem Weg zu ihm, dachte ich an die Worte des Hausmeisters. Daran dass ich das, was ich zu finden hoffte, bereits hatte und wieder verlor. Meinte er etwa Mark? Sollte es doch so sein, dass er  derjenige war, der mich vom Springen abhielt? Ich musste kurz schmunzeln. Nein, er konnte es nicht sein. Er würde mir zwar keinen Schups geben, aber in all der Zeit, hatte Mark mir gezeigt, dass ich bei ihm nicht fallen und auch nicht fliegen konnte. Er würde dies nie zulassen. Oder?
Bei ihm angekommen, sah ich, dass Licht in seiner Wohnung brannte. Ich ging ins Haus und musste kurz stehen bleiben. Plötzlich war ich mir nicht mehr so sicher, ob ich wirklich das Richtige tat. Aber zu spät, ich war bereits da. Jetzt musste ich es durchziehen. Ich klopfte.
"Mark, mach auf."
Ich hörte Schritte, dann öffnete sich die Tür.
"Mark, ich.... oh man, du siehst grauenvoll aus."
"Bist du hier, um mir das zu sagen?"
"Nein ich muss mit dir reden."
"Reden? Aber wir haben vor ein paar Stunden miteinander geredet. Ich dachte zwischen uns gäbe es nichts mehr zu bereden."
"Da wäre noch eine Sache."
"Komm rein."
"Nein lass. Ich bleib nicht lange. Ich hab auch noch eine letzte Frage an dich."
"Ok. Schieß los."
Ich atmete tief ein. Mein Herz schlug plötzlich ganz schnell. Sollte ich es wirklich tun? Ich konnte nicht klar denken, hatte plötzlich überhaupt keine Kontrolle mehr.
"Maya?"
"Was? Ja, genau. Also. Mark."
"Ja?"
"Würdest du mich fallen lassen, wenn ich das wollte?"
"Was?!"
"Und würdest du mich fliegen lassen?"
"Was? Fallen und fliegen? Maya."
"Versteh mich nicht falsch. Ich meine, wenn ich fliegen wollte, würdest du mich fliegen lassen? Könnte ich bei dir so oft fliegen, wie ich wollte und würdest du vielleicht auch mit mir zusammen fliegen?"
"Maya, wovon redest du da?"
"Ich will mit dir fliegen."
"Du willst was? Mit mir?"
"Ja, lass es uns doch mal versuchen."
"Spinnst du jetzt? Am Telefon hast du mich wie Dreck behandelt und dann kommst du mitten in der Nacht zu mir und faselst was von fliegen und fallen."
"Ok, schon gut. Es war ein Fehler. Entschuldige."
"Wieso geht ihr nicht alle endlich. Lasst mich doch einfach in Ruhe. Ich will einfach allein sein."
"Mark, falls du es noch nicht bemerkt hast, du bist allein. Ich bin die Einzige, die noch hier ist. Aber ich schätze, dass das nicht wirklich das Richtige war."
"Du denkst, du kannst einfach herkommen und irgendwelches dummes Zeug reden und dann wird schon alles wieder irgendwie."
"Nein, das denke ich nicht. Ich weiß, dass es nicht mehr so wird."
"Und warum willst du dann mit mir fliegen?"
"Weil ich dachte, dass du vielleicht willst. Ich weiß nicht genau wieso. Ich will einfach."
"Nein das willst du nicht. Und du weißt das auch. Du redest dir da was ein."
"Also heißt das nein."
"Ja, aber es liegt nicht an dir."
Ich drehte mich um und wollte gehen. Mark lief mir hinterher und stellte sich mir in den Weg.
"Maya, begreif doch. Mit mir zusammen kannst du nicht fliegen. Ich habe nämlich keine Flügel."
Ich verstand nicht ganz, das sah er mir an.
"Es ist so. Ich würde dich verletzten. Ich würde dir nur wehtun, so wie ich jedem anderen bisher wehgetan habe. Ich will dir aber nicht wehtun. Ich will nicht, dass du meinetwegen abstürzt."
"Wow. Zwei Mann an einem Abend. Glückwunsch."
"Ich weiß, du bist das nicht von mir gewöhnt und ich bin selber erschrocken. Eigentlich müsste ich volltrunken auf dem Sofa liegen und mich aller halben Stunde übergeben."
"Ja, in der Tat."
"Siehst du. Willst du mit so jemandem fliegen oder dich mit so jemandem fallen lassen?"
"Ich denke nicht."
Mark sah auf den Boden. Er sah traurig aus.
"Tut mir Leid."
"Das muss es nicht. Es war richtig von dir nochmal herzukommen. Ich hätte auch nicht gewollt, dass wir so auseinander gehen."
"Das wars also."
"Schätze schon."
"Ok."
"Hey, die Zeit war doch geil, aber ich denke, es wird jetzt langsam Zeit für mich erwachsen zu werden."
"Und was ist mit mir?"
"Du wirst Doktor Maya."
Ich musste lachen. Und dann schossen mir die Tränen in die Augen und ich heulte mit einem Mal los. Mark nahm mich in den Arm.
"Es war schön mit dir und entschuldige, dass ich nicht immer so war."
"Ach schon gut, du bist halt ein Arsch. Aber da hab ich großzügig drüber hinweggesehen."
"Machs gut Maya."
"Machs gut."
Ich ging und Mark stand allein im Flur und sah mir hinterher.
Jetzt war es tatsächlich wahr. Ich war allein. Allein vor Marks Haus, allein auf der Straße, allein auf meinem Weg. Ich heulte immer noch. Ich konnte einfach nicht aufhören. Ich wusste gar nicht genau, wieso ich weinte. Schließlich war es meine Entscheidung. Meine erste richtige Entscheidung und ich heulte wie verrückt. Das Leben ist manchmal komisch. In diesem Moment war mir alles egal. Meine Eltern, Chris, die Arbeit, alles war nicht mehr wichtig.
Ich wollte nur nach Hause und für immer im Bett bleiben. Ich wusste, dass dies nicht möglich war, aber ich versuchte trotzdem ganz fest daran zu glauben.

Henry stand einige Tage später bei mir vor der Tür. Ich kam gerade aus dem Krankenhaus und er saß auf der Treppe.
"Alles ok?"
"Weiß nicht. Bei dir?"
"Weiß nicht."
Schweigen. Henry saß weiterhin auf der Treppe und ich stand vor ihm.
"Ich geh dann."
"Ok."
Er stand auf und ging an mir vorbei ohne mich anzusehen. Auch ich schaute ihn nicht an. Ich stieg die letzten Stufen zu meiner Wohnung hoch.
"Denkst du, dass ich etwas falsch gemacht habe?"
"Was meinst du?"
"Ist es meine Schuld? Ich meine, ich bin nicht der tolle Draufgänger, der viel Geld hat und die Frauen abschleppt. Denkst du, dass er deshalb nichts mehr mit mir zu tun haben wollte?"
"Nein. Immerhin ist auch Mark nicht der tolle Draufgänger. Es nicht deine Schuld."
"Weißt du das genau? Bist du dir ganz sicher?"
"Ich weiß, dass es nicht so ist."
Henry nickte nur.
"Gut. Dann geh ich jetzt."
"Er wollte dir einen Gefallen tun. Er wollte verhindern, dass du so wirst wie er und alles aufgibst."
"Dann hat er aber eine komische Art, mir das zu zeigen."
"Denkst du, du kannst ihm verzeihen?"
"Ich weiß nicht. Ich denke eher nicht. Selbst wenn, er will mich nicht weiter in seinem Leben haben. Den Gefallen kann ich ihm tun, aber dafür soll er sein schlechtes Gewissen noch eine Weile ertragen müssen."
Wieder schwiegen wir beide.
"Ist das zu hart?"
"Das kann ich nicht beurteilen."
"Hast du nochmal mit ihm geredet?"
"Ja. Und du?"
"Nein. Und ich denke auch nicht, dass ich das nochmal tun werde."
"Wie du meinst Henry."
"Was hat er gesagt?"
"Was?"
"Mark, was hat er gesagt?"
"Dass es ihm Leid tut und er aber weiß, dass es nur so zu einem Ende kommen konnte."
"Wir werden vielleicht nie wieder miteinander reden. Krass."
"Irgendwann werdet ihr euch wiedersehen und dann könnt ihr nochmal über alles reden. Jetzt ist es noch zu früh. Ich bin auch der Meinung, dass wir langsam anfangen sollten die wichtigen Entscheidungen zu treffen. Und das können wir nunmal nur allein."
"Ja, du hast wahrscheinlich Recht."
Ein Handy begann zu klingeln. Es war Henrys.
"Meine Mutter. Ich sollte jetzt wirklich gehen."
"Wie gehts denn so zu Hause?"
"Es geht. Seit dem ich öfter da bin, hat sich die Situation gelegt."
"Schön. Und hast du Jenny nochmal wieder gesehen?"
"Ja, ich habe mit ihr geredet. Ihr tuts natürlich auch Leid und sie kann sich das nicht erklären. Es war wohl der Alkohol."
"Und seid ihr jetzt wieder.....?"
"Nein, wir haben beide eingesehen, dass es sinnlos wäre. Wir passen nicht zusammen. Auf Dauer wäre es ein Fehler."
"Wieso?"
"Sie sagt, wir würden uns in unterschiedliche Richtungen entwickeln."
"Das kenn ich. Tut mir Leid für dich. Es ist echt alles schief gegangen was schief gehen konnte und ich hab das Gefühl, auch eine gewisse Schuld daran zu haben."
"Maya."
"Ja?"
"Danke."
Henry lächelte mir zu. Ich schloss meine Wohnungstür auf und das Licht im Treppenhaus ging aus.

 


                  

                   

20


"Also ich werd langsam zu alt für diesen Job."
"Ach komm, du bist doch gerade mal Anfang vierzig."
"Ich hab aber auch noch drei Kinder, die wollen schließlich auch beschäftigt werden. Das wird mir zu viel. Die Schichten im Krankenhaus werden auch nicht kürzer."
"Gib ihnen doch einfach was von unseren tollen Beruhigungstropfen."
Das fand meine Kollegin wohl nicht ganz so witzig und sah mich böse an.
"Das war ein Scherz. Bist du jetzt auch zu alt zum Lachen?"
"Als ich noch in deinem Alter war, da dachte ich auch, ich könnte alles erreichen und die Welt würde alle Türen für mich offen halten."
"Was ist passiert?"
"Ich hab geheiratet und wurde schwanger."
"Das wird mir wohl so schnell nicht passieren."
Inka und ich warteten gemeinsam auf den Fahrstuhl. Als dieser endlich kam und seine Türen sich öfneten, blickte ich in ein bekanntes Gesicht.
"Guten Morgen die Damen."
"Guten Morgen Dr. Jahnes."
Ich sagte nichts und stellte mich so weit von ihm weg, wie es in diesem Aufzug möglich war. Also ungefähr 50 Zentimeter. Wir fuhren weiter. Chris hatte die Vier gedrückt, es war also nur ein Stockwerk, was wir gemeinsam fahren würden. Es kam mir unendlich vor. Endlich hielt der Aufzug. Ich hatte beinah vergessen zu atmen. Um auszusteigen musste er an mir vorbei. Wir sahen uns an. Geh doch endlich. Das ist doch dein Stockwerk. Die Türen schlossen sich wieder und ich war mit Inka allein.
"Gehts dir gut?"
"Ja, alles bestens."
"Du siehst blass aus."
"Nein, alles klar."
"Kann es sein, dass dich unser Dr. Schnuckel etwas aus der Fassung gebracht hat?"
"Quatsch. Wieso das denn?"
"Maya, du bist jung und hübsch. Du passt vielleicht nicht unbedingt in sein Beuteschema, aber er wäre sicherlich nicht ganz abgeneigt. Wir wissen alle, was er für einer ist. Halt dich lieber fern."
"Du scheinst ihn nicht gerade besonders zu mögen."
"Du dafür umso mehr."
"Na ja, er ist nett und wir kommen gut miteinander aus."
"Das ist auch in Ordnung, aber pass bitte auf. Seinetwegen gab es schon so manche Heulfraktion im Schwesternzimmer."
"Auf welcher Station?"
"Auf jeder."
Wir waren da und Inka und ich stiegen aus.

"Hast du es geschafft für heute?"
"Ja, endlich."
"Ich muss noch ein paar Stunden."
Chris stand vor mir  ...
Seite: 1 von 31
©Sandra Hanke
« zurück blättern
Beurteilen Sie den Text bitte fair:
Diese Seite hat mir sehr gut gefallen - weiter lesen »
...war OK - weiter lesen »
...sollte überarbeitet werden - weiter lesen »



Druckansicht

Sie sind nicht berechtigt, Inhalte dieser Seite zu kopieren, zu verkaufen oder anderweitig zu verwerten.
Das Copyright (c) liegt beim jeweiligen Autor oder bei TD-Software


Webdesign & Onlineshops  -  Altenberg Kurort Kipsdorf -  Altenberg Ferienwohnungen Erzgebirge
Impressum | Datenschutz
Webdesign, Hosting und it-Software-Entwicklung durch TD-Software - 01773 Altenberg OT Kipsdorf (Sachsen, Erzgebirge) - Altenberger Str. 31