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1001 Tanz

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Roman

 
Vorwort
Der Verlobungsantrag
Die Entführung
Auf dem Schiff
Die Suche
Die Reise
Die Auktion
Der Besitzer
Im Hause des Schaichs
Die 1. Rettung
Das Geschenk
Der Fluchtversuch
Die Gefangennahme
Die 2. Rettung
Der Tempel bei Nacht
Der Detektiv
Verwirrte Gefühle
Der Angriff und die 3...
Sehnsucht
Die Angst vor erneutem..
Der heimliche Abtransport
Unerwartete Befreiung
Die Entscheidung

Eine Geschichte über eine Liebe, die viele Standesdünkel, Gefahren und Schwierigkeiten überwinden muss, um end-lich doch noch in Erfüllung zu gehen.

 
 

1001 Tanz

Ein Roman von Elena Merz


Vorwort

Mit einem leisen Schrei schreckte Lena auf. Verwirrt schaute sie sich im Zimmer um. Es dauerte einen Augenblick, ehe sie die gewohnte Umgebung wiedererkannte und sich zurücklehnte. Sie war auf den weichen Kissen, die den Boden bedeckten, eingenickt und hatte einen bösen Traum gehabt. Merit, eine schöne ebenholzschwarze Nubierin, eilte in den Raum und fragte besorgt nach Lenas Befinden. In der Zeit, die sie nun schon in dem faszinierenden Land am Nil weilte, war Merit ihr eine echte Freundin geworden. Merit wußte auch, daß noch heute, nach über vier Jahren, manchmal die Vergangenheit Lena einholte in Form von schrecklichen Träumen. Die rötlichen Strahlen der untergehenden Sonne tauchten das Zimmer in ein fast unwirklich schimmerndes Licht und eine leichte Brise ließ die Vorhänge an den Bogenfenstern wie einen Nebelhauch in der Luft schweben. Lenas Nerven hatten sich beruhigt, nur noch ein leichtes Unbehagen erinnerte an ihr unangenehmes Erwachen. Allerdings konnte sie nicht verhindern, daß ihre Gedanken in die Vergangenheit wanderten.


Der Verlobungsantrag

Es war ein kalter, verschneiter Februartag in einer kleinen Stadt an der Donau. Lauingen lag unter einer dicken Schneeschicht begraben und die Räumfahrzeuge hatten allerhand zu tun. Selbst jetzt noch, um die Mittagszeit, mußten sie zum wiederholten Male die Straßen räumen, da der Schneefall einfach keine Pause machen wollte. Lena eilte aus den warmen Räumen der Sekretärinnenschule hinaus in die eisige Kälte und beeilte sich, ihren klapprigen VW-Golf zu erreichen, der auf der anderen Straßenseite geparkt war. Im Laufen klappte sie den hohen Kragen ihres Anoraks hinauf, um die Flocken abzuhalten, die der scharfe Wind ihr ins Gesicht peitschte. Glücklich im Auto angekommen, bekam sie, nachdem sie wiederholt den Schlüssel im Zündschloß gedreht hatte, erst einmal nur den üblichen Anlaßjodler zu hören. Zu ihrer grenzenlosen Erleichterung sprang der Wagen nach dem verzweifelten zehnten Versuch dann doch noch an. Allerdings konnten heute weder das widerspenstiges Auto noch das kalte Wetter ihre gute Laune trüben; denn: es war Freitag, sie hatte mittags keine Schule mehr und heute abend würde sie sich mit Kai treffen, ihrem absoluten Traummann, mit dem sie seit etwa einem halben Jahr zusammen war. Sie war damals gerade 19 geworden und vorher noch nie in romantische Gefühle gegenüber der Männerwelt verfallen. Vielleicht war sie ja ein Spätzünder, wie sie ihre Freundinnen ab und zu neckten, oder der Richtige war ihr bis dahin einfach noch nicht über den Weg gelaufen. Letzteres nahm sie eher an, denn bei Kai gab es für sie kein Zögern und keine Unsicherheit über ihre Gefühle. Jedenfalls hatte es nicht lange gedauert und sie waren ein Paar geworden. Viele ihrer Freundinnen beneideten sie um den gutaussehenden Mann, der 5 Jahre älter war als sie. Sie beschloß also, wie meistens wenn sie sich mit Kai traf, sich für den Abend besonders hübsch zu machen und beeilte sich nach hause zu kommen. Ihre Oma erwartet sie bereits am gedeckten Tisch in ihrem gemütlichen kleinen Häuschen, in dem sie aufgewachsen war. Ihre Eltern waren bei einem Autounfall ums Leben gekommen, als sie noch ein Kind war und die Mutter ihres Vaters hatte sie zu sich genommen und liebevoll aufgezogen. Ihre Oma war eine jugendlich gebliebene Frau von 60 Jahren. „Na Lena, wie war es heute in der Schule?“ Empfing sie Lena. Ihre blauen Augen blitzten lebhaft und in ihrem schwarzen Haar war noch kaum eine graue Strähne zu sehen. „Wie immer wars, nur besser, weil ich heute mittag nicht mehr hin muß.“ Grinste Lena sie an und setzte sich an den Tisch. Sie stürzte sich auf die Spaghetti Bolognese, denn heute morgen hatte sie ein wenig verschlafen und hatte deswegen das Frühstück ausfallen lassen müssen. Kopfschüttelnd setzte sich ihre Oma zu ihr und begann ebenfalls zu essen. Ähnlichkeit bestand zwischen Lena und ihrer Oma kaum, denn im Gegensatz zu ihrer Oma hatte Lena glattes rotblondes Haar und braune Augen. Nach dem Essen half sie den Tisch abzuräumen und das Geschirr zu spülen, was sie durchaus nicht immer tat. Aber da sie heute mittag ja frei hatte, half sie gerne mit. Später verzog sie sich in ihr Zimmer, legte sich mit einem romantischen Roman aufs Bett und hoffte, daß es bald Abend werden würde und sie Kai wiedersehen konnte.

                *

Endlich war es soweit. Lena schaute noch einmal in den Rückspiegel des Autos, um ihr Aussehen zu überprüfen, und war ausnahmsweise zufrieden. Ihre langen Haare schimmerten golden und der Pony fiel fransig bis auf die dunklen Augenbrauen, die sich an der Schläfe leicht nach oben wölbten. Lenas Nase war zwar etwas zu lang, aber die vollen ausdrucksstarken Lippen und die großen braunen Augen glichen das wieder aus. Sie stieg aus dem Auto und ging das letzte Stück zu Fuß. Dann stand sie vor dem Rockkaffee und atmete noch einmal tief durch, bevor sie es betrat. Auch jetzt noch, nachdem sie mit Kai schon lange übers Händchenhalten hinaus war, machte ihr Herz kleine Purzelbäume, wenn sie daran dachte, daß sie ihn gleich sehen würde. Sie sah ihn sofort, als sie den Gastraum betrat. Selbst in der etwas schummrigen Beleuchtung des Rockkaffees fiel seine hohe, schlanke Gestalt auf. Kai lehnte an der Bar und unterhielt sich mit einem Freund. Während Lena auf ihn zuging, konnte sie keinen Blick von ihm lassen. Er war fast Einsneunzig groß und sehr schlank, was die enge Jeans noch betonte. Seine Schultern waren breit und steckten in einem schlichten weißen T-Shirt. Ein paar Strähnen seiner dunkelblonden Haare fielen ihm in die Stirn, während die restlichen zurückgekämmt waren und glatt bis in den Nacken fielen. Als er Lena entdeckte, blitzten seine grünen Augen auf und ein breites Lächeln erhellte sein Gesicht. Er stieß sich von der Bar ab, kam auf sie zu und nahm sie fest in die Arme, während er sie küßte. Lachend drehte sich Martin, sein Freund mit dem er sich vorher unterhalten hatte, zu ihnen um und erklärte: „Wenn ihr nicht gleich damit aufhört, werde ich neidisch.“ Kai ließ unwillig von Lenas Lippen ab, zog in gespieltem Erstaunen eine dunkle Augenbraue hoch und meinte: „Und so ein Kommentar kommt von unserem Casanova vom Dienst.“ Martin grinste, denn er hatte seinen Ruf nicht von ungefähr und Lenas Ansicht nach hatte er gar nichts gegen diese Publicity. Nachdem es ihnen an der Bar zu eng wurde, setzten sie sich zu dritt an einen Tisch und bestellten etwas zu trinken. Sie unterhielten sich über alles mögliche und später gesellten sich auch noch Beate, Lenas Freundin, und etliche andere Bekannte an ihren Tisch. Die Zeit verging wie im Flug und Lena merkte, daß Kai ihr immer wieder verstohlene Blicke zuwarf. Irgendwann flüsterte er ihr zu: „Lena, laß uns bald gehen, ich habe noch etwas Wichtiges mit dir zu bereden.“ Dabei sah er ihr tief in die Augen und ihr Herz begann schneller zu schlagen. Sie nickte nur und winkte bei nächster Gelegenheit die Bedienung an ihren Tisch, damit sie bezahlen konnten. Wenig später verließen Kai und Lena Hand in Hand das Lokal und winkten ihren Freunden noch einmal zum Abschied zu. Lena ahnte damals noch nicht, daß dies für lange Zeit das letzte Mal sein würde, daß sie sie sah. Draußen tobte noch immer der Wind durch die Gassen und wirbelte große Schneeflocken durcheinander. Lachend zog Kai Lena mit sich und als sie auf ihren Golf zusteuern wollte, rief er ihr zu: „Laß dein Auto heute stehen, wir fahren mit meinem. Du hast doch hoffentlich nichts dagegen, daß wir noch zu mir gehen?“ Lächelnd blickte sie zu ihm auf und sagte: „Natürlich nicht, daß weißt du doch.“. Galant öffnete Kai ihr die Türe seines schicken BMWs und ließ sie einsteigen. Bald hatten sie die Nebenstraße erreicht, in der Kais Wohnung lag. Der Neubau schmiegte sich zwischen die alten Fachwerkhäuser ohne den Eindruck von Idylle zu zerstören. Das Haus hatte 3 Stockwerke und im obersten lag Kais Penthousewohnung. Im Wohnzimmer angekommen ließen sie sich gleichzeitig auf ein schwarzes Ledersofa fallen und lehnten sich erst einmal in stillem Einvernehmen zurück, um durch das über ihnen liegende Atelierfenster die fallenden Flocken in der Dunkelheit zu beobachten. Nach einer Weile erhob sich Kai und schaltete eine Stehlampe an, die den Raum in gedämpftes Licht tauchte. „Ich lasse dich einen Augenblick allein, bin gleich wieder da.“ Sagte er und verließ das Wohnzimmer durch einen bogenförmigen Durchlaß, der in die Küche führte. Die Perlenfäden, die den Bogen verhängten, klirrten leise, als sie hinter Kai wieder zusammenfielen. Lena blieb entspannt, halb liegend, auf dem Sofa zurück und schloß die Augen. Es war angenehm warm in der Wohnung und sie war glücklich, da sie mit Kai zusammen war. Ein erneutes leises Klirren verriet Kais Rückkehr. Lena öffnete träge blinzelnd die Augen, setzte sich dann aber überrascht auf als sie sah, mit was Kai aus der Küche zurückkam. Mit einem verschmitzten Zwinkern in den Augen setzte er die ganze Pracht auf dem Glastisch genau vor ihr nieder. Sie starrte ungläubig auf den silbernen Kübel der, wie in den besten alten Filmen, einen Haufen Eiswürfel und eine Flasche Champagner enthielt. Lena mußte wohl immer noch mit offenem Mund auf die ganze Szenerie gestarrt haben, denn Kai begann leise zu lachen, während er zwei langstielige Gläser hinstellte und profihaft mit leisem Knall die Flasche Champagner öffnete. Endlich hatte sie ihre Überraschung überwunden und griff vorsichtig nach dem wunderschön geschliffenen Glas. Kai prostete ihr zu und meinte mit geheimnisvollem Blick: „Auf uns, und auf das, was ich dir heute noch zu sagen habe.“ Er nahm einen kleinen Schluck und stellte das Glas fast gleichzeitig mit Lena wieder ab. Dann nahm er ihre beiden Hände in die seinen und mit leichter Erheiterung stellte Lena fest, daß es dem ansonsten so selbstsicheren Kai anscheinend nicht leicht fiel, das in Worte zu fassen, was er jetzt sagen wollte. Mit überraschendem Ernst sah er ihr in die Augen und begann zögernd, aber dann immer rascher zu reden: „Lena, ich wollte dich fragen, ob du dich mit mir verloben würdest..... und ob du mit mir zusammenziehen würdest oder in der anderen Reihenfolge, ist ja auch egal....?“ Erwartungsvoll sah er sie jetzt an. Es dauerte einen Moment, bis diese Worte durch Lenas Leitungen gedrungen waren, und sie ihren Sinn registrierte, aber dann warf sie sich in seine Arme, was zur Folge hatte, daß beide auf dem Fußboden landeten und rief lachend immer wieder: „Ja! Ja! Ja! “

                *

Als Lena morgens die Augen aufschlug lag sie, eng an Kai gekuschelt, auf dem französischen Bett in Kais Schlafzimmer. Während sie sich schläfrig streckte, wanderte Kais Arm, der vorher besitzergreifend über ihrer Taille gelegen hatte, weiter nach oben und er sah sie, mit vom Schlaf noch leicht verhangenem Blick an. Sie räkelte sich wohlig und hatte gar nichts dagegen, als sich Kais Blicke plötzlich wacher und auch begehrlicher auf sie richteten. So kam es, daß sie erst gegen Mittag aus dem warmen Bett krochen und sich beeilen mußten, da sie Lenas Oma für heute zum Essen eingeladen hatte. Atemlos und eilig stiegen sie schließlich ins Auto und kamen immer noch etwas zerzaust bei dem kleinen Häuschen an. Lenas Oma zwinkerte ihnen verschwörerisch zu und konnte sich ein Lächeln nicht verkneifen, als sie den leicht desolaten Zustand der beiden Verliebten bemerkte. Während des Essens erklärte Kai Lena, daß er heute Nachmittag noch mal kurz ins Büro müsse, da er sich mit seinem Chef wegen eines Auftrags noch absprechen mußte. Kai arbeitete als Architekt bei einem Bekannten seines Vaters und hatte sich schon beinahe zum Teilhaber heraufgearbeitet, was natürlich ein nicht geringes Engagement verlangte. So kam es, daß er auch des öfteren an Samstagen für ein paar Stunden ins Büro oder auf eine Baustelle mußte. Nun, an diesem Samstag störte es Lena gar nicht so besonders, denn so konnte sie in aller Ruhe die tollen Neuigkeiten mit ihrer Oma durchsprechen, worauf sie schon ungeduldig wartete. Sobald Kai gegangen war, zog sie also ihre Oma vom noch nicht abgeräumten Tisch fort und auf die bequeme alte Couch im gemütlich eingerichteten Wohnzimmer. Dann begann Lena von gestern abend zu erzählen und merkte in ihrem schwärmerischen Übermut gar nicht, wie ihre Oma immer stiller wurde. Als sie am Ende ihrer Erzählung angelangt war, sah sie mit erwartungsvoller Miene ihre Oma an und war ganz überrascht, als sie nicht dieselbe Freude in deren Augen sah, die sie empfand. Reumütig wurde Lena klar, daß es für ihre Oma ja einen gewissen Verlust bedeutete, wenn sie sie verließ und Lena nahm die Hand der Großmutter: „Oma, sei doch froh, wenn ich dir nicht mehr jeden Tag auf die Nerven gehe. Besonders viel wird sich ja sowieso nicht ändern, nur daß ich dann eben offiziell bei Kai wohne.“ Mit einem leicht gequälten Lächeln sah die Ältere Lena an und sagte: „Ja, Lena, du hast recht.“ Kämpferisch reckte sie ihr Kinn und richtete sich energisch auf. „Wird Zeit, daß ich mich wieder ein wenig mehr um mich selbst kümmere, schließlich bist du ja kein Küken mehr.“ Lachend sprang auch Lena von der Couch auf und faßte ihre Oma an beiden Händen, „So gefällst du mir schon besser. Außerdem wird sich dein attraktiver Verehrer von gegenüber freuen, wenn du etwas mehr Zeit für ihn hast.“ Fast wie ein junges Mädchen errötete sie und stimmte Lena aber dann doch zu. Es war nämlich nicht so, daß ihre Oma eine unselbständige ältere Dame gewesen wäre und Lena wußte wohl, daß sie sich ab und zu mit dem attraktiven Witwer von der anderen Straßenseite traf. Sie gingen zurück ins Eßzimmer und räumten gemeinsam den Tisch ab. Später gönnte Lena sich ein langes heißes Bad und als sie eben, mit Turban und Handtuch bewaffnet herauskam, rief sie ihre Oma ans Telefon. Es war Kai, der ihr mitteilte, daß es doch etwas länger dauern würde, da sie noch einen Rohbau besichtigen müßten. Er hauchte einen Kuß in die Muschel und sie verabredeten sich auf 20 Uhr bei Kai.


Die Entführung

Es war schon nach 19 Uhr, als es Lena siedendheiß einfiel, daß sie ja noch ihr Auto vor dem Rockkaffee abholen mußte. Sie fragte im Vorbeirennen ihre Oma, ob sie sich eine gute Flasche Rotwein aus dem Keller holen dürfte, denn Lena dachte sich, daß Kai sich darüber freuen würde. Anschließend packte sie den Wein in eine Stofftasche und machte sich eilig auf den Weg, denn sie wußte, daß sie eine gute halbe Stunde zu Fuß unterwegs sein würde, bis sie das Rockkaffee erreichen würde. Sie hatte ihren Webpelzmantel angezogen und zog ihn eng um sich, denn draußen herrschte immer noch eisige Kälte. Die Straßenlaternen ließen die Schneewehen an den Straßenrändern glitzern und die nur vereinzelt vom Himmel fallenden Flocken sahen aus wie kleine Sternschnuppen. Lena beeilte sich und hoffte, daß es ihr bei ihrer schnellen Gangart etwas warm werden würde. Als sie eine dunkle Gasseneinmündung passierte, fiel ihr ein, daß sie ein Stück des Weges abkürzen könnte, wenn sie hier abbog. Sie wandte sich also um und wagte sich in die fast völlige Dunkelheit des schmalen Gäßchens. Hier brannten nur vereinzelte Straßenlampen und einige davon waren auch noch defekt. Die Häuser hier waren kleiner und etwas ungepflegter als in dem sonst sehr gepflegten Städtchen üblich. Plötzlich glaubte Lena Schritte zu hören, die ihr leise folgten. Sie blieb kurz stehen, doch entweder hatte sie sich getäuscht, oder ihr Verfolger war gleichzeitig mit ihr stehengeblieben. Sie ging weiter und versuchte, ihre Tritte, die der hier liegende Schnee schon dämpfte, noch leiser zu setzen. Tatsächlich hörte sie bald darauf wieder die Schritte, die ihr folgten. Lena ging schneller und schneller und als sie um eine Ecke bog, um über einen engen Fußpfad wieder auf die hellere Hauptstraße zu gelangen, passierte es: sie prallte gegen eine große dunkle Gestalt, die sie sofort packte. Sie hörte noch, wie sich auch von hinten eilige Schritte näherten, dann wurde ihr ein Tuch vors Gesicht gedrückt, das einen widerlich süßlichen Geruch ausströmte. Sie versuchte noch kurz sich zu wehren, doch ihre Kräfte erlahmten schnell und ihr letzter Gedanke war: „Kai wird umsonst auf mich warten.“ Mit dem Klirren der Weinflasche, die auf dem Boden zerschellte, schwanden ihr die Sinne.

                *

Ein dumpfes Dröhnen erfüllte Lenas ganzen Kopf als sie langsam zu sich kam. Was war passiert? Sie versuchte sich an die letzten Ereignisse zu erinnern, aber ein stechender Schmerz hinter ihren Schläfen ließ sie dieses Unterfangen vorerst schnell wieder vergessen. Sie versuchte die Augen zu öffnen aber ihre Lider waren schwer wie Blei. Also blieb sie erst einmal ganz still liegen und horchte auf das Dröhnen, das - wie sie inzwischen feststellen konnte - nicht nur in ihrem Kopf erklang. Langsam ließ das Kopfweh nach und Lena konnte wieder klare Gedanken fassen. Sie öffnete vorsichtig die Augen aber es herrschte weiterhin fast vollkommene Dunkelheit um sie herum. Den Geräuschen und Bewegungen nach zu urteilen mußte sie sich in einem fahrenden Auto befinden. Mit dieser Feststellung stürmten auch die Erinnerungen an die schrecklichen Minuten in der schmalen Gasse wieder auf sie ein. Lena versuchte sich aufzurichten, sank aber sofort mit einem Stöhnen wieder zurück. Eine Welle von Übelkeit überfiel sie und außerdem stellte sie fest, daß sie schmerzhaft fest an Händen und Füßen gefesselt war. Tränen der Verzweiflung traten in ihre Augen, als sie feststellen mußte, daß sie völlig hilflos einem ungewissen Schicksal ausgeliefert war.

                *

Kai lief unruhig in seiner Wohnung auf und ab. Immer wieder warf er einen Blick auf seine Armbanduhr. Es war schon weit nach halb neun und Lena war noch immer nicht aufgetaucht. Das war so ganz und gar nicht ihre Art. Kai blieb zum fünften mal vor dem Telefon stehen, nahm diesmal aber entschlossen den Hörer ab und wählte die Nummer von Lenas Großmutter, die er zuvor nicht hatte beunruhigen wollen. Ungeduldig trommelte Kai mit den Fingern auf dem Telefontischchen herum, bis Frau Schmidt den Hörer abnahm und sich meldete. „Hier Kai Werner, Frau Schmidt, ist Lena noch bei Ihnen?“ Am anderen Ende der Leitung herrschte eine kurze erschrockene Stille, dann antwortete Lenas Oma: „Nein, Kai, Lena ist schon vor über einer Stunde von hier weggegangen. Ist sie denn noch nicht bei dir angekommen?“ Sie beantwortete sich diese überflüssige Frage selbst, indem sie sagte: „Wohl kaum, sonst hättest du ja nicht angerufen. Sie wollte zuerst ihr Auto vor dem Rockkaffee abholen und dann sofort zu dir fahren.“. „Machen wir nicht gleich die Pferde scheu,“ sagte Kai in erzwungener Ruhe, „ich fahre erst einmal die Strecke ab. Vielleicht ist ja nur der alte Golf nicht angesprungen und Lena wartet schon im Rockkaffee auf mich.“ Mit drängender Stimme sagte Fr. Schmidt: „Ruf mich dann aber bitte sofort an, wenn das der Fall sein sollte, damit ich mir nicht unnötig Sorgen machen muß.“ „Das ist ganz selbstverständlich, Frau Schmidt, aber jetzt beeile ich mich und mache mich auf den Weg.“ Damit legte Kai den Hörer auf, langte im Hinauslaufen noch eine Jacke von der Garderobe und stürmte die Treppen hinab.

                *

Es mußten wohl Stunden vergangen sein. Lenas Hände und Füße fühlten sich an wie abgestorben, aber wenigstens hatte der Kopfschmerz nachgelassen und die Übelkeit war auch überstanden. Für lange Zeit war das Fahrzeug , bei dem es sich wohl um einen Bus oder Lastwagen handelte, da sie in einem separaten abgedunkelten Raum auf dem Boden lag, nur über gerade, ebene Strecken gefahren. Lena folgerte daraus, daß es sich um Autobahnen gehandelt hatte. Dann hatte der Wagen eine scharfe Kurve beschrieben und nachdem er noch eine Weile auf gewundenen nicht mehr so ebenen Straßen gefahren war, hielt er so plötzlich an, daß Lena mit einem Schmerzenslaut an die Außenwand geschleudert wurde. Eine seitliche Schiebetüre wurde geöffnet und zwei dunkle Gestalten stiegen zu ihr herein. Allzuviele Stunden konnten wohl doch noch nicht vergangen sein, denn draußen, vor der Schiebetüre, herrschte noch immer Dunkelheit. Einer der beiden Männer schaltete eine kleine Taschenlampe ein, dann wurde Lena grob auf die Füße gezerrt und aus dem Wagen gehoben. sie konnte die Gesichter ihrer Entführer in der fast völligen Dunkelheit nicht erkennen, aber es handelte sich um ausnahmsweise große und breite Männergestalten. Sie wagte nicht, einen Laut von sich zu geben und wunderte sich sowieso, daß man sie nicht geknebelt hatte. Es überraschte Lena aber nicht mehr, als sie feststellte, daß sie sich auf einem verlassenen Pier befanden, an dem die Wellen der unruhigen See heraufbrandeten. Knebeln wäre vollkommen überflüssig gewesen, denn während der Fahrt hätte wohl alles Schreien nichts genutzt und hier würde sie genausowenig jemand hören. Die Lichter einer großen Stadt schimmerten zwar herüber, aber viel zu weit weg, als das irgend jemand von Lenas Not Kenntnis hätte nehmen können, oder ihre Schreie gehört hätte. Die Männer schoben sie an den Rand des Piers, wo an der Kaimauer eine steile Leiter in das stetige Gewoge des Meeres hinabführte. Jetzt erkannte sie auch, daß dort unten ein Ruderboot vertäut lag und auf den Wellen hin- und her schaukelte. Weiter draußen, auf See, erkannte sie die vielen Lichter eines größeren Schiffes und mit einem Mal wurde ihr die ganze Misere ihrer Lage klar. Wenn nicht ein Wunder geschah, würde sie mit eben diesem Schiff in irgendein fremdes Land entführt werden und wahrscheinlich in einem exotischen Freudenhaus enden. Einer der Männer hatte sich gebückt, um Lenas Fußfesseln zu lösen, damit sie die Leiter zum Ruderboot hinabsteigen konnte. Die Angst schlug wie eine Woge über ihr zusammen. Sie sah ihre letzte, wenn auch noch so geringe, Chance gekommen und trat, kaum daß die Fesseln gelöst waren, den Mann mit aller Kraft zwischen die Beine. Mit einem gutturalen Schrei sank er auf die Knie und dem anderen Mann genau vor die Füße. Das nützte Lena aus und begann zu rennen, so schnell sie konnte. Sie war noch nicht weit gekommen, als sie an den Haaren zurückgerissen wurde und ein brutaler Schlag ihre Wange traf. Sie torkelte und stürzte zu Boden. Wie ein Berg ragte einer der Entführer über ihr auf. Der andere kam mit leicht unsicheren Schritten angetappt und knurrte mit zusammengekniffenen Lippen: „Haste das kleene Biest erwischt?“ Mit einem kurzen Lachen deutete der Gefragte auf Lenas zusammengesunkene Gestalt am Boden. Mit einem gemeinen Tritt in die Magengegend rächte sich der von ihr Mißhandelte und hätte sich wahrscheinlich noch weiter ausgetobt, wenn ihn nicht sein Kumpan zurückgehalten hätte mit dem Kommentar: „Hör auf, wenn du sie zu sehr demolierst, fällt der Preis.“ Stöhnend lag sie immer noch da und obwohl ihr jeder Knochen im Leib weh tat, versuchte sie sich immer noch zu sträuben, als die beiden Männer sie auf die Beine stellten und mitzuzerren versuchten. „Verfluchte Wildkatze!“ Schrie der von Lena Malträtierte und schüttelte sie unsanft hin und her. Der andere zog ganz ruhig eine Spritze aus seiner Jackentasche und hielt sie prüfend in die Höhe, während er im blassen Licht des Mondes, der inzwischen die Szene erhellte, einen kleinen Strahl der enthaltenen Flüssigkeit herauspreßte. Dann faßte er ihren Arm, während der andere sie festhielt, und stach ihr die lange Nadel in die Vene.


Auf dem Schiff

Als Lena das nächste Mal aus der tiefen Dunkelheit gerissen wurde, hatte sie keine Ahnung, wie lange sie weggetreten gewesen war. Ihr Zeitgefühl war total durcheinandergeraten und sie starrte den Mann, der sie grob an den Schultern rüttelte, nur verständnislos an. Ihr Kopf tat wieder weh und sie fühlte sich wie gerädert. Am liebsten hätte sie sich zurückgelehnt und wäre wieder in der gnädigen Dunkelheit versunken, aber der Mann schüttelte sie rücksichtslos weiter durch und schrie sie nebenher an, daß sie gefälligst aufwachen solle. Nach den schmerzlichen Erfahrungen, die Lenas Gegenwehr ihr bei ihren beiden letzten Aufpassern eingebracht hatte, hielt sie es für klüger sich zu fügen. Sie richtet sich also langsam in eine sitzende Stellung auf, schüttelte den Kopf um etwas klarer zu werden und rieb sich die Augen, da sie nur verschwommen die Umgebung wahrnehmen konnte. Vorsichtig schweifte ihr Blick durch den Raum und blieb schließlich an dem Mann hängen, der vor ihr stand. Da sie auf einer Art Pritsche saß, ragte dieser ziemlich hoch und dünn über Lena auf. Während sie sich gegenseitig musterten, wurde ihr klar, daß sie sich inzwischen auf dem großen Schiff befand. Ein gleichmäßiges Stampfen ließ sie vermuten, daß es ein Frachter war. Ihr Blick durch den Raum hatte ihr gezeigt, daß es sich um eine kleine Kabine handelte, die mit einer Pritsche, einem Tisch, ein paar Stühlen und einer Truhe ausgestattet war. Die Musterung Lenas von seiten des hageren Mannes vor ihrer Pritsche schien zu dessen Zufriedenheit ausgefallen zu sein, denn er drehte sich halb um und sprach mit jemanden, den sie nicht sehen konnte, da der Hagere ihr die Sicht versperrte. „Gar nicht schlecht, die Kleine. Hab` schon gedacht, die wacht gar nicht mehr auf, nach der etwas rüden Behandlung, die ihr Karl und Eddi haben angedeihen lassen.“ Die Stimme des für Lena Unsichtbaren antwortete: „Ja, scheint zäher zu sein als sie aussieht, kann nur gut für uns sein.“ Der Hagere wandte sich wieder Lena zu. Er hatte engstehende kalte Augen, welche die Farbe von kühlem, grauem Stein hatten. Die lange Nase, die hohe Stirn und das fliehende Kinn ließen ihn wie ein listiges Wiesel aussehen. Sie zuckte zusammen, als er sie an der Schulter berührte, aber wider Erwarten tat er ihr nichts. „Keine Angst, Fräulein, wenn du dich fügst und nicht aufmüpfig bist, wird dir nichts geschehen. Solltest du aber versuchen uns Ärger zu machen .....“ Diesen Satz ließ er unheilvoll unbeendet im Raum stehen. Lena preßte sich so eng es ging an die Wand, um seiner Berührung zu entgehen. Mit einem schmierigen Grinsen zog er die Hand zurück und wies mit dem dürren Finger auf eine Tür neben der Truhe, die Lena übersehen hatte, da sie dieselbe grüne Farbe hatte wie die Wände, und deshalb fast unsichtbar war. „Alles, was du brauchst, findest du da.“ Damit drehte er sich um und verließ die Kabine. Von dem anderen Mann bekam sie nur ein Stück von seinem kräftigen Rücken zu sehen, da er vor dem Hageren herging. Sie schlossen die Türe hinter sich und ließen einen Riegel einrasten. Lena erwachte aus ihrer ängstlichen Starre und sprang von der Pritsche. Die Tür hatte ein kleines vergittertes Fenster und mit zwei Schritten hatte sie es erreicht. Sie rüttelte mit den Händen an den Stäben und rief hinter den beiden Männern her: „Was haben Sie mit mir vor?“ Der Hagere wandte sich zuerst um, aber sein Begleiter kam ihm mit der Antwort zuvor. „Das wirst du früh genug erfahren.“ Seine Stimme klang tief und verraucht und während er sprach, drehte er sich zu Lena um. Sie ließ die Gitterstäbe los und wich unwillkürlich einen Schritt zurück, denn sie hatte noch nie einen so abstoßenden Menschen gesehen. Der Mann war sehr groß, der ganzer Körper muskelbepackt. Aber im Gegensatz zu seinen kurzen Beinen, hatte er überdimensional lange Arme, was ihm die Statur eines Affen verlieh. Dazu das Gesicht, das durch eine tiefe Narbe verunstaltet war. Die Narbe begann am Kinn und lief über eine leere Augenhöhle bis zur Mitte des quadratischen Schädels. Die dunklen stoppeligen Haare hatten sich rund um die Narbe weiß verfärbt. Mit seinem intakten Auge zwinkerte er Lena zu und als er ihren erschrockenen Gesichtsausdruck sah, begann er dröhnend zu lachen. Dann drehte er ihr seinen Stiernacken zu und stapfte gemeinsam mit dem Wieselgesichtigen davon. Sie blieb noch einen Augenblick lang mit angehaltenem Atem stehen, dann ging sie zu der Tür, die ihr das Wiesel gezeigt hatte. Als Lena sie öffnete, fand sie ein Badezimmer mit allem Komfort. Sogar Toilettenartikel waren vorhanden. Sie schloß die Türe wieder und ging zurück zu ihrer Pritsche. Wenigstens war sie nicht mehr gefesselt. Man mußte die Stricke während ihrer langen Ohnmacht abgenommen haben. Seufzend ließ sich Lena niedersinken, denn dieses Badezimmer hatte ihr wieder klargemacht, daß sie sich auf einer langen Reise ins Ungewisse befand. Ihre Gedanken kehrten zurück in die Heimat und sie fragte sich, was wohl ihre Oma und Kai jetzt denken und tun würden. Sie vergrub ihr Gesicht in den Händen und ein verzweifeltes Schluchzen stieg ihr in die Kehle, während die Tränen durch ihre Finger quollen.


Die Suche

Die zwei Personen, an die Lena in ihrer einsamen Gefangenschaft gedacht hatte, saßen zu eben dieser Stunde in dem gemütlichen Wohnzimmer von Frau Schmidts kleinem Haus und warteten auf Nachricht von der Polizei. Es ging schon auf den Morgen zu, aber Kai wollte Lenas Oma nicht mit ihrem Kummer alleine lassen. Bis weit nach Mitternacht hatte ihnen ein finster dreinblickender Polizist gegenüber gesessen, der sich immer wieder Notizen in ein kleines Buch schrieb, während Kai aufgeregt auf ihn einredete und ihm erzählte, wie er um circa 21.30 Uhr - nach ergebnisloser Suche - im Rockkaffee eingetroffen war. Sofort hatten sich sämtliche Bekannten von Kai und Lena bereiterklärt bei einer erneuten Suchaktion mitzumachen. Es dauerte auch gar nicht lange, bis einer von ihnen in der Nebengasse, die ja gar nicht so weit entfernt lag, die zerbrochene Weinflasche und ein Tuch, das verdächtig nach Äther roch, fand. Er trommelte sofort die anderen zusammen und während Kai am Fundort blieb, um aufzupassen, daß so viele Spuren wie möglich erhalten blieben, gingen die anderen zurück ins Kaffee und riefen von dort die Polizei auf den Plan.


Die Reise

Tage waren vergangen, Lena hatte sich an den Rhythmus des Tagesablaufes gewöhnt. Der Wieselgesichtige, er hieß Fritz wie sie inzwischen wußte, hatte ihr sogar Zeitschriften und ein paar Romane gebracht. Wenn sie morgens erwachte, begab sie sich zuerst einmal ins Bad, um sich und auch ihre Wäsche, die sie ja nicht wechseln konnte, so gut es ging auf Vordermann zu bringen. Danach setzte sie sich lesend an den kleinen Tisch und wartete auf das Frühstück. Fritz brachte es immer um die gleiche Zeit. Vor Fluchtversuchen mußte Fritz ja hier auf dem Schiff keine Angst haben, so ließ er die Türe offenstehen, während er Lena das Tablett auf den Tisch stellte. Durch diese offenstehende Tür hatte sie schon beim ersten Frühstück feststellen können, daß sie nicht der einzige unfreiwillige Passagier auf diesem Schiff war. Sie konnte nämlich ein gutes Stück des dahinterliegenden Flurs überblicken und zumindest zwei weitere Türen mit Riegel und vergittertem Fenster erkennen. Es dauerte auch nicht lange, bis Lena wußte, daß es insgesamt zehn solcher Türen gab und daß sich hinter jeder von ihnen ein ähnliches Schicksal wie ihres verbarg. Dies bekam sie zu sehen, als irgendwann zwischen Frühstück und Abendessen (mehr gab es nicht, vielleicht aus Rücksicht auf die schlanke Linie, die sich wahrscheinlich doch besser verkauft) der Affenähnliche auftauchte und Lena durch den langen Gang, über eine steile Treppe und dann auf das Deck führte. Dort durfte sie sich eine halbe Stunde aufhalten, jedoch nur unter der strengen Aufsicht von Mario, dem affenartigen. Ihr war klar, daß dies nicht aus Menschenfreundlichkeit geschah, sondern nur, weil sie ohne frische Luft und ein wenig Bewegung bald sehr blaß und kränklich ausgesehen hätte, was ihrem Verkaufspreis sicherlich nicht zuträglich gewesen wäre. Mario schirmte sie ziemlich von allem ab, so daß sie kaum einmal einen Matrosen aus der Nähe zu sehen bekam. Lena war sich aber nicht sicher, ob es aus dem Grunde geschah, daß diese Matrosen nicht über die illegalen Geschäfte auf diesem Schiff informiert waren, oder nur um sie nicht in unnütze Versuchung zu führen. Das Schiff war, wie sie vermutet hatte, ein Frachtschiff. Das Deck war riesig aber, wie schon erwähnt, bekam sie wenig davon zu sehen. Es gab da ein Steuerhaus und es waren auch große Kisten hier oben vertäut. Das meiste der Ladung und auch die Kajüten und die Kombüse befanden sich aber unter Deck. Wenn Mario sie – nach Ablauf ihrer halben Stunde – wieder dorthin zurück brachte, riskierte sie immer einen Blick aus ihrem kleinen Gitterfenster und sah, wie er ein anderes Mädchen aus der nächsten Kabine führte. In zermürbendem Einerlei gingen so die Tage an Lena vorüber und sie wurde immer schwermütiger.

                *

                

Eines Nachts, als schon lange Ruhe auf dem Schiff eingekehrt war, schreckte Lena von ihrer Liege hoch. Zuerst wußte sie nicht, was sie aus dem Schlaf gerissen hatte, doch dann vernahm sie leise aber deutlich, wie jemand den Riegel an ihrer Tür bewegte. Ein Schatten tauchte im Rahmen auf und eine nur spärlich leuchtende Laterne wurde auf den Boden gestellt. Lena drückte sich mit dem Rücken an die Wand hinter ihrer Liege denn sie wußte, daß um diese Zeit weder Fritz noch Mario in den Kabinen der Mädchen aufzutauchen pflegten. Die Gestalt näherte sich ihrem Lager und Lena konnte einen großen grobschlächtigen älteren Mann erkennen. Unter einem schmierigen, blonden Haarschopf blickten sie lüstern kalte blaue Augen an. Noch bevor Lenas um Hilfe rufen konnte, war er mit geschmeidigen Bewegungen auf sie zugeglitten und preßte ihr eine riesige Pranke auf den Mund. Er stieß sie auf die Liege und obwohl sie sich wand wie ein Aal, war sie unter seinem Gewicht zur Wehrlosigkeit verdammt. Der Hüne lag halb auf ihr und seine freie Hand strich tastend über ihre Brüste unter dem T-Shirt, das sie zum Schlafen trug. Sein Atem beschleunigte sich erregt und Lena konnte den widerlichen Geruch nach Rum und Zigarren wahrnehmen. Mit ungeahnter Flinkheit stopfte ihr der Kerl ein Tuch in den Rachen und Lena glaubte zu ersticken. Sie war der Ohnmacht nahe aus Angst und Atemnot als er anfing ihre Beine auseinanderzudrücken. Aber plötzlich wurde sie von seinem Gewicht befreit. Sie öffnete die Augen, die sie aus Verzweiflung zusamengekniffen gehalten hatte, und sah gerade noch, wie der Blonde gegen die Kabinenwand flog. Wie ein zorniger Riesenaffe stand Mario vor ihm. Er zog den Mann am Kragen vom Boden hoch und verpaßte ihm noch ein paar deftige Ohrfeigen. „Immer wieder diese verdammten Matrosen,“ schimpfte er vor sich hin, während er den Mann unsanft nach draußen beförderte, „zu lange auf See und dann unsere Ware beschädigen wollen.“ Nachdem der lädierte Matrose auf allen Vieren eilig den Gang entlang verschwunden war, befreite Mario Lena von ihrem Knebel und betrachtete sie prüfend. „Na ja! Nix passiert.“ War sein lapidarer Kommentar. Damit wandte er sich ab und verließ die Kabine. Lena saß noch lange nachdem der Riegel wieder eingerastet war zitternd da und überlegte, ob sie Mario nun dankbar sein müßte.


Die Auktion

Es war etwa eine Woche vergangen, da bemerkte sie eine Veränderung in der Geschwindigkeit des Frachters. Die Maschinen liefen langsamer und auf Deck herrschte aufgeregte Betriebsamkeit. Sie wurde von der allgemeinen Aufregung angesteckt, hatte aber keine Ahnung, ob hier nur eine Ladung gelöscht wurde, oder ob man in den endgültigen Zielhafen einlief. Lena bekam auch keine Gelegenheit jemanden zu fragen, denn anscheinend hatte man heute das Abendessen vergessen. Sie konnte auch die Tageszeit nur grob abschätzen, da sie keine Uhr hatte und hier unter Deck immer die gleiche schummrige Beleuchtung herrschte. Da aber ihr Deckspaziergang schon einige Stunden her war und der knurrender Magen ihr mitteilte, daß das Abendessen schon lange fällig gewesen wäre, mußte es schon später Abend oder Nacht sein. Irgendwann wurden die Maschinen ganz abgestellt und sie hörte, wie Boote an den Seiten des Schiffes heruntergelassen wurden. Nach und nach kehrte Ruhe auf dem Schiff ein. Sie hatte sich schon mit dem Gedanken abgefunden, daß hier wohl nur ein Teil der Ladung gelöscht werden würde und die Mannschaft für eine Weile Landurlaub hatte, als polternde Schritte und Stimmen durch den langen Gang hallten. Lena sprang auf und preßte ihr Gesicht gegen das Gitter ihres kleinen Fensters, um mehr zu sehen und zu hören. Es wurden immer zwei Türen nacheinander geöffnet und sie nahm an, daß immer zwei ihrer Leidensgenossinnen auf Deck geführt wurden. Lenas Kabine befand sich ziemlich am Ende des Ganges und somit war sie die letzte, die auf den Flur geführt wurde. Fritz „Wieselgesicht“ hielt ihren Arm umklammert, während Mario „King Kong“ ein anderes Mädchen grob vor sich her schob. Man hatte also nur gewartet, bis die Matrosen zum Landurlaub von Deck gegangen waren, um weniger Zeugen für diese illegalen Aktivitäten zu haben. Sie erreichten das Deck und die beiden Aufpasser dirigierten das dunkelhaarige Mädchen aus der anderen Kabine und Lena auf die Reling zu. Fritz deutete auf eine Strickleiter, die in die dunkle Tiefe führte und wies sie an, daran hinunterzuklettern. Nur ein auffällig großer und heller Mond ließ erkennen, daß sich am unteren Ende der Leiter ein Boot befand und zum ersten Male erhaschte Lena einen flüchtigen Blick auf die acht anderen jungen Frauen, die sich schon im Boot befanden. Als das dunkelhaarige Mädchen vor ihr sich umwandte, um rückwärts den Abstieg zu beginnen, sah sie die Angst in ihren Augen. Das Mädchen zögerte und Mario riß sie wütend an den Haaren. Da drängte Lena sich vor und mit einem aufmunternden Lächeln ließ sie sich an der gefährlich schwankenden Leiter hinab. Hilfreiche Hände streckten sich ihr entgegen, als sie unten ankam. Der Mond warf zwar seinen silbernen Schein über die glitzernden Wogen, aber allzuviel konnte Lena doch nicht erkennen nur, daß sie von lauter jungen Gesichtern umgeben war. Nach dem dunkelhaarigen Mädchen stiegen nur noch Fritz und Mario in das Boot, aber jeder Gedanke an eine Flucht mußte den Mädchen sofort vergehen, denn die Männer waren mit Pistolen bewaffnet. Mario riß ein paarmal an einer Schnur im Heck des Bootes und ein Motor begann leise zu surren. Das Boot war natürlich nicht beleuchtet und es durfte auch nicht zu laut sein, denn das Ganze hier war ja eine kriminelle Handlung. In der Ferne sah Lena, wie schon einmal, die Lichter einer Stadt, aber das Boot fuhr in weitem Bogen daran vorbei und lief irgendwann in eine kleine Bucht ein, wo an einem Steg eine Laterne hin- und her geschwenkt wurde. Das Boot lief auf Grund und Fritz rief laut: „Los Mädchen, macht euch ruhig die Füße naß, hier holt ihr euch keine Erkältung.“ Er hatte recht, es war eine laue Nacht, und hinter einem weißen Strand sah man silbern die Blätter von Palmen aufleuchten. Mario und Fritz gingen mit den gezückten Waffen hinter den Mädchen her und am Strand wurden sie schon von neuen Bewachern in Empfang genommen. Diese muteten ziemlich orientalisch an. Sie trugen lange dunkle Gewänder und auf den Köpfen thronten Turbane, von denen Bahnen abgingen und auch noch die Gesichter bis auf die Augen verdeckten. Die Männer trugen glänzende gebogene Schwerter an den Hüften, von breiten Gürteln gehalten. Es waren vier und während einer von ihnen sich mit Fritz und Mario verständigte, trieben die anderen drei ihre „Ware“ mit den Schwertern vor sich her. Sie wurden auf zwei Kleinbusse verteilt und sofort wieder eingeschlossen. Wenig später öffnete sich noch einmal die Tür und Mario stieg zu ihnen in den Laderaum. Sie drängten sich auf den unbequemen Bänken zusammen, die an den Seiten des kleinen Busses entlang liefen. Niemand wagte zu sprechen, denn die finster zusammengezogenen Brauen über Marios einem Auge rieten ihnen zu schweigen. Es war eine furchtbare Reise, nicht zu vergleichen mit dem beinahe komfortablen Aufenthalt auf dem Schiff. Die Mädchen wurden schätzungsweise zwanzig Stunden durchgerüttelt, man fuhr auf verschwiegenen Wegen. Die Hitze im Wagen war beinahe unerträglich und zu allem Überfluß, wahrscheinlich um neugierigen Blicken vorzubeugen, waren die Fenster mit schwarzem Tuch verhängt. Eine Flucht kam nicht in Betracht, denn selbst bei den intimsten Bedürfnissen wurden sie nur einzeln und unter Bewachung aus dem Bus gelassen. Als Lena bei einer solchen Gelegenheit endlich einmal die Landschaft bei Tage betrachten konnte, war sie nicht einmal sehr überrascht sich zwischen Sanddünen und goldenen, schroffen Felsen wiederzufinden. Es war von vornherein sehr wahrscheinlich gewesen, daß sie entweder im goldenen Dreieck, oder irgendwo im Orient landen würde. Irgendwann wurden ein paar Früchte und Wasser herumgereicht, worauf die Mädchen sich regelrecht stürzten, da sie ja seit dem Frühstück auf dem Schiff nichts mehr zu essen gehabt hatten. Die Erschöpfung forderte auch von Lena ihren Tribut und irgendwann schlief sie, trotz ihrer aufgewühlten Gedanken und der vielen Fragen, die ihr durch den Kopf gingen, ein. Sie erwachte, als das Fahrzeug abrupt bremste und die hintere Tür aufgerissen wurde. Ein Schwall von Worten in einer fremden Sprache brach über die Insassen herein, aber Mario gab ihnen die Anweisungen der beiden fremden Bewacher weiter. Anscheinend verstand er die Sprache gut und konnte sie auch sprechen. Nun ja, das mußte er wohl auch, denn es war zu vermuten, daß er als Finanzmeister mitgereist war und nachher seinen Gewinn an der verkauften Ware mit seinen Gastgebern aushandeln mußte. Das Auto parkte in einer engen Gasse. Aneinander gedrängt standen hier lauter ein und zweistöckige Gebäude mit flachen Dächern. Obwohl es schon wieder dunkel war, herrschte hier ein Gedränge und Geschiebe, daß die Aufpasser alle Hände voll zu tun hatten, um die Gruppe der Mädchen zusammenzuhalten. Der Weg war nur kurz und noch ehe Lena viel von der Umgebung erkannt hatte, wurden sie durch einen Vorhang bunter Perlenschnüre in einen dunklen Gang geschoben. Vorsichtig folgten sie dem orientalischen Wächter, der vor ihnen herging in den immer heller werdenden Flur. Lena versuchte die Gerüche und Geräusche einzuordnen, die auf sie einstürmten, aber es waren zu viele. Sie hörte seltsame Musik, wie von Flöten und Tambourinen. Da war auch ein Gewirr von entfernten Stimmen und es roch nach süßlichem Rauch und seltsamen Gewürzen. Der fremde Führer öffnete eine Tür links von sich und wies die fünf Mädchen an, den dahinterliegenden Raum zu betreten. Es war ein großes Zimmer, jedoch ohne Fenster. Die Wände waren mit wertvollen Teppichen behängt und darunter standen mit Seide bezogene Diwans und überall lagen bunte bequeme Ruhekissen. Zwischen den Teppichen hingen goldgerahmte Spiegel und Lena entdeckte, auf kleinen Tischchen aus Elfenbein, Salben, Bürsten und allerlei, was zur Schönheitspflege nötig ist. Sie und die vier anderen Mädchen traten zögernd ein, doch dann ließen sie sich seufzend auf den einladenden Ruhemöbeln nieder und endlich wurden sie alleingelassen, natürlich erst, nachdem die Türe hinter ihnen abgeschlossen worden war. Fragend und neugierig sahen die Mädchen einander an und endlich konnten sie sich über ihre Schicksale unterhalten. Leider dauerte diese kleine Erholung nicht allzu lang. Schon bald öffnete sich die Tür wieder und zwei dunkelhäutige streng blickende Frauen betraten den Raum. Hinter ihnen erschien Mario aber diesmal nur um ihnen kurz mitzuteilen, daß sie sich von diesen Frauen einzukleiden und schminken zu lassen hätten und zwar ohne Widerrede. Jetzt wurde es also ernst, die „Ware“ wurde zum Verkauf hergerichtet.

                *

Zitternd stand Lena hinter dem dunklen Vorhang. Sie fühlte sich unwohl in diesem Hauch von einem Gewand. Es war wie ein indischer Sari über eine Schulter geworfen und enthüllte mehr, als es verbarg. Ihr Haar hatten sie gewaschen und gekämmt bis es glänzte, nun hing es als besondere Attraktion offen über ihre Schultern herab. Lena war die vorletzte, die aus dem Raum geholt worden war. Anscheinend ging es vor allem der Haarfarbe nach, denn die dunkelhaarigen Mädchen waren alle vor ihr dran; danach kam nur noch ein ganz hellblondes Mädchen an die Reihe. Mario gab ihr einen harten Stoß zwischen die Schulterblätter und sie taumelte durch den zur Seite weichenden Vorhang hinaus. Lena blieb kurz geblendet stehen, bis sich ihre Augen an das helle Licht gewöhnt hatten. Es mußte sich bei diesem Gebäude um eine Art Nachtklub handeln, denn sie stand tatsächlich auf einer halbrunden Bühne, die von bunten Lichtern angestrahlt wurde. Etwa einen Meter unter sich sah sie im Halbdunkel die Interessenten sitzen, die für sie bieten würden. Einen Moment wurden ihr die Knie weich, doch sie überwand die Schwäche und stellte sich aufrecht hin. Alles Jammern und Zähneklappern würde jetzt nichts mehr nützen. Lena mußte das Beste aus ihrer Situation machen und die erste sich bietende Möglichkeit für eine Flucht nutzen. Neugierig erhoben sich einige der Männer, um sie näher betrachten zu können. Sie war überrascht, als sie erkannte, daß es sich um Menschen aus allen möglichen Gesellschaftsschichten zu handeln schien. Es waren Männer dabei, teuer und westlich gekleidet; ebenso gab es welche, die orientalisch gekleidet waren, aber mit Juwelen geschmückt, die auf Reichtum schließen ließen. Dann waren da auch Männer in den hier üblichen langen Gewändern, sogar welche, die ziemlich heruntergekommen aussahen. Genauso verhielt es sich mit der Hautfarbe. In den Lena zugewandten Gesichtern war jede Farbnuance vertreten; von hellhäutig über braun bis zu ebenholzschwarz. Sie spürte einen leichten Luftzug im Nacken und mit überraschender Flinkheit war ein äußerst korpulenter Mann neben sie hingetreten. Lena betrachtete ihn nur aus den Augenwinkeln, da sie immer noch stolz und aufrecht dastand und nicht vorhatte sich zu rühren. Dieser Mann war orientalisch und sehr prächtig gekleidet, aber anstatt eines Säbels trug er eine Peitsche in der Hand, deren Griff mit riesigen Juwelen besetzt war. Er betrachtete Lena mit listigen Äuglein, die beinahe in Speckfalten verschwanden. Seine Haut war ziemlich hell und die Stupsnase verstärkte noch den Eindruck eines wohlgenährten Mastschweins, den er auch durch die prächtigsten Kleider nicht zu verbergen vermochte. Er schob ihr den Griff seiner Peitsche unter das Kinn und zwang sie damit, nicht eben sanft, den Kopf zu drehen. Er mußte wohl der Leiter dieser Auktion sein, denn er begann gleich darauf mit lauter Stimme auf die versammelten Männer einzureden. Obwohl Lena von seiner Sprache nichts verstand, war ihr dennoch ziemlich klar, daß er ihre Vorzüge anpries, denn während er redete, hob er mit der Peitsche eine Strähne ihres Haares hoch. Danach drehte und wendete er Lena mit groben Händen von einer Seite zur anderen. Bald hoben sich die Hände im Publikum und es begann anscheinend die ersten Gebote zu hageln. Lenas Anbieter schien absolut nicht zufrieden mit den gebotenen Preisen zu sein, denn er schüttelte finster blickend den Kopf. Er hob ihr Kleid ein Stück hoch, um ihre Beine zu zeigen. Ihren Versuch, sich zu wehren, nahm er kaum wahr. Er schlug nur ziemlich schmerzhaft auf die Hand, mit der sie versucht hatte, das Gewand hinabzudrücken. Wieder hoben sich einige Hände, aber die Angebote schienen immer noch nicht zufriedenstellend zu sein. Da erhob sich weiter hinten eine bullige Gestalt und sprach mit lauter Stimme auf den Auktionator ein. Der bullige Orientale sandte einen nebenan stehenden Mann, vermutlich seinen Diener, vor und dieser stieg auf die Bühne. Lena jagte der Diener sofort eine Gänsehaut über den Rücken. Er hatte eine bronzefarbenen Haut, eine Hakennase und die bösartigsten Augen, die sie je gesehen hatte. Grinsend und ein paar Zahnlücken zeigend kam er auf sie zu. Er betrachtete Lena eingehend, betatschte ihre Arme und ließ sich ihre Zähne zeigen. Dann versuchte er nach ihren Brüsten zu greifen und sie zog ihm, ehe er zurückweichen konnte, ihre Fingernägel durchs Gesicht. Seine Augen blitzten in tödlichem Zorn, während er versuchte sie zu schlagen, doch der Auktionator schritt ein und besänftigte den Mann. Während Lena schon beinahe erleichtert aufatmete, ergriff der Auktionator, der aufsässige „Ware“ wohl auch nicht besonders gerne hatte, von hinten ihre Arme und hielt sie mit eisernem Griff fest. Triumphierend lachte ihr der Hakennasige ins Gesicht und riß ihr das lose Gewand bis zur Taille entzwei. Ein Raunen ging durch die Menge und viele der Männer lachten über die gewaltsame Zähmung, die ihren Beifall fand. In diesem Moment erhob sich eine große schlanke Gestalt ganz im Hintergrund. Lena versuchte verzweifelt sich aus dem Griff des „Mastschweins“ zu winden und als sie es endlich geschafft hatte und ihr Gewand über dem Busen zusammenraffte, schlug er ihr seine Peitsche äußerst schmerzhaft über den Rücken. Sie unterdrückte einen Schmerzenslaut und während er zum zweitenmal ausholte und sie sich schon für den erneuten Schlag wappnete, tönte eine gebieterische Stimme durch den Saal. Augenblicklich wurde es ganz still im Raum und alle Blicke wandten sich dem Sprecher zu. Auch Lena versuchte nähere Einzelheiten wahrzunehmen, aber durch den Tränenschleier, den ihr der Schmerz in die Augen getrieben hatte, sah sie nur eine große Gestalt und eine braunes Gesicht. Es mußte ein älterer Mann sein, soviel konnte sie noch erkennen, denn er trug einen grauen Bart und seinen Turban zierte ein großer Rubin. Der Auktionator verhandelte nur noch mit dem Großen Schlanken. Der Bullige mit dem Diener versuchte sich einzuklinken, aber anscheinend mußte das Geschäft schon so gut wie abgeschlossen sein, denn Mario kam kurz auf die Bühne, nur um Lena durch den Vorhang und zurück in das Zimmer zu führen, wo das blonde Mädchen noch immer wartete. Mario schob das blonde Mädchen vor sich her aus dem Raum und schickte eine der zwei dunkelhäutigen Frauen herein um nach Lenas Verletzung zu sehen. Erst jetzt spürte sie, wie ihr das Blut von dem groben Peitschenhieb über den Rücken lief. Sie ließ sich auf eines der Ruhekissen sinken und die Dienerin verarztete sie routinemäßig. Anscheinend kamen solche Blessuren hier öfters vor. Danach zog sie Lena ein frisches Gewand an und verließ das Zimmer, nicht ohne von außen abzusperren. Wieder blieb Lena nicht lange allein. Mario betrat schon kurz darauf den Raum und winkte ihr zu, ihm zu folgen. Während sie ihm wieder durch den langen Gang in Richtung Ausgang folgte, wagte sie doch noch zu fragen: „Was wird jetzt mit mir geschehen?“ Er schaute sie mit seinem King-Kong-Grinsen an und meinte: „Du hast Glück gehabt. Dich hat der Schaich Ibrahim Assiz gekauft. Der ist sehr reich und dafür bekannt, daß er seine Frauen und Sklaven nicht schlägt – außer es muß sein.“ Dies war Lena ein äußerst zweideutiger Trost, aber sie wagte nichts mehr zu fragen, nach der Behandlung, die man ihr bereits hatte angedeihen lassen. Endlich hatten sie den Ausgang erreicht, doch sie wurde fast augenblicklich in eine wartende Limousine geschubst und bekam somit wieder nichts von der Umgebung zu sehen und auch keine Möglichkeit zur Flucht. Der Motor wurde angelassen und Lena stellte fest, daß sie neben einem Chauffeur mit Turban saß, der nicht sehr aufgeschlossen wirkte. Hinter ihr befand sich eine dunkel getönte Scheibe, so daß sie auch nicht feststellen konnte, wer im Fond des Wagens saß. So fuhren sie also schweigend eine Weile durch den Ort und Lena versuchte nun, da sie endlich einmal etwas sehen konnte, trotz der Dunkelheit soviel wie möglich von der Umgebung mitzubekommen. Enge Gassen, Palmen, Innenhöfe, üppige Blumen und pastellfarbene flache Gebäude mit Dachgärten, von Straßenlaternen beleuchtet. Nun bogen sie in eine breitere Straße ein und Lena schnappte kurz vor Überraschung nach Luft. Eine wunderbare hellerleuchtete Promenade führte auf der einen Seite an glitzernden, blinkenden Hotelreklamen vorbei; was sie aber am meisten faszinierte, war die andere Seite: hier führte die Promenade an einem breiten, trägen, grünen Fluß entlang. Er war von Palmen gesäumt und immer wieder stießen hölzerne und gemauerte Stege in die Fluten vor. Das Licht der Laternen, welche die Straße säumten, spiegelte sich tausendfach in den Wellen und ein großer geheimnisvoller Mond zeichnete eine silberne Bahn, auf der hunderte von Feluken schwammen. Sie war in Ägypten! Immer hatte Lena sich gewünscht das geheimnisvolle Land am Nil einmal zu sehen. Nun, da ihr Wunsch in Erfüllung ging, mußte sie einen sehr hohen Preis dafür bezahlen; sie war eine Sklavin! Lena hatte viel über Ägypten gelesen. Jetzt bereute sie, daß sie sich vor allem für das alte Ägypten interessiert hatte und nicht für die Gegenwart; daß sie nicht mehr über Land und Leute und vor allem über die Sprache wußte. Sollte sich ihr Traum von Ägypten in einen Alptraum verwandeln? Ohne eine halbwegs gute Kenntnis der Sprache und des Landes würde eine Flucht für Lena jedenfalls nahezu unmöglich sein.


Der Besitzer

Die Limousine mußte etwa sechs Stunden unterwegs gewesen sein, denn die Sonne ging auf. Eine wunderbare Sonne. Nicht so fadenscheinig wie daheim in Deutschland, sondern riesig, klar und jetzt, in der Frühe, leuchtend rot. Der ganze Himmel war wie mit flüssigem Feuer übergossen, in welches sich immer wieder goldene Streifen mischten und der Nil spiegelte das Ganze in tausend Farben wieder. Vor Lena tauchte nach langem endlich wieder eine richtig große Stadt auf. Sie hatte noch nie so lange gerade Straßen erlebt wie hier und hatte immer wieder gegen das Einschlafen ankämpfen müssen, aber jetzt war sie hellwach. Auch hatte ihr Rücken beim Wachbleiben Hilfe geleistet, denn die Wunde, die von der Peitsche des „Mastschweins“ herrührte schmerzte sie immer noch sehr. Lena versuchte einen Blick auf das Schild zu erhaschen, welches die Stadt ankündigte und es war tatsächlich in etlichen Sprachen angekündigt: – Assuan – . Rechts von ihnen lag der Nil. Links kamen erst vereinzelte ärmliche Gebäude in Sicht, alle in der hier üblichen flachen Bauweise. Dann drängten sich die Gebäude enger und einige von ihnen hatten nicht mehr nur die gelbliche Sandfarbe sondern waren weiß oder pastellfarben getüncht. Die fruchtbaren Felder zogen sich vom Nil ein- zwei hundert Meter bis zur Straße und zum Teil auf der anderen Seite noch weiter. Dann begann die richtige Stadt. Links lag die Hotelpromenade, ein Hotel am anderen, die der Wagen alle passierte und der Nil war wieder in greifbare Nähe gerückt.. Sie fuhren beinahe wieder aus der Stadt hinaus. Hier lagen wunderschöne von hohen Mauern umgebene Villen und nur noch vereinzelte Hotels. Vor den Ankömmlingen wurde ein großes verziertes Tor in einer Mauer geöffnet, die von Blumen in allen Farben und Formen überwuchert war, und die Limousine rollte auf einer gekiesten Auffahrt auf daß schönste Gebäude zu, das Lena jemals gesehen hatte. Die Frontseite des Hauses wurde von zwei Türmen flankiert, deren flache Dächer mit Zinnen bewehrt waren. Der etwas wehrhafte Eindruck wurde aber sofort von den schlanken Säulen gemildert, welche eine halbrunde Terrasse umstanden, die sich von Turm zu Turm zog. Diese Säulen trugen dann auch das zweite Stockwerk, welches wunderbare bogenförmige Fenster besaß. Lena fiel aber auch auf, daß diese Fenster alle mit zwar wunderschön verschnörkeltem, aber dennoch zweckmäßigem Gitterwerk versehen waren. Die ganze Fassade und die vielen Säulen, Lena schätzte, daß es mindestens zwanzig Stück waren, waren von Efeu und Blumen überwachsen. Darunter schimmerte das Baumaterial, es schien eine rosa schimmernde Marmorart zu sein, hervor. Der Chauffeur stieg aus und kam um den Wagen herum. Dann öffnete er auf Lenas Seite die Autotüre und deutet ihr mit einer Geste an, daß sie aussteigen und ihm folgen sollte. Er führte sie nicht auf den Haupteingang zu, ein großes Portal, welches sie zwischen den Säulen erkannte, sondern ging mit ihr um den Turm zur Linken der Frontseite herum. Die Mauer des Gebäudes war hier ebenfalls mit Pflanzen überwuchert und sie erreichten eine kleine Seitentür. Der Chauffeur führte Lena durch eine große modern eingerichtete Küche und über verschiedene Treppen und Flure. Alles war prächtig ausgestattet mit teuren Teppichen, goldverzierten Spiegeln und zierlichen Möbeln. Endlich schob er sie in einen orientalisch eingerichteten Raum und ließ sie allein. Lena sah sich neugierig um. Die Wände bestanden aus dem gleichen rosa Marmor, wie das Äußere des Hauses. Sie waren, wie sie es schon gewöhnt war, mit passenden Teppichen und Spiegeln behängt. Den Boden bedeckten bunten Seidenkissen in allen möglichen Größen und Formen und an einer Wand entdeckte Lena einen sehr einladend aussehenden Diwan. Dieser zog sie wie magisch an und endlich konnte sie sich bequem ausstrecken. Die Strapazen der letzten Stunden und Tage ließen sich nicht mehr verleugnen und trotz aller Aufregungen war sie, ehe sie es sich versah, eingeschlafen.

                *

Lena träumte. Sie saß auf einer weißen Treppe, die zum Nil hinab führte und beobachtete die Wildenten, die sich im hohen Papyrusschilf tummelten. Über ihr zog ein Seeadler majestätisch seine Kreise. Eine Hand legte sich sanft auf ihre Schulter und während sie noch zwischen Wachen und Träumen schwebte, sah sie in ein wunderschönes männliches Gesicht. Die Haut war von sanftem Braun, die hohen Wangenknochen betonten die exotisch schrägen Augen und die ebenfalls nach oben gezogenen Augenbrauen hatten einen sanften Knick, was dem Gesicht einen leicht ironischen Ausdruck verlieh. Die Nase war schmal und leicht gebogen, der Mund sinnlich aber nicht zu voll. Langes lackschwarzes Haar umrahmte das schmale Gesicht und fiel bis über die Schultern herab. Der Mund verzog sich zu einem Lächeln und ein kleines Grübchen zeigte sich auf der rechten Wange. Lena konnte nicht anders, sie hob eine Hand um das Gesicht des Mannes zu berühren, doch bevor ihre Finger ihr Ziel erreichten, wich er zurück und war verschwunden.


Im Hause des Schaichs

Als Lena aus einem nach all den Ängsten seltsam ruhigen und erholsamen Schlaf erwachte, saß eine schöne dunkelhäutige Frau neben ihrem Diwan. Als Lena vorsichtig ein Stück zurückwich, streckte sie begütigend die Hände aus, zum Zeichen, daß sie Lena nichts Böses wollte. Dann begann die Frau in einem überraschend guten Englisch auf sie einzureden. Da Lena ja auf der Sekretärinnenschule intensiv Englisch gelernt hatte, hatte sie keine Mühe den Worten der schwarzen Frau zu folgen. Sie erfuhr, daß ihr Gegenüber Merit hieß und als Dienerin hier im Haushalt arbeitete. Sie selbst sei keine Sklavin, das betonte Merit besonders, und sie sei vorerst eingeteilt, sich intensiv um Lena zu kümmern. Endlich konnte Lena jemanden nach ihrem weiteren Schicksal befragen und sie tat es prompt. Allerdings konnte ihr Merit auch nicht viel mehr sagen, als sie selber wußte und das war nicht allzuviel: „Schaich Ibrahim Assiz, mein Arbeitgeber, ist ein guter und gerechter Mann. Normalerweise lehnt er die Sklavenhaltung – die natürlich nur noch heimlich betrieben wird – ab. Er ist eigentlich modern eingestellt und ich weiß nicht genau, warum er mit deinem Kauf von seinen sonst so strengen Prinzipien abgewichen ist.“ Wußte sie zu berichten. „ Ich glaube auch nicht, daß er dich für den Harem gekauft hat, da er selbst Kopte ist und nur eine Frau hatte und diese auch sehr liebte. Als sie starb hat er nie mehr eine andere Frau angesehen.“ Lena bat Merit nachzudenken, ob sie nicht von anderen Hausangestellten etwas gehört hätte, was den Zweck ihres Hierseins betraf, doch Merit schüttelte nur den Kopf. Dann erhellte sich ihre nachdenkliche Miene und sie lächelte. Ungeduldig legte Lena ihre Hand auf die Merits und fragte: „Was ist, Merit, was ist dir eingefallen?“ „Du könntest als Geschenk für den Sohn des Schaichs gedacht sein, er hatte ein schlimmes Schicksal und ....“ Merit erhob sich und neigte ehrerbietig grüßend den Kopf in Richtung der Tür des Raumes. Auch Lena wandte den Blick auf die geöffnete Türe und sah nun endlich ihren „Käufer“ aus der Nähe. Durch die Erfahrungen der Vergangenheit klüger geworden, machte sie es Merit nach, neigte den Kopf und erhob sich ebenfalls. Sie betrachtete den Schaich nur vorsichtig durch die gesenkten Wimpern hindurch. Er war ein großer schlanker Mann. Seine Haut war relativ hell und heute war er in einen westlich geschnittenen Anzug gekleidet. Er hatte dunkle leicht schräge Augen und dichte graue Brauen, was ihm einen etwas finsteren Ausdruck verlieh. Die schmale Nase und das hagere Gesicht mit dem langen grauen Bart gaben ihm aber auch etwas Asketisches. Das Haar wurde auch heute von einem Turban verhüllt, was einen seltsamen Kontrast zu dem weißen modernen Anzug bildete. Sein Blick war unverwandt auf Lena gerichtet und er schaute auch kein einziges Mal weg, während er sich mit Merit auf Arabisch unterhielt. Nach einer Weile verließ der Schaich das Zimmer ohne auch nur ein Wort direkt an Lena gerichtet zu haben. Lena konnte ihre Neugierde nicht im Zaum halten und stürzte sich mit ihren Fragen auf Merit, kaum das sich die Tür hinter Schaich Assiz geschlossen hatte. Lachend wehrte Merit sie ab und schob sie zurück zum Diwan, wo sie beide wieder Platz nahmen und Lena etwas ruhiger ihre Fragen wiederholte. Allerdings hatte der Schaich Merit lediglich die Anweisung erteilt, Lena zu lehren, wie sie eventuelle Gäste des Schaichs zu bewirten und sich ihnen gegenüber zu verhalten hätte. Merit sollte sie mit den Grundbegriffen und den Verhaltensweisen von Dienerinnen in diesem Haushalt bekannt machen. Sie sollte lernen, sich respektvoll und zuvorkommend gegenüber höhergestellten Personen zu verhalten – was sie ja in Deutschland kaum gelernt haben konnte – so hatte der Schaich Merit gegenüber argumentiert. Tage waren vergangen und es war Lena nicht schlecht ergangen. Merit hatte ihr gezeigt, wie man Tee servierte, wie man sich respektvoll vor Gästen des Schaichs verneigte und wie man tanzte. Der Tanz war in diesem Haus sehr wichtig und wurde sehr oft zur Unterhaltung der Gäste gepflegt. Es kam Lena zugute, daß sie auch zuhause sehr gerne getanzt hatte und bald beherrschte sie die fließenden Bewegungen, die Merit ihr beibrachte, fast so gut wie diese. Merit hatte ihr auch den wundervollen Innenhof gezeigt. Er war riesengroß, von künstlichen Bächen durchzogen und überall wuchsen exotische Blumen, Palmen und Bäume mit Früchten aller möglicher Art. Es standen verspielte kleine Bänke im Schatten und wo die Bäche sich zu kleinen Teichen stauten, wurden diese von zierlichen Brücken überspannt und von Papyrusschilf umwachsen. Bis jetzt durfte sich Lena nur in Begleitung von Merit frei im Haus bewegen, aber sie nahm sich vor, daß – sobald sie auch alleine herumstreifen durfte – dieser Park ihr Lieblingsaufenthaltsort werden würde. In der freien Zeit, die sie in Lenas Zimmer verbrachten, ließ sich Lena von Merit die Grundbegriffe der arabischen Sprache beibringen. Denn, auch wenn es ihr momentan nicht schlecht ging, wer wußte, was sie hier noch alles erwarten würde. Sie hatte auf jeden Fall ihre Freiheit eingebüßt, durfte den Gedanken an ein Flucht keinen Augenblick fallen - und keine Möglichkeit, die sich ihr bot, ungenutzt verstreichen lassen.


Die 1. Rettung

Lena saß an ihrem Fenster, welches eine Aussicht auf die gekieste Auffahrt bot und bestaunte die noblen Limousinen, welche nach und nach vor dem Portal eintrafen. Der Schaich schien eine Gesellschaft zu geben, wobei vorwiegend Männer in den traditionellen langen Gewändern und mit turbangekrönten Köpfen erschienen. Die meisten davon wurden von eigenen Dienern begleitet. Plötzlich flog die Tür zu Lenas Zimmer auf und Merit stürzte aufgeregt herein. Sie ließ einen Schwall arabischer Worte auf Lena los und begleitete diese mit hektischen Gesten. Lenas Arabischkenntnisse waren bei weitem noch nicht so weit fortgeschritten, als daß sie diese Tirade verstanden hätte, deswegen nahm sie Merit bei der Hand und sprach beruhigend auf sie ein. Endlich hatte Merits Aufregung sich einigermaßen gelegt und Lena konnte sich nach dem Grund ihres Gefühlsausbruches erkundigen. Merit holte tief Luft und stieß dann auf englisch hervor: „Der Herr will, daß du heute abend tanzt!“ Lena schwieg verblüfft. Sie hatte sich denken können, daß Merit ihr das Vortanzen nicht umsonst beigebracht hatte, aber daß sie so früh schon ihre noch nicht perfekte Kunst zum Besten geben sollte erschreckte sie doch ein wenig. Andererseits war Lena froh, daß überhaupt etwas geschah. Sie war langsam schon etwas nervös geworden, denn sie war sich immer noch nicht darüber im Klaren, zu welchem Zweck sie eigentlich der Schaich gekauft hatte. Vielleicht erfuhr sie heute abend mehr darüber. Merit huschte, schon wieder in Hektik verfallend, im Zimmer hin und her. Sie suchte Kleider und Schmuckstücke zusammen, die sich ihrer Ansicht nach für Lenas heutigen Auftritt eigneten. „Wenn du gut bist, wird dein Glanz auch auf mich abfärben; also gib dir bitte Mühe!“ Rief sie Lena während ihrer fleißigen Suche zu. Als sie alles Nötige gefunden hatte, drückte sie Lena auf den Diwan und begann sie für ihren Auftritt herzurichten. Sie waren gerade mit dem Anziehen und Schmücken fertig geworden, als auch schon ein Diener erschien um Lena zum Schaich zu befehlen. Sie konnte gerade noch einen kurzen Blick in einen großen Spiegel werfen und trat überrascht einen Schritt zurück. Die Gestalt, die sie aus dem Spiegel anblickte, hätte aus „tausend und einer Nacht“ stammen können. Das Kleid war ein weißes Gespinst, mit winzigen Perlen bestickt. Es wurde nur von feinen Trägern gehalten und war von der Hüfte an geschlitzt, um das Tanzen nicht zu behindern. In Lenas Haar hatte Merit weiße Rosen eingeflochten dazwischen hingen immer wieder lose goldene Strähnen bis über ihre Schultern hinab. Lena hatte keine Zeit mehr sich näher zu betrachten, denn der Diener scheuchte sie mit wilden Gebärden vor sich her, als ob es sich bei ihr um irgendein Geflügeltier handelte. Er führte sie eilig durch die prächtigen Flure bis sie einen großen Saal mit gewölbter, mit Gold- und Silberornamenten verzierter Decke erreichten, den Lena bei ihren bisherigen Streifzügen durchs Haus noch nicht zu Gesicht bekommen hatte. Im gedämpften Licht eines glitzernden Kronleuchters konnte Lena den Schaich und seine Gäste auf Sitzkissen und Diwans bequem hingestreckt sehen, während sie Obst aus Schalen aßen, Tee tranken und antik aussehende Wasserpfeifen rauchten. Sobald Lena das Zimmer betreten hatte, begann die Musik zu spielen und die Blicke der Anwesenden richteten sich auf sie. Wahrscheinlich hatte man sie als neue exotische Attraktion angekündigt. Lenas Blick suchte nervös nach den Musikern, aber diese waren hinter bunt bemalten Wandschirmen vor den Blicken der Gäste verborgen. Sie war aufgeregt, aber es blieb ihr nicht viel Zeit zum Überlegen, denn die Trommeln setzten im Rhythmus des Tanzes ein und Lena begann sich im Takt zu bewegen. Es war eine melancholische und doch wilde Melodie die nur aus Rhythmus und den geheimnisvollen Tönen einer Panflöte bestand. Lena versuchte ihre Gedanken abzuschalten und nur in der Musik aufzugehen und langsam begann ihr Lampenfieber nachzulassen. Die Trommeln wurden schneller, die Flöte spielte schriller, Lena bewegte sich wie in Trance auf einem freien Platz zwischen den Gästen. Sie schwebte, sie fiel auf die Knie, sie schnellte wieder in die Höhe, sie drehte sich. All ihre Gefühle, ihre Ängste, ihre Wut, die Verzweiflung, die sich seit Wochen in ihrem Inneren aufgestaut hatte, kamen in diesem Tanz zum Ausdruck. Im Raum war es ganz still geworden, alle Augenpaare hingen wie gebannt an der Gestalt der schlanken Tänzerin. Als das Lied in einem Wirbel von Trommeln endete, sank Lena zu Boden, die Stirne auf die nach vorn gestreckten Arme gelegt und ihr Haar breitete sich um ihr Haupt auf dem Boden aus wie ein goldener Fächer. Plötzlich fühlte sie sich am Arm grob nach oben gerissen. Taumelnd kam sie auf die Beine und wich, sich losreißend, voller Panik zurück, als sie in haßerfüllte engstehende Augen blickte. Diese Hakennase, die Zahnlücken, der bösartige Blick. Sie kannte diesen Mann, es war der Diener, der sie auf der Auktion schon einmal so grob behandelt hatte. Er packte sie wieder am Arm und zog sie hinter sich her auf einen Diwan zu, auf dem eine große grobschlächtige Gestalt ruhte. Als Lena vor dem Diwan stand, richtete sich der Mann auf. Er war westlich gekleidet, hatte aber ein sehr dunkelhäutiges Gesicht. Seine Augen waren begehrlich auf sie gerichtet und Lena vermutete, da es sich um den Herrn ihres Peinigers handelte, daß es der Mann war, der sie auf der Auktion schon einmal hatte kaufen wollen. Damals war ihm allerdings Schaich Assiz zuvorgekommen. Letzterer war nun auch hinzugetreten, um festzustellen, was die ganze Aufregung sollte. Die drei Männer redeten auf arabisch und gestikulierten wild. Anscheinend wollte der Dunkelhäutige mit Schaich Assiz ins Geschäft kommen, aber dieser schien aus irgendeinem Grund unentschlossen zu sein. Lenas Arm schmerzte, da der grobe Diener ihn immer noch fest umklammert hielt. Sie versuchte sich aus seinem Griff zu winden, was zur Folge hatte, daß er sie so fest ins Gesicht schlug, daß sie zu Boden geschleudert wurde. Wutentbrannt beugte er sich zu ihr hinab, doch noch während sie sich schützend zusammenkauerte sah sie, daß er von hinten gepackt und grob zur Seite geschubst wurde. Dann kam eine große schlanke Gestalt auf Lena zu und reichte ihr die Hand um ihr vorsichtig auf die Beine zu helfen. Sanft wurde ihr Kinn mit einem Finger angehoben und eine Hand strich zärtlich über ihre malträtierte Wange. Als Lena aufschaute, wußte sie nicht mehr, ob sie wach war, oder ob der grobe Schlag des Dieners sie in eine Traumwelt hatte versinken lassen, denn sie sah in das wunderschöne Männergesicht aus ihrem Traum vom Nil. Seine Haare waren zwar diesmal unter einem Turban verborgen, aber diese Augen und den sinnlichen Mund hätte sie überall wiedererkannt. Der Tumult um Lena hatte sich gelegt; der Diener hielt sich ängstlich im Hintergrund, während sein Herr sich offensichtlich bei Schaich Assiz für dessen ungebührliches Betragen entschuldigte. Dann wandte sich der Dunkelhäutige seinem Diener zu und versetzte diesem einen gemeinen Schlag mit dem Griff seines verzierten Krummsäbels mitten ins Gesicht. Der Diener gab keinen Laut von sich, während das Blut aus seiner Nase strömte, aber der Blick, den er Lena zuwarf, war von tödlichem Haß erfüllt. Sein Herr wandte sich nun an den schlanken Mann an Lenas Seite und sprach auf ihn ein. Doch mit einer herrischen Geste beendete dieser das Gespräch. Er drehte Lena in Richtung der Türe, die aus dem Raum führte, und gab ihr einen sanften Schubs, um anzudeuten, daß sie sich zurückziehen durfte. Hinter der Türe wartete voller Angst Merit auf sie, die sie sofort unter ihre Fittiche nahm und zurück zu ihrem Zimmer begleitete. Dort kühlte die besorgte Dienerin Lenas Wange mit kaltem Wasser, während Lena trotz Schmerzen ihre Neugierde kaum bezähmen konnte. Wer war ihr Retter? Hatte sie ihn zuvor wirklich nur im Traum gesehen, oder hatte er vielleicht tatsächlich schon einmal neben ihrem Diwan gestanden? Aber als sie Merit fragen wollte, legte ihr diese zart den Finger auf die angeschwollene Lippe und flüsterte ihr zu: „Wir reden morgen über alles. Schlaf jetzt Kleines.“

                *

Noch bevor Lena die Augen aufschlug, wußte sie, daß jemand sie ansah. Sie spürte einen intensiv auf sich gerichteten Blick. Vorsichtig öffnete sie die Lider und es dauerte einen Moment, bis sich ihre Augen an das silbrige Zwielicht gewöhnt hatten, das der Mond in ihrem Zimmer verbreitete. Dann blickte sie zum dritten Mal in die Augen ihres geheimnisvollen Retters. Obwohl sein Gesicht direkt vor ihrem war fühlte Lena keine Furcht und nun konnte sie auch erkennen, daß diese Augen tiefschwarz waren. „Wer sind Sie?“ , flüsterte Lena ihm zu, doch der schöne Fremde blieb still. Er sah sie nur weiter unverwandt an. Das anhaltende Schweigen wurde Lena unheimlich und sie sagte leise: „Bitte, so reden Sie doch mit mir!“ Das Gesicht des Mannes entfernte sich etwas von ihr, als er auf dem Rande ihres Schlafdiwans Platz nahm. Lena wurde bewußt, daß sie Deutsch gesprochen hatte und der Fremde diese Sprache sehr wahrscheinlich gar nicht verstehen konnte. Aber noch während sie sich überlegte, wie sie ihm ihre Fragen auf Arabisch stellen könnte, deutete er mit dem Finger auf seinen Mund und machte mit der anderen Hand eine verneinende Geste. Lena sah ihn fragend an und er wiederholte die Geste bis ihr klar wurde, was er damit zu sagen versuchte. Er war stumm! Lena legte voller Mitleid ihre Hand auf die seine, doch er zog sie abrupt zurück. Wahrscheinlich wollte er kein Mitgefühl haben. Seltsamerweise schien er aber ihre Fragen auf Deutsch verstanden zu haben also versuchte sie es nochmals. „Sie verstehen die deutsche Sprache?“ Er nickte. „Sie können hören, aber nicht sprechen?“ Wieder ein Nicken. Plötzlich legte er lauschend den Kopf schräg und stand dann hastig auf. Noch ehe Lena fragen konnte, was denn los sei, war er in der Dunkelheit verschwunden, so geheimnisvoll wie er aufgetaucht war. Noch lange fand Lena keinen Schlaf, da ihre Gedanken um den nächtlichen Besucher kreisten. Gleich morgen früh wollte sie Merit nach ihm fragen. Mit diesem Gedanken schlief sie endlich wieder ein, doch es war ein unruhiger Schlaf und in ihren bösen Träumen sah sie haßerfüllte Augen, die sie überallhin verfolgten. Am nächsten Morgen hatte sich Lenas Wange bläulich verfärbt und ihre Lippe war ziemlich angeschwollen. Als Merit die Bescherung sah, schlug sie die Hände über dem Kopf zusammen und ließ eine Schimpftirade auf Arabisch los. Dann eilte sie aus dem Raum und kam wenig später mit einer geheimnisvoll aussehenden goldenen Schale wieder. Der Geruch, der dem Gefäß entströmte war alles andere als vertrauenerweckend, aber Merit erklärte Lena, daß der Inhalt die Schmerzen lindern und die Schwellung abklingen lassen würde. Also begab sie sich gottergeben in die sanften Hände der Dienerin. Während Merit die Salbe auf Lenas Haut auftrug, stellte diese ihr endlich die Frage, die ihr schon auf der Zunge brannte: „Merit, sag mir, wer war der schöne junge Mann, der mir gestern nach dem Tanz zur Hilfe kam?“ Merit verdrehte die Augen und antwortete, als müßte diese Tatsache doch wohl jedem bekannt sein: „Aber das war doch Retenu, der Sohn des Schaichs!“ Lena schwieg einen Augenblick, bis sie diese Mitteilung verarbeitet hatte. „Aber, dann ist das ja der, von dem du gedacht hast, daß mich der Schaich ihm zum Geschenk machen wollte?“ „Genau dieser.“ antwortete Merit mit einem schelmischen Lächeln. „Außerdem sieht es ganz so aus, als ob er sein Geschenk angenommen hätte, sonst wäre Schaich Abdul wohl gestern nacht nicht so enttäuscht abgezogen.“ Verwirrt fragte Lena: „Wer ist Schaich Abdul?“ „Schaich Abdul ist derjenige, dessen Diener dir diese schönen Farben im Gesicht verpaßt hat.“ Erklärte Merit. „Ich habe mich mit den anderen Bediensteten unterhalten und herausgefunden, daß Abdul versucht hat, dich dem Schaich Ibrahim Assiz abzukaufen. Er hat auch erklärt, daß er dich schon auf der Auktion hatte haben wollen, Schaich Assiz ihm aber zuvorgekommen sei. Ibrahim Assiz hat dann dem Schaich Abdul erklärt, daß er nicht verkaufen könne, was ihm nicht gehört und als sich Abdul an Retenu wandte, wies dieser sein Angebot schroff zurück, obwohl es sehr großzügig war.“ Lena schwieg lange und ließ sich die eben erfahrenen Neuigkeiten durch den Kopf gehen. Sie war jetzt also das „Eigentum“ des schönen Fremden. Retenu, ein alter ägyptischer Name. Was würde er von ihr erwarten? Würde er sie als Dienerin betrachten? hatte er einen Harem? Würde er sich einfach nehmen, was sie ihm freiwillig nicht geben würde? Sie wandte sich mit weiteren Fragen an Merit und während diese ihre Blessuren behandelte, erfuhr Lena mehr und mehr über ihren neuen „Herrn“. Er hatte Englisch , Deutsch und ein wenig Französisch gelernt. Hatte zwei Jahre auf einem englischen Internat verbracht, war aber, da er es fern der Heimat nicht aushielt vorzeitig nach Ägypten zurückgekehrt und war dann hier von Hauslehrern weiter unterrichtet worden. Er war bis zu seinem fünfzehnten Lebensjahr ein ganz normaler Junge gewesen. Dann hatte er durch einen Schock sein Sprachvermögen verloren. Er war dabei gewesen, als ein Lastwagen seine Mutter mitriß und tötete. Der Diener, der damals die Frau des Schaichs zum Einkaufen begleitet hatte, hatte hinterher erzählt, daß er noch nie einen so furchtbaren schmerzerfüllten Schrei gehört hätte, wie ihn der Junge ausstieß, als er seine Mutter in ihrem Blut auf der Straße liegen sah. Danach hatte man ihn nie wieder ein Wort reden hören. Sein Vater hatte ihn zu allen möglichen Ärzten geschickt, doch alle hatten nur mit den Schultern gezuckt und die Reaktion auf den schrecklichen seelischen Schock zurückgeführt. Inzwischen war Retenu ein junger Mann von fünfundzwanzig Jahren und redete immer noch kein Wort. Lena konnte nicht genau analysieren, was sie für Retenu empfand. Einerseits war da auf jeden Fall tiefes Mitgefühl für den Jungen Retenu, der so Schreckliches mitgemacht hatte. Auf der anderen Seite war da ein ganz seltsames warmes Gefühl für den schönen Fremden, der ihr zur Hilfe gekommen war. Dann war da aber auch ein Gefühl von Angst und Zurückhaltung gegenüber dem Mann, der sie jederzeit als sein Eigentum einfordern konnte. Lena wußte, daß die Zeit für eine Flucht langsam knapp wurde. Inzwischen hatte sie ziemlich viele Freiheiten. Sie durfte sich ohne Begleitung im Haus bewegen und den großen Innenhof besuchen wann immer sie wollte und gerade nicht gebraucht wurde. Sie hatte zwei kleine Nebenpforten entdeckt, war aber noch nie alleine in deren Nähe gewesen. Es blieb ihr nichts anderes übrig, als immer wieder wie zufällig an diesen Türen vorbeizuschlendern und zu hoffen, daß eine von ihnen einmal unverschlossen wäre und sie unentdeckt entwischen könnte. Sie wollte gar nicht darüber nachdenken, wie es danach weitergehen würde; es würde sich schon irgendwie ergeben. Sie sprach inzwischen gebrochen Arabisch und würde sich halbwegs durchfragen können bis zu irgendeiner für sie brauchbaren ausländischen Botschaft. Dort würde man ihr dann hoffentlich weiterhelfen. Lena hatte natürlich auch schon darüber nachgedacht, ob Kai oder ihre Großmutter es irgendwie bewerkstelligen würden, ihr von außerhalb Hilfe zu schicken; diese Hoffnung hatte sie aber bald aufgegeben. Zu verschlungen waren die Pfade der Mädchenhändler um sie bis hierher verfolgen zu können. Auch versuchte sie die Erinnerungen und Gefühle aus der Vergangenheit soweit wie möglich zurückzudrängen, da sie jedesmal in tiefe Melancholie verfiel, wenn sie daran dachte, daß sie vielleicht ihre Heimat, ihre Oma und Kai niemals wiedersehen würde. Merit riet Lena sich noch etwas auszuruhen und die Salbe wirken zu lassen, danach verließ sie leise das Zimmer. Lena schloß die Augen und jetzt liefen ihr doch die lang unterdrückten Tränen über die Wangen. Ihre Fluchtgedanken hatten unweigerlich auch die Gedanken an die Heimat geweckt. An das kleine Haus ihrer Großmutter, an ihre letzte Nacht mit Kai, an seinen verwirrenden, langersehnten Antrag ..... Lena vergrub ihr Gesicht in den weichen Seidenkissen ihres Diwans und weinte bitterlich, während Merits Salbe einen hässlichen Fleck auf der teuren Wäsche hinterließ. Vorsichtig legte sich eine sanfte Hand auf ihre Schulter. In der Annahme es sei Merit, die doch noch einmal zurückgekommen sei, drehte Lena leicht ihren Kopf und schmiegte trostsuchend ihre heile Wange an die warmen Finger. Dann fuhr sie erschrocken zurück und setzte sich auf, denn diese feingliedrige und doch kräftige Hand war keine Frauenhand. Es war Retenu, ihr „Herr“. In Lena sträubte sich alles, dieses Wort auch nur zu denken. Aber er saß nun einmal da auf ihrem Diwan und sie mußte wohl oder übel gute Miene zum bösen Spiel machen, solange sie keinen Ausweg aus dieser unmöglichen Situation gefunden hatte. Retenu hatte seine Hand zurückgezogen und sah sie enttäuscht an. Er konnte wohl auch kaum die gegensätzlichen Gefühle verstehen, die seine Anwesenheit in Lena auslöste, verstand sie die meisten davon ja selbst kaum. Er machte ein paar Gesten, die Lena aber nicht verstand. Dann deutete er Lena ebenfalls mit Gesten an, einen Augenblick zu warten. Er verließ den Raum nur um kurz darauf wieder zu erscheinen mit einem Block und einem Bleistift in der Hand. Er nahm wieder auf dem Diwan neben Lena Platz. Eilig kritzelte er ein paar Sätze auf das Papier und schob den Block samt Bleistift dann Lena hin. Lena blinzelte überrascht, denn da stand tatsächlich in perfektem Deutsch geschrieben: „Kleine Katze, ich bitte dich sehr mir nicht böse zu sein. Ich hatte keine Ahnung, was mein Vater im Sinn hatte, als er mir erzählte, daß er mir ein ganz besonderes Geschenk machen wolle. Vielleicht können wir uns ja besser kennenlernen und bis dahin freundschaftlich miteinander umgehen?“ Lena wußte nicht, weshalb er ihr den Namen „Kleine Katze“ verpaßt hatte, aber im Moment war ihr das auch ziemlich egal. Was sie jetzt sagen würde war unvernünftig und utopisch, daß war ihr klar, aber sie konnte den Impuls diese Forderung zu stellen einfach nicht unterdrücken. „Retenu, wenn du meine Freundschaft willst und meine Dankbarkeit, dann schenk mir meine Freiheit. Kein Mensch ist dazu geboren eines Anderen Sklave oder Eigentum zu sein. Ich habe mein eigenes Leben und meine Familie in meiner Heimat zurückgelassen und ich möchte dahin zurückkehren wo ich zuhause bin.“ Lena betonte diese Worte eindringlich. Sie fühlte sich im Recht und sah trotzig zu Retenu auf, der sich stolz aufgerichtet hatte. Ein verschlossener Zug hatte sich auf sein schönes Gesicht gelegt und diesmal überlegte er lange, ehe er wieder etwas auf den Block schrieb. Erst nach einer guten Weile hörte er auf zu schreiben und reichte Lena den Block zurück. Lena las die Worte und sie verschwammen ihr vor den Augen. Die Hoffnungen, die sie in Retenus zum Teil westliche Erziehung gesetzt hatte, schwanden dahin als sie die Zeilen las. „Es tut mir leid, aber diese Bitte kann ich dir nicht gewähren. Ich kann dir deine Freiheit nicht geben. Du gehörst mir und wir müssen versuchen das Beste aus dieser Situation zu machen. Du hättest es durchaus schlechter treffen können. Denk nur an Schaich Abdul! Ich habe dir geholfen und wegen dir sogar den Gast meines Vaters brüskiert. Ich werden dir Zeit geben mich näher kennenzulernen, ich werde dich zu nichts drängen, aber ich werde dich nicht gehenlassen.“ Damit wandte er sich um und verließ Lena. Das große rosa Kissen, welches sie ihm wütend nachwarf, traf nur noch die bereits hinter ihm zugefallene Türe. Lena ließ sich zurücksinken und wußte nicht, ob sie vor Zorn weinen, oder vor Erleichterung lachen sollte. Sie wußte nun zwar, daß Retenu keinesfalls vorhatte auf seinen Besitzanspruch ihr gegenüber zu verzichten, aber immerhin hatte er anscheinend nicht vor sie zu irgendetwas zu zwingen, was sie nicht wollte – jedenfalls vorerst noch nicht...


Das Geschenk

Am nächsten Tag sah Lenas malträtierte Wange schon wesentlich besser aus. Merits Wundermittel hatte anscheinen besser gewirkt, als es gerochen hatte. Zufrieden begutachtete Merit den Erfolg ihrer Behandlung, dann begann sie Lenas Haar zu bürsten und plauderte nebenbei über den vergangenen Abend. „Es war sehr mutig und auch ungewöhnlich, daß der Herr Retenu dir zur Hilfe gekommen ist. Immerhin ist Schaich Abdul ein wichtiger und hochangesehener Mann. Dein Tanz muß Retenu sehr gut gefallen haben, sonst hätte er Abdul sicherlich nicht beleidigt, indem er so brüsk ablehnte dich ihm zu verkaufen.“ Mißtrauisch starrte Merit auf Lena hinab, denn es war ihr inzwischen aufgefallen, daß das Mädchen trotzig schwieg. „Was ist los? Du bist doch sonst nicht so still?“ Fragte sie lauernd. Lena sprang auf, daß der armen Merit die Bürste aus der Hand flog und begann wie eine Tigerin im Käfig im Zimmer auf und ab zu gehen. „Ich will niemandem gehören!“ Rief sie zornig. „Und ich will ihm keinen Dank schulden, nicht ihm!! – Und doch tu` ich es. Ich weiß einfach nicht wie es weitergehen soll, oh Merit! Ich will nach hause! Ich will heim!“ Nach diesem Ausbruch sank Lena weinend auf den Diwan nieder und Merit eilte zu ihr und nahm sie tröstend in die Arme. Während ein weises Lächeln über ihr Gesicht geisterte sprach sie sanft auf das weinende Mädchen ein: „Kind, du kannst dein Schicksal nicht ändern. Ich verstehe, daß es für dich als Europäerin eine ganz außergewöhnliche Situation ist, aber du mußt versuchen dich anzupassen, sonst wirst du deine Lage nur verschlimmern.“ Merit überlegte eine Weile und stellte dann ihre Fragen, auf die sie die Antworten schon im Voraus ahnte. „Hast du Retenu nach dem Tanz noch einmal gesehen?“ Lena schniefte an Merits Schulter und nickte stumm. „Hat er sich mit dir verständigt?“ Wieder ein Nicken. „Hat er versucht dich zu etwas zu zwingen? War er grob zu dir? War er unfreundlich oder hat er dich als Sklavin behandelt?“ Lena schüttelte mehrmals den Kopf. „Also hat er dich weder beleidigt noch mißhandelt. Kind sei froh, daß du ihn als Herrn hast. Kein anderer hätte sich für eine Sklavin so eingesetzt wie er und kein anderer würde so viel Verständnis aufbringen. Du mußt dir darüber im Klaren sein, daß wir hier nicht im einundzwanzigsten Jahrhundert leben. Mancherorts ist hier die Zeit stehengeblieben. Merke dir, daß Frauen hier meist Menschen zweiter Klasse sind und finde dich damit ab, daß du sogar noch Glück im Unglück hattest.“ Lena hatte sich aufgesetzt und wischte trotzig die Tränen von ihren Wangen. „Ja, Merit, du hast recht. Kommt Zeit kommt Rat. Ich werde das Beste aus meiner Situation machen und wenn Retenu wirklich etwas für mich übrig hat ....“ den Rest des Satzes vollendete Lena nur in ihrem Denken – „werde ich es schon irgendwie schaffen ihn zu überlisten und ihm zu entkommen.“ – . Mit einem unschuldigen Lächeln schaute sie zu Merit hin, denn ihr war klar, daß die Dienerin sie zwar gut leiden mochte, einen Fluchtplan aber niemals unterstützen würde. Dazu war sie viel zu sehr loyale Dienerin des Hauses Assiz. Tage und Wochen gingen vorüber und Lena begann sich an den Alltag im Hause Assiz zu gewöhnen. Sie half beim Servieren des Essens und wenn der Schaich Gäste hatte, mußte sie tanzen. Ansonsten hatte sie wenig Pflichten und viel freie Zeit. Ihr Arabisch besserte sich von Tag zu Tag und Merit war voll des Lobes für ihre Fortschritte. Ihre Gefühle für Retenu blieben zwiespältig, obwohl sie seine Besuche als willkommene Abwechslung im täglichen Einerlei herbeisehnte. Er fragte sie viel über ihre Heimat und ihr Leben vor der Entführung aus, aber jedesmal wenn er merkte, daß sich ihre Mitteilungsfreude in Melancholie umwandelte, wechselte er rasch das Thema. Merit wohnte den Zusammenkünften von Retenu und Lena als so eine Art Anstandsdame bei und warf manch neugierigen Blick auf das Paar, da sie ja die deutsche Sprache nicht beherrschte. Bei Lenas abendlichen Tänzen richteten sich Retenus Blicke des öfteren begehrlich und intensiv auf Lenas grazilen Körper, doch bei seinen Besuchen trat er ihr niemals zu nahe; auch nicht, wenn Merit sie zeitweilig alleine ließ. Es schien Lena, als versuchte er ernsthaft ihr Mißtrauen zu zerstreuen und ihre Freundschaft zu gewinnen. Doch jedesmal, wenn sie sich in seiner Gegenwart kurz entspannte, tauchte irgendwann wieder das Wort „Besitz“ in ihrem Denken auf und sofort wurde sie wieder zurückhaltend und kühl ihm gegenüber. Eines Tages betrat Retenu mit einem strahlenden Lächeln Lenas Zimmer. Merit warf ihm einen verschwörerischen Blick zu und verließ den Raum. Lena ließ ihre arabischen Vokabeln sinken und sah erwartungsvoll zu Retenu auf. Er nahm sie bei der Hand und bat, sie mit einer kleinen Verbeugung und einer Geste, mit ihm zu kommen. Als sie das Haus verließen und den prächtigen Innenhof betraten, trat auch Merit wieder zu ihnen und genoß in vollen Zügen Lenas totale Überraschung und ihr Entzücken, als ein Diener mit einem wunderschönen, arabischen Pferd hinter einem der Bäume hervortrat. Lena ließ Retenus Hand los und sah ihn fragend an. Mit einer weiteren Geste erlaubte er ihr, auf das Tier zuzugehen und es näher zu betrachten. Es war eine zierliche, dunkelbraune Stute, die sofort vertrauensvoll ihre weiche Nase in Lenas ausgestreckte Hand schmiegte. Merit war hinter Lena getreten und sagte ihr leise ins Ohr: „Dies ist ein Geschenk von Retenu an dich. Ich hoffe, es gefällt dir?“ Lena wirbelte herum und fiel Merit um den Hals. Doch diese schob sie lachend von sich und bemerkte: „Du bedankst dich bei der falschen Person,“ und mit einem schrägen Kopfnicken deutete sie auf Retenu, der erwartungsvoll auf Lena blickte. Zögernd ging sie auf den Sohn des Schaichs zu und legte beide Hände auf seine Schultern. „Ich kann so ein wundervolles Geschenk doch gar nicht .....!“ weiter kam sie nicht, denn Retenu zog sie in seine Arme und in einem stummen Lachen vibrierten seine breiten Schultern. Lena wußte nicht, warum sie plötzlich so atemlos war. War es, weil er sie so fest an sich drückte, oder woher kam sonst dieses seltsame Gefühl, als ob jemand ihr Herz zusammenpressen würde? Nur widerwillig ließ Retenu sie aus seinen Armen, als er spürte, wie sie sich in ihnen versteifte und als er in ihre Augen sah, war wieder die übliche Distanziertheit in ihnen. Der Diener hatte das Pferd durch eine der zwei kleinen Pforten wieder hinaus geführt, welche die Freiheit bedeuteten und Lenas kurze Freude war dem Bewußtsein gewichen, in welcher Situation sie sich wirklich befand. Diese Pforte war für sie die Grenze ihrer Welt. Sie trat einen Schritt zurück um Retenus verwirrender Nähe zu entkommen. Retenus Gesicht spiegelte seine Enttäuschung wieder. Er wandte sich an Merit und nachdem er sich mit ein paar Gesten mit ihr unterhalten hatte, verließ er, ohne Lena noch einmal anzusehen, den Innenhof. Merit bedeutete Lena stumm, ihr zu folgen und schweigend gingen sie zurück zu ihren Räumen.


Der Fluchtversuch

Die Nacht bescherte Lena wirre Träume. Sie saß, ähnlich wie bei ihrem anderen Traum, auf einer Treppe, die zum Nil hinabführte und betrachtete den wunderbaren Sonnenuntergang, als plötzlich eine Feluke mit blutroten Segeln durch das Papyrusschilf auf sie zusteuerte. An Deck stand Kai und streckte flehentlich die Arme nach ihr aus. Als er nahe genug war, reichte Lena ihm im Traum die Hände, als er sie jedoch zu sich aufs Boot zog, zögerte sie und begann sich zu wehren. Es war zu spät; mit einem triumphierenden Lachen zog Kai sie an sich, und als sie den Kopf hob, um ihn anzusehen, blickte sie in die bösartigsten Augen, die sie jemals gesehen hatte, der Diener Abduls! Schweißgebadet schreckte Lena aus dem Schlaf. Es war noch dunkel im Raum, doch plötzlich flammte das Licht auf. Mit einem aufmunternden Lächeln blickte Merit auf sie herab. „Zeit zum Aufstehen meine Kleine!“ Verschlafen rieb sich Lena die Augen und bemerkte mit einem Blick zum Fenster: „Es ist doch noch stockdunkel draußen, was ist denn los?“ Merits Lächeln wurde, wenn möglich, noch breiter, und sie erklärte Lena, daß ihr Geschenk draußen warte, um einen Ausritt mit ihr zu unternehmen, solange der Morgen noch angenehm kühl wäre. Lenas Ungläubigkeit machte der Vorfreude Platz und sämtliche Lebensgeister erwachten augenblicklich. Sie war in kürzester Zeit aus dem Bett gesprungen und hatte sich gewaschen und gekämmt. Plötzlich wurden ihre Bewegungen langsamer und sie drehte sich mit fragendem Blick zu Merit um, die in einer Truhe mit Kleidern stöberte. „Merit, woher wußte Retenu denn überhaupt, daß ich mich für Pferde interessiere? Und woher wußte er, daß ich reiten kann?“ Merit setzte ihre übliche geheimnisvolle Miene auf und antwortet Lena, daß sie noch ziemlich wenig über Retenu wüßte, im Gegensatz zu Retenus Wissen über sie. „Er hört dir genau zu, wenn du von deiner Heimat erzählst und von dem, was du vorher alles getan und unternommen hast. Und was er nicht von dir erfährt, versucht er von den Dienern oder von mir zu erfahren. Du solltest stolz sein, daß er dir soviel Interesse entgegenbringt.“ In Lena stieg schon wieder ein gewisser Trotz auf, „aha, nachspionieren tut er mir....“, aber auf Merits strengen Blick hin, verkniff sie sich den Rest des Satzes. Außerdem war die Freude, endlich einmal die Mauern dieses Hauses verlassen zu dürfen, viel zu groß, als daß man sie sich durch kleinliche Gefühle trüben lassen durfte. Zudem schwebte in ihrem Hinterkopf immer der Gedanke an eine Chance zur Flucht. Beinahe wäre Lena doch noch Opfer der Enttäuschung geworden, denn die Kleidertruhe enthielt natürlich absolut keine Kleidung, welche zum Reiten geeignet gewesen wäre. Während Merit und Lena sich ratlos anblickten, klopfte es an der Türe und auf ihre Aufforderung betrat ein Diener Retenus den Raum. Mit einer Verbeugung und einem Grinsen überreichte er Lena ein Paket, und soviel sie mit ihrem inzwischen passablen Arabisch verstand, teilte er ihr mit, daß dies ein wohl notwendiges Geschenk von seinem Herrn sei. Sobald der Diener das Zimmer verlassen hatte, riß Lena ungeduldig das Päckchen auf und entnahm ihm mit einem freudigen Seufzer eine schwarze Reithose und eine helle Jacke. Erfreut klatschte Merit in die Hände und meinte, daß ja nun dem Ausritt nichts mehr im Wege stünde. Sie begleitete Lena durch das Haus, den Innenhof und durch die heute unverschlossene Seitenpforte ins Freie. Lena nahm einen tiefen Atemzug und schaute mit leuchtenden Augen um sich. Die Sonne schickte gerade ihre ersten, rotgoldenen Strahlen über die exotische Landschaft. Das Anwesen der Assiz` schien fast am Ende der Stadt zu liegen. Links von Lena standen vereinzelte Villen und Häuser, die sich in der Entfernung verdichteten; aber nach rechts fiel ihr Blick auf einen spärlicher werdenden Grünstreifen mit vereinzelten Dattelbäumen und Palmen; dahinter nur noch auf Sand, Dünen und schroffe, rotgoldene Felsformationen. Dies alles schien wie ein etwas unrealistisch wirkendes Spiel aus Licht und Schatten, da die noch junge Sonne alles in ein seltsames Zwielicht tauchte. Lena wurde aus ihrem träumerischen Zustand gerissen, als sie Geräusche hörte und dann hätte sie sich beinahe wieder in ein Märchen aus tausend und einer Nacht versetzt gefühlt, als sie Retenu auf sich zugeritten kommen sah. Er trug weiße, orientalische Kleidung, die im der frühen Brise wehte, und unter seinem ebenfalls weißen Turban hatten sich verwegen sein paar Strähnen seines langen, schwarzen Haares hervorgestohlen. Er saß auf einem weißen Araberhengst von bestechender Schönheit, der widerspenstig den Kopf schüttelte, so daß seine lange Mähne im Wind flatterte. Neben sich führte er am Zügel die schöne dunkelbraune Stute. Ein Lächeln erhellte seine oft so ernsten Züge, als er Lena, vom Rücken seines Pferdes aus, die Zügel in die Hand drückte. Noch ehe er Anstalten machen konnte, abzusteigen und Lena in den Sattel zu helfen, hatte sie bereits den Fuß in den Steigbügel gestellt und hatte sich in den ungewohnten, arabischen Sattel geschwungen. Sie war auch in Deutschland geritten, hatte aber vor dem Abitur damit aufgehört, da sie sich hatte auf die Schule konzentrieren müssen. Allerdings konnten ihrer Ansicht nach weder die deutschen Pferde, noch deren Ausrüstung mit dieser Pracht hier mithalten. Während Lena noch in den Anblick des wundervoll verzierten Zaumzeugs und des samtenen Sattels vertieft war, setzte sich ihre Stute ungeduldig in Bewegung und sie bemerkte überrascht, daß Retenu schon ein gutes Stück vor ihr auf die Dünen zugaloppierte. Sie gab der Stute die Zügel frei und bald hatte sie Retenu eingeholt, der in etwas langsamerer Gangart auf sie wartete. Retenu schenkte ihr einen anerkennenden Blick, als sie neben ihm angekommen war, und seltsamerweise erfüllte es sie mit Stolz, seine Bewunderung errungen zu haben. In ruhigerem Tempo ritten sie nun nebeneinander her. Lena konnte nicht umhin, sich immer wieder umzusehen, hatte aber wenig Sinn für die einsame Schönheit der Wüstenlandschaft, sondern mußte immer wieder denken, wie trügerisch nahe ihr in diesen Momenten die Freiheit schien. Allerdings durfte sie Retenu nicht unterschätzen. Sie wußte genau, daß er das schnellere Pferd hatte und bei einem Fluchtversuch sie jederzeit einholen würde. Nein, sie mußte auf eine andere Gelegenheit warten. Sie schüttelte die trüben Gedanken ab und nahm sich vor, den Ausflug in die faszinierende Welt außerhalb der Villa einfach ohne Hintergedanken zu genießen. Die Sonne ging inzwischen als glühender Ball über den Felsen auf und tauchte die Welt in ein Spektrum von Farben. Lena zügelte die Stute und schaute fasziniert auf das wundervolle Bild, das die Landschaft bot. Die Schatten der Felsen von tiefem Violett, die Felsen selbst golden, ihre Ränder rot umrissen und der Himmel in allen Farbtönen von Rosa bis Purpur, Lena fühlte sich wie mitten in einem Regenbogen. Retenu hatte seinen Hengst neben ihr gezügelt und wies mit der Hand auf eine schräg vor ihnen liegende Tempelruine, die Lena noch gar nicht gesehen hatte. Es standen nur noch ein paar abgebrochene Säulen und ein Stück Mauer. Retenu winkte Lena, ihm zu folgen und ritt auf das Gemäuer zu. Vor den Säulen stieg er ab und half auch Lena aus dem Sattel. Zu Lenas Erstaunen war aus der Nähe doch mehr von dem Tempel erhalten, als sie gedacht hatte, es war sogar noch ein Stück des Daches da und verblasste Zeichnungen und Hieroglyphen bedeckten die uralten Wände. Retenu führte die Pferde in den Schatten der Mauer, dann winkte er Lena zu sich. Sie fragte sich, was er da wohl tue, als er plötzlich zu ihrem großen Erstaunen aus einer schattigen Ecke eine Art Truhe hervorzog. Sie war vollends sprachlos, als Retenu diese öffnete und ihr eine prachtvolle Decke entnahm, die er auf dem Boden im Schatten ausbreitete, und auf die er nacheinander alle möglichen Köstlichkeiten zauberte. Retenu hatte wohl die Kiste von einem dienstbaren Geist hier deponieren lassen, und es konnte gar nicht zu lange her sein, denn die Limonade, die er Lena reichte, war noch wunderbar kühl. Während sie aßen und tranken, fragte Lena Retenu über die Pferde aus und erfuhr, daß ihre Stute Aisha und sein Henst Abu hieß und daß er die Stute extra für sie von einem bekannten Pferdezüchter gekauft hatte. Die Unterhaltung lief ganz gut, denn wenn Retenu eine Frage nicht mit ja oder nein beantworten konnte, konnte er die Antwort mit den Fingern in den weichen Sand schreiben. Nach dem Essen lehnte sich Lena in wohliger Mattigkeit an die kühle Mauer. Die Sonne war inzwischen so hoch gestiegen, daß man sie durch das defekte Dach sehen konnte und es wurde auch immer wärmer. Da Retenu sie in guter Laune wußte, begann er Fragen über ihre Vergangenheit in den Sand zu schreiben und auch als sie immer einsilbiger wurde, fragte er heute energisch weiter. Er wollte einfach alles über Lenas Leben wissen. Der junge Ägypter war fasziniert von diesem außergewöhnlichen, goldhaarigen Mädchen, das manchmal so natürlich und manchmal so kratzbürstig wie eine Wildkatze sein konnte. Seine Gedanken schweiften, seit sie im Haus seines Vaters weilte, oft zu ihr und er hätte zu gerne ihre Zurückhaltung und ihr Mißtrauen besiegt. Er fragte immer weiter und wollte schließlich wissen, ob Lena zuhause jemand Männliches habe, der auf sie warte. Als Lena aber merkte, daß er versuchte ihren Schutzwall zu durchdringen, übermannte sie plötzlich wieder der Zorn auf den Mann dessen Besitz sie war, der ihr Schicksal in der Hand hatte und aus irgendeinem ihr selbst unklaren Grund wollte sie ihm wehtun. Zornig schrie sie ihn also an. „Ich werde dir nie gehören, denn mein Herz ist schon vergeben. Nie werde ich an einen anderen Mann auch nur denken und dir werde ich weder mein Vertrauen schenken, noch meine Freundschaft. Du bist schuld, daß ich aus allem herausgerissen wurde, was ich kannte und liebte. Du bist schuld, daß ich nie wieder nach hause zurückkehren kann....du bist schuld .....“ Der Rest ihrer Beschuldigungen ging in einem lauten Schluchzen unter und sie barg das Gesicht in den Händen. Sie sah nicht die Bestürzung in Retenus Zügen und auch nicht wie seine Miene nach einem kurzen Anflug von Verzweiflung wieder verschlossen wurde. Lena wußte selbst nicht mehr, ob sie aus Wut auf Retenu weinte, aus Wut auf das Schicksal, oder aus Wut auf sich selbst. Es war ihr auf jeden Fall klar, daß sie ungerechterweise all Ihre Verzweiflung an Retenu ausgelassen hatte, dem sie eigentlich dankbar sein sollte. Immerhin behandelte er sie viel besser, als es einer Sklavin zukam. Als ihr Schluchzen verebbte und sie den Kopf hob, sah sie, daß Retenu mit angespannter Miene den Kopf lauschend zur Seite geneigt hatte. Lena schüttelte ihre Verzweiflung ab, horchte ebenfalls und hörte ein ihr fremdes Geräusch, das sie nicht einordnen konnte. Es klang wie ein fernes Heulen und fragend sah sie Retenu an, der ein undurchdringliches Gesicht machte. Das Geräusch kam näher und klang so unheilvoll, daß sie unwillkürlich näher an den jungen Mann heranrückte. Innerhalb von Sekunden verdunkelte sich plötzlich die Sonne und als Lena den Blick durch das malade Dach zum Himmel richtete, sah sie riesige dunkle Wolken von Sand. Das Heulen schwoll zu einem ohrenbetäubenden Krach an und der Sand begann von allen Seiten, durch jede Lücke im Gemäuer, auf sie einzupeitschen. Trotz ihres vorangegangenen Angriffs auf ihn zog Retenu Lena fest in seine Arme und bedeckte sie beide schützend mit dem weiten Umhang seines Gewandes. Auch die Pferde drängten sich unruhig scharrend und mit den Köpfen schlagend dichter in den Schutz der Mauern. Lena klammerte sich an Retenu, wie eine Ertrinkende ans rettende Ufer und zitterte vor Angst. Sie hatte noch nie so einen Aufruhr der Elemente erlebt und einen Sandsturm höchstens mal im Fernsehen gesehen. Retenu hielt sie weiter an sich gepreßt und berührte mit seinen Lippen beruhigend ihre Stirn. Ihre Angst ließ etwas nach und als sie seine Wange an ihrem Haar spürte, hatte sie unerklärlicherweise mitten in der Katastrophe das Gefühl, als könne ihr nie wieder etwas Böses geschehen. Ihr plötzlicher, ungerechtfertigter Zorn von vorhin war schon lange verflogen. Unter dem Schutz von Retenus Umhang hob Lena ihr Gesicht zu ihm empor und sah ihn zum ersten mal voller Vertrauen an. Retenu schob sie ein Stück von sich und schaute mit ungläubigem Blick tief in ihre samtbraunen Augen, dann riß er sie heftig an sich und sie versanken in einem Kuß, der so ungestüm war, wie der Sandsturm, der um sie herum tobte. Lena wünschte sich, daß dieser Augenblick niemals enden würde, denn in diesen Sekunden der Leidenschaft, waren plötzlich all ihre Zweifel verschwunden und kein Gedanke an die Vergangenheit hatte in ihrem aufgewühlten Herzen Platz. So plötzlich, wie der Sandsturm begonnen hatte, ebbte er auch wieder ab. Mit der Stille, die einkehrte, blickte Retenu Lena wie ein aus tiefem Schlaf Erwachender an und ließ sie aus seinen Armen gleiten. Als sie sich wieder an ihn schmiegen wollte, wich er zurück und sie erschrak vor dem zornigen Blick in seinen Augen. Was hatte sie falsch gemacht, was war passiert? „Retenu!“, sie streckte ihm bittend ihre Hand entgegen, doch er schüttelte seinen Umhang aus, ging zu den Pferden, und bestieg ohne sich nach ihr umzusehen seinen Hengst. Ernüchtert und in die Realität zurückgekehrt beeilte sich Lena ihre Stute zu erreichen und ihm zu folgen. Sie konnte es kaum fassen, daß sie sich in einem Moment der Angst einfach ihrem „Besitzer“ an den Hals geworfen hatte; oder waren es ganz andere Gefühle als Furcht gewesen, die sie zu diesem Fauxpas verleitet hatten?


Die Gefangennahme

Retenu war schon fast außer Sichtweite und entschlossen schüttelte sie diese unmöglichen Gedanken ab. In ihrer momentanen seelischen Verfassung hätte Lena beinahe übersehen, daß sich so eine gute Gelegenheit zur Flucht vielleicht nie wieder ergeben könnte. Schnell bestieg sie die nervös tänzelnde Stute und versuchte sich vom Sattel aus zu orientieren. Retenu war nur noch als schwarzer Punkt in weiter Entfernung zu sehen. Lena ging davon aus, daß er zurück zur Villa ritt und lenkte ihre Stute in die Richtung, in der sie die Ausläufer der Stadt vermutete, um in einem Bogen die Innenstadt zu erreichen. Vielleicht würde sie von Verfolgern solange verschont bleiben, bis sie die deutsche oder amerikanische Botschaft erreicht hatte. Sie ließ die Stute in eine schnelle Gangart verfallen und duckte sich auf deren Rücken, um den immer noch vereinzelt fliegenden Sandkörnern zu entgehen. Das Pferd flog nur so dahin und Lena meinte schon in der Ferne die ersten vereinzelten Gebäude von Assuan zu erkennen, als plötzlich und unvermittelt die Stute strauchelte und Lena brutal aus dem Sattel geschleudert wurde. Als sie unter Schmerzen versuchte sich aufzurappeln, entdeckte sie den Grund für ihren Sturz: über den sandigen Boden war von einem Felsen zu einer verkrüppelten Tamariske ein starkes Seil gespannt. Noch ehe sich Lena jedoch einen Reim auf diese Tatsache machen, oder sich aufrichten konnte, wurde ihr von hinten ein grober, staubiger Sack über den Körper gezerrt. Sie wurde unsanft hochgehoben und auf den Sattel eines Pferdes geworfen. Dann wurde sie, wie ein Gepäckstück, auf dem Rücken des Tieres festgezurrt und es begann ein wilder Ritt. Ihr Zeitgefühl ging ihr bald verloren, da sie ständig gegen den Drang sich übergeben zu müssen ankämpfen musste und ihr vom vorangegangenen Sturz alle Knochen weh taten. Irgendwann wurde ihr Tier langsamer, es hielt an und ihre Verschnürung wurde gelöst. Sie spürte mehrere Hände und hörte die Stimmen von zwei Männern, als sie vom Pferd gehoben wurde. Einer der Männer warf sie sich über die Schultern und nach ein paar Schritten spürte Lena die Wärme der Sonne nicht mehr. Es hörte sich an, als ob sie eine Art von Höhle betreten hätten, denn die Schritte der Männer hallten von den Wänden zurück. Lena spürte deutlich, daß sie viele Stufen hinuntergetragen wurde, dann ließ man sie unsanft zu Boden fallen. Da sie nicht mehr gefesselt war, befreite sie sich von ihrer staubigen Umhüllung und mußte ein paar Mal blinzeln, ehe sie etwas sehen konnte. Dann wich sie sofort voller Entsetzen zurück, denn im Licht einer Gaslaterne, die auf dem Boden stand, erkannte sie den Mann aus ihren Alpträumen. Seine haßerfüllten Augen ruhten voller Triumph auf ihr. Während sie ängstlich zurückwich, versetzte er ihr einen gemeinen Schlag gegen den Kopf und als sie zusammensank, trat er sie mehrmals in die Rippen. Lena bemühte sich, die Benommenheit nicht die Oberhand gewinnen zu lassen. Sie wollte nicht ohnmächtig werden und diesem Schuft wehrlos ausgeliefert sein. Tapfer biß sie die Zähne zusammen und ertrug den Schmerz klaglos. Die Laterne wurde hochgehoben und in deren Licht konnte Lena die Umrisse einer zweiten Gestalt erkennen. Die Männer unterhielten sich und Lena, deren Arabisch sich inzwischen verbessert hatte, konnte einige Sätze und Wörter aufschnappen und sich zusammenreimen, um was es ging. Der Diener des Schaichs Abdul wies den anderen Mann an, vor Lenas Gefängnis Wache zu halten. Er selbst wollte seinem Herrn von der gelungenen Entführung berichten und bei Einbruch der Nacht zurückkommen, um ohne Zeugen, im Schutze der Dunkelheit, seine Gefangene zum Wohnsitz des Schaichs zu überführen. Zu Lenas vorübergehender Erleichterung kehrten die Männer ihr den Rücken zu und entfernten sich in Richtung der steinernen Stufen, die zum Ausgang ihres Kerkers führten. Abrupt hielt ihr Erzfeind noch einmal an, wandte sich ihr zu und warf ihr, grinsend seine Zahnlücken zeigend, eine Kerze und eine Schachtel Streichhölzer zu. Lena schnappte sich schnell die Utensilien, bevor die beiden Gestalten und mit ihnen das Licht der Laterne verschwanden. Mit zitternden Fingern versuchte sie ein Streichholz anzureißen, was ihr erst nach mehreren Versuchen gelang. Endlich konnte sie die Kerze entzünden und die totale Finsternis, die sie umgab, ein wenig erhellen. Trotz aller Ängstlichkeit und Schmerzen neugierig erhob sich Lena stöhnend, so gut es ging und begann, eine Hand auf die verletzten Rippen pressend, in der anderen die Kerze, die Wände abzuleuchten. Bald wurde ihr klar, daß sie sich in einer der Grabkammern befand, die in Ägyptens Felswänden häufig zu finden waren. Bunte, recht gut erhaltene Wandbemalungen bedeckten die Mauern und erzählten von einer uralten Zeit, von einem menschlichen Schicksal, das hier geendet hatte. Wie würde ihres aussehen? Resigniert ließ sie sich zu Boden sinken und bohrte die Kerze ein Stück in den Sand, damit sie nicht umstürzen konnte.


Die 2. Rettung

Eine endlos lange Zeit schien vergangen zu sein, die Kerze war fast heruntergebrannt, als Lena ein Geräusch zu hören glaubte. Tatsächlich näherten sich Schritte von der Treppe der Grabkammer her. Eine große Gestalt mit der obligatorischen Gaslaterne näherte sich ihr und in der Überzeugung ihren Peiniger zurückkommen zu sehen, kauerte sie sich so klein wie möglich an der Wand zusammen. Sie zuckte entsetzt zurück, als eine Hand sie am Kopf berührte und erst als nichts weiter geschah, getraute sie sich vorsichtig das Gesicht anzuheben und blinzelnd nach oben zu sehen, wo das Gesicht des vor ihr Stehenden von der Laterne beleuchtet wurde. Mit einem Laut der unbändigen Erleichterung und Überraschung stand sie taumelnd auf und sank gegen Retenus Brust. Dieser legte fest die Arme um sie, ob nur weil sie drohte zusammenzusinken, oder auch aus anderen Gründen, wollte keiner der beiden im Moment ergründen. Von ihrem Retter gestützt erreichte Lena den Ausgang des Grabes und stolperte beinahe über den gefesselten Körper ihres Wächters. Eine unschöne Beule auf dessen Stirn deutete auf eine recht unsanfte Behandlung von Retenus Seite hin. An einem dürren Busch waren die Pferde angebunden. Lenas Stute, eine fremdes Pferd und der Hengst Retenus. Der Schaichsohn mußte Lena mehr in den Sattel heben, als daß sie sich selbst hochziehen konnte, denn jetzt machte sich der ausgestandenen Schrecken und die Mißhandlung bemerkbar und Schwäche breitete sich unaufhaltsam in ihren Gliedern aus. Als Retenu dies bemerkte, schwang er sich auf seinen Hengst und zog Lena von ihrem Pferd auf seines. Er setzte sie vor sich in den Sattel und hielt sie wieder fest mit einem Arm umschlungen. Als Lena jedoch seinen Blick suchte, starrte er eisern geradeaus. Er ließ seinen Hengst angaloppieren und im Licht der inzwischen untergehenden Sonne ritten sie, von Lenas Stute gefolgt, in Richtung der Villa Assiz. Im bald darauf erreichten Innenhof warteten schon eine äußerst beunruhigte Merit und ein Diener, der die Pferde in Empfang nahm. Als Retenu, mit einem forschenden Blick auf die zusammengesunken auf dem Tier kauernden Lena, hastig vom Pferd glitt und durch die Seitenpforte eilte, stieß er fast mit Merit zusammen, die erstaunt einen Sprung zur Seite machte um ihm auszuweichen. Sie eilte auf Retenus Hengst zu und nahm Lena am Arm um ihr vom Pferd zu helfen. Der überraschte Diener konnte gerade noch rechtzeitig hinzuspringen um das halb ohnmächtige Mädchen aufzufangen. Die Pferde angebunden zurücklassend half er Merit Lena in ihre Räume zu bringen. Als sie auf ihrem Diwan lag, sah Merit erst, daß ihr Haar blutig war und erschrocken ertastete sie eine große Beule an Lenas Schläfe. Aufmerksam geworden öffnete sie auch Lenas Jacke und Bluse und entdeckte die Prellungen an ihren Rippen und etliche andere Blessuren. Fragend blickte sie auf Lena und man merkte ihr an, daß sie ihre Neugierde kaum im Zaum halten konnte. Als sie jedoch Lenas Blässe und ihre Verwirrung bemerkte, beschloß sie, wenn es ihr auch schwerfiel, ihre Fragen auf einen günstigeren Zeitpunkt zu verschieben. Sie zog ihr die sandigen, verschmutzten Reitsachen aus und versorgte die Verletzungen mit ihren geheimen Kräutermixturen. Noch während die Dienerin mit ihr beschäftigt war hüllte eine befreiende Dunkelheit Lena ein. Der Schock und die Verletzungen forderten ihren Tribut. Sie wurde ohnmächtig. Lange saß Merit noch am Bett ihres Schützlings und erst als ihre Atemzüge ruhig gingen und ihre Ohnmacht in einen sanften Schlaf überging, erhob sich die Nubierin und verließ den Raum. Eine leichte Berührung weckte Lena aus ihrem Schlummer. Sie fühlte eine kühle Hand auf ihrer Stirn. Flatternd hob sie, noch halb im Schlaf befangen, die Lider und blickte in sanfte nachtschwarze Augen. Ein tiefer Atemzug hob ihre Brust und ruhig schlief sie wieder ein. Leise erhob sich Retenu vom Diwan und verließ die Schlafende. Erst am nächsten Morgen, als Lena die Augen aufschlug und nicht mehr diese durchsichtige Blässe zeigte, hielt Merit den Zeitpunkt für gekommen, ihre Fragen zu stellen. „Nun mein Kind, was ist da draußen geschehen? Wo wart ihr solange?“, als sie Lenas unsicheren Blick bemerkte der zwischen Zorn und Verzweiflung schwankte, setzte sie sich auf ein Kissen neben Lenas Ruhelager und wartete einfach ab. „Ich werde einfach nicht schlau aus diesem Mann,“ schimpfte Lena leise vor sich hin, „zuerst versucht er die ganze Zeit mein Vertrauen zu gewinnen und wenn ich dann einen Schritt auf ihn zumache, weicht er einen zurück!“. Merit tippte sich nachdenklich mit dem Finger auf die Nase, „so, du hast also einen Schritt auf ihn zugemacht?“, sie zwinkerte Lena verschwörerisch zu. Sofort wurde Lena gereizt. „Das ist überhaupt nicht komisch; da war der Sandsturm, ich hatte Angst und .....“. Merit winkte beschwichtigend ab,„ja, ja, Kind! Reg dich doch nicht gleich wieder auf. Jetzt erzähl doch mal der guten Merit, was sich dort in der Wüste genau zugetragen hat.“ Lena zögerte nur noch kurz. Früher oder später würde sie es Merit ja doch erzählen. Sie mußte sich mit irgendjemanden darüber unterhalten, sonst würde sie die Wut und die Ängste, die in ihrem Inneren tobten, nie loswerden, ihre auf den Kopf gestellte Gefühlswelt nie entwirren können. Ruhig hörte Merit sich die ganze Geschichte an. Sie unterbrach Lena kein einziges mal, nickte nur hier und da mit dem Kopf oder machte ein nachdenkliches Gesicht. Als Lena schließlich den Bericht beendet hatte, dehnte sich das Schweigen zwischen den zwei Frauen aus, bis es Lena nicht mehr ertragen konnte und sie Merit ungeduldig zurief: „Nun sag schon endlich, was du davon hältst!“ Merit schaute Lena, die sich stöhnend an die schmerzende Schläfe faßte, aufmerksam an und begann dann bedächtig zu sprechen: „Du, hast ihm also von deinem Verlobten in Deutschland erzählt. Du hast ihm gesagt, daß du den Mann immer noch liebst? Du hast ihm vorgeworfen, daß er an deiner ganzen Misere schuld ist, und dann hast du ihn geküßt? Danach versuchst du zu fliehen und wirst prompt von deinem Erzfeind gefangengenommen. Retenu hat anscheinend, trotz aller Widrigkeiten deinerseits, deine Spur aufgenommen, hat sich in höchste Gefahr begeben und dich aus deinem selbstverschuldeten Dilemma befreit. Das ist ja wirklich unverzeihlich von ihm. Nachdem du ihn also zurückgewiesen, gekränkt und in Lebensgefahr gebracht hast, würdest du dich ernsthaft wundern, wenn Retenu sich von dir abwenden würde?“ Lena wurde ganz still. Merits Worte hatten ihr klar gemacht, was sie schon lange selber wußte, sich aber nicht hatte eingestehen wollen – nämlich, daß ihre Wut zum größten Teil ihr selber galt. Sie hatte nur nicht einsehen wollen, daß sie sich total falsch verhalten und Retenu völlig ungerecht behandelt hatte. Verzweifelt sah sie zu Merit auf. „Ich habe wohl so ziemlich alles falsch gemacht, was es falschzumachen gab, was?“ „Nun ganz so schlimm wird es schon nicht sein,“ antwortete die Dienerin, „Vielleicht solltest du einfach mal ehrlich zu dir selber sein und dann auch offen mit Retenu sprechen. Ich denke, daß deine Gefühle für ihn tiefer gehen, als du dir eingestehen willst und solange du das nicht akzeptierst, belügst du vor allem dich selbst.“ Damit verließ Merit den Raum und ließ eine sehr nachdenkliche Lena zurück.

                *

Lena kam die Zeit endlos vor, in der sie nichts von Retenu hörte. Dann kam eines Tages ein Diener des Schaichs und überbrachte ihr die Nachricht, daß sie an diesem Abend tanzen müsse. Lena war beinahe euphorisch, denn sie hoffte, daß Retenu im großen Saal anwesend sein würde. Merit kam vorbei, um ihr bei den Vorbereitungen zu helfen. Lena war so aufgeregt, dass sie nicht stillsitzen konnte, während die Nubierin sie herrichtete und diese sie schalt: „Ein Sack voller Flöhe wäre leichter ruhigzuhalten als du! Sitz still, sonst werden wir nie fertig!“ Würde Retenu da sein? Würde sie ihn mit ihrem Tanz versöhnlich stimmen können? Würde er sie überhaupt beachten, oder würde wieder dieser distanzierte Blick in seinen schwarzen Augen sein? Merit gab sich besondere Mühe mit Lenas Aussehen, denn sie wußte wohl, was diese im Schilde führte. Zufrieden betrachtete sich Lena später im Spiegel. Sie trug eine weite Hose aus durchscheinendem, goldfarbenen Gaze. Der breite Bund umschloß eng ihre Hüften und war mit Perlen verziert. Das knappe goldene Oberteil war ebenfalls mit Perlen bestickt und ihr Haar fiel offen bis fast zur Taille herab. Je eine einzelne große Perle hatte Merit kunstvoll an Lenas Nabel und an ihrer Stirn befestigt. Wenig später betrat Lena, von Merit begleitet, den großen gewölbten Saal, in dem die Gäste sie schon erwarteten. Es hatte sich in Assuan herumgesprochen, daß Schaich Assiz eine ganz besondere Tänzerin besaß und der Schaich betrachtete Lena nicht ohne Stolz, als sie in den Raum trat. Die Gebote, die er für sie bekommen hatte, überstiegen weit den üblichen Preis für Tänzerinnen; doch im Hinblick auf seinen Sohn hatte er alle Angebote vehement ausgeschlagen. Der Schaich besaß außer Lena keine Sklaven mehr. Als Kopte (ägypt. Christ) hatte er schon lange den Sklaven aus seinem Haushalt die Freiheit geschenkt, wobei die meisten davon dann als Diener in seinem Hause geblieben waren. Die Trommel begann ihren Rhythmus und Lena hatte noch kurz Zeit sich umzublicken. Enttäuscht stellte sie fest, daß Retenu nicht anwesend war. Doch mit Entsetzen erkannte sie Schaich Abdul, ziemlich in ihrer Nähe auf einem bequemen Sitzkissen thronend und neben ihm mit finsterem Gesicht seinen unheimlichen Diener. Sein Name war Rasul, das hatte Lena von Merit inzwischen erfahren. Lena hatte sich gefragt, warum nach ihrer Entführung Rasul nicht festgenommen worden war. Aber vermutlich konnte man ihn gar nicht in Verbindung mit dieser Tat bringen, da er bei Retenus Befreiungsakt ja nicht anwesend gewesen war. Lenas Aussage allein, die Aussage einer Frau, noch dazu einer ausländischen Sklavin, würde wohl nicht genügen um irgendwelche rechtlichen Schritte gegen den Diener eines so einflussreichen Mannes wie Schaich Abdul zu rechtfertigen. Die Musik setzte ein, und es blieb Lena nichts anderes übrig, als ihren Tanz zu beginnen. Die ganze Zeit über spürte sie den durchdringenden Blick Rasuls und den begehrlichen des Schaichs Abdul auf sich ruhen und war erleichtert, als sie ohne Zwischenfälle den Tanz beendet hatte und den Saal verlassen durfte. So schnell sie konnte, eilte Lena zurück in ihre Räume, wo sie Merit schon erwartete. „Hast du gewußt, daß sie da sind?“ Merit wußte sofort, wen Lena meinte und antwortete: „Ja, ich hab sie schon vorher gesehen.“ „Warum hast du mir nichts gesagt?“ fragte Lena vorwurfsvoll. „Mein Kind, was hätte dir das genutzt? Du hättest dich nur vorher schon verrückt gemacht und womöglich beim Tanz die Nerven verloren. Lena, denk doch daran, sie dürfen dir nichts tun. Nicht solange du im Hause Assiz weilst. Du stehst unter dem Schutz des Schaichs und Retenus.“ Lena senkte den Kopf und bemerkte leise: „Des letzteren bin ich mir nicht mehr so sicher.“


Der Tempel bei Nacht

Der nächste Morgen ging ereignislos vorüber, aber mittags stürmte plötzlich Merit ins Zimmer, schnappte sich Lena und zog sie ungeduldig zu der Kleidertruhe. „Du mußt dich ganz schnell schön machen! Er lädt dich zu einem Ausflug ein!“ Lena blieb stehen, störrisch wie ein Esel und fragte verwirrt: „Wer lädt mich wohin ein? Was ist denn überhaupt los?“ Begütigend wie bei einem begriffsstutzigen Kind sprach Merit auf sie ein: „Retenu, er lädt dich ein! Und zwar zu einem Ausflug nach Luxor. Näheres hat man mir nicht mitgeteilt, nur das es gleich losgeht. Also beeile dich!“ Jetzt hatte Merits Aufregung auch Lena ergriffen. Sie sagte kein Wort, aber das Leuchten ihrer Augen genügte um Merit ein vielsagendes Lächeln zu entlocken. Sie begann Kleider aus der Truhe zu kramen, während sich Lenas Gedanken überschlugen. Nach Luxor war man über 6 Stunden unterwegs. Sie konnten unmöglich heute noch nach Assuan zurückkehren. Wahrscheinlich würden sie dort übernachten müssen, so blieb ihr viel Zeit um sich womöglich doch noch mit Retenu zu verständigen – auch wenn sie noch nicht genau wußte, wie eine Einigung zwischen ihnen wohl aussehen könnte. Luxor! Das Tal der Könige. der Tempel der Hatschepsut. Wie lange hatte sie davon schon geträumt? Vor lauter Begeisterung fiel Lena gar nicht auf, dass sie keinen Gedanken an die Möglichkeiten zur Flucht verschwendete, die ihr ja dieser lange Ausflug bieten musste. Merit riß sie rücksichtslos aus ihren Träumereien: „Beeile dich, Kind, der Herr wartet schon auf dich!“. Merit wählte für diesen Ausflug ein schlichtes, langes schwarzes Kleid aus, welches keinen Anlaß zum Anstoß bieten würde. In Ägypten waren die Ansichten über knappe Frauenbekleidung noch immer überaus konservativ. Merit scheuchte das Mädchen vor sich her durchs Haus und auf die gekieste Auffahrt. Der Wagen war inzwischen vorgefahren. Es war dieselbe Limousine, mit der sie auch von der Sklavenauktion weggebracht worden war, nur diesmal öffnete ihr der Chauffeur höflich die hintere Tür und mit einem zurückhaltenden Lächeln nahm Retenu sie in Empfang. Merit drückte ihr noch schnell eine kleine Reisetasche in die Hand und, mit einem verschwörerischem Zwinkern, winkte sie Lena zu als der Wagen abfuhr. Eine lange Weile wagte Lena nicht, in Retenus Richtung zu schauen. Seitdem ihr klargeworden war, wie unfair sie sich dem Schaichsohn gegenüber verhalten hatte, hatte sie sich auch zögernd eingestanden, daß ihre Gefühle für ihn sich in gefährlichen Regionen bewegten, was sie ihm gegenüber noch unsicherer machte. Lena starrte immer noch angestrengt schweigend zu ihrem Fenster hinaus, als Retenu sie vorsichtig mit dem Finger antippte. Sein Lächeln war begütigend und erleichtert lächelte Lena zurück. Er begann, sie auf alle möglichen interessanten Einzelheiten am Wegesrand hinzuweisen und hatte aufmerksamerweise nicht vergessen, Block und Bleistift mitzunehmen, um auf ihre Fragen zu antworten. Die Zeit verging Lena wie im Flug, denn es gab viel zu sehen und ihr Blick hing leuchtend abwechseln an Retenu und dann wieder auf dem vorbeigleitenden, im Sonnenlicht glänzenden Nil. Als sie Luxor erreichten, war es gegen 18 Uhr abends. Die Limousine hielt vor einem luxuriösen Hotel an und Retenu reichte Lena die Hand, um ihr aus dem Wagen zu helfen. Etwas beklommen blickte sie auf die gediegene Fassade. Durch die Glastüren konnte man eine äußerst elegante Empfangshalle erkennen und Lena schaute verlegen an ihrem schlichten, schwarzen Gewand herab. Retenu hatte den Blick wohl bemerkt, und mit einem verschmitzten Lächeln öffnete er den Kofferraum des Autos und entnahm ihm ein in Seidenpapier eingewickeltes Paket. Als Lena danach greifen wollte, ließ er es stumm lachend hinter seinem Rücken verschwinden und zog sie hinter sich her durch die gläsernen Türen, über denen in leuchtenden Lettern die Inschrift „Hotel Isis“ prangte. Der Empfangschef, der hinter seiner Ebenholztheke stand, nickte nur stumm in ihre Richtung, als Retenu Lena eilig in einen Aufzug drängte. Im vierten Stockwerk stiegen sie aus und Retenu führte sie zu einer hohen dunkelholzigen Zimmertür mit einer goldenen Klinke. Triumphierend zog er einen Schlüssel aus der Tasche und öffnete sie. Er mußte alles bis ins Detail vorbereitet, an alles gedacht haben. Lena betrat das Zimmer, ließ sich erschöpft auf ein wunderbar breites Bett fallen und ließ den Blick durch den exquisit eingerichteten Raum schweifen. Die Ausstattung war europäisch und sehr elegant gehalten. Die meisten Möbelstücke waren aus dunklem Ebenholz mit Elfenbeinintarsien. Lenas Augen blieben an einer großen Balkontüre hängen und, sofort wieder munter geworden, erhob sie sich von ihrem Lager und betrat durch die von Retenu, der ihrem Blick gefolgt war, bereits geöffnete Türe den kleinen Balkon. Sie konnte einen sehnsüchtigen Seufzer nicht unterdrücken, als sie auf den weit unter sich dahinfließenden schimmernden Nil sah. Im goldenen Zwielicht des späten Abends glitten alle möglichen Wasserfahrzeuge auf ihm dahin, vom kleinen Segelboot, bis zum weißschimmernden Nildampfer. Retenu war hinter sie getreten und sie spürte, wie sein warmer Atem ihren Nacken streifte. Sie konnte ein leichtes Erschauern nicht unterdrücken, konnte sich aber selbst nicht einreden, daß es ein unangenehmes gewesen wäre. Als sie sich ihm zuwandte, konnte sie in seinem Blick, der ebenfalls auf den Fluß gerichtet war, eine ähnliche Begeisterung lesen, wie die ihre. Dann versank sein Blick in ihrem und bevor sich wieder ein Schleier der Zurückhaltung über seine Augen senkte, konnte sie kurz ein undefinierbares, wildes Gefühl in ihnen aufblitzen sehen. Retenu wandte sich ab und ging ins Zimmer zurück. Lena folgte ihm zögernd, da überreichte er ihr in versöhnlicher Geste das Paket, welches er auf einer Spiegelkommode abgelegt gehabt hatte. Aufmunternd machte er ihr Zeichen, es zu öffnen. Er setzte sich auf einen zierlichen Hocker, der so gar nicht zu seiner männlichen Statur passen wollte, und wartete mit Spannung auf Lenas Reaktion auf das Geschenk. Ziemlich ungeduldig riß Lena das schöne Papier in Fetzen und öffnete den Karton. Als sie den Inhalt heraushob, kam sie aus dem Staunen nicht mehr heraus. Retenu hatte wirklich an alles gedacht: das Paket enthielt ein wunderbares beiges Seidenkleid, welches, unter der Brust gerafft, in unzähligen Falten weich und schimmernd bis zu den Knöcheln herabfloß. Dazu gehörte eine taillenkurze pailettenbesetzte Jacke, da in diesem Lande schon bloße Schultern einen Affront gegen die Sitte bedeuten konnten. Sogar an die passenden Schuhe war gedacht worden und bei all dieser Pracht fragte sich Lena auch nicht mehr, woher Retenu oder sein Diener ihre sämtlichen Konfektionsgrößen gewußt haben mochten. Mit einem leisen Lächeln kam ihr Merits verschmitztes Gesicht in den Sinn und Lena fragte sich nun auch sehr verspätet, ob sie und Retenu sich sohl dieses Zimmer teilen würden. Die Frage, ob sie etwas dagegen haben würde, verdrängte sie in den hintersten Winkel ihres Denkens. Der Abend verlief sehr harmonisch und neigte sich für Lenas Begriffe viel zu schnell dem Ende zu. Nach einem wunderbaren Essen dessen Vielseitigkeit Lena verwirrt hatte, führte Retenu, in einen weißen Leinenanzug gekleidet, sie aus dem mit Kerzen beleuchteten riesigen Eßsaal. Sie durchquerten wieder die prächtige Eingangshalle und traten ins Freie. Lena fragte nichts, folgte ihm einfach schweigend und vertrauensvoll... Der Wagen wartete schon und bald, nachdem sie das Stadtgebiet verlassen hatten, fuhren sie durch eine samtene Nacht, die von einem riesigen, silbernen Mond und unzähligen Sternen beleuchtet wurde. Hier blinkten nur noch vereinzelte Lichter von kleineren Behausungen in der Nacht. Die Limousine stoppte und Retenu führte Lena über mehrere breite Stufen zum silberglänzenden Nil hinab. Dort wartete schon eine Feluke und Retenu half ihr das auf den Wellen schwankende Boot zu betreten. Lena hatte noch kein Wort herausgebracht, so hingerissen war sie von der ganzen Szenerie. Der Bootsführer segelte sie schweigend durch das von Silber durchsetzte Dunkel. Auf der anderen Seite des Flusses glitt die Totenstadt vorüber. Lena schwieg weiterhin, es wäre ihr wie eine Entweihung dieser wunderbaren Nacht erschienen, hätte sie in diesem Moment auch nur ein Wort gesagt. Es war alles, wie ein schöner Traum. Als sie das Ufer erreichten, wurden sie von einem Mann erwartet, der drei Pferde am Zügel führte. Lena konnte nicht viel von ihm erkennen, wozu nicht nur die Dunkelheit beitrug, sondern auch seine orientalische Gewandung. Retenu half ihr in den Sattel und kurz sah sie in der Nacht amüsiert seine weißen Zähne aufblitzen, denn es war gar nicht so einfach für sie, das lange Kleid so zurechtzurücken, daß sie – ohne schamlos ihre Beine zu enthüllen – im Sattel Platz nehmen konnte. Willenlos und immer noch wie in einem Traum befangen, ließ Lena ihr Pferd den beiden anderen folgen. Die Sanddünen und Felswände waren vom bleichen Licht des Mondes übergossen und nur selten sah man einige flache, eckige Gebäude, die sich an größere Felsen duckten. Ohne Vorwarnung zügelten die Männer vor ihr ihre Tiere und Lena hatte Mühe, ihr Pferd rechtzeitig anzuhalten. Als sie neben Retenu zum Stehen kam und ihre Begleiter ihr nicht länger die Sicht behinderten atmete sie tief ein und nahm das märchenhafte Bild in sich auf, daß sich ihr bot. Niemals hätte sie gedacht, daß etwas so wunderschön sein könnte.... Obwohl sie schon zig Bilder von diesem Tempel gesehen hatte, wurde doch keines von ihnen dieser Schönheit und Grazie gerecht, die Lena nun vor sich sah: vor ihr, inmitten des silbern glänzenden Wüstensandes, lag der Tempel der Hatschepsut. Von unzähligen Säulen getragen erhob er sich, nur vom blassen Licht de Mondes beleuchtet, terrassenförmig vor der Kulisse der schroffen Steilwände hinter ihm. Einst von einer ägyptischen Prinzessin erbaut, die sich selbst zum Pharao krönte, gemahnte er tausende von Jahren nach ihrem Tod noch immer an ihre einstige Macht. Eine lange, mächtige steinerne Rampe führte bis zur obersten Stufe des Terrassentempels empor. Zu Hatschepsuts Zeiten waren der ganze Palast und die Wüste darum von Blumen und Pflanzen in perfekt angelegten Gärten umgeben gewesen und in dieser Nacht, im silbernen Licht des Mondes und dem verhüllenden Samt der Nacht, konnte man die Oede der Wüste rundherum vergessen, und sich in die damalige Pracht zurückversetzt fühlen. Wie verzaubert ging Lena neben Retenu her über die Rampe. Der Führer war mit den Pferden zurückgeblieben und es war für die junge Frau wie eine Reise in die Vergangenheit: sie war Hatschepsut, die mächtige Pharaonin und Retenu war Senmut, Hofarchitekt, Berater und heimlicher Geliebter der faszinierenden Königin. Retenu führte Lena durch alle begehbaren Räume des Tempel, was leider nicht sehr viele waren, da einiges hier von Archäologen erst wieder in einen stabilen Zustand gebracht werden mußte. Fasziniert betrachtete sie in der hellen Mondnacht die Zeichnungen und Hieroglyphen, die es hier in großer Menge zu bewundern gab. Die Zeit verging wie im Flug und Lena konnte es gar nicht fassen, dass ihr Traum schon endete, als Retenu ihr bedeutete, daß am Horizont schon der neue Tag heraufdämmerte. Langsam, als ob sie beide diese Nacht noch nicht beenden wollten, gingen sie nebeneinander die breite Rampe hinunter und wie von selbst stahl sich Lenas Hand in die von Retenu. Mit verschleiertem Blick sah sie zu dem rätselhaften Mann an ihrer Seite auf und wußte nicht, wie sie ihm für diesen märchenhaften Ausflug danken sollte. Hatte er ihre oft schroffen und unüberlegten Worte verziehen? Warum sonst hätte er sich wohl all die Mühe machen sollen nur um sie zu erfreuen? Es war Lena sowieso unerklärlich, mit welch geheimnisvollen Mitteln man überhaupt die Erlaubnis bekommen konnte, diesen einmaligen Tempel mitten in der Nacht, gänzlich ohne Touristenrummel, besuchen zu dürfen. Sie blickte sich noch einmal um und, ganz im Zauber dieses Augenblickes gefangen, waren für kurze Zeit Lenas sämtliche Zweifel vergessen und sie glaubte sich ihrer Gefühle zu Retenu ganz sicher zu sein. Spontan blieb sie stehen, drehte sich zu Retenu um, legte ihre Hände auf seine Schultern und hauchte ihm einen Kuß auf die Wange. Mit rätselhaftem Blick schauten seine nachtdunklen Augen auf sie herab. Seine Hände hoben sich, ruhten leicht auf ihrer Taille, er neigte seinen Kopf ein wenig und sein langes Haar wehte in einer leichten Brise. Fast schien es, als ob er sie küssen wollte. Er blieb jedoch nur ganz ruhig stehen und sah weiter intensiv in ihre Augen, als ob er irgendetwas in ihrer Tiefe suchen würde. Nach einer Weile, die Lena wie eine kleine Ewigkeit vorkam, ließ er mit einem leichten Kopfschütteln seine Hände von ihrer Taille gleiten und ergriff wieder ihre Hand um den Weg fortzusetzen. Verwirrt und wieder leicht enttäuscht folgte ihm Lena.

                *

Der ganze aufregende Ausflug und die vorhergegangenen Stunden der Anreise forderten ihren Tribut und auf der Heimfahrt zum Hotel schlief Lena wie eine kleines Kind, den Kopf an Retenus Schulter gelehnt, ein. Mit warmem Blick betrachtete der dunkelhaarige Mann den rotgoldenen Scheitel und strich mit sanften Fingern über das weiche Haar. Vor dem Hotel, stieg er aus, beugte sich zurück zum Wagen, und hob Lena auf seine Arme, als ob sie überhaupt nichts wöge. Als er mit seiner angenehmen Last ihr Hotelzimmer erreichte, legte er sie auf das breite Bett, zog ihr die kurze Jacke aus, und verließ mit einem bedauernden Blick zurück auf die schlafende Gestalt den Raum. Leise fiel die Tür hinter ihm ins Schloß.


Der Detektiv

Kai saß auf einem wackligen Stuhl vor einem zerkratzten Schreibtisch in einem schmuddeligen Büro und kam sich vor, wie in einem drittklassigen englischen Krimi. Hätte er nicht von allen Seiten nur das Beste über den Inhaber dieser Räumlichkeiten gehört, einen exzentrischen- aber exzellenten Privatdetektiv, wäre er wohl wortlos wieder verschwunden. Eine Tür im Hintergrund des Raumes öffnete sich und ein untersetzter kahlköpfiger Mann kam auf Kai zu. Kai fühlte sich sofort an „Kojak“ aus dem Fernsehen erinnert, als der Detektiv mit einem breiten Lächeln eine leichte Verbeugung andeutete und ihm die Hand reichte: „Kuna, mein Name. Wie kann ich Ihnen helfen?“ Innerhalb kürzester Zeit hatte der Mann Kais sämtliche Zweifel an seiner Person zerstreut. Er machte einen äußerst kompetenten und intelligenten Eindruck und bald hatte sich Kai die ganze Geschichte über Lenas Entführung von der Seele geredet. Das erste Mal seit langem hatte er das Gefühl als ob ihm jemand wirklich helfen könnte und unter Detektiv Kunas Fragen versuchte er sich an die kleinsten Kleinigkeiten des Falles zu erinnern. Kais Zustand kam der Zufriedenheit nahe, als er später die Büroräume Kunas verließ. Er hatte schon lange nicht mehr soviel Zuversicht in sich gespürt und lenkte seine Schritte sofort in Richtung des Häuschens von Lenas Oma, um ihr von seinen Eindrücken zu berichten.

        


Verwirrte Gefühle

Als Lena erwachte, war es mitten am Tag und die Sonne strahlte durch die Hotelfenster. Sie setzte sich auf und streckte sich erst einmal ausgiebig. Sie wußte nicht mehr genau, was sie geträumt hatte, doch es waren schöne, geheimnisvolle Träume gewesen und sie fühlte sich seit langer Zeit zum ersten Mal frei und von der Vergangenheit losgelassen. Nun ja, frei war vielleicht nicht der richtige Ausdruck, aber an diesem schönen Tag machte ihr das nichts aus. Sie erhob sich aus dem breiten Bett, machte Toilette und zog das Abendkleid, das sie immer noch trug, aus und das schlichte schwarze Kleid an. Dann betrat sie den kleinen Balkon, um die Aussicht auf den Nil zu genießen. Sie setzte sich in einen Korbsessel, der zur Bequemlichkeit der Hotelgäste hier bereitstand, und wartete auf Retenu. Nachdem sie über eine halbe Stunde gewartet hatte, wurde sie ungeduldig und beschloß, in die Hotellhalle zu gehen und sich umzusehen. Auch dort fand sich keine Spur von Retenu und im Speisesaal wurde sie ebenfalls nicht fündig. Ratlos begab sie sich zum Empfangschef und fragte ihn in ihrem holprigen Arabisch nach dem Sohn des Schaichs. Mit einem strahlenden Lächeln und in bestem Deutsch antwortete ihr der Mann: „Der Herr ist ausgegangen, läßt Ihnen aber ausrichten, daß er bald zurücksein wird.“ Dankend und mit einem Lächeln ihre Überraschung und Verwirrung verbergend wandte sich Lena um und ging, wie unter einem inneren Zwang, zielstrebig auf den Ausgang zu. Niemand hinderte sie daran. Dann stand sie auf dem Bürgersteig vor dem Hotel und fragte sich etwas atemlos und unschlüssig, was sie nun tun sollte. Die Gelegenheit zur Flucht war höchstwahrscheinlich einmalig und Lena wußte selbst nicht, was sie zögern ließ, – oder wußte sie es doch? Wollte sie gar nicht mehr weg von hier? Mißtrauisch sah sie sich wieder und wieder um, während sie die Hotelpromenade entlang durch die Menge sich drängender Touristen und Einheimischer ging. Sie konnte nicht glauben, daß Retenu sie so leichtsinnig alleine im Hotel gelassen hatte. Vielleicht wollte er sie ja nur auf die Probe stellen, aber zu welchem Zweck wohl? Lena schüttelte den Kopf, als wollte sie die verwirrenden Gedanken von sich abschütteln und bog entschlossen in eine Seitenstraße ein. Sie hatte beschlossen, einfach die Stadt zu erkunden und sich eine schöne Stunde zu gönnen, ehe sie ins Hotel zurückkehren würde. Selbst als sie an einer Botschaft mit der deutschen Flagge vorbeikam, verzögerte sich ihr Schritt kaum. Sie verbot es sich selber, sich weiterhin zu fragen, warum sie die Gelegenheit nicht nutzte um zu fliehen; tief in ihrem Inneren kannte sie die Antwort sowieso schon. Über Retenus Reaktion auf ihren Ausflug würde sie sich dann Gedanken machen, wenn es soweit war. Je weiter sie sich von der Hauptstraße entfernte, desto weniger war vom europäischen Einfluß zu spüren. Überall waren Marktstände aufgebaut. Mehrstöckige pastellfarbene Häuser mit flachen Dächern, auf denen zum Teil Gärten angelegt waren, umgaben sie. Das Viertel war durchzogen von schmalen Gäßchen und Sträßchen und man konnte hier in Hausgängen, an Ständen- oder einfach von auf der Straße sitzenden Gestalten alles Vorstellbare kaufen....vom Schmuckstück bis zur ausgewachsenen Milchziege. Fasziniert schlenderte Lena durch den Markt, ein wenig betäubt von den vielen Eindrücken und dem starken Geruch nach einheimischen Gewürzen. Als sie vor einem Schaufenster mit antikem Schmuck stehenblieb, fuhr ihr der Schreck in alle Glieder und mit einem leisen Schrei wirbelte sie herum. Die Scheibe hatte ein häßliches Gesicht mit haßerfüllten, fanatischen Augen wiedergespiegelt, Rasul! Doch als sich Lena umblickte, sah sie nur fremde Gesichter. Sie schüttelte den Kopf; wahrscheinlich hatte sie sich das in ihrer aufgewühlten Stimmung nur eingebildet. Immerhin war sie seit Wochen zum ersten Male wieder ganz auf sich selber gestellt und fühlte sich hier, in dieser fremländischen Welt, anstatt frei eher ziemlich deplaziert und hilflos. Trotzdem sie sich mit diesem Gedanken zu beruhigen versuchte, konnte sie ihren Ausflug nicht mehr so unbeschwert genießen wie vorher. Immer wieder fühlte sie sich beobachtet, sah sich wie gehetzt um. Jetzt bemerkte sie auch, daß viele der einheimischen Männer sie mit zum Teil verächtlichen, zum Teil begehrlichen Blicken musterten. Ihr helles Haar fiel auf; auch, daß sie ohne Begleitung unterwegs war. Beides war hier ungewöhnlich. Lena beschloß, sich auf den Heimweg zum Hotel zu machen, aber das war leichter gesagt, als getan. In den vielen verwirrenden Gäßchen und Gängchen, hatte sie sich hoffnungslos verlaufen. Auch mit den Auskünften, die sie sich von einigen der Händlern einholte, konnte sie nicht viel anfangen und so irrte sie einfach weiter, in der Hoffnung, irgendwann die Hauptstraße zu erreichen. Schließlich kam ihr der rettende Gedanke, einer der Droschken zu folgen, von denen sich die Touristen kutschieren ließen. So mußte sie doch irgendwann die Hotelpromenade wiederfinden. Es war auch gar kein großes Problem, dem Gefährt zu folgen, denn in dem bunten Gewimmel von Mensch und Tier kam die Droschke genauso langsam voran wie Lena auch. Unvermittelt lichtete sich das Gewühl und das Pferd legte an Tempo zu. Lena hatte Mühe mitzuhalten und gab, nachdem sie es eine Weile versucht hatte, atemlos auf. Sie lehnte sich neben einer Einfahrt an eine Hausmauer um erst einmal wieder zu Atem zu kommen. Ihr Blick folgte immer noch dem davontrabenden Pferd mit seiner Kutsche und da erkannte sie, als das Fahrzeug um eine Ecke verschwand, daß es sich bei der Straße, in die es einbog, um die Hauptstraße handelte.


Der Angriff und die 3. Rettung

Sie atmete erleichtert auf und wollte sich eben von der Hausmauer abstoßen, um weiterzugehen, als sie von hinten gepackt und in die Einfahrt gezerrt wurde. Eine schwielige Hand preßte sich auf ihren Mund und als sie sich in seinem Griff wand, wurde ihr von ihrem Peiniger ein Messer an die Kehle gesetzt. „Du nicht schweigen, ich dich töten.“ Lena gab sofort ihre Gegenwehr auf denn, wenn auch in gebrochenem Deutsch gesprochen, waren die Worte doch eindeutig. Das Messer immer noch an ihre Kehle haltend, drehte sie der Mann zu sich herum; Lenas Entsetzten war zwar groß, ihre Überraschung hielt sich jedoch in Grenzen, als sie Rasul erkannte. Ein gemeines Lächeln verzerrte seine Züge, als er zu ihr sagte: „Hat sich Mühe doch gelohnt, dich und Schaichsohn immer zu beobachten. Hab ich Vögelchen doch noch erwischt! Schaich Abdul wird Freude haben und wenn genug von dir, ich werde sorgen, daß Vögelchen nicht mehr zwitschert.“ Rasul verbarg das Messer in den Falten seines arabischen Mantels und preßte es ihr, ohne daß es von außen sichtbar gewesen wäre, zwischen die Schultern. „Wir werden kleinen Spaziergang machen, bis zum Wagen. Ist nicht weit. Du versuchen zu fliehen, du sterben.“ Lena zweifelte keinen Augenblick an seinen Worten. Selbst als er sie zurück auf die belebte Marktgasse drängte, war ihr klar, daß er nicht zögern würde sie zu töten, falls sie sich sträuben würde. Bis in diesem Gedränge und Marktgekreische jemand merken würde, daß sie tot zu Boden sank, wäre Rasul über alle Berge. Willenlos ging sie neben ihm her, immer den Druck des Messers gewahr. Er drückte es so brutal gegen ihren Rücken daß sie spürte, wie unter ihrem Gewand Blutstropfen die Wirbelsäule herabliefen. Kurz bevor sie die Hauptstraße erreichten, dirigierte Rasul sie in eine düstere Nebengasse und innerhalb kürzester Zeit hatten sie das bunte Leben und Treiben des Marktes hinter sich gelassen. Hier war es sehr still und es waren kaum Menschen unterwegs. Rasul lenkte sie auf einen dunklen Wagen zu und öffnete die Türe. Ein letztes Mal wallte Lenas Kampfgeist in ihr auf. Wenn sie jetzt nichts unternahm, war sie verloren. Saß sie erst einmal in diesem Auto, war ihr Schicksal zum zweiten Male besiegelt und diesmal würde sie nicht so ungeschoren davonkommen. Nein, sie wollte nicht noch einmal ihre Zukunft in fremde Hände geben, schon gar nicht in die Hände von Rasul und Schaich Abdul. Sie machte einen entschlossenen Schritt zur Seite. Schmerzhaft ritzte das Messer. Rasul ergriff wütend ihren Arm und drehte ihn ihr auf den Rücken. Stöhnend wand sich Lena in seinem Griff, doch jede Bewegung verstärkte nur noch den Druck, den Rasul auf sie ausübte. Es war zwecklos – sie musste ihren Widerstand aufgeben. Resigniert senkte sie den Kopf und ergab sich dem scheinbar Unvermeidlichen. Da, plötzlich von einem Augenblick auf den anderen wurde sie von dem eisernen Griff befreit und sank in einem Anfall von Schwäche zu Boden, sich ungläubig nach der Szene umsehend, die sich neben dem Wagen abspielte. Eine dunkelgewandete Gestalt hatte Rasul ergriffen und versuchte, ihm das Messer zu entwinden. Ein verbissener Kampf entbrannte in dessen Verlauf ihr Retter den Turban verlor. Langes schwarzes Haar kam zum Vorschein; es war niemand anders als der Schaichsohn persönlich, der mit dem Diener Abduls rang. Es gelang ihm seinem Gegner das Messer aus der Hand zu schlagen. Eine Weile schien es, als ob die beiden Männer sich gegenseitig gewachsen wären; doch dann gewann immer deutlicher Retenu die Oberhand und schließlich ergriff Rasul vehement die Flucht, indem er in den wartenden Wagen hechtete, der mit quietschenden Reifen davonschoß. Retenu hielt es nicht für nötig, dem Flüchtenden zu folgen. Er eilte sofort auf Lena zu und half ihr behutsam auf die Beine. Die ganze Angst und Verzweiflung der letzten paar Minuten löste sich nun und weinend sank sie an Retenus Brust. Minutenlang ließ er sie gewähren, drückte sie nur fest an sich froh, sie rechtzeitig vor einem unabsehbaren Schicksal gerettet zu haben. Dann, als ihr Schluchzen abebbte, führte er sie aus der dunklen Gasse hinaus, wo schon die Limousine wartete. Lena fragte sich nicht, warum dem so war; sie war einfach nur froh, sich in die weichen Polster sinken lassen zu können. Retenus Arm lag immer noch schützend um ihre Schultern, als sie beim Hotel ankamen. Als sie die Empfangshalle erreichten, hielt Retenu plötzlich inne und lehnte sich schwach gegen die Wand, seine Hand fest auf die linke Seite gepreßt. Lena blieb stehen und sah mit vor Entsetzen geweiteten Augen, daß Blut über Retenus Hand quoll. Anscheinend hatte er den vorausgegangenen Kampf nicht unbeschadet überstanden und die Verletzung verborgen, um Lena nicht zu erschrecken. Sofort legte sie stützend einen Arm um seine Taille und winkte wild dem Chauffeur zu, der zum Glück noch neben dem Wagen vor dem Eingang stand. Er trat ein, erfaßte mit einem Blick die Situation und eilte sofort wild gestikulierend auf den Empfangschef zu. Danach kam er Lena zur Hilfe und stützte den inzwischen immer schwächer werdenden Retenu von der anderen Seite. Sie hatten eben Retenus Hotelzimmer erreicht, das übrigens gar nicht weit von Lenas entfernt war, und ihn auf das Bett gleiten lassen, als auch schon ein hellhäutiger Arzt mit einer dunklen Schwester in seinem Schlepptau hereinstürmte. Anscheinend hatte der Empfangschef schnell und umsichtig gehandelt. Mit Gesten, wie ein Bauer beim Hühnerscheuchen, jagte der Doktor Lena vor die Türe und schloß sie energisch vor ihrer Nase. Erst langsam sickerte die ganze Bedeutung des Geschehens in Lenas Sinn. Ihre Beine waren plötzlich wie Gummi, sie glitt an der Wand herunter und blieb in der Hocke mit in den Händen vergrabenem Gesicht sitzen. Ihre Gedanken überschlugen sich. Die ganze Sache war ihre Schuld! Durch ihren Trotz und ihren Leichtsinn hatte sie Retenu immer wieder in unmögliche Situationen gebracht, ja, ihn sogar fast getötet. Heiße Tränen quollen zwischen ihren Fingern hindurch und tropften auf das verschmutzte schwarze Kleid. Sie wußte nicht, wie lange sie so gekauert hatte, als sich die Türe endlich wieder öffnete. Zögernd erhob sich Lena, wischte sich die Tränen ab und schaute fragend in die gütigen Augen des Arztes. Er machte einen beruhigende Geste und sprach dann in langsamem Arabisch auf sie ein. Lena verstand, daß Retenu viel Blut verloren hatte und viel Ruhe brauchte, aber außer Gefahr war. Dankbar ergriff sie die Hand des Doktors doch dieser entzog sie ihr verlegen und verließ mit einem Lächeln und seiner Schwester im Gefolge das Hotel. Der Chauffeur saß an einem kleinen Tisch in der Ecke des Zimmers und sein dunkles Gesicht wirkte ebenso erleichtert, wie das von Lena. Er schob einen der Stühle neben das breite Hotelbett und bedeutete Lena, sich zu setzen. Dankend nickte sie ihm zu und sank schwer auf die Sitzgelegenheit. Sie blickte auf das Gesicht hinab, daß sie inzwischen nicht mehr missen wollte. Er war so blaß. Das wirre schwarze Haar betonte noch die Fahlheit seiner sonst so braunen Haut. Vorsichtig ergriff Lena seine Hand, die regungslos auf der Bettdecke lag. Sie strich ihm das Haar aus der Stirn und wunderte sich, wie weich es sich anfühlte. Sie merkte kaum, wie ihr die Tränen wieder aus den Augenwinkeln rannen und ihre Wangen benetzten. Schon dreimal war ihr Retenu zur Hilfe gekommen; zwei Mal hatte er sogar sein Leben für sie aufs Spiel gesetzt. Und - wie hatte sie es ihm bisher gedankt? Sie konnte nicht erwarten, daß er ihre anfänglichen Kapriolen verstand. Er konnte ja nichts dafür, daß man sie ihm zum Geschenk gemacht hatte. Und sie hatte sich nicht besser gegen ihre unerwünschten Gefühle im gegenüber zu wehren gewußt, als mit ungerechtfertigten Affronts gegen seine Person. Den einzigen Vorwurf, den sie ihm wirklich machen konnte war, daß er ihr die Freiheit nicht geschenkt hatte. Aber wußte sie denn, ob es ihm überhaupt möglich gewesen wäre, ihr diesen großen Gefallen zu tun? Hätte es der Schaich Ibrahim, sein Vater, überhaupt erlaubt? Sie hatte sich noch zu wenig mit den Sitten und Gebräuchen in diesem Land beschäftigt, um darüber genau Bescheid zu wissen. Lena blieb an Retenus Bett sitzen und in diesen Stunden schmolzen langsam die letzten Widerstände in ihr dahin und sie war so gut wie bereit, zu ihrer Liebe zu ihm zu stehen. Irgendwann musste sie wohl über ihren Gedanken eingeschlafen sein, denn als sie die Augen aufschlug war es Nacht geworden. Der Chauffeur mußte leise das Zimmer verlassen haben, doch er hatte die Nachttischlampe eingeschaltet. Sie verbreitete ein gedämpftes Licht und ließ die Schatten unter Retenus Augen noch tiefer erscheinen. Kurz bewegte sich seine Hand in Lenas. Unruhig bewegte er den Kopf von einer Seite zur anderen. Seine Lippen öffneten und schlossen sich, doch sie blieben stumm. Lena hielt weiter seine Hand in der ihren und strich ihm mit der anderen sanft über die Stirn. Nach einer Weile wurde er ruhiger und sein Atem ging wieder gleichmäßig. Als das Morgenlicht sanft durch die Fenster fiel, flatterten Retenus Lider. Einen Augenblick lang sah er verwirrt um sich, doch dann ruhten seine Augen auf Lena und ein mattes Lächeln des Erkennens erhellte seine Züge. „Es wird alles gut,“ flüsterte sie ihm zu, „ich bleibe bei dir.“ Ruhig schloß er die Augen und war bald darauf wieder eingeschlafen. Am nächsten Tag herrschte plötzlich rege Betriebsamkeit im Hotel und auf den Gängen. Schaich Ibrahim, dem der Chauffeur natürlich über die Geschehnisse Bescheid gegeben hatte, kam mit einem wahren Stab an Bediensteten in Luxor an. Auch den Leibarzt hatte man nicht vergessen und nachdem dieser die Transportfähigkeit von Retenu überprüft hatte, wurde er in ein Spezialfahrzeug verladen und verschwand aus Lenas Blickfeld. Nachdem der Schaich das Kommando übernommen hatte, war Lena auf ihr Zimmer geschickt und nicht mehr in der Nähe des Schaichsohns geduldet worden. Sie wunderte sich nur, daß man sie nicht einfach im Hotel vergaß, aber so nachlässig war man nun doch wieder nicht.


Sehnsucht

Eine Woche war vergangen, das Leben in der Villa Assiz ging wieder seinen gewohnten Gang. Lena wurde vom Schaich, sowie etlichen der Bediensteten, vorwurfsvoll angeschaut und ihre Nähe wurde gemieden. Sie führten, nicht ganz zu Unrecht wie sie zugeben mußte, Retenus „Unfall“ auf ihren Ungehorsam zurück und gaben ihr die Schuld an seiner Verletzung. Merit tröstete Lena und redete ihr ein, daß die Leute sich mit der Zeit schon wieder beruhigen würden. Die Gemüter waren jedoch sehr aufgebracht, da der wahre Sündenbock fehlte. Die intensive Fahndung nach Rasul war ergebnislos geblieben. Er war wie vom Erdboden verschwunden. Schaich Abdul hatte sich natürlich von der kriminellen Handlung seines Dieners distanziert und behauptet, er wüßte nichts davon. Man konnte nicht nachweisen, ob er den Auftrag für diese Tat gegeben hatte oder nicht und somit blieb er unbehelligt. All diese Tatsachen ließen momentan nur eine Person zu, der man zumindest einen Anteil der Schuld zuschieben konnte und diese Person war nun einmal Lena. Mit ausschlaggebend war auch, daß sich der Sohn des Schaichs nur sehr langsam erholte und man allgemein sehr besorgt über seinen Zustand war. Lena war es nicht erlaubt ihn zu sehen und ihr Schuldbewußtsein und ihre Sorgen malten sich auf ihren Zügen ab. Auch hatte sie an Gewicht verloren und Merit, die ihr nicht böse war wie all die anderen, betrachtete sie mit Sorge. Das Mädchen war von einer Ruhelosigkeit erfüllt, die von ihrer inneren Zerrissenheit herrührte. Da sich in diesen Tagen niemand um Lena kümmerte und es niemand zu interessieren schien, was sie tat oder ließ, kam Merit der Gedanke, ihr den großen Park der Villa zu zeigen, der zum Nil hinunter führte. Vorher war Lena ja höchstens der Aufenthalt im großen Innenhof gestattet gewesen; aber da auch der Park von hohen Mauern begrenzt war, wagte es Merit sich über die Anweisungen des Schaichs hinwegzusetzen. So nahm sie an einem schönen warmen Morgen Lena bei der Hand und zog sie hinter sich her durch die Gänge der Villa, durch den Innenhof und durch eine der beiden kleinen Pforten hinaus. Aus ihrer Lethargie erwacht, sah Lena staunend um sich. Ein riesiger Park dehnte sich hier aus. Die Mauern, die ihn begrenzten, waren kaum zu sehen, so groß und dicht bewachsen war dieser Garten. Palmen waren in Reihen gepflanzt, Obstbäume setzten bunte Tupfer dazwischen und überall von den Mauern oder zwischen den Bäumen wucherten bunten Teppiche von Blumen. Lena atmete tief die vielen verschiedenen Düfte ein, die den Pflanzen entströmten und Merit sah das erste leichte Lächeln ihre Lippen kräuseln, seit sie von Luxor heimgekehrt war. „Komm mit.“ sagte Merit mit einem vielversprechenden Blick. „Es gibt noch mehr zu sehen.“ Sie gingen durch die blühende Pracht und Lena konnte sich kaum sattsehen. Endlich spürte sie wieder das Leben in sich und sie beschloß, irgendwie in Retenus Nähe zu gelangen, wenn nicht mit Erlaubnis, dann eben ohne. Entschlossen straffte sie die Schultern und warf Merit ein dankbares Lächeln zu. Sie fühlte, wie ihre Lebensgeister zurückkehrten und ihr Tatendrang wuchs. Sie hatten eine Unterbrechung in der Mauer erreicht und mit Staunen sah Lena plötzlich vor sich den trägen breiten Fluß schimmern. Breite steinerne Stufen, führten zum Nil hinab und verschwanden in den grünen Fluten. Papyrusschilf wuchs links und rechts davon und verhüllte wie mit einem grünen Mantel die weißgestrichenen Mauern. Lena zog ihre Schuhe aus und ließ sie ins Gras fallen. Sie ging langsam die Treppe hinab, bis das Wasser des Nils ihre Füße umspülte, dann setzte sie sich auf eine Stufe und ließ die kühle Brise, die über den Strom wehte, durch ihr Haar streichen. Zufrieden blickte Merit auf sie herab. Die Ablenkung schien ihrem Schützling gutzutun, sie sah schon viel gesünder aus. Merit ließ sich neben Lena nieder und strich ihr eine Strähne des rotgoldenen Haares aus der Stirn. „Na, meine Kleine, geht es dir jetzt ein bißchen besser?“ „Ja, es geht mir besser, Merit. Danke, daß du mich an diesen wunderbaren Ort gebracht hast. Aber weiß du, es läßt mir einfach keine Ruhe, daß ich nichts Näheres über den Zustand von Retenu erfahren kann, daß man mich nicht zu ihm läßt. Warum schickt er mir keine Nachricht; warum läßt er mich nicht zu sich rufen.“ Sie schaute verzweifelt zu Merit auf. Merit verstand die Gefühle der jungen Frau inzwischen recht gut. Sie hatte in langen Gesprächen alles über den Aufenthalt in Luxor und über Lenas inzwischen gewachsenen Gefühle für den Sohn des Schaichs erfahren. Merits Augen wichen Lenas aus, sie ließ sie unruhig über die grünen Wellen gleiten. „Was ist?“ fragte Lena alarmiert, „du verschweigst mir doch etwas!“ Ängstlich suchte sie den Blick der Dienerin. „Sein Zustand hat sich doch nicht etwa verschlechtert? So sag doch was los ist,“ flehte sie. Merit wandte sich ihr zu und machte eine beschwichtigende Geste. „Nein, nein. Sein Zustand ist unverändert. Es ist nur ..... ach, ich wollte nicht mit dir darüber reden.“ „Jetzt laß mich doch nicht betteln, Merit.“ sagte Lena eindringlich und endlich entschloß sich die dunkelhäutige Frau zu sprechen. „Ich habe gehört, daß Retenu nach dir gefragt haben soll, doch er ist noch zu schwach, um seinen Willen beim Schaich durchzusetzen. Der Herr Ibrahim hat allen Bediensteten strengstens untersagt dich zu seinem Sohn zu lassen. Ich wollte dir das nicht sagen weil ich Angst habe, daß du auf dumme Gedanken kommen könntest.“ Forschend richtete sie ihren Blick auf Lena. Doch diese antwortete mit Unschuldsmiene und größter Sanftmut: „aber nein, Merit. Was sollte ich denn auch groß unternehmen?“ Mied aber den Blick der Älteren. Noch lange streiften sie durch den großen Park und als sie ins Haus zurückkehrten, brach schon die Dämmerung herein. Nachdem Lena nun wußte, daß Retenu nicht einfach das Interesse an ihr verloren hatte, sondern der Schaich ein Wiedersehen verhinderte, hatte sie nur noch einen Gedanken: Retenu wiederzusehen. Dies war jedoch so gut wie unmöglich. Die Villa war riesengroß und Lena hatte keine Ahnung, wo sich Retenus Räume befanden. Tag und Nacht schlich sie immer wieder durch die zahllosen Gänge des Hauses um erst einmal herauszufinden, wo im Gebäude der Schaichsohn sich aufhielt. Sie konnte Merit nicht danach fragen, da diese sonst sofort hellhörig und mißtrauisch geworden wäre. Tage waren vergangen, als Lena, auf einem ihrer Pirschgänge einen Diener mit einem Tablett voller Speisen und Getränke entdeckte. Mit großem Abstand, jede Deckung wie ein Jäger nutzend, folgte sie ihm bis zu einer Türe im Erdgeschoß. Der Diener trat ein und verschloß die Tür äußerst sorgsam hinter sich. Es mußte sich um Retenus Zimmer handeln, denn alle anderen Bewohner des Hauses aßen entweder in der Küche oder im großen Saal. Zufrieden schlich sich Lena zurück in ihre Räume und prägte sich die Gänge, die sie durchschritt, genauestens ein. Nun mußte sie nur noch herausfinden, wann der günstigste Zeitpunkt war, ihren Plan zu verwirklichen. Da der Raum, den sie heimlich aufsuchen wollte, sich im Erdgeschoß befand, war dies jedoch gar nicht so einfach. Der große Saal, die Küchen- und Empfangsräume, alles befand sich ebenerdig. Somit herrschte hier ein ständiges Kommen und Gehen von Bediensteten und Gästen. Lenas Räume im ersten Stock lagen ruhiger; dort hatte sie weniger Probleme damit, irgendjemanden in die Arme zu laufen. Es vergingen wieder Tage, bis sie herausgefunden hatte, daß sich der späte Abend am ehesten für ihren Besuch eignete. Nach dem relativ späten Abendessen saß der Schaich meist noch mit Gästen im großen Saal und die Bediensteten waren damit beschäftigt, diese bei Laune zu halten. In der Nacht standen zwei Diener abwechselnd Wache vor den Räumen des Schaichsohns. Eine Vorsichtsmaßnahme, da der Attentäter, Rasul, immer noch nicht gefaßt worden war. Lena wartete also auf einen Tag, an dem möglichst viele Gäste beim Schaich zu Besuch waren, sie aber nicht tanzen mußte. An einen Samstagabend war es dann soweit. Lena schlich sich aus ihrem Zimmer, die Treppe hinab und in den hinteren Teil des Erdgeschosses, der jetzt ganz still vor ihr lag. Die meisten Menschen befanden sich ja im vorderen Teil, wo sich der große Saal befand. Barfuß huschte sie durch die Gänge und erreichte schließlich, sich immer wieder umsehend und ziemlich außer Atem, die gesuchte Tür. Der Abend war noch jung, deshalb war noch kein Wachposten anwesend. Mit zitternden Händen drehte sie den verzierten Knauf und schickte ein Stoßgebet zum Himmel, daß die Türe nicht verschlossen sein würde. Mit einem leisen „Klick“ öffnete sie sich einen Spalt breit und Lena atmete erleichtert auf. Sie glitt vorsichtig in das Zimmer und schloß die Türe so leise es ging. Zitternd lehnte sie sich einen Augenblick von innen gegen daß Paneel und schloß die Augen, um sie an die Dunkelheit zu gewöhnen. Als sie die Lider wieder hob stellte sie fest, daß der Raum von sanftem Mondlicht teilweise erhellt wurde. Die wenigen Möbelstücke warfen dunkle Schatten, aber auf dem weiß überzogenen Bett lag ein heller Schimmer und sie konnte die schlafende Gestalt genau erkennen. Ihr Herz zog sich vor Freude und Sehnsucht zusammen, als sie nach Wochen endlich wieder Retenus geliebtes Gesicht vor sich sah. Vorsichtig umging sie eine Kleidertruhe und ein paar Sitzkissen, dann stand sie vor ihm. Sie sah auf ihn herab und wagte nicht, ihn zu berühren oder anzusprechen. Ganz still betrachtete sie ihn. Als hätte er ihre Nähe gespürt öffnete er langsam die Augen. Zuerst ungläubig, dann mit vor Freude leuchtendem Blick sah er sie an. Er streckte beide Arme aus und ehe sie es sich versah, hatte er sie an seine Brust gezogen. Er preßte sie so fest an sich, daß ihr wirklich aus diesem Grunde der Atem weg blieb. Lange Minuten vergingen und sie hielten sich einfach nur ganz fest umschlungen. Nur zögernd ließ Retenu sie sich aufsetzen. Seine Hand lag fest in der ihren und er sah sie fragend an. Sie wußte ohne Worte, was er von ihr wissen wollte und erklärte ihm, daß sie nicht zu ihm vorgelassen worden war und auch nicht erfahren hatte, daß er sie überhaupt hatte sehen wollen. Nur flüsternd wagte sie ihm mitzuteilen wie viele Tage sie sich um ihn gesorgt hatte ohne Nachricht, ohne Hoffnung und mit der Angst, daß er sie verachten könnte, da er ja nicht wissen konnte, daß sie ihn in Luxor gar nicht hatte verlassen wollen. Plötzlich meinte Lena auf dem Flur ein Geräusch gehört zu haben. Lauschend hob sie den Kopf. „Ich muß jetzt gehen,“ sagte sie und erhob sich. Während sie sanft den festen Griff seiner Finger um ihre Hand löste, flüsterte sie ihm zu: „Ich komm wieder so bald ich kann.“ Mit brennendem Blick sah er ihr nach, wie sie vorsichtig die Türe öffnete und sich sorgfältig umsah, bevor sie auf den Gang glitt. Lena atmete befreit auf und wollte sich gerade abwenden, um sich auf den Weg auf ihr Zimmer zu machen, als wie aus dem Nichts plötzlich Schaich Ibrahim vor ihr auftauchte. Sie taumelte erschrocken zurück und er ergriff grob ihre Handgelenke, um sie nicht entkommen zu lassen. Finster zogen sich seine dichten Augenbrauen zusammen, als er seinen Blick auf sie richtete. Er ließ ihre Hände los, nur um sie fest am Ellbogen zu fassen. Unerbittlich schob er sie vor sich her in Richtung ihrer Räume. Er richtete kein Wort an sie und sie brachte aus Angst vor seinem Zorn kein Wort über die Lippen. Der Schaich hatte ihr zwar nie etwas zuleide getan, aber der wütende Blick in seinen Augen riet ihr den Mund zu halten. Es war Lena klar, daß der Schaich sie wohl als Sklavin für seinen Sohn akzeptiert hatte, einen Aufstieg des Spielzeuges zur Geliebten oder mehr jedoch nie akzeptieren würde. Sicher hatte er schon eine passende Gattin aus passendem Hause ausgewählt und Lena würde sich dann, durch ihre Fremdartigkeit und die Faszination, die sie auf Retenu ausübte, nur als Störfaktor erweisen. Sie hatten inzwischen Lenas Zimmer erreicht und grob stieß der Schaich sie über die Schwelle. Erschrocken fuhr Merit, die unruhig im Raum auf und abgegangen war, herum. Sie hatte Lena aufsuchen wollen und hatte nur ein leeres Zimmer vorgefunden. Von bösen Vorahnungen geplagt hatte sie hier auf ihren Schützling gewartet. Stumm winkte der Schaich ihr zu, ihm zu folgen. Mit gesenktem Kopf leistete Merit seiner Aufforderung Folge und verließ mit diesem den Raum. Leise schloß sich die Tür hinter ihnen und Lena hörte zum ersten Male, wie ein Riegel vorgeschoben wurde. Sie warf sich auf ihr Bett und zerriß in ihrer verzweifelten Wut eines der wunderschönen Seidenkissen, so daß die Federn sämtliche Möbelstücke bedeckten. Danach fühlte sie sich nur unwesentlich wohler, denn um ihr Erleichterung zu verschaffen, hätte es eines besseren Ventils bedurft.


Die Angst vor erneutem Verkauf

Jetzt war es Lena die, wie ein eingesperrtes Raubtier, immer wieder die Länge des Raumes durchmaß. Es war nach Mitternacht, als sie den Riegel klicken hörte und ihre ruhelose Wanderung unterbrach. Leise trat Merit ein. Ihre Miene wirkte bedrückt, fast schon hoffnungslos. Lena eilte auf sie zu, nahm ihre Hand und zog sie mit sich auf eines der bequemen Sitzkissen herab. Sie wagte nicht zu fragen, was passiert war und wartete einfach still ab, ihren Blick unverwandt auf Merits Gesicht gerichtet. Es dauerte lange, bis Merit den gesenkten Kopf hob und Lenas Blick erwiderte. Mit tonloser, leiser Stimme sagte Merit: „Der Schaich will dich verkaufen.“ Wie eine drohende Gewitterwolke standen diese Worte im Raum. Eine tiefe Blässe senkte sich auf Lenas Wangen und ihre leisen Worte waren fast nicht zu verstehen, als sie flüsterte: „Schaich Abdul......“ Sofort nach diesen Worten änderte sich Merits Verhalten und sie wurde wieder die souveräne und selbstsichere Frau, auf die sich Lena immer hatte verlassen können. „Aber nein, mein Kind.“ sagte sie energisch. „Der Schaich ist kein Unmensch, das würde er nie tun.“ Aber sie konnte nicht verhindern, daß ein leiser Zweifel in ihrer sonst so zuversichtlichen Stimme mitklang. "Und was wird Retenu dazu sagen!“ rief Lena verzweifelt. „Er kann das doch nicht einfach zulassen!“ Beschwichtigend legte ihr Merit die Hände auf die Schultern. „Retenu wird davon nichts wissen. Der Schaich hat mir lediglich mitgeteilt, daß er dich nicht mehr im Hause haben will. Rein zufällig hatte ich aber genau vor der Türe des Büros des Schaichs das Bedürfnis mich etwas auszuruhen und hörte demnach ebenfalls ganz aus Versehen, was dort besprochen wurde.“ Ein spöttischer Funke blitzte in Merits ernsten Augen auf. „Der Schaich unterhielt sich mit seinem Berater und Chauffeur. So bekam ich mit, daß du verkauft werden sollst. Retenu allerdings wollen sie überzeugen, daß dir die Flucht gelungen sei.“ Lange sahen sich die beiden Frauen schweigend an. Mit leiser Stimme sagte Lena: „Oh, Merit, Merit! was können wir tun?“ Merit zog die junge Frau, die ihr inzwischen so sehr am Herzen lag, an ihre Brust. „Ich weiß es noch nicht,“ sagte sie abwesend, „aber es muß mir etwas einfallen.“

                *

Merit begann unverzüglich sich umzuhören. Es gab kaum ein Gespräch unter den Dienern, bei dem sich nicht ganz unauffällig die dunkelhäutige Frau einfand. Auch der Schaich fand sich plötzlich auffällig oft von der Nubierin bedient und umsorgt, was gar nicht ihre Aufgabe war. Wie ein Schatten stand sie an Treppenaufgängen, in Nischen oder hinter Ecken, um alles aufzuschnappen, was eventuell für sie und Lena von Nutzen sein konnte. Bald hatte sie auch so ziemlich bis ins Detail erfahren, was Lenas Schicksal sein sollte. Wie sie es aufhalten sollte war ihr jedoch immer noch nicht klar. Es blieben ihr nur noch wenige Tage um sich einen Ausweg zu überlegen. Merit zog sich in den Nilgarten zurück, um in Ruhe nachdenken zu können.

                *

Die Stunden vergingen und der Abend senkte sich über das Land. Merit stand auf den Stufen, die zum Nil hinab führten. Ihr Blick schweifte geistesabwesend über das vom Sonnenuntergang golden angehauchte Wasser. Plötzlich glaubte sie eine Bewegung auf dem Fluß wahrgenommen zu haben und kniff die Augen zusammen, denn die sich in den Fluten spiegelnde Sonne blendete sie. Sie hatte sich nicht getäuscht; eine Feluke glitt über die funkelnden Wellen direkt auf sie zu.

                *

Wenn Merit glaubte, der Schaich hätte nichts von ihrem absonderlichen Benehmen gemerkt, so hatte sie sich getäuscht. Der Schaich war ein kluger Mann und hatte sich seine Gedanken über den starken Zusammenhalt zwischen der Tänzerin und der Nubierin gemacht. Ihm war klar, daß Merit mit allen Mittel zu verhindern versuchen würde, daß er das junge Mädchen verkaufte. Ihm war jedoch nicht klar, zu was für Methoden sie zu greifen gedachte, aber er würde etlichen Vereitlungsplänen ihrerseits zuvorkommen. Darum hatte er absichtlich dafür gesorgt, daß im Hause das Gerücht kursierte, Lena würde auf einer Auktion verkauft werden, die in vier Tagen in Luxor stattfinden würde. In Wirklichkeit aber würde er sie schon heute abend in die Innenstadt von Assuan bringen, wo bei einem seiner Freunde eine Auktion im kleine Kreise stattfinden würde. Alles mußte schnell vonstatten gehen. Er konnte nicht riskieren, daß sein Sohn von der Sache Wind bekam. Irgendwie tat ihm das Mädchen sogar leid. Aber, auch wenn der Schaich ein kultivierter Mann war, gewisse Standesdünkel waren doch noch fest in ihm verankert und eine Verbindung zwischen seinem Sohn und dieser Europäerin konnte seiner Meinung nach nicht gut gehen.


Der heimliche Abtransport

Lena wartete schon seit Stunden in ihrem Zimmer auf Merit. Die Sonne war bereits untergegangen und die Freundin war immer noch nicht aufgetaucht. Merit war ihre letzte Hoffnung. Es blieb eigentlich nur noch ein Ausweg: die Flucht. Lena hoffte, daß Merit in diesem Falle keine Rücksicht auf ihre Verpflichtungen gegenüber dem Hause Assiz nehmen und ihre Pläne unterstützen würde. Ohne ihre Hilfe würde sie es nicht einmal schaffen, ihre Räume zu verlassen, denn die Tür war ja von außen versperrt. Merit durfte jedoch die Zimmer jederzeit betreten; bis jetzt traute man ihr – trotz aller Zuneigung zu Lena – einen Treuebruch gegenüber dem Hause Assiz nicht zu. Lena machte sich noch keine Gedanken, wie es nach gelungenem Entkommen weitergehen würde. Die Frage, die sie am meisten beschäftigte, war: Würde sie Retenu jemals wiedersehen? Alles andere erschien ihr zweitrangig. Plötzlich vernahm sie Schritte vor ihrer Tür. Hoffnungsvoll erhob sie sich von ihrem Sitzkissen und erwartete jeden Moment Merits Eintreten. Als sich die Türe öffnete, wich sie jedoch mit einem Schreckenslaut zurück. Der Chauffeur des Schaichs und ein Diener standen mit undurchdringlichen Mienen vor ihr. Sie ergriffen sie rechts und links bei den Armen und widerstandslos ließ sich Lena von den beiden wegführen. Sie senkte den Kopf und es hatte nur noch ein Gedanke in ihrem Kopf Platz: „Zu spät“.

                *

Die schwarze Limousine hielt vor einem großen eindrucksvollen Gebäude in der Innenstadt von Assuan. Lena wurde aus dem Auto bugsiert und sofort durch eine Seitentür ins Haus geschoben. Sie fühlte sich an den Anfang ihres Schicksals in Ägypten zurückversetzt, an den Sklavenverkauf in Luxor. Ähnlich wie damals wurde sie in einen abgeschlossenen Raum gebracht und auch hier befanden sich mehrere junge Frauen verschiedenster Nationalitäten, die von einheimischen Dienerinnen geschmückt und gekleidet wurden. Lena hatte alle Hoffnungen aufgegeben und fügte sich ergeben in ihr Schicksal. Eines nach dem anderen wurden die Mädchen von einem sehr dunkelhäutigen, großen Nubier abgeholt; wahrscheinlich der Auktionator. Lena kam wieder ziemlich zum Schluß dran. Sie nahm an, daß man für sie einen höheren Preis erzielen wollte, da sie inzwischen als Tänzerin des Schaichs sich einen Namen gemacht hatte. Wie schon einmal wurde sie von dem Auktionator durch einen Vorhang geschoben; wie damals herrschte aufgeregtes Stimmengewirr, als sie die Bühne betrat. Lena hielt die Augen gesenkt, als die Männer zu bieten begannen. Der Nubier war begeistert, denn immer höhere Gebote hallten durch den Raum. Irgendwann hob Lena doch den Blick und schaute hinab auf die potentiellen Käufer. Ein Ruck ging durch ihren Körper und ungläubig starrte sie auf eine Gestalt im Hintergrund des Verkaufsraumes. Aber sie hatte sich nicht getäuscht...... die schlanke hohe Gestalt dort hinten war tatsächlich Retenu, der jeden noch so hohen Preis überbot. Vor Dankbarkeit und Erleichterung gaben Lenas Knie fast nach und sie sah sich schon gerettet, da plötzlich verfiel der ganze Saal in helle Aufregung. Viele der Männer sprangen auf und verließen fluchtartig in verschiedene Richtungen den Raum. Die Deckenbeleuchtung wurde angeschaltet und blendendes Licht ersetzte das zuvor herrschende Halbdunkel. Lena kniff geblendet die Augen zusammen und erst jetzt erkannte sie den Grund des Durcheinanders. Von mehreren Seiten des Saales schoben sich uniformierte Polizisten durch das Gewühl und die angehenden Käufer, viele von ihnen prominente Gesichter in Assuan, versuchten unerkannt zu entkommen. Immerhin war die Sklaverei ein verbotenes Metier, auch wenn sie in diesem Lande zum großen Teil still geduldet wurde. Es würden wohl keine Festnahmen und großartige Strafen auf diese Aktion folgen, aber man wollte doch nicht unbedingt damit in Zusammenhang gebracht werden. Die einzigen, welche mit Konsequenzen rechnen mußten – wenn sie erwischt wurden – waren die Mädchenhändler und eventuell der Auktionator. Die Polizisten versuchten auch vorwiegend den großen Nubier zu erwischen, denn mit der einheimischen Prominenz wollte sich auch die Justiz nicht anlegen.


Unerwartete Befreiung

Lena stand unentschlossen auf der Bühne und beobachtete verwirrt das Chaos, das um sie herum herrschte. Sie konnte Retenu nirgends mehr entdecken. Da legte sich eine Hand von hinten sanft auf ihre Schulter und Lena wirbelte herum, in der Hoffnung in seine Augen zu blicken. Als sie aufblickte wurde ihr beinahe schwarz vor Augen, so groß war die Überraschung. Mit allem hätte sie gerechnet, nur damit nicht. Wortlos sank sie in Kais Arme und sah nicht die schlanke Gestalt, die ganz in der Nähe der Bühne stand und sie beide beobachtete. Resigniert raffte Retenu seinen Umgang um sich und entfernte sich mit langsamen Schritten.

                *

Lena konnte es immer noch nicht glauben. Sie saß eng an Kai geschmiegt in einem Taxi und hörte sich die wundersame Geschichte ihrer Rettung an. Kai erzählte ihr von den vergeblichen Ermittlungen der Polizei. Auch über die Verzweiflung und die Wut, die ihn und ihre Großmutter ergriffen, als ihnen die Ergebnislosigkeit der Ermittlungen klarwurde. Schließlich berichtete er von dem Privatdetektiv Kuna, der sein Geld anscheinend wirklich wert war. Der Mann verriet nicht wie, aber er hatte es geschafft, Lenas Spur bis nach Ägypten zu verfolgen und nach längerer Zeit sogar ihren Aufenthaltsort zu erfahren. Natürlich konnte er nicht einfach in die Villa Assiz marschieren und sie herausholen. So war er jeden Tag um das Grundstück geschlichen und hatte mit jedem Diener, der das Haus betrat oder verließ, ein Gespräch angefangen. Als harmloser Tourist getarnt, hatte er auch nicht deren Mißtrauen erregt und sie hatten munter über das Leben innerhalb der Mauern berichtet. So hatte Kuna eines Tages erfahren, das Merit und Lena sich öfters in dem Garten am Nil aufhielten und darin seine Chance erkannt. Von diesem Zeitpunkt an war er jeden Tag mit einer Feluke über den Nil gesegelt um auf diesem Wege einen Befreiungsversuch zu wagen. Er hatte auch Kai und Lenas Großmutter verständigt, da man ja vielleicht auch über die deutsche Botschaft und das Gesetzt Lena würde herausholen können, falls sein Plan fehlschlug. Er hatte allerdings nicht damit gerechnet, daß Kai schon einen Tag nach der Nachricht bei ihm in Assuan auftauchen würde. Gemeinsam waren sie also an diesem Tag zum Nilgarten aufgebrochen und hatten dort Merit auf den Stufen vorgefunden. Merit war natürlich in der momentanen ausweglosen Situation mehr als bereit gewesen, zu Lenas Befreiung beizutragen und war, nachdem sie wußte um was es ging, sofort zum Haus geeilt um Lena zum Nilgarten zu bringen. Völlig aufgelöst war sie wenig später zu Kuna und Kai zurückgekommen und hatte ihnen aufgeregt berichtet, daß Lena spurlos verschwunden sei. Die Dienerschaft hüllte sich in eisiges Schweigen und Merit konnte nichts aus ihnen herausbringen. Kuna beruhigte Merit und auch Kai. Er hatte herausgefunden, daß es nicht allzuviele Sklavenauktionen gab und wenn, dann sprach sich meist schnell herum, wo sie stattfanden. Die beiden Männer begaben sich also zurück in die Innenstadt von Assuan während Merit beschloß ohne Rücksicht auf die Konsequenzen dafür zu sorgen, daß Retenu von den Machenschaften seines Vaters erfuhr. Kuna ließ einen aufgeregten Kai im Hotelzimmer zurück, um sich in gewissen Kreisen umzuhören. Dann ging alles ganz schnell. Kuna kehrte zurück mit einem sicheren Tip. Die Botschaft und die Polizei wurden alarmiert und man machte sich gemeinsam auf, um Lena zu befreien. Glücklich sah Kai auf Lena herab und lächelte sie an. „Da sind wir ja gerade noch rechtzeitg gekommen. Aber jetzt mußt du erzählen, was du alles erlebt hast. Wir werden auf der Rückreise viel, viel Zeit haben.“ Zögernd sah Lena zu Kai auf und irgendwie wollte sich das Glück über ihr Wiedersehen und über ihre Freiheit nicht so recht einstellen. Leise sagte sie: „Ja, viel Zeit. Wie geht es denn von hier aus weiter, Kai?“ „Kuna hat alles vorbereitet. Das Taxi bringt uns zu einem Bootssteg. Dort wartet ein Botschaftsangestellter auf uns und übergibt dir einen Behelfspaß. Dann steigen wir in eine Feluke und die bringt uns zu einem Nildampfer. Die Fahrt habe ich kurzfristig buchen können. So haben wir noch ein paar schöne Tage, bis wir Luxor erreichen und von dort aus direkt nach hause fliegen. Ich habe sogar ein paar von deinen Kleidern und Utensilien mitgebracht. Es ist an alles gedacht.“ In seiner Begeisterung merkte Kai gar nicht, daß Lena immer stiller wurde. Bald hatten sie den Bootssteg erreicht und wie Kai gesagt hatte, warteten bereits Botschaftsangestellter und Feluke auf sie. Lena kam es vor, als ob sie sich selber in einem Film beobachten würde. Alles war plötzlich so wirklichkeitsfremd. Der Mann drückte ihr ihren Paß in die Hand und Kai nahm sie beim Arm, um sie zur Feluke zu führen. Kai stieg zuerst auf die schwankenden Planken und als er ihr die Arme entgegenhob, um ihr beim Einsteigen behilflich zu sein, sah sie vor ihrem inneren Augen ein ganz anderes Gesicht. Sie sah langes schwarzes Haar und tiefdunkle, melancholische Augen. Sie schüttelte den Kopf, wie um die verschwommenen Gedanken abzuschütteln und betrat das Boot.


Die Entscheidung

Die Dunkelheit hatte sich über das Land gesenkt und die Lichter der Stadt malten glänzende Bahnen auf das schwarze Wasser des Nils. Als das Boot ablegte, ergriff eine tiefe Traurigkeit Besitz von Lena. Völlig unerwartet vernahm sie aus der Dunkelheit eine heisere, kaum vernehmbare Stimme, die ihren Namen rief. Zuerst dachte sie, sie hätte sich getäuscht, doch etwas in ihr zwang sie, sich umzuwenden und zurückzusehen. Da stand eine einsame, hochgewachsene stolze Gestalt auf dem Steg und von einer Sekunde zur anderen wußte Lena, was sie zu tun hatte. Ohne zu zögern stürzte sie sich in die dunklen Fluten und schwamm die wenigen Meter zurück zum Ufer. Retenu reichte ihr die Hand und zog sie zu sich herauf. In einem ungläubig glücklichen Lächeln blitzten seine weißen Zähne in der Dunkelheit auf und dann versanken die beiden dunklen Gestalten in einen langen Kuß. Kai hatte die Szene von der Feluke aus beobachtet und stand starr am Heck des Bootes. Dann gab er mit entschlossener Miene dem Bootsführer einen Wink, die Fahrt fortzusetzen. Kai wandte den Blick auf den Nil und blickte sich nicht mehr um

ENDE



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©Elena Merz
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